Der Arzt vom Tegernsee 1 – Arztroman - Laura Martens - E-Book

Der Arzt vom Tegernsee 1 – Arztroman E-Book

Laura Martens

0,0

Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in malerischer, idyllischer Lage, umgeben von Bergen, Hügeln und kristallklaren Bergseen – in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Die große Serie Der Arzt vom Tegernsee steht für Erfolg – Arztroman, Heimatroman und romantischer Liebesroman in einem!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 144

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Der Arzt vom Tegernsee – 1–

Lass Vergangenes vergessen sein

Laura Martens

Dr. Eric Baumann blickte von der Höhe der Straße auf den Tegernsee hinunter, der eingebettet zwischen grünen Wiesen und Wäldern wie ein kostbares Juwel in der Sonne spiegelte. Er dachte daran, wie oft sein Vater mit ihm auf den See hinausgerudert war. Wie hatte er diese Ausflüge geliebt! Eine tiefe Sehnsucht nach seinem Vater ergriff ihn. Eine Sehnsucht, von der er wußte, daß sie nie mehr erfüllt werden konnte. Verstohlen wischte er sich über die Augen.

Der Arzt atmete tief durch, dann drehte er sich um und kehrte zu dem Wagen zurück, den er gleich nach seiner Ankunft am Münchener Flughafen geliehen hatte. Gestern um diese Zeit war er noch in Kenia gewesen und hatte in einem winzigen Dorf rund hundert Kilometer von Mombasa entfernt eine Sprechstunde abgehalten. Vom Tod seines Vaters hatte er erst am späten Abend erfahren, als er nach der einwöchigen Tour durch das Gebiet des Tsavo Nationalparks in die Klinik zurückgekommen war.

Erics Elternhaus lag etwas außerhalb des Städtchens Tegernsee. Zwei Jahre war er nicht mehr zu Hause gewesen, obwohl er es sich immer wieder vorgenommen hatte, wenigstens ein paar Urlaubstage daheim zu verbringen. Jetzt kam es ihm vor, als hätte er seinen Vater im Stich gelassen. Was hatte er nicht alles für Ausreden gefunden, um nicht nach Deutschland zurückkehren zu müssen.

Rechts der Straße fuhr ein Traktor den Hang hinunter. Plötzlich hielt er an. Ein Mann sprang aus der Kabine, eilte nach vorn und bückte sich, um einen Baumstamm aus dem Weg zu räumen. Im selben Moment begann der Traktor zu rollen. Bevor der Bauer noch recht wußte, wie ihm geschah, lag er bereits unter dem rechten Vorderrad des schweren Fahrzeugs, das über ihn hinwegrollte.

Dr. Baumann brachte seinen Wagen abrupt zum Stehen. Er hastete stolpernd den Hang hinauf und kniete sich neben den Verunglückten, der bereits das Bewußtsein verloren hatte. »Um Gottes willen, Löbl!« stieß er hervor. Er kannte Anton Löbl seit seiner Kindheit und hatte unzählige glückliche Stunden auf dessem Hof verbracht.

Eric kontrollierte die Atmung des Bauern, dann zog er sein Jackett aus und klemmte es ihm so hinter den Rücken, daß Anton Löbl seitlich zu liegen kam. Nach einem letzten Blick auf den inzwischen zu einem Halt gekommenen Traktor sprang der Arzt auf. Er rannte zum Wagen zurück, griff nach dem Autotelefon und tippte die Nummer des Notrufs in den Apparat.

Während Dr. Baumann noch mit der Frau sprach, die seinen Notruf entgegennahm, hielt ein anderer Wagen am Straßenrand. Ein junger, dunkelhaariger Mann stieg aus. Obwohl er durchtrainiert wirkte, fiel es ihm schwer, den Hang hinaufzukommen. Nur mit viel Mühe schaffte er es. Nachdenklich blickte er auf den Traktor und überlegte, wie man dem Verletzten helfen konnte.

»Ich habe bereits alles Nötige veranlaßt«, sagte Eric und kniete sich wieder neben Anton Löbl. Erleichtert atmete er auf, als er feststellte, daß der Bauer nach wie vor keine Schwierigkeiten beim Atmen hatte.

»Sind Sie Arzt?« fragte der junge Mann.

»Ja.« Eric nickte flüchtig. Aus dem rechten Bein des Verletzten sickerte Blut hervor. Dr. Baumann konnte nur hoffen, daß nicht die Hauptschlagader verletzt worden war.

»Kann ich Ihnen etwas helfen? – Mein Name ist Seeger, Thorsten Seeger. Ich bin seit zwei Wochen in Bad Wiessee.«

»Ich wünschte, Sie könnten mir helfen«, sagte Dr. Baumann und nahm Antons Hand, um den Puls zu kontrollieren. Er hatte nicht einmal seine Arzttasche dabei. Sie befand sich bei den Sachen, die erst am nächsten Tag vom Zubringerdienst des Flughafens angeliefert werden sollte.

Von fern war ein Martinshorn zu hören. Thorsten, der sich ebenfalls neben den Verletzten gekniet hatte, richtete sich auf. »Sieht aus, als würde Hilfe kommen«, meinte er.

Eric antwortete ihm nicht. Er wußte, daß es auf jede Minute ankam. Der Puls des Bauern ging rasch, war aber kaum zu spüren. Seine Haut fühlte sich feucht und kalt an. Der Arzt verzweifelte fast bei dem Gedanken, daß er nichts tun konnte, um Anton Löbl zu helfen.

Am Straßenrand hielt ein Polizeiwagen. Noch während die Beamten den Hügel hinaufeilten, kamen auch schon ein Krankenwagen und die Feuerwehr.

»Gott sei Dank!« stieß Thorsten Seeger hervor. Da er die Helfer nicht behindern wollte, kehrte er zur Straße zurück. Am liebsten wäre er weitergefahren, doch er nahm an, daß die Polizei vielleicht auch an ihn Fragen hatte. Deshalb blieb er an den Kotflügel seines Wagens gelehnt stehen. Sein rechter Fuß schmerzte wieder einmal entsetzlich. Vergeblich versuchte er, den Schmerz zu ignorieren. Von Sekunde zu Sekunde wurde es schlimmer.

Es dauerte einige Zeit, bis es den Helfern mit vereinten Kräften gelungen war, Anton Löbl zu versorgen. Die Hosen des Bauern waren blutgetränkt.

Eric legte sofort einen Druckverband. Er wußte zwar nicht, wieviel Blut der Verletzte schon verloren hatte, aber es schienen mindestens zwei Liter zu sein. Zudem mußten sie auch davon ausgehen, daß er schwere innere Blutungen hatte. Rasch legte er noch eine Infusion, um den Kreislauf des Bauern zu stabilisieren, dann half er den Sanitätern dabei, Anton Löbl auf die Trage zu heben, und folgte ihnen den Hang hinunter zum Krankenwagen.

»Fahren Sie mit, Herr Doktor?« erkundigte sich einer der Polizisten.

»Ja, ich fahre mit«, antwortete

Eric. »Können Sie sich um meinen Wagen kümmern?«

»Selbstverständlich. Ich werde dafür sorgen, daß er Ihnen zum Krankenhaus nachgebracht wird«, versprach der Beamte.

»Danke.« Eric nickte ihm kurz zu und kletterte in den Krankenwagen. Kaum hatten sich die Türen hinter ihm geschlossen, gab der Fahrer auch schon Gas. In rasender Fahrt, mit eingeschaltetem Martinshorn, fuhr er nach Tegernsee zurück.

Thorsten Seeger blickte dem Krankenwagen nach, dann wandte er sich dem Polizeibeamten zu, der mit Dr. Baumann gesprochen hatte. »Brauchen Sie mich noch?« erkundigte er sich. Seine Aussage hatte er bereits gemacht.

»Nein, Herr Seeger«, antwortete der Polizist. »Falls es noch Fragen geben sollte, wissen wir ja, wo wir Sie finden.«

»Ich werde noch einige Wochen in Bad Wiessee bleiben.« Thorsten verlagerte sein Gewicht auf den linken Fuß. »Praktiziert Doktor Baumann hier?« wollte er wissen.

»Im Moment noch nicht«, bekam er zur Antwort. »Doktor Baumann ist heute erst aus Afrika zurückgekehrt. Sein Vater ist vor wenigen Tagen gestorben. Ich weiß nicht, ob er dessen Praxis übernehmen wird.« Der Mann stieß heftig den Atem aus. »War ein verdammt guter Arzt, der alte Baumann. Ich selbst bin auch bei ihm in Behandlung gewesen. Er hatte sich nicht nur der Schulmedizin verschrieben, sondern war auch bereit, es hin und wieder mit alternativen Methoden zu versuchen.« Er kratzte sich am Kinn. »Nun ja, einmal trifft es jeden von uns.« Sein Blick wanderte den Hang hinauf. »Eine schlimme Sache.«

»Hoffentlich kommt der Mann mit dem Leben davon«, bemerkte Thorsten. Er konnte es sich nicht vorstellen. Fröstelnd zog er die Schultern zusammen, wechselte einen kurzen Gruß mit dem Polizisten und ging zu seinem Wagen.

*

Susanne Arendt saß seit dem frühen Nachmittag am Flügel und übte für das Konzert, das sie am Abend geben sollte. Sie war mit der Musik aufgewachsen und hatte sich schon als Kind gewünscht, eines Tages als Pianistin weltberühmt zu werden. Jetzt mit dreiundzwanzig Jahren schien sie es geschafft zu haben. Während der letzten Monate hatte sie Konzerte in New York, Tokio, Moskau, London, Zürich und Paris gegeben. Jedes dieser Konzerte war ausverkauft gewesen. Ihre CDs erwiesen sich als Renner. Sie hatte sogar eine Einladung in den Buckingham-Palast bekommen. Im nächsten Jahr sollte sie vor Königin Elisabeth und deren Familie spielen.

An diesem Abend standen weltberühmte Musical-Melodien auf dem Programm. Selbstvergessen summte sie das Lied ›Memory‹ aus dem Musical ›Cats‹ mit.

Manchmal kam es Susanne vor, als wäre sie besonders vom Glück begünstigt worden. Auch wenn sie es nicht fassen konnte, von der ersten Minute ihres Lebens an schien jemand an ihrer Seite zu stehen, der ihr alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumte. Selbst damals, als ihre Eltern bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen waren, hatte es das Schicksal noch gut mit ihr gemeint. Ihre Großmutter hatte sie bei sich aufgenommen und dafür gesorgt, daß sie ihre Träume realisieren konnte.

Die letzten Klänge von ›Memory‹ verhallten. Susanne blickte auf ihre Finger. Sie fühlten sich schon seit dem Morgen etwas steif an. Irrte sie sich, oder wirkten sie auch blasser als gewöhnlich? Entschlossen begann sie, die Hände zu massieren. Hoffentlich bekomme ich kein Rheuma, dachte sie erschrocken.

Die junge Frau spulte die Kassette zurück, auf der sie ihr Spiel aufgenommen hatte, drückte auf den Wiedergabeknopf und lauschte mit angehaltenem Atem. Ein erleichtertes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie hörte, daß ihr Spiel genauso perfekt klang wie sonst. Sie stand auf und ging in die Küche ihres Appartements, um die Espresso-Maschine einzuschalten.

Erst in der Küche wurde ihr bewußt, daß sie starre, eiskalte Zehen hatte. Sie setzte sich auf einen der hellgrünen Stühle, zog ihre Pantoletten aus und beugte sich hinunter. Ihre Zehen waren weiß vor Kälte, und rechts spürte sie sogar ein leichtes, schmerzhaftes Ziehen.

Vielleicht war es keine so gute Idee gewesen, das ganze Appartement mit Fliesen auslegen zu lassen. Ihr Freund hatte sie noch davor gewarnt. »Du wirst mit der Zeit Rückenschmerzen bekommen, glaub mir das«, hatte er gesagt. »Meiner Mutter ist es so ergangen. Meine Eltern mußten die Fliesen durch Parkett ersetzen.«

Aber ich liebe nun einmal Fliesen, dachte Susanne resignierend. Außerdem lagen im Wohnzimmer dicke Teppiche. Selbst der Flügel stand auf einem. – Nein, es konnte nicht sein, daß ihre kalten Füße mit den Fliesen zusammenhingen.

Sie stand auf und griff nach ihrem Espresso. Kalte Füße waren nichts, worüber man sich Sorgen machen mußte. Sie hatte schon immer unter etwas zu niedrigem Blutdruck gelitten. Der Espresso würde genau das Richtige sein, um sie wieder auf Vordermann zu bringen und die Kälte zu vertreiben.

Die junge Frau machte es sich in der Hollywood-Schaukel auf der Terrasse bequem. Ihr Appartement gehörte zu einem Penthouse, das hoch über den Häusern der Umgebung lag. Von der Terrassenbrüstung aus konnte sie einen Großteil Münchens überblicken. Manchmal stand sie hier noch am späten Abend, schaute über die Stadt hinweg zum sternenüberfluteten Himmel und lauschte auf die leise Musik, die aus dem Wohnzimmer zu ihr herüberwehte.

»So allein?«

Susanne wandte den Kopf der Tür zu. Ihre braunen Augen begannen zu strahlen. »Ich habe dich überhaupt nicht gehört, Rainer«, meinte sie, stellte die Espressotasse ab und streckte ihrem Freund die Arme entgegen. »Bist du schon lange hier?«

»Nein, ich bin gerade erst gekommen, Liebling.« Rainer Merkle, ein hellblonder Mann von dreißig, setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern. »Ich habe dich vermißt.« Liebevoll strich er ihr die

dunklen Haare aus der Stirn. »Gott weiß, wie sehr ich dich vermißt habe.« Er sah ihr in die Augen.

Susanne lachte leise auf. »Du tust ja gerade, als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen«, meinte sie geschmeichelt. »Dabei sind wir vorgestern noch zusammen im Kino gewesen.«

»Zwischen vorgestern und heute liegt eine Ewigkeit«, behauptete Rainer. Er hielt sie etwas von sich ab. »Aber du bist noch genauso hübsch wie bei unserem letzten Treffen.«

Die junge Frau schlang impulsiv die Arme um seinen Nacken. »Warum küßt du mich nicht endlich?« fragte sie herausfordernd. »Wie lange soll ich noch warten?«

Rainer gab ihr keine Antwort. Er zog sie stürmisch an sich. Seine Lippen berührten zärtlich Susannes Augen, ihre Nase und ihre Wangen, bevor sie ihren Mund fanden und sie sich leidenschaftlich küßten.

»Kommst du heute abend zu meinem Konzert?« fragte seine Freundin, als er sie endlich wieder freigab.

»Das werde ich mir auf keinen Fall nehmen lassen«, erwiderte Rainer. »Meine Eltern werden übrigens auch dort sein.« Er sah sie an. »Ich bin so froh, daß du das Herz meiner Eltern gewonnen hast. Du weißt, besonders mein Vater ist ein etwas schwieriger Mensch. Er wünscht sich eine vollkommene Schwiegertochter. Zum Glück bist du einfach vollkommen.« Seine Finger glitten sanft über ihr Gesicht.

Susanne gestand sich ein, daß sie Rainers Vater nicht besonders mochte. Jedesmal, wenn sie einander begegneten, rann ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Aber nicht nur ihr erging es so. Arthur Merkle hatte aus dem Nichts ein riesiges Imperium aufgebaut, in dem er rücksichtslos seine Ellbogen gebrauchte. Seine erste Ehefrau hatte sich das Leben genommen, wie es hieß, weil sie das Leben an seiner Seite nicht länger ertragen konnte, und auch seine zweite Frau, Rainers Mutter, schien an der Seite ihres Mannes nicht allzu glücklich zu sein.

»Du hast mich noch nicht einmal gefragt, ob ich dich überhaupt heiraten möchte«, scherzte sie.

»Das setze ich voraus.« Rainer küßte sie erneut. »Mein Vater möchte spätestens an seinem Geburtstag in zwei Monaten unsere Verlobung bekanntgeben.« Er sah ihr wieder in die Augen. »Ich liebe dich, Susanne. Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen.« Leise seufzte er auf. »Du kannst sicher sein, daß ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten werde. Ich habe zu oft erlebt, wie er meine Mutter mit wenigen Worten am Boden zerstört hat. Er ist nun einmal ein Tyrann, der kein Widerwort gelten läßt.«

»Ich möchte nicht mit deinem Vater unter einem Dach leben«, sagte Susanne ernst. »Dann wäre unsere Ehe von Anfang an zum Scheitern verurteilt.«

»Nein, wir werden uns natürlich ein eigenes Haus kaufen«, versprach Rainer. »Ich denke nicht daran, meine Frau mit meinen Eltern zu teilen.« Er küßte sie auf die Stirn. »Es reicht schon, daß du oft im Ausland sein wirst, denn selbstverständlich werde ich niemals von dir verlangen, daß du deinen Beruf aufgibst.«

»Das ist lieb von dir, Rainer.« Die junge Frau legte wieder die Arme um seinen Nacken. »Ja, ich möchte deine Frau werden. Ich stelle es mir wunderbar vor, an deiner Seite zu leben. Wenn… Au!« Sie verzog das Gesicht.

»Was hast du?« Rainer sah sie besorgt an.

»Es ist nichts weiter.« Susanne griff nach ihrem rechten Fuß. »Mein kleiner Zeh tat plötzlich so weh, als hätte jemand mit einem Messer hineingestoßen.«

»Hast du das öfters?« Er umfaßte ihren Fuß.

»Nein.« Susanne schüttelte den Kopf. »Es ist nichts, glaub mir.« Sie lächelte ihm zu. »Wer wird denn gleich aus einer Mücke einen Elefanten machen?«

»Ist wirklich wieder alles in Ordnung?« fragte Rainer skeptisch.

»Ja.« Susanne nickte. Sie entzog ihm ihren Fuß, schlüpfte in die Pantoletten und stand auf. »Fährst du vor dem Konzert noch einmal nach Hause, oder ziehst du dich bei mir um?«

»Ich bleibe hier und kümmere mich darum, daß du wenigstens eine Kleinigkeit ißt«, versprach Rainer. »Wie wäre es mit Putenbrust auf chinesische Art?«

»Klingt verlockend«, meinte sie. »Ich werde mich noch etwas ausruhen und die Augen schließen. Ein paar Minuten Schlaf können Wunder wirken.«

»Tu’ das, Liebes.« Rainer legte den Arm um ihre Taille. Susanne schmiegte sich vertrauensvoll an ihn, als sie gemeinsam das Wohnzimmer betraten.

*

Dr. Eric Baumann stand in der kleinen Friedhofskapelle und sprach ein stummes Gebet. Noch immer brannten auf dem Altar die Kerzen. Der Duft der unzähligen Blumen, mit denen der Raum geschmückt worden war, vermischte sich mit dem Geruch des Weihrauchs.

Der Arzt dachte daran, wie er vor Jahren an der Hand seines Vaters hier Abschied von der Mutter genommen hatte. Damals war er noch ein kleiner Bub gewesen und hatte nicht recht verstanden, weshalb seine Mutter nicht mehr aufwachen wollte. Wochen nach ihrem Tod hatte er noch immer darauf gehofft, daß sie eines Tages aus ihrem Grab steigen und wieder zu ihnen kommen würde.

Aufseufzend berührte er den schmalen, niedrigen Tisch, auf dem der Sarg seines Vaters gestanden hatte. Er war zu spät gekommen. Die Beerdigung hatte ohne ihn stattgefunden. Es kam ihm vor, als hätte er seinen Vater verraten, weil er nicht einmal dabeigewesen war, als man ihn zu Grabe getragen hatte. Aber was hatte er tun sollen? War es nicht seine Pflicht gewesen, Anton Löbl beizustehen?

Niedergeschlagen wandte sich Eric um und verließ die Kapelle. Der Friedhof war fast menschenleer. Ein leichter Wind strich durch die Wipfel der Bäume, die zwischen den blumengeschmückten Gräbern standen.

Eric wandte sich dem Grab seines Vaters zu, das im hinteren Teil des Friedhofs lag. Hin und wieder blieb er stehen und betrachtete die Grabsteine und Kreuze, die sich entlang des Weges erhoben. In den beiden Jahren, die er in Afrika verbracht hatte, waren einige dazugekommen. Die meisten der Toten hatte er von Kindheit an gekannt. Es versetzte ihm einen schmerzhaften Stich, als er auf einem Grabstein den Namen eines früheren Schulkameraden las.

Endlich hatte er das Grab seines Vaters erreicht. Zwei Friedhofsarbeiter waren bereits dabei, es zuzuschaufeln. Die Kränze, Gestecke und Schalen voller blühender Blumen, die auf einem fahrbaren Gestell unweit des Grabes hingen und standen, zeugten davon, wie beliebt der alte Doktor gewesen war.

Die Friedhofsarbeiter hielten in ihrer Arbeit inne. Auf die Schaufeln gestützt beobachteten sie, wie Eric an die offene Grube trat und einen Strauß blaßroter Rosen auf den Sarg hinunterwarf, von dem unter seinem Blumenschmuck und Erde nur noch ein Stückchen zu sehen war.

»Lebwohl, Vater«, sagte er fast tonlos. »Lebwohl und bitte verzeih mir, daß ich nicht bei deiner Aussegnung dabei sein konnte.« Abrupt drehte er sich um und ging mit raschen Schritten zu seinem Leihwagen, den er vor dem Friedhof abgestellt hatte.

Das Doktorhaus lag etwas außerhalb der Stadt direkt am Ufer des Tegernsees. Nur ein schmaler, mit Büschen gesäumter Weg trennte den Garten vom Wasser. Entlang der Straße, die weiter nach Rottach-Egern führte, und in der Auffahrt des Hauses standen mehrere Wagen. Eric fuhr an ihnen vorbei und parkte direkt vor der Garage.