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Wer ständig das Wunderbare, den Schrecken und Wahnsinn an Körper und Geist erleidet und dem Tod in der Gestalt einer wunderschönen Frau gegenübertritt, befindet sich in Ausnahmesituationen, die die Trennung zwischen Realität und Illusion aufheben. Die Erzählung "Der Augenleser" berichtet über eine Vergewaltigung im Drogenrausch, in der als Sühne der Tod als Ausgleichsleistung eingefordert wird. Dazu treibt die Geschändete ein arglistiges Spiel mit den Tätern. Wenn der Ich-Erzähler an einer Stelle bemerkt: "Ja, in ihrem Denken ist die Rache meiner Schuld verankert. An ihrem Körper klebt der süße Geruch des Todes. Nein, sie ist der Tod!", und weiter feststellt: "Dem Tod kann niemand entrinnen!", klingt es nach Hoffnungslosigkeit, die er selbst stets infrage stellt: "Hoffnung! Die gibt es immer! Denn wer diese aufgibt, gibt sich selbst auf!" Ist der Protagonist stark genug, zu widerstehen? Kann er in seiner Traumwelt eigentlich getötet werden?
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Carsten Wolff
Der Augenleser
Erzählung in zwei Teilen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Vorrede des Ich-Erzählers
I. Teil
Rückkehr
Individuen
Eine Wüstenfahrt
Eine schicksalhafte Telefonnummer
Ein Skiausflug
Nastasia I
Zu Hause – Ein Traum 1
Der Kollege Martin I
Mein Arzt Marcus
Ein Traum 2
Krzy und Martin II – Sein Brief
Ludwigslust - Gang durch den Garten und (Vor)Ahnung
Nastasia II
Intermezzo
Hypnose – Vorbereitung mit Sitzung
Reflexion
Ein unbekannter Gast – Viktor Kovalev
Am Airport - Die Drohung
Der Hack und RaptorHiho
Jan (Berg) von Auenstein
Gedanken und Reisevorbereitung
Holger Meier
Über den Ich-Protagonisten Caspar
II. Teil
Nastasias Brief
Flug nach Sankt Petersburg
Der Nastasia-Code
Tagtraummärchen
Villa Helmfried
Unerwarteter Besuch
Das Medaillon
David
Herbst in der Villa
Finale
Nachtrag
Impressum neobooks
Mit Dank an Anjelika, Daria, Conrad-Sebastian, Joachim Resch
Hamburg: Helmut-Schmidt-Airport.
Ich sitze in der Ankunftshalle des Flughafens…
So beginnt die Erzählung. Wie sie enden wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt, wo ich diese Zeilen aufschreibe, noch nicht. Ich denke, als Zeuge ungewöhnlicher sowie unverständlicher Begebenheiten habe ich die Pflicht, wahrheitsgemäß und unparteiisch darüber zu berichten. Diese Wahrnehmungen in mir beschreiben nur einen kleinen Bereich etlicher anderer. So bin ich nicht nur Zeuge, sondern auch Handelnder oder Protagonist, und in dieser Tätigkeit beeinflusse ich auch den Fortgang, vielleicht sogar den Ausgang der Erzählung. Insofern bin keinesfalls unparteiisch. Ich kann es nicht einmal sein.
In diesen etwa letzten zwei Jahren wurden ständig Grenzen überschritten, die einerseits mich das Wunderbare, den Schrecken wie auch den Wahnsinn lehrten, womit in diesem permanenten Konflikt auch die Grenzen definiert werden.
Die Schmerzen, die ich darin erleiden muss, ließen mir keine Ruhe schweigen zu können. Überhaupt überlasse ich es Ihrer Beurteilung, inwieweit Sie meine Handlungen als vernünftig oder unvernünftig einschätzen. Bedenken Sie jedoch: Bevor Sie mich beurteilen, vielleicht verurteilen, wie Sie selbst mit diesen Situationen umgehen würden? Ich weiß, es ist eine sehr hypothetische Fragestellung. Ich jedenfalls kann Ihnen nur sagen, dass ich, wie es niedergeschrieben steht, so und nicht anders handeln konnte. Ich war ein Gefangener meiner Handlungen.
Inwieweit Sie, als Leser, diese Geschehnisse für glaubwürdig erachten, bleibt letztlich Ihrer Beurteilung überlassen, und Sie bleiben damit allein.
Jetzt habe ich Sie bereits sehr mit meinen Gedanken beansprucht und will nunmehr endlich von meinem Schicksal zu erzählen beginnen.
Caspar *
»Du bist ein Kind«, sagte der König, »und das sind Dinge, die du nicht verstehen könntest. Der Krieg ist niemandes Schuld, er kommt von selber wie Sturm und Blitz, und wir alle, die ihn kämpfen müssen, wir sind nicht seine Anstifter, wir sind nur seine Opfer.«
Hermann Hesse, die Märchen
Hamburg: Helmut-Schmidt-Airport.
