Denkzettel für Dr. Lammers - Patricia Vandenberg - E-Book

Denkzettel für Dr. Lammers E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Dann wollen wir mal sehen. Was liegt denn heute Schönes an?«, fragte Dr. Felicitas Norden und zog den OP-Plan zu sich. Zum ersten Mal nach ihrem Herzinfarkt und der folgenden Amnesie war sie wieder voll im Einsatz. Dr. Lammers lehnte sich zurück. »Ein undramatischer Blinddarm. Das sollten Sie in Ihrem Zustand hinbekommen. Der Kollege Kristof wird Ihnen assistieren.« »Das kann Kristof doch auch allein machen.« Felicitas sah hinüber zu ihrem ungeliebten Stellvertreter. »Wollen Sie mich auf Schonkost setzen?« Eine Weile hatte Waffenstillstand zwischen ihnen geherrscht. Doch seit Fees Herzinfarkt waren die alten Rangkämpfe wieder aufgeflammt. Wie ein Raubtier, das Blut geleckt hatte, umkreiste Lammers seine Chefin seither wieder. Immer auf der Suche nach einer Schwäche. Einem Fehler. Lammers und sein Machtstreben waren schuld daran, dass Felicitas Norden auf eine Reha-Maßnahme verzichtet hatte. Dabei war der Gedanke an einen Aufenthalt in einer Rehaklinik, wie ihr Mann sie ihr in bunten Prospekten gezeigt hatte, verlockender als ein Urlaub unter Palmen.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Chefarzt Dr. Norden – 1132 –Denkzettel für Dr. Lammers

Die Krönung nach nervenzehrenden Tagen

Patricia Vandenberg

»Dann wollen wir mal sehen. Was liegt denn heute Schönes an?«, fragte Dr. Felicitas Norden und zog den OP-Plan zu sich. Zum ersten Mal nach ihrem Herzinfarkt und der folgenden Amnesie war sie wieder voll im Einsatz.

Dr. Lammers lehnte sich zurück.

»Ein undramatischer Blinddarm. Das sollten Sie in Ihrem Zustand hinbekommen. Der Kollege Kristof wird Ihnen assistieren.«

»Das kann Kristof doch auch allein machen.« Felicitas sah hinüber zu ihrem ungeliebten Stellvertreter. »Wollen Sie mich auf Schonkost setzen?«

Eine Weile hatte Waffenstillstand zwischen ihnen geherrscht. Doch seit Fees Herzinfarkt waren die alten Rangkämpfe wieder aufgeflammt. Wie ein Raubtier, das Blut geleckt hatte, umkreiste Lammers seine Chefin seither wieder. Immer auf der Suche nach einer Schwäche. Einem Fehler.

Lammers und sein Machtstreben waren schuld daran, dass Felicitas Norden auf eine Reha-Maßnahme verzichtet hatte. Dabei war der Gedanke an einen Aufenthalt in einer Rehaklinik, wie ihr Mann sie ihr in bunten Prospekten gezeigt hatte, verlockender als ein Urlaub unter Palmen. Dem Stress in der Klinik auf einem Trainingsfahrrad davonfahren. Sich den Druck von der Seele reden. Nach Lösungen und neuen Wegen suchen. Aber es nützte nichts. Wenn sie Chefin der Pädiatrie in der Behnisch-Klinik bleiben wollte, musste sie sich der Herausforderung stellen.

Volker Lammers musterte sie.

»Nur zu Ihrer Erinnerung: Das ist keine Schonkost, sondern ein Routineeingriff. Sie sollten die Sache langsam angehen lassen. Nicht, dass Sie uns am Ende noch am OP-Tisch zusammenklappen.«

»Auf nichts anderes warten Sie doch.« Fee zog eine Patientenakte zu sich und klappte sie auf. »Was haben wir denn hier?«

»Franziska Stürzer, sieben Jahre alt. Aufgrund eines Blasenreflux’ leidet sie unter wiederkehrenden Harnleiterinfekten.«

»Perfekt. Das ist doch ein guter Einstieg. Falls Sie nichts dagegen haben, übernehme ich diesen Eingriff.« Ein scharfer Blick, und Lammers klappte den Mund wieder zu.

»Ich übernehme die Assistenz. Vorausgesetzt natürlich, Sie sind damit einverstanden.«

Fee lächelte ihre Kollegin Carola May an.

»Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.«

»Na prima!«, ätzte Dr. Lammers. »Ich komme dann vorbei und serviere Kaffee und Kuchen. Irgendwelche besonderen Präferenzen?«

Carola und Felicitas tauschten Blicke, die Bände sprachen.

»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte die Chefin der Pädiatrie. »Die OP steht als erste auf dem Plan. Und ich habe vorhin erst ausgiebig mit meinem Mann gefrühstückt. Aber später …«, sie sah auf die Uhr über der Tür, »sagen wir so gegen elf, hätte ich nichts gegen einen Snack einzuwenden.« Sie lächelte wie Engel.

Lammers sprang vom Stuhl auf.

»Das könnte Ihnen so passen.« Sein Gesicht gereichte einem Faltenhund zur Ehre. Ausgerechnet jetzt ließ ihn seine Schlagfertigkeit im Stich. Er drehte sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Besprechungszimmer.

Fee sah ihm nach.

»Was hat er nur?« Ein Schmunzeln zuckte in ihren Mundwinkeln. Immerhin! Ein Punktsieg. »Er ist doch sonst nicht so empfindlich.«

*

»Das kann doch wohl nicht wahr sein! Jetzt habe ich die Schublade verkehrt herum zusammen gebaut.« Désirée Norden, jüngste Tochter des Ehepaars Norden, kniete inmitten von Plastiktüten, Kartonagen, Papierfetzen, Schrauben und Werkzeug und raufte sich die Haare. Von Anfang an zog das Projekt Zimmerrenovierung die Probleme an wie Honig einen Schwarm Bienen. Alles, was schief gehen konnte, ging schief. Kaum angeklebt, waren die Tapeten wieder von der Wand gerauscht. Die feste Farbe hatte sich als sehr flüssig entpuppt und den nur rudimentär abgedeckten Boden mit einem Sprenkelmuster überzogen. Dési hatte ewig gebraucht, um die Holzdielen in ihren Urzustand zurückzuverwandeln. Die blauen Flecken auf den Knien waren ihre Zeugen. Und jetzt auch noch die neue Kommode. Sie hätte doch nicht auf ihre Eltern hören und lieber ein Stück auf dem Flohmarkt erstehen sollen. Aber jetzt war es zu spät. Sie zog und zerrte an dem falsch aufgesetzten Deckel, bis er knackste. Einen Wimpernschlag später hielt sie zwei Teile in der Hand.

»War ja klar. Eine Frau mit Schraubenzieher ist ein Widerspruch in sich«, spottete ihr Zwillingsbruder Janni. Er stand im frisch renovierten Zimmer und leitete die Arbeiten.

»Ich bin unschuldig«, schimpfte Dési und sprang auf die Beine. Sie riss ihrem Zwillingsbruder die Anleitung aus der Hand, drehte sie um hundertachtzig Grad und gab sie ihm zurück. »Ein Arbeiter ist immer nur so gut wie sein Anleiter.«

»Pffft, ich habe dir gleich gesagt, dass ich als Handwerker ungeeignet bin.«

»Deshalb solltest du ja die Aufbauanleitung lesen. Ich konnte ja nicht wissen, dass dein handwerklicher Verstand gen null geht.«

»Bitte! Wenn du darauf bestehst, kannst du auch allein weitermachen. Ich habe genug andere Sachen zu tun.« Janni streckte den Arm aus. Die Aufbauanleitung segelte durch die Luft und landete sanft auf dem zerbrochenen Teil.

Dési starrte ihrem Bruder nach.

»Halt! Du kannst mich doch nicht einfach hier sitzen lassen! Schon gar nicht, nachdem du es verbockt hast.«

In der Tür blieb Jan noch einmal stehen.

»Und was sollte ich deiner Meinung nach jetzt tun?«

»In den Baumarkt fahren und ein passendes neues Brett besorgen.«

Jan rollte mit den Augen.

»Nicht dein Ernst, oder?«

»Und ob!« Dési fuchtelte mit dem Schraubenzieher in der Luft herum. »Wenn ich mich nicht irre, passt der auch für deinen Computer.«

»Untersteh dich! Wenn du mein Schätzchen auch nur anrührst, bekommst du es mit mir zu tun.«

Désis Lächeln war diabolisch.

