Dem Stiefvater davongelaufen - Judith Parker - E-Book

Dem Stiefvater davongelaufen E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. »So, Strolch, ich bin endlich fertig!«, rief das kleine Mädchen erleichtert und räumte das abgetrocknete Geschirr in den Schrank. Dann legte es noch das Besteck in die Schublade des Küchentisches und band sich die viel zu große Schürze ab. Jetzt hockte sich Christiane zu ihrem Hund nieder und strich ihm über das Köpfchen. »Weißt du, die Frau Krüger, die unter uns wohnt, hat neulich zu der Frau Apothekerin gesagt, es sei eine Schande, dass mein Vater mich so ausnutze. Aber ich finde das eigentlich nicht.« Sie umarmte den schwarz-weiß-braunen Hund zärtlich. »Das alles macht mir doch nichts aus. Nur habe ich Angst vor ihm, wenn er betrunken ist. Du auch?« Der kleine Hund schlug heftig mit seiner spitzen Rute auf den Linoleumboden und leckte seinem Frauchen die Hände ab. »Keine Angst, Strolch, ich passe schon auf dich auf, damit er dich nicht mit dem Fuß tritt. Du musst halt immer unter mein Bett kriechen. Denn wenn er zu viel getrunken hat, ist er zu bequem, dich hervorzuzerren. So, jetzt komm! Wir gehen noch schnell hinunter, damit du dein Pfützchen machen kannst. Aber ich lege dich lieber an die Leine. Wie leicht könntest du unter ein Auto kommen.« Der Hund blickte die Kleine erwartungsvoll an und bellte dann voller Freude. Christiane fuhr sich noch schnell mit dem Kamm durch das schulterlange Haar und schlüpfte dann in ihre dünne Wolljacke.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sophienlust Bestseller – 234 –Dem Stiefvater davongelaufen

Findet die kleine Christiane ein neues Zuhause?

Judith Parker

»So, Strolch, ich bin endlich fertig!«, rief das kleine Mädchen erleichtert und räumte das abgetrocknete Geschirr in den Schrank. Dann legte es noch das Besteck in die Schublade des Küchentisches und band sich die viel zu große Schürze ab.

Jetzt hockte sich Christiane zu ihrem Hund nieder und strich ihm über das Köpfchen. »Weißt du, die Frau Krüger, die unter uns wohnt, hat neulich zu der Frau Apothekerin gesagt, es sei eine Schande, dass mein Vater mich so ausnutze. Aber ich finde das eigentlich nicht.« Sie umarmte den schwarz-weiß-braunen Hund zärtlich. »Das alles macht mir doch nichts aus. Nur habe ich Angst vor ihm, wenn er betrunken ist. Du auch?«

Der kleine Hund schlug heftig mit seiner spitzen Rute auf den Linoleumboden und leckte seinem Frauchen die Hände ab.

»Keine Angst, Strolch, ich passe schon auf dich auf, damit er dich nicht mit dem Fuß tritt. Du musst halt immer unter mein Bett kriechen. Denn wenn er zu viel getrunken hat, ist er zu bequem, dich hervorzuzerren. So, jetzt komm! Wir gehen noch schnell hinunter, damit du dein Pfützchen machen kannst. Aber ich lege dich lieber an die Leine. Wie leicht könntest du unter ein Auto kommen.«

Der Hund blickte die Kleine erwartungsvoll an und bellte dann voller Freude. Christiane fuhr sich noch schnell mit dem Kamm durch das schulterlange Haar und schlüpfte dann in ihre dünne Wolljacke. »Weißt du, Strolch, in den Abendstunden weht meist ein kühler Wind von den Bergen. Wir laufen noch schnell bis zum Bach hin. Aber in einer halben Stunde müssen wir wieder daheim sein. Es könnte doch sein, dass Vater einmal früher nach Hause kommt.«

Der strahlende Glanz in den tiefblauen Kinderaugen erlosch. Tiefer Ernst überschattete das ovale Gesichtchen des kleinen Mädchens. Es wusste genau, dass so etwas niemals geschehen würde. Denn sobald es Abend wurde, hielt ihren Stiefvater nichts mehr vom Wirtshaus zurück. Wenn er dann betrunken heimkam, randalierte er. Auch durfte Strolch dann nicht in seine Nähe kommen, sonst lief er Gefahr, einen kräftigen Fußtritt zu erhalten.

