Biografie des Tötens - Uschi Gassler - E-Book

Biografie des Tötens E-Book

Uschi Gassler

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Beschreibung

Um einen Menschen zu verstehen, musst du sein Leben begreifen. Jeromey DeLorca. Spezialermittler. Halb-Oglala-Lakota. Fotografisches Gedächtnis. Hochintelligent, eiskalt, todkrank. Er beauftragt seinen Stiefbruder, den Anwalt Frank Reichardt, seine Biografie zu verfassen. Diese soll seinem Sohn als Rechtfertigung dienen und ist gespickt mit brisantem Material. Denn unter anderem haben leitende Beamte des Bundeskriminalamts mit zu verantworten, dass Jeromey zum skrupellosen Killer wurde. Doch seine Skrupellosigkeit ist nötig, als eine Mafia-Witwe mit ihrem Mördertrupp bei ihm auftaucht.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2026

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UM EINEN MENSCHEN ZU VERSTEHEN, MUSST DU SEIN LEBEN BEGREIFEN.

Dr. jur. Frank Reichardt

»Ich muss ihn begreifen lernen!«

Zu dieser Ansicht gelange ich während der Auseinandersetzung mit der Chronik meines Bruders.

Durch seine außerordentliche Gabe und eine abscheuliche Bluttat in ein gewaltbereites Leben gepresst, sucht er nach zwanzig Jahren den Ausstieg. Womöglich zu spät.

Als sein Biograf erkläre ich ausdrücklich, die Geschehnisse wahrheitsgemäß wiederzugeben und über alle Gegebenheiten und Abläufe eine Genehmigung der betroffenen oder beteiligten Personen vorliegen zu haben.

Dr. Frank Reichardt, Rechtsanwalt Frankfurt/Main, 2015

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

TEIL I

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

TEIL II

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

TEIL III

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

EPILOG

PROLOG

Frankfurt/Main, im Januar 2015

War er schon immer so? Tragen seine Gene die Verantwortung?

Oder hat das stete Lauern auf eine tödliche Bedrohung seinen Charakter geprägt?

Diese Fragen drängen sich mir auf, als mein Stiefbruder an diesem eiskalten Januarmorgen ohne vorherige Ankündigung in meiner Kanzlei auftaucht.

Obwohl seiner Eskapaden überdrüssig, vermeide ich ein Aufbrausen und erwarte das übliche Procedere. Nach Lösungen suchen, falls er wieder aufgefordert worden wäre, sich vor Gericht zu verantworten, oder ihm beistehen, einen erneuten Scherbenhaufen zu beseitigen.

Jeromey ignoriert meine Bitte, Platz zu nehmen, und strapaziert meine Selbstbeherrschung, ohne überhaupt ein Wort gesagt zu haben. Es stört mich, wenn er in seiner speziell nervösen Art vor meinem Schreibtisch steht. Denn das bedeutet, ich muss mit allem rechnen, was von ihm nicht beherrschbar ist. Dazu zählen nicht allzu viele Dinge, doch bringen sie mich stets an den Rand meiner physischen und psychischen Belastbarkeit.

»Also – was ist los?«

Ich lege lauerndes Misstrauen in meinen Blick, dem er ausweicht.

»Ich – ich bitte dich um einen Gefallen«, sagt er leise und gedehnt.

Erstaunt bemerke ich die enorme Überwindung, die es ihn gekostet haben muss, diesen Satz auszusprechen. Er, der stets Schlagfertige, ringt nach Worten, um mir sein Anliegen mitzuteilen?

»Ach ja, nur einen?«, rutscht es mir zynisch über die Lippen.

Jeromeys Kiefermuskulatur arbeitet, seine Augen wandern unruhig über meinen Schreibtisch, bis er sagt: »Bitte, schreibe meine Lebensgeschichte auf.«

Eine Biografie? Auf solch einen absurden Wunsch nicht gefasst, fehlen mir die Worte. Ich suche vergebens nach einer Regung, die auf einen Scherz schließen lassen könnte.

Mein Bruder legt seinen Kopf schief, als er mich endlich ansieht, kneift die Augen einen Atemzug lang zusammen. Vermutlich deutet er meine innere Ablehnung richtig.

»Bitte, denk darüber nach. Du machst es nicht für mich.« Sein leichter amerikanischer Akzent, den er nie abzulegen versucht hat, erscheint ausgeprägter als sonst.

Er kommt näher, stützt sich auf den Schreibtisch. In diesem Moment erscheint er ungewohnt zahm.

»Ich werde sterben. Vermutlich schon bald.«

»Ha!«, entfährt es mir. »Du stehst doch seit jeher schon mit einem Bein im Grab.« Ich möchte einfach nur, dass er geht und mich mit seinen Problemen in Frieden lässt.

»Ich will sie meinem Sohn hinterlassen. Damit er alles weiß.«

»Du denkst zur Abwechslung an deinen Sohn?« Es soll spöttisch klingen, aber es klappt nicht.

»Bitte! Frank!«

Wenn ich dieses langgezogene Fräänk schon höre, diese ihm eigene Aussprache. Es ist so nervig – einerseits. Und andererseits, er ist mein Bruder. Wenn auch nicht dasselbe Blut in uns fließt. Wir sind Brüder. Was mir als Älterem ein nicht abzuschüttelndes Helfersyndrom aufbürdet. Dennoch schulde ich meiner Selbstachtung ein letztes Aufbäumen.

»Warum ich? Warum sollte ich das für dich tun?«

Seine Augen ruhen auf mir. Er sucht nach einer Antwort, das ist nicht zu übersehen. Vermutlich hat er nicht mit meiner Frage gerechnet.

Er atmet aus, langsam, bis seine Lungenflügel keine verbrauchte Luft mehr hergeben. Dann atmet er tief ein.

»Du bist als Einziger dazu fähig«, sagt er gepresst.

»Soll mich das jetzt aufmuntern?« Ich kratze mich an der Stirn, schüttle den Kopf.

»Du bist der Einzige, der mich kennt. Also – richtig kennt.«

»Ach ja, tue ich das?«

»Frank, ich habe keine Geduld, vor einer Tastatur zu sitzen.«

Sein bettelnder Blick versucht, meinen Widerstand zu brechen.

»Und ich keine Zeit«, kontere ich grob und lasse ihn mehrere Sekunden zappeln. Genieße in vollen Zügen seine Unsicherheit.

»Ich überleg’s mir, Jamey. Ich bin Anwalt, kein Biograf oder Schriftsteller. Gewähre mir ein paar Tage Bedenkzeit, ich stecke mitten in einem schwierigen Verfahren. Denn dein Leben aufschreiben grenzt wahrlich an eine Lebensaufgabe.«

Seine Mundwinkel zucken nach oben, er lächelt mich an. Siegesgewohnte Arroganz blitzt aus seinen Augen. Fast bedaure ich mein Zugeständnis. Fühle mich aufs Neue als sein Spielball. Niemals bin ich im entscheidenden Moment in der Lage, mich durchzusetzen. Immer füge ich mich seinen Wünschen, seinem Willen. Und vermutlich wird sich das auch nicht mehr ändern.

»Danke, Frank!«, ringt er sich kaum hörbar ab. Es liegt ihm nicht, Dankbarkeit zu zeigen.

Sogleich richtet er sich auf, streckt seinen Rücken durch und sagt mit vertrauter Härte: »Ich muss jetzt zurück nach München. Ein Termin.«

»Halt!«, stoppe ich seinen Drang, sich einfach zu verdrücken. »Und deine Bosse? Wissen die davon?«

»Wovon?«

Ich bemerke seine Irritation. Spielt er mir etwas vor? Oder weiß er tatsächlich nicht, worauf ich hinauswill?

»Na, von deiner geplanten Biografie.«

Er wirkt erleichtert, aber weshalb?

»Die erfahren es noch früh genug«, lächelt er mir zu. Ohne mir die Hand zu geben, geht er zur Tür, öffnet sie.

Dreht sich nochmals um. »Ich melde mich. Dann sagst du mir, wie du dich entschieden hast. Okay?«

Als ob er meine Antwort nicht bereits wüsste.

»Ja, okay«, werfe ich ihm schwach nach.

Dann verschwindet er.

Rührt sich zwei Monate nicht.

Aber das bin ich gewohnt, das ist seit jeher so bei ihm gewesen. Wenigstens verbleibt mir dadurch genügend Zeit, meine Entscheidung gründlich abzuwägen, um sie schließlich trotz innerer Ablehnung zu Gunsten meines Bruders zu treffen.

Als hätte sich eine Schleuse aufgetan, finden erste Notizen ihren Weg auf meinen Schreibblock. Ich entscheide mich, ganz am Anfang zu beginnen, mit dem Tag, an dem Jeromey DeLorca mir zum ersten Mal gegenüberstand.

Wo ich enden werde, weiß ich erst, wenn der Moment gekommen ist.

Ich hoffe zutiefst, jenes Ende beginnt nicht mit dem Tod.

TEIL I

»Mein Dad vertraute mir an, dass er mich nicht bei sich lassen könne, weil sie mich ihm sonst wegnehmen würden.«

»Jetzt hör aber auf. Er hat dich doch nicht misshandelt, oder so?«

»Nein. Wegen meines fotografischen Gedächtnisses.«

»Oh!«

»Sie hatten mich bereits einmal aus dem Kindergarten herausgeholt und Tests mit mir gemacht.«

»Tests? Was für Tests? Hast du ihnen was vorlesen müssen? Oder das große Einmaleins aufsagen? Oder einen Geschwindigkeitsrekord mit Memory-Karten aufstellen müssen?«

»Nein. Es war ganz komisch. Sie haben mir eine Kappe mit Drähten und Sensoren auf den Kopf gesetzt, und ich hab lauter Lichtblitze gesehen. An mehr kann ich mich nicht erinnern.«

KAPITEL 1

Damals

FRANK

Es war ein warmer Samstagnachmittag im Oktober 1981. Der Himmel präsentierte sich in einem unbeschreiblichen Blau, und die Sonne stach herab, als wäre es mitten im Sommer.

