Den Tod durchdringt das Leben - Siegfried Schwemmer - E-Book

Den Tod durchdringt das Leben E-Book

Siegfried Schwemmer

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Beschreibung

Der Tod gehört zum Leben. Jeder Mensch muß sich mit ihm auseinandersetzen, er betrifft ihn in seiner ganzen Existenz.Wie gehen wir mit den Grenzen des Lebens um? Grenzerfahrungen sind emotional belastend. Sie können zu psychischen Reaktionen führen, Bilder und Vorstellungen wecken, grenzüberschreitende Erfahrungen hervorrufen und zu einer geistigen und geistlichen Herausforderung werden. Die Religionen der Welt glauben an ein Leben, das über den Tod hinausweist. Sie zeigen einen Weg, mit der Grenze des Lebens umzugehen.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Band 44

Siegfried J. Schwemmer ist Pfarrer und Seelsorger in Engelthal und an der Frauenalb-Klinik (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) Engelthal.

Siegfried J. Schwemmer

Den Tod

durchdringt

das Leben

Umgang mit Grenzerfahrungen

Vandenhoeck & Ruprecht

Göttingen · Zürich

Meinen Eltern, Siegfried und Eleonore Schwemmer, diemirdasLebengaben.

2., unveränderte Auflage

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99721-6

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter:www.v-r.de

© 2015, 1977 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/ Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind

Inhalt

Vorwort

I

Einleitung

II

Psychische Reaktionen auf Grenzerfahrungen

III

Bilder beim Übergang vom Leben zum Tod

IV

Die Vorstellung von der Wiedergeburt der Seele

V

Die Bereitschaft zum Tod

VI

Der Tod des Sokrates

VII

Was ist der Mensch?

VIII

Der Tod in der jüdisch-christlichen Überlieferung

IX

Christliche Existenz im Angesicht des Todes

X

Leben mit dem Tod

XI

Abschied vom Leben

XII

Stille vor Gott

XIII

Leben und Sterben im Rhythmus der Zeit

XIV

Am Ende

Literatur

Vorwort

Der Tod gehört zum Leben. Er ist eine harte und grausame Realität, die uns alle betrifft. Immer wieder erfahren wir Grenzen und müssen erleben, daß etwas zu Ende geht. Der Tod trifft unseren Leib, aber auch die Seele kann leiden und sterben. Wir leben von Beziehungen. Ohne ein Du, ohne ein Gegenüber, gibt es kein Leben. Tod ist das Ende der Beziehungen.

Wie gehen wir mit den Grenzen des Lebens um? Wie begegnen wir dem Tod? – Grenzerfahrungen sind emotional belastend. Sie können zu psychischen Reaktionen führen, Bilder und Vorstellungen wecken, grenzüberschreitende Erfahrungen hervorrufen und zu einer geistigen und geistlichen Herausforderung werden. Im Glauben und in einer lebendigen Spiritualität haben Menschen für sich schon immer eine Antwort gefunden. Doch der Glaube darf keine billige Vertröstung sein, die der Realität des Todes nicht gerecht wird. Er muß die psychische Realität des Menschen ernst nehmen und ihm helfen, seinen Weg zu finden.

»Den Tod durchdringt das Leben« – hinter diesem Titel steht das Bild Jesu vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, und so viel Frucht bringt (Johannes 12,24): Der Keim durchdringt die tote Hülle. Das Leben ist stärker als der Tod. Es durchbricht auch die Mauern des Grabes. Aber der Weg ins Leben führt nur durch den Tod. Nur wer den Tod nicht flieht, ihn nicht verdrängt, beschönigt und sich nicht vertröstet, findet das Leben.

Ich danke meinem Bruder Ernst, der mit mir seine Erfahrungen im Grenzbereich des Lebens geteilt hat, meinem Lehrer Alfred Heubeck, der mir den Weg des Karate-Do gezeigt hat, und meiner Mitarbeiterin Christa Wagner, die einen Teil des Manuskripts geschrieben, alles Korrektur gelesen und seine Verständlichkeit geprüft hat.

Bibel-Zitate sind aus: Lutherbibel, revidierter Text 1984

I

Einleitung

Der Tod als Grenze des Lebens

Der Tod ist die Grenze des Lebens. Er gibt dem Leben ein Ziel und setzt ihm ein Ende. Er steht über dem Leben, und der Mensch steht unter seiner Macht. Als Menschen sind wir der Macht des Todes hilflos und ohnmächtig ausgeliefert. Die ganze menschliche Ohnmacht, Hilflosigkeit, Unvollkommenheit und Begrenztheit findet im Tod seine Gestalt.

Gleichzeitig weckt die Auseinandersetzung mit dem Tod Fragen, die nach einer Antwort suchen: Wann ist Tod tot? Gibt es einen Zwischenbereich zwischen Tod und Tod? Gibt es ein Leben im Angesicht und im Schatten des Todes? Gibt es Erfahrungen, die diese Grenzen überschreiten? Gibt es ein Leben nach dem Tod? – Wir können diese Fragen biologisch und medizinisch beantworten und im Tod eine letzte endgültige Grenze sehen, mit der das Leben zu Ende ist. Wir können uns damit aber auch nicht zufrieden geben und in diesen Fragen den Wunsch verbergen, daß es nach, hinter oder neben dem Tod noch etwas Unfaßbares und Unbegreifliches gibt.

Grenzerfahrungen als öffentliches Thema

Grenzerfahrungen sind heute ein verbreitetes und beliebtes Thema. Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht vieler Menschen, zu erfahren, was sie jenseits der Todesschwelle erwartet. Immer mehr Menschen wollen nicht mehr nur das glauben, was sie vor Augen haben: »Das kann doch nicht alles gewesen sein. Da muß doch noch irgendwas kommen!« (W. Biermann, Lied vom donnernden Leben). Dabei wächst das Bewußtsein, daß es zwischen Himmel und Erde noch mehr gibt als das, was der Mensch mit seiner bloßen Vernunft erfassen und begreifen kann. Die Medienlandschaft beschäftigt sich mit dem Grenzbereich. Von Jenseitserfahrungen Sterbender wird berichtet. »Klinisch Tote« beschreiben nach ihrer Reanimation »himmlische« Erlebnisse und Visionen. Erfahrungen von Sterbenden, die bereits ihren Körper verlassen haben (Out-of-body-experiences), und übersinnliche Erlebnisse finden ein breites Interesse.

Erfahrungen mit Grenzen

Der Tod ist die Grenze des Lebens. Doch es gibt viele Grenzen im Leben. Grenzerfahrungen gehören zum Leben. Grenzen sind eine Realität des Lebens. Wir stoßen immer wieder an Grenzen. Immer wieder müssen wir erfahren, daß etwas zu Ende geht und an sein Ziel kommt.

Jeder Abschied im Leben und jeder Aufbruch zu etwas Neuem bedeutet immer auch Sterben. Jeder Verlust ist auch ein Tod. Jede Trennung ist ein Ende. All die vielen kleinen Tode, die wir im Leben sterben, werden dabei zu einer Übung für die letzte große Schwelle, die das Leben vom Tod trennt. All die Grenzerfahrungen werden zum Gleichnis für die letzte Grenze am Ende des Lebens.

Nur durch Grenzerfahrungen lernt der Mensch, mit Grenzen umzugehen. Von Anfang an, seit seiner Geburt, muß sich der Mensch mit Grenzen auseinandersetzen: Kinder müssen, um erwachsen zu werden, immer wieder ihre Grenzen erfahren. Gleichzeitig werden sie erwachsen, indem sie Grenzen überschreiten und neue Grenzen suchen. So lernen sie, mit Grenzen umzugehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und diese, wenn möglich, zu überwinden. Sie lernen aber auch, Grenzen auszuhalten und anzunehmen. Nur wer das als Kind, als Heranwachsender und als Erwachsener gelernt hat, kann mit Grenzen leben. Im fortgeschrittenen Alter werden dem Menschen dann seine natürlichen Grenzen bewußt. Es sind die Grenzen des Körpers, der Leistung und der Belastbarkeit. Wenn sie überschritten werden, wird der Mensch an Leib und Seele krank.

Die Erfahrungen der Grenzen sind immer ambivalent, denn Grenzen haben ihre zwei Seiten. Es ist nur eine Frage des eigenen Standorts und der persönlichen Betroffenheit. Das Urteil über Grenzen und unsere Reaktion darauf ist allein davon abhängig, wo wir selbst stehen und wie unsere persönliche Situation im Angesicht der Grenze ist. Dabei können wir Grenzen negativ erleben, aber auch positiv, hinderlich oder hilfreich. Wir können ihnen aktiv begegnen und sie gestalten, oder sie passiv erleiden. Grenzen zeigen uns, daß wir Hilfe brauchen, auf andere angewiesen und abhängig sind, doch sie helfen uns auch, daß wir uns nicht selbst verlieren. Sie geben uns Halt und Hilfe, helfen uns, uns abzugrenzen, verhindern, daß wir grenzenlos werden, schützen uns und geben uns Sicherheit.

Umgang mit Grenzen

Wie reagieren wir auf Grenzen? Wie gehen wir damit um? – Wir können mit Grenzen sehr verschieden umgehen. Wir können Grenzen aushalten, akzeptieren und als gegeben hinnehmen, oder versuchen, sie zu verstehen und darüber nachzudenken. Wir können nach Wegen suchen, ihnen auszuweichen, und uns trösten, wenn wir Auswege sehen. Doch es gibt Situationen, die wir nicht verstehen und nicht annehmen können. Wir können dann gegen die Grenzen kämpfen, rebellieren, aufbegehren, Widerstand leisten und auf diese Weise versuchen, die Grenzen zu überwinden. Es ist möglich, daß wir dabei scheitern, uns selbst verlieren und zerbrechen, oder abstumpfen und resignieren. Doch wir können uns auch Hilfe suchen, um den vorgegebenen Grenzen besser zu begegnen, und lernen, mit ihnen umzugehen.

Grenzen wecken vor allen Dingen Gefühle: Wir spüren unsere Wut und möchten gegen sie angehen. Zur Wut gehören Phantasien von Macht und Machbarkeit. Die Erfahrung der Ohnmacht und der Hilflosigkeit macht aber auch unsicher und angst. Sie bedrängt und bedrückt. Emotional belastende Situationen führen deshalb leicht zu psychotischen Reaktionen: Wir können depressiv, aber auch »verrückt« werden. Wir können die Grenzen abspalten und ihnen mit grenzenlosen Phantasien begegnen. Mit Drogen können wir uns betäuben und vor der Realität fliehen, oder aber Grenzen verleugnen und verdrängen. Wir können uns Grenzen mit dem Verstand nähern, sie ideologisieren und in einen größeren geistigen Zusammenhang stellen, oder aber beschönigen und wie die Mauer in Berlin mit bunten Bildern bemalen.

Grenzen und Möglichkeiten dieses Bandes

Von Grenzerfahrungen und vom Umgang mit Grenzen handelt diese Schrift. Grenzen sind auch mir gegeben, und ich möchte Grenzen setzen, damit keine falschen Erwartungen entstehen.

Mir ist bewußt: So lange es Menschen gibt, beschäftigt sie die Frage nach dem Tod. Sie suchen nach Halt und nach Gewißheit. Sie fragen nach dem, was bleibt und was über den Tod hinaus Bestand hat. Sie suchen eine Antwort, die die menschlichen Grenzen überschreitet und den Menschen in einen größeren Zusammenhang stellt. Diese Antwort finden sie im Glauben, denn alle Religionen der Welt suchen eine Antwort auf den Tod. Sie glauben an ein Leben, das über den Tod hinausweist. Das verbindet sie miteinander. Dabei ist und war es ein Grundgedanke für nahezu alle Religionsgemeinschaften, daß der einzelne zu Lebzeiten Vorsorge und Sorge für das Leben nach dem Tod treffen kann.