Ich sitze in der Ankunftshalle des Flughafens. Meine Lebensgefährtin wird bald aus Afghanistan zurückkehren. Die rote Rose halte ich fest umschlossen in der linken Hand. Ein schlichter Willkommensgruß mitsamt den tausend Küssen, die über sie bereits bald niederregnen werden. Ich warte. Ich bin sehr früh hierhin gekommen.
Häufig, jedenfalls geht es mir so, komme ich meistens viel zu früh, manchmal leider zu spät. Ja, die Zeit. Ein komisches Ding. Nicht greifbar und doch immer ein stiller Begleiter. Gibt es überhaupt die Zeit? Oder gibt es sie eigentlich nur auf Uhren? Im Augenblick weiß ich es nicht. Ihr Flugzeug ist auf der Informationstafel angekündigt. Lediglich als eine Zeile unter etlichen Zeilen. Nichts Festes, nur eine Zeile oder auch Ankündigung, die ständig vor meinen Augen auf und ab springt. Im Augenblick befinden sich darüber etliche weitere Reihen. Laufend verändern sich diese Reihen. Sie rücken einträchtig nach oben, manchmal werden sie auch wieder nach unten verschoben. Betrachtungsweise, so denke ich…….
Ankunftspunkt im Airport. Ständig öffnen sich zwei Schiebetüren, die sich links von mir befinden, und geben den Blick auf die Halle und auf die ankommenden Passagiere frei. Wobei nur ein kleiner Teil der Halle dahinter zu erkennen ist. Der Rest bleibt im Verborgenen, außer ich würde vor den Türen hin und her laufen, um auch den letzten Winkel erfassen zu können. Ich sehe Ankommende, wie sie entweder am Transportband unruhig stehen und dort ihr Gepäck erwarten, währenddessen die einzelnen Stücke langsam aber regelmäßig ihre Schleifen ziehen. Die Umstehenden bilden eine feste Kette um das Band herum. Ständig drängelt sich jemand in diese Kette hinein. Manchmal taucht nur eine Hand auf, um sich bereits im nächsten Moment das erwartete Gepäckstück zu schnappen und wegzuziehen. Andere wiederum verhalten sich sehr ruhig, lassen von niemand Unruhe an sich herantragen, werfen zwischendurch ab und zu einen kurzen Blick auf das Band, um sich wiederum einer anderen Beschäftigung wie Handywischen, Telefonieren oder auch einem Nachbarn, vielleicht einer Zufallsbekanntschaft aus dem Flugzeug, zu widmen, bis, ja, bis dann auch das erwartete eigene Gepäckstück langsam vorbeizieht.
Ganz anders hingegen stellt sich die Situation dar, wenn nur die Ankündigung auf der elektronischen Anzeige erscheint und sich das Band noch nicht in Bewegung gesetzt hat. Unruhige Geister unter den Passagieren laufen hin und her, so als könnten sie mit ihrer Bewegung den Vorgang der Ausgabe beschleunigen, wenigstens jedoch in Gang setzen. Immer wieder wird nach rechts oder links gehastet, bei Nachbarn gefragt oder auch laut gestöhnt: „Warum das heute gerade wieder so lange dauert?“, oder auch „Die schlafen sich wieder aus hier!“ und auch das eine oder andere verächtliche Wort oder Wunsch fällt. Das sind die typischen und ewigen Meckerer, die, wer sich häufig im Ausland auffällt, es, als eine typisch deutsche Eigenschaft beobachten und einordnen wird. Es sind dieselben Typen, denen es auch im Supermarkt um die Ecke nach dem Einkauf auf dem Band nicht schnell, geordnet und gesittet abläuft!
Ich denke mir meinen Teil dabei, obgleich, sollte ich mich unter diese Menschen einordnen, ich mich irgendwo in der Mitte zwischen ruhig und hektisch wiederfinden würde. Aber wen interessiert es? Mich vordergründig augenblicklich auch nicht!
Zeit „besitzt“ heutzutage niemand mehr, womit ich wieder bei der anfangs gestellten Frage bin: Zeit! Was ist das? Offensichtlich nichts Gegenständliches. Etwas, um das es sich kreisen lässt wie bei einem Gepäckband. Etwas, worüber es sich sprechen, aufregen, verzweifeln lohnt wie bei einer Uhr. Etwas, was stets vorhanden und es eigentlich wiederum nicht ist wie bei einem Tagesablauf zwischen dunkel und hell, Regen und Sonnenschein. Eine physikalische Größe, die körperlos und doch allgegenwärtig ist. Etwas, was „Alles und Jedes“ miteinander verknüpft, weil es inhärent wie ein Preisschild an der Ware Leben klebt.