»Ich werde dir heute jemanden vorstellen«, begann mein Vater, während wir ins Parkhaus beim Wiesbadener Kurhaus fuhren. »Und ich hoffe, du benimmst dich anständig.«

Wenig später saßen wir vor der Eisdiele neben dem Landtagsgebäude unter riesigen Sonnenschirmen. Vater fröhlich aufgeputscht, ich in angespannter Erwartungshaltung und nichts Gutes ahnend.

Wir gaben unsere Bestellung auf, und ich wollte Vater überreden, am nächsten Tag mit mir zu einem Spiel ins Frankfurter Fußballstadion zu gehen, als eine zierliche Frau in Begleitung eines kleineren Jungen auf uns zukam. Sein schulterlanges Haar glänzte wie poliertes Pantherfell, und sein mittelbrauner Teint wies eindeutig auf einen nicht nordeuropäischen Erzeuger hin. Er drückte sich an seine Mutter, als wolle er von vorneherein klarlegen, dass er sie keinesfalls mit jemanden teilen würde.

Meine böse Ahnung bestätigte sich sogleich, denn mein Vater schnellte empor, begrüßte die Frau mit innigem Handschlag und schmatzenden Wangenküssen, wobei sie sich gegenseitig ein Lächeln zuwarfen.

Im nächsten Moment schob er ihr einen Stuhl neben sich zurecht, ließ sie Platz nehmen und forderte den Jungen auf, sich zwischen ihr und mich zu setzen.

Nicht nur meinen Vater, auch mich bedachte der Steppke mit deutlicher Ablehnung, während er sich fügte.

Vater ging darüber hinweg, begann mit der gegenseitigen Vorstellung. »Das«, sagte er an mich gerichtet und setzte sich gleichzeitig auf seinen Stuhl, »sind Frau DeLorca und Jeromey.« Dann sah er den Jungen an. »Dürfen wir dich auch Jamey nennen, wie deine Mutter?«

Der Junge reagierte nicht, Vater deutete auf mich. »Das ist mein Sohn Frank. Wir …«, er wedelte mit dem Finger zwischen sich und der Frau hin und her, »würden uns sehr freuen, wenn ihr zwei euch gut verstündet. Denn wir haben vor, in Zukunft öfter gemeinsam etwas zu unternehmen.«

Die finstere Mimik des fremden Knäbelchens ließ keinen Zweifel aufkommen, dass auch er mit dieser Situation unvorbereitet konfrontiert worden war. Verstohlen warf er mir einen schrägen Blick von unten her zu, aus schmalen, kritischen Augen heraus, die so dunkel waren, dass ich den Übergang zur Pupille nicht fand.

Ich betrachtete seinen dichten Pony, der ihm zerzaust in die Stirn fiel und seine Brauen bedeckte, leicht geteilt durch einen Mittelscheitel. Ich beäugte seine geschwungenen, kräftigen schwarzen Wimpern, sein zugegebenermaßen hübsches Profil. Seine exotische Fremdartigkeit und seine unwillige Haltung uns gegenüber faszinierte mich in einer Intensität, die mich ihn viel zu lang anstarren ließ.

Im Gegenzug musterte er mich misstrauisch. Taxierte mich scharf. Registrierte vermutlich jede einzelne Hautpore, jedes Haar, jede Regung. Es war nicht zu übersehen, wie es in seinem Gehirn arbeitete.

Flaues Unbehagen trieb mir einen Kälteschauer durch den Körper. Was ich damals noch nicht einmal annähernd erahnte, sich jedoch bei diesem ersten Zusammentreffen zeigte und mir im Nachhinein, wenn ich jenen Moment Revue passieren lasse, klar wird, ist die Tatsache, dass seine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe und sein fotografisches Gedächtnis bereits in bemerkenswerter Weise funktionierten.

Frau DeLorca beugte sich zu mir herüber und riss mich aus der gegenseitigen Inaugenscheinnahme heraus. Sie umschloss meine Rechte mit ihren warmen, trockenen Händen in einer Art, als würde sie mich schon ewig kennen. Ich fand sie sympathischer, als mir lieb war, und gestand mir ein, sie durchaus als Freundin meines Vaters akzeptieren zu können. Allerdings ohne den seltsamen Jungen als Anhängsel.

Meine Mutter war wenige Stunden nach meiner Geburt in ein plötzliches Koma gefallen und ein paar Tage darauf gestorben, ohne dass die Ärzte die Ursache ergründen konnten. Deshalb wurde ich vornehmlich von den Eltern meines Vaters aufgezogen. Da meine Mutter Waise gewesen war, besaß ich von dieser Seite nur ein paar entfernte Verwandte. Ich sehnte mich danach, ebenso wie meine Freunde eine richtige Mutter vorweisen zu können, obwohl ich mir kaum auszumalen vermochte, wie das wäre, wenn mein Vater mit einer Frau zusammenleben würde. Zwar war er öfter ausgegangen, aber er hatte mir noch keine seiner Begleiterinnen vorgestellt. Mein Vater und seine Eltern teilten sich ein Zweifamilienhaus. Das war auch sehr praktisch, so konnte ich jederzeit die Wohnungen wechseln. Ich fühlte mich nie alleine und immer gut aufgehoben.

Mein Vater winkte den Kellner herbei, Frau DeLorca gab ihre Bestellung auf, ihr Junior seine separat für sich. Klar und deutlich. Jeden Buchstaben betonend, als hätte er soeben die deutsche Sprache neu erfunden. Ich zwang mich, über diese Angeberei nicht die Augen zu verdrehen.

Eine Frage drängte sich mir auf, die ausgesprochen werden musste. Obwohl die Gefahr bestand, Vater in die Quere zu kommen oder aus ihm etwas herauslocken zu wollen, was vielleicht noch ein Geheimnis bleiben sollte.

Aber ich konnte nicht anders.

»Wie lange seid ihr schon zusammen?«

Es folgte ein Moment des Schweigens. Dann schmunzelten sich die beiden an, nickten einander zu.

»Wie lang ist das jetzt schon her?«, neckte Vater.

»Na, jetzt tu doch nicht so …«, meinte Frau DeLorca.

»Tja, Jungs, endlich hat das Versteckspiel ein Ende. Wir kennen uns jetzt nahezu eineinhalb Jahre.« Die Augen meines Vaters glühten freudig.

»Vielleicht sogar länger? Wie lange kommst du schon in unseren Salon?« Wie sie ihn anhimmelte.

»Welcher Salon?«, posaunte ich dazwischen. Diese Turtelei ging mir mächtig gegen den Strich.

»Nun«, setzte mein Vater an, »Linda hat einen Friseursalon, und ich bin ihr allerbester Kunde.«

Sieh an, mein Vater, ein diplomierter und promovierter Wirtschaftsprüfer sowie Mitinhaber einer anerkannten Wiesbadener Steuerkanzlei, war mit einer Friseuse liiert. Obwohl er immer so getan hatte, als ob ihn nur Frauen aus der Upperclass interessierten.

»Jetzt ist endlich das Rätsel deiner ständigen Friseurtermine gelüftet«, zog ich ihn auf.

»Ja, und stets bei der Meisterin persönlich«, fügte er hinzu und grinste wie ein glückstrunkener Märchenprinz.

Frau DeLorca grinste zurück. Sie streichelten sich gegenseitig die Hände, genervt sah ich in eine andere Richtung. Zu meiner Erleichterung kam die Bedienung mit dem vollen Tablett an unseren Tisch, ich stürzte mich auf meinen Früchtebecher.

Nachdem wir eine Weile schweigend gelöffelt hatten, begann mein Vater, den Jungen auszufragen.

»Na, du bist ja vor kurzem in die Schule gekommen, gefällt es dir dort?«

»Ja, ich gehe sehr gerne dorthin«, sprudelte die Antwort hell und klar aus ihm heraus.

Seine offene, spontane Reaktion ließ mich ein wenig stutzig werden. War er tatsächlich ein absoluter Angeber oder einfach nur gut erzogen?

»Fällt es dir schwer, nur noch Deutsch zu reden? Verstehst du die Lehrer?«, fragte Vater weiter.

»Klar doch. Kein Problem.«

»Hast du schon Freunde gefunden?«

»Ja. Sie sind alle sehr freundlich.«

Meinem Vater schien die befremdliche Antwort nicht ins Bewusstsein gerückt zu sein. Er stellte noch etliche Fragen mehr, und dem Kleinen fiel es offensichtlich nicht schwer, einem ihm fremden Mann brav zu antworten. Dazu in einer Art und Weise, die ich von einem Sechsjährigen nicht erwartet hätte.

Seine Mutter warf mir währenddessen wiederholt ein dezentes Lächeln zu. Entweder hatte sie mehr Berührungsängste als ihr Junior oder sie wollte mir mehr Zeit gewähren, mich auf die neue Situation einzustellen.

Die Frage meines Vaters bezüglich der Sprache beschäftigte mich. Frau DeLorca war mit Sicherheit Einheimische. Sie redete zwar kaum Dialekt, ein hessischer Einschlag hingegen war nicht zu überhören. Sie hatte helle blaugrüne Augen und trug ihre blondgesträhnten Haare in einem schicken Kurzhaarschnitt. Aber bei dem Kleinen fiel mir bei genauerem Hinhören ein unterschwelliger Akzent auf. Das mochte des Rätsels Lösung sein.

Schließlich wollte ich nicht mehr schweigen und wandte mich an den Jungen. »Hast du früher kein Deutsch gesprochen?«

Die Verblüffung war ihm anzusehen. »D-doch, und Englisch, wie mein Dad.«

Seine aufgekommene Unsicherheit war Balsam für meine Seele.

Seine Mutter begann zu erklären: »Weißt du, Jameys Vater ist amerikanischer Soldat. Er war hier stationiert. Als er in die Staaten zurückkehrte, brachte ich es nicht übers Herz, unsere Heimat zu verlassen. Wir haben versucht, uns im Guten zu trennen. Und bitte, Frank, sage Linda zu mir. Das würde mich freuen.«

Ich nickte und schwieg.

Linda erzählte weiter. »Wir wohnen in Bierstadt, in einer Siedlung, wo die Familien der US-Streitkräfte leben. Dort hat Jamey auch den Kindergarten besucht. Er ist zweisprachig aufgewachsen und besucht jetzt eine deutsche Schule. Leider müssen wir uns eine neue Wohnung suchen.«

Das klang höchst interessant. Seit jeher hatte mich alles Amerikanische fasziniert, vor allem alte Cowboy- und Indianerfilme, auch wenn ich damit den allgemeinen Trend meiner Klassenkameraden in keiner Weise traf.

Das hatte vermutlich mein Großvater zu verantworten, der eine ganze Sammlung Westernhefte besaß und immer freudig darauf reagierte, wenn ich mir eines auslieh oder mich neben ihn setzte, wenn er sich einen solchen Film einverleibte.

Mir entging nicht, wie Linda meinem Vater ihren Ellenbogen sanft in die Seite stieß. Der ergriff sogleich das Wort.

»Ja, Frank, Linda und Jeromey werden nächsten Monat zu uns ziehen.«

Nicht nur der Inhalt dieses Satzes, auch die beschwingte Selbstverständlichkeit, mit der Vater ihn aussprach, versetzte mir einen Schlag ins Gesicht. Wie konnte er mir das antun?

Mein schneller Blick auf den Kleinen spiegelte auch dessen schockierte Ablehnung wider.

Geraume Zeit später schlenderten wir über den Schlossplatz mit seinem imposanten Rathaus, für dessen Architektur ich damals keinen Blick übrig hatte, vorbei am Landtag und der gegenüberliegenden fünftürmigen Marktkirche im neugotischen Stil, deren Pracht mir erst viel später ins Bewusstsein rückte, und weiter in Richtung Hessisches Staatstheater.

Im Schneckentempo ging es entlang der Kurhauskolonnaden, vorbei am Kurhaus und dem Spielcasino. Wir machten einen fürchterlich langweiligen Spaziergang um den kleinen See im Kurpark, und mein Vater schwänzelte wie ein alberner Gockel neben Linda her, immer Händchen haltend. Dazu gab er dümmliche Witze von sich, die Linda allerdings zu amüsieren schienen, sie lachte mit einem herzlichen Unterton. Was mich zu meiner eigenen Überraschung zutiefst berührte.

Jamey und ich trotteten hinter den beiden her, schwiegen verbissen, bis das Knäbelchen fragte: »In welche Klasse gehst du?«

»Dritte, Gymnasium«, gab ich zurück.

»Wie alt bist du?«

»Zwölf.«

»Ich bin sechs. In welches Gymnasium gehst du?«

»Halt endlich die Klappe!«, konterte ich grob, immer noch den Beleidigten spielend.

Da war auch er wieder still.

Schließlich erreichten wir das Parkhaus, und selbstverständlich fuhren wir Linda und ihren Sohn nach Hause.

Jetzt

JEROMEY

Er verlässt die Autobahn und nimmt die Strecke Richtung Frankfurter Innenstadt, fährt den Main entlang bis zur Alten Brücke.

Beim Überqueren schweift sein Blick über die Hochhäuser im Bankenviertel. Sein Ziel liegt allerdings im Bereich zwischen Paulskirche und Dom, glücklicherweise in einer Straße, wo er mit dem Fahrzeug hineinfahren darf und es mit mehr Glück sogar abstellen kann. Ansonsten müsste er mit einem Parkhaus Vorlieb nehmen.

Die Stadt ist heute extrem voll, eigentlich wie immer während der Woche. Mit Mühe zwängt er das Auto zwischen Fußgängern und Radfahrern hindurch, setzt schon mal die Hupe ein. Es nervt, ständig Zeit zu vertrödeln, nur um Frank in seiner Kanzlei aufzusuchen. Es kommt zwar nicht allzu oft vor, trotzdem ist jeder Besuch mit ärgerlichem Zeitverlust verbunden. Frank hat ihm kürzlich ans Herz gelegt, am besten immer das nächstgelegene Parkhaus anzufahren, er würde ihm die Kosten zahlen.

Als ob es Jeromey um die Kosten ginge. Parkhäuser sind nicht gerade seine bevorzugten Plätze, auch nicht, wenn er vorhat, jemanden zu stellen. Wenn er als Jäger den Ablauf einer Festsetzung bestimmt und die Beute vermeintlich leichter in die Enge getrieben werden kann. Alles zu unübersichtlich, zu viele Verstecke, fremde Leute. Auffahrten, Ausfahrten, Hausgänge, Treppenanlagen, Säulen. Da muss man genaueste Ortskenntnisse und einen perfekten Plan besitzen, um dem Festzusetzenden keinen Ausweg zu lassen. Allein diese Kenntnis lässt ihn jeglichen freiwilligen Aufenthalt in Parkhäusern vermeiden, wann immer möglich.

Verflucht, heute scheint sich alles gegen ihn verbündet zu haben, er findet keine Lücke vor den Häuserzeilen, alles belegt.

Also dreht er noch eine Runde, das kostet ihn nahezu fünfundzwanzig Minuten, beschert ihm aber letztlich einen freien Platz.

Er stellt den Motor ab, steigt aus, schließt ab. Seine Augen gleiten das Gebäude empor, verweilen einen Moment an den Fenstern der Kanzlei seines Bruders.

Etwas in ihm will ihn zurückhalten. Aber nein, ein Rückzieher kommt nicht in Betracht. Das grenzt an Feigheit. Und diese Blöße gibt er sich nicht. Nicht jetzt, nachdem der erste Schritt seines Befreiungsschlages erfolgt ist. Keiner der Bosse rechnet damit. Das ist sein Vorteil, den er bis zum letzten Atemzug auskosten wird.

Die Chronik muss alles offenlegen. Den Druck, den sie auf ihn ausüben. Den Zwang, dem sie ihn unterworfen haben. Aber auch die Schuld, die er auf sich geladen hat. Die ihn erpressbar macht. Bis heute.

Sie erschufen sich mit ihm den gewissenbefreiten V-Mann, feinsinnigen Rechercheur, abgebrühten Spürhund, aber auch die allzeit einsetzbare Tötungsmaschine, bedingungslos gehorsam, der Entscheidungskraft beraubt, zu keinem Privatleben mehr fähig. Und sie tun es immer wieder. Mit anderen.

Das Limit seiner Akzeptanz ist überschritten. Er hat nichts mehr zu verlieren. Also wird er sein Schweigen beenden, sein Gelübde brechen und seine Loyalität aufkündigen.

»Was soll’s«, sagt er leise vor sich hin und peilt die Eingangstür an.

FRANK

Wie aus dem Nichts kommt Jeromey in die Kanzlei gestürmt. Unerwartet, unangemeldet. War nicht anders zu erwarten. Meine Sekretärin, Frau Paulsen, ist nicht in der Lage, ihn aufzuhalten. Das will etwas heißen.

Bevor ich überhaupt auf das kurze, herrische Klopfen reagieren kann, öffnet er schon die Tür mit einem knappen »Hi!« auf den Lippen, als hätte er die Selbstverständlichkeit für sich gepachtet, unaufgefordert geschlossene Räume betreten zu dürfen. Ich würde mich nie daran gewöhnen.

Hilflos steht Frau Paulsen hinter ihm, zierlich, brünett und sehr gepflegt, allzeit freundlich und absolut zuverlässig. Ich nicke ihr zu, und sie zieht sich zurück, schließt die Tür.

»Hallo, Jamey!«, begrüße ich ihn und fordere ihn zum Sitzen auf, was er tatsächlich tut. »Hast lange auf dich warten lassen! Ich habe die Zeit genutzt und vorweg ein paar Aufzeichnungen gefertigt. Falls ein professionelles Manuskript daraus entstehen soll, können wir später, dein Einverständnis vorausgesetzt, eine Lektorin hinzuziehen. Eine Freundin von Tina.«

Bettina ist unsere gemeinsame jüngere Schwester.

»Zeig her!«, brummt er, ohne auf meinen Vorschlag einzugehen.

Ich überreiche ihm die ersten Seiten, und er beginnt zu lesen. Ja, er liest! Zumindest wirkt es so. Seine Augen streifen über das Papier. Vielleicht denkt er auch nur über den Inhalt nach, den er in Sekundenschnelle aufgesaugt haben könnte.

Ganz gleich, wie er meine Niederschrift aufnimmt, ich lasse ihm Zeit.

Inzwischen mache ich mir ein paar Notizen für einen bevorstehenden Gerichtstermin. Meine Kanzlei in einem renovierten Gründerzeitbau im Zentrum der Frankfurter Altstadt hat einen sehr guten Ruf, den wir uns hart erarbeitet haben. Ich führe sie zusammen mit einem Kollegen, mit dem ich mich auch privat gut verstehe. Wir beschäftigen zwei Sekretärinnen, mehrere Fachangestellte sowie eine Auszubildende.

Jeromey ist nicht anzumerken, ob ihm meine Aufzeichnungen zusagen. Sein Gesichtsausdruck zeigt kaum Regung. Ab und zu runzelt er die Stirn, was möglicherweise darauf hinweist, dass manches nicht seiner Vorstellung entspricht.

Nach über einer halben Stunde schließlich hebt er den Blick und legt ihn gedankenversunken auf mich. Nun kann ich erkennen, wie es in ihm arbeitet.

Während ich ihn betrachte, muss ich neidvoll eingestehen, wie jugendlich er mit seinen neununddreißig Jahren aussieht. Sein immer noch tiefschwarzes, volles Haar ist um einiges kürzer als früher, lässige Strähnen fallen ihm in die Stirn. Sein Körper wirkt unverändert gestählt und durchtrainiert, man merkt ihm seine verletzungsbedingten Ausfallzeiten nicht an. Er trägt schwarze Jeans und ein hellgraues Kurzarm-Poloshirt, seine schwarze Lederjacke hat er über die Lehne eines Sessels in der Besprechungsecke geworfen.

»Ganz gut«, urteilt er, was schon einem Lob nahekommt. »Allerdings hat keiner begriffen, was in mir vorging. Du schon gar nicht.«

Aufgebracht von seinem nachgeschobenen unverkennbaren Vorwurf will ich ihn am liebsten anherrschen, er könne sich gern jemand anderes zum Schreiben suchen. Doch so schnell gebe ich mich nicht geschlagen.

»Wie sollte ich? Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mit dir ein offenes Gespräch zu führen. Schon damals bist du mir ständig ausgewichen.«

Er legt die Blätter auf den Schreibtisch, steht auf, geht zum mittleren der drei Fenster, öffnet es und atmet die kühle, aber bereits den nahenden Frühling verkündende Luft tief ein. Der März in diesem Jahr zeigt sich von seiner besten Seite, jeden Tag Sonne und blauer Himmel.

»Weißt du, Frank«, beginnt er, und mir scheint, als klänge das ä noch gedehnter als sonst. Dann wendet er sich mir zu. »Nach dem Wechsel in die Realschule musste ich viele Diskriminierungen hinnehmen. Bis Jonny kam. Er akzeptierte mich. Er half mir, mein Ego zu stärken. Die andern titulierten mich einen Wilden, eine Rothaut, so wie sie es in irgendwelchen Filmen gehört hatten. Dass ich mir eine Squaw suchen und die Finger von ihren Mädchen lassen sollte, war noch das harmloseste, was sie mir an den Kopf warfen. Das wusstet ihr nicht, stimmt’s? Mit Sicherheit hat auch kein Lehrer eine Silbe darüber verloren. Und ich war nicht in der Lage dazu.«

Weil ich im Moment keine Worte finde, die seinen einseitigen Erinnerungen widersprechen oder gar diesen Jonny nicht beleidigen würden, fährt er in einem bedächtigen Tonfall fort.

»Der einzige Erwachsene, der meine verquere Situation nachempfinden konnte, war mein Kampfsporttrainer. Er hatte es als Südkoreaner auch nicht immer einfach. Und Jonny, den habt ihr zum damaligen Zeitpunkt schlimmer eingeschätzt, als er war.«

Bevor er sich weiter in seine entgleisten Empfindungen vertiefen würde, ergreife ich das Wort. »Jamey, jetzt hast du die Möglichkeit, alles zu erzählen.« Ich gewähre ihm eine Sekunde, bis ich fortfahre. »Wie siehst du die Zeit in der Grundschule aus heutiger Sicht?«

Er richtet seinen konzentrierten Blick wieder durch das geöffnete Fenster nach draußen. Irgendwo in der Ferne hält er an einem Punkt inne.

»Anfänglich war alles bestens. Bis ihnen bewusst wurde, dass ich nicht nur äußerlich anders war als sie, sondern ihnen auch geistig meilenweit voraus war. Obwohl ich immer versuchte, nicht aufzufallen. Aber das ist lange vorbei, ich nahm es ihnen nie übel. Eigentlich wollte ich ohnehin keinen engen Kontakt zu irgendjemanden haben.« Er hält einen Moment inne. »Vielleicht versagten die Lehrer, die mich lobend in den Vordergrund stellten und damit den Neid der anderen schürten. Vielleicht versagte auch Mutter, weil sie mich nicht, wie von den Lehrern empfohlen, in eine spezielle Schule gab. Vielleicht habe ich versagt, weil ich mich abgelehnt fühlte. Ich lebte stets mit dem Gefühl, unerwünscht und fremd zu sein. Machte mich dadurch noch mehr zum Außenseiter.«

Er senkt sein Augenmerk auf die Straße hinab, stützt sich mit der linken Hand am Sims ab, seine rechte steckt er in die Hosentasche, und beobachtet für eine kleine Ewigkeit den Verkehr, bis er sich entschließt, weiterzureden.

»In der Wohnsiedlung der US-Streitkräfte fühlte ich mich wohl, da gehörte ich dazu. Mann, und was hatten wir für prächtige Spielplätze. Gab’s sonst nirgends.« Ein verklärter Schimmer streift seine dunklen Augen, entfacht eine fragile Heiterkeit. »Im Kindergarten war’s immer lustig, wir verstanden uns gut.« Sogleich wird er wieder ernst. »Zwei Wochen vor meinem fünften Geburtstag ging Dad zurück nach South Dakota. Mutter zeigte kein Bedauern. Sie hatten sich ohnehin nur noch gestritten. Mutter eröffnete mir irgendwann, eine neue Bleibe suchen zu müssen. Bald drauf ging sie abends öfters aus. Eine Wohnungsnachbarin passte auf mich auf. Sie war Schwarze, ich hielt mich gerne bei ihr und ihrem Sohn auf. Er war im gleichen Alter wie ich. Immerhin durften wir noch über ein Jahr in der Wohnung bleiben. War ein super Timing, als wir zu euch ziehen konnten.«

Er dreht sich um, sieht mich an und grinst. »Das hat dir nicht in den Kram gepasst, was?«

Bis ich mir eine Antwort zurechtlegen kann, kommt er zum Schreibtisch zurück und macht es sich in dem Ledersessel bequem. Ich biete ihm Mineralwasser an und fülle zwei Gläser. Wir trinken.

»Erzähl etwas von Jonny«, lenke ich von seiner Frage ab, während ich das Glas absetze. Hoffentlich beendet er jetzt seinen Redefluss nicht. Zwar kenne ich die meisten Details von damals, vor allem aus den Polizeiakten, dennoch könnte es sein, dass er mehr aus seiner Sicht verrät.

Mein Bruder stellt sein Glas ebenfalls auf den Schreibtisch, lächelt leicht vor sich hin.

»Jonny versetzte jedem eine ordentliche Tracht Prügel, der mich beleidigt oder bedroht hatte, dafür half ich ihm, schulisch über die Runden zu kommen. Dieser Deal war für mich damals okay. Ich hätte mich zwar selbst wehren können, aber es sorgte für mehr Respekt, einen Beschützer zu haben, der beinahe drei Jahre älter war. Außerdem predigte Meister Kim ständig, dass ich mich auf keine körperlichen Konfrontationen einlassen solle und meine erlernten Fähigkeiten nur im Training oder bei sportlichen Wettkämpfen einsetzen dürfe. Sonst bekäme ich Schwierigkeiten mit der Schulleitung. Das wollte ich nicht heraufbeschwören.«

Jeromey wirkt überraschend locker und mitteilsam, ich bohre mutig weiter.

»Möchtest du auch über Jenny reden?«

Seine Augen, ohnehin seit jeher geprägt vom steten Wechsel zwischen samtweicher Verklärung, freudiger Verzückung, spöttelndem Zynismus und erbarmungsloser Härte, schweifen unruhig im Zimmer umher. Er holt tief Luft und entlässt sie sehr langsam, was den inneren Kampf verrät, seiner Wut zu kontern und ruhig zu bleiben. Und das nach all den Jahren und nach allem, was er seither erlebt hat.

Ich gewähre ihm genügend Zeit, will ihn nicht bedrängen.

»Ich habe einige Dateien dabei«, weicht er mir überraschend aus. »Mit Erinnerungen aus meiner Kindheit. Du darfst alles verwenden.«

Da er keine Anstalten mehr macht, weiterzureden, schlage ich ihm vor, uns am Abend bei mir zu Hause zu treffen, was er mit einem Nicken bestätigt.

»Wo übernachtest du?«, frage ich ihn, wohl wissend, dass er keinesfalls zu unseren Eltern gehen wird. Und in meinem Haus will ich ihn auch nicht länger als nötig haben.

»In einem Flughafenhotel. Morgen geht’s zurück nach München. Mein Boss hat mir einen neuen Auftrag angeboten, ich weiß nicht, ob ich ihn annehme. Vielleicht fliege ich auch nach London zu Hank.«

»Und die Eltern?«, starte ich einen Versuch. »Mutter hat nächsten Monat ihren sechzigsten Geburtstag. Willst du nicht …?«

»Shut up!«, stößt er aus. Steht auf, packt seine Jacke und verlässt das Büro.

KAPITEL 2

Damals

JEROMEY

Seine Mom verschloss sorgfältig die Wohnungstür, legte ihre Tasche in den Garderobenschrank, hängte ihre Jacke auf, zusammen mit seiner, und ging in die Küche. Sagte nichts und ließ ihn einfach im Gang zurück. Sie hatte den ganzen Weg vom Auto bis zur Haustür über sein Benehmen geschimpft, jetzt waren ihr wohl die Worte ausgegangen.

Er stand da und hörte sie herumhantieren. Fühlte sich ganz und gar zu Unrecht getadelt und rührte sich eine halbe Ewigkeit nicht vom Fleck.

Dann kam das Zittern. Am ganzen Körper. Es war die Angst, die sich in ihm breitmachte, die unermessliche Angst vor einer unberechenbaren Zukunft.

Aber vielleicht brachte der Schritt in diese ungewisse Zukunft auch den Vorteil, dass die Männer, die ehemaligen Kameraden seines Vaters, keinen Zugriff mehr auf ihn hätten. Vielleicht. Das wäre dann der positive Aspekt, wenn seine Mom und er zu den fremden Leuten zögen.