Deshalb verhielten sich Christiane und ihr Strolch stets ganz still, wenn sie Karl Becker die Treppe heraufpoltern hörten. Seitdem ihre geliebte Mutti vor ungefähr einem halben Jahr gestorben war, war Christiane ständig bemüht, ja nichts falsch zu machen, um den Betrunkenen nicht unnötig zu reizen.

Die Kleine befestigte die Leine am Halsband ihres kleinen Lieblings, blickte sich noch einmal um, um festzustellen, ob auch alles in Ordnung war, und verließ die Wohnung, die im ersten Stock eines alten Hauses lag.

Vorsichtig stieg sie die hohen Steinstufen hinunter und atmete erleichtert auf, als sie auf der Straße stand. Strolch schnupperte aufgeregt an der Hauswand. Sein Frauchen ließ ihn gewähren.

»Eine Schande, dass man ein so kleines Mädchen ganz allein lässt«, schimpfte die Frau, die im zweiten Stock wohnte und die gerade heimkam. »Wo steckt denn dein Vater? Na ja, meine Frage ist überflüssig. Man sollte das Jugendamt verständigen. Armes kleines Mädchen.« Sie strich Christiane übers Haar. »Hast du denn gar keine Angst so allein?«

»Nein, Frau Bollmann«, erwiderte die Kleine höflich. »Ich lauf’ nur noch mit Strolch bis zum Bach. Mein Vater kommt ja doch noch nicht heim.«

»Eine Schande ist das! Wirklich unverantwortlich«, murrte die Frau und blickte dem Kind kopfschüttelnd nach. Dabei dachte sie, man sollte Christianes Schwester in München schreiben. Aber was für einen Sinn würde das haben? Gisela Hille war verlobt und schien wie die meisten jungen Leute nur an sich selbst zu denken. Aber lange würde sie, Frau Bollmann, sich das nicht mehr ansehen. Sie würde diesem ewig betrunkenen Karl Becker einen Denkzettel erteilen und das Jugendamt auf ihn hetzen, nahm sie sich vor.

Doch bereits nach einer halben Stunde dachte die gute Frau nicht mehr an die kleine Christiane. Schließlich gingen sie die Verhältnisse dieser Familie nichts an, sagte sie sich und überlegte, was sie ihrem Mann zum Abendbrot kochen sollte.

Christiane lief währenddessen den Wiesenweg entlang, der zum Forellenbach führte. Sobald sie einige Meter von dem Haus, in dem sie mit ihrem Stiefvater wohnte, entfernt war, fielen alle Sorgen von ihr ab. Fröhlich rief sie immer wieder ihren Hund, der ganz aufgeregt die herrlichen Gerüche einatmete und dann laut bellend hinter dem Stückchen Holz herjagte, das sein Frauchen für ihn warf.

Etwas außer Atem erreichten die beiden den Bach. »Schau, Strolch, dort sind zwei Forellen! Wie hübsch sie aussehen. Ob sie ein Paar sind? Glaubst du, dass Fische sich auch lieben?«, fragte die Kleine und hockte sich nieder. »Sei ganz still, damit du die Forellen nicht erschreckst. Oh, schau doch, Strolch, da ist ein Igel. Nein, lass ihn in Ruhe. Er sticht dich höchstens in die Nase.«

Christiane bewunderte ausgiebig den Igel, der sich zu einer Kugel zusammengerollt hatte. Dann rief sie ihren Hund und lief weiter. Strolch sprang immer wieder an ihr hoch.

Schnell senkte sich die Dämmerung übers Land, und Christiane legte ihren Hund wieder an die Leine. Dann trat sie mit ihm den Heimweg an.

Je näher die beiden dem Haus kamen, desto schwerer wurde es Christiane ums Herz.

Bedrückt öffnete sie die Haustür und stieg die Treppe hinauf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf, als sie die Wohnungstür aufschloss.

Nachdem Christiane sich überzeugt hatte, dass ihr Vater noch nicht da war, zog sie die Vorhänge in der Wohnstube zu und wusch dann Strolchs Pfötchen. Danach zog sie sich aus und wusch sich selbst.

»So, Strolch, jetzt gehen wir ins Bett.« Die Kleine breitete ein Tuch über dem Fußende ihres Bettes aus. »So, nun komm!«, erlaubte sie ihrem Liebling.

