Denn schwer wiegt die Krone - Florian Schröder - E-Book + Hörbuch

Denn schwer wiegt die Krone Hörbuch

Florian Schröder

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Beschreibung

„Ein deutscher Tarantino als Buch.“ Es ist 1993. Deutschland liegt sich wiedervereint in den Armen. Die Sowjetunion ist ein Trümmerfeld. Dr. Alban erobert die Charts. Im Rotlicht rüstet man sich für die kommende Messe, die umsatzstärkste Zeit des Jahres. Der Miami (Kampfsportler, Choleriker und promovierter Jurist) hat so weit alles unter Kontrolle. Italienische Sportwagen, goldene Uhren und teure Maßanzüge stehen nach wie vor hoch im Kurs. Verändert hat sich seit den Achtzigern nur wenig. Doch als eine schlecht improvisierte Scheinhinrichtung aus dem Ruder läuft, setzt sich ein Rachefeldzug in Gang, der die Reinhardstraße auf eine martialische Machtprobe stellt. Jetzt geht es Auge um Auge und Zahn um Zahn. Dieser Autor hat mit der aktuellen Gegenwartsliteratur nicht das Geringste zu tun. Und das ist gut so!

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Zeit:6 Std. 54 min

Veröffentlichungsjahr: 2025

Sprecher:Florian Schröder

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© 2025 WOKASOMA | Florian Schröder

www.wokasoma.com | [email protected]

Cover-Illustration: Rainer F. Engel

Autorenfoto: Jens Kramer

Lektorat & Korrektorat: Katharina Schröder

Satz & Layout: Katharina Schröder

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jegliche Verwertung oder Reproduktion, auch in Auszügen,

bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.

ISBN: 978-3-384-75245-1

Druck und Vertrieb durch:

tredition GmbH Heinz-Beusen-Stieg 5 22926 Ahrensburg

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»Was muss ein Mensch für eine Todessehnsucht haben, damit er freiwillig in eine Achterbahn steigt?«, sagte der Miami und griff nach seiner Zigarettenschachtel. »Hast du schon mal gesehen, was für Vögel die Dinger zusammenschrauben … die gottverdammten Gipsy Kings in Jogginghosen und Flip-Flops!«

»Ich kann ja sowieso nicht«, sagte der Kubitschek.

»Was kannst du nicht?«

»Achterbahn fahren.«

»Wieso … warum?«

»Es gibt eine vorgeschriebene Maximalgröße.«

Mit guten zwei Metern zehn und einem Kampfgewicht von rund 150 kg sah der Kubitschek hinter dem Lenkrad seines Mercedes W124 aus wie der oft zitierte Affe auf dem Schleifstein. Passender-weise hatte man ihm wegen seines Erscheinungsbildes und seiner Leistungen im Ring den Kampfnamen »King Kong« Kubitschek verliehen. Der Miami verlor neben ihm mit seinen stattlichen 1,90 Metern nahezu jegliche Wirkung.

Am Anfang seiner Boxerkarriere wurde der Kubitschek als neues Jahrhunderttalent gehandelt. Als der neue Rocchigiani. Aber am Ende eines ruhmreichen Sommers war der Kubitschek das Opfer seines eigenen Erfolgs. Seine Gegner gingen meist in Runde eins auf die Bretter, ließen sich freiwillig auszählen oder sagten den Kampf kurzfristig vorher ab. Wenn man von der kubitschekschen

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Faust geküsst wurde, war man danach nicht mehr derselbe, hieß es. Weil aber bei Boxveranstaltungen (ganz speziell bei den illegalen) idealerweise länger gekämpft wird als höchstens zwei Runden, stand der Kubitschek schnell auf sämtlichen schwarzen Listen des Landes. So landete der Riese als hochgradig überqualifizierte »Sicherheitsfachkraft« in der Reinhardstraße und hütete dort fortan die Liebestempel der Amüsiermeile.

Es war, als betreute ein Navy Seal eine Kinderkrabbelgruppe. Sogar die heißblütigsten Zuhälter, berufsbedingt um einiges auf-brausender als der Otto Normalverbraucher, verhielten sich in der Gegenwart vom Kubitschek instinktiv gesittet.

»Achterbahnen sind und bleiben ein Himmelfahrtskommando für Schwachsinnige …«, maulte der Miami. Seit einer guten halben Stunde hielt er nun schon einen vernichtenden Monolog über Fahr-geschäfte aller Art. Der Kubitschek hatte bereits ganz vergessen, wie sie eigentlich auf das Thema gekommen waren. Sich großartig ins Gespräch einzubringen war sinnlos. Das hatte er sich im Lauf der Zeit abgewöhnt. Denn wenn sich der Miami einmal in Rage geredet hatte, war sowieso nicht mehr viel zu machen. »Kontrol-liertes Abbrennenlassen« nannte das der Riese.

Vor dem Miami hatte sogar der Kubitschek Respekt. Wohl-gemerkt Respekt, nicht zwangsläufig Angst. Im Geiste hatte er schon oft einen Fight zwischen sich und dem Miami durchgespielt, war aber aus diesem nie als eindeutiger Sieger hervorgegangen.

Seiner Meinung nach war der Miami ein verfluchter Irrer. Denn egal, wie schwer verletzt dieser auch zu Boden ging, stellte ihn ein schier unmenschlicher Vernichtungswille immer wieder auf die Beine und trieb ihn zurück in die Schlacht. Wie das genau funktionierte, war allen schleierhaft. Selbst wenn ihm ein Gegner haushoch überlegen war, ging der Miami einem Kampf nicht aus

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dem Weg. Stellten fünf Albaner und ein scharfer Bullterrier seine territoriale Integrität infrage, regelte der Miami das im Alleingang selbst. Demonstrativ! Natürlich hätte man ihm auch unter die Arme gegriffen. Aber der Miami lehnte Hilfe stets kategorisch ab. Schließlich hatte er einen Ruf zu verteidigen, und Eins gegen Fünf plus Kampfhund trug genau seine Handschrift.