Nach einer Weile schien Mom ihn zu vermissen, sie kam zurück, in den Händen knetete sie ein Geschirrtuch, baute sich vor ihm auf.

»Was ist jetzt schon wieder?« Ihre Stimme klang eher müde als böse.

»Ich will zu Dad.« Ihm war klar, dass ihm dieser Wunsch verwehrt bliebe. Womöglich war ihm gerade deshalb dieses Ansinnen herausgeplatzt.

»Wir haben alles ausführlich besprochen. Und du weißt, dass das nicht geht.«

So schnell würde er ihr nicht nachgeben. »Ich will hierbleiben.« Er legte all seinen Trotz, den er aufbrachte, in diesen Satz.

Mom sank in die Knie. Ihre Augen schimmerten feucht.

»Das geht auch nicht. Das weißt du.«

»Ich hasse Dad. Wenn er noch da wäre, dürften wir hier wohnen bleiben. Ich hasse ihn. Ich hasse dich, I hate both of you!«

Er begann zu schreien, fühlte, wie die aufgewühlte Ungerechtigkeit mit einem Schlag aus ihm herausbrach, und er versank in ein hilfloses Wimmern. Bis seine Mom ihn in ihre Arme nahm.

»Es wird alles gut, Jamey, glaub mir. Es wird alles gut.«

Er wollte sich ihr entziehen, aber sie hielt ihn fest.

Bis er kapitulierte.

FRANK

Nichts wurde mehr ohne die beiden unternommen.

Meine euphorischen Großeltern waren vernarrt in den kleinen Besserwisser, der es ungemein gut verstand, die Erwachsenen um den Finger zu wickeln. Gegenüber Kindern seines Alters allerdings zeigte er sich merkwürdig verschlossen.

Niemand verstand meine innere Abwehr. Da sollten von einem Tag zum anderen fremde Menschen bei uns einziehen, und von mir wurde verlangt, auf alles und jeden Rücksicht zu nehmen. Meine Großeltern redeten auf mich ein, ich solle dies positiv sehen. Immerhin bekäme ich eine liebenswerte Mutter und einen gescheiten Bruder.

Alles in mir sträubte sich gegen diese Vorstellung. So viele Jahre hatte ich in meiner Fantasie den Fall durchgespielt, wie es sein würde, eine fremde Frau als Mutter zu bekommen, wobei ich mich immer als den toleranten Sohn sah, der seinen Vater sehr schätzte und ihm nahezu jede Frau gegönnt hätte.

Und jetzt, da es sich herausstellte, dass die neue Frau an der Seite meines Vaters ein wirklich liebenswerter Mensch war, wollte ich sie gerne für mich alleine besitzen und nicht auch noch mit einem anderen Kind teilen. Doch leider stand das nicht zur Debatte. Wollte ich diese Frau als meine neue Mutter, musste ich ihren Sohn als meinen Bruder anerkennen.

Diese Gedanken zerrissen mich nahezu.

Einen Monat später kam der befürchtete Tag. Mein Zimmer in der Wohnung meines Vaters erhielt Jamey. Ich wurde ausquartiert und zog zu meinen Großeltern in die obere Wohnung des Hauses, das glücklicherweise genug Ausweichmöglichkeiten bot.

Auch der Garten war weitläufig genug, um Jamey aus dem Weg zu gehen, wenn ich sein Auflauern satt hatte und er mich mit seiner Fragerei nervte. Denn allmählich taute er auf und hing an mir wie eine Klette. Wie eine neunmalkluge, neugierige und dauerplappernde Klette.

Er bombardierte mich mit Fragen wie:

»Wie heißen deine Lehrer?«

»Was willst du später werden?«

»Wie viel Freunde hast du? Darf ich sie kennenlernen?«

»Hast du auch eine Freundin?«

»Kannst du mir etwas von Newton erzählen?«

»Lebt eigentlich Einstein noch?«

»Gibt es tatsächlich schwarze Löcher? Wo sind sie? Können wir da reinfallen, wenn es Nacht ist?«

»Gehst du mit mir mal ins Museum – oder in den Zoo?«

»Stammen wir wirklich von den Affen ab?«

»Warum kann ein Flugzeug fliegen?«

»Wie viel PS hat ein Ferrari, hat der mehr als ein M 1?«

Und immer zu, in einem fort. Kaum kam ich von der Schule, stand er schon parat, um mich zu löchern.

Manchmal warf ich ihm eine Antwort zu oder schleppte ihn in die Bücherei, manchmal ließ ich ihn abblitzen und schloss mich ein, manchmal schnauzte ich ihn an, er solle mich in Ruhe lassen. Meist dann, wenn ich keine Antwort wusste und ich mich nicht bloßstellen lassen wollte.

Woher er all seine Impulse bekam, mochte ich nicht hinterfragen. Ich sah in ihm einfach nur den kleinen wichtigtuerischen Klugscheißer, der in einem ungehörigen Affentempo alles kapierte und innerhalb kürzester Zeit Schreiben, Lesen und Rechnen mit einer Sicherheit beherrschte, die mich immer wieder in ein ungläubiges Erstaunen versetzte.

Der Gipfel war erreicht, als er eines Tages in mein Zimmer schlich, während ich mich mit meinen Hausaufgaben abrackerte, und zu fragen wagte: »Soll ich dir helfen?«

Ich explodierte, scheuchte ihn raus wie eine widerwärtige Kakerlake und schloss ab.

Aus heutiger Sicht tut es mir leid, wenn ich an mein ablehnendes Verhalten denke. Zweifellos war die Zeit für ihn nach dem Umzug weitaus schwieriger gewesen als für mich, denn schließlich wurde ja er aus seiner gewohnten Umgebung gerissen und musste fortan bei ihm völlig fremden Leuten leben.

Kurz vor Weihnachten heirateten unsere Eltern. Wir wurden auch auf dem Papier zu einer Familie. Mit einer Ausnahme: Linda nahm unseren Familiennamen an, der kleine Intelligenzbolzen Jamey nicht. Der durfte weiter DeLorca heißen. Später wurde mir klar, warum. Es ging dabei um Alimente seines Vaters, weshalb mein Vater ihn nicht adoptieren sollte. Aber in jenem Moment saß der Stachel tief, als ich fälschlicherweise glaubte, der Knabe habe mal wieder seinen Willen durchgesetzt und alles springe nach seiner mickrigen Pfeife.

Die Trauung fand nur auf dem Standesamt statt. Dennoch wurde ein bombastisches Zeremoniell abgehalten, mit üppigem Blumenmeer und Musikkapelle, und nicht nur die Gäste und das Brautpaar, auch Jamey und ich waren übertrieben herausgeputzt. Das Wetter zeigte sich dazu so gar nicht winterlich, die Sonne schien aus vollen Kräften. Anschließend feierten wir in einem piekfeinen Hotel auf dem Land, wo die fernangereisten Gäste gleich ihre Zimmer zum Übernachten hatten.

Ich lernte Lindas Eltern genauer kennen. Es waren zurückhaltende, nette Leute, und sie schienen Jamey zu vergöttern.

Er hing auch an ihnen, und das wortwörtlich. Ich hatte jedenfalls den ganzen Tag meine Ruhe vor ihm, was ich überaus genoss.

JEROMEY

Es war der schlimmste Tag in seinem Leben. Noch schlimmer als er es sich vorgestellt hatte. Alle um ihn herum lachten und schienen ihrer Freude keine Grenzen setzen zu können. Sogar Frank machte sich einen Spaß daraus, ihn mit seiner gespielten Glückseligkeit zu provozieren.

Jeromey hätte heulen mögen. Aber er riss sich zusammen. Seinen Großeltern zuliebe. Sie waren sein letzter Halt, die letzte Verbindung zu seinem alten Leben. Sie verstanden ihn und die Sorgen, die ihn umtrieben.

Sorgen, die seine Mutter einfach wegwischte.

Sein Dad hätte ihn verstanden. Aber der war unerreichbar.

Jeromey drückte sich an seine Grandma, war froh, als sein Grandpa sich an seine andere Seite gesellte, denn nun fühlte er eine Geborgenheit, die er am liebsten nie mehr aufgegeben hätte.

Doch Franks Vater zerrte ihn ständig mit sich. Wollte seinen Verwandten die neue tolle Familie vorstellen. Und seine Mom spielte mit. Ließ es zu, dass die vielen Fremden ihn berührten, ihm übers Haar streichelten und er mit ihnen reden musste. Frank schien diesem Theater auch nichts abgewinnen zu können. Was Jeromey wiederum freute.

Gegen Abend, er saß gerade wieder zwischen seinen Großeltern, begann sein Grandpa ein ernstes Gespräch. So von »Mann zu Mann«, wie er es ankündigte.

»Junge, ich weiß, du glaubst, deine Mutter lässt dich im Stich. Aber das ist nicht so. Sie will nur dein Bestes.«

»Du meinst, sie will ihr Bestes. Hat sich ja einen reichen Typen geangelt.«

»Nein – so ist das nicht.« Sein Grandpa zögerte. »Oder doch, ja. Dein Stiefvater hat einen gewissen Stand in der Gesellschaft. Das kann auch von Vorteil sein. Und die beiden haben sich wirklich von Herzen gern.«

»Er kann nicht mein neuer Dad sein. Niemals!«

»Das soll er auch nicht. Bitte, mach deiner Oma und mir eine Freude. Versprich es.«

»Was denn?«

»Respektiere deinen neuen Stiefvater als das, was er ist, was er für dich in Zukunft sein wird.«

»Das ist alles? Respektieren?«

Grandpa nickte.

»Okay. No problem.« Jeromey zuckte mit den Schultern.

»Ich weiß«, beendete Grandpa seine Ansprache und blinzelte ihm zu.

»Aber Frank respektiere ich noch nicht. Der muss sich das erst erarbeiten.«

»Du kleiner Schelm«, lachte Grandma und fuhr ihm durchs Haar.

FRANK

Jamey lebte sich gut bei uns ein. Zu gut, wie ich bedauerlicherweise feststellen musste.

Ich begriff nicht, wie ein so kleiner Junge mit derart disziplinierten Umgangsformen gegenüber Erwachsenen aufwarten konnte. Er hatte eine gewisse raffinierte Art an sich, mit der er meinen Vater und meine Großeltern beeinflusste. Seine Ausdrucksweise, sein Benehmen und seine Gedanken waren einem Sechsjährigen weit voraus. Es schien, als hätte er das Talent, individuell auf jeden einzugehen, als berechne er im Voraus seine Reaktion auf die Aktion seines Gegenübers.

Manchmal war er sogar mir um Längen voraus, was mich stresste und ganz schön ärgerte. In der Schule, war ja klar, lief auch alles bestens. Er beherrschte bei seiner Einschulung das komplette ABC, konnte etliche Worte schreiben, dazu mit der linken Hand, und die Grundrechenarten meisterte er mit Bravour.

»Frank«, sagte mein Vater eines Abends zu mir, »ich glaube, wir können von Glück reden, wie Jamey sich entwickelt. Und ich hoffe, du bist stets für ihn da, wenn er deine Hilfe benötigt.«

»Der und meine Hilfe?«, setzte ich schwach entgegen.

Was blieb mir anderes übrig, als meinem Vater das zu versprechen, obwohl ich ihm am liebsten die Augen geöffnet hätte über Jameys listiges, durchtriebenes Verhalten. Aber ich hielt mich zurück. Vielleicht sollte ich mich damit abfinden, jetzt einen kleinen Bruder zu haben, dazu einen überaus intelligenten.

Mit diesem Gedanken fand ich auch Zugang zu Jamey. Es kam tatsächlich der Moment, an dem ich seine Unterstützung ersuchte, um ein englisches Referat auszuarbeiten. Da er bereits lesen und schreiben konnte und immer bereit war, Neues wie ein Staubsauger in sich hineinzuziehen, klappte das ausnehmend gut.

Eines machte mich allerdings nachdenklich. Er weigerte sich beharrlich, Schulfreunde einzuladen. Ab und zu holte seine Mutter Klassenkameraden zum Spielen, die auch immer gerne zu uns kamen, weil es fast alles gab, was das Herz eines Erstklässlers begehrte.

Ich sprach Vater darauf an, aber er winkte ab.

»Weißt du, Kinder wie unser Jamey haben es sehr schwer, mit gleichaltrigen Kindern zurechtzukommen. Seine Klassenlehrerin und der Rektor pochen sogar darauf, dass wir ihn in eine Schule für Hochbegabte schicken, aber Linda ist dagegen. Ich kann schlecht dazwischenreden, denn im Prinzip müsste sein leiblicher Vater um Rat gefragt werden. Machen wir das Beste aus dieser Situation. Und falls der Tag kommt und Jamey eine Vertrauensperson benötigt, wäre ich dankbar, wenn du diesen Part übernimmst.«

»Klar«, sagte ich erstaunt und ahnte nicht, was er mir damit aufbürdete.

Jameys erstes Schuljahr neigte sich dem Ende zu, als ich ihn an einem lauen Frühsommerabend in den Garten rief. Wir setzten uns in die halboffene Holzlaube, ich schenkte ihm eine Cola ein. Nicht ohne Hintergedanken, denn ich hatte mir vorgenommen, ihn ein wenig auszuhorchen.

Ich wartete, bis er sein Glas absetzte. Betrachtete ihn prüfend, bis er unruhig wurde. Dann begann ich.

»Wie machst du das eigentlich?«

Er zog die Stirn kraus. »Was denn?«

»Das Lernen. Dir wird das alles wohl kaum im Traum zufliegen.«

Er setzte ein vorsichtiges Lächeln auf. »Ich schau mir die Bücher durch und verknüpfe den Inhalt mit den Erklärungen der Lehrer.«

Wie er schon wieder redete. Das machte mich echt fertig.

»Du gibst ganz schön an.«

»Ist nicht wahr. Du musst halt aufpassen, was die Lehrer sagen.«

»Ach ja? Glaubst du, das mach ich nicht? Und dazu viele Notizen, die du wohl kaum schon auf die Reihe kriegst.«

»Ich hab alles da drin.« Er tippte sich an die Stirn.

Ich gab auf und stöhnte: »Du bist ein Phänomen.«

Er neigte den Kopf zur Seite, schaute mich fragend an.

»Du weißt schon, dass das nicht die Regel ist?«, setzte ich nach.

»Ach«, winkte der Pimpf ab, »scheiß auf Regeln.«

Für einen Moment verschlug es mir sämtliche Worte, die mir auf der Zunge lagen, mit Mühe fing ich mich wieder.

»Du könntest die zweite Klasse mit Leichtigkeit überspringen. Willst du das nicht tun?«

Er schluckte und schlug die Augenlider nieder. »Ich darf doch keine Aufmerksamkeit auf mich lenken.«

Seine Gedankengänge waren unfassbar, und ich wollte ihn belehren, dass es viele Kinder gab, die Klassen übersprangen, ohne dass irgendwer Anstoß daran nahm.

Da bemerkte ich seine Unruhe. Um ihn zum Bleiben zu animieren, wechselte ich rasch das Thema, kam endlich auf den Punkt meines eigentlichen Interesses.

»Sag mal, Kleiner, kannst du dich noch an deinen Alten erinnern?« Ich redete betont lässig, damit er mein Verhör nicht als solches erkannte.

»Ein bisschen.« Er schob mir das Glas her. Er hatte es in einem Zug ausgetrunken. »Bitte nachschenken!«

Ich nahm die Flasche, füllte sein Glas randvoll.

»Dein Vater ist doch kein Weißer, oder?« Bisher war dieser Mann noch nie ein Gesprächsthema zwischen uns gewesen.

»Warum willst du das wissen?« Jamey nuckelte am Glas und taxierte mich von unten her.

»Er ist dein Vater, also gehört er zur Familie – richtig?«

Jamey setzte das Glas ab. Sein argwöhnischer Blick vergrub sich tief in meinen Augen.

»Ja.«

»Dann erzähl was über ihn!«

»Das glaubst du mir sowieso nicht.« Er zog eine Schnute.

»Probier’s.«

Er legte den Kopf schräg, und ich sah ihm an, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. »Mein Dad ist Indianerhäuptling eines Sioux-Stammes. Und Offizier bei der U. S. Army.«

»Äh – bitte?« Mein Brüderlein hatte wie immer Recht gehabt, ich glaubte ihm nicht.

»Sicher denkst du, ich erfinde das, weil ich einen Held in ihm sehen will.«

Er erstaunte mich stets aufs Neue. Jetzt konnte er noch Gedanken lesen.

»Warte!«, sagte er und rannte ins Haus.

»Ja, ja, Indianerhäuptling ist der Gute – und mein Vater ist der Bundeskanzler!« Ich lachte laut auf.

Schon stand Jamey wieder vor mir. Legte zwei Fotos auf den Tisch. Sie zeigten jeweils eine Parkbank, auf der ein junger, uniformierter Mann saß. Ziemlich gutaussehend, groß, schlank. Schwarzhaarig und braunhäutig. Auf seinem Schoß ein etwa dreijähriger Junge.

»Das bin ich. Und mein Daddy.«

»Also, Jamey, das sind ja ganz nette Fotos, aber sie beweisen schlichtweg nicht deine Behauptung.«

»Warum sollte ich dich anlügen? Du könntest zu Mommy gehen, sie fragen, und dann würde sie mich als Lügner entlarven.«

Wie er mich so erwartungsvoll klar und direkt anblickte. Überzeugt von seinen Worten, von seiner Wahrheit. Beinah hätte ich ihn in den Arm genommen und gesagt, dass ich ihn keineswegs für einen Lügner hielt.

Doch nur beinahe, denn meine Gedanken schlugen längst einen anderen Weg ein. Wenn es zuträfe, tatsächlich den Sohn eines Indianers oder gar eines Häuptlings zum Bruder zu haben, wäre das der absolute Wahnsinn. Vielleicht würde ich diesen Mann einmal kennenlernen dürfen. Meine Freunde würden blass vor Neid werden. Zumal sie sich regelmäßig lustig über mich gemacht hatten wegen meines Karl-May-Spleens.

»Okay, ich glaub dir, Jamey.«

Ein paar Tage später, Jamey befand sich gerade beim Taekwondo-Training – ja, der Knirps war begeisterter Kampfsportler –, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und suchte ein Gespräch mit Linda. Sie werkelte in der Küche herum, räumte den Geschirrspüler aus, bereitete das Abendessen vor.

»Darf ich dich mal etwas fragen?«

»Aber klar, Frank. Gerne.« Ohne aufzublicken, hantierte sie unentwegt weiter.

»Jamey hat mir so ’ne absurde Story von seinem Vater erzählt, von wegen Indianerhäuptling und so.«

»Und du willst wissen, ob das stimmt?« Sie richtete sich auf, schmunzelte vor sich hin. »Hältst du ihn für einen Lügner?«

»Ich? Äh – na ja, eigentlich …«

»Eigentlich?« Sie lachte auf.

Verlegen kratzte ich mich an der Schläfe. »Ich will ihm ja nichts unterstellen. Aber manchmal übertreibt er schon ein bisschen.«

»Oh, Frank. Ja, du hast Recht. Es ist schwer, Jamey immer alles zu glauben, was aus seinem Mund heraussprudelt. Allerdings habe ich ihn bis jetzt noch nie bei einer vorsätzlichen Lüge erwischt.«

»Dann ist sein Vater …?«

»Indianer. Ein Oglala-Lakota-Sioux. Stammesoberhaupt hingegen ist er nicht, dafür ist er zu jung. Und Jameys Großvater starb 1975, auch er war kein Häuptling. Und wenn das momentane Oberhaupt sein Amt weitergeben wird, dann sicher nicht an Jameys Vater, denn dieser hat ganz andere Karrierepläne. Ein Vorfahre der Familie soll übrigens Spanier gewesen sein, worüber ich aber nichts Genaues weiß.«

»Wow! Der Vater ein Sioux. Das ist ja auch abgefahr’n!«

»Ja«, bestätigte Linda. Dann nahm sie mich an der Hand, und wir gingen ins Esszimmer. »Bitte, setz dich. Ich möchte dir ein wenig über Jameys Vater erzählen. Geronimo White Eagle DeLorca, Jameys Vater, hatte es tatsächlich geschafft, das Reservat zu verlassen. Er ging aufs College, das er erfolgreich abschloss. Bei der Army diente er sich in kürzester Zeit bis zum Lieutenant hoch, mit dem Ziel, eine Ausbildung als Jet-Pilot zu machen. Doch hierfür hat er nach Pensacola in Florida ziehen müssen, wo die Grundausbildung stattfindet. Danach wird er zur Air Force nach Texas versetzt, denn dort sind die Jet-Piloten stationiert. Und weil ich das alles nicht wollte, haben wir uns getrennt. Ohne Familienanhang kann er sich auf seinen Traum konzentrieren. Wir waren ja noch so jung damals, und ich wollte ihm nicht im Wege stehen. Vielleicht, wenn ich mehr Mut besessen hätte, vielleicht, wenn wir kein kleines Kind gehabt hätten.«

Linda seufzte und sah verklärt zum Fenster hinaus. »Ich glaube, er ist jetzt glücklicher ohne uns. Und ich«, sie wandte sich wieder mir zu, »ich bin überglücklich mit euch.«

Diese abenteuerliche Geschichte verbiss sich immer mehr in meinem Hirn. Deshalb lockte ich zwei Tage später den arglosen Jamey in mein Zimmer, schloss die Tür. Schenkte ihm ein toll aufgemachtes Buch über die teuersten Sportflitzer der Welt. Hatte ich mit meinem mühsam ersparten Taschengeld extra für ihn gekauft. Eine große Bestechung für eine kleine Plauderei, bei der mein Brüderlein sich den farbigen Bildern widmen sollte, ohne sich Gedanken über meine Fragen zu machen.

So mein Plan.

»Hast du deinem Vater schon mal von uns geschrieben?«

Jamey schüttelte den Kopf.

»Hat er dir geschrieben?«

Wieder ein Kopfschütteln, ein Seitenumblättern.

»Willst du ihm nicht mal schreiben? Es ist doch sicher interessant, Post aus den USA zu bekommen.« Ich stellte mir schon vor, was er in meinem Auftrag seinen Vater alles würde fragen müssen.

Da richtete Jamey seinen Blick auf mich. Klappte das Buch zu.

Kniff die Augen zusammen. Wirkte ziemlich verärgert.

»Mein Dad will nichts mit uns zu tun haben. Wir kennen seine neue Adresse nicht, die Army rückt sie auch nicht ohne seine Erlaubnis heraus, und für meine Mutter ist er sowieso gestorben. Also rede nie, nie wieder von ihm!«

Mit jedem Wort wurde er wütender. Er stand auf, verließ das Zimmer und knallte die Tür zu.

Ich blieb verdutzt zurück. Gemeinsam mit dem teuren Buch. Das war’s dann mit dem Aufbau eines Vertrauensverhältnisses.

Für die nächsten drei Jahre.

Jetzt

FRANK

Durchs Fenster beobachte ich ihn, wie er in den dunkelblauen 5er BMW steigt. Mit getönten Scheiben. Vielleicht ein mitgebrachter Dienstwagen, vielleicht aber auch sein eigener. Immer unabhängig sein, ist seine Devise. Und möglichst unerkannt. Durch den ständigen Fahrzeugwechsel kann ich Jeromeys privaten Fuhrpark nicht mehr überblicken.

Er setzt die Limousine zurück, nimmt kaum Rücksicht auf den Verkehr, wirft den ersten Gang ein und rauscht davon.

Heute Abend wird er zu uns kommen. Mit uns essen, seine Neffen wiedersehen. Und mit mir seine Dokumente durchgehen.

Also rufe ich zu Hause an, informiere meine Frau über unseren Überraschungsgast. Ich bin schockiert, wie sie mir ihre Freude lautstark durchs Telefon kundtut und mein Trommelfell strapaziert.

Patrizia freut sich tatsächlich über alle Maßen, und in meinem Magen regt sich so etwas wie Eifersucht.

JEROMEY

Er schleust den Wagen ein paar Straßen weiter, macht sich erneut auf Parkplatzsuche. Um Frank nicht zu zeigen, dass er noch in der City bleibt.

Will etwas essen. Hat Lust auf etwas Besonderes, eine Kleinigkeit. Frank kann er nicht dabei gebrauchen. Der hätte ihn sicherlich begleiten wollen, mit ihm reden, ihn überreden. Wie er diese Bevormundung hasst.

Er quetscht den BMW in eine Lücke, zur Hälfte ins Parkverbot. Na ja, egal. Er platziert den Firmenausweis zwischen Lenkrad und Frontscheibe und hofft, dadurch ein eventuelles Abschleppen zu verhindern.

Ihm fallen etliche eingerüstete Gebäude auf. Früher beherbergten sie Läden, Bars, Lokale, Praxen oder bezahlbare Wohnungen. Jetzt spekulieren immer mehr Immobilienhaie darauf, nach sauteuren Restaurierungen Luxuswohnungen an Betuchte, Geschäftsleute oder sonst wen zu überhöhten Preisen zu vermieten oder zu verkaufen.

Jeromey spürt seinen Magen, steigt aus, schließt ab und marschiert zur Kleinmarkthalle, dort ist er schon ewig lang nicht mehr gewesen. Sie sollte mal abgerissen oder renoviert werden, aber die Frankfurter hatten sich erfolgreich dagegen gewehrt. Also steht das unschöne Gebäude immer noch im Stadtzentrum und bietet Lebensmittel und Getränke aller Preisklassen an. Und aus sämtlichen Regionen der Erde. Für Gourmets und Kochbegeisterte eine wahre Fundgrube.

Die Sonne bestrahlt den Vorplatz, es ist trotz der winterlichen Temperaturen gut auszuhalten. Er beschließt, an einem Stand einfach ein paar Bratwürste und Brot zu essen, trinkt Mineralwasser dazu. Danach betritt er die mit Ständen vollgepferchte Halle, überlegt, ob er frisches Fleisch und heimischen Käse einkaufen soll.

Die Menschenmassen nehmen ihm die Entscheidung ab, und er macht kehrt. Geht um die Halle herum, sucht die Toilettenanlage im Untergeschoss auf.

Wäscht sich die Hände.

Hält einen Moment inne, betrachtet sein Gesicht im Spiegel. Müde schaut er aus, richtiggehend erschöpft.

Sein Blick durchbohrt seine gespiegelte Stirn, verliert sich im Nichts.

Er steht am Balkon, starrt in die Nacht. Vor ihm die erleuchtete Stadt, hinter ihm die offene Balkontür. Gläser klirren, Sekt schäumt auf – zweimal. Mariann erhofft sich seine Zuneigung. Die er ihr nicht in der gewünschten Weise geben möchte.

Laue Luft fächelt ihm ins Gesicht, es ist Sommer in Berlin. Ein schöner Abend, nicht stickig. Ideal für Liebende und glücklich Verschmolzene. Aber nicht für ihn. Er ist nur auf ein Kurzvergnügen aus und hat die passende Partnerin in einer Bar aufgegabelt. Offensichtlich einsam wie er.

Mit einem Ruck verjagt er die sentimentalen Gedankenträume, er sollte hineingehen, denn er präsentiert sich gerade für jeden Möchtegernschützen als ideale Zielscheibe.

Nein, er darf sich nicht ständig von allen möglichen Eventualitäten knechten lassen, er sollte sich entspannen, den melancholischen Song von Christina Perri genießen. »Jar of Hearts« – der Lieblingssong des Girls, das hohe Erwartungen in seine Anwesenheit gesetzt hat.

Der Song nimmt kein Ende.

Sie befinden sich mittig im achten Stock des überdimensionierten Wohnblocks neueren Datums. Rechter Hand reihen sich etliche Balkone aneinander, bis das Gebäude einen Knick macht. Ein Winkel, der es ermöglicht, die beleuchteten Appartements des Nachbargebäudes zu inspizieren. Manche sind dunkel. Er späht von Etage zu Etage und von Balkon zu Balkon. Er nimmt nur die unbeleuchteten ins Visier.

Ein Fernglas wäre ideal.

Mariann kommt heraus, drängt sich an ihn. Er spürt ihre samtige Haut, riecht ihr berauschendes Parfum. Dreht sich nicht zu ihr um.

Seine Argusaugen sind verankert auf einem Balkon im Zentrum des benachbarten Wohnblocks. Eine huschende Gestalt. Gebückt. Etwas blinkt auf.

»Komm rein«, bettelt Mariann. Und als er nicht reagiert, drückt sie ihm ein kaltes Glas auf den blanken Rücken. Kichert albern.

Sein Hemd hat er sich bereits ausziehen lassen. Mehr noch nicht.

Sie hingegen steht im Slip neben ihm. Schaut empor. So lang, bis er es zulässt, dass sie seinen Blick einfängt.

Ihre zartgrünen Augen blinzeln verführerisch. Soll er sich ihr tatsächlich hingeben? Was hätte er zu verlieren? Nichts. Sie hingegen schon. Er würde morgen früh verschwunden sein, bevor sie aufwacht. Er sieht sie schon traurig nach ihm suchen, aber er würde sie nach wenigen Stunden vergessen haben.

Er nimmt das Glas, sie stoßen an.

»Was hast du? Du bist so ernst.« Sie will neckisch wirken.

Er schüttelt nur leicht den Kopf.

»Sag bloß, dir ist die Lust vergangen?« Sie legt ihren freien Arm um seinen Nacken, zieht sein Gesicht herab. Er lässt es geschehen. Gewährt ihr ein Lächeln, das sie zu beruhigen scheint.

Mariann trinkt den Sekt leer, auf einen Zug, bückt sich zur Seite, stellt das Glas auf dem kleinen Holztisch ab.

»Trink doch!« Sie will ihn bezirzen.

Er nippt an dem Glas. Gleichzeitig sieht er den Blitz am zuvor anvisierten Balkon.

Dann geschieht alles im Zeitlupenmodus.

Marianns Kopf reckt sich herauf, ihre Lippen gespitzt zu einem Kuss. Ihre beiden Gesichter sind nun auf gleicher Höhe. Er ihr leicht zugeneigt, sie auf Zehenspitzen gestreckt.

Da spürt er den Einschlag in ihr Hinterhaupt. Nimmt ihren entsetzten Blick wahr, ihre Augäpfel quellen aus den Höhlen. Blut trieft aus den Winkeln, tränengleich, färbt die Iris rot. Das Projektil hat sich im Stirnbein verkantet. Wäre es ausgetreten, wäre es mitten in seinem Gesicht gelandet.

Ein grandioser Schuss, dennoch das Ziel verfehlt.

Das Sektglas lässt er los, packt Marianns Schultern und reißt sie mit zu Boden. Ohnehin sinnlos, sie stirbt noch in derselben Sekunde. Er zieht sich zurück und robbt ins Zimmer.

Der Song klingt mit den letzten sanften Tönen aus. Zerrt die allzu sehr passenden Worte mit sich ins tiefe Schweigen. Der CD-Player schaltet ab.

Es ist still.

Nur der Autolärm von der Straße dringt herein.

Und die laue Sommerluft.

Marianns Gesicht liegt in einer dunkelglänzenden Lache. Ihre Haare verwirbelt zu einem schwarzen Fächer.

Ein Ende, das er so nicht für die rassige Schönheit geplant hat.

Und Mariann hat mit Sicherheit niemals auch nur im Entferntesten die Möglichkeit in Betracht gezogen, ihren Tod im Einklang zu ihrem Lieblingssong zu finden. Neben einem Mann mit Eis im Herzen, der leider viel zu oft Narben hinterlässt. Ob sie sich einmal die Mühe gemacht hat, genau auf den Songtext zu achten? Vermutlich nicht.

Er reißt sich zusammen, sucht hastig nach seinem Telefon. Er benötigt Unterstützung, seine Spuren zu tilgen.

Aber über eines ist er sich im Klaren: Der Schütze würde ganz schön sauer wegen seines Fehlschusses sein.

Jeromey atmet hart durch, trennt sich von seinem Spiegelbild, schaufelt sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Weshalb denkt er ausgerechnet jetzt an dieses unliebsame Ereignis? Fünf Jahre sind seither vergangen. Ob die Lady auf ihn angesetzt oder ihre Anwesenheit in der Bar tatsächlich nur Zufall war, konnte bisher genauso wenig ermittelt werden wie der Schütze. Oder dessen Auftraggeber.

Dennoch liefen schon damals seine Vermutungen darauf hinaus, dass es Chang gewesen sein musste. Ein Erzfeind aus frühen Agententagen. Irgendwann wird eine letzte Konfrontation unausweichlich sein – eine mit dem Tod endende.

Er reißt Papier aus dem Spender heraus, tupft sich über Gesicht und Nacken. Dann strebt er schnurstracks zum Auto, startet und fährt in Richtung Autobahn. Er schwankt zwischen zwei Möglichkeiten: Hotel suchen oder Heimfahrt nach München.

Die zweite Möglichkeit wäre ihm am liebsten. Wenn es sein Versprechen nicht gäbe.

FRANK

Gegen achtzehn Uhr komme ich heim. Die aufgeregte Stimmung empfängt mich gleich hinter der Tür. Meine beiden Söhne, Lukas, sechzehn, und Patrick, vierzehn, freuen sich enorm auf ihren Onkel, den sie für einen Helden halten und nahezu als ihr Idol verehren. Sie plappern mit ihrer Mutter um die Wette, als stünde der Besuch eines Popstars an.

Ich muss sie schon seit jeher in ihrer Begeisterung bremsen und ihnen jedes Mal klarmachen, dass nicht alles, was ihr Onkel tut, richtig ist und er alles vor seinem Gewissen zu verantworten hat. Meine Worte prallen stets an ihnen ab. Das hat wohl auch mit ihrer Jugend zu tun und den vielen gewaltverherrlichenden, heldenzentrierten Action-Filmen, die sie mit Begeisterung in sich hineinziehen. Das wäre eine Entschuldigung für meine Söhne. Aber für meine Frau?

Als es klingelt, rennen sie sich fast das Hirn ein, nur um ihm zu öffnen.

Ich hole tief Luft, atme langsam aus, um ruhig zu bleiben. Mir kommt plötzlich in den Sinn, wie es war, vor zwölf Jahren, als wir unser schickes Einfamilienhaus in dieser schönen Siedlung am Rande Frankfurts bauten, wie wir einzogen und die Kinder den riesigen Garten in Beschlag nahmen, wie wir unsere Einweihungsparty gaben und alle da waren. Ja, alle, außer Jamey.

Mir wird bewusst, dass Lukas und Patrick ihren Onkel etwa vor zwei Jahren das letzte Mal sahen, zufällig und für wenige Minuten bei einer unverhofften Begegnung in der Kanzlei.

Meine Gedanken werden unterbrochen, als ich seine Stimme höre.

»Hi, zusammen!« Freundlich, reserviert.

Ich setze mich in Bewegung und bemerke, wie sie sich an der Eingangstür für einen Moment fremdelnd gegenüberstehen.

Patrizia streckt meinem Bruder die Hand hin. »Komm rein.«

Gleich darauf lacht sie gackernd, und ich entdecke den grazilen Rosenstrauß in ihrer Hand. Sie liebt dunkelrote Rosen. Deshalb hätte er ihr durchaus andere Blumen schenken können.

Jeromey reicht jetzt Lukas die Hand. »Hey, ihr seid aber ganz schön gewachsen! Ihr kennt mich hoffentlich noch?«

Meine Söhne stehen wie die Ölgötzen. Absolut peinlich, wie sie ihn anhimmeln.

»Komm schon rein«, unterbreche ich das Zeremoniell ungehalten.

Das hält meinen Bruder nicht davon ab, auch Patrick mit Handschlag zu begrüßen. Er bringt seinen Neffen eine Herzlichkeit entgegen, die mich stets aufs Neue überrascht. Seine Art, die zwiespältiger und wechselhafter nicht sein kann.

Und dann kommt meine Frau nochmals an die Reihe. Die beiden umarmen sich, dass mir schon beim Zuschauen ganz heiß wird.

»Schluss jetzt mit dem Theater!«, wettere ich ungehalten.

Patrizia ergreift Jeromeys Hand und führt ihn ins Esszimmer, flankiert von Patrick und Lukas. Quetschen sich an mir vorbei.

Offenbar bin ich keiner Begrüßung würdig. Genervt fliehe ich ins Schlafzimmer, um mich umzuziehen. Immerhin trage ich noch meine Geschäftskleidung und will es mir bequemer machen.

Bis ich ins Esszimmer komme, sitzen alle schon um den Tisch, die Gläser gefüllt, das Essen bereit. Patrizia hat sich ins Zeug gelegt und kurzerhand über einen Partyservice appetitliche Snacks und hochwertige Fleischstückchen auffahren lassen.

Ich überlege, ob das ein Grund für mich wäre, neidische Gefühle zu entwickeln.

Nach wenigen Minuten geht es in unserer Runde lockerer zu. Die Jungs fragen Jeromey Löcher in den Bauch.

»Wo war denn dein letzter Einsatz?«, will Lukas wissen.

»Mein letzter Einsatz?« Jeromey nimmt einen Bissen Fleisch in den Mund, kaut gemächlich. »In Amsterdam.«

»Wen hast du denn gejagt?«, fragt Patrick dazwischen.

Jeromey trinkt, setzt sein Glas ab. Sieht meinen jüngeren Sohn intensiv an. »Ich jage nicht, ich ermittle. Spielst du noch Fußball?«

Er will ablenken, ganz offensichtlich.

»O ja, wir sind sogar aufgestiegen.« Patrick schnappt nach Luft und setzt zu ausgiebigeren Erklärungen an.

Aber Lukas drängt seinen Bruder gnadenlos ins Abseits. »Was hast du denn ermittelt? Was war denn in Amsterdam? Dort gibt’s doch in jedem Café Drogen zu kaufen, ganz legal, oder nicht?«

Jeromey legt seinen Blick jetzt auf den Älteren. »Wir haben einen minderjährigen Ausreißer ausfindig gemacht. Bist du noch im Schützenverein?«

Lukas schwillt die Brust. »Klar doch. Ich will nächstes Jahr Bester in der Jugendklasse werden.«

»Fein«, lobt Jeromey, nickt bekräftigend.

»Willst du nicht zu einem Wettschießen kommen und denen zeigen, was du drauf hast?« Lukas fleht geradezu.

»Ich?« Jeromey tut entsetzt. »Oh no, die würden mich rausschmeißen, glaub mir.«

Lukas überlegt kurz, vermutlich kann er sich keinen Grund für die Befürchtungen seines Onkels vorstellen. »Ganz sicher nicht. Ich frag den Vorstand – bitte!«

»Keine Chance, Lukas.«