»Deine Entscheidung.«

»Schon gut, schon gut. Du hast gewonnen.« Mit hoch erhobenen Händen stieg Janni wieder über Kartons und Plastiktüten und bückte sich nach der Anleitung. »Welches Brett brauchst du?«

*

Umringt von ihrem Team stand Dr. Felicitas Norden am Operationstisch. EKG und Beatmungsgerät machten die Musik zu dem Eingriff. Eine Musik, die Fee diesmal am liebsten abgestellt hätte. Sie wusste selbst nicht, woran es lag. Aber die Geräusche des Geräteturms regten sie genauso auf wie das Klappern des Operationsbestecks. Und der Geruch erst!

»Schweiß!« Sie drehte den Kopf, damit die OP-Schwester die glänzenden Perlen von ihrer Stirn tupfen konnte. Kaum waren sie weg, bildeten sich schon wieder neue. Darauf hatte sie keinen Einfluss. Aber wenigstens ihren Atem konnte sie in Zaum halten. Doch was war das? Warum flimmerte es plötzlich vor ihren Augen?

Als hätte Dr. May die Schwingungen empfangen, hob sie den Kopf.

»Alles in Ordnung?«

»Was soll sein?«, erwiderte Felicitas unfreundlicher als beabsichtigt. »Schweiß!«, herrschte sie gleich darauf die Schwester erneut an. »Wie soll ich denn so arbeiten?«

Bei Dr. Lammers hätte sich niemand an dem Umgangston gestört. Er gehörte zu ihm wie sein mangelndes Mitgefühl und die herablassende Haltung gegenüber seinen Patienten und deren Eltern. Doch Fee war anders, immer gewesen.

Das Team tauschte vielsagende Blicke. Schweigend setzte Felicitas ihre Arbeit fort. Anders als bei anderen Operationen schwiegen auch ihre Kollegen. Niemand erzählte vom ersten Ausflug in den Biergarten. Keiner beschwerte sich über die Preise für eine Kugel Eis, die in diesem Jahr schon wieder gestiegen waren.

»Submuköse Untertunnelung ist erfolgt«, verkündete Dr. Norden in die Stille hinein. »Wie machen wir jetzt weiter?«

Carola May zog eine Augenbraue hoch.

»Es folgt die plastische Umwandlung des distalen Ureterendes.«

Felicitas atmete um ihr Leben.

»Ich wollte nur sicher gehen, ob Sie mit dieser Methode vertraut sind. Schweiß!« Das letzte Wort schrie sie fast.

Ein Instrument fiel zu Boden. Klirrend hüpfte es über die blauen Fliesen und blieb schließlich am Tischbein liegen.

»Entschuldigung!«, murmelte die OP-Schwester und bückte sich.

Eine andere Schwester kam Fee Nordens Befehl nach. Inzwischen war auch die Anästhesistin Ramona Räther aufmerksam geworden.

»Alles gut, Frau Dr. Norden?«

»Alles bestens.« Nicht nur Felicitas wusste, dass das Gegenteil der Fall war. Sie musste eine Entscheidung treffen. Die konnte nur im Sinne der Patientin ausfallen. »Übernehmen Sie, Frau Dr. May. Ich assistiere.«

»Frau Dr. Norden?« Dr. Räthers Stimme knallte durch die Luft wie ein Peitschenhieb.

»Was denn? Mir ist nur ein bisschen schwindlig. Sonst nichts. Es geht gleich wieder.«

Carola May haderte mit sich.

»Schwester, bringen Sie Frau Dr. Norden hinaus. Und informieren Sie den Kollegen Lammers. Ich brauche ihn hier.«

Fee riss die Augen auf.

»Was soll denn das?«, herrschte sie Dr. May an.

»Fee, Sie müssen nicht die Heldin spielen«, erwiderte Carola sanft. »So ein Schwächeanfall kommt in den besten Familien vor. Kein Grund zur Sorge.« Alle wussten um die Lüge. Alle, bis auf Fee. Gierig saugte sie die Worte der Kollegin auf. Carola hatte recht. Ein einfacher Schwächeanfall. Nicht mehr und nicht weniger. Wahrscheinlich, weil sie nachts schlecht geschlafen hatte. Immer war sie auf der Hut. Horchte in sich hinein, ob ihr Herz seine Arbeit tat. Jedes noch so kleine Stolpern versetzte sie in Panik. Nachts war es besonders schlimm, wenn sie hilflos der Dunkelheit und Stille ausgeliefert war. Doch jetzt schien die Sonne von einem makellosen Himmel. Die Vögel lieferten sich einen Wettstreit um das schönste Lied. Pralle Knospen an Bäumen und Sträuchern. Frisches Grün, wohin man sah. Die Natur feierte das Leben mit einer Explosion an Farben und Düften. Sterben und Tod gehörten in eine andere Welt. Fee spürte, wie ihr Herzschlag langsamer wurde. Ihre Brust hob und senkte sich nicht mehr so schnell. Die Faust, die ihr Herz umklammerte, ließ locker. Mit gesenktem Kopf verließ sie den Operationssaal. Erst als sie an Lammers vorbeiging, wurde ihr die schwere Niederlage bewusst.

*

»Mia! Du musst zum Arzt.« Ella Larssons Stimme hallte durch das Bauernhaus.

Ihre Tochter Mia saß im Bett in ihrem Zimmer, den Laptop auf den Knien. Die Locken kräuselten sich um den Kopfhörer. Die Zehen in den Ringelsocken waren eingerollt. Sie sah erst hoch, als ein Schatten auf den Bildschirm fiel.

»Mia. Es wird Zeit für den Arzttermin«, wiederholte Ella und strich sich eine Strähne aus der Stirn.

Noch immer stritten sich Wissenschaftler darüber, wie viele Charaktereigenschaften Eltern an ihre Kinder vererbten. Mittlerweile gab es Hinweise dafür, dass die Gene auch eine Art Bauplan für die Persönlichkeit enthielten. Dieser Bauplan legte allerdings nur die Rahmenbedingungen fest. Wie sich die Persönlichkeit tatsächlich entwickelte, hing stark von Umweltfaktoren wie zum Beispiel der Erziehung, Ausbildung, sozialem Umfeld oder Erfahrungen ab. Anders verhielt es sich mit den körperlichen Merkmalen. Sie wurden bevorzugt vererbt, wie die Haarpracht von Mutter und Tochter bewies.

Unwillig zog Mia die Kopfhörer von den Ohren und hängte sie sich um den Hals.

»Keine Lust.« Sie verlagerte das Gewicht auf die linke Pobacke. Gleichzeitig verzog sie das Gesicht. »Das bringt doch eh nichts.«

»Wenn du mit dieser Einstellung an die Sache rangehst, wundert mich nichts.«

»Mensch, Mama!« Mia rollte mit den Augen. »Ich halte nichts von deinen selbsterfüllenden Prophezeiungen. Sonst müsste ich mir ständig selbst Vorwürfe machen, dass ich Schmerzen habe.«

»So meine ich das ja auch gar nicht.« Ella rang die Hände. Eine ihrer Lieblingsgesten, seit Mia unter diesen diffusen Beschwerden litt. Ihre Krankheit war wie ein Chamäleon, einen Namen hatte sie immer noch nicht bekommen. Die Eltern waren mit ihrem Kind von Arzt zu Arzt gelaufen. Kein Medikament hatte geholfen, niemand herausgefunden, was dem Mädchen fehlte. Über der Suche war Mia inzwischen achtzehn Jahre alt geworden. Ähnlich viele Ärzte hatten sie begutachtet, behandelt. Heute sollte ein weiterer folgen. »Ich meine doch nur, dass du nicht so negativ sein sollst. Die Ärztin hat wenigstens eine Chance verdient.«

»Also gut. Ich bin ja schon unterwegs.« Ein letzter sehnsüchtiger Blick auf ihr Computerspiel, eine der wenigen Beschäftigungen, der Mia ohne Schmerzen frönen konnte, dann klappte sie den Laptop zu.

Ella stand daneben.

»Soll ich mitkommen?«

»Mama!« Mia schlurfte hinüber zum Schreibtisch. Über dem Stuhl hing ihre bunt gemusterte Jacke, entworfen und gestrickt von ihrer Mutter.

»Schon gut. Ich habe schon verstanden.« Ella schob die Hände in die Hosentaschen, um sie daran zu hindern, ihrer Tochter beim Anziehen zu helfen. Es zerriss ihr das Herz, dieses schmerzverzerrte Gesicht. Diese wilde Entschlossenheit, trotz allem selbstständig zu sein. »Ich könnte dich hinfahren und draußen auf dich warten.«

Die Locken auf Mias Rücken tanzten von links nach rechts.