DER ANTICHRIST - John Tigges - E-Book

DER ANTICHRIST E-Book

John Tigges

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Beschreibung

Adriana Brevenger war auf die abgelegene Insel gekommen, um sich von dem Schock des gewaltsamen Todes ihrer Eltern zu erholen. Die anderen Gäste auf Revillion Manor hießen sie mit offenen Armen willkommen und wollten ihr das Gefühl geben, zu Hause zu sein – und dies vielleicht ein wenig zu eifrig. Adriana wurde nachdenklich. Überwältigt von der Fürsorge der anderen Gäste, spürte sie eine geheimnisvolle Absicht hinter den Diensten ihrer unglaublich attraktiven Begleiter, die alle das Geheimnis der ewigen Jugend und Schönheit entdeckt zu haben schienen. Und als Adriana der entsetzlichen Wahrheit schließlich ins Antlitz blickte, gab es keinen Ausweg mehr, gab es niemanden, an den sie sich wenden konnte, kein Entkommen und keine Möglichkeit, ihre unsterbliche Seele zu retten... Der Roman DER ANTICHRIST von John Tigges – ein Klassiker des modernen Okkult-Horrors – erschien erstmals im Jahr 1985. Der Apex-Verlag veröffentlicht den Roman des Kult-Autors als deutsche Erstveröffentlichung in seiner Reihe APEX HORROR, ins Deutsche übersetzt von Dr. Frank Roßnagel.

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JOHN TIGGES

 

 

DER ANTICHRIST

 

Roman

 

 

Apex Horror, Band 55

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DER ANTICHRIST 

Prolog 

Erster Teil: DIE SCHULD DER ADRIANA BREVENGER 

Zweiter Teil: REVILLION MANOR 

Dritter Teil: DIE BEFLECKTE EMPFÄNGNIS 

Vierter Teil: SCHWANGERSCHAFT VOLLER SCHRECKEN 

Fünfter Teil: GEGRÜSST SEIST DU, MUTTER! 

 

 

Das Buch

 

Adriana Brevenger war auf die abgelegene Insel gekommen, um sich von dem Schock des gewaltsamen Todes ihrer Eltern zu erholen. Die anderen Gäste auf Revillion Manor hießen sie mit offenen Armen willkommen und wollten ihr das Gefühl geben, zu Hause zu sein – und dies vielleicht ein wenig zu eifrig. Adriana wurde nachdenklich. Überwältigt von der Fürsorge der anderen Gäste, spürte sie eine geheimnisvolle Absicht hinter den Diensten ihrer unglaublich attraktiven Begleiter, die alle das Geheimnis der ewigen Jugend und Schönheit entdeckt zu haben schienen. Und als Adriana der entsetzlichen Wahrheit schließlich ins Antlitz blickte, gab es keinen Ausweg mehr, gab es niemanden, an den sie sich wenden konnte, kein Entkommen und keine Möglichkeit, ihre unsterbliche Seele zu retten...

 

Der Roman Der Antichrist von John Tigges – ein Klassiker des modernen Okkult-Horrors – erschien erstmals im Jahr 1985. Der Apex-Verlag veröffentlicht den Roman des Kult-Autors als deutsche Erstveröffentlichung in seiner Reihe APEX HORROR, ins Deutsche übersetzt von Dr. Frank Roßnagel. 

   DER ANTICHRIST

 

 

 

 

 

 

Julie und Tracy gewidmet

 

 

 

 

  Prolog

 

 

 

»Und sein Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule...«

- 1. Mose 19:26

 

...die Asche steigt auf... wie der Rauch aus einem Ofen.

 

 

 

 

1. Oktober 1984

 

 

Eine tief hängende und sehr dunkle Wolke verdeckte die Sterne und überschattete das große viktorianische Herrenhaus in dem Tal, in dem es sich zu verstecken schien. Umgeben von einer unterbrochenen Hügelkette schirmte ein hervorstehender Kamm es mit den dazugehörigen Nebengebäuden von der Außenwelt ab. Nur hoch aus der Luft oder im dem Tal selbst konnte das Haus mit seinem Nebengelass entdeckt werden, und da die Insel abseits der normalen Routen der Seeschiffe lag, waren das alte Herrenhaus und seine Geheimnisse so sicher, als befänden sie sich auf einem fernen Planeten.

Tief im Inneren des Hauses regte sich das Leben, als der Besitzer und Herr der Insel seinen geheimnisvollen Verpflichtungen nachging.

Das tanzende Licht von vier flackernden Kerzen spiegelte sich auf dem glänzenden hageren Gesicht des Mannes, der vor dem schwarzen Marmoraltar in der Mitte des Raumes stand. Die Ausläufer des schwachen Lichtscheins schienen sich in den tintenschwarzen Vorhängen festzuklammern, die die Wände der kleinen Kapelle auskleideten, während von dem spiegelglatten Boden wenig oder gar kein Licht reflektiert wurde. Die Gestalt bewegte sich etwas nach links und zündete er eine weitere Kerze an. Das Geräusch seiner Schritte, das Kratzen des Streichholzes, löste sich schnell wieder in der stygischen Dunkelheit um ihn herum auf, während der Schwefelgeruch in der Luft hing und sich mit dem schweren Geruch von brennendem Kerzenwachs vermischte.

Er wandte dem Altar schließlich den Rücken zu, sank auf die Knie und arbeitete sich die fünf Stufen hinunter, beugte sich weiter vor, bis sein Kopf den kühlen Boden berührte.

Er streckte beide Arme im rechten Winkel aus und stöhnte: »Oh, Herr und Meister der Finsternis, hör mich an! Komm zu mir. Dein Dir ergebener Sklave erfleht dein Kommen. Hilf mir in Stunde meiner größten Sehnsucht. Ich diene dir mit jeder Faser meines Körpers und mit meinem Geist. Hilf mir, Meister! Hilf mir!« Der Klang seiner Stimme verflüchtigte sich in der darauf folgenden Stille, während ein leises aber inbrünstiges Schluchzen und Stöhnen seinen Körper durchschüttelten.

Nachdem einige Minuten vergangen waren, erhob er sich wieder und wankte mit seinen dünnen Beinen zu dem Tisch auf dem Podest. Ein weiteres Streichholz wurde entflammt und an fünf Holzkohlestücke gehalten, deren schwefelhaltige Ränder sofort Feuer fingen. Als die im Boden des Weihrauchgefäßes liegenden Stücke verkohlt waren und von einer  grauweißen Schicht überzogen, besprengte er die Kohlereste aus einem goldenen Gefäß mit etwas Weihrauch. Der berauschende, duftende Rauch stieg auf  und um seinen Kopf herum weiter nach oben, bevor er mit der Dunkelheit eins zu werden schien. Er hob das Weihrauchgefäß, um ihm weiteren Weihrauch zu entlocken. Der subtile Geruch von Moder und Schimmel, der im ganzen Haus verbreitet war, sich aber vor allem in den unteren Stockwerken bemerkbar machte, vermischte sich mit dem des Weihrauchs.

Ekstatisch, in der Hoffnung, das sein Flehen erhört wurde, stand der Mann gerade, bewegungslos, die Augen fest geschlossen, in sich hinein lauschend, während er auf ein Zeichen wartete. Wenn der Rauch nicht weiter aufstieg und stattdessen schwer zu Boden fiel, war das ein gutes Zeichen, dass das Flehen an die Herrn der Unterwelt erhört werden würde. Aber er wollte viel mehr. Er wollte Kontakt mit dem Fürsten der Finsternis selbst aufnehmen. Würde dieses Gebet – konnte dieses Gebet erhört werden?

In der Ferne hörte er etwas. Ein leises, fast unscheinbares sehr kurzes Geräusch... Nichts. Es war doch nichts gewesen. Nichts! Höchstwahrscheinlich nur ein Streich seiner Einbildung. Doch das winzige Geräusch wiederholte sich schließlich. Es war tatsächlich da... 

Aus der Leere, in der er Leben erweckt zu haben schien, wuchs der Klang, schwoll zu einem tiefen Rumpeln an, bevor er sich zu einer monströsen, krachenden Explosion aufblähte. Die Einschläge steigerten sich zu einem rollenden, kakophonischen Windrauschen, das den alten Mann zuerst in die Knie zwang, seinen Rücken verbog und ihn zwang, bei den Stufen wieder nach unten zum Boden zu blicken. Selbst als er verzweifelt versuchte, sich an einer der Stufen dagegen zu stemmen, wurde er von dem plötzlichen Sturm in dem düsteren Raum mit dem Altar über die scharfen Kanten der Stufen hin und her geschleudert.

Sein dünner Körper erlitt Prellungen, doch er war sich in seinem Rausch der Schmerzen nicht bewusst. Tränen liefen über seine Wange, aus seinem Mund kam ein leises anhaltendes Stöhnen. Er dankte den Herren.

 

So plötzlich alles begonnen hatte, so heftig es auch gewesen war, der Wind hörte ohne Übergang ganz plötzlich wieder auf. Totenstille. Es gab kein anderes Geräusch als seinen eigenen schweren Atem, der sein wie wild schlagendes Herz in seiner Brust begleitete. Er kämpfte sich mühsam auf die Füße und schlurfte über die Stufen zum marmornen Altar.

Er fühlte sich ein wenig seltsam, betäubt, befriedigt, aber nicht zur Gänze glücklich. Als er neben der schwarzen Marmorplatte stand, atmete er tief durch. Noch einen Schritt. Etwas war noch zu tun und dann war der »Gottesdienst« beendet. Das Licht der flackernden Kerzen reflektierte sich stumpf von einem Geschirrtopf, der nahe der Rückseite des Altars stand. Er öffnete den Reißverschluss seiner Hose, zog seinen Penis hervor und griff nach dem Behälter vor sich. Er entleerte seine Blase, wobei der Urinstrahl geräuschvoll plätscherte. Nachdem er seinen Hosenschlitz zugezogen hatte, nahm er einen goldenen Becher und tauchte ihn in den Topf.

»Oh, Satan, kaiserliche Majestät der Unterwelt, Oberhaupt aller rebellierenden Geister«, flüsterte er, »ich bitte dich, mir bei dieser Zeremonie, die ich gleich zu deiner Ehre vollziehen werde, einen Gefallen zu tun. Gewähre mir die Ehre deiner Anwesenheit, damit ich, dein demütiger Sklave, dir auf jede erdenkliche Weise dienen kann, die du befiehlst.«

Er näherte sich wieder den fünf Kerzen, wobei er jede lange genug fixierte, um Teile seines Urins aus der Tasse über die Flammen zu träufeln und sie nacheinander zu löschen.

»Komm zu mir, mächtiger Satan! Befiehl mir! Ich folge Dir überall hin – ich bin allein nur dein!«

Als die Flamme der letzten Kerze in einem wütenden Zischen in sich zusammenfiel, erstarben seine Worte sofort, wie absorbiert von den schweren Stoffen, mit denen die Wände behangen waren. Die Stille passte zur rabenschwarzen Finsternis, beide übten einen gleichermaßen einengenden Griff auf ihn aus.

»Ich habe euch aus euren Domänen herbeigerufen – Feuer, Rauch, Wind, Wasser und... Dunkelheit! Herr – komm zu mir, ich bitte dich untertänigst um deine Anwesenheit.« Seine Lippen bewegten sich kaum, als er das letzte Bittgebet beendete.

Ein neuer Klang begann wie ein Flüstern, das aus seinem eigenen Kopf zu kommen schien. Das monotone und körperlose Raunen, nicht mehr als eine Andeutung des dunklen Raumes, der sich um ihn herum drängte, machte es unmöglich, festzustellen, aus welcher Richtung die nicht unterscheidbaren Wortfetzen kamen. Als er erkannte, dass er nicht verstehen konnte, was gesagt wurde, versuchte er, sich noch stärker darauf zu konzentrieren, aber die Geräusche selbst zogen ihn nur auf, verspotteten ihn, forderten ihn auf, das Gesagte endlich zu unterscheiden. Er wollte sich nicht ablenken lassen, lauschte der Stimme, so gut er konnte, und versuchte verzweifelt, die Bedeutung der Laute zu verstehen, sie zu verinnerlichen und zu begreifen.

Konnte er es wagen zu sprechen? Den Meister zu bitten, lauter und deutlicher zu sprechen?

»ICH BIN SATAN!«

Die Worte schossen durch seinen Kopf, hinaus in den Raum, prallten von den Vorhängen ab, zurück zum Altar und schleuderten den Mann wie eine Feder umher und rangen ihn schließlich zu Boden.

Der flackernde Kerzenschein auf dem Altar erlosch.

Im Dunkeln kriechend und tastend, rief er laut, aber mit bebender Stimme: »Meister! Befiehl mir!«

»Diener! Du  hast dich gut geschlagen. Ich habe einen Plan, den du für mich ausführen wirst. Es gibt einen Wunsch – einen, der meinen Plan, der vor langer Zeit vereitelt wurde, endlich erfüllen wird. Durch dich beabsichtige ich, das eine Wesen hervorzubringen, das letztlich die Erde regieren wird. Du, Olda, wirst für diese Aufgabe mein Instrument sein. Durch gewisse Manipulationen in der Vergangenheit ist es mir gelungen, eine Schlampe von den Diensten ihres Gottes zu befreien. Sie hat inzwischen geheiratet und hat eine junge Sau. Ich will das junge Flittchen. Sie wird ihrer Lieben beraubt werden, und diese Tragödie wird sie mehr als nur auf mich vorbereiten. Du wirst bei ihr liegen, aber mein Samen wird es sein, der sie schwängern wird. Ihr Kind wird der Antichrist sein, der mir bisher verweigert wurde. Ein Versagen wird es dieses Mal nicht geben und auch keinen Widerstand gegen meinen Plan!«

Der Mann hielt seinen Kopf, als die Stimme in seinem Schädel nachhallte und dabei Schockwellen durch seinen schlaksigen Körper schickte. Woher kam die Stimme? Waren die Worte nur in seinem Kopf? Er konnte ihre Quelle nicht bestimmen. Als die Stimme endete, bemerkte er plötzlich, dass er den Atem angehalten hatte und jetzt erst atmete er laut aus.

Verwirrt von der eindringlichen Botschaft, wagte er eine Frage: »Warum... warum haben Sie bis heute gewartet, Meister?«

Ein Heulen durchdrang die Düsternis, wütete und peinigte die Ohren des Mannes. Doch nach und nach verstummten die quälenden Geräusche.

»Weil ich seinen Sohn in der Wüste in Versuchung geführt habe, erlaubt er mir nur in seltenen Fällen, frei zu handeln. Es gibt nur wenige Menschen, die mich anrufen und alle achtundzwanzig Jahre mit mir in einen geistigen Dialog treten können. Wenn jemand eine Seele verflucht und möchte, dass ich sie beanspruche, muss ich warten, bis die Zeit gekommen ist. Er gewährt mir einen Moment, in dem ich die Kontrolle habe, gerade lange genug, um Seelen für meine Armee zu gewinnen, aber nur für eine kurze Zeit... einmal in jeder Lebensspanne seines Sohnes.«

Die letzten Worte wurden mit spürbar giftigem Hass ausgestoßen.

»Alle dreiunddreißig Jahre?«, fragte der Mann leise.

»Du erinnerst dich gut an die biblische Geschichte, Sklave!«

Im Raum wurde es wieder still. Der Mann konzentrierte sich auf die Worte, die er gerade gehört hatte, und überdachte sie einige Augenblicke lang in seinem Kopf.

Satan hatte einen Zyklus von 28 Jahren beschrieben und selbst auf die Differenz zur Lebensspanne Jesu und 33 Jahren verwiesen. Als er merkte, dass seine Antwort nicht mit der ihm vorgelegten Theorie übereinstimmte, sagte er schüchtern: »Aber...«

»Du hast bemerkt, das es da eine Diskrepanz gibt. Doch muss ich dich daran erinnern, dass ich seinen Sohn vor seinem Tod in Versuchung geführt habe.  Jahre, Monate, Tage und Stunden. Nicht alles ist überliefert – doch stelle mich NICHT in Frage! Die Zeit ist JETZT! Stelle mich niemals wieder in Frage!«

Der Mann flüsterte mit zitternder Stimme: » Natürlich, Meister. Sagt mir, was ich tun muss, Meister«. 

»Du wirst wissen, was zu tun ist, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Du hast die gleiche Hilfe, die du deinem Großvater gegeben hast. Dann gibt es diejenigen, die dir folgen und an mich glauben. Sie werden auch bei diesem glorreichen Unterfangen helfen. Dieses Mal wird es kein Versagen geben! Niemals!«

»Ihr Name, Meister! Sag mir ihren Namen!«, flehte der Mann.

»Pass auf die Vorderseite des Altars auf!«, befahl die Stimme donnernd, die gleichzeitig schnell zu einem rauen Flüstern verebbte, bevor sie aufhörte zu existieren.

Der Mann tastete in der stygischen Schwärze nach dem Tisch, aber bevor er ihn berührte, drang ein anderer, neuer Klang in die Kapelle ein. Ein laut zischendes Geräusch, nicht unähnlich der Holzkohle, als sie mit seinem Urin benetzt worden war, aber viel lauter, erfüllte seine Ohren und drang bis in sein Gehirn vor. Er fiel zurück, seine Augen weiteten sich im Dunkeln, als er ein funkelndes Licht sah, das sich am Rand des Altars entlang bewegte und die Buchstaben A-D-R-I-A-N-A B-R-E-V-E-N-G-E-R in den Marmor brannte. Nachdem er den letzten Buchstaben geformt hatte, verschwand das Licht und die Geräusche verstummten zu einer erdrückenden Stille.

Nachdem einige Minuten vergangen waren, flüsterte er in die Dunkelheit: »Meister? Oh, Meister...« Seine Stimme verkümmerte zu einem leisen Wimmern aus, als er erkannte, dass er wieder allein war.

Er stand auf, stolperte er durch den Raum und griff nach dem Altar. Als seine Fingerspitzen über den kalten Marmor strichen, biss er sich auf die Lippen, um der unnatürliche Kälte, welche durch seine Fingerspitzen zu spüren war, trotzen zu können. Vorsichtig suchte er nach einer der Kerzen, ohne den eisigen Marmor zu berühren, und er ergriff sie, als seine Hand sie endlich streifte. Er tastete nach weiteren Streichhölzern und zündete eine an, als er sie fand. Die kleine Flamme flackerte auf, während er sie am Docht berührte. Die einzelne Flamme versuchte schwach, den Raum zu erleuchten.

Er zog ein Taschentuch aus seinem Umhang und wischte sich die verschwitzte Stirn. Mit zitternden Händen griff er nach dem Altarrand, ohne sich dieses Mal der unangenehmen Kälte bewusst zu sein. Er hatte es getan. Er hatte es tatsächlich getan! Er gehörte zu Satan, genau wie sein Großvater – nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Er hatte tatsächlich mit seinem Herrn und Meister gesprochen! Er sollte das Instrument des Fürsten der Finsternis sein!

Sein Herz pochte noch immer sehr schnell. Er versuchte, in gleichmäßig kontrollierten Zügen zu atmen, den Körper wieder unter Kontrolle, bewegte er sich schweigend auf die Tür zu und hielt die flackernde Kerze vor sich. Geduld. Er würde Geduld haben müssen. Er wusste, dass er den Meister nicht enttäuschen durfte. Geduld war unerlässlich, bis er beginnen konnte. Aber wann genau? Wie lange musste er warten?

Ein zaghaftes Lächeln ging über seine dünnen Lippen. Trotz seines aufkeimenden Gefühls einer leichten Erheiterung fühlte er sich schwach, benutzt und verbraucht. Viel Schlaf, und er wäre bereit, sich auf den Plan des Meisters vorzubereiten. Satan, sein Herr, hatte gesagt, dass er, wenn die Zeit käme, wissen würde, was zu tun sei. Wie konnte das sein? Wie würde er erkennen, was zu tun sein sollte? Der Meister hatte gesagt, dass die anderen, die ihn von Zeit zu Zeit auf der Insel besuchten, ebenfalls willige Helfer sein würden.

Als er die Tür erreichte, drehte er sich um und schaute zurück in den dunklen kalten Schlund der Kapelle. Auf der anderen Seite des Raumes leuchteten die Buchstaben, die den Namen der auserwählten Frau buchstabierten, frostig und schwankten von Weißblau zu Feuerrot, während sich die Temperatur in der Kapelle merklich erwärmte.

Er fragte sich, wer Adriana Brevenger sein könnte. Was hatte der Meister für sie geplant? Als er sich an die Worte erinnerte: Du wirst bei ihr liegen, aber ich werde sie schwängern, lächelte er diabolisch – einige Tropfen Speichel sickerten durch seine zusammengekniffenen Lippen.

Mit der Zeit würde er Adriana Brevenger gut kennenlernen. Dessen war er sich sehr sicher.

  Erster Teil: DIE SCHULD DER ADRIANA BREVENGER

 

 

 

31. Oktober 1984

 

 

Die Homecoming Week am Claremont College war später als üblich angesetzt worden, und während die Tage noch recht warm waren, wurde es in den Nächten schon sehr kühl. Die meisten der Bäume auf dem Campus waren durch Wind und Regen ihrer herbstlichen Blätterpracht inzwischen beraubt und standen mit kahlen Ästen und schienen auf den kommenden Wintereinbruch zu warten. Die Homecoming Week brachte auch die traditionellen Schikanen für die Erstsemester mit sich, und obwohl der Regentenrat in der Vergangenheit oft versucht hatte, sie zu verbieten, reagierten die Ehemaligen immer wieder auf das Plädoyer des Präsidenten für Tradition und Kontinuität und drohten mit dem Entzug finanzieller Unterstützung, sollte die Praxis jemals aufgegeben werden. Infolgedessen wurde auch 1984 von der Abschlussklasse des Claremont College die neu eintretende Erstsemesterklasse mit Stunts und absurden Regeln und der Androhung schrecklicher Vergeltungsmaßnahmen belästigt, falls irgendwelche Befehle oder Anweisungen missachtet würden. In der Nacht von Halloween waren die meisten Fenster in der Hudson Residence Hall unbeleuchtet, mit Ausnahme der Fenster am Ende der Gänge. Die Schlafräume selbst waren dunkel, aber in mindestens einem der Räume regte sich reichlich Aktivität. Die Tradition des Erzählens von Geistergeschichten auf Halloween hatte irgendwann in ferner Vergangenheit begonnen, und da die Heimkehr in diesem Jahr so spät war, wurde sie in die angedachten Schikanen für die Erstsemester mit einbezogen.

Die Regeln waren einfach. Die Erstsemester mussten eine wahre Geistergeschichte erzählen oder die Konsequenzen tragen, Konsequenzen, die unerwähnt blieben und nur als die ultimative Strafe bezeichnet wurden, was auch immer das sein mochte.

An einem Fenster im obersten Stockwerk der Hudson Hall war schwacher Lichtschein zu bemerken. Im Inneren leuchtete eine einzelne Kerze, deren Flamme auf dem winzigen Docht wippte, und die Gesichter der jungen Leute nur schwach erhellte. Sie saßen in der Mitte des Schlafsaals im Kreis. Der Raum war voll mit Studenten, die auf den Betten lagen, im Schneidersitz auf dem Boden saßen oder überall dort standen, wo gerade Platz war, und das Flüstern im Raum verstummte, als ein junger Mann, auf den sich alle Aufmerksamkeit richtete, endlich weiter sprach.

»Am nächsten Morgen fanden sie den Mann, sein kohlrabenschwarzes Haar war über Nacht schlohweiß geworden, von dem was er dort erlebt hatte«, flüsterte er, wobei seine Stimme zum Ende ins Nichts abrutschte.

Ein kollektiver Seufzer erfüllte die Luft.

»Wow«, sagte Peggy O'Connor und brach damit das Schweigen. »Ist das wirklich eine wahre Geschichte?«

»So wahr mir Gott helfe«, sagte Will Sturgis, der Geschichtenerzähler, und hielt seine rechte Hand in einer spöttischen Geste hoch. »Das ist genau so geschehen, wie mein Vater sie mir selbst erzählt hatte. Ich glaube nicht, das mein alter Herr gelogen oder die Wahrheit auch nur verbogen hat.«

»Wer ist der Nächste?«, fragte Ramsey Flint, die Gastgeberin der nächtlichen Sitzung. »Komm schon. Alle Erstsemester in diesem Gebäude müssen uns heute Nacht Angst einjagen.«

Niemand sagte etwas, alle schauten sich an und erwarteten, das jemand von den anderen den Anfang machte. So ging es mehrere Minuten lang.

»Ich habe eine wahre Geschichte«, sagte das Mädchen von der Tür aus, die zum Flur führte.

»Wer spricht da?«, fragte Ramsey und blickte zu der schattenhaften Gestalt im Türrahmen.

»Ich. Adriana Brevenger. Vom Zimmer am anderen Ende des Flurs.«

»Komm rein, Addy. Du wirst der also die Letzte sein. Rutscht beiseite, damit sie in der Mitte des Raumes stehen kann. Dann kann sie jeder sehen und hören.« Ramsey wedelte mit den Armen. »Nun macht schon...«

Will Sturgis stand auf, und das von der Tür eingerahmte Mädchen trat vom Flur aus tiefer in den Raum. Sie bewegte sich anmutig durch die Menge, wobei sie darauf achtete, niemandes Hände, Beine oder Füße zu berühren. Als sie die Mitte des Raumes erreichte, den Will für sie gefordert hatte, setzte sie sich hin und schlug ihre langen, wohlgeformten Beine übereinander. Ihr kupferfarbenes Haar schien im gedämpften Licht kleine rote und goldene Funken zu verströmen.

»Denke daran, Addy«, sagte Ramsey leise und versuchte, ominös zu klingen, »die Geschichte muss wahr sein. Wenn wir jemals herausfinden, dass ein Geschichtenerzähler uns ein Märchen untergeschoben hat, werden wir uns irgendwie rächen«. 

Gutmütiges Kichern und Flüstern  ging durch den Raum.

Adriana starrte in die Kerzenflamme, ihre Lippen zu einem leichten Schmollmund verzogen. Sollte sie die wahre Geschichte tatsächlich erzählen? Vielleicht sollte sie sich etwas anderes ausdenken als das, was sie zu erzählen geplant hatte. Würde es für jemanden einen Unterschied machen, wenn sie eine erfundene Geschichte erzählen würde, die sie früher einmal gehört hatte? Sicher, Ramsey bestand darauf, dass die Geschichten alle wahr sollten, aber war das nicht nur ein Lippenbekenntnis, das die neu hinzukommenden Erstsemester ein wenig frustrieren sollte? Schikane war auf dem College-Campus nicht wirklich weit verbreitet, außer in den Studentenverbindungen, die diese Tradition weiter aufrechterhielten. Und bis jetzt hatte Adriana diese antiquierte Praxis des Claremont College als Spaß empfunden – nicht als gefährlich, wie ihr die älteren Semester in ihrem Wohnheim glauben machen wollten. Tatsächlich hatte sie es bislang genossen, mit Ramsey und einigen anderen  Studenten in ein Restaurant in die Stadt zu gehen und so zu tun, als wäre sie gerade ausgeraubt worden und hätte kein Geld, um das Essen dort bezahlen zu können.

Wenn sie dann um etwas zu essen oder ein Glas Wasser baten, mussten sie sich das Lachen verkneifen, wenn sie in die betroffenen Mienen der Kleinstadtbewohner blickten.

Es gab noch andere verrückte Streiche, die die Erstsemester vorgeführt hatten, und abgesehen von der Homecoming-Parade, dem Lagerfeuer und der Aufmunterung am nächsten Abend, dem Tanz am Freitagabend und dem Fußballspiel am Samstag war dieser Abend die letzte organisierte Veranstaltung in ihrem Wohnheim.

 

Sie schaute in die Augen einige Erstsemester, die im Kreis um sie herum saßen und war sich sicher, wenn sie ihre Geschichte erzählte, hatten die meisten von ihnen sie am nächsten Tag bereits wieder vergessen. Welchen Unterschied würde es machen, was sie erzählen würde?

Sie räusperte sich.

»Diese Geschichte ist wahr – und berichtet wahrscheinlich von einigen der erschreckendsten Dinge, die ihr je gehört habt«, sagte Adriana.

Ihre Stimme klang dabei überzeugend und aufrichtig.

»Was ist das eigentliche Thema?«, fragte Ramsey.

Addy zögerte einen sichtlich langen Moment.

»Dämonische Besessenheit«, sagte sie dann ganz einfach.

»Ach, Scheiße«, stöhnte eine Stimme aus dem hinteren Teil des Raumes, »da kommt der Exorzist wieder.«

Jemand kicherte, hörte aber gleich damit wieder auf und stattdessen herrschte betretenes Schweigen im Raum.

»Ich habe darüber selbst gelesen«, sagte Adriana. »Eure Geschichten werden im Vergleich zu meiner wahren Geschichte sichtlich verblassen. Glaubt mir.«

Sie machte eine kunstvolle Pause.

»Für diejenigen unter euch, die es vielleicht nicht wissen – meine Mutter war über zehn Jahre lang Nonne in einem katholischen Klosters, bevor sie sich entschied, dessen Mauern für immer zu verlassen. Die Geschichte, die ich euch jetzt erzähle, spielte sich ab, als sie noch Gläubige war und um Aufnahme in die Gemeinschaft des Klosters gebeten hatte.«

Niemand sagte etwas – Adriana hatte nun die volle Aufmerksamkeit.

»Soweit ich weiß, ist nichts Außergewöhnliches passiert nach ihrem Eintritt in den Orden, bis zur jener Zeit, als das Erntedankfest begann. Als die Nonnen und Postulantinnen gerade essen wollten, fanden sie, nachdem sie ihr Gnadengebet gesprochen hatten, menschliche Exkremente – Scheiße – in den Schüsseln, als sie die Deckel abnahmen.

»Ah, ekelhaft!«, rief ein Junge und machte ein würgendes Geräusch.

»Sh-h-h-h-h«, warnte Ramsey.

»Mach schon, Addy.«

»Einige Tage oder Wochen zuvor war in einem der Klassenzimmer eine seltsame Stimme zu hören gewesen. Sie sagte einige schreckliche Dinge.«

»Was zum Beispiel?«, wollte Peggy mit einer bis zum Flüstern abgesenkten Stimme wissen.

Adriana zögerte. Sie erinnerte sich noch genau an die Worte, die ihre Mutter ihr zugeflüstert hatte – aber sollte sie sie hier wiedergeben?

Ihre Mutter hatte sich anfangs gesträubt, den Vorfall überhaupt zu erzählen, aber ihre Hartnäckigkeit hatte sich ausgezahlt. Die bizarre Geschichte hatte ihr später noch viele Tage lang Albträume bereitet.

Aber damals war sie erst vierzehn Jahre alt und noch sehr beeinflussbar.

»Nun, so wie meine Mutter es mir erzählte«, fuhr sie schließlich fort,«hatte die Nonne, welche die Klasse unterrichtete, etwas darüber gesagt, dass Nonnen mehr oder weniger Bräute Christi sind, als diese geheimnisvolle Stimme wie aus dem Nichts kam und sagte: So was! Gott wird dich niemals ficken! Aber ich werde es tun, wenn ihr mich lasst!«

Peggy saugte geräuschvoll ihren Atem ein, aber außer einem einzelnen, nervös klingenden Kichern war kein anderer Laut im Schlafsaal zu hören.

»Jedenfalls ging die Mutter Oberin wegen des Vorfalls beim Essen zum Erntedankfest zum Bischof...«

»Scheiße essen...«, krähte einer der Neuzugänge und lachte lauthals.

»Moment mal, Addy«, sagte Ramsey und stand auf. »Hört mal, wer auch immer da hinten das Maul aufreißt – lass Addy ihre Geschichte weiter erzählen. Jetzt sei still, verdammt!«

Keiner rührte sich.

»Nur zu, Addy«, meinte Ramsey aufmunternd und nahm wieder Platz.

»Während die Mutter Oberin weg war, begann das Wasser in den Hähnen des Klosters nach Urin zu stinken.«

Diesmal gab es keinen Kommentar.

»Darüber hinaus geschah allerdings nicht viel«, fuhr sie fort, »bis die Freundin meiner Mutter, ebenfalls eine junge Gläubige im Aufnahmeritus des Klosters von einem Moment zum anderen eines Nachts schrecklich krank wurde. Ihr ging es von Minute zu Minute schlechter. Schließlich kotzte sie so eine Art gelben Schleim aus...«

»Es war grüner Schleim, jedenfalls in Der Exorzist«, kommentierte einer der Neuzugänge, ein dunkelhaariger Junge namens Miles, der auf einem der vielen Betten lag.

»Das war's! Raus mit dir!«, rief Ramsey. »Schafft ihn hier raus. Und zwar sofort.«

Ein Rascheln und Bewegung in der Dämmerung außerhalb des dürftigen Lichtkreises der Kerze. Alle schauten neugierig, wer den Schlafsaal verlassen musste. Miles Thorp, mit einem unglücklichen Stirnrunzeln, das sein pickeliges Gesicht noch mehr zerfurchte, machte sich auf den Weg zur Tür.

»Das ist sowieso alles ein Haufen Blödsinn«, sagte er über seine Schulter und verließ den Raum. »Außerdem muss ich noch lernen, ihr Arschlöcher!«

»Okay. Jetzt, wo der Komiker weg ist, sollte es keine Unterbrechungen mehr geben«, sagte Ramsey.

»Nur zu, Addy.«

»Wo war ich? Oh, ja. Wisst ihr, da war nicht nur der gelbe Schleim und das Wehklagen – meine Mutter erzählte, wie sie zusehen konnte, wie ihr Bauch anschwoll, als wäre sie, nun ja, so als hätte sie in Zeitraffer eine Schwangerschaft durchlebt. Doch schwanger, das war sie nicht. Der Arzt, den man nachts noch herbeigerufen hatte,  konnte später nichts Ungewöhnliches feststellen, keine Schwangerschaft, und am nächsten Morgen war sie wie ausgewechselt. Alles schien wieder in Ordnung zu sein. Ziemlich seltsam, was? Aber ihr habt noch nicht alles gehört. Ein neuer Priester, der sich als Exorzist entpuppte, tauchte auf, um den Platz des Kaplans einzunehmen. Dann passierte überhaupt nichts mehr, nachdem er bis Weihnachten dort war. Es schien alles wieder im Lot in diesem Kloster zu sein.

Bis zu jenem Zeitpunkt, also zur Weihnachtszeit, wo die Mitternachtsmesse begann und das Mädchen an der Kommunionsbank plötzlich chinesische Worte zu sprechen begann. Ach ja, das hätte ich fast vergessen. Der Kopf einer der Steinstatuen war abgehackt und in die Hände einer anderen gelegt worden. Nun, die Mutter Oberin schickte dieses Mädchen, das irritierend flüssig in einer ihr eigentlich unbekannten Sprache Chinesisch sprach – sie hieß Bobbe – zurück auf ihr Zimmer, um die anderen Ministranten nicht weiter zu beunruhigen. Später in dieser Nacht, kurz vor der Morgendämmerung, erwachte meine Mutter und fand Bobbe in der Mitte des Schlafzimmers liegen, splitternackt. Sie bewegte sich nicht, war nicht ansprechbar, und sie war eiskalt. Sie schien tot zu sein, zumindest dachten das alle, und der herbeigerufene Arzt erklärte sie wirklich für tot. Als der Priester kam, um ihr die letzte Ölung zu geben, wachte sie plötzlich auf und lachte, lachte lauthals, kreischte und benahm sich wie eine Verrückte.

An diesem Tag, also am Weihnachtsmorgen, sahen meine Mutter und einige andere die lebendige Bobbe vor einer Statue im Garten hinter dem Kloster in der Luft schweben. Meine Mom nahm all ihren Mut zusammen und sprach die schwebende Gestalt, die Bobbe war, direkt an, und Bobbe sagte ihr, dass sie seltsame Stimmen in ihrem Kopf hörte, die ihr befahlen, sie solle alle möglichen ekligen und perversen Dinge tun.«

»Was zum Beispiel?«, warf Ramsey selbst voller absonderlicher Neugier ein.

»Mom hat es mir nie erzählt.«

»Verdammt«, sagte Ramsey enttäuscht.

»Ich schätze«, fuhr Adriana fort, »sie stellten fest, dass sie tatsächlich besessen war und begannen wohl ein oder zwei Tage später mit dem Exorzismus. Meine Mutter und die anderen Postulantinnen wurden in einem anderen Teil des Klosters untergebracht. Doch auch dort noch konnte man das schreckliches Stöhnen, Schreie und das Kreischen von Bobbe hören. Der Exorzismus schien länger zu dauern. Und irgendwie schaffte sie es, schaffte es Bobbe, sich von ihnen zu befreien, zu verschwinden, und schließlich legte sie in der Garage des Klostersanbaus ein Feuer. Feuerwehrautos kamen und alle möglichen Leute, um das Feuer zu bekämpfen. Bobbe verschwand aber wieder, ehe man sie aufhalten konnte. Alle im Kloster mussten nach ihr suchen, weil sie nicht wollten, dass dieses besessene Mädchen allen möglichen Fremden begegnete.

»Nun, sobald das Feuer gelöscht war, tauchte Bobbe im Glockenturm auf. Sie brüllte den Leuten alle möglichen seltsamen Dinge zu, bevor sie sich selbst in Brand setzte.

Ja, sie zündete ihre eigene Kleidung an. Dann sprang sie und wurde durch den Sturz und die Flammen getötet. Seit ihr bereit?«

Adriana schaute intensiv in die Runde. Keiner rührte sich. Die Flamme der Kerze auf dem Boden wurde schwächer.

»Hier kommt der wirklich seltsame Teil. Ein Mann – ein wirklich tougher Typ, so meinte meine Mutter, tauchte dort auf, wo vorher Bobbe in einem der Torbögen des Turms gestanden hatte, und grinste die Leute schweigend an. Feuerwehrmänner, das Personal und die Mitglieder des Klosters. Er grinste einfach nur. Er sagte kein Wort. Meine Mutter fand die ganze Situation gespenstisch. Und dann verschwand er einfach.«

Eine spürbare Stille hielt sich nun im Raum.

»Verschwunden? In Luft aufgelöst?«, fragte Peggy schließlich im heiseren Flüsterton, die Augen weit aufgerissen.

»Einfach so – er war weg, schien sich in Luft aufgelöst zu haben«. Adriana zuckte mit den Schultern. »Vor vielleicht mehr als hundert Leuten, möchte ich hinzufügen.«, meinte sie feierlich.

»Was geschah dann, Addy?«, wollte Ramsey weiter wissen.

»Nichts. Alles normalisierte sich, die Schäden wurden beseitigt, und irgendwann dachte niemand mehr an die Vorfälle mit Bobbe.«

»Meine Güte, und deine Mutter blieb dennoch zehn Jahre dort?«, hakte Peggy nach.

»Wenn ich es gewesen wäre, wäre ich noch an diesem Tag gegangen«, bot Ramsey nervös an.

Adriana lächelte. »Sie war zehn Jahre lang in der Nähe, nicht richtig im Kloster. Sie begann 1955 zu unterrichten und verließ die Schule und den Orden 1965.«

Von der Lobby drei Stockwerke tiefer läutete die elektronische Uhr die Mitternachtsstunde, und die Gruppe begann sich aufzulösen. Aber Ramsey blieb zurück.

Als alle außer den beiden Mädchen, die sich den Raum teilten, und Adriana gegangen waren, fragte Ramsey: »Geht es deiner Mutter jetzt gut?

»Oh, sicher. Sie war von der ganzen Sache viele Jahre ziemlich aufgebracht und noch heute wird sie am 27. Dezember, dem Tag, an dem Bobbe starb, ein wenig komisch, aber ansonsten ist sie völlig in Ordnung.«

»Kommen deine Eltern am Wochenende zum Homecoming in die Schule?«, fragte Peggy, während sie sich fertigmachte zum Schlafen gehen.

»Mmmm! Eigentlich sollten sie morgen irgendwann hierher kommen. Warum?«

»Ich würde sie gerne kennenlernen«, sagte Peggy und wurde dabei rot.

»Du wirst aber nichts darüber sagen, dass ich dir die Geschichte erzählt habe, oder?«, fragte Adriana, plötzlich besorgt über ihre Indiskretion, wenn es um die Vergangenheit ihrer Mutter ging.

»Warum nicht?«, fragte Ramsey.

Adriana schüttelte den Kopf.

»Ist das ein Nein?«

»Irgendwie schon. Vielleicht hätte ich euch nicht davon erzählen sollen.«

»Wenn du uns deine Eltern vorstellst, schweigen wir. Stimmt's, Peg?«

»Hm? Oh, sicher, sicher. Kein Problem. Du kannst uns vertrauen.«

Adriana lächelte, erleichtert über die Zusicherung ihrer neuen Freunde. Wie würde es für ihre Eltern aussehen, wenn sie herausfinden würden, dass ihr einziges Kind allen, die sie traf, von einem schrecklichen Vorfall aus der Vergangenheit ihrer Mutter erzählte, als sie das erste Mal von zu Hause wegging?

Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und wollte das nicht gleich trüben, nur weil sie jetzt nicht mehr zu Hause wohnte. Ihre Mutter hatte mehr als nur die übliche Besorgnis aller Eltern geäußert, als sie sich für den Schulbesuch fast fünfhundert Meilen von ihrem Zuhause entfernt entschieden hatte. Das Claremont College war früher eine reine Mädchenschule, aber in den letzten fünfzehn Jahren war es zu einem Lehrkörper für die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen umgewandelt worden.

Nicht, dass ihre Eltern, besonders ihre Mutter Connie, ihrer Tochter nicht trauen würde. Im Gegenteil, sie hatte Adriana oft gesagt, dass sie es als eine aufregende Erfahrung empfand, Mutter zu sein und eine fast erwachsene Tochter zu haben. So sehr Adriana ihre Mutter liebte, sie mochte vor allem den ausgeprägten Sinn für Humor ihres Vaters und seine Fähigkeit, die beiden Frauen in seinem Leben zu verstehen. Sie schaute gern zu ihrem Dad auf, noch heute, wo sie die ersten eigenen Schritte machte, selbständig zu sein.

»Ich bin müde – ich muss jetzt ins Bett. Danke, dass ihr mich heute Abend gefragt habt, Ramsey, Peggy, meine Geschichte zu erzählen.«

»Hey, es war uns ein Vergnügen. Danke, dass du uns eine so coole Geschichte erzählt hast... sie war wirklich cool«, sagte Ramsey.

»Gute Nacht, Addy«, rief Peggy von der anderen Seite des Zimmers.

Die Tür schloss sich, und Adriana machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer am anderen Ende des Flurs. Vicki Lemont, ihre Mitbewohnerin, arbeitete an einem Aufsatz und hatte sich den Spaß mit dem unheimlichen Erzählungen entgehen lassen. Und obwohl Vicki meinte, sie hätte viel zu tun, war Adriana bereit, darauf zu wetten, dass das Mädchen bei ihrem Freund war. Das war das Privileg, ein Zehntklässler zu sein.

Adriana seufzte. Die Woche war eine Woche vollgestopft mit allen möglichen Aufgaben, und sie freute sich, dass es für den Rest der Woche ruhiger zugehen sollte.

Morgen würden ihre Eltern eintreffen und sie würde viel Zeit mit ihnen verbringen können.

Als sie die Tür zu ihrem eigenen Zimmer erreichte, dachte sie einen Moment an Ramsey. Die große Blondine hatte sich zu ihr hingezogen gefühlt, und Adriana spürte, dass vielleicht eine dauerhafte Freundschaft im Entstehen begriffen war. Ihr Sinn für Humor und der schnelle Witz des älteren Jungen imponierten ihr. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich auf Ramsey verlassen konnte.

Sekunden, nachdem sie die Tür geschlossen hatte, brachte ein leichtes Klopfen sie dazu, die Tür noch einmal anzustarren. Der digitale Wecker neben ihrem Bett zeigte ein paar Minuten nach Mitternacht an. Sie wettete mit sich darauf, dass Vicki ihren Schlüssel vergessen hatte.

Als sie die Tür aufschloss, sah sie Ramsey.

»Ramsey? Was ist los?«

»Darf ich einen Moment reinkommen?«

Adriana trat zur Seite. »Natürlich. Was gibt es noch?«

Ramsey drehte sich zu ihr um. Nur zwei, drei Zentimeter größer als das rothaarige Mädchen, sah Ramsey Flint irgendwie erfahrener aus, vielleicht war es die sorgfältig inszenierte Art und Weise, in der sie ihr Haar »wild« trug. Ihre Gesichtszüge waren weich, nur die Augen blitzten manchmal und zeigten, das sie auch hart sein konnte, wenn es die Situation erforderte. Adriana glaubte den wahren Menschen dahinter gesehen zu haben, den Ramsey meist versteckt hielt – freundlich, rücksichtsvoll und fürsorglich.

»Geht es dir gut?«, fragte Ramsey.

»Was? Natürlich! Es geht mir gut. Warum, um Himmels willen fragst du?«

»Ich habe über das, was du eben gesagt hast, nachgedacht. Deine Mutter will nicht, dass du die Geschichte erzählst, die du uns allen gerade erzählt hast. Du hast doch keine Angst, dass wir petzen, oder?«

»Natürlich nicht. Ich bin...« Sie stockte. Konnte Ramsey diejenige sein, der in Wirklichkeit Zweifel hatte und unsicher war? Konnte die Geschichte sie so sehr beunruhigt haben, dass sie noch nachts über den Flur noch einmal zu ihr kam? Wollte sie sich vielleicht versichern, dass »alles in Ordnung ist und der Schwarze Mann sie nicht erwischen würde, wenn sie zu Bett ging? Adriana war gerade dabei, eine Gegenfrage zu stellen, als sie mitten zwischen zwei Atemzügen stehenblieb. Sie hatte Ramsey bei ihrem Eintritt genau beobachtet. Die weit aufgerissenen Augen funkelten unter dem lockigen, zerzausten Haar, das über ihre Stirn hing, zeigten Mitgefühl und Sorge für das Mädchen, dem sie gegenüberstand.

»Hab keine Angst, zu gestehen, Addy«, sagte sie mit spöttischem Unterton in der Stimme.

»Alles ist einfach großartig, Ramsey. Wirklich.«

»Ich möchte nicht, dass du mir etwas vormachst. Schließlich bin ich diese Woche für dich verantwortlich. Es würde niemandem helfen, wenn sich herausstellen würde, dass ein Teil der Tradition und der lustigen Streiche und Strafen verboten würde, nur weil das eine oder andere aus dem Ruder lief.«

Adriana fühlte sich erleichtert. Gut, dass sie Ramsey nicht damit aufgezogen hatte, nur wegen einer beängstigenden Geschichte zu ihr gekommen zu sein. Es wäre für beide peinlich gewesen. Nicht zuletzt bewies Adriana, dass ihre Gefühle einer aufkeimenden Freundschaft, die über dieses Jahr hinausgehen würde, sicher nicht unbegründet waren.

»Wenn deine Eltern morgen hierher kommen«, sagte Ramsey und brach in ihre Gedanken ein, »dann möchte ich sie wirklich kennenlernen. Und Peg auch«, fügte sie hinzu.

»Und ich würde gerne deine Eltern kennenlernen. Werden sie kommen?«

Ramseys Gesicht und Hals nahmen eine zarte Rottönung an. Sie drehte sich ein wenig zur Seite und sagte leise: »Nein. Ich habe es dir noch nicht erzählt, aber meine Eltern sind geschieden. Meine Mutter ist irgendwo in Europa, wo sie mit dem Jetset oder einem anderen Haufen von Idioten zusammen ist, und Daddy – nun ja, Daddy ist einfach zu sehr damit beschäftigt, viel Geld zu verdienen, als dass er sich mit etwas so Alltäglichem wie Homecoming herumschlagen würde.«

Adriana trat näher. »Es tut mir leid, Ramsey. Wirklich, es tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung.«

»Hey«, sagte die Blondine fröhlich, »keine große Sache. Ich komme auch ohne sie ganz gut zurecht.«

»Aber«, protestierte Adriana, »wo verbringst du deine Sommerferien?

»Schau, Adriana, es ist schon ziemlich spät. Wenn du wirklich meine langweilige Lebensgeschichte hören willst, erzähle ich sie dir gerne irgendwann einmal. Aber nicht um halb eins morgens...«

»Okay. Aber ich möchte sie wirklich hören.«

»Das Gleiche gilt für mich. Ich sage dir was. Nach diesem Wochenende werde ich mich von Brett losreißen, und wir werden etwas Zeit miteinander verbringen. Abgemacht?«

Adriana nickte. Warum Ramsey Brett Fuller loswerden wollte, wenn auch nur für einen Nachmittag, konnte sie nicht verstehen. Brett war im zweiten Jahr der Linebacker in der Footballmannschaft und bereits von der United States Football League begutachtet worden. Aber wenn Ramsey sie als Freundin betrachten wollte, hätte sie nichts dagegen.

»Stell einfach sicher, dass Brett es versteht, dass du ihn nicht auf Dauer loswerden willst – sondern dass das nur so ein Mädchentag wird.«

Ramsey nickte. »Ich muss gehen. Schlaf gut.«

»Du auch.«

Und Ramsey war weg.

 

*

 

Das Auto raste durch die Nacht und über die dunkle Autobahn. Tim Brevenger blickte von einer Seite auf die andere, zum Rückspiegel und dann zurück auf die Straße vor ihm.

»Wirst du müde, Tim?«, fragte Connie und streckte sich. »Ich kann eine Weile fahren, wenn du willst.«

»Nein. Mir geht's gut, Schatz.« Tim unterdrückte ein Gähnen und schaute seine Frau kurz von der Seite an. Ihr rotes Haar, das nur eine Spur von Grau zeigte, fiel bis zur Schulter und zeigte ihr fein ziseliertes Profil. »Wie spät ist es?«

»Fast drei. Vielleicht sollten wir anhalten – eine längere Pause einlegen. Denn was nützt es, wenn wir dort ankommen und wir beide müde und erschöpft sind?«

»Es sollte ziemlich bald eine Ausfahrt kommen. Wenn wir Schilder sehen, die für Motels werben, sollten wir vielleicht anhalten. Ich denke immer noch, dass es eine gute Idee war, zu fahren, sobald das Treffen gestern Abend vorbei war.«

»War es auch«, meinte Connie, ein kleines sarkastisches Spötteln schwang dabei in den Worten mit. »Aber ich wusste nicht, dass es bis fast 23 Uhr dreißig dauern würde.« Sie schnallte ihren Gurt ab und rutschte im Sitz hin und her, bis es sich wieder bequem anfühlte.

»Hey, kein Problem. Ich fühle mich noch ausreichend fit für eine Weiterfahrt, und selbst wenn wir jetzt anhalten, treffen wir rechtzeitig bei der Schule ein.«

Sie schwiegen, und die Zahlen auf der Uhr des Armaturenbretts näherten sich der vollen Stunde. Tim war sich nicht bewusst, dass sein Fuß schwerer als gewöhnlich zu sein schien, und drückte stärker auf das Gaspedal.

Connie, inzwischen müde vom langen Sitzen und der ungewohnt späten Fahrt, döste im Halbschlaf vor sich hin. Nach und nach blieben ihre Augen immer länger geschlossen, und schließlich schlief sie tief und fest.

Tim war sich der zunehmenden Geschwindigkeit des Autos nicht bewusst und starrte angestrengt auf die nächtliche Straße vor ihm. Die Tachonadel tastete sich nach oben in Richtung der siebzig. Fünfundsiebzig Meilen. Achtzig. Fünfundachtzig. Plötzlich wurde Tim auf die beleuchtete Kreuzung vor ihm aufmerksam. Sekundenschlaf. Er schüttelte den Kopf, um sich wieder etwas munterer zu fühlen, und versuchte die Schilder entlang der Straße zu lesen. Werbung über Werbung, aber es gab auf den nächsten fünfundzwanzig Meilen keine Motels. Er war viel zu müde, um klar denken zu können. Vor ihm und zu seiner Rechten konnte er eine Abfahrt sehen, die zu einer Straße führte, die über die vierspurige Autobahn führte. Da er sich seiner überhöhten Geschwindigkeit nicht bewusst war, steuerte er das Auto, das mehr als 90 Meilen pro Stunde auf dem Tacho anzeigte, in Richtung der Ausfahrt. Die Geschwindigkeit von 25 Meilen pro Stunde, mit der die Ausfahrt beschildert war, schoss in einem orange-gelben Fleck an ihnen vorbei. Als sich die Ausfahrt stärker nach rechts krümmte, fuhr Tim Brevenger  weiter pfeilgerade auf die Betonböschung zur Überführung zu. Der Wagen hob ab und flog durch die Luft – mehr als 90 Meter weit, bevor es als erstes gegen einen Betonpfeiler prallte.

Connie wurde im Moment der Kollision abrupt nach vorne geschleudert, an die Windschutzscheibe. Das Glas wurde durch den Aufprall regelrecht zertrümmert und enthauptete sie. Tim, der alles viel zu spät wahrnahm, klammerte sich am Lenkrad fest, seine entsetzten Augen nahmen einen Moment noch den grauen Zement wahr, der schließlich sein gesamtes Gesichtsfeld auszufüllen schien. Der Aufprall trieb den Motor in den Innenraum des Fahrzeugs, schob sich in seinen Körper und zerquetschte Herz und Lunge, während der kopflose Körper seiner Frau immer noch krampfhaft an seiner Seite zuckte. Das Auto bäumte sich auf, und nur wenige Augenblicke nach dem Aufprall spritzte Benzin aus dem aufgerissenen Tank und den Zuleitungen auf den heißen Motor. Der erste Tropfen entzündete sich und löste schneller als gedacht eine explosive Kettenreaktion aus, die sich in einem rötlich-goldenen Feuerball im Fahrzeuginneren rasch ausbreitete. Das Auto kippte langsam auf sein Dach.

Es gab keine Schreie, keine anderen Geräusche als das Knistern der Flammen – und ein tiefes, aus der Nacht kommendes Glucksen...

 

*

 

Adriana konnte sehen, wie ihre pummeligen Hände den Ball fingen, den ihr Vater ihr zugeworfen hatte. Voller Stolz strahlend drehte sie sich zu ihrer Mutter um, gluckste erfreut und warf den Ball unbeholfen in Richtung ihrer Mutter, die rennen musste, um zu verhindern, dass der Ball einen Hügel hinunterrollte. Vergnügt lächelnd suchte sie den Blick ihres Vaters, um mit ihm das lustige Schauspiel zu teilen, wie ihre Mutter dem Ball hinterherlief. Wo war er hingegangen? Sie konnte ihn nirgendwo sehen. Hatte er nicht gerade dort gestanden, ein wenig entfernt, unter diesem Baum? Konnte er sich vor ihr versteckt haben? Das war es! Sie rannte auf den Stamm zu, blieb abrupt stehen, bevor sie auf Zehenspitzen um den Baumstamm herumging. Er war nicht da.

Sie würde ihre Mutter dazu bringen, ihr zu helfen, Daddy zu finden. Sie drehte sich um, in der Erwartung, dass ihre Mutter mit dem Ball zurückgekehrt war, und blinzelte überrascht. Nun war auch ihre Mutter verschwunden. Wo waren sie? Sie versuchte zu rufen, aber sie konnte keinen Ton herausbringen. Dieses Spiel gefiel ihr nicht.

Schließlich schaffte sie es, ein quietschendes »Mama! Daddy!« auszustoßen. Plötzlich, ohne Vorwarnung, fiel der Ball vor sie hin, hüpfte auf und ab und machte nicht die üblichen Geräusche, sondern nur ein Klopfen, bis er regungslos liegenblieb. Dann hörte sie ein hohles Lachen und saß abrupt kerzengerade im Bett.

Das Klopfen kam wieder, aber diesmal aus Richtung ihrer Tür. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen. Wieder erklang das leise Stakkato, zusammen mit einem Ruf.

»Adriana!«, flüsterte die Stimme heiser. »Addy? Wachen Sie auf. Jemand ist hier, um Sie zu sehen. Beeil dich!«

Als sie die Decke zurückwarf, schnappte sie sich ihren Bademantel und schlüpfte in diesen, bevor sie die Tür öffnete.

Im gedämpften Licht des Flurs stand May Baurone, die gute Fee des Internats.

»Was... was ist los, May?«, fragte sie und schirmte ihre Augen vor dem Licht ab, das sie gerade eingeschaltet hatte.

»Unten in der Vorhalle wartet ein Polizist, der Sie sehen möchte.«

»Ein... ein Polizist?« Adrianas Augen öffneten sich etwas weiter, und sie blinzelte die korpulente ältere Dame fragend an.

May nickte, ihr Doppelkinn zitterte dabei ein wenig.

»Was will er?«

Sie zuckte die Achseln.

»Kann ich so runtergehen?« Sie wedelte mit dem Stoff des Bademantels.

»Ich denke schon. Er entschuldigte sich bereits, dass er um diese Zeit gekommen ist.«

»Wie spät ist es?«, fragte Adriana und versuchte, ihre müden Augen auf den Wecker am anderen Ende des Raumes zu richten.

»Sechs Uhr fünfzehn.«

Adriana fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Es muss ziemlich wichtig sein, dass er so früh vorbeikommt.«

Sie schloss leise die Tür hinter sich und überholte die schwerfällige ältere Frau noch im Flur zur Treppe und eilte voraus zur Eingangshalle an der Vorderseite des Gebäudes.

Highway-Patrol-Officer Sam Newsome stand hinter einem schlichten Holzstuhl und nestelte nervös an seiner Uniformmütze, als die junge Frau in das Foyer kam.

»Miss Adriana Brevenger?«, fragte er leise.

»Ja, die bin ich. Um was geht es?« In Adriana breitete sich ein mulmiges Gefühl aus.

»Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten, Miss.«

 

 

 

Januar 1985

 

 

Sie konnte sich an ihre Traurigkeit erinnern. Sie weinte fast ständig, Tag und Nacht. Aber dann versiegten die Tränen – nur die tiefe Traurigkeit blieb. Sie hatte wieder weinen wollen, aber sie stellte fest, dass sie es nicht mehr konnte. Gelegentlich drängten sich Bruchstücke der Erinnerung in ihrem Kopf, die das warme Gefühl der Geborgenheit beiseiteschoben. Wann immer sie das Gefühl hatte, zu schweben, schien sie nichts stören zu können – keine beunruhigenden Gedanken an ihre Eltern, die in ihren Gräbern lagen – keine verschwommenen Bilder vor ihrem geistigen Auge von den in den Boden abgesenkten Särgen... 

Wort- und Satzfetzen spukten durch ihren Kopf, ergaben aber für sie keinen Sinn:

»Ein Monat...«

»Es ist gut...«

»Sie werden glücklich sein.«

»...ausgewählt«

Meistens berührten diese Gedanken sie nicht, nicht so wie die anderen Erinnerungen – die flackernden, unklaren Erinnerungen an den Friedhof und zwei frische Gräber. Die Bilder stürzten sie wieder in Verzweiflung - eine Dunkelheit, die sie beherrschte und alles ausschloss, was versuchte, die schützende Barriere aus Schweigen, Passivität und Grübeln zu durchdringen.

Das, was ihr Leben aufrechterhielt, war der Zustand des Betrübtseins, in den sie sich zurückziehen konnte. Nicht denken – nicht nachdenken – keine Gefühle zulassen. Nichts tun – dann schien es ihr besser zu gehen.

Die Tage vergingen und wurden zu Wochen. Nach und nach verließ sie den Zustand der gefühlsmäßigen Betäubung – registrierte den schlichten Raum, in dem sie schlief, die größeren College-Räume, in dem andere Menschen ziellos umherzustreifen schienen, oder an Tischen saßen und alberne Spiele spielten. Zumindest betrachtete sie das, was die Leute an diesen Tischen taten, als eine Art Spiel. Und dann war da die Frau, welche die ganze Zeit weiße Kleidung trug, sie ansah und fragte: »Addy?«

Nicht viele Menschen nannten sie Addy. Ihre Eltern nannten sie so, oder auch Sweetheart und Munchkin. Ihr Vater hatte sie Munchkin