Das Ende des Kampfes war absehbar. Der Miami landete mit ein paar gebrochenen Knochen im Krankenhaus und die Albaner für längere Zeit auf der Intensivstation. Einem steckte das eigene Messer quer im Unterkiefer. Einem anderen waren beide Ohren ausgerissen worden. Eingeschlagene Schädel. Gesplitterte Nacken-wirbel. Gerissene Herzmuskeln. Geplatzte Lungen. Sogar dem Bullterrier fehlte ein Bein. Im Milieu war man sich geschlossen einig: So etwas konnte sich sehen lassen.

Im Gegensatz zum Kubitschek war der Miami ein Buch mit sieben Siegeln. Während dem Kubitschek aus hundert Metern Ent-fernung anzusehen war, dass er sich gleich in eine rasende Wildsau verwandeln würde, explodierte der Miami ohne die geringsten Vor-zeichen von null auf hundert im Bruchteil eines Wimpernschlags.

Warum man den Miami spitznamentechnisch ausgerechnet auf sein Äußeres reduzierte, war dem Kubitschek ein Rätsel. »Der Sprengsatz«, »Der Rammbock« oder »Der Rottweiler« hätte wesentlich besser zum Miami gepasst als lediglich »Der Miami«. Aber na ja … Einen Spitznamen sucht man sich nicht aus. Den bekommt man einfach irgendwann.

Die Fernsehserie um die Ermittler Crockett & Tubbs hatte beim Miami einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass er ab Folge zwei nur noch in maßgeschneiderten Armani-Anzügen, pastellfarbenen T-Shirts und Wildledermokassins gesehen wurde. Selbstverständlich immer ohne Socken. Auch im tiefsten Winter. Dass seine modischen Vorbilder auf der anderen Seite des Gesetzes

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standen, übersah der Miami großzügig. Selbst nachdem die Serie im deutschen Fernsehen abgesetzt wurde, hielt er ihr die Treue und organisierte sich denselben weißen Ferrari Testarossa, wie er von Crockett & Tubbs gefahren wurde.

»Da vorne links.« Der Miami wedelte mit der Zigarette zwischen den Fingern in die gewünschte Richtung.

»Ich muss später noch in die Videothek«, sagte der Kubitschek. »Terminator 2 ist endlich am Start.«

»Gibt’s den schon auf Video?«

»Offiziell noch nicht … aber als gestochen scharfe Kopie …«

»Und … machbarer Film?«

»Absolut machbar! Schwarzenegger in Höchstform … die Ef-fekte … die Stunts … Hasta la vista, Baby!« Der Kubitschek machte ein Gesicht, als habe ihn jemand ernsthaft gefragt, ob Wasser nass sei und Feuer heiß.

»Schon gehört, wer seit Neuestem im Château Mimi residiert?« Der Kubitschek sah dem verheißungsvoll grinsenden Miami an, dass er sich gleich auf eine Knallerstory gefasst machen konnte. Dieser zog der Dramaturgie zuliebe ein letztes Mal an seiner Zigarette und schnippte den Filter aus dem Auto.

»Walter!«, sagte der Miami knapp.

»Wer? Der Wrestling-Walter?«

»Ganz genau DER.«

»Warum wohnt der jetzt im Château?«

»Er wohnt da nicht, er arbeitet dort!«

»Als Wirtschafter?«

»Nein …«, sagte der Miami und verkniff sich das Lachen. »Der Walter schafft jetzt an … also … er selber! … Anscheinend sogar mit eigener Pflaume … sagt man.« Als der Miami »Pflaume« sagte, formte er aus Zeige- und Mittelfinger eine Schere. Quasi: Schnipp

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schnapp. Maschine ab. Jetzt kapierte es auch der Kubitschek.

»Fuck«, seufzte der Riese leise. »Dieser verfluchte Vollidiot.«

Der Wrestling-Walter war vor ein paar Jahren in die USA aus-gewandert, um dort als Showkämpfer Karriere zu machen. Dafür tourte er mit einem alten VW-Bus quer durch die USA und flog mal in Vegas als menschlicher Kakadu durch den Ring und mal in Florida als wahnsinniger Krokodilsjäger.

Der beliebteste Charakter, den der Wrestling-Walter verkörperte, hieß »Sergeant Pepper« und war halb Pfeffermühle, halb Feldwebel. Dieser lag im ständigen Clinch mit »Salty Tears«, einem bösartigen Salzstreuer aus Muskelmasse, Schminke und silbernem Tüllstoff.

Wenn es das Publikum aber verlangte, begruben die beiden Kämpfer ihre Bühnen- bzw. Ringfeindschaft und fusionierten zum Tag Team »Salt ‘n’ Pepper«. Geliebt oder gefürchtet. Je nachdem, ob man sich innerhalb oder außerhalb des Ringes befand. Zuhause in der Reinhardstraße lachte man sich selbstverständlich schlapp über derartige Kindereien. Sich unter Männern gepflegt aufs Maul zu hauen war die eine Sache, sich dabei zu verkleiden wie am Rosenmontag und nur so zu tun als ob, eine gänzlich andere.

Irgendwann hieß es, der offen homosexuell lebende Wrestling-Walter habe in Showkampfkreisen seine große Liebe gefunden. In Justin Beaumont, einem breit gebauten Ex-Holzfäller aus dem kanadischen Westen. Ringname: The Tooth Fairy. Einige Wochen lang schwebte der Wrestling-Walter auf Wolke sieben. Dann machte sich die Zahnfee mit all seinen Ersparnissen und dem VW-Bus aus dem Staub. Von heute auf morgen. Ohne ersichtlichen Grund.

