Der Arzt vom Tegernsee 33 – Arztroman - Laura Martens - E-Book

Der Arzt vom Tegernsee 33 – Arztroman E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in malerischer, idyllischer Lage, umgeben von Bergen, Hügeln und kristallklaren Bergseen – in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Die große Serie Der Arzt vom Tegernsee steht für Erfolg – Arztroman, Heimatroman und romantischer Liebesroman in einem! Kristin Cremer sortierte die Pullover, die am frühen Vormittag geliefert worden waren, in die dafür vorgesehenen Fächer, doch mit ihren Gedanken war sie nicht bei der Arbeit, sondern bei ihrem Freund. Sie hatte seit über einer Woche nichts von ihm gehört. Am liebsten hätte sie ihn angerufen, doch das ließ ihr Stolz nicht zu. Plötzlich spürte sie, wie sich eine leichte Hand auf ihre Schulter legte. Erschrocken fuhr sie herum. "Hast du mich erschreckt, Helga", meinte sie ungehalten. "Tut mir leid, das wollte ich nicht", antwortete Frau Seiffert. "Ich fange nur an, mir Sorgen um dich zu machen, Kristin. So ruhig und still, wie du in den letzten Tagen bist, kenne ich dich gar nicht. Ist etwas passiert?" Kristin überlegte, ob sie sich ihrer Chefin und Freundin ihrer Mutter anvertrauen sollte. Sie kannte Helga Seiffert, seit sie ein kleines Mädchen war. "Es ist wegen Marcel", gestand sie und schob den leeren Karton zur Seite. "Wir haben uns gestritten." Mit einer resignierenden Bewegung strich sie sich die dunklen Haare zurück. "Wir hatten uns vor etwa zwei Wochen fürs Kino verabredet, und kurz davor hat mich Marcel angerufen und gesagt, daß er noch im Büro sei und mit Geschäftsfreunden essen gehen müßte. Weil das in letzter Zeit schon häufig vorgekommen ist, bin ich wütend geworden und habe ihn gefragt, ob ihm seine Arbeit wichtiger wäre als ich.

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Leseprobe: Ich will ein Baby!

Professor Joachim Kayser war fassungslos. »Du hast vier Kinder, Antonia!«, hielt er seiner Tochter aufgebracht vor. »Und da willst du wieder arbeiten? In meinen Augen ist das verantwortungslos, aber du hast ja schon als junge Frau immer deinen Kopf durchsetzen müssen.« Er wandte sich an seinen Schwiegersohn. »Und du hast ihr diesen Unsinn nicht ausreden können?« Dr. Leon Laurin fing einen Blick seiner Frau auf, der ihn warnte. Dieses Gespräch brachte ihn in eine unangenehme Situation, da er die Vorstellung, dass Antonia schon bald wieder als Kinderärztin arbeiten würde, auch nicht besonders angenehm fand. Geld verdiente er als Chef der Kayser-Klinik, die er von seinem Schwiegervater übernommen hatte, genug, und er hatte sich daran gewöhnt, dass Antonia zu Hause war, wenn er müde aus der Klinik kam. Manchmal, wenn es viel zu besprechen gab, führten sie dann lange Gespräche, es kam aber auch vor, dass sie nur still beieinander saßen. Er liebte diese ruhigen Stunden mit ihr. Ruhe war in seinem Leben selten und daher besonders kostbar. Er war schließlich auch nur ein Mensch: Er war nicht gern allein und liebte es, wenn seine Frau ihn verwöhnte und umsorgte. Bald würde sie dafür deutlich weniger Zeit haben als bisher. Natürlich gefiel ihm diese Vorstellung nicht, insofern berührten die Vorhaltungen seines Schwiegervaters einen wunden Punkt. Andererseits wusste er, dass seiner Frau der Verzicht auf ihren Beruf schwer gefallen war, obwohl es für sie nie einen Zweifel daran gegeben hatte, dass sie der Kinder wegen zu Hause bleiben würde. Vier Kinder zog man nicht nebenbei auf, wenn es nicht zwingende Gründe dafür gab, wie etwa Geldsorgen. Und sie war eine sehr gute Ärztin gewesen, so lange sie praktiziert hatte.

Der Arzt vom Tegernsee – 33 –

Ein gefährlicher Verehrer

Laura Martens

Kristin Cremer sortierte die Pullover, die am frühen Vormittag geliefert worden waren, in die dafür vorgesehenen Fächer, doch mit ihren Gedanken war sie nicht bei der Arbeit, sondern bei ihrem Freund. Sie hatte seit über einer Woche nichts von ihm gehört. Am liebsten hätte sie ihn angerufen, doch das ließ ihr Stolz nicht zu.

Plötzlich spürte sie, wie sich eine leichte Hand auf ihre Schulter legte. Erschrocken fuhr sie herum. »Hast du mich erschreckt, Helga«, meinte sie ungehalten.

»Tut mir leid, das wollte ich nicht«, antwortete Frau Seiffert. »Ich fange nur an, mir Sorgen um dich zu machen, Kristin. So ruhig und still, wie du in den letzten Tagen bist, kenne ich dich gar nicht. Ist etwas passiert?«

Kristin überlegte, ob sie sich ihrer Chefin und Freundin ihrer Mutter anvertrauen sollte. Sie kannte Helga Seiffert, seit sie ein kleines Mädchen war. »Es ist wegen Marcel«, gestand sie und schob den leeren Karton zur Seite. »Wir haben uns gestritten.« Mit einer resignierenden Bewegung strich sie sich die dunklen Haare zurück. »Wir hatten uns vor etwa zwei Wochen fürs Kino verabredet, und kurz davor hat mich Marcel angerufen und gesagt, daß er noch im Büro sei und mit Geschäftsfreunden essen gehen müßte. Weil das in letzter Zeit schon häufig vorgekommen ist, bin ich wütend geworden und habe ihn gefragt, ob ihm seine Arbeit wichtiger wäre als ich. Marcel hat versucht, mich zu beschwichtigen, und geschworen, daß er sich bessern will. Zwei Tage später hat er erneut eine Verabredung platzen lassen. Wieder geschäftlich, aber meine Geduld ist am Ende gewesen. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Jeder hat dem anderen vorgeworfen, was ihm nicht an ihm paßt.«

»Und vermutlich nicht gerade in aller Ruhe«, bemerkte Helga Seiffert.

»Nein, zuletzt haben wir uns sogar angeschrien«, gab die junge Frau zu. »Und um ehrlich zu sein, ich bin diejenige gewesen, die zuerst die Nerven verloren hat.«

»Dann solltest du auch diejenige sein, die einen Versöhnungsversuch macht«, sagte Frau Seiffert. »Ich kenne deinen Freund gut genug, um zu wissen, daß er wahrscheinlich nur auf ein Wort von dir wartet. Außerdem solltest du akzeptieren, daß der Geschäftsführer einer großen Möbelfirma sein Privatleben dem Beruf unterordnen muß, wenn er nicht irgendwann scheitern will.«

»Ich glaube nicht, daß Marcel sehr oft an mich denkt«, antwortete Kristin. »Davon abgesehen, will ich ihn bestimmt nicht an seiner Karriere hindern, nur sollte er nicht vergessen, daß es da noch mehr gibt.«

»Was meint denn deine Mutter?« Helga Seiffert wunderte sich, daß ihre Freundin, als sie am Vortag miteinander telefoniert hatten, kein Wort über den Streit zwischen ihrer Tochter und deren Freund verloren hatte.

»Sie ist der Meinung, es würde sich alles schon wieder einrenken.« Kristin öffnete einen zweiten Karton. »Außerdem glaube ich, daß es sie auch nicht sonderlich interessiert, was mit mir ist. Seit dem Tod meines Adoptivvaters dreht sich für sie die Welt nur um Dennis.«

»Eifersüchtig?« fragte Frau Seiffert bestürzt.

Kristin lachte auf. »Natürlich nicht«, erklärte sie. »Ich liebe den Kleinen über alles, und ich weiß sehr wohl, daß ein Sechsjähriger mehr Aufmerksamkeit braucht als eine erwachsene Tochter von zweiundzwanzig.« Sie lehnte sich gegen das Regal. »Doch manchmal macht es mir direkt Angst, wie sich meine Mutter an Dennis klammert. Sie läßt ihn kaum aus den Augen, würde ihn sogar am liebsten im Kindergarten bei der Hand halten.«

Helga Seiffert kam nicht dazu, Kristin zu antworten, da in diesem Moment mehrere Kunden die Boutique betraten, aber sie hatte sich auch schon gefragt, ob es richtig war, wie sich ihre Freundin verhielt. Mit ihrer übergroßen Fürsorge und Liebe nahm sie Dennis die Luft zum Atmen. Andererseits konnte sie Anna-Maria sehr gut verstehen. Ihre Freundin war vor knapp einem Jahr zum zweiten Mal Witwe geworden. Sie hatte den Tod von Dennis’ Vater noch immer nicht überwunden. Kein Wunder, daß sie sich so an den kleinen Jungen klammerte.

»Ich hatte keine Ahnung, daß du hier arbeitest.«

Kristin, die ein Seidentuch als Geschenk einpackte, blickte überrascht auf. Sie brauchte ein paar Sekunden, bevor sie den blonden jungen Mann erkannte, der am Tresen stand. Es handelte sich um Peter Braun, der mit ihr einige Jahre dieselbe Klasse auf der Realschule besucht hatte. »Moment bitte«, sagte sie, klebte ein Papierschleifchen auf das Päckchen, reichte es der Kundin.

»Hast dich fein herausgemacht, Kristin«, bemerkte Peter Braun grinsend, nachdem sie die Kundin verabschiedet hatte. »Hätte nicht gedacht, daß aus dem reizlosen Frosch, der du mal gewesen bist, so ein hübsches Mädchen wird.« Er griff nach ihrem Gesicht.

Kerstin wich zurück. Sie hatte Peter schon während der Schulzeit nicht gemocht. »Laß das«, bat sie leise, um nicht die anderen Kunden aufmerksam zu machen. »Was möchtest du?«

»Das fragst du noch?« fragte er genüßlich. »Ein Abend zu zweit, Kerzenlicht, leise Musik…« Seine Lippen umspielte ein herausforderndes Lächeln. »Betrachte dich als eingeladen.«

»Danke, aber ich habe keine Lust, mit dir Essen zu gehen«, antwortete Kerstin gereizt. »Außerdem wollte ich nur wissen, was du kaufen möchtest.«

»Ich würde dir die ganze Welt zu Füßen legen«, behauptete er. »Für dich wäre mir nichts zu teuer und keine Mühe zu groß. Ich…«

Kristin hatte genug. »Entschuldige mich bitte einen Augenblick«, sagte sie und ging zu ihrer Chefin, um sie zu bitten, den jungen Mann zu bedienen. Sie hatte nicht die Nerven, sich noch weiter mit ihm zu unterhalten.

Wie sich herausstellte, suchte Peter Braun ein Geschenk für eine Nachbarin, auf deren Party er eingeladen war. Helga Seiffert empfahl ihm eine wunderschön gearbeitete Kosmetiktasche mit Spiegel und dazu passenden Kamm. Während sie das Geschenk einpackte, benutzte er die Gelegenheit, um noch einmal mit Kristin zu sprechen, die gerade ein aufwendig gearbeitetes T-Shirt aus einem der Regale nahm.

»Überleg es dir«, sagte er. »Ich bin kein Mann, den man einfach zurückweisen kann.«

»Und ich keine Frau, die jede Einladung annimmt, Peter«, erwiderte sie ärgerlich. »Also, laß mich in Ruhe.«

»Du mußt wissen, was du tust«, bemerkte er. In seine Augen trat ein drohendes Glitzern, doch das sah Kristin nicht, weil sie sich bereits wieder ihrer Kundin zugewandt hatte.

Es war kurz vor sieben, als die junge Frau nach Hause kam. Sie war kaum aus ihren Wagen gestiegen, als ihr auch schon Dennis entgegenrannte. »Mama hat Bauchweh!« rief er. »Ganz dolles Bauchweh.« Schwer atmend blieb er stehen. Auf seiner Stirn hatten sich kleine Schweißtröpfchen gebildet.

»Hat sie eine Kolik?« fragte Kristin erschrocken. Ihre Mutter litt seit Jahren an Gallensteinen, weigerte sich jedoch, sich operieren zu lassen, weil ihr Vater vor dreißig Jahren bei einer derartigen Operation gestorben war.

Dennis nickte. Er griff nach ihrer Hand. »Ich habe Mama schon Tabletten gebracht. Es hat nichts genützt.«

»Ich schau gleich nach ihr«, versprach Kristin und ging mit ihrem Bruder ins Haus. Dort ließ sie seine Hand los und eilte die Treppe hinauf. Bereits auf den letzten Stufen hörte sie das Stöhnen ihrer Mutter.

Kristin öffnete die angelehnte Schlafzimmertür. Ihre Mutter lag mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammengekrümmt im Bett. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. »Seit wann hast du diese Schmerzen?« fragte die junge Frau, griff nach einem Tuch, das auf dem Nachttisch lag, und tupfte ihr die Stirn ab.

»Seit etwa einer Stunde«, preßte Anna-Maria Cremer zwischen den Zähnen hervor. »Ich dachte, sie würden von allein vergehen.« Sie stöhnte erneut.

»Ich rufe Doktor Baumann an.« Kristin eilte ins Wohnzimmer hinunter, wo das Telefon stand.

Dennis schmiegte sich an sie. »Muß die Mama jetzt auch sterben?« fragte er so leise und ängstlich, daß es der jungen Frau kalt über den Rücken rann.

»Nein, sie hat nur arge Schmerzen, Dennis«, erwiderte Kristin beruhigend und legte den Arm um ihn. »Doktor Baumann wird ihr helfen. Sei unbesorgt.«

Dr. Eric Baumann ließ nicht lange auf sich warten. Obwohl die Cremers im Narzissenweg wohnten und er am anderen Ende von Tegernsee, brauchte er keine fünfzehn Minuten zu ihrem Haus. Kaum hatte er in der Auffahrt gehalten, kam ihm Kristin auch schon entgegen.

»Heute sieht es ganz schlimm aus, Doktor Baumann«, sagte sie. »So große Schmerzen hat meine Mutter schon seit Monaten nicht mehr gehabt.«

»Wissen Sie, was sie gegessen hat?«

Kristin nickte. »Sie ist mit Dennis bei Freunden gewesen. Dort hat man ihnen Sahnetorte und Nüsse serviert. Ich nehme an, daß es die Nüsse sind, die die Kolik ausgelöst haben.«

»Ja, das ist zu vermuten«, antwortete Eric und wunderte sich nicht zum ersten Mal über die Unvernunft vieler seiner Patienten. Anna-Maria Cremer wußte seit Jahren, daß sie Nüsse nicht vertrug, trotzdem konnte sie nicht die Finger von ihnen lassen.

Während sich Dr. Baumann um seine Patientin kümmerte, sorgte Kristin dafür, daß Dennis etwas zum Abendessen bekam. »Schön aufessen«, sagte sie, als ihr Bruder sich an den Küchentisch setzte, und schenkte ihm ein Glas Hohes C ein. Sie hielt zwar nichts davon, Kinder zum Essen zu zwingen, doch ihr Bruder hatte in letzter Zeit sehr wenig Appetit und sogar ein Pfund abgenommen.

Dennis biß in sein Wurstbrot, legte es jedoch sofort auf den Teller zurück, als er Dr. Baumann die Treppe herunterkommen hörte, und rannte aus der Küche. »Geht es meiner Mama wieder gut?« fragte er. Vertrauensvoll blickte er zu dem Arzt auf.

Dr. Baumann nickte. »Du mußt keine Angst um deine Mama haben. Ich habe ihr etwas gegen die Schmerzen gegeben.« Er griff sanft unter das Kinn des kleinen Jungen und schaute ihm in die Augen. »Dir ist bestimmt manchmal schwindlig«, meinte er.

»Was ist das?« wollte Dennis wissen.

»Nun, wenn man das Gefühl hat, als würde man gleich hinfallen.«

»Ja.« Dennis nickte.

Eric betrachtete die Fingernägel des Jungen, ließ sich die Zunge zeigen, dann griff er nach dem Handgelenk des Kleinen und fühlte den Puls. »Du rennst bestimmt den ganzen Tag draußen herum und spielst mit den anderen Kindern«, sagte er.

Dennis schüttelte den Kopf. »Mir geht schnell die Luft aus«, erwiderte er und fügte hinzu: »Meine Mama sagt, das kommt vom Wachsen.«

Dr. Baumann begegnete Kristins besorgtem Blick. »Gehen wir ins Wohnzimmer, Frau Cremer«, schlug er vor. »Dennis…«

»Dennis hat noch nicht aufgegessen«, fiel ihm Kristin ins Wort. Sie schob ihren Halbbruder in Richtung Küche. »Ab mit dir, sonst lese ich dir heute abend keine Geschichte vor.«

»Das ist Erpressung«, erklärte der Kleine, verschwand aber gehorsam in der Küche.

Kristin wartete, bis sich die Wohnzimmertür hinter ihnen geschlossen hatte. »Was ist mit Dennis?« fragte sie. »Er ist seit einiger Zeit so lustlos und blaß. Ich habe meiner Mutter vorgeschlagen, ihn gründlich untersuchen zu lassen, aber Sie wissen ja, wie sie seit dem Tod meines Adoptivvaters ist. Sie ist der Meinung, daß er vielleicht heute noch leben könnte, wenn er nicht zur Untersuchung ins Krankenhaus gegangen wäre. Meine Mutter kann manchmal wirklich unvernünftig sein. Sie glaubt, daß der Leberkrebs ihres Mannes erst sein zerstörerisches Werk begonnen hat, als er festgestellt wurde.«

»Trotzdem sollten Sie alles daran setzen, um Ihre Mutter davon zu überzeugen, daß Dennis so schnell wie möglich von einem Kinderarzt untersucht werden muß. Ich vermute, daß er an Anämie leidet. Wie schwer sie ist, kann man nur an Hand einer Blutuntersuchung feststellen.« Dr. Baumann sah sie eindringlich an. »Bitte, tun Sie Ihr Bestes, Frau Cremer. Wenn Dennis krank ist, hilft es nicht, die Augen zu schließen und darauf zu hoffen, daß alles von allein in Ordnung kommt.«

»Ich werde gleich morgen mit meiner Mutter reden«, versprach Kristin besorgt. Sie brachte Dr. Baumann zum Wagen. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, daß der Arzt eine Untersuchung so dringend machte. Sie fragte sich, ob es wirklich nur Anämie war, was er vermutete.

*

»Denken Sie darüber nach, Herr Doktor Baumann«, meinte Manfred Silcher, als er sich von Eric verabschiedete. »Wie gesagt, ich könnte dafür sorgen, daß Sie einen außergewöhnlich hohen Rabatt bekommen.«

»Ich werde es mir überlegen, Herr Silcher«, versprach der Arzt. »Gute Heimfahrt und ein schönes Wochenende.«

»Danke. Ich wünsche Ihnen auch ein schönes Wochenende. Hoffentlich haben Sie nicht Bereitschaftsdienst.«

»Nein, diese Woche nicht. Ich habe vor, mich einmal so richtig auszuspannen.«

»Ich drücke Ihnen den Daumen, das es klappt.« Manfred Silcher verließ die Praxis. Leise fiel die Tür hinter ihm zu.

Dr. Baumann blieb einen Augenblick im Korridor stehen. Tina Martens war bereits gegangen. Sie wollte mit ihrem Freund ins Kino gehen. Nur Franziska Löbl saß noch an ihrem Schreibtisch und machte sich Notizen über die Patienten, die an diesem Tag zur Krankengymnastik bei ihr gewesen waren.

Er klopfte an die Tür zu ihrem kleinen Büro und trat ein. »Genug gearbeitet für heute, Franziska«, erklärte er und nahm ihr den Stift aus der Hand. »Ich möchte etwas mit dir besprechen.«

Franziska, die seit einem Unfall in ihrer Kindheit nicht mehr sprechen konnte, griff nach dem Stift und schrieb auf den Block, der seitlich von ihr lag: »Und Katharina? Wird sie nicht mit dem Abendessen auf dich warten?«

»Ich sage ihr Bescheid, daß es ein paar Minuten später wird«, antwortete er. »Machst du uns einen Kaffee? Ich rufe inzwischen Katharina an.«