Ich möchte Wege und Möglichkeiten zeigen, die mir im Umgang mit diesem Thema hilfreich und verständlich sind. Dabei will ich der Realität des Todes nicht aus dem Weg gehen, auf die psychische Realität der Menschen schauen, nach den Bildern der Seele suchen, die das Thema aufnehmen und gestalten, Menschen beschreiben, die sich mit dem Tod auseinandergesetzt haben, und nach Möglichkeiten suchen, mit den Grenzen des Lebens umzugehen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, daß wir: erstens dem Tod erst dann begegnen können, wenn wir die Fragen, die dieser an uns stellt, für uns beantwortet haben; zweitens vom Tod nur reden können, wenn wir uns vorstellen können, selbst zu sterben; drittens nur dann wirklich sterben können, wenn wir uns mit dem Tod auseinandergesetzthaben. – Doch diese seelische Arbeit und diese innere Auseinandersetzung kann und will ich niemandem abnehmen. Jeder stirbt seinen eigenen Tod und muß seine eigene Antwort auf den Tod, und seinen Weg mit den Grenzen des Lebens umzugehen, finden. Das möchte ich fördern und unterstützen, respektieren und achten.

Die einzelnen Schritte

Grenzerfahrungen führen zu psychischen Reaktionen und lösen Bilder und Vorstellungen aus. Solche versuche ich zu beschreiben und bewußt zu machen.

Eine bemerkenswerte Antwort auf den Tod ist die Vorstellung der Reinkarnation. Sie findet immer mehr Anhänger. Dabei wird die Lehre des Buddha leicht mißverstanden. Sie hat in seiner Weiterentwicklung Gestalt gefunden im Zen-Do. Der Weg des Zen ist eine konsequente Antwort auf den Tod. Das zeigt sich auch in der Bereitschaft des Kriegers zum Tod.

Einfluß auf das Abendland hat die Auseinandersetzung des Sokrates mit dem Tod gewonnen. In der Lehre Platons von der Unsterblichkeit der Seele hat sie auf das Christentum eingewirkt.

Der Tod ist eine existentielle Bedrohung. Der Mensch sucht deshalb seine religiösen Bindungen. Die prägende Religion des Abendlandes ist das Christentum. Es hat seine Wurzeln im jüdischen Glauben. Jesus nimmt die Vorstellungen des Alten Testaments über den Tod auf und gibt mit seiner Person darauf eine Antwort. Für Christen ist seine Auferstehung von den Toten das zentrale Bekenntnis und der Anfang des christlichen Glaubens.

Jeder Mensch muß sich mit dem Tod auseinandersetzen. Helfen kann: ein bewußtes Leben mit dem Tod, das Üben der Stille, und die Selbsterfahrung im Lebens-Rhythmus von Werden und Vergehen.

II

Psychische Reaktionen auf Grenzerfahrungen

Angst und Erschrecken

Der Jugoslawe B. Zizic hat 1972 einen Kurzspielfilm gemacht. Auch wenn ich diesen Film schon mehrfach gesehen habe, beeindruckt er mich immer wieder. Sein Name: »Die Reise«. Thema ist: Leben und Sterben. »Die Reise« ist ein Gleichnis auf das Leben des Menschen und beschreibt seinen Umgang mit dem Tod.