Der Wrestling-Walter war am Boden zerstört. Mit gebrochenem Herzen schlug er sich noch eine Weile als »Georgy, the crazy Grizzly« durch, dann klappte er in einem schäbigen Motel bewusst-los zusammen. Grund hierfür war eine wilde Kombination aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln, gepanschten Steroiden und

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Psychopharmaka. Nach dieser Nahtoderfahrung war seine Leiden-schaft zum Showkampf endgültig erkaltet.

Dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte. Zurück in Deutschland mauserte sich der Wrestling-Walter zur Attraktion der Reinhardstraße. Von Anfang an war er das Stadtgespräch. Selten hatte man einen 140 kg schweren Mann in Frauenkleidern so grazil an einer Pole-Dance-Stange tanzen sehen wie »die wilde Waltraud«.

»Wenn man bedenkt, dass der Walter sogar selbst mal zwei Wei-ber auf der Rennbahn hatte, echt traurig«, sagte der Kubitschek, dem die Sache mit dem vermeintlich amputierten Geschlechtsteil sichtlich an die Nieren ging.

»Also dass der Walter Schwänze lutscht … aber dass er das aus-gerechnet im Puff von seinem eigenen Bruder tut …«

»Ach was … dem Zobel ist das scheißegal«, winkte der Miami ab. »Für den ist Anschaffen ein Handwerk wie Maurer oder Schreiner. Bei denen liegt das in der Familie. Sein Opa hatte einen Puff. Sein Stiefvater hatte einen Puff. Seine Mutter hat darin angeschafft und alle seine vier Halbschwestern ebenfalls.«

»Welcher abartige Freak bumst einen Zwei-Meter-Mann mit Vollbart?«

Der Miami zuckte mit den Schultern.

»Du weißt doch … je verbotener die Früchte … Außerdem ist das mit der Pflaume lediglich ein Gerücht … Kann also durchaus sein, dass der Walter immer noch in der Offensive spielt …«

»Trotzdem seltsam.«

Der Mercedes bog in die Plattenbausiedlung ein und parkte am Straßenrand. Eine Handvoll jugendlicher Skinheads hatte mit zwei Sixpacks auf dem Drehkarussell des Spielplatzes Position bezogen. Normalerweise hätte jetzt einer die Neuankömmlinge entweder angepöbelt oder eine leere Bierflasche nach ihnen geworfen. In

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diesem Fall riet ihnen ihr Überlebensinstinkt dringend davon ab.

Nachdem der Miami am Wohnblock 13 auf dem Klingelschild den richtigen Knopf gefunden hatte, läutete er Sturm bei Gerke. Eine gefühlte Ewigkeit später schepperte eine Stimme aus der Sprechanlage.

»Ja …? Hallo …?«

»Wir sind’s … Aufmachen … Hopp, zack, zack!«

Auf der anderen Seite der Sprechanlage wurde es still. Stille war immer schlecht. Stille bedeutete Probleme. Stille bedeutete: »Sorry, Leute, hab heute leider keine Kohle.«

»Mach das Loch auf.« Wieder Stille. Dann summte der Tür-öffner. Im fünften Stock hatte der Gerke eine Sicherheitskette ein-gehängt, um strategisch durch den Türspalt hindurch zu verhandeln.

Wenn der Miami mit dem Kubitschek unterwegs war, waren die Aufgaben klar verteilt. Der Miami regelte das Geschäftliche, der Kubitschek stand daneben und war einfach nur der Kubitschek. Zu Handgreiflichkeiten vonseiten der Kundschaft kam es nie. So dumm war niemand.

»Wie viel hast du?«

»2000«, druckste der Gerke.

»Mark oder Lire?«

»Mark«

»… und von wie viel?«

»… von 4300«

»Ha … Von-vier-tausend-dreihundert-deutschen-Mark hat das dumme Arschloch nicht mal die Hälfte.« Der Gerke verstummte. »Tja … dann … Mach hoch die Tür, die Tür mach weit«, sagte der Miami. Nachdem sich der Gerke beim Aushängen der Kette etwas zu viel Zeit gelassen hatte, half der Kubitschek mit mehreren kraft-vollen Fußtritten nach. Jetzt stand die Tür zwar etwas weiter auf als zuvor, hing nun allerdings schräg im Rahmen und hatte den

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Gerke inklusive Rollstuhl so ungeschickt eingeklemmt, dass die Tür weder weiter zu öffnen noch wieder zu schließen war.

»Herrgott … Gerke … du dumme Sau!«, fauchte der Miami und stieg über den Rollstuhlfahrer hinweg ins Innere der Wohnung. Dort riss und rüttelte er so lange an dessen fahrbarem Untersatz, bis die Tür aus den Angeln brach und der verbogene Rollstuhl quietschend Richtung Wohnzimmer eierte.

»Wäh … das stinkt hier ja, wie wenn dir ein Rudel Paviane in die Bude geschissen hätte.« Angeekelt rümpfte der Miami die Nase. Der Wohnzimmertisch war mit leeren Bierflaschen und verdorbenen Essensresten übersät. Die Aschenbecher quollen über. Aus verschiedensten Joghurtbechern und Tetra Paks schien selbst der graugrüne Schimmelpilz vor dem Gestank zu flüchten.

An der Wand hingen ein paar Fotos aus besseren Tagen. Auf allen war der Gerke zu sehen. Mal grinsend mit Pokal auf einem Siegertreppchen stehend. Mal braungebrannt und durchtrainiert zwischen zwei Bikini-Mäuschen auf einem Schnellboot. Mal mit drei Blondinen in einem Porsche-Cabrio.