Strolch ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hüpfte aufs Bett und rollte sich sogleich zufrieden zusammen. Christiane holte sich noch das Märchenbuch, das ihr ihre Schwester geschenkt hatte. Obwohl sie die Geschichten darin schon oft gelesen hatte, las sie sie noch einmal. Zwischendurch dachte sie voller Liebe an Gisela, die ihr versprochen hatte, sie sobald wie möglich nach München zu holen. Ihre Schwester war Sprechstundenhilfe bei einem Zahnarzt und verdiente so gut, dass sie schon in Kürze eine Wohnung würde mieten und sie zu sich holen können. Vielleicht würde sie aber auch heiraten, überlegte Christiane. Sie hatte sich ja verlobt. Aber eigentlich wäre es schöner, wenn Gisela und sie allein bleiben würden. Doch alle Mädchen wollten heiraten. Hoffentlich war dieser Dr. Koller wenigstens nett.

Christiane gähnte herzhaft. Sie klappte das Buch zu und legte es auf das Nachtkästchen. Dann machte sie das Licht aus. Noch einmal beugte sie sich vor und streichelte ihren kleinen Hund. Dann streckte sie sich aus und schlief sofort ein.

Erschreckt fuhr sie später hoch, als Strolch verhalten knurrte. »Still, Strolch, sei still«, flüsterte sie. Dabei zitterte sie am ganzen Körper und lauschte mit angehaltenem Atem auf die schweren Schritte auf der Treppe. Dann hörte sie das Öffnen der Wohnungstür und einen Krach. Bestimmt war ihr Vater gegen den Regenschirmständer gestoßen.

»Verdammt!«, schrie Karl Becker nun. »Dieses verfluchte Ding! Wie oft habe ich Christiane befohlen, diesen verfluchten Ständer woanders hinzustellen! Christiane?«, brüllte er.

»Still, Strolch, still«, wisperte das Kind voller Angst und presste den Hund an sich. »Oh, er kommt zu uns. Strolch, was sollen wir nur tun? Schnell unters Bett!«

Aber der Hund setzte sich kerzengerade auf und fletschte die Zähne. Er

schien entschlossen, sein Frauchen zu verteidigen.

Die Kammertür flog auf, das Licht ging an. »Faules Ding, du! Steh auf, sag ich dir!«, schrie Karl Becker und blickte seine Stieftochter aus glasigen Augen an. »Gib mir was zu trinken!«

Christiane war vor Schreck wie gelähmt und unfähig, auch nur ein Glied zu rühren.

»Was, du widersetzt dich mir?« Karl Becker trat ans Bett und zerrte Christiane an den Haaren.

Das war für Strolch zu viel. Knurrend sprang er den Mann an.

»Du Biest, du!«, schrie dieser außer sich vor Wut. Er packte den Hund und warf ihn zu Boden. Strolch jaulte laut und wollte sich unters Bett verkriechen. Darüber geriet der Betrunkene in noch größere Wut. Wieder packte er das Tierchen. Sinnlos schlug er auf den kleinen Hund ein. So lange, bis er wie leblos liegenblieb.

»Nein, nein!«, schrie Christiane. »Tu ihm nicht weh!« Ihren ganzen Mut zusammenraffend sprang sie aus dem Bett und hängte sich an den Arm von Karl Becker.

Der Betrunkene schleuderte das Kind fort und stapfte aus der Kammer. Er torkelte in sein Schlafzimmer und fiel dort schwer aufs Bett.

Christiane aber kniete neben ihrem Liebling nieder. »Strolch, armer lieber Strolch«, schluchzte sie. Als sie feststellte, dass er sich nicht erheben konnte und leise wimmerte, packte sie ihn in das Tuch, das sie zuvor am Fußende ihres Bettes sorgsam und liebevoll ausgebreitet hatte, und trug Strolch aus der Kammer.

Laute Schnarchtöne aus dem Schlafzimmer sagten ihr, dass die Gefahr vo-rüber war. Ihr Stiefvater würde nun bis zum Morgen durchschlafen. Selbst das Explodieren einer Bombe würde er in seinem momentanen Zustand nicht mehr hören.

»Strolch, wir bleiben nicht mehr hier«, erklärte Christiane entschlossen. »Sonst bringt er dich noch um.« Sie zog sich in aller Hast an und schlich sich danach mit dem Hund auf den Armen aus der Wohnung und die Treppe hinunter. Dabei hoffte sie, dass die anderen Leute im Haus ihr nicht begegneten. Ja, sie würde nach München fahren, nahm sich Christiane vor. Aber vorher musste sie zum Bach gehen, um die Wunden ihres kleinen Lieblings zu reinigen.

Nie wieder wollte sie zurück, nahm sie sich fest vor. Ihr Stiefvater hatte schon oftmals gedroht, den »Köter« umzubringen. Nach der heutigen Misshandlung schien er tatsächlich dazu fähig zu sein. Aber das würde sie nie zulassen, sagte sich Christiane und atmete erleichtert auf, als sie ungesehen aus dem Haus kam.

Obwohl es stockfinster war, lief Christiane den Wiesenpfad zum Bach entlang. Zu jeder anderen Zeit hätte sie sich gefürchtet, doch im Augenblick galt ihre ganze Sorge Strolch, der immerzu winselte. »Still, Strolch, still, es wird alles wieder gut«, redete sie ihm liebevoll zu. »Schau, der Mond geht auf. Jetzt ist es nicht mehr so dunkel.«

Vom Bach waren es nur wenige Meter bis zu der Autostraße, die von Maibach nach Bachenau führte. Christiane wusste, dass es in Bachenau einen Tierarzt gab. Vielleicht kam ein Auto und nahm sie mit, hoffte sie von ganzem Herzen. Denn Strolch war plötzlich so entsetzlich still.

»Strolch, du darfst nicht sterben.«

Keuchend erreichte Christiane die Straße, denn Strolch schien plötzlich das Doppelte zu wiegen. »Lieber Gott, bitte, bitte, hilf uns doch«, flehte sie. Dabei liefen ihr die Tränen übers Gesicht. »Lass doch ein Auto kommen, das uns zum Doktor bringt.«

Zwei Lichter tauchten nun auch tatsächlich aus der Dunkelheit auf und kamen schnell näher. Christiane legte Strolch an den Straßenrand und winkte aufgeregt.

Wirklich hielt das Auto an. Ein Herr beugte sich aus dem Fenster. »Was ist los?«, fragte er verwundert. »Was machst du mitten in der Nacht auf der Straße?«

»Bitte, helfen Sie Strolch und mir. Ich muss mit ihm zum Tierarzt.« Christiane deutete auf den leblos am Straßenrand liegenden Strolch.

»Sonst stirbt er.«

Dr. Lutz Brachmann dachte sofort an seine Freundin Denise von Schoenecker. Wieder einmal schien ein Kind in Not zu sein. Würde es in geordneten Verhältnissen leben, wäre es gewiss nicht um diese Zeit allein auf der Straße, um für seinen Hund Hilfe zu suchen. »Steig’ ein«, sagte er.

»Danke! Vielen Dank!«, rief Christiane, die sofort Vertrauen zu dem netten Herrn fasste, und holte Strolch. »Nicht wahr, der Tierarzt kann ihm helfen?«

»Ja, mein Kind, das glaube ich schon. Wir fahren zu Herrn Dr. von Lehn. Er ist ein sehr guter Tierarzt. Aber erzähl’ mir erst einmal, wie es kommt, dass du so mutterseelenallein in der Nacht umher?irrst. Weißt du denn nicht, wie gefährlich es für ein kleines Mädchen sein kann, ein Auto anzuhalten?«

»O ja, das weiß ich schon«, erwiderte Christiane leise. »Aber ich habe den lieben Gott gebeten, Strolch und mir zu helfen. Und der liebe Gott würde es nicht zulassen, dass gerade jetzt ein böser Mann kommt. Sie sind doch kein böser Mann?«, fragte sie plötzlich.

»Nein, das bin ich bestimmt nicht.« Gerührt blickte der Rechtsanwalt auf das Kind neben sich nieder, das seinen Hund auf dem Schoß hatte. »Wie ist das denn nur geschehen?«, fragte er und deutete mit einer kleinen Kopfbewegung auf Strolch.

»Mein Vater … Das heißt, mein Stiefvater trinkt immer so viel«, erzählte Christiane erregt. »Dann ist er immer schrecklich böse. Und heute hat er Strolch geschlagen, so sehr, dass er schwer verletzt ist. Aber Strolch soll nicht sterben«, schluchzte sie. »Ich will auch nie wieder zu meinem Stiefvater zurück.«

Also doch ein Fall für Denise, dachte Dr. Brachmann. Erst neulich hatte sich deren Sohn Dominik beschwert, dass im Augenblick so wenig Kinder in Sophienlust waren. »Und deine Mutter?«, fragte er.