Ort der Handlung ist ein Zug. Sieben Reisende sitzen in einem Eisenbahnwagen. Es sind die verschiedensten Menschen, die miteinander und nebeneinander unterwegs sind: ein »Weltkind«, ein »Hippie« – Liebespaar, ein junger, gleichgültiger, vor sich hindösender Mann, ein alter Zyniker, ein lebensfroher Genießer, eine Nonne … Die Reisenden schauen zum Fenster hinaus, lesen oder blicken sich an. Das Pärchen küßt sich selbstvergessen. Ein anderer raucht und wieder ein anderer ißt. Der Zug aber, in dem sie sitzen, fährt und fährt immer weiter.

Da, ein Tunnel, es wird dunkel. Es ist Nacht. Als der Zug aus dem Dunkel ins Licht hinausfährt, fehlt ein Mensch: Eine Frau ist nicht mehr unter den Fahrgästen. Der Mann aber, der ihr bewundernd und interessiert gegenüber saß, ist verwirrt. Vor ihm liegt nur noch der Schminkkoffer der jungen Frau. Er ist ratlos, betroffen und dann niedergeschlagen. Wieder kommt ein Tunnel, und wieder wird es dunkel, Nacht. Am Ausgang des Tunnels fehlt wieder ein Mensch. Die Nonne, die eben noch in der Bibel gelesen hatte, ist verschwunden. Zurückgeblieben ist nur ihre Bibel. Nach dem nächsten Tunnel fehlt das Liebespaar. Allein die Gitarre liegt auf ihrem Platz. Die Menschen in diesem Wagen aber werden unsicher. Sie blicken ängstlich und rücken zusammen. Sie suchen nach den verschwundenen Mitreisenden und suchen nach einem Ausweg: Doch die Fenster sind verschlossen. Sie lassen sich nicht öffnen, und auch die Türen sind versperrt. Der Wagen aber rollt immer weiter. Die Notbremse funktioniert nicht, der Zug läßt sich nicht anhalten. Die Lokomotive pfeift und durcheilt die Landschaft. Und immer wieder wird es dunkel, und wieder hell. Zuletzt sitzen nur noch zwei Menschen in diesem Wagen. Zwei Männer blicken sich an. Sie schauen skeptisch, prüfen sich und den Anderen: Wer wird der Nächste sein?

Der eine von beiden beginnt nervös zu lachen, er höhnt den anderen. Der bisher so apathische Mann verliert die Nerven. Er geht auf den Mitfahrer zu und würgt ihn – Und wieder wird es dunkel. Es wird Nacht. Es wird unendlich schwarz.

Dieser Film beschreibt das Leben: Das Leben ist die Reise. Das Ziel dieser Reise aber ist der Tod. Dort, wo wir den Tod in nächster Nähe erleben, sind wir persönlich betroffen. Er macht uns unsicher. Wir können ihm nicht ausweichen. aber wir sind in der Gefahr, auf diese unheimliche und unberechenbare Macht mit panischer Angst zu reagieren.

Schmerz und Wut, Enttäuschung und Trauer

Jede Grenzerfahrung löst Gefühle aus. Wir reagieren emotional, mit Gefühlen. Das ist ganz natürlich und auch gut. Denn es zeigt, daß wir noch nicht tot, sondern am Leben sind. Mögliche Reaktionen können Wut, Auflehnung, Zorn und Widerstand sein, denn wir können und wollen die Grenze nicht verstehen und sie auch nicht annehmen und aushalten. Unsere vitalen Bedürfnisse sind betroffen und eingeschränkt. Wir können sie nicht befriedigen und die Früchte unserer Bemühungen nicht genießen. Unsere Pläne, Ziele, Wünsche und Hoffnungen stehen in Frage. Grenzerfahrungen tun weh. Gegen diese Schmerzen wehren wir uns. Das ist ganz verständlich und wäre nicht normal, wenn wir darauf nicht reagieren würden. Wenn wir verletzt werden, wollen wir uns wehren. Die Aggressionen, die wir spüren, sind Ausdruck unseres Selbsterhaltungstriebs. Sie sind wie ein Aufschrei des Lebens. Unsere Auflehnung, unser Kampf und unser Widerstand sind notwendig, damit wir die Lebenskräfte in uns aktivieren. Sie helfen uns, zu überleben und standzuhalten.

Grenzerfahrungen wecken in uns auch Enttäuschungen. Die Enttäuschung ist ein bedrückendes, niedergeschlagenes Gefühl. Es richtet sich gegen uns. Denn der Grund der Enttäuschung liegt bei uns selbst. Der Grund der Enttäuschung liegt in unserer eigenen Täuschung. Nur wer sich täuscht, kann enttäuscht werden. Wir haben uns etwas vorgemacht oder uns etwas vormachen lassen. Wir sind Illusionen erlegen und haben ein falsches Bild gepflegt. Wir müssen Abschied nehmen von unseren Vorstellungen und Vorurteilen, von unseren Wunschbildern, Selbsttäuschungen und unseren falschen Sicherheiten. Die Enttäuschung ist der harte, aber notwendige und gute Weg zur Wirklichkeit, damit wir lernen, uns und unser Leben frei von Täuschungen und Selbstbetrug zu sehen, befreit werden von Abhängigkeiten und Sehnsüchten, und der Realität so begegnen, wie diese ist.

Abschied und Trennung sind vor allem verbunden mit Trauer. Jede Grenzerfahrung ist ein Stück Sterben. Sie ist eine Erfahrung von Tod. Das aber ist schmerzhaft und tut weh. Doch immer wieder müssen wir in unserem Leben Abschied nehmen und erleben Grenzen, die wir nicht überschreiten können: Wir stoßen an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit. Wir werden von vertrauten und geliebten Menschen getrennt. Auch Auseinandersetzungen sind im eigentlichen Sinne des Wortes eine Form der Trennung. Durch die vielen verschiedenen Grenzerfahrungen erfahren wir immer wieder unsere eigene Begrenztheit, und wir reagieren mit Schmerzen und Tränen. Wir schweigen, ziehen uns in uns selbst zurück, spüren unsere Schwachheit und Schutzbedürftigkeit, unsere Verletzlichkeit und Unsicherheit. Wir trauern.

Psychotische Konfliktbewältigung

Erfahrungen von Krankheit, psychischen Konflikten und Grenzerfahrungen wie der Umgang und die Begegnung mit dem Tod sind eine große emotionale Belastung. Der Verlust eines nahestehenden, geliebten Menschen, aber auch die unmittelbare Bedrohung des eigenen Lebens durch den Tod führen Menschen in eine seelische Krise. Der Tod ist ein seelischer Konflikt, der nur schwer zu bewältigen ist. Sterben und Tod sind verbunden mit Angst. Die Todesangst erfordert ungewöhnliche Bewältigungsstrategien. Sie provoziert »verrückte Reaktionen«.

Emotional belastende Situationen führen leicht zu psychotischen Reaktionen. Zu diesen Situationen gehören: Unfall, Sterben, Tod und Abschied vom Leben. Je größer der seelische Konflikt, je schwieriger die Situation, um so eher sind wir geneigt, davor zu fliehen und uns von der schwierigen und schlimmen Realität zu distanzieren. »Psychotische Konfliktbewältigung kommt besonders in akuten Krisensituationen vor« (Wiedemann, 160). Psychotische Reaktionen wie Flucht, Abwehr und Abspaltung gehören zu den Grundfunktionen der Seele. Menschen, die ihre Konflikte psychotisch verarbeiten, erleben diesen Konflikt nicht in sich selbst, sondern sie verlagern ihn nach außen, sie externalisieren ihn. Psychotische Konfliktbewältigung ist durch Spaltung charakterisiert, während die neurotische Konfliktbewältigung diesen verdrängt und auf andere Abwehrmechanismen zurückgreift. Hinter der psychotischen Konfliktbewältigung steht die nackte, fundamentale Angst vor dem Selbst-Verlust, vor der Selbst-Vernichtung, vor dem ewigen Tod, vor dem Nicht-Sein.