Einst war der Gerke ein erfolgreicher Sportler gewesen. Der Mensch gewordene Erfolg. Bejubelt und beklatscht.

»Kohle her … hopp … auf geht’s!«, sagte der Miami und schnippte mit den Fingern.

Hektisch griff der Gerke nach einem Briefumschlag und wedelte damit wie mit einer weißen Fahne.

Dabei streifte der Rollstuhl den Wohnzimmertisch und mehrere Flaschen rollten klirrend zu Boden. Auf dem von Flüssigkeiten aller Art geschändeten Fußbodenteppich bildete sich eine dunkelgelbe Pfütze. Diese suchte sich eine letzte, noch nicht verkrustete Stelle im Stoff und versickerte. Der Miami zählte das Geld, warf den leeren Umschlag auf den Boden und schob die 2000 Mark in die

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Hosentasche. Dann holte er aus und gab dem Gerke eine derart schwungvolle Schelle, dass dieser einen halben Meter rückwärts rollte.

»Ich verstehe ja sowieso nicht, warum man einen Furz wie dich um mehr spielen lässt als um einen Hosenknopf … aber dass du mich und meinen geschätzten Freund hier in deiner Scheißbude antanzen lässt für ein paar lausige Mark … das beleidigt mich wirk-lich zutiefst.«

»Ende nächster Woche kommt die Stütze!«, versicherte der Gerke.

»Wenn wir nächste Woche noch mal hier anrücken müssen, hält dich mein Kollege aus dem Fenster und klatscht dabei dreimal in die Hände. Das kann klappen … muss es aber nicht!«, sagte der Miami und drehte sich zum Kubitschek um, der in der Zwischenzeit die Schränke nach Wertgegenständen durchsucht hatte.

»Drei Pokale und ein paar Medaillen … aber alles nur aus Blech.« Der Miami überlegte einen Moment, dann kippte er den Gerke aus seinem Rollstuhl. Der Körper des ehemaligen Biathleten schlug auf dem Boden auf wie ein nasser Sack.

»Sonderzahlung akzeptiert. Behindertenbonus? Fehlanzeige. Spielschulden sind Ehrenschulden!«

»Tja … hasta la vista, du Pfeife!«, sagte der Kubitschek und bugsierte die quietschende Beute aus der Wohnung.

Auf dem Spielplatz lungerten die Skinheads noch immer auf dem Drehkarussell. Einer von ihnen hatte sich kopfüber in ein Kletter-gerüst gehängt und begrüßte eine ältere Dame höhnisch grölend mit »Heil Hitler, du asoziale Judenfotze.« Die Frau senkte beschämt den Blick, als habe sie nichts gehört, und verschwand zügig in einem der mausgrauen Gebäude. Fluchend hämmerte der Kubitschek den verbogenen Rollstuhl in den Kofferraum. Der Miami wünschte

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sich vom Universum, einer der Glatzköpfe möge sich doch bitte zu ihm umdrehen und ihn mit einem frechen Grinsen oder einem dummen Spruch belohnen. Das hätte genügt. Aber leider geschah nichts dergleichen.

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Das Videodrome war ein schmuckloses Gebäude im Industrie-gebiet, ehemals Büro und Lagerverkauf einer Schuhfabrik. Über dem Eingang thronte das selbst gebastelte Maskottchen. Eine vermenschlichte Comic-Erdkugel aus Fiberglas, die sich Popcorn in den weit aufgerissenen Mund schaufelte.

Mit dem Videodrome hatte der VHS sich und der Heimkino-unterhaltung einen Tempel errichtet, der landesweit seinesgleichen suchte. Im Videodrome reihte sich Videokassette an Videokassette. Von der Decke bis zum Boden. Blockbuster. Ladenhüter. Zeichen-trickfilm. Arthaus. Liebesfilm. Komödie. Thriller. Horror. Skandi-navische Underground-Produktionen. Softporno. Hardcoreporno. Kurzum: Alles. Egal, nach welchem noch so ausgefallenen Film man suchte, im Videodrome fand man ihn.

Hinter der Kassentheke etikettierte ein Angestellter die frisch eingetroffene Ware, ein zweiter tüftelte an einem Pappaufsteller, welcher Jean-Claude van Damme und Dolph Lundgren als Super-soldaten mit überdimensionalen Superwaffen zeigte. Das Gewehr von van Damme war beim Transport in den Regen gekommen und hing ihm wie ein welkes Palmenblatt über die Schulter. Als die Tür scheppernd ins Schloss fiel und der Angestellte sich umdrehte, gefror ihm beim Anblick vom Kubitschek die gute Laune im Ge-sicht. Offensichtlich war er der Neue und kannte Erscheinungen wie den Kubitschek nur von der Kinoleinwand.

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»Der Chef ist im Studio«, sagte der dienstältere Kollege und deutete auf eine Wendeltreppe, welche in den Keller führte. Das »Studio« war ein großräumiger Lagerraum unter der Videothek, welchen der VHS zu einem kleinen Filmset ausgebaut hatte. An der Decke waren schwenkbare Scheinwerfer montiert, durch ein Schienensystem ließen sich Wände und Hintergründe auf- und wieder abbauen. Kontrollmonitore. Bildschirme. Computer. Mischpulte. Kameras. Das Beste vom Besten, was der Amateur-filmemarkt der frühen neunziger Jahre zu bieten hatte.