Gegenwärtig öffnet sich wieder die Schiebetür und bringt ein Gesicht und den Oberkörper eines Mannes zum Vorschein, hastig um sich blickend, um einen Angehörigen zu entdecken und zu grüßen, und um demjenigen noch schnell zuzurufen: „Ich komme gleich! Warte nur noch auf das Gepäck!“, als würde sein Abholer sich Das nicht denken können.
Zeitlos, zeitviel, zeitgleich, zugleich, ungleich, unbekannt, mitGepäck, ohneGepäck, mitMantel, ohneHut, ohneLangehose, imKleid, zuFuss, gefahren, gehüpftwiegesprungen, Gepäckband, getragen, Sperre, Zollbeamte, Polizei….. durch die Schiebetür und fast wieder zuhause, Geschafft! Puuuuuuuuhhhhhhhhhhh!
Auch auf unserer Seite, der sogenannten Abholerseite, spielen sich ähnliche Szenen ab. Ein ständiges Kommen und Gehen beherrscht den Raum. Doch! Hier kommt eine weitere Variante ins Spiel. Wir befinden uns in einer Halle mit Geschäften, Bistros, Zeitungsläden, Wechselstuben und sogar Ruhezonen. Auch hier schwirren die Menschen unsortiert umher. Jeder interessiert sich für Vieles oder für fast Nichts, ja, einige zelebrieren dieses Gefühl. Es scheint, falsch: Wir haben auf unserer Seite mehr Zeit. Wir befinden uns in der Halle mitZeit im Gegensatz zu der anderen Halle ohneZeit. Wie sonderbar! Die Zeit ist getrennt nur durch eine dünne und zerbrechliche Glasschiebetür. Und diese trägt offensichtlich ihren Namen zu Recht: Schiebetür. Denn ihre Tätigkeit liegt darin, die Zeit hin und her zu schieben, je nachdem Wer sich Wo und auf welcher Seite befindet.
„Meine Damen und Herren! Was möchten Sie? MitZeit oder ohneZeit. Hier bekommen Sie Ihren Wunsch erfüllt. Kommen Sie, kommen Sie! Hier wird Ihr Wunsch erfüllt. Treten Sie näher!“ In etwa so nehme ich ihr fröhliches, geräuschvolles Schieben wahr.
Über uns im ersten Stockwerk befindet sich eine weitere Halle. Die Abflughalle. Dort steht auf einem Schild, zu lesen: Abflug! Danke! Vielleicht beim nächsten Mal. Heute befinde ich mich in der Ankunftshalle und beobachte die Ankunftstafel und die Personen um mich herum.
Jetzt im Moment rollen fünf Passagiere ihre Koffer durch die Schiebetür: Der Vater, die Mutter, vielleicht eine Freundin und zuletzt folgen zwei Kinder. Sie steuern direkt auf mich zu und biegen dann mit einem Schwenk im nächsten Augenblick an mir vorbei. Gut so. Ich habe nicht auf sie gewartet. Ich erwarte meine Freundin mit meiner Rose in der Hand. Sie wird bald da sein.
Immer wieder öffnet sich die Schiebetür und schüttet Menschen aus, wobei es farblich sehr bunt zugeht. Aus allen Herrenländern und von allen Kontinenten kommen die Passagiere: von Ozeanien über Europa und weiter bis hin nach Amerika. Ein Netz aus Spinnenweben stellen die Flugbahnen der Jets dar. Wobei diese nicht nur in einer Ebene angelegt sind, sondern in Kanälen von unterschiedlichen Höhen verlaufen. Ein Blick auf diese sehr gewöhnungsbedürftige Darstellung zeigt dieses nahezu undurchschaubare Geflecht an. Unverständlich für die unwissenden Passagiere, jedoch wohlgeordnet für die Spezialisten, die Fluglotsen, die tagein und tagaus vor ihren Bildschirmen diesem rätselhaften, mehrfarbigen Wirrwarr vor ihren Augen flackern sehen und jederzeit eingreifen wie auch steuern können, ja, sogar müssen. Und obgleich jeder Handgriff und Wort immer nur einen physikalischen Impuls auslöst, wird es dennoch auf der Empfängerseite in der Kanzel eindeutig verstanden. Und die Passagiere? Die wissen zumeist nichts von diesen Hintergrundvorgängen, vertrauen den Fluggesellschaften wie Piloten und ergeben sich ohnmächtig diesen Mechanismen.
Dunkelhäutige Menschen, teilweise mit sehr exotischen, grellbunten Farben gekleidet, treten sichtbar hervor, währenddessen die europäischen Fluggäste vor diesen wie Steine am Strand in die Unsichtbarkeit zurücktreten. Und auch die Sprachen sind so vielfältig wie bunte Glaskugeln in einem Kinderspiel. Bei jedem Anblick und Lauten ist der Vielfalt nahezu keine Grenze gesetzt. Wie auch? Die Natur gibt den Takt vor und die Menschen interpretieren ihn unterschiedlich, bevor sie ihn aufnehmen. Sie fühlen sich offