Der 7. Sonntag im August - Sabine Ludwig - E-Book

Der 7. Sonntag im August E-Book

Sabine Ludwig

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Beschreibung

Wenn doch endlich wieder Montag wär'! So ein blöder Sonntag, findet die elfjährige Freddy. Morgen ist der erste Schultag nach den Ferien, der Ranzen ist noch nicht gepackt, das Zeugnis nicht unterschrieben, ihre große Schwester Mia eine alte Zicke und ihr Vater hat nur noch seinen Kochfimmel im Kopf. Da kann man sich ja fast auf die Schule freuen! Doch am nächsten Morgen geschieht das Unglaubliche: Als Freddy aufwacht, ist schon wieder Sonntag! Und das wiederholt sich von nun an jeden Tag ... Nach dem ersten Schock entdeckt sie auch gute Seiten an dieser verrückten Zeitschleife. Aber eigentlich möchte Freddy nur eines: dass endlich wieder Montag ist! Eine lustige, spannende und fantasievolle Geschichte, die in einer verrückten Zeitschleife spielt.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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1. Kapitel

Heute ist Sonntag.

Das ist schön.

Oder nicht?

Mit Sonntagen ist das so eine Sache. Sonntags kann man zwar ausschlafen, rumtrödeln, einen Ausflug machen, aber da lauert auch schon wieder der Montag. Und den Montag hasse ich. Montags haben alle schlechte Laune – Papa und Mama, weil sie wieder zur Arbeit müssen, und ich, weil ich wieder zur Schule muss.

Die Einzige, die Montage toll findet, ist Mia. Neuerdings geht sie nämlich richtig gern zur Schule. Nicht etwa, weil sie besonders gut ist, im Gegenteil, sie wäre in diesem Jahr sogar beinahe sitzengeblieben. Nein, sie geht gern zur Schule, weil sie da all die Jungs aus den oberen Klassen trifft, in die sie abwechselnd verknallt ist. Zurzeit schwärmt sie für einen aus der Zwölften, den sie nur deswegen toll findet, weil er einen Schottenrock trägt. Stundenlang kann sie sich mit ihren Freundinnen darüber auslassen, was er wohl unter dem Rock anhat, wenn überhaupt. Man muss doch wirklich ziemlich bescheuert sein, wenn man sich für die Unterwäsche von Jungs interessiert.

Aber etwas Schönes gibt es am Sonntag doch: Das Läuten der Glocken von Sankt Anna. Sankt Anna ist die Kirche, die ein Stück die Straße runter direkt zwischen zwei Hauptstraßen steht. Sie sieht aus wie eine Burg, ganz aus rotem Backstein mit einem hohen Turm. Sie tut mir immer ein wenig leid, weil sie mitten im Verkehr steht wie auf einer sturmumbrausten Insel.

Obwohl wir nie in die Kirche gehen, habe ich immer so ein besonderes Gefühl im Bauch, wenn ich die Glocken höre. So, als ob der liebe Gott den Sonntag extra für mich erfunden hätte.

Ich setze mich im Bett auf und schaue zum Fenster. Man sieht nur Grün und Blau. Blau ist der Himmel und grün ist die Birke, die direkt vor meinem Fenster steht.

Ich mag Birken und diese ganz besonders. Sie ist schon so alt, dass ihr Stamm nicht mehr schwarz-weiß gefleckt ist, sondern ganz grün vor Moos.

Wegen der Birke hab ich freiwillig das kleinste Zimmer genommen. Mias Zimmer ist doppelt so groß, aber dafür schaut sie auf das Haus gegenüber, wo abends immer ein dicker Mann auf dem Balkon steht und raucht. Mia ist das egal, sie zieht sowieso meistens den Vorhang zu, ganz gleich ob draußen die Sonne scheint oder nicht.

»Das ist die Pubertät«, sagt Papa.

»Das ist Mia«, sagt Mama. »Sie braucht Geborgenheit.«

Mia ist zu früh geboren. Sie war so klein, dass sie selbst im winzigsten Strampelanzug einfach verschwand.

Sie hat lange im Brutkasten gelegen und Mama meint, dass ihr deshalb die Nestwärme fehlt. Ich war zwar nicht im Brutkasten, aber ich bin sicher, dass mir auch Nestwärme fehlt. Mama scheint nämlich nicht sehr gut auf mich aufgepasst zu haben, sonst hätte ich nicht die Narbe unter meiner linken Augenbraue. Als ich ein paar Wochen alt war, hat Mia mich auf ihr Schaukelpferd gesetzt und natürlich bin ich runtergefallen und mit dem Gesicht auf einem Bauklotz gelandet. Mama sagt, Mia konnte nichts dafür, sie war ja erst vier. Aber ich bin sicher, dass sie es mit Absicht gemacht hat. Mia ist das schrecklichste Mädchen, das ich kenne.

Ich schaue auf die Birke, deren kleine Blättchen im Sonnenlicht flirren, und höre das Läuten der Glocken. Aber komischerweise hab ich nicht so ein schönes kribbeliges Sonntagsgefühl wie sonst. Hab ich schlecht geträumt? Ich erinnere mich nicht. Die Sonne liegt in einem dicken Streifen auf meinem blauen Teppich, ich ziehe nämlich nie den Vorhang zu. Es ist eigentlich Mias Teppich, aber sie fand ihn babyhaft wegen der rosa Blümchen darauf und hat einen neuen bekommen. Weil der Blümchenteppich aber noch zu gut zum Wegwerfen war, hat Mama ihn in mein Zimmer gelegt.

Auch meine Schultasche hat mal Mia gehört. Sie geht mit einem alten Wanderrucksack von Papa zur Schule, weil sie den viel cooler findet als ihre alte Tasche. In der steht noch ihr Name drin: Mia Moll. Ganz dick mit rotem Filzer gekrakelt. Ich hab das Mia durchgestrichen und Freddy darübergeschrieben. Frederike hätte nämlich nicht hingepasst, außerdem nennen mich sowieso alle Freddy. Bis auf Oma, aber die bringt in letzter Zeit alle Namen durcheinander. Vorige Woche hat sie mich einmal Leni genannt. So hieß ihre Schwester.

Als ich an meine Schultasche denke, die eigentlich gar nicht meine ist, fällt mir ein, was mit diesem Sonntag nicht stimmt: Es ist der letzte Ferientag. Der letzte Tag, bevor das neue Schuljahr beginnt.

Jetzt möchte ich überhaupt nicht mehr aufstehen.

Wenn die Ferien anfangen, denke ich immer, sechs Wochen seien eine Ewigkeit, aber plötzlich ist diese Ewigkeit zu einem winzigen Nichts geschrumpft. Übrig bleiben Erinnerungen an ein paarmal Badengehen, Eisessen und zehn Tage Nordsee, und die würde ich am liebsten vergessen.

Ich wünsche mir, dass es niemals Montag wird!

Etwas Feuchtes fährt über meine Hand. Jack. Er winselt leise. Ich weiß, was das bedeutet.

»Mit dir war noch keiner draußen, stimmt’s?«, sage ich. Dabei ist es schon halb zehn.

Ich steige aus dem Bett und trete barfuß in den Sonnenstrahl auf meinem Teppich. Er fühlt sich warm an. Viel zu warm. Bestimmt wird es heute wieder so heiß wie gestern.

Ich muss erst mal was trinken.

Wenn man aus meinem Zimmer kommt, steht man direkt in der Küche. Aber eigentlich ist egal, aus welchem Zimmer man kommt, man landet immer in der Küche.

Seit Papa beschlossen hat, dass er kochen kann, haben wir nämlich keinen Flur mehr, nur noch eine riesige Küche.

Vor den Sommerferien waren wochenlang Handwerker in der Wohnung, haben Wände rausgerissen, Leitungen verlegt, geflucht, Zigarettenkippen ins Klo geworfen, wahnsinnig viel Dreck gemacht und seitdem ist die Küche das »Herz der Wohnung«, wie Papa immer sagt.

Mama ist davon überhaupt nicht begeistert, sie findet, unsere Jacken stinken seitdem nach Essen, weil wir auch keine richtige Garderobe mehr haben.

Mia und ich fanden Papas neues Hobby zuerst toll, vor allem, weil er lauter Sachen gekocht hat, die Mama nie macht: Perlhuhnbrüstchen, Schokoladenpudding mit Chili oder frittiertes Eis. Aber seit er bei »Deutschland sucht den Superkoch« mitmachen will, gibt’s bei uns jeden Sonntag gefüllte Wachteln. Die sind ihm bisher nämlich nie so richtig gelungen und da muss er natürlich üben.

Papa und Mama sitzen am Tisch und trinken Tee. Das tun sie immer am Sonntagmorgen.

»Das ist die einzig ruhige Stunde, die ich in der Woche habe«, sagt Mama.

Sie liest dann die Zeitungen von letzter Woche, die in einem großen Stapel auf dem Boden liegen. Papa schreibt etwas aus einem Kochbuch ab.

»Guten Morgen, Freddy«, sagt Mama. »Gut geschlafen? Trotz der Hitze?«

Ich nicke.

»Für heute Nacht haben sie Gewitter angekündigt«, sagt Mama.

»Da erzählt auch jeder was anderes«, brummt Papa, dann fragt er: »Haben wir Piment im Haus?«

»Piment? Nimmt man das nicht für Weihnachtsplätzchen?«, fragt Mama.

»Haben wir nun Piment, ja oder nein?«

Mama schüttelt den Kopf und blättert in der Zeitung. »Da hat schon wieder einer seinen Hund bei der Gluthitze im Auto gelassen, das ist doch Tierquälerei!«

»Was ihr mit Jack macht, ist auch Tierquälerei«, sage ich. »Der hätte längst rausgemusst.«

Jack dreht sich wie zur Bestätigung ein paarmal im Kreis.

»Kannst du nicht mal eben?« Mama sieht mich bittend an.

»Warum nicht Mia? Warum immer ich?«

»Mia schläft noch«, sagt Mama.

»Ihr könntet ja auch mal gehen«, sage ich.

»Jack ist euer Hund«, sagt Papa. »Ihr habt einen Hund gewollt und gesagt, dass ihr mit ihm Gassi geht.«

»Ich hab das bestimmt nicht gesagt, ich war grad mal vier!«, rufe ich.

Jack bellt kurz und sieht mich an. Und ich gebe nach. Wie immer. Er kann ja nichts dafür, dass meine Schwester in der Pubertät ist, was nicht nur bedeutet, dass sie sich wie ein Monster benimmt, sondern auch besonders viel Schlaf braucht.

Ich zieh mir schnell eine kurze Hose an und schlüpfe in meine Flipflops.

»Vergiss das Tütchen nicht!«, sagt Mama noch und gießt sich eine neue Tasse Tee ein.

Ich stopfe eine Plastiktüte in meine Hosentasche und kann nur hoffen, dass Jack es bis zum Park aushält.

Tut er natürlich nicht. Er macht einen richtig großen Haufen, direkt an meine Birke.

Kein Mensch ist weit und breit zu sehen.

»Beeil dich, Jack«, sage ich leise. Aber da geht auch schon das Fenster im Parterre auf und eine Stimme ertönt: »Mach das mal schön weg, hörst du?«

Die Stimme gehört zu Frau Haferkamp. Sie wohnt im Erdgeschoss und hat den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als uns zu belauern. Einmal hat sie Mia dabei erwischt, wie sie Jacks Haufen nicht weggemacht hat, und sofort beim Ordnungsamt angerufen.

»Es gibt eine Hundekotbeseitigungspflicht«, keift sie jetzt. »Die gilt auch für Kinder!«

»Ja, ja«, sage ich. Jack ist fertig und sieht sehr zufrieden aus. Ich bin es nicht. Ich stecke meine Hand in die Tüte und versuche den Haufen irgendwie hineinzubekommen. Es ist einfach widerlich.

Frau Haferkamp guckt mir interessiert zu. Neben ihr auf dem Fensterbrett sitzt Hannibal, ihr fetter Kater. Ein ekelhaftes Vieh. Jack ist einmal am Fenster hochgesprungen, wahrscheinlich wollte er Hannibal nur guten Tag sagen. Auf jeden Fall hatte er nichts Böses vor, denn er hat die ganze Zeit mit dem Schwanz gewedelt. Aber Hannibal hat mit der Pfote nach ihm gelangt und dem armen Jack die Nase blutig gekratzt. Seither tut Jack immer so, als würde er Hannibal nicht sehen. Auch jetzt dreht er dem Kater und seinem Frauchen den Hintern zu.

Ich versenke schnell die Tüte in dem Mülleimer an der Laterne. Nichts wie weg!

Im Park zerrt Jack wild an der Leine, aber ich traue mich nicht, ihn loszulassen. Jack ist ein Terrier, ein Jack Russell, um genau zu sein, und das sind Jagdhunde. Wenn Jack ein Kaninchen sieht, ist er gleich auf und davon. Also laufe ich quer mit ihm über die Wiese, die Böschung hoch zum Platz mit den Bänken … und beinah rein in Daniel. Der kniet mit dem Rücken zu mir und pumpt sein Fahrrad auf. Zuerst freue ich mich. »Hi, Daniel«, will ich sagen, aber dann fällt mir ein, dass ich ja sauer auf ihn bin, und gehe ganz langsam in die entgegengesetzte Richtung davon.

Der hat mir gerade noch gefehlt! Wir hatten verabredet, dass wir am letzten Schultag nach den Zeugnissen Eis essen gehen. Nur er und ich. Sogar meine beste Freundin Vero hab ich angelogen und gesagt, dass ich ganz schnell nach Hause müsste. Vor dem Cortina hab ich dann auf Daniel gewartet. Noch nicht mal die Vier in Mathe hat mich mehr geärgert, so sehr hab ich mich gefreut. Mit Daniel war ich schon zusammen im Kindergarten, aber danach ist er in eine andere Schule gegangen. Auf der Oberschule sind wir dann in dieselbe Klasse gekommen und haben uns sofort wieder gut verstanden. Vero zieht mich dauernd mit ihm auf und sagt, ich sei in Daniel verknallt. Das ist natürlich Quatsch! Man kann sich nicht in jemanden verknallen, mit dem man schon im Kindergarten gemeinsam auf dem Topf gesessen hat und mit Bananenbrei gefüttert wurde, obwohl ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Aber ich mag Daniel und ich dachte, er mag mich auch.

Ich hab also vor dem Cortina gestanden und überlegt, ob ich lieber Himbeersahne oder Kirschjoghurt nehme, da tauchte er endlich auf. Aber nicht allein. Zoé war bei ihm. Die ist ganz neu in der Klasse, und Vero und ich können sie nicht ausstehen, weil sie so ein kleines Gesicht hat und eine ganz leise Stimme. Zoé sieht immer aus wie eine Spitzmaus, der man auf den Schwanz getreten ist, sagt Vero. Aber als sie da mit Daniel ankam, sah sie überhaupt nicht mäuschenhaft aus, sie hat auf ihr Zeugnis gezeigt und gelacht und gesagt: »Ist das nicht komisch? Daniel und ich haben am selben Tag Geburtstag.«

»Aber ich bin um vier Uhr früh geboren«, hat Daniel gesagt.

»Und ich fünf Minuten vor Mitternacht«, hat Zoé gesagt. »Ich war immer schon ein Spätzünder.«

Und dann hat sie wieder gelacht und Daniel am Arm gefasst, als ob sie eine Stütze braucht, damit sie vor lauter Lachen nicht umfällt.

»Na toll«, hab ich gesagt. »Dann könnt ihr ja euern Geburtstag immer schön zusammen feiern.« Und bin gegangen.

Wieso hatte Daniel die angeschleppt? Wo doch wir beide verabredet waren?

Das könnte ich ihn jetzt natürlich fragen. Ich bleibe stehen und drehe mich um. Daniel steigt gerade aufs Rad und fährt weg. Na, dann eben nicht! Ist mir doch egal.

Vielleicht hat er sich in den Ferien ja mit Fräulein Maus getroffen und sie haben überlegt, wie sie ihren Geburtstag feiern und wen sie dazu einladen. Ich weiß genau, wann Daniel Geburtstag hat, am 1. September nämlich. Bis dahin ist es nicht mehr lange. Letztes Jahr war ich das einzige Mädchen, das er eingeladen hatte. Vero war stinksauer auf mich, weil ich auch noch hingegangen bin. Ich hatte ihn gefragt, warum Vero nicht mitkommen kann, aber Daniel hat gesagt, dass er Vero nicht mag, weil sie so zickig ist wie die meisten Mädchen und dass ich eigentlich sowieso mehr wie ein Junge bin. Das hat mich gefreut, aber Vero hab ich davon natürlich nichts erzählt. Jetzt scheint Daniel ja nichts mehr gegen mädchenhaftes Getue zu haben. Vero ist manchmal wirklich schlimm, aber Zoé erst!

Als ich nach Hause komme, ist der Frühstückstisch gedeckt.

Sonntags frühstücken wir immer spät und lange, dafür gibt’s kein Mittagessen.

Papa schnippelt eine Mango klein. Ich mag Mangos nicht anfassen, weil sie so glitschig sind, aber sie schmecken gut.

»Finger weg!«, ruft Papa, als ich mit der Gabel ein Stück aufspieße. »Die sind fürs Dessert.«

»Vanilleschaum mit Mangomousse«, sagt Mama und verdreht die Augen. »Oder war’s Mangoschaum mit Vanillemousse?«

»Mach du dich nur lustig«, sagt Papa. »Aber wenn ich die 100.000 Euro gewinne, kriegst du nicht einen Cent davon.«

Papa rechnet fest damit, dass er bei »Deutschland sucht den Superkoch« Sieger wird. Das ist eine Fernsehshow und Papas Lieblingssendung. Es gibt eine Jury und die wählt 20 Köche aus, die in ein Haus ziehen und die ganze Zeit kochen müssen. Jeden Tag muss die Jury alle Gerichte probieren und die Fernsehzuschauer entscheiden dann, wer rausfliegt und wer nicht. Ich finde das total blöd, denn ich kann im Fernsehen das Essen ja nur sehen, aber nicht riechen oder schmecken. Am Ende ist der Jury schlecht von dem vielen Essen und ein Koch ist übrig geblieben und der kriegt dann 100.000 Euro.

»Man braucht einfach nur eine genaue Zeitplanung und gute Nerven«, meint Papa. Von Zeitplanung versteht Papa bestimmt was, schließlich arbeitet er bei der Bahn und muss jeden Tag aufpassen, dass die Züge keine Verspätung haben. Aber gute Nerven? Mia schafft es jedenfalls immer, ihn auf die Palme zu bringen.

Auch jetzt.

Die Tür zu ihrem Zimmer öffnet sich, Mia schlurft an uns vorbei und verschwindet im Bad.

»Guten Morgen!«, ruft Papa ihr hinterher.

Ein undeutliches Brummeln kommt zurück.

»Nun, lass sie doch«, sagt Mama. »Du weißt doch, dass sie ein Morgenmuffel ist.«

Morgen ist gut. Mia ist ein Morgen-, Mittags- und Abendmuffel, nur nachts muffelt sie nicht, weil sie da schläft.

Manchmal gehe ich in ihr Zimmer und schaue ihr beim Schlafen zu. Sie sieht dann aus wie früher. Wie früher, als sie noch nicht in dieser blöden Pubertät war. Ich meine, schrecklich war sie ja irgendwie schon immer, aber zwischendurch haben wir auch mal Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gespielt, sind im Winter zusammen Schlittschuh gelaufen und im Sommer schwimmen gegangen. Haben uns Zeichentrickserien im Fernsehen angeschaut oder uns gegenseitig Frisuren gemacht. Mia hat Haare bis zum Po. Sie sind dick und braun und glänzen in der Sonne. Meine sind heller und dünner, und obwohl ich seit Ostern nicht mehr beim Friseur war, reichen sie mir gerade bis kurz über die Ohren.

»Deine Haare sehen echt scheiße aus«, hat Mia neulich gesagt. »Weder blond noch braun, dafür fisselig.«

»Na und?«, hab ich gesagt. »Lieber fisselige Haare als Pickel auf der Stirn.« Das hat gesessen.

Ihre Pickel sind Mias größter Kummer, dabei hat sie nur ganz wenige. Aber sie guckt dauernd in den Vergrößerungsspiegel und wehe, sie entdeckt auch nur einen winzigen roten Punkt, dann kriegt sie gleich Panik. Ich wette, ich hab später mal viel mehr Pickel, denn ich komme ganz nach Papa und der sah mit sechzehn aus wie ein Streuselkuchen.

Mia kommt aus dem Bad und verschwindet wieder in ihrem Zimmer.

Rums, die Tür ist zu.

Wütend springt Papa auf und klopft an ihre Tür. Mias verstrubbelter Kopf erscheint. »Was’n los?«

»Wir möchten frühstücken und es wäre nett, wenn du uns auch die Ehre gibst.«

»Hab keinen Hunger.« Und schon ist die Tür wieder zu.

»Also, das ist doch …«, beginnt Papa. »Fängt sie jetzt etwa auch mit diesem Diätquatsch an?«

»Nein, nein«, beschwichtigt ihn Mama. »Ich glaube, sie ist nur noch nicht richtig wach.«

»Es ist elf durch«, sagt Papa.

»Wir fangen einfach an mit dem Frühstück, sie kommt dann schon«, sagt Mama. »Hast du die Eier im Blick?«

»Verdammt, nein!« Papa fischt schnell die Eier aus dem kochenden Wasser, aber natürlich sind sie hart. Sie sind in letzter Zeit immer hart, weil er sich so oft über Mia ärgern muss.

Ich bestreiche mir gerade das dritte Brötchen mit Erdnussbutter und Marmelade, da erscheint Mia endlich.

»Na, mein Schätzelchen«, sagt Mama und streicht ihr die Haare aus dem Gesicht.

»Gibt’s keinen anständigen Käse?«, fragt Mia.

»Was bitte verstehst du unter einem anständigen Käse?«, fragt Papa. »Das ist ein exzellenter Brie de Meaux, genau auf den Punkt gereift.«

»Er stinkt«, sagt Mia und schiebt den Käseteller weg.

»Was wollen wir denn heute Schönes machen?«, sagt Mama munter. »Der letzte Ferientag muss doch richtig gefeiert werden. Wie wär’s mit einem Ausflug in den Schlosspark?«

Mia gähnt.

»Wir könnten mit den Rädern hinfahren und auf dem Rückweg gehen wir ins Cortina und essen Eis.«

»Bei der Hitze? Da fahr ich doch nicht Rad, und außerdem bin ich mit Hanni und Denise verabredet«, sagt Mia. »Hanni hat supertolle Klamotten aus London mitgebracht, die will sie uns zeigen.«

Hanni und Denise! Mit Mia bilden sie den Süß-Sauer-Club und kommen sich wahnsinnig toll vor. Wenn die drei zusammen sind, muss man sich die Ohren zustopfen, weil sie so laut kreischen. Sogar wenn sie ein Referat über den Ersten Weltkrieg machen, können sie sich ausschütten vor Lachen. Wenn Mia nicht mit Hanni und Denise zusammen ist, dann telefoniert sie mit einer von beiden. Auch jetzt klingelt wieder das Telefon.

Mia stürzt ran.

»Wir frühstücken gerade!«, sagt Papa laut.

»Lass sie doch!«, sagt Mama.

Lass sie doch. Wenn ich für jedes Mal, das Mama diesen Satz sagt, zehn Cent bekäme, wäre ich in einer Woche Millionär. Es ist egal, was Mia macht, oder man müsste wohl besser sagen, was sie nicht macht, Mama findet für alles eine Entschuldigung.

»Räumst du bitte die Spülmaschine ein?«, fragt mich Papa.

»Heute ist Mia dran«, sage ich.

Mia dreht sich zu mir um und zeigt mir einen Vogel, dann kreischt sie wieder ins Telefon. »Neihein, wihirklich? Und hat er dich gesehen? Oh Gohott!«

Es geht um Jungs, natürlich. Es geht bei den dreien immer nur um Jungs. Sie denken sich alberne Namen für sie aus wie Ananas oder Korallenfisch oder Backpflaume und können sich stundenlang darüber auslassen, warum Ananas sein Haar rechts gescheitelt trägt und dass Backpflaume voll angesagte Schuhe hat.

Wenn Pubertät bedeutet, dass man komplett verblödet, dann lasse ich mich mit dreizehn tiefgefrieren und erst mit achtzehn wieder auftauen.

»Mia!«, ruft Papa. »Räum den Tisch ab!«

»Ja gleich!«, sagt Mia und geht mit dem Telefon in ihr Zimmer.

Es endet wie immer damit, dass Mama und ich die Küche aufräumen, während Papa mit dem Pürierstab die Mango bearbeitet und überall gelbe Spritzer verteilt.

Ich gehe in mein Zimmer und leere meine Schultasche aus. Jede Menge eselsohrige Hefter kommen zum Vorschein und mein altes Mathebuch. Das hätte ich vor den Ferien abgeben müssen, na, wenn das nicht wieder Ärger gibt. Mist, da ist ja noch ein angebissenes Brot. Es ist hart wie Stein und ich möchte lieber nicht wissen, wie der Belag aussieht. Jack, der mir gefolgt ist, schnuppert nur kurz dran und bellt.

Ich knülle einen Geschichtsarbeitsbogen zusammen und werfe ihn Jack zu. Er schnappt danach und in kurzer Zeit ist mein Zimmer voll mit Papierbällen.

In meiner Federtasche entdecke ich ein Briefchen. Ich falte es auseinander.

Hast du Lust, nachher schwimmen zu gehen?

Daniel

Das hat er mir in der letzten Woche vor den Ferien geschrieben. Wir sind im Schwimmbad gewesen und Daniel hat mir einen Köpper beigebracht. Ich streiche den Zettel glatt und lege ihn in mein Poesiealbum. Dann überlege ich es mir anders und stopfe ihn zusammen mit den Papierbällen in den Papierkorb.

»Hast du meine Bürste genommen?« Mia steht in der Tür.

»Nein«, sage ich und ziehe Jack einen roten Plastikordner aus dem Maul. Der ist bestimmt giftig.

»Sie ist aber weg.«

»Was soll ich mit deiner Bürste?«, sage ich und tippe an meinen Kopf.

»Stimmt, bei den Fusseln sieht man eh nicht, ob sie gekämmt sind oder nicht. Aber vielleicht hast du sie ja versteckt. Aus Gemeinheit.«

»Dann hätte ich sie dir ins Bett gelegt, damit sie dich schön pikt«, sage ich.

»Du blöde –«, beginnt Mia.

»Hier ist deine Bürste, Schätzelein«, sagt Mama, die dazugekommen ist. »Ich hab sie sauber gemacht, die war ja voller Haare.«

Mia reißt ihr die Bürste aus der Hand und verschwindet.

»Warum verdächtigt sie dauernd mich?«, frage ich. »Immer wenn irgendwas von ihren Sachen weg ist, sagt sie, ich war’s.«

»Ach, Freddy, du darfst sie nicht so ernst nehmen. Mia ist in einer schwierigen Phase.«

Mama kniet sich zu mir auf den Teppich, sie sieht die Schulbrotmumie und macht den Mund auf, um etwas zu sagen, lässt es aber.

»Tut mir leid, Mama.«

»Schon gut, ich tu’s weg, ohne dass Papa es sieht.«

Papa veranstaltet jedes Mal ein Riesentheater, wenn wir Essen vergammeln lassen und es weggeworfen werden muss. Dabei hat er neulich einen ganzen Topf Mousse au Chocolat in den Müll befördert, weil die geronnen war.

»Was machen wir denn nun heute?«, frage ich.

»Papa ist mit Kochen beschäftigt und ich hab noch einen Riesenstapel Bügelwäsche«, sagt Mama.

Das ist typisch! Wenn Mia gesagt hätte, sie kommt mit in den Schlosspark, hätte Mama ihre Wäsche bestimmt Wäsche sein lassen.

»Ich geh dann mal!«, ruft Mia von draußen.

»Aber zum Abendessen bist du wieder da, spätestens!«, höre ich Papa sagen.

Mama springt auf. »Und was ist mit Klavier?«

Aber da schlägt schon die Tür zu und Mia ist weg.

»Sie hat die ganzen Ferien nur ein Mal geübt«, sage ich. Ich weiß, es ist gemein zu petzen, aber ich bin sauer wegen der Sache mit der Bürste.

Mama seufzt.

»Wenn Mia mit Klavier aufhört, darf ich dann Unterricht nehmen?«

»Sie hört bestimmt nicht auf. Sie macht höchstens eine Pause. Das ist normal in dem Alter.«

Ich schüttel die Schulmappe aus. Krümel, leere Patronen und der Inhalt des Spitzers fallen auf den Teppich.

»Freddy! Ich hab gestern gesaugt!«

Während Mama bügelt und Papa Eier für seine komische Mousse trennt, sauge ich mein Zimmer. Es ist so friedlich, wenn Mia nicht da ist.

Als ich ins Bad komme, liegen ein paar Haare von ihr im Waschbecken. Ich verteile sie so, dass sie nach mehr aussehen. Papa rastet jedes Mal aus, wenn er das sieht.

Mama drückt mir einen Stapel gebügelter T-Shirts in die Hand und Unterhosen.

»Die gehört mir nicht!«, sage ich und halte eine Unterhose hoch, auf der vorn eine Mickymaus drauf ist.

»Mia ist die längst zu klein«, sagt Mama.

»Ich zieh nicht auch noch ihre alten Unterhosen an! Sie kriegt ständig was Neues und ich muss in ihren abgeranzten Klamotten rumlaufen, danke!«

»Ich dachte, du hättest dich gefreut, als sie dir ihre Jeans vermacht hat, oder etwa nicht?«

Ich sage nichts, sondern trage die T-Shirts in mein Zimmer. Es stimmt ja, manchmal freue ich mich über Mias Sachen. Bei der Jeans musste ich ewig warten, bis Mia eingesehen hat, dass sie sie selbst mit Gewalt nicht mehr zubekommt. Und ich hoffe sehr, dass sie im Herbst endlich auch zu fett für ihre graue Kapuzenjacke ist. Aber ihr Geschmack, was Unterhosen betrifft, ist wirklich grausam.

Mama kommt mir hinterher.

»Sag mal, hast du nicht Lust, nachher Oma zu besuchen?«

»Mit dir?«

»Nein, ich muss mich noch auf morgen vorbereiten, du weißt doch: erster Schultag.«

»Haha, wie könnt ich das vergessen.«

Mama ist Lehrerin an einer Grundschule. Ich weiß nicht, ob sie eine gute Lehrerin ist, aber auf jeden Fall eine nette.

»Keine Lust«, sage ich nur.

Früher waren Mia und ich immer gern bei Oma. Sie wohnte in einem kleinen Dorf und im Garten hatte Papa uns ein Baumhaus gebaut. Ostern haben wir Eier in Nestern aus Gras versteckt, im Herbst Laubfeuer gemacht und Walnüsse geerntet. Aber dann ist Oma bei Glatteis auf der Treppe ausgerutscht und hat sich die Hüfte gebrochen. Wochenlang lag sie im Krankenhaus und danach konnte sie nicht mehr in ihr Haus zurück wegen der vielen Treppen.

Mama hat für sie einen Platz in einem Altersheim bei uns in der Nähe gesucht, damit wir sie immer besuchen können. Aber es ist ganz anders als früher. Das Heim ist ein großer, hässlicher Kasten. Als Mia und ich das erste Mal alleine dort waren, haben wir uns verlaufen. Omas Zimmer ist dafür ganz klein. Sie hat aus ihrem Haus nur ihren alten Sessel, den großen Schrank und ein hässliches Ölbild mit lila Blumen drauf mitnehmen dürfen. Aber was das Schlimmste ist, nicht nur Omas Zuhause hat sich verändert, sie sich auch. Manchmal weiß sie nicht, welcher Tag gerade ist, oder sie erzählt, dass Frau Pohl, aus dem Zimmer nebenan, sie bestehlen will. Sie fragt uns auch nichts mehr. Ich hasse es, wenn man mich fragt, wie es in der Schule so läuft, aber jetzt wäre ich fast froh darüber, denn sie will gar nichts mehr von uns wissen.

Um drei ruft Vero an. Eigentlich heißt sie Veronika, aber Vero klingt besser, findet sie. Wir haben uns fast die ganzen Ferien nicht gesehen, denn zuerst waren wir an der Nordsee und dann war sie vier Wochen weg. In Italien.

»Du glaubst ja nicht, wie toll das war! Unser Hotel lag direkt am Strand und abends gab’s Büfett, da konnte man so viel Eis essen, wie man wollte. Stracciatella war am besten, na ja, Tiramisu war auch lecker, aber meine Mutter hat gesagt, das soll ich nicht essen, weil da Schnaps drin ist. Und ich bin so was von braun geworden, das kannst du dir nicht vorstellen! Mein Vater hatte so einen schlimmen Sonnenbrand, dass er zwei Tage im Zimmer bleiben musste. Und ich hab geschnorchelt und hab Fische gesehen, einmal einen Hai, aber der war noch klein, richtig süß mit so roten Punkten und –«

»Und ich wär beinah in eine Feuerqualle reingeschwommen, aber dann –«, versuche ich sie zu unterbrechen.

»Quallen gab’s bei uns keine, die find ich ja so was von eklig, und überhaupt war bei uns das Wasser ganz klar und blau und warm.«

Klar und blau und warm! Das Wasser in der Nordsee war trüb und braun und kalt. Aber das sage ich natürlich nicht.

»Hast du nachher Zeit, ich muss dir meine neuen Sachen zeigen, in Italien gibt’s einfach supertolle Teile zu kaufen. Ich hab ein T-Shirt, da steht Ciao Ciao drauf, aber so geschrieben wie Coca Cola, das sieht so was von megacool aus!«

»Du hörst dich an wie Mia«, sage ich

»Was?«

»Nichts.«

»Was ist jetzt? Hast du Zeit oder nicht?«

»Ich muss zu meiner Oma«, sage ich, ohne nachzudenken.

»Nicht mal für ’ne Stunde?«

»Ich muss gleich los.«

»Du kannst doch vorher bei mir vorbeikommen, nur ganz kurz, damit ich dir das T-Shirt zeigen kann. Nur fünf Minuten, bitte!«

So ist Vero immer. Ich kann hundertmal Nein sagen, sie lässt nicht locker und meistens gebe ich dann nach.