Der VHS, der sich als Produzent und künstlerischer Leiter sämt-licher Copacabana-Film-Produktionen verantwortlich zeichnete, sah sich und seine Werke, bei aller nicht vorhandenen Bescheiden-heit, auf Augenhöhe mit cineastischen Großmeistern wie Leone, Kubrick, Coppola und Antonioni.

»Jenny … mehr Hohlkreuz bitte … und … Angie … kämm dir mal unauffällig die Haare zur Seite, wenn der Markus ihr den Schwanz reinschiebt … die Leute wollen das Arschloch von der Jenny sehen und nicht deine Extensions …«, choreografierte der VHS seine Laiendarsteller lautstark durch die Szene, während er nervös hinter der Kamera hin und her tänzelte.

Als der Miami und der Kubitschek das Studio betraten, gab ihnen der VHS ein Zeichen, Platz zu nehmen und sich ruhig zu verhalten.

Hemden mit psychedelischem Ethnomuster, runde Sonnen-brillen und ein wasserstoffblond gefärbter Bürstenschnitt waren inzwischen zum Markenzeichen vom VHS geworden. Wie für Melville der Cowboyhut oder für Fritz Lang das Monokel.

Der Miami zündete sich eine Zigarette an und stellte sich neben ein schwarzes Ledersofa, peinlich darauf bedacht, direkten Haut-kontakt mit dem fleckigen Leder zu vermeiden. Der Kubitschek

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ließ sich unbekümmert auf das Sitzmöbel fallen und beobachtete gespannt das Treiben vor der Kamera. Im Takt einer industriellen Nähmaschine hämmerte ein drahtiger Mann mit unvorteilhafter Halbglatze abwechselnd seinen Schwanz in eine Blondine mit Puppengesicht und eine Schwarzhaarige mit roten Strapsen. Von vorne. Von hinten. Von oben. Von unten. Zack. Zack. Zack. Zack. Zack. Zack. Zack. Stellungswechsel im Zehn-Sekunden-Takt.

»Kondition erste Sahne!«, lobte der Kubitschek anerkennend, nachdem der VHS »Cut! Wir sehen uns wieder in einer Viertel-stunde!«, rief und sich die beiden Damen keuchend und klitschnass geschwitzt in eine Raucherpause verabschiedeten. Der Haupt-darsteller setzte sich ungerührt an den Rand des Bettes und nahm ein spartanisches Butterbrot mit Gurke aus einer Vesperbüchse.

»Hey Spielberg … Das sind ja Zustände hier wie beim Cirque du Soleil«, sagte der Miami und klopfte dem VHS auf die Schulter.

»Bei Interesse … nach der Pause geht’s in die nächste Runde …«, antwortete der VHS und machte eine einladende Geste in Rich-tung Matratzenschlachtfeld. »Wollen und Können sind zwei Paar Stiefel«, grinste der Kubitschek.

Die drei Männer zogen sich in ein kleines Nebenzimmer zu-rück, welches der VHS als Büro benutzte. Alles war vollgestopft mit alten Filmplakaten, Pappaufstellern und Videokassetten. Ein einziges Chaos. »Ich dachte, für einen Ständer sei Pause machen kontraproduktiv«, sagte der Miami.

»Für einen Könner spielt das keine Rolle«, antwortete der VHS, »und Sex-Markus ist der King of Kings … Wenn der Junge nur eine halbe Stunde unter Pegel kommt, fickt der sogar ein Schlüsselloch.«

»Sex-Markus? Der Typ da draußen mit der Halbglatze?«

»Am Künstlernamen arbeiten wir noch … Aber die Halbglatze ist PERFEKT so identifiziert sich jeder Durchschnittswichser mit

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dem Hauptdarsteller. Message auf der Metaebene: Wenn so eine Pfeife so eine geile Alte ficken kann, dann kann ich das auch!«

Sex-Markus, welcher noch vor zwei Wochen bei der Sparkasse leichtgläubigen Rentnern nutzlose Bausparverträge aufgeschwatzt hatte, war vom Filialleiter fristlos entlassen worden.

»Wegen wiederholter Vorfälle auf den Mitarbeitertoiletten«, sagte der VHS und rollte ein »Fragt-besser-nicht-genauer-nach« mit den Augen.

Auf Anraten vom VHS hatte der Sex-Markus nun beschlossen, seine große Leidenschaft zum Beruf zu machen und mit Pauken und Fanfaren ins Walhalla des deutschen Erotikfilms einzufahren. Außerdem hatte der Sex-Markus ein Eigenheim abzubezahlen und eine vierköpfige Familie zu ernähren.

»Für Frau und Kinder verlässt er das Haus nach wie vor als braver Sparkassenbänker im mausgrauen Anzug … und dann liefert er bei mir gute zehn Spritzer pro Drehtag«, lachte der VHS und rieb sich dabei die Hände.

»Gute zehn?« Der Kubitschek traute seinen Ohren nicht.

»… und zwar auf Kommando! Wir sprechen hier von einem menschlichen Zuchtbullen, meine Freunde … Einem Alleskönner! Absolute Champions League!«

Die Darstellerinnen stammten alle aus dem Château Mimi. Da Aids inzwischen auch in Deutschland angekommen war, war man(n) vorsichtig geworden und die Umsätze hatten sich halbiert. Tags-über für eine gute Gage Pornofilme zu drehen, war also für viele ein willkommener Nebenverdienst. Da der Zobel keinen Leerlauf in seinem Laden duldete und eine Schicht trotz mangelnder Kund-schaft immer noch eine Schicht war, verpflichtete er seine Damen kurzerhand beim VHS. Dieser hatte zwar einen ordentlichen

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Mengenrabatt ausgehandelt, den Zobel aber auch mit 10 % am Umsatz beteiligt. Und das Geschäft mit den Amateurpornofilmen brummte. So war allen geholfen. Der Zobel hatte seinen Lager-bestand reduziert, der VHS musste sich nicht mit überteuerten Agenturen herumärgern, der Sex-Markus blieb im Training und die Damen aus dem Château strichen gute Gagen ein.

»Home Entertainment ist das Geschäft der Zukunft«, sagte der VHS.

»Apropos … Wie sieht’s aus mit Terminator 2?«, fragte der Kubitschek.

»Gut sieht’s aus. Here we go!«, antwortete der VHS, zog blind eine der unzähligen Kassetten aus dem Regal und überreichte sie dem Kubitschek.

Im Keller der Videothek war nicht nur der Sitz der Copacabana-Filmproduktion, sondern auch der einer beachtlichen Raub-kopierer-Werkstatt. Mit mehreren hintereinander geschalteten Videorekordern war der VHS in der Lage, pro Durchlauf bis zu hundert leere Videokassetten in gestochen scharfe Kopien von »Terminator 2 – Tag der Abrechnung« zu verwandeln. Oder jeden anderen Blockbuster, den er für wirtschaftlich würdig hielt, von ihm raubkopiert zu werden.

Preis pro Stück: fünfzehn Mark. Absatz: immens. Speziell bei Filmen, die nicht mehr im Kino liefen, aber noch nicht auf Videokassette erschienen waren. Der VHS öffnete eine Schachtel mit frisch eingetroffener Ware, zog eine Videokassette heraus und prüfte kritisch die Druckqualität der Hülle.

»Das neueste Meisterwerk aus unserem Hause! Geht weg wie warme Semmeln. Das ist die vierte Auflage in drei Wochen. Die Nachfrage ist so immens, das kriegen wir nicht mal mehr mit dem eigenen Kopierwerk gestemmt!« Stolz zeigte der VHS

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die Videokassette in die Runde. »Copacabana-Filmproduktion präsentiert … Doppelpunkt … Feuchte Fotzen in Versailles. Die geilen Bums-Abenteuer von Ludwig dem XXXten. Alles histo-risch belegt!«

Das Cover zeigte den Sex-Markus als Sonnenkönig Ludwig, abgelichtet vor einer Fototapete des französischen Prunkschlosses. Der Erotikmime trug eine weiße Perücke auf dem Kopf und stand in Herrscherpose inmitten eines barocken Bettes, während sich zwei vollbusige Mätressen devot um seine Schenkel schlängelten. Beide mit ausgestreckten Zungen am erigierten, königlichen Gemächt.

»Wir haben ewig rumgerätselt, ob man Fotzen mit V schreibt oder mit F«, sagte der VHS und tippte auf das »F« im Schriftzug.

»Mit V wahrscheinlich wie VfB oder Vo-rtuna Düsseldorf …«, theoretisierte der Kubitschek.

»Ja, allerdings steht im Duden, dass …«

»Ob mit V oder mit F – Fotze bleibt Fotze … Wen juckt’s …«, unterbrach ihn der Miami und erstickte die aufkeimende Diskussion der beiden Brückentags-Germanisten kopfschüttelnd im Keim.

»Wir müssen dann jetzt auch wieder!«

Der Sex-Markus kaute auf den letzten Bissen seines Butterbrots und die Performance-Künstlerinnen drückten ihre lippenstiftver-schmierten Zigaretten in den Aschenbecher. »Also! … Auf geht’s … Jenny … Angie … Gesichter zur Kamera … Ärsche Richtung Mar-kus …«, brüllte der VHS und scheuchte seine Darsteller hektisch in die Hände klatschend in die richtigen Positionen.

»Und … Du … Markus! … Wie immer … Gib dem Affen Zu-cker … Du weißt Bescheid … Let – the – magic – happen!«

Der Sex-Markus nickte und schob die Vesperbüchse unter das Bett. Der Miami und der Kubitschek verabschiedeten sich.

»Kamera läuft … UND … Action!«

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Einige Kilometer später nahm der Miami die mitfühlenden Blicke aus den nebenstehenden Fahrzeugen wahr. Als der Mercedes an einer Ampel hielt, strahlte ihnen eine junge Frau mit salbungs-vollem Lächeln in die Gesichter und schenkte dem Kubitschek sogar die Vorfahrt.

Anderthalb Ampelperioden später war der Miami dahinter-gekommen, was der Grund dafür war. Aus dem halboffenen Kofferraum ragte noch immer der Rollstuhl vom Gerke.

»Verdammte Scheiße! Die Arschlöcher denken, ich bin be-hindert!«, schrie der Miami und wies den Kubitschek an, bei der nächstbesten Gelegenheit rechts ranzufahren. Auf einem Parkplatz an der Schnellstraße entsorgte er dann den Rollstuhl mit einem kraftvollen Tritt an einer abfallenden Böschung.

Der Kubitschek war sich sicher, dass das Kidnappen eines Roll-stuhls zu einem der dunkelsten Kapitel seiner sowieso schon dunklen Karriere zählte. Andererseits blieb das Business eben das Business.

»Mir ist ein spitzen Künstlername für den Sex-Markus ein-gefallen«, verkündete der Kubitschek, während er den Wagen durch einen der nobleren Vororte lenkte. Offenbar hatte er darüber die ganze Fahrt lang nachgedacht. Weil der Miami nicht wie erhofft reagierte und das dramaturgische Schweigen aushielt, löste der Kubitschek kurzerhand selbst auf: »Markus Spritz!« Stille. Keinerlei Reaktion. Der Miami starrte aus dem Fenster und schwieg. »Oder: Hans Cock-in-die-Luft«, legte der Kubitschek nach. Nachdem

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auch diese Pointe nicht wie gewünscht gezündet hatte, boxte der Kubitschek den Miami leicht in die Rippen, worauf dieser aus dem Beifahrersitz auffuhr und »Ja … WAS?!? Herrgott!«, brüllte.

»Hans COCK-in-die-Luft … wegen Cock … Cock! … Englisch für Schwanz … Und -In-die-Luft- für Ständer …«

»Wie alt, verflucht, bist du?«, schnaufte der Miami und deu-tete auf einen Zebrastreifen. »Lass mich da vorne raus. Den Rest laufe ich.«

Der Kubitschek hielt an. Der Miami stieg aus. »Heute Abend dann … im Monte Carlo?«, fragte der Kubitschek.

»Mal sehen …«

»Alles klar, bis dann … Hasta la Vista.«

Noch bevor der Wagen an der nächsten Kreuzung abbog, dröhnte Musik aus dem Fahrzeug, sodass die Karosserie vom Bass zu scheppern begann wie eine klappernde Ritterrüstung. Der Kubitschek hatte die ganze Zeit nur drauf gewartet, endlich auf-drehen zu können. »I know what I want and I want it now I want you ’cause I’m Mr. Vain«

Der Miami ging ein paar Schritte durch eine mit Linden gesäumte Allee, an deren Ende die Villa vom lieben Gott stand. Ein Prachtbau aus der Gründerzeit, mit großzügigem Gartengrundstück und alten Kastanienbäumen. Alles bestens mit Zäunen und Alarmanlagen gesichert. In dieser Gegend wohnte man, wenn man es zu etwas gebracht hatte. Hier wohnten: Anwälte, Industrielle, Ärzte, Poli-tiker, Heilige, Sünder und Verbrecher. Die Grenzen zwischen den jeweiligen Lagern waren fließend.

Der Miami mochte die Gegend. Hier war es ruhiger als im Himmel. Im höchsten Fall plärrte mal ein Kind oder es bellte ein Hund. Mit etwas Fantasie hätte man sich tatsächlich vorstellen können, hier wohne wirklich der liebe Gott. Also der Echte. Auf

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dem Klingelschild stand »H. Klett«. Als der Miami ins Blickfeld der Kamera trat, öffnete sich das eiserne Tor mit einem leisen »Klick«.

Die bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmte Art-déco-Einrichtung, die handgeknüpften Perserteppiche und die holz-vertäfelten Wände in der Eingangshalle wirkten wie aus der Zeit gefallen. Nur das leise Ticken einer aus Mahagoniholz gefertigten Standuhr störte die Stille.

Obwohl der Miami hier schon als kleiner Junge ein- und aus-gegangen war, überraschte ihn immer noch ab und zu ein Moment der Ehrfurcht. Stimmungsbild: Mozart-Requiem. Der liebe Gott stand am Fenster und sah hinaus zu den Kastanienbäumen, als der Miami das Arbeitszimmer betrat. Heinrich Klett war eine imposante Erscheinung. Das weiße Haar mit Pomade nach hinten gekämmt. Wache, stahlblaue Augen. Körperhaltung: militärisch akkurat. 50 Prozent Curd Jürgens, 50 Prozent Hans Albers.

Auch wenn er meist allein zu Hause war, trug der liebe Gott einen seiner unzähligen, maßgeschneiderten Anzüge, für die ihn der Miami schon in jungen Jahren bewundert hatte.

Inzwischen ging er sogar zum selben Herrenschneider. Stunden-lange Anproben. Exklusive Stoffe. Das Beste vom Besten. Das Feinste vom Feinen. Aber egal, was der Miami für seine Anzüge auch ausgab … so elegant und über die Welt erhaben wie der liebe Gott wirkte er in ihnen nie.

Wie der liebe Gott da so am Fenster stand in seinem Dreiteiler aus dunkelbraunem Tweed, hätte er auch ein Filmstar der alten Ufa Babelsberg sein können. »Schickes Teil … wie Heinz Rühmann in seinen besten Tagen«, witzelte der Miami und schloss die Tür. »Rühmann war scheiße, hat jahrelang den Schwanz von Goebbels gelutscht«, sagte der liebe Gott und sprach dabei so leise, dass der Miami ein paar Schritte näherkommen musste, um ihn zu verstehen. »Außerdem ist Rühmann über neunzig und scheißt

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in eine Windel.«

Der liebe Gott klopfte dem Miami väterlich auf die Schulter.

»Wie sieht’s aus … Tässchen Kaffee?«

»Gerne … danke.«

»Stückchen Kuchen?«

»Isst du eins mit?«

»Ich esse doch aus Prinzip nichts von Fremden.«

Den Erdbeerkuchen, welcher jungfräulich auf dem Schreibtisch stand, hatte ihm eine Dame aus der Nachbarschaft gebacken, weil ihr der liebe Gott eine kleine Gefälligkeit erwiesen und bei der städtischen Bauaufsicht an ein paar Stellschrauben gedreht hatte.

Heinrich Klett, geliebt und/oder gefürchtet als »der liebe Gott«, war sprichwörtlich eine Persönlichkeit wie aus der Bibel. Wobei er bei den »normalen Menschen« mehr als »Heinrich Klett, Bauunternehmer« bekannt war und in den Tiefen der Unterwelt mehr als »der liebe Gott«.

Seinen Spitznamen trug Heinrich Klett keinesfalls zu Unrecht, denn wer sich über vierzig Jahre sowohl an der Spitze der Unter-welt als auch in den höchsten Rängen von Politik und Wirtschaft unangefochten behaupten konnte, musste mit göttlichen Fähig-keiten gesegnet sein. In beiden Branchen ging man über Leichen. Und im Lauf der Jahrzehnte zwangsläufig über ganze Friedhöfe.

Als in den siebziger Jahren eine gefürchtete Rockerbande in der Reinhardstraße aufmarschiert war und Anstalten machte, im Rotlicht Fuß zu fassen, liefen der liebe Gott und seine damalige Mannschaft zur Höchstform auf. Manchen, so will es zumindest die Legende, habe man Tage später die im Kampf verloren gegangenen Gliedmaßen mit der Post nachgeschickt. Des Anstandes halber. Schließlich hatten auch die Rocker Charakter bewiesen und waren nicht mit Schusswaffen zur Straßenschlacht angetreten.

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Der Miami war acht, als er mit seiner Mutter beim lieben Gott einzog. Seine Mutter, wegen ihrer Schönheit und der frappierenden Ähnlichkeit mit Jane Birkin fälschlicherweise »die Französin« genannt, hatte nie ein gutes Händchen für Männer gehabt. Der leibliche Vater vom Miami war abgetaucht, als er von der Schwanger-schaft erfahren hatte. Alle darauffolgenden Liebschaften seiner Mutter waren wenig besser.

Der »Kuckuck« beispielsweise terrorisierte die Französin und ihren Sohn nach allen Regeln der Kunst. Wenn man dem Kuckuck am Kartentisch wieder einmal die Hosen heruntergelassen hatte (und das war fast täglich der Fall), tobte er im Vollrausch durch die gemeinsame Wohnung und schlug alles kurz und klein.

Da der Miami nicht sein leiblicher Sohn war, nannte er ihn nie beim richtigen Namen, sondern immer nur den »Kuckuck«. Was irgendwann der Grund dafür war, dass der Miami den Kuckuck selbst irgendwann »den Kuckuck« nannte.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bläute der Kuckuck dem jungen Miami ein, dass er und seine Mutter nicht mehr und nicht weniger wären als schamlose Parasiten seiner völlig verblendeten Gutherzigkeit. Dies war insofern gelogen, als dass die Französin tagsüber das Geld verdiente und der Kuckuck es am Abend wieder verspielte.

Damals verbrachte der Miami mehr Zeit unter seinem Bett als sonst wo. Dort führte er akribisch Buch darüber, wie oft er und seine Mutter von dem besoffenen Taugenichts geschlagen wurden. Zwar hatte der Miami damals noch keine blasse Vorstellung davon, wie er dem Kuckuck das Schläge-Guthaben jemals ausbezahlen würde. Aber jeder Schlag war ein Strich. Und jeder Schlag, der seine Mutter traf, waren zwei. Bereits im Grundschulalter hatte der Miami ein fast religiöses Verhältnis zur Rache.

Erst als die Französin dem lieben Gott begegnete, wendete

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sich das Blatt. Es war nicht so, dass der liebe Gott ein tadelloser Vaterersatz gewesen wäre, aber immerhin gab er sein Bestes und behandelte Mutter und Sohn mit Respekt.

So reifte der Miami zum Manne heran, entlud seine jugendlichen Tobsuchtsanfälle fortan in stundenlangem Kampfsporttraining und lernte vom lieben Gott alles Wissenswerte über die Spezies Mensch.

Der liebe Gott und der Miami hatten aufgrund ihrer jeweiligen Persönlichkeiten nie ein besonders inniges Verhältnis. Dafür aber existierte zwischen den beiden eine ganz besondere, exklusive Loyalität. Und weil jeder von ihnen mit Loyalität mehr anfangen konnte als mit herzlichen Umarmungen, beließen sie es dabei.

Als sich die Französin Mitte der achtziger Jahre vom lieben Gott trennte, um sich am Strand von San Francisco in einer Kommune spirituell neu zu erfinden, blieb der Miami beim lieben Gott. Zu dieser Zeit verdiente er sich bereits die ersten Sporen im Geschäft und machte sich im Viertel einen Namen.

In kürzester Zeit besaß er eine geräumige Eigentumswohnung, einen Porsche 911, ganze Schuhschachteln voller Goldschmuck und selbstverständlich die Gesellschaft der gefragtesten Weiber.

Wenn Missgünstlinge hinter vorgehaltener Hand darüber lästerten, dass der Miami nur zu Ruhm und Ehre gekommen sei, weil er der Protegé vom lieben Gott war, durften sie sich nicht dabei erwischen lassen. Denn dann forderte der Miami umgehend Satisfaktion, und selbst die härtesten Zuhälter hatten keinerlei In-teresse, unter den schadenfrohen Augen ihrer Kollegen von einem Wahnsinnigen zum Krüppel geschlagen zu werden.

Während sich seine Altersgenossen sinnlos besoffen und ihre Jugend verschwendeten, arbeitete der Miami Tag und Nacht. Doppelt so hart. Doppelt so konsequent und doppelt so verbissen wie alle anderen.

Im Morgengrauen verließ er mit fünfstelligen Summen seinen

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ihm anvertrauten Club. Am Nachmittag bestand er das erste Jura-Staatsexamen und am Abend schickte er das amtierende Schwer-gewicht beim Boxen auf die Bretter.

Jahre später stand der Miami dann eines Nachts vor der Woh-nung vom Kuckuck. Als dieser ihm öffnete, trat der Miami un-gefragt ein, schloss seelenruhig die Tür hinter sich und zahlte dem Kuckuck jeden Schlag zurück, den er sich als Kind notiert hatte. Mit Zins, Zinseszins und einer respektablen Bonusdividende.

Als der Kuckuck in die Notaufnahme eingeliefert wurde, vermutete man zuerst, es handle sich um einen unvorsichtigen Tierpfleger, welcher von einem Silberrückengorilla angefallen wurde. Darum, dass der Kuckuck die Wahrheit für sich behielt und später zu