»Mutti ist gestorben. Meine Schwester sagt, sie sei an gebrochenem Herzen gestorben, weil mein Stiefvater nicht

gut zu ihr war. Gisela will mich nach München holen. Dort lebt sie nämlich. Und …« Wieder schluchzte Christiane auf. »Sind wir bald da?«, fragte sie erregt. »Strolch ist so still. Vielleicht ist er schon tot.«

»Nein, er lebt noch. Sein Brustkorb hebt und senkt sich. Wie heißt du denn?«, fragte Dr. Brachmann, um das Kind auf andere Gedanken zu bringen.

»Christiane Hille.« Sie küsste Strolch. »Muss ich wieder zu meinem Stiefvater zurück?«, fragte sie kummervoll.

»Ich verspreche, dir zu helfen, Christiane«, versuchte der Rechtsanwalt das Kind zu beruhigen.

»Ich mag Sie sehr«, gestand die Kleine impulsiv. »Sind wir bald da?«

»Gleich. Die nächste Straße biegen wir nach rechts ab. Am Ende der Straße wohnt Dr. von Lehn.«

Christiane küsste ihren kleinen Hund wieder. »Gleich wird man dir helfen«, raunte sie ihm ins Ohr. Matt wedelte Strolch mit dem Schwanz.

Dr. Lutz Brachmann wusste, dass man Dr. von Lehn auch mitten in der Nacht herausläuten konnte. Er gehörte zu den wenigen pflichtbewussten Männern, die ihren Beruf sehr ernst nahmen und immer da waren, wenn Not am Mann war.

Die Laterne über dem doppelseitigen hohen schmiedeeisernen Tor leuchtete in die Nacht. Christiane konnte auf diese Weise auch lesen, was in grünen Buchstaben auf dem roten Schild stand, das sich über das ganze Tor spannte. »Tierheim Waldi & Co.« buchstabierte sie langsam, »das Heim der glücklichen Tiere.«

»Ja, du hast richtig gelesen, Christiane. Dann gehst du schon in die Schule?«

»O ja, ich bin in die dritte Klasse versetzt worden. Und wenn die großen Ferien vorüber sind, gehe ich wieder in die Schule. Vielleicht schon in München, wenn Gisela mich abholt, weil ich doch nicht mehr zu meinem Stiefvater zurück will.«

»Das wird sich finden, Christiane. Die Ferien haben ja erst begonnen. Ich glaube, ich wüsste, wo es dir gefallen würde.«

»Wo?« Aufgeregt schaute die Kleine den netten Herrn an.

»Das wirst du später erfahren. Bleib jetzt schön sitzen. Ich läute nur mal eben.« Dr. Brachmann stieg aus und drückte auf den schwarzen Klingelknopf, der wie eine Perle in ein kupfernes Schild eingebettet war.

Strolch wurde plötzlich unruhig. Er wollte durchaus aufstehen. Christiane benötigte ihre ganze Kraft, um den kleinen Kerl zu halten. »Sei ganz ruhig, Strolch. Du riechst ganz bestimmt schon, dass wir zum Tierarzt gehen. Aber er tut dir ganz bestimmt nichts Böses. Er wird dir helfen.«

Es war so, als verstünde der Hund jedes ihrer Worte. Er leckte Christiane über die Hand und sah sie aus dankbaren Augen an.

Das Licht über der Haustür der Villa ging an, eine schmale Frauengestalt wurde sichtbar. Wenig später erschien eine Männergestalt.

»Hallo, Hans-Joachim!«, rief Dr. Brachmann. »Ich bin’s.« Er nannte seinen Namen und fügte hinzu: »Ich habe einen kleinen Patienten, der sofort in ärztliche Behandlung muss.«

»Ich komme sofort.« Hans-Joachim von Lehn stieg die wenigen Stufen zum Garten hinunter und stand kurz darauf vor dem langjährigen Familienanwalt. »Ich schließe das Tor auf, damit du mit dem Wagen auf das Grundstück fahren kannst, Onkel Lutz.«

»Vielen Dank, Hans-Joachim. Ich habe auch noch ein kleines Mädchen dabei, das ebenfalls dringend Hilfe benötigt. Aber in seelischer Hinsicht.« Er ging zu seinem Wagen zurück und stieg wieder ein.

Indessen öffnete der junge Tierarzt das Tor. Als das Auto es passiert hatte, schloss er es vorsichtshalber wieder und ging zum Haus zurück, wo Andrea den späten Gast begrüßte. »Wenn du uns mitten in der Nacht aus dem Bett holst, ist es bestimmt wichtig«, schnitt sie jede Entschuldigung ab.

»Andrea, ich glaube, du müsstest dich um das Kind kümmern. Christiane, komm doch näher«, forderte Dr. Brachmann die Kleine auf, die nur zögernd ausstieg. »Gib mir den Hund.«

»Ich nehme ihn schon.« Hans-Joachim war bereits zur Stelle. »Während ihr euch mit der Kleinen beschäftigt, kümmere ich mich erst einmal um den Hund. Was ist denn mit ihm passiert? Er sieht bös’ zugerichtet aus.«

»Der Stiefvater des Kindes hat ihn misshandelt«, erwiderte Lutz Brachmann und hielt Christiane bei der Hand fest, die durchaus mit dem Tierarzt

mitgehen wollte. »Bei Dr. von Lehn ist dein Hund in den besten Händen. Andrea, das ist Christiane Hille.« Andrea lächelte das Kind an. »Komm erst mal ins Haus, Christiane«, bat sie freundlich. »Onkel Lutz, du trinkst gewiss einen Whisky?«

»Keine schlechte Idee. Ich komme aus Frankfurt. Aber erst möchte ich meine Frau anrufen. Claudia gehört zwar zu den Frauen, die nicht gleich hysterisch werden, wenn ich mich verspäte. Aber ich will sie wirklich nicht unnötig beunruhigen.«

»Du weißt ja, wo das Telefon ist.« Andrea ergriff nun die Hand von Christiane, die ängstlich zurückwich, als sich die riesige Dogge Severin in ihrem Korb in der Diele aufrichtete. »Keine Angst, Severin ist lammfromm. So, und das sind unsere vier Dackel«, stellte Andrea ihre Hunde vor. »Sie heißen Waldi, Hexe, Pucki und Purzel.«

»Und die Hunde gehören alle Ihnen?«, staunte Christiane, die tief beeindruckt von allem war, was sie hier sah.

»Ja, Christiane.«

»Und sie werden niemals geschlagen oder mit den Füßen getreten?«

»Nein, Christiane, niemals!«

Staunend blickte die Kleine die nette Tante mit den langen schwarzen Haaren an. »Dann haben sie es viel, viel besser als Strolch. Nicht wahr, er wird nicht sterben?«

»Gewiss nicht, Christiane. Nun aber setz’ dich dort auf den Stuhl und erzähl’ mir, wie du mitten in der Nacht allein auf die Straße kommst.«

Die vier Dackel folgten den beiden ins Wohnzimmer, wo sie sich sofort auf dem Teppich ausstreckten, denn sie waren im wahrsten Sinne des Wortes hundemüde. Lächelnd blickte Andrea auf sie nieder. »Ihr hättet ruhig in euren Körbchen bleiben können«, schalt sie die Vierbeiner liebevoll.

Waldi und Hexe schlugen matt mit den Ruten, während Pucki und Purzel bereits im Hundetraumland waren.

Christiane lächelte matt. Sie war auf einmal so müde, dass sie kaum mehr die Augen offenhalten konnte. Sie sah alles wie durch einen dichten Nebel. Auch die Stimme der netten jungen Frau erreichte kaum noch ihr Bewusstsein.

Dann vernahm sie die Stimme des netten Herrn: »Am besten, wir stecken das Kind ins Bett«, meinte er. »Es ist immerhin fast Mitternacht.«

»Ich glaube auch, dass ich das tun sollte.« Andrea wollte das Kind auf die Arme nehmen, aber Lutz Brachmann kam ihr zuvor. »Du darfst nicht mehr so schwer heben, mein Kind«, erklärte er mit einem versteckten Lächeln. »Deine Mutter erzählte mir, dass ihr bald …«

»Dann weißt du es schon? Immerhin wird es noch eine Weile dauern, bis Hans-Joachim Vater wird«, erwiderte sie leise. »Trag’ die Kleine ins Fremdenzimmer. Aber, Betti, Sie hätten doch nicht aufstehen brauchen«, wandte sich An-drea an das blonde Hausmädchen.