Den Tod verfehlt - Uschi Gassler - E-Book

Den Tod verfehlt E-Book

Uschi Gassler

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Beschreibung

»Jeder ist der Schöpfer seines Handelns. Deine Tat ist dein Werk und nur du allein trägst die Verantwortung.« Jeromey DeLorca. Spezialermittler mit fotografischem Gedächtnis. Ein Undercover-Agent, der alle Gefühle unterdrückt. Doch dadurch ist er für ein Privatleben untauglich. Die Erstellung seiner Biografie eröffnet seinem Bruder erschreckende Details über die Ausbildung. Wie viel davon hat Jeromey verdrängt? Zudem rief einer seiner ersten Einsätze einen Auftragsmörder auf den Plan. Obwohl todkrank, besucht Jeromey mit Sohn und Bruder seine Verwandten in der Pine Ridge Reservation in South Dakota, denn väterlicherseits ist er ein Oglala-Lakota. Abgelenkt durch die Annäherung an seine indianische Herkunft bemerkt er zu spät, dass ihm der Killer gefolgt ist.

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Seitenzahl: 615

Veröffentlichungsjahr: 2026

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JEDER IST DER SCHÖPFER SEINES HANDELNS. DEINE TAT IST DEIN WERK UND NUR DU ALLEIN TRÄGST DIE VERANTWORTUNG.

Sir Sean William Burnette

Wie wird aus einem Menschen das, was er ist? Wie wird aus einem wissbegierigen, hochintelligenten Jungen eine arrogante, kaltschnäuzige Tötungsmaschine?

Ich suche nach Argumenten, ohne zu entschuldigen. Ich lege offen, ohne zu rechtfertigen, und erkläre, ohne zu beschönigen. Denn ich will ihm bei seinem Ausstieg helfen.

Er ist mein Bruder, aber wir sind nicht blutsverwandt. Zwischen uns herrscht das angespannte Klima von Mandant zu Anwalt. Ich bemühe mich, ihm Respekt zu zollen, er begegnet mir mit Misstrauen.

Unsere Eltern gaben uns Liebe, Geborgenheit und Harmonie, um uns zu ehrlichen und mitfühlenden Menschen zu erziehen.

Weshalb verweigert sich mein Bruder diesen Werten? Was hat ihn abgebrüht, zynisch und mitleidlos werden lassen?

Mit dieser Biografie will ich aufdecken und ergründen.

Dr. Frank Reichardt, Rechtsanwalt

Frankfurt/Main, Januar 2016

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

TEIL I

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

TEIL II

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

TEIL III

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

EPILOG

PROLOG

Frankfurt/Main, im Januar 2016

Ich werde sterben.

Mit diesen Worten forderte mein Stiefbruder von mir, seine Biografie zu verfassen.

Du machst es nicht für mich. Ich will sie meinem Sohn hinterlassen, damit er alles weiß.

Ein Jahr ist seither vergangen. Ein Jahr, das wieder einmal mit einem spektakulären Höhepunkt aufwarten konnte. Mit der Entführung unserer Söhne und dem Tod der Kidnapperin.

Nun scheint es, als käme Jeromey DeLorca zur inneren Ruhe, als übertrage seine Partnerin Dr. Annika Mössner ihren Optimismus auf ihn. Ja, es scheint so. Allerdings traue ich seiner derzeitigen Friedfertigkeit nicht, die seinen primären Zielen, die Krankheit in den Griff zu bekommen und seinen leiblichen Vater aufzusuchen, geschuldet ist.

Was folgt danach? Der Tod?

Es ist sinnlos, sich den Kopf zu zerbrechen, daher wende ich mich den Aufzeichnungen zu. Seit Tagen stelle ich Jeromeys dürftige Abhandlungen über seinen Aufenthalt auf dem Schloss der Burnettes zusammen. Was spielte sich dort ab? Was trieb ihn zu seiner zweiten folgenschweren Entscheidung?

Akribisch rekonstruiere ich die Geschehnisse, muss manches noch im Dunkeln belassen und vertraue darauf, später mehr in Erfahrung zu bringen. Vorausgesetzt, er verhindert es nicht.

Kaum habe ich die Aktualisierung der Manuskriptdatei beendet, klingelt das Telefon. Ich kenne die Nummer mit Münchner Vorwahl, und in mir schrillen die Alarmglocken.

TEIL I

Jeder ist der Schöpfer seines Handelns.

Ich gebe dir eine Waffe in die Hand, und du kannst dir damit Nahrung verschaffen oder deinen Nachbarn liquidieren. Aber du kannst weder mich noch die Waffe noch deren Konstrukteure zur Rechenschaft ziehen.

Ich schenke dir ein Auto, und du kannst damit zur Arbeit fahren oder zielgelenkt eine Menschengruppe töten. Aber du kannst weder mich noch das Auto noch dessen Hersteller zur Rechenschaft ziehen.

Ich lehre dich, mit Drogen und Sprengstoff umzugehen, und du kannst damit Schmerzen lindern und Brunnen bauen oder ein Volk ausrotten. Aber du kannst weder mich noch einen anderen zur Rechenschaft ziehen.

Deine Tat ist dein Werk und nur du allein trägst die Verantwortung.

Niemand sonst.

Lord Sean William Burnette

Gründer, Inhaber und Geschäftsführer der International Detective Agency (IDA) sowie der Special Training Academy (STA)

Auszug aus der Abschlussrede für Absolventen des 1. Ausbildungsjahres an der STA, Juli 1994

KAPITEL 1

Damals

JEROMEY

Mittwoch, 1. September 1993. Der Learjet setzte auf und rollte bedächtig vor das Terminal des relativ kleinen und überschaubaren Flughafens in den Londoner Royal Docks. Der Pilot arrangierte das Deboarding, nebelgeschwängerte Luft drängte ins klimatisierte Innere. Die britische Hauptstadt bestätigte sämtliche Prognosen und empfing Jeromey und Sam Wills mit nasstrübem Wetter.

Nach der Zollkontrolle stiegen sie in eine dunkelrote Bentley-Limousine mit Rechtslenkung, die auf dem übersichtlichen Parkplatz stand. Eine halbe Stunde später ließen sie London hinter sich und rollten auf der Autobahn in Richtung Süden.

»Hey, schon gespannt?«, fragte Wills. »Die Akademie liegt in der Nähe von Brighton, umgeben von purer Natur.«

Jeromey hatte keine Lust auf Smalltalk und reagierte mit abweisendem Schweigen. Zu sehr war er damit beschäftigt, seine ungewöhnliche Nervosität unter Kontrolle zu halten.

Wills interpretierte seine Wortlosigkeit wohl auf eine andere Weise. »Keine Sorge, es gibt dort Strom und fließendes Wasser.«

Ihre, wenn auch kargen, Dialoge führten sie jetzt automatisch auf Englisch. Die amerikanische Aussprache von Wills erinnerte Jeromey an seinen leiblichen Vater und dessen Ex-Army-Kollegen in Wiesbaden. Eine vergrabene Sehnsucht wollte sich seiner bemächtigen, doch er schlug sie nieder und lenkte seine Aufmerksamkeit weiter auf die neuen Eindrücke, die vorbeiziehenden Ortschaften, das Land.

Wills ließ den Bentley gemächlich dahingleiten. Den rechten Ellenbogen lässig an der Tür aufgestützt, die Hand am Steuer. Die Linke ruhte entweder auf dem Schalthebel, spielte mit dem Radio oder unterstützte die Rechte am Lenkrad. Ab und zu gähnte er, rieb sich über die Augen. Warf einen Blick zum rechten Fenster hinaus, in den Rückspiegel oder sonst wohin.

Diese zur Schau gestellte Gelassenheit täuschte Jeromey nicht darüber hinweg, dass dieser Mann sich mit allen Sinnen in Habt-Acht-Stellung befand und sekündlich in einen kampfbereiten Modus umschwenken konnte.

Das Wetter wurde zusehends freundlicher. Bei Bolney verließen sie die Autobahn und fuhren zunächst östlich durch kleinere, reizende Ortschaften mit Häusern in grünüberwucherten Grundstücken, dann südlich in Richtung Burgess Hill. Aber bevor sie es erreichten, hielten sie sich südöstlich und zweigten mehrmals ab. Die warme Nachmittagssonne tauchte die Landschaft in mildes Licht. Die Straße wand sich durch dichte Baumgruppen und saftige Wiesen, viele waren umsäumt von Hecken, Trockensteinmauern oder Zäunen. Auf manchen weideten Pferde oder Rinder.

Inmitten einer lockeren Bewaldung bogen sie in eine schmale, befestigte Nebenstraße ein, die als Privatbesitz gekennzeichnet war. Ein schwarzes Schild mit der grellroten Aufschrift PRIVATE – KEEP OUT! richtete sich drohend gegen unbefugte Gäste. Die Schranke hingegen stand in einem demonstrativen Widerspruch offen. Neben ihr ragte allerdings ein Stahlmast mit Scheinwerfer empor und einem grauen Kasten obendrauf.

Garantiert eine verborgene Kamera. Ja, mit Überwachungsgeräten war Jeromey in den vergangenen drei Wochen ziemlich vertraut geworden.

Drei Wochen?

War es erst drei Wochen und drei Tage her, als mit einem Schlag seinem bisherigen Leben ein Ende gesetzt wurde? Mit dieser fürchterlichen Auseinandersetzung, die seinem Freund und seiner Freundin den Tod brachte und ihm eine blitzartige Verhaftung. Gefolgt von ständigen Verhören und Befragungen, die ihm letztlich die Entscheidung aufzwangen, mit allem abzuschließen, was ihm lieb und teuer war.

Weshalb er jetzt in diesem Bentley saß, mit einem hartgesottenen Mann neben und einem suspekten Ziel vor sich.

Nach etwa einem Kilometer lichtete sich der Wald, und sie durchfuhren eine gigantische Kastanienallee. Als diese sich öffnete, war Jeromey sprachlos über das, was sich in aller Macht und Pracht vor ihnen ausbreitete.

Majestätisch, sein erster Gedanke.

Ein steingraubraunes dreigeschossiges Herrenhaus mit zwei nach vorne ragenden Seitenflügeln, die jeweils ein Stockwerk niedriger waren. Ein Dachstuhl fehlte, der Dachbereich schien trotz der Kamine und undefinierbaren Aufbauten komplett begehbar zu sein. Umgeben war das Bauwerk von einem regionaltypischen Parkgelände.

Die Privatstraße mündete in den großzügig angelegten Platz vorm Eingangsbereich des Hauptgebäudes, und sie hielten neben einem gewaltigen Steinbrunnen. Wasser quoll zwischen den unzähligen Gargoyle-Fratzen hervor und plätscherte aus ihren aufgerissenen Mäulern. Mit dämonischer Häme starrten sie herab. Regelrecht boshaft – oder bildete er sich das ein? Mit Sicherheit hatten sie irgendeine Bewandtnis, er würde ihren Sinn schon noch herausbekommen.

»Voilà!«, rief Wills und stellte den Motor ab. »Das ist das Manor House of Burnette, auch Burnette Castle oder Schloss Burnette genannt. War früher ein royaler Landsitz, heute ist es in Privatbesitz. Lord Burnette hat es entfernten Verwandten abgekauft und umbenannt.«

»Leibhaftig! Ein Schloss!« Jeromey schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte sich die Vorstellung in ihm verbohrt, in ein dunkles, unheimliches Gemäuer verfrachtet zu werden.

Beim Aussteigen entdeckte er seitlich einen baumbeschatteten Parkplatz, zu dem ein geschotterter Weg hinführte. Links vom Schloss, etwas zurückgesetzt, stand ein kleineres zweistöckiges Steingebäude. Davor gab es mehrere Stellplätze, drei waren mit safarigrünen Geländewagen belegt.

Rund um den geteerten Vorplatz befanden sich buchsbaumumrankte Bankgruppen, einige waren besetzt durch junge Leute. Den Bereich bis zum Eingang zierten außerdem noch kunstvoll drapierte Kübel mit Palmen und anderen exotischen Gewächsen.

Wenn Jeromey nicht den Grund wüsste, weshalb er hierher gebracht worden war, hätte er fast glauben können, ein Urlaub stünde bevor.

Wills war unterdessen ebenfalls ausgestiegen und grinste übers Autodach hinweg Jeromey an.

»Schön, nicht wahr? Ich melde uns an. Also, warte hier, bitte!«

SAM WILLS

Begleitet von vagem Optimismus, sein Schützling würde seinem Befehl gehorchen, trabte Sam die wenigen Stufen empor zum verandaartigen Eingangsbereich, trat durchs Portal in die große Empfangshalle, die momentan ausgestorben war. Er selbst hatte nicht das Vergnügen gehabt, von der IDA auf dieser piekfeinen Akademie ausgebildet zu werden, er war von einer Militärakademie in Pennsylvania von der CIA abgeworben worden und erhielt zu Zeiten des Kalten Krieges eine schonungslose Ausbildung. Nach ein paar Einsatzjahren landete er mit Hilfe Hank Burnettes, den er im Rahmen seiner Agententätigkeit kennengelernt hatte, bei der IDA. Und er arbeitete gerne für diese private Institution. Nicht nur wegen des Geldes, das hier reichlicher floss als bei den Staatseinrichtungen. Sondern auch, weil er in dieser Tätigkeit erheblich mehr Sinn erkannte, als für Regierungen in der ganzen Welt herumzuspionieren. Nun ja, und meist war es auch weniger lebensbedrohlich.

Sam durchquerte das Foyer, erklomm mit großen Sätzen den Treppenaufgang, hielt sich rechts und stand vor der Bürotür seiner Bosse. Er klopfte heftig dagegen, öffnete beschwingt und trat ein.

»Guten Abend, Eure Lordschaft! Hi, Hank! Melde untertänigst, mein Paket unversehrt abliefern zu können.«

Sir Sean William Burnette erhob sich von seinem ledernen Schreibtischsessel, ging um den Tisch herum und hielt Sam seine Hand hin.

»Guten Tag, Mr. Wills, ich danke Ihnen für Ihre Mühe. Ich hoffe, der Junge hat Ihnen nicht allzu viel Schwierigkeiten bereitet?«

»Nein, Sir, überhaupt nicht! DeLorca war handzahm. Ich musste keinen Druck ausüben. Außerdem hab ich’s gern gemacht. Eine willkommene Abwechslung.«

Hank klopfte ihm auf die Schulter. Die zügellose Freude über die Ankunft des »Wunderknaben«, verbunden mit der uneingeschränkten Macht, die er von nun an über ihn ausüben durfte, prägte gänzlich den Gesichtsausdruck seines Freundes.

»Danke, dass du deinen Urlaub unterbrochen hast. Aber du warst der Geeignetste, sonst hätte ich dich nicht darum gebeten.«

»Hank, ich hoffe für dich, dass du dich nicht in ihm täuschst.«

»Er ist der Richtige für uns. In ihm steckt ungeheures Potential. Wir müssen es für uns nutzen.«

Sam war diesbezüglich geteilter Meinung. Aber bevor er sich die Zunge verbrannte, hielt er es für besser, abzuwarten.

»Okay! Jetzt hast du deinen Genius ja hier. Bin gespannt, wie deine Ausbilder, vor allem dieser Winston Witherspoon, mit ihm klarkommen. Falls du Hilfe brauchst, kannst du mich gern holen.« Er grinste Hank an. »Aber ich rate dir, einen der Ausbilder einzuweihen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass DeLorca mit den anderen jungen Leuten«, er deutete mit einer Handbewegung aus dem Fenster, »zurechtkommt. Es trennt sie Welten.«

»Sei nicht so pessimistisch, Sam. Ich wette, Winston gelingt es, ihn in unser Gefüge einzupassen.«

»Mit Zwang? Er wird ihm den Rest geben, ihn für uns unbrauchbar machen!«

»Sam, bitte! Winston ist gut, vertrau mir. Auch wenn du ihn nicht leiden kannst.«

Er lachte auf. »Das ist noch untertrieben.«

»Wir sind der Meinung«, sagte Hank unbeirrt, »und haben auch schon genug Erfahrung, dass Winston mit den jungen Leuten, die ja alle zunächst hochgesteckte Ziele haben, teilweise arrogant und voller verrückter Ideen sind, sehr gut umgehen kann. Er wird auch Jeromey angemessen anpacken.«

»Deine Zuversicht in allen Ehren. Doch sobald ich es für nötig erachte, greife ich ein, ob es euch passt oder nicht.«

»Sam, ich muss mich wundern.« Hank runzelte die Stirn. »Empfindest du etwa Sympathie für den Jungen?« Seine Mimik unterstrich die kompromisslose Entschlossenheit. »Dann solltest du auch einsehen, dass Jeromey einigen Drill benötigt – insbesondere, weil er nicht nur scharfsinnig und hochbegabt ist, sondern dazu selbstgefällig, starrköpfig und unberechenbar. Diese brisante Mischung macht ihn meiner Einschätzung nach hochgradig gefährlich. Davon abgesehen, wir bieten ihm hier einiges, was ihm sicherlich auch Spaß machen wird. Das ist nicht von der Hand zu weisen.«

Lord Burnette, der sich wieder hinter seinem Schreibtisch niedergelassen hatte, schloss sich Hanks Hartnäckigkeit an.

»Mr. Wills, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, so wie ich es auch den Eltern des Jungen und den deutschen Polizeibeamten gegeben habe: Wir ermöglichen Jeromey eine optimale Zusatzausbildung. Aber wir können nicht alle Personen, mit denen er in nächster Zeit zusammenkommt, in sein Vorleben einweihen oder über das, was wir mit ihm vorhaben. Bis jetzt weiß nur Mr. Witherspoon teilweise Bescheid. Bitte bedenken Sie, der Junge ist aufgrund seiner zusätzlichen amerikanischen Staatsangehörigkeit nicht einmal zur Musterung bei der Deutschen Bundeswehr vorgesehen. Und es braucht keiner zu hoffen, dass er sich freiwillig bei der Bundeswehr oder dem US-Militär meldet. Deshalb betone ich: Jeromey benötigt neben einer zielgerichteten Fortbildungsmöglichkeit auch disziplinarische Strenge. Dieses Gesamtpaket bekommt er bei uns. Natürlich nicht ohne Berechnung. Er soll lernen, seine Begabung in vollem Umfang zu nutzen, damit wir ihn für uns gewinnen und effektiv einsetzen können. Und es kostet ihn und seine Familie keinen Penny.«

»Es kostet ihn seine Freiheit«, unterbrach Sam die Ausführungen des Lords.

Hank bedachte Sam mit einem verärgerten Kopfschütteln.

Aber Lord Burnette blieb ungerührt.

»Sie können Jeromey DeLorca jetzt holen, Mr. Wills.«

Jetzt

JEROMEY

Das Projektil trifft ihn lautlos aus dem Hinterhalt. Die Wirkung ist enorm. Jeromey spürt den harten Einschlag in seine rechte Schulter und glaubt zunächst an den Boxhieb eines vorbeidrängenden Passanten.

In seinem rechten Arm setzt ein Kribbeln ein, die Finger werden taub. Mit seiner Linken packt er Annikas Hand, fester als beabsichtigt. Er sieht ihren erschrockenen Blick, ihren geöffneten Mund, aber was sie sagt, hört er nicht.

Der zweite Schuss trifft ihn in den unteren Rückenbereich, der dritte streift seine linke Halsseite. Schlägt in die nächstliegende Hauswand ein.

Er lässt Annika los. Schwankt.

Nicht hinfallen, keine Schwäche bloßlegen, er muss Annika aus dem Schussfeld bringen. Unmöglich. Er ist nicht einmal in der Lage, nach dem nahen Lampenmast zu greifen, sich zu stützen.

Eine verdammte vierte Kugel fetzt in seinen linken Oberschenkel und nimmt ihm die letzte Möglichkeit, kontrolliert zu handeln.

Er sackt auf die Knie.

»Jamey!«, schreit Annika. Nein, sie kreischt es. Es tut in seinen Ohren weh.

Leute halten an, gaffen neugierig. Bleiben auf Abstand. Gehen rasch weiter. Um nicht in etwas hineingezogen zu werden, das sie nichts angeht.

Blut strömt aus seinem Körper. Womöglich hat sein letztes Stündlein geschlagen. Wo er doch höchst offizieller Eigentümer eines alten Militärgeländes unweit Münchens geworden ist. Keine zwei Stunden ist es her, seit er mit Annika bei dem Notar war, den Beweis der letzten Zahlung vorgelegt und die Kaufurkunde zusammen mit einem bayerischen Landesvertreter unterzeichnet hat. Den Vorvertrag vom Herbst endgültig besiegelt. Und jetzt – jetzt ist es womöglich schneller aus mit ihm als gedacht.

Annika telefoniert aufgeregt. Das Handy in der linken Hand, drückt sie mit der rechten auf seinen Oberschenkel. Versucht, die Blutung zu stoppen.

»Leg dich hin«, befiehlt sie und gibt ihm Hilfestellung.

Und das auf der Sendlinger Straße, umringt von shoppenden Menschenmassen. Er wundert sich, dass keine Panik ausbricht. Jeder Vorbeihastende ist wohl froh, dass sich bereits jemand um den Blutenden dort unten auf dem Boden kümmert. Und der Schütze vermeidet vermutlich auch, mit Kollateralschäden auf sich aufmerksam zu machen. Garantiert ist er dabei, unterzutauchen.

Der Asphalt strahlt Eiseskälte ab, so wie auch dieser Januarfreitag. Jeromey starrt in den gletscherblauen Mittagshimmel, die Härte des Bodens drückt durch seine isolierende Jacke. Er hört Glockengeläut. Zwölf Uhr.

Mit Mühe reckt er seinen Kopf in Richtung der gegenüberliegenden Häuserfront. Sucht sie ab. Der Schussrichtung nach könnte aus einem der oberen runden Fenster des Gebäudes gefeuert worden sein, worin sich ein amerikanischer Bekleidungsladen befindet.

»Schau mich an«, fordert Annika scharf. »Rede mit mir.«

Sagt sie das zu ihm? Ja klar, sie steckt das Telefon weg.

Er kriegt keinen Ton heraus. Oder doch?

»Shit!« Mehr kommt nicht über seine Lippen, die er kaum zu bewegen in der Lage ist.

Er friert, die Lider fallen ihm zu. Meine Güte, wie die Einschüsse brennen. Feuer im ganzen Körper. Er war doch früher nicht so schmerzempfindlich – oder hat er es vergessen? Verdrängt, wie so vieles? Er wird ja auch nicht jünger. Wenn man die Vierzig erreicht hat, darf man schon mal zugeben, wenn die Schmerzen überhandnehmen. Aber warum nicht ein gezielter Schuss in den Kopf?

Annika hantiert an ihm herum, doch was soll sie tun? Selbst als Notfallärztin hat sie nicht ständig ihre Utensilien dabei.

»Jamey, sag was.«

Er blinzelt sie an.

»Irgendwas. Wo sind wir vorhin gewesen?«

Sein Hals ist trocken. Er schluckt. Keine gute Idee.

Sein Hals muss durchbohrt sein. Es fühlt sich an, als laufe jegliche Flüssigkeit, die sein Körper zu bieten hat, aus ihm heraus.

Annika klatscht ihm auf die Wange.

»Hey!«, wehrt er heiser ab. Dann überlegt er. »Boutique.«

Zu mehr ist er nicht fähig.

Annika lächelt ihn an. »Das schaffen wir schon.«

Nicken kann er nicht. Will er nicht. Warum auch. Er glaubt ihr ohnehin nicht.

Wie viel Leben hat eine Katze? Sieben sagen die Deutschen, neun behaupten die Engländer.

Und wie viel hat ein Mensch? Ein einziges Leben. Vorausgesetzt, man glaubt nicht den Religionsvertretern. Und wenn man davon ausgeht, dass mit viel Glück dieses eine Leben immer wieder verlängert werden kann, und wenn man gegenrechnet, wie viel Glück er bereits verbraucht hat, darf er nur noch hoffen, dass es schnell geht und sich die Schmerzen in Grenzen halten.

Er hört Martinshörner.

Versinkt im Nichts.

KAPITEL 2

Damals

JEROMEY

Er lehnte mit dem Rücken am Bentley, seine Hände vergraben in den Taschen der Jeans. Ihm entging das neugierige Abschätzen der Herumsitzenden nicht, er kam sich ziemlich fehl am Platz vor.

Fröstelnd öffnete er die Klappe des Kofferraums und holte seine Jacke heraus. Aus schwarzem Leder. Er zog sie an. Ein Schauern überfiel ihn, er hatte sie zusammen mit Jenny gekauft. Wie auch die schwarzen Jeans, die er trug. Jenny hatte gemeint, er sähe einfach toll darin aus. Er war kurz davor gewesen, die Klamotten zu entsorgen, hatte sich jedoch letztlich entschieden, sie zu behalten. So bewahrte er sich ein wenig das Gefühl, die tote Freundin stünde neben ihm.

Drüben am Parkplatz erkannte er unter den durchschnittlichen Fahrzeugen drei Luxuskarossen: einen silbergrauen Rolls Royce, eine rote Jaguar-Limousine und einen dunkelgrünen Jaguar-Sportflitzer. Ob die Queen oder James Bond hier Stammgäste waren?

Leise lachte er in sich hinein und legte sein Augenmerk auf das freistehende Gebäude links neben dem Schloss, vor dem die Offroader parkten.

Es musste jüngst renoviert worden sein, denn in der Gebäudemitte gab es ein großes, zweiflügliges Hochglanzmetalltor. Zu beiden Seiten waren mehrere kleine Fenster mit Metallrahmen ins Mauerwerk eingelassen. Womöglich verbarg sich dort eine Garage. Die Fenster in den oberen Geschossen schienen ebenfalls neu zu sein, aber stilgerecht. Teilweise befanden sich Blumenkästen davor.

»Na, träumst du?«

Wills stand unvermittelt hinter ihm, schlug ihm fest auf die Schulter.

Erschrocken fuhr Jeromey herum. »Hey! Sind Sie verrückt?«, zischte er. »Ich kann auf den Tod nicht leiden, wenn sich jemand anschleicht.«

Beschwichtigend hob Wills seine Arme. »Reg dich nicht auf. Ich habe mich nicht angeschlichen – du hast mich nur nicht gehört.«

Die grauen Granitstufen am Eingang und die von Säulen getragene Überdachung deuteten auf ein höchst niveauvolles Ambiente hin. Und doch empfing ihn das imposante Schlossinnere mit einer Wucht, die selbst Jeromey überraschte.

Wills führte ihn durch das mahagonigetäfelte Foyer, verziert durch unendlich viele Schnitzereien, zeigte nach links.

»Hinter den Glastüren befinden sich Speisesaal und Küche.«

Im Bereich vor den besagten Türen luden drei gemütliche Sitzecken mit dunkelroten, ledernen Sesseln und Couches um runde Mahagonitische zum Verweilen ein. Gegenüber stand eine unbesetzte Empfangstheke. Daneben eine Bar.

Sie steuerten auf die breite Treppe zu, die sich auf halber Ebene in zwei weitere Aufgänge teilte. Links neben dem Treppenaufgang führte ein Gang ins Dunkel.

»Dort geht’s in die Katakomben. Und auch zum Lift«, erklärte Wills mit üblichem Grinsen. »Ja, und da drüben«, er meinte die rechtsliegenden Türen im Foyer, »sind die Bibliothek und sonstigen Verwaltungs- und Büroräume.«

Wills wies Jeromey mittels Armbewegung an, die Treppen hinaufzusteigen. Er folgte ihm ins erste Obergeschoss, und sie gelangten in einen breiten Gang, der sich beidseitig und offensichtlich über die gesamte Länge des Gebäudes erstreckte.

Doch Wills bog in keinen der Gänge ein, er ging schnurstracks auf die nächstliegende Tür zu, klopfte kurz und kräftig, drückte die Klinke herunter und öffnete die massive Holztür. Sie traten in ein mit schweren Stilmöbeln ausgestattetes Büro. Zwei Männer erwarteten sie. Ein älterer, grauhaariger Aristokratentyp saß hinter dem Schreibtisch auf einem Lederstuhl, sein Kinn ruhte auf der rechten Faust, den Arm hatte er auf die Stuhllehne gestützt. Sowie ein etwa Dreißigjähriger, der sich Jeromey am Ende seines Zwangsaufenthalts beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden bereits als Hank Burnette vorgestellt hatte und ein bisschen diesem Indiana-Jones-Schauspieler ähnelte, in den seine Mom so vernarrt war. Er war es auch, der nach vorne trat und Jeromey per Handschlag grüßte.

»Willkommen auf unserem Landsitz. Ich möchte dich mit meinem Onkel, Sir Sean William, Lord Burnette, bekannt machen. Er ist der Eigentümer dieses Anwesens und auch unser aller Vorgesetzter.«

Hank Burnette schob Jeromey um den Schreibtisch herum bis vor den Lord. Der hielt seinerseits Jeromey die Rechte entgegen, blieb aber sitzen, während sie sich die Hände schüttelten. Stattdessen lagen seine stechenden Augen beharrlich auf ihm. Ein unbehagliches Analysieren, das Jeromey an sich abprallen ließ.

Der Lord gab seine Hand wieder frei.

»Ich erwarte von dir Enthusiasmus, Ehrgeiz und Ehrlichkeit«, leitete Hank Burnettes adliger Onkel seine nun anstehende Rede ein. »Du benötigst diese Grundsätze, um in unserer Gemeinschaft mitzuwirken. Wir sind hier eine Privateinrichtung, vorrangig zur Aus- und Weiterbildung von Sicherheitskräften und Personenschützern. Aber auch zum Erlernen der Selbstverteidigung, Aneignen von Spezialwissen sowie Vertiefen des Allgemeinwissens. Die organisatorische Leitung hat Dr. Geoffrey Strout, der auch Chemie doziert. Du wirst ihn später kennenlernen.« Der Lord setzte eine künstlerische Pause. »Unsere Teilnehmer sind allesamt freiwillig hier und bezahlen viel Geld. Quertreiber sind unerwünscht. Dein Fall ist speziell gelagert, dein Aufenthalt findet gezwungenermaßen statt. Dennoch musst du unsere Regeln respektieren und befolgen. Im Gegensatz zu den anderen darfst du das Gelände nicht ohne Genehmigung und Begleitung verlassen. Es ist in deinem Sinn nicht angebracht, dies den anderen mitzuteilen, da sie keine Details über dich wissen. Du wirst dich fair verhalten, keinen Streit anzetteln oder ähnliche Kapriolen vollführen.«

Diese Maßregelung wollte erst einmal verdaut sein.

Lord Burnettes Augen blieben auf ihm verankert, scheinbar erwartete er eine Reaktion.

Jeromey überlegte nicht lang.

»Danke, Sir, für die Aufnahme in Ihre Eliteschule. Immerhin erspart mir das einen Gefängnisaufenthalt. Ich werde mich bemühen, Sie nicht zu enttäuschen. Ich lasse mich aber nicht zu einem unterwürfigen Hund degradieren, falls Sie das im Sinn hätten.«

Das mokierte Kopfschütteln Hank Burnettes blieb Jeromey nicht verborgen. Auch nicht das Stirnrunzeln von Sam Wills. Unterdrückte der Amerikaner ein Lachen?

Der Lord hingegen verzog keine Miene. »Gut, mein Junge. Da wir die Fronten geklärt haben, übergebe ich dich in die Obhut meines Neffen sowie deines zukünftigen Ansprechpartners und Ausbilders, Mr. Winston Witherspoon.«

Lord Burnette erhob sich, verabschiedete sich knapp und verließ das Büro.

Hank Burnette und Sam Wills sahen sich an, bis Wills sich umwandte und sagte: »Ich wünsche dir eine gute Zeit, Jeromey. Vergeude sie nicht.«

Ein Zurück gab es nicht mehr. Das wurde Jeromey mit einem Schlag bewusst. Egal, was ihn hier erwartete, er musste es durchziehen.

Hank Burnette brachte ihn auf sein Zimmer, stellte ihm seinen Mitbewohner vor und zog sich zurück.

Roy Sutherland, fünfundzwanzig, ein hellhäutiger Schwarzer, machte auf Anhieb einen sympathischen Eindruck. Er war kleiner als Jeromey, aber drahtig und muskulös. Seine schwarzen, krausen Haare trug er radikal kurz, seine braunen Augen verliehen ihm ein vertrauenswürdiges Aussehen. Allerdings grüßte er Hank Burnette übertrieben ehrfürchtig, mit leichter Verbeugung und ohne Handschlag. Das störte Jeromey.

Das geräumige Zweibettzimmer befand sich im obersten Geschoss in Richtung des Schlossvorplatzes. Roy erklärte, die Einzelzimmer lägen nach hinten mit Aussicht auf den Park.

Duschen gab es an den jeweiligen Flurenden, die Zimmer besaßen jeweils kleine Sanitärräume mit Toilette, Waschbecken und Wandschrank. Insgesamt machten Mobiliar und Ausstattung einen erstklassigen Eindruck. Jeder verfügte über einen eigenen Schrank sowie auch Schreibtisch. Zufrieden räumte Jeromey seine wenigen Sachen ein.

»Meine Mom stammt aus den USA, ist Schwarze, wie man an mir erkennen kann«, sagte Roy mit süffisantem Grinsen und setzte sich auf sein Bett. »Mein Dad ist gebürtiger Kanadier, wir leben aber in Maine. Dort war ich bei den Pfadfindern, bin später zur U. S. Army und habe eine Scout-Spezial-Ausbildung gemacht. Ich war in Heidelberg stationiert, als ich Sam Wills kennenlernte. Er hat mich für die IDA abgeworben, und jetzt durchlaufe ich eine Zusatzausbildung.«

Er brachte noch seine Begeisterung für diese Institution zum Ausdruck und dass er seine Entscheidung nicht bereue. Jeromey ließ ihn reden.

Bis er die unvermeidliche Frage stellte: »Und du? Du siehst auch nicht grad wie ein Reinblutweißer aus. Du kommst aus Deutschland?«

Jeromey erwiderte zunächst nichts. Was konnte er von sich preisgeben, ohne mit Lügen beginnen zu müssen?

»Hey, was ist?«

»Sorry, Roy. Meine Mom ist Deutsche, mein Dad ein Lakota aus South Dakota. Er lebt nicht bei uns.«

»Und weiter?«

Ob Notlügen ihm halfen?

»Ich bin Mr. Hank Burnette per Zufall begegnet, hatte meinen Job verloren, und als er mich gefragt hat, ob ich hierher möchte, habe ich zugestimmt. Besser, als auf der Straße zu sitzen. Man sagt uns ja nach, dass wir gern im Alkoholrausch untergehen, und dem will ich vorbeugen. Und auch ein bisschen was lernen.«

Garantiert ahnte Roy, dass es bestimmt nicht so gewesen sein konnte, denn ohne triftigen Grund kam man nicht auf Schloss Burnette, dennoch stellte er keine weiteren Fragen.

»Komm, ich zeig dir das Anwesen«, forderte er Jeromey stattdessen auf.

Im Foyer wandten sie sich nach rechts, vorbei an der Bar und den Sitzgruppen durch die jetzt geöffnete Tür, durchquerten den Speisesaal, der mit Holzbalken in verschiedene Nischen abgeteilt war, und hielten sich rechts, wo sich eine modernisierte raumhohe Glasfront erstreckte, aufgeteilt in Fenster und Schiebetüren.

Roy schob eine der Türen auf, und sie betraten die großflächige, mit alten, teilweise zersprungenen Steinplatten belegte und einer Steinmauer abgesicherte Terrasse, die etwa eine halbe Etage über dem Gartenniveau lag. Sie überquerten sie, blieben an der Steintreppe stehen und blickten auf einen gepflasterten Weg hinab, der das Schloss umrundete. Es zweigten weitere Wege ab und führten in alle Richtungen durch das gepflegte Anwesen. Links, halb verborgen hinter Bäumen und Sträuchern, befand sich ein einstöckiges Gebäude mit Glasfront. Eine Schwimmhalle, wie Roy erklärte.

»Und dahinter liegt ein Sportplatz mit allen Raffinessen, auf dem werden wir, wie unser Ausbilder so schön sagt, geschliffen. Aber so schlimm ist es auch wieder nicht.« Dann wandte er sich um. »Den Rest des Geländes wirst du in den nächsten Tagen kennenlernen.«

Sie gingen in den Speisesaal zurück, der sich soeben füllte.

»Zeit fürs Abendessen«, meinte Roy. »Aber wir können die Besichtigungstour vorher beenden.«

Roy führte Jeromey in die Bibliothek. Sie war gewaltig, an den Fenstern gab es Sitzgruppen. Am liebsten wäre er hiergeblieben. Aber Roy zog ihn wieder hinaus und vorbei an der Treppenanlage bis zum kleinen Gang links daneben.

Vorne links befand sich eine Aufzugtür, weiter hinten eine Metalltür, die Roy anstrebte und öffnete. Eine sichtlich neu eingebaute Treppe führte in die Tiefe. Hell ausgestrahlt mittels indirekter Beleuchtung passte dieser Bereich überhaupt nicht zum Stil des Schlosses. Unten stießen sie auf einen ausgedehnten Gang, dessen Wände in noch hellerem Blau als der Boden gehalten waren, unterbrochen durch mehrere weißgestrichene Metalltüren.

»Hier links ist unser Fitnesscenter«, erklärte Roy und öffnete besagte Tür. »Da kannst du trainieren, so oft du willst.«

Der großzügige Raum war ausgestattet mit den besten Sportgeräten, die der Markt zu bieten hatte. Im hinteren Bereich, verdeckt von einer Regalwand, führte eine Treppe noch weiter in die Tiefe.

Wohin diese führte, sagte Roy nicht. Wieder im Korridor, wies er auf die anderen Türen. »Das sind Besprechungszimmer und ein Arztzimmer.« Geradeaus stießen sie auf eine Sicherheitsstahltür. Eine Kamera war darüber installiert. »Hier ist unsere Schießanlage. Die darf man aber nur unter Aufsicht benutzen.«

»Muss jeder ein Schießtraining machen?«, fragte Jeromey vorsichtig. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, unter schießwütige junge Leute geraten zu sein.

Roy sah ihn verwundert an.

»Vergiss es!«, sagte Jeromey schnell.

Was Roy veranlasste, sich wieder seiner Führung zu widmen. Der Gang zog sich nach links und mündete in einen unbeleuchteten Teil.

»Da hinten ist eine weitere Sicherheitstür. Von dort aus gelangt man unterirdisch zu den Garagen und in die Schwimmhalle.« Roy musterte ihn eindringlich.

Jeromey fröstelte. »Eine tolle Anlage«, rang er sich ab, um überhaupt etwas Lobendes von sich zu geben.

»Gehn wir essen«, sagte Roy und wandte sich von ihm ab.

Jetzt

JEROMEY

Das Piepen der elektronischen Überwachungsgeräte ist nervtötend. Also lebt er?

Oder steht er vorm allmächtigen Schöpfer, und eine Stoppuhr in den Klauen des Antichristen zählt die letzten Momente, bevor sie ihn zum Dauerverbleib in der Hölle verdonnern?

Das Stimmengemurmel in nicht einschätzbarer Nähe kann er nicht zuordnen, seine Augen kriegt er nicht auf. Wie verklebt.

Und wenn verklebt, dann ist er auch nicht irgendwo im Nirgendwo, sondern im Krankenhaus.

Eigentlich sollte er daran gewohnt sein, nach Narkosen aufzuwachen, doch jedes Mal artet es in neue Erfahrungen aus.

Ihm wird übel. Er hustet. Stöhnt auf vor Schmerzen.

»Jamey!«

Annika ist also da. Sie kommt herbeigeeilt. Er hört die tapsenden Schritte.

Neben ihm ist jemand anderes. Eine Krankenschwester. Er bemerkt die metallene Brechschüssel vor seinem Mund. Und eine stützende Hand im Genick. Na, und wenn sie schon darauf warten, sollen sie ihr Vergnügen haben.

Er übergibt sich. Es ist gallenbitter. Reizt ihn zu immer neuen Schüben. Bis die Leere in seinem Innern nichts mehr herausrückt.

Seine Augen sind tränenfeucht, er kann sie wieder öffnen. Erleichtert nimmt er nicht nur Annika wahr, sondern auch Frank. Demnach muss der Bestatter noch ein Weilchen auf ihn warten.

FRANK

Nicht schon wieder, ist mein erster Gedanke nach Annahme des Telefonats. Kann doch nicht sein, die erste Reaktion, als Armin Deckart, Jeromeys Boss, mir klarlegt, ein Attentat sei auf meinen Bruder verübt worden.

»Hört denn das nie auf? Wieso kriegt ihr das nicht in den Griff?«, schnauze ich ihn an, nachdem er mit seinen Ausführungen fertig ist. Eine Entschuldigung für mein Aufbrausen bringe ich nicht über die Lippen, Hilflosigkeit und Verzweiflung schieben einen Riegel vor.

Dann gebe ich in der Kanzlei Bescheid, dass ich nach der Mittagspause nicht mehr erscheinen werde, packe meine Sachen und fahre mit Patrizias Segen noch in derselben Stunde nach München.

Gegen 16:30 Uhr erreiche ich die bayerische Hauptstadt.

Im Bogenhausener Klinikum hat man ihm im obersten Stock ein Einzelzimmer mit Bewachung gegeben. Ganz am Ende des Gangs. Erleichtert nehme ich zur Kenntnis, dass er nicht mehr im Intensivbereich liegt, sondern auf der Privatstation.

Vor der Tür sitzen zwei Männer in Zivilkleidung. Meiner Einschätzung nach keine IDA-Agenten, sie sind mir persönlich nicht bekannt. Es sind wohl Polizeibeamte, denn mein Ausweis sagt ihnen nichts, und sie unterziehen mich einer Leibesvisitation, bevor ich ins Zimmer darf.

Die Infusions- und Überwachungsgeräte erschrecken mich aufs Höchste. Ein Déjà-vu vom Déjà-vu. Es wird sich niemals ändern.

Er liegt reglos da. Wie tot. Nur die laufende EKG-Anzeige zeugt von dem bisschen Leben, das noch in ihm steckt. Eigentlich ein normaler Anblick direkt nach solchen Operationen. Trotzdem könnte er genauso gut auf dem Seziertisch eines Gerichtsmediziners liegen. Blass, abgezehrt, ausgekühlt.

»Jeder Schuss hätte an sich schon tödliche Auswirkungen haben können«, teilt mir Annika unverblümt mit, die auf einem Stuhl zwischen Fenster und seinem Bett ausharrt.

»Na, dann hat er ja mal wieder unverschämtes Glück gehabt«, antworte ich gereizt und bin mir meiner Unhöflichkeit bewusst, sie nicht einmal gegrüßt zu haben. »Weiß man schon, was geschehen ist?« Ich gebe meiner Stimme einen freundlicheren Klang. »Wer der Heckenschütze war? Sicher kein Profi, wenn er viermal ansetzen muss, um überhaupt zu treffen.«

Annika hebt die Schultern, schüttelt den Kopf. »Mir sagt man nichts. Da musst du dich an seine Leute wenden, Frank.«

Die Krankenschwester schlüpft leise ins Zimmer und überprüft die Kanülen und Geräte.

»Ich glaube, er kommt zu sich«, äußert sie sich und lächelt mit aufgesetzter Freundlichkeit. Sie greift nach der Brechschüssel.

Wenig später sitze ich auf der anderen Seite neben Jeromeys Bett. Halte seine Hand, als wäre er ein kleines Kind. Er wirkt auf mich wie ein Kind, ein unglückseliges.

Seine Augen sind zu Schlitzen geöffnet. Sein Hals ist dick verbunden. Ich bin erstaunt, als er zu reden versucht.

»Hi, Frank.« Es ist nur ein Flüstern, er schluckt schwer. »Schön, dass du da bist.«

Er entzieht mir seine Hand unter Aufbietung seiner letzten Kräfte. Das merke ich ihm an.

»Ist doch klar, Jamey. Ich soll dir einen Gruß von Patrizia und den Jungs ausrichten.«

Er reagiert nicht, und mir fällt nichts weiter ein, das sinnvoll wäre. Ich bin froh, dass Annika noch dageblieben ist.

Wir plaudern über belanglose Dinge. Wetter, Verkehr. Dann erzählt sie mir von den Geschehnissen.

Hin und wieder versuchen wir, Jeromey anzusprechen, doch er scheint zu schlafen. Wir wecken ihn auch nicht auf.

»Wie wäre es, Frank«, meint Annika nach einer Weile, »wenn du dich erkundigst, was eigentlich los ist? Mit dir spricht Herr Deckart sicher. So heißt doch sein Chef, oder?«

Das nenne ich eine prima Idee.

JEROMEY

Annika streichelt ihm die Wange, und er öffnet seine Augen.

»Nika«, bringt er über die trockenen Lippen.

Sie tupft ihm mit feuchten Wattestäbchen über den Mund. Der künstliche Zitronengeschmack ist eklig, und er würgt. Er kann den Reiz verdrängen, ist ohnehin nichts mehr im Magen.

»Wie fühlst du dich?«, fragt sie.

Was soll er sagen? Beschissen?

»Gut. Morgen geh ich heim.« Er bringt ein Lächeln zustande. Die körperlichen Schmerzen sind verflogen.

»Glaub ich nicht. Das sind nur die Medikamente«, raubt Annika ihm jegliche Hoffnung. Auf ihrem Gesicht erscheint ein seltsamer Ausdruck, den er nicht einzuschätzen weiß.

»Leider«, sagt sie schlagartig mit schneidendem Tonfall, »können sie dir nicht alles geben, was gut für dich wäre.«

Er hat keine Vorstellung, was sie meint. Versinkt in ihren herrlichen blauen Augen. Merkt, dass sie auf etwas wartet.

»Warum?«, nuschelt er angestrengt.

»Du hast mir etwas verschwiegen.«

Verschwiegen? Sein Schädel pocht. Er bekommt kaum Luft. Hat sie etwa herausbekommen, wer sein Arbeitgeber ist? Immerhin hat er ihre irrige Meinung, er gehöre einer Polizeisondereinheit an, noch nicht widerlegt. Aber das hätte nichts mit seiner Behandlung zu tun.

»Was denn?« Er atmet ein. Und wieder aus. Ein wahrer Kraftakt.

Sie scheint verärgert. Davon zeugen die Zornesfalten auf ihrer Stirn. »Deine Leberzirrhose!«, fährt sie ihn an.

Er schließt die Lider. Öffnet sie wieder. Annika sitzt unverändert am Bett. Mit Tränen in den Augen.

»Sorry. Vergessen.«

»Vergessen?«, schreit sie zurück.

Tatsächlich hat er schon ein paar Wochen nicht mehr daran gedacht. War vor lauter Verliebtsein mit Blindheit geschlagen. Ist nur noch durch rosa Wölkchen geschwebt. Deshalb liegt er ja auch in diesem scheißverfluchten Krankenbett.

»Bitte«, presst er hervor. Greift nach ihrer Hand.

Sie zieht sie weg.

Was soll er tun? Nichts kann er tun. Nicht in dieser Situation. Nicht einmal richtig sprechen. Ein zweites Mal langt er nach ihrer Hand. Sie lässt jetzt zu, dass er sie berührt.

»Tut mir leid«, murmelt er.

»Sobald es dir besser geht, reden wir darüber.« Sie klingt versöhnlicher.

»Okay.«

Dann küsst sie ihn auf die Stirn und verabschiedet sich.

KAPITEL 3

Damals

JEROMEY

Sie hatten nach dem Abendessen mehrere Tische zusammengeschoben, Getränke vor sich stehen, und Roy ging völlig in seinem Element auf.

»Mit unserm Nachzügler ist das Team vollständig. Das ist Jeromey DeLorca, er ist erst achtzehn. Wenn ihr Fragen an ihn habt, müsst ihr sie ihm selbst stellen. Ja, und nun«, wandte er sich an Jeromey, »mache ich mal die Runde durch.«

Nacheinander stellte er die dreizehn Teammitglieder vor. Plauderte unablässig. Aber keiner beschwerte sich, sie stimmten lediglich mit einem Nicken Roys Ausführungen zu oder schmunzelten amüsiert vor sich hin.

Da war zunächst der athletische Spanier José Escolano, ein zweiundzwanzigjähriger Profischwimmer mit vielen Auszeichnungen. Er kam unmittelbar von einer Sport-Uni.

Daniel Montgomery, vierundzwanzig, Typ Sonnyboy, hatte bereits eine Ausbildung als Kriminalpolizist bei Scotland Yard hinter sich und erwartete eine fundierte Fortbildung.

Aus Nordirland stammte Lloyd Spencer. Trotz seiner Größe von einem Meter neunzig machte der Vierundzwanzigjährige einen sehr agilen Eindruck. Seine Eltern waren durch ein Bombenattentat ums Leben gekommen, er zog siebzehnjährig zu einem Onkel nach Schottland, wo er seinen Hochschulabschluss absolvierte. Als begeisterter Kampfsportler wurde er Trainer in einer Sportschule. Doch sein Hass auf Gewaltverbrecher ließ ihn auf einem schmalen Grat zwischen Recht und Unrecht wandeln, er tötete einen Einbrecher und wurde verurteilt. Der Lord hatte höchstpersönlich eingegriffen und ihn auf die Akademie geholt. Jeromey sympathisierte mit dem attraktiven Mann, erkannte er doch gewisse Parallelen zu seinem eigenen Schicksal.

Der smarte Franzose Pierre Dubois gehörte mit seinen achtundzwanzig Jahren zu den reiferen Mitgliedern dieser Truppe. Er gab sich galant, höflich und humorvoll. Ausgestattet mit dunkelbraunen Haaren, leuchtend blauen Augen und einem insgesamt guten Aussehen, fiel es ihm bestimmt leicht, bei den Frauen anzukommen. Nach seiner Ausbildung bei der Pariser Kriminalpolizei war es sein Ziel, Fahnder bei Interpol zu werden. Beim Bewerbungsgespräch machte ihm Hank Burnette eine zusätzliche Karriere bei der IDA schmackhaft.

Der deutsche Polizist Stephan Mohr, siebenundzwanzig, strebte beim Bundesgrenzschutz eine neue Laufbahn an. Über Umwege hatte er von der Special Training Academy gehört und sich entschlossen, sein erspartes Geld in eine aufbauende Ausbildung zu investieren. Der Dunkelblonde mit seinen freundlichen Augen benahm sich anfänglich ein wenig reserviert.

Der zweite Deutsche im Team war der vierundzwanzigjährige Robert Lasser. Seine hellbraunen Augen funkelten stets etwas arrogant, dadurch war er schwer einzuschätzen. Er hatte Mohr während seiner Polizeiausbildung kennengelernt und beabsichtigte, ebenfalls zum BGS zu wechseln. Folglich schloss er sich diesem auch an, als er zur STA ging. Der finanzielle Aspekt spielte bei ihm keine Rolle.

Aus der Schweiz stammte Rainier Lambert, vierundzwanzig, braunhaarig, blaue Augen. Allerdings nur einen Meter fünfundsechzig groß und leicht übergewichtig. Sein erhofftes Ausbildungsziel bei der Schweizer Polizei konnte er nicht erreichen. Mitunter war er Hänseleien seiner Kollegen ausgesetzt, die ihm die Entscheidung erleichterten, sich umzuorientieren. Sein Onkel unterhielt eine Sécurité-Firma in Zürich, in die er nach der STA-Weiterbildung einsteigen wollte.

Nun gab es noch den Ex-US-Marine mit Bodybuilder-Figur, Tom Skerril. Mit seinen sechsundzwanzig Jahren, seiner stattlichen Größe und den hellblonden Haaren stand seinen Plänen, Stuntman in Hollywood zu werden, nichts im Weg. Seine Freundschaft mit einem IDA-Agenten brachte ihn auf die Idee, eine Zusatzausbildung als Bodyguard anzustreben. Geld war vorhanden, folglich gab es keine Barrieren.

Mit ihm zusammen kam der schmächtige, zartbesaitete Lester Chamberlain, ein sechsundzwanzigjähriger Engländer, den Tom während einer Urlaubsreise kennengelernt hatte. Mitten in seiner Schauspielerkarriere ließ er sich von dem Abenteuerjob eines Stuntmans anstecken und schloss sich Tom an. Finanziell galt er als gut abgesichert.

Zum Team gehörten noch vier Frauen: Jill Mansfield, blonder Kurzhaarschnitt, vierundzwanzig Jahre, einen Meter siebzig groß, mit A-Level-Abschluss und Ausbildung bei Scotland Yard. Um ihre dortige Karriere zu forcieren, erachtete sie zwei zusätzliche Ausbildungsjahre auf der STA als ideal. Sie neigte zur Arroganz.

Die zweite Engländerin im Team war die knapp einen Meter sechzig kleine Laura McDowell. Die Dreiundzwanzigjährige trug ihre dunkelblonde, lockige Haarpracht im Genick zusammengebunden. Die sportbegeisterte Kickboxerin wollte nach ihrem pädagogischen Studium eine Sportschule zur Selbstverteidigung für Frauen gründen und empfand eine Zwischenausbildung bei der STA als ideale Voraussetzung.

Die Österreicherin Gina Wirl, schwarzgefärbtes schulterlanges Haar, mittelgroß und überschlank, liebte Extremsport wie Klettern, Mountainbiken und Drachenfliegen. Das zweite Hobby der Zweiundzwanzigjährigen war es, Sprachen zu erlernen. Nach ihrer Ausbildung bei einer Versicherung wollte sie Versicherungsdetektivin werden, hatte aber keine Vorstellung, wo. Eine Bekannte bei der Wiener Kripo hatte ihr von der IDA und der dazugehörigen Akademie erzählt und sie vermittelt.

Die einundzwanzigjährige Schwedin Britta Sundberg stellte sich als Letzte vor. Mit ihrer Mannequinfigur und den langen, blonden Haaren hinterließ sie einen sexy Eindruck. Roy meinte hinter vorgehaltener Hand, sie sei Meisterin im Flirten, was ihr angeblich schon eine Rüge vonseiten der Akademieleitung eingebracht hätte.

Doch Britta lachte lauthals. »Die Jungs«, sagte sie, »glauben halt, was sie glauben wollen. Bilde dir lieber selbst eine Meinung.«

Roy meinte weiter, ihr Vater sei bei der Stockholmer Kriminalpolizei ein hohes Tier, weshalb sie wohl in seine Fußstapfen treten werde.

Sämtliche Augenpaare der sonderbaren Mannschaft lagen auf Jeromey.

»Tja«, begann Lloyd Spencer, »du hast einiges über uns erfahren, jetzt sind wir an der Reihe. Du bist verhältnismäßig jung. Von welcher Schule bist du denn geflogen?«

Er setzte ein spöttisches Grinsen auf, was Jeromey bei ihm nicht erwartet hätte.

»Von einer Berufsschule.« Im Prinzip stimmte das ja auch.

Lloyd lachte auf. Sagte aber zunächst nichts.

»Welschen Beruf ’ast du denn erlernt?«, fragte Pierre Dubois mit starkem Akzent, »oder ’ast du keinen Abschluss?«

»Doch!«, antwortete Jeromey kurz angebunden.

»Welchen Beruf?«, setzte Lloyd nach.

»Warum wollt ihr das wissen?« Jeromey war sich im Klaren, dass das kein geschicktes Ausweichmanöver war.

»Wir haben keine Geheimnisse voreinander«, meinte Roy.

»Also, was hast du getrieben?«, stellte Stephan Mohr in den Raum.

In die Enge gedrängt, blieben Jeromey nur zwei Möglichkeiten: Entweder er verweigerte die erwartete Auskunft und zog sich damit die Abneigung der Männer zu, oder er gab Informationen unter Verwendung von ein paar Unwahrheiten.

Er sah in das dunkelbraune Augenpaar von Roy, in das blaugrüne von Lloyd und in das hellblaue von Pierre, der, ohne sich abzuwenden, einen Schluck aus seinem Wasserglas nahm, und zuletzt in die dunkelblauen des deutschen Ex-Polizisten.

Schließlich zwang er sich zu einer Antwort. Und entschied, bei der Wahrheit zu bleiben. »Ich habe Automechaniker gelernt. In einer BMW-Werkstatt.«

Roy prustete los: »Automechaniker?«

Lloyd stieß ein »Wie bitte?« aus, und Pierre rief: »Wie sind die denn auf disch gestoßen? ’ast du Mr. Burnettes Limousine besonders sauber gewaschen?«

»Ist das ein Problem für euch?« Mit einem Ruck stand Jeromey auf. Wütend. Er wollte flüchten.

»So geht das aber nicht. Setz dich!«, befahl Stephan Mohr und wandte sich an die anderen. »Die Burnettes werden ihre Gründe haben, wenn sie einen Automechaniker mit ins Team holen.«

»Hast du einem der Bosse das Leben gerettet, und sie sind in deiner Schuld?«, fragte Lloyd. Es klang keineswegs amüsiert.

»Du liest zu viele Kriminalromane.« Pierre lachte immer noch in sich hinein. Er fand das alles wohl äußerst witzig.

Lloyds Minenspiel hingegen spiegelte grimmige Entschlossenheit wider.

»Nein«, rang Jeromey sich ab, »habe ich nicht. Darf ich jetzt gehen? Ich habe einen langen Tag hinter mir.«

»Die Befragung ist beendet, Kollegen«, sagte Laura McDowell.

Ihre Stimme klang sanft, ein wenig rau. Ihre braunen Augen lagen auf Jeromey.

Ohne weitere Worte hastete er aus dem Speisesaal.

Jetzt

FRANK

Nach dem Telefonat, bei dem er mich vehement abzuwimmeln versucht hat, empfängt mich Deckart in seinem Büro. Eigentlich sei Feierabend für den Publikumsverkehr, meint er aufgebracht, und er müsse sich um andere Dinge kümmern und nicht um solche, die auch morgen besprochen werden können.

Nach den vielen Disputen, die wir schon geführt haben, weiß ich, wie ich den Danny-de-Vito-Verschnitt zu nehmen habe, damit er sich beruhigt.

Immerhin geht es um seinen Lieblingsagenten, wenn er ihn auch allzu gerne mal zum Teufel wünscht.

»Bitte verstehen Sie mich, Herr Deckart, als sein Bruder liegt es mir am Herzen, Bescheid darüber zu wissen, was heute vorgefallen ist.«

»Tja, Herr Dr. Reichardt«, sagt er, während er hinterm Schreibtisch Platz nimmt und mir mit einem Handzeichen den Platz davor zuweist, »es ist noch viel zu früh. Laufende Ermittlungen, Sie wissen doch.«

»Ich bin sein Anwalt!«, sage ich zum vielleicht millionsten Mal in all den Jahren.

»Klar, doch. Klar! Es tut mir ja auch unendlich leid.« Er kratzt sich am kahlen Hinterkopf. »Dennoch, die Kripo hält sich noch bedeckt, sogar uns gegenüber, und wir können auch nur raten, was vorgefallen ist. Die Ballistiker sind dran, die Munition zuzuordnen. Die Techniker sind dabei, genau zu lokalisieren, wo der Sniper angelegt hat.«

So ganz glaube ich ihm nicht. Garantiert haben sie eine Ahnung, in welche Richtung sie ermitteln müssen.

»Sind Unbeteiligte verletzt worden?«, frage ich, um einen ungefähren Überblick über das Ausmaß des Angriffs zu erhalten.

»Gott sei Dank nicht.«

»Aber aus so kurzer Distanz und kein tödlicher Treffer, war da ein Stümper am Werk?« Ich will ihn zu einer Meinung drängen. Immerhin hat Jeromey sich im Lauf der Jahre genug Feinde geschaffen, und nicht alle haben Übung im Umgang mit Waffen.

»Im Gegenteil.« Er räuspert sich und druckst noch ein wenig herum. »Es waren einwandfreie, gezielte Schüsse. Unserer Einschätzung nach absichtlich nicht sofort tödlich. Ein Profi vom gleichen Kaliber wie Ihr Bruder.«

Aha, doch nicht so unwissend, der gestresste Boss.

»Der Killer gibt absichtlich keinen tödlichen Schuss ab? Weshalb sollte er das tun? Noch dazu mitten in der Stadt, wo er das Risiko eingeht, erwischt zu werden?«

Mit dieser Wendung habe ich nicht gerechnet.

»Vermutlich jemand, der seine Macht über Ihren Bruder demonstrieren will. Und die Kaltblütigkeit besitzt, solch ein riskantes Manöver durchzuführen.«

»Folglich bin ich mir sicher, dass Sie in absehbarer Zeit erfahren, wer dafür die Verantwortung zu tragen hat.«

»Sobald die Faktenlage klar ist, erhalten Sie als Erster Bescheid, Herr Dr. Reichardt. Deswegen hätten Sie sich wirklich nicht herbemühen müssen. Das Telefonat hätte ausgereicht.«

Er erhebt sich, wartet, bis auch ich aufstehe, reicht mir die Hand, die ich annehme. Ein Mindestmaß an Höflichkeit ist angebracht.

»Ich gehe jetzt ins Krankenhaus und prüfe die Lage«, meint er. »Bleiben Sie in München? So als brüderlicher Beistand? Einen Anwalt braucht Ihr Bruder ja nicht.«

Der Wink mit dem Zaunpfahl. Er will mich loshaben.

»Voraussichtlich bis morgen«, sage ich. Immerhin habe ich einen Schlüssel mit Zugangskarte zu Jeromeys Wohnung, dort kann ich nächtigen.

Da fällt mir ein: Wo schläft eigentlich Annika?

JEROMEY

Die schnatternden Viertklässler steigen aus dem Bus und folgen dem Lehrer zu einem Seiteneingang. Die Besichtigung des Frankfurter Flughafens mitsamt Führung steht an, und Jeromey fiebert dieser Abwechslung entgegen. Lauscht gebannt den Ausführungen des uniformierten Flughafenbeamten, der sie durch Räume, Hallen und über Plätze führt, zu denen sonst nur das Personal Zugang hat.

Um auf die Aussichtsplattform zu gelangen, müssen sie sich einer Personenkontrolle unterziehen. Gespannt verfolgt nicht nur er das Scanning auf den Bildschirmen. Seine Mitschüler jauchzen jedes Mal, wenn der eine oder andere Metallgegenstand aus versteckten Falten und unzugänglichen Bereichen ihrer Taschen hervorgezaubert wird. Auch Jeromey ist von ihrer Heiterkeit angesteckt, bis er an die Reihe kommt.

Abtasten und Körperscannen verlaufen ohne Ergebnis. Ist ja klar.

Dann legt er seinen Rucksack aufs Band, und ein paar seiner Mitschüler lachen und johlen. Irritiert beäugt er den Monitor, sehen sie etwas, was er nicht sieht? Er zumindest sieht, wie das freundliche Lächeln des Sicherheitsbeamten gefriert. Deutet auf einen grünleuchtenden, länglichen Gegenstand auf dem Bildschirm.

»Erkennst du, was das ist?«, fragt er mit unverhohlener Häme. Als freue er sich, endlich einen Fang präsentieren zu können. »Na?«, fragt er in die Runde. »Wisst ihr es?«

Jeromey starrt auf den Bildschirm und weiß sofort, was es ist. Aber seines ist viel größer, sein Messer besitzt eine breitere Klinge. Sein Dad hatte es ihm geschenkt, verborgen in einer Schachtel, und Jeromey hat es niemals herausgeholt. Hat Mom ihm eines mitgegeben?

»So«, sagt der Beamte, »nun können wir anschaulich demonstrieren, wie mit Personen umgegangen wird, die Waffen schmuggeln wollen.«

Der Beamte meint dies gewiss nicht so streng, wie er es sagt, dennoch bleiben Leute stehen und glotzen herüber. Jeromey wird aufgefordert, seine Tasche zu leeren. Er wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Alle haben ihre Freude daran, nur er nicht, als er das Messer auf die Ablage schmeißt. Ein harmloses Speisemesser, und es stammt nicht von ihm.

»Jemand hat mir es in die Tasche gesteckt«, versucht er eine Verteidigung. Sinnlos. Wen interessiert das schon?

Der Blick des Beamten schweift über die Runde, bleibt auf ihm kleben. »Tut mir leid, das muss ich beschlagnahmen. Nachher kriegst du es wieder.«

»Ich will das nicht, es gehört mir nicht«, ruft Jeromey lauter als gewollt.

Keiner geht mehr darauf ein.

Sie werden durch Räume geführt, wo Befragungen stattfinden, Identitäten geklärt oder festgenommene Personen untergebracht werden, und dürfen dann auf die Aussichtsterrasse. Dort verliert er sich im Panorama der gewaltigen Flugzeuge, am liebsten wäre er in eines gestiegen.

Manchmal kommt es ihm so vor, als habe er in diesem Land nichts verloren, als gehöre er nicht hierher.

Er wacht auf. Wird aus seinen geträumten Erinnerungen gerissen. An diese Szenerie hat er nie mehr gedacht, hat sie verdrängt, wie so vieles Unangenehme aus seiner Schulzeit. Und dieses Messer, das ihm einst sein Vater gegeben hat, wo ist es eigentlich? Verwahrt es seine Mutter immer noch?

Jemand hantiert an den Kanülen herum. Überprüft die Verbände.

Seit wann liegt er hier? Ist Annika schon lange fort?

Wie spät ist es?

Sein Schädel brummt, und sein Körper gehorcht ihm kaum, als er sich zu bewegen versucht. Hoffentlich nehmen sie ihm bald die Schläuche ab, hoffentlich kann er bald raus aus dem Scheißdilemma.

Die Schwester sagt etwas, bevor sie den Raum verlässt. Aber es gilt nicht ihm. Sondern dem Boss, der am Fuß des Bettes steht und ihn anglotzt.

»Sag mal, das ist ja eine Katastrophe, wie du daliegst!«

»Halten Sie doch – «, setzt Jeromey an und will noch etwas Unhöfliches anfügen, doch die Stimme versagt ihm.

Deckart tut berührt. »Meine Güte, Jeromey, so hab ich das nicht gemeint. Der Arzt hat gesagt, es wird wieder. Ein paar Wochen Ruhe, und dann ist es wieder okay.«

Okay? Was soll denn okay sein?

Jeromey nimmt einen neuen Anlauf, will seine Stimmbänder in die Gewalt bekommen. Bringt nur ein Flüstern zustande.

»Hab ihr den Kerl?«

Deckart räuspert sich verlegen. »Derzeit wird in Kooperation mit dem LKA alles ausgewertet. Überwachungsvideos vom Platz, an den Gebäuden. Befragungen werden durchgeführt. Das volle Programm – ich glaube nicht, dass ich dir das erklären muss.«

Eigentlich ist es Jeromey egal. Er ist müde und will schlafen.

»Wer sitzt vor der Tür?«, überkommt es ihn siedend heiß.

»Kripobeamte im Wechsel mit Leuten von uns. Gina und Malcolm sind ab morgen bereit. Der Gang ist abgesichert, es kann nur Krankenhauspersonal zu dir herein. Jeder wird überprüft.«

Gina Wirl und Malcolm Reese. Was für ein Duo. Sie, eine nicht zu unterschätzende Powerfrau, vierundvierzig, hat mit ihm damals die Ausbildung durchgezogen und ist üblicherweise in ihrem Heimatland Österreich eingesetzt. Ihr obliegt die Leitung des Wiener Außenbüros. Er, fünfunddreißig, kurzzeitig beim britischen Inlandsgeheimdienst gewesen, bevorzugt Observationen und Personenschutz, ist auch schon ein paar Jahre bei der IDA tätig.

Mit erweckter Zuversicht wendet sich Jeromey dem Fenster zu. Hat eine wunderbare Aussicht auf den Park und die Schrebergärten hinter dem Krankenhaus, sein Bett ist hochgestellt, die Fensterbänke sind niedrig, die Scheiben sehr großflächig.

Draußen ist es schon dunkel, eine pudrige Schneeschicht reflektiert das allgegenwärtige Licht aus unzähligen Stromquellen und hinterlässt einen romantischen Eindruck. Dem er sich nicht hingeben kann. In seinem Kopf rotieren ganz andere Überlegungen. Wenn er eine so schöne Sicht nach draußen hat, wie ist es dann in umgekehrter Richtung?

Glücklicherweise liegt er im obersten Stock, man bräuchte schon ein Fluggerät …

»Keine Panik!«, würgt Deckart seine Gedanken ab, als könne er sie lesen. »Ein Hubschrauber würde auffallen, und hochklettern kann auch keiner, ohne bemerkt zu werden.«

»Schon mal was von Drohnen gehört?«, murrt Jeromey leise. Seine Stimme scheint allmählich wieder in Gang zu kommen.

»Also«, sagt Deckart mit Schnappatmung, »also, jetzt ist aber Schluss! Wir haben alles unter Kontrolle!«

Er springt vom Stuhl auf, eilt zur Tür und knipst das Deckenlicht aus. Das Nachtlicht am Materialschrank brennt noch.

»Und die Jalousien?«, frotzelt Jeromey.

KAPITEL 4

Damals

JEROMEY

Es war Donnerstag, der 2. September, sanfte Musik aus Roys Uhrenradio weckte ihn auf. Roy selbst befand sich nicht mehr in seinem Bett, Jeromey hörte das Wasserrauschen der Toilette.

Er wartete, bis sein Zimmergenosse herauskam, dann ging er sich frischmachen. Außer einem Guten-Morgen-Gruß sprachen sie nichts.

Wenig später, gegen sieben, trafen sie im Speisesaal ein, wo schon einiges los war. Die Selbstbedienungstheke war üppig gefüllt, und Jeromey schlug zu, er hatte Riesenhunger.

Roy nahm an einem Sechsertisch Platz. Ein Stuhl war noch frei, daher folgte Jeromey ihm. Unsicher sah er Daniel Montgomery, den Ex-Scotland-Yard-Beamten, Pierre Dubois, den ehemaligen Pariser Kripobeamten, Tom Skerril, den Ex-Marine mit zukünftiger Stuntman-Karriere, und Lester Chamberlain, den abenteuersuchenden Schauspieler, der Reihe nach an.

Tom ergriff zuerst das Wort. »Setz dich endlich! Hast du die Nacht gut rumgebracht?«

Jeromey nickte bescheiden. Er musste erst herausfinden, wie er sich diesen Leuten gegenüber verhalten sollte, bevor er sich auf weitere Gespräche einließ.

Pierre hakte nach: »Isch ’offe, du ’ast gut geschlafen?«

»Ja, danke!«, antwortete Jeromey zurückhaltend.

Lester nuschelte mit vollem Mund: »In ein paar Tagen hast du dich eingewöhnt. Hier ist’s wirklich angenehm. Und die Betten sind auch in Ordnung. Und vor allem das Essen …«

»Na, warte ab, bis der Drill so richtig beginnt. Ob du dann auch noch so fröhlich sein wirst«, scherzte Tom.

Erstaunlich vergnügt unterhielten sie sich über verschiedene Themen. Jeromey hörte heraus, dass auch sie sich noch im Kennenlernprozess befanden.

»So eine Eliteschule benötigt doch sicher viel Personal? Wohnen die auch auf dem Schloss?«, fragte er in die Runde, um überhaupt etwas beizutragen.

Roy räusperte sich. »Offensichtlich schlafen der Küchenchef und seine Frau, übrigens Deutsche, im ersten Obergeschoss des Westflügels. Dann gibt’s noch zwei Frauen und einen Jungen als Hilfen, die haben Zimmer im Westflügel und zwar im Erdgeschoss. Die Dozenten logieren auch in den Seitenflügeln. Und die Hausmeister wohnen im Nebengebäude.«

»Ich glaube, wir sollten uns beeilen«, sagte Daniel und tippte auf seine Uhr.

Roy begleitete Jeromey ins Sekretariat, wo er mit dem Nötigsten ausgestattet wurde. Aktentasche, Stifte, Taschenrechner, Schnellhefter und alles, was man als Schüler brauchte. Er fühlte sich um Jahre zurückversetzt, in eine ganz andere Zeit, und er kam sich vor wie ein ABC-Schütze.

Es war halb neun, als sie den Seminarraum betraten. Der Unterricht hatte bereits begonnen.

»Guten Morgen, Mr. Witherspoon, Sir. Darf ich Ihnen unseren neuen Teamkameraden, Jeromey DeLorca, vorstellen?«, grüßte Roy unterwürfig, und an Jeromey gewandt: »Unser Hauptausbilder, Mr. Witherspoon.«

Ein Déjà-vu brach über ihn herein.

Der erste Tag in der achten Klasse, da holt ihn der Lehrer heraus. Bringt ihn in eine andere Klasse. Die neunte. Will unbedingt erreichen, dass er ein Jahr überspringt und präsentiert ihm vor den neugierig glotzenden Schülern deren Lehrmaterial, meint, es würde ihn motivieren, zuzustimmen. Die höhnisch tuschelnden Schüler nehmen ihm die Entscheidung ab, patzig widerspricht er den gutgemeinten Worten des Lehrers und rennt zurück in seine alte Klasse. Es ist so peinlich.

Er verwarf diesen Erinnerungsfetzen und hielt seine Hand dem muskelbepackten dunkelhäutigen Hünen entgegen, der sie mit festem Griff kurz und heftig schüttelte.

»Willkommen, Jeromey DeLorca. Ich erwarte von Ihnen, wie auch von jedem anderen, Respekt und Lernbereitschaft«, dröhnte er mit sonorer Stimme. »Und wünsche ein gutes Miteinanderauskommen.«

Irrte Jeromey sich, oder schwang eine unterschwellige Ironie in Witherspoons Worten mit? Wusste er über ihn Bescheid?

Diese aufgesetzte Etikette und das Autoritätsgetue gingen ihm jetzt schon derart gegen den Strich, dass er es nur schwerlich fertigbrachte, beherrscht den angewiesenen Platz neben Roy einzunehmen. Ohne einen dummen Spruch abzulassen, zu lästern oder aufzumucken.

Nein, er durfte ihnen keinen Grund geben, noch mehr Druck auf ihn auszuüben. Er musste dieses Theater mitspielen. Allerdings würde er weder klein beigeben noch sich in die Breitseite fahren lassen. Also konzentrierte er sich fürs Erste auf die Ausstattung des Seminarraums. Fünf Arbeitstische, jeweils für drei Personen, standen in aufgelockerter Form mit freier Sicht nach vorne, dadurch hatte auch der Unterrichtende alle gut im Sichtfeld. Es gab Regalwände, Schränke, Glasvitrinen und sogar eine herkömmliche Tafel sowie eine Leinwand.

Die aneinandergereihten hohen, schmalen und seiner Einschätzung nach neuen Fenster ermöglichten die Sicht auf einen Teilbereich des Geländes hinter dem Schloss.

Roy nahm den mittleren Stuhl des Tisches in Anspruch, der dem Pult gegenüberstand, Jeromey musste sich mit dem freien, zum Mittelgang hin liegenden Platz begnügen, in Reichweite des Dozenten. Am Fensterplatz saß Laura McDowell.

Witherspoon streckte Jeromey einen Stoß Papiere entgegen. »Hier sind Hausordnung, Lageplan, Stundenplan und bisheriges Arbeitsmaterial. Auch sollten Sie sich noch spezielle Sport- und Schwimmkleidung besorgen. Mr. Sutherland wird Ihnen behilflich sein. Und was den laufenden Unterricht angeht, nun, da hinken Sie knapp drei Wochen hinterher. Aber wie mir berichtet wurde, ist das kein Handicap für Sie.«

Schwungvoll ging er zu einem der hinteren Schränke und holte etliche Bücher hervor, die er vor Jeromey auf die Tischplatte knallte. »Studieren Sie sie bitte sorgsam.«

Er wandte sich ab und nahm seinen Platz am Pult ein. Seine Mundwinkel zuckten empor. Das konnte alles bedeuten. Häme, Verachtung, Machtgehabe.

Möglicherweise sollte Jeromey nicht ständig jede unverständliche Regung auf sich beziehen. Sollte sich einfach um das kümmern, was vor ihm lag.

Soweit er in der Eile erkennen konnte, waren es Lehrbücher mehrerer Sprachen, dazu Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Fototechnik und EDV. Die Bücher waren nicht dick, so konnte er sie gut verstauen.

Witherspoon schien seine Gedanken zu erraten.

»Die Lektionen sind auf ein Vierteljahr ausgelegt. Danach gibt es neues Lehrmaterial. Lassen Sie sich nicht durch die schlanke Optik täuschen, wir arbeiten und lernen den Inhalt komplett durch. Sie haben sicher keine Schwierigkeiten, weil die Fachbücher in Englisch gedruckt sind, Mr. DeLorca?« Ein überhebliches Lächeln huschte über Witherspoons Lippen.

Jeromey musste wegschauen. Damit seine hochkochenden Emotionen nicht doch noch überhandnahmen. Er hatte den Mann jetzt schon satt.

»Nein, habe ich nicht«, gab er in ruhigem Tonfall zurück.

»Sir! Bitte, Mr. DeLorca, ich verlange von Ihnen sowie auch von allen anderen Seminarteilnehmern gebührenden Respekt, deshalb: Sir!«

Die Abneigung gegen diesen despotischen Dozenten steigerte sich mit jedem Satz, den dieser ausspuckte, obwohl er ihn erst seit wenigen Minuten kannte.

»Und sehen Sie mir bitte in die Augen, wenn Sie mit mir reden, Mr. DeLorca!«

Jeromeys Selbstbeherrschung wurde gehörig auf die Probe gestellt. Aber nein, er ließ sich nicht reizen, unter allen Umständen würde er eine offene Konfrontation zum jetzigen Zeitpunkt vermeiden. Daher bezwang er seine inneren Widerstände und gewährte sich eine demütige Haltung.

»Entschuldigung, Sir! Ich werde mich bemühen, Ihren Anforderungen gerecht zu werden, Sir.«

Witherspoon stierte ihn an, als müsse er den Wahrheitsgehalt dieser Aussage prüfen. Fröstelnd wartete Jeromey ab.

»Gut«, meinte der Ausbilder in die Stille hinein, »dann haben wir das ja geklärt, Mr. DeLorca.« Er wandte sich der Tafel zu und setzte seinen Unterricht in Französisch fort.

Beachtete Jeromey nicht mehr.

Am Nachmittag hatte er frei. Nicht so, wie er es sich vorgestellt hätte, nein, er musste mit Roy nach Brighton fahren und sich neu einkleiden. Und auch einen Friseur aufsuchen. Alles auf Kosten der Burnettes. Zeit für ein Sightseeing an dem bekannten Seestrand blieb ihnen nicht.

Nach dem Abendessen hielten sie sich in ihrem Zimmer auf. Sie besprachen den Lehrplan. Die Vielfalt und die bizarre Zusammenstellung erstaunten ihn. Aber er war ja darauf vorbereitet worden, in eine außergewöhnliche Akademie gesteckt zu werden.

Montags bis mittwochs gab es unter anderem Fächer wie Politik – scheinbar nur im ersten Halbjahr – und Fotografie und Entwicklungstechnik – was sehr interessant klang. Außerdem waren Grundlagen des Überlebenstrainings vorgesehen. Ergänzt durch Tauch- und Extremsport. Es wurden auch mathematisch-naturwissenschaftliche Spezialkurse angeboten bis hin zu Biologie des Menschen zzgl. medizinische Notfallversorgung. Zwischendurch gab es Sport zum Entspannen und Mobilisieren, entweder in der Halle oder auf dem Freigelände.

Im zweiten Halbjahr sollten Chemie mit Explosivmittel, Physik mit Waffenkunde und Ballistik sowie Biologie mit Gift in der Pflanzen- und Tierwelt, Gegengifte und Heilkräuter ergänzt werden. Stand ihm eine Karriere als kriegerischer Schamane bevor? Eigentlich war er ja hier, um zu lernen, seine Aggressionen zu unterdrücken.

Ha, er und aggressiv. Wenn er aggressiv wurde, dann hatte es auch einen Grund. Und wenn sie ihm schon ein gesteigertes Aggressionsverhalten unterstellten, warum wollten sie ihn dazu mit Wissen über gefährliche Stoffe und Waffen ausstatten? War das nicht widersprüchlich? Aus ihrer Sicht anscheinend nicht, denn das diente dem Zweck, sich ausreichend schützen zu können, falls irgendjemand auf die Idee käme, sich seiner zu bemächtigen.

Als ob er das zulassen würde.

Er schüttelte energisch den Kopf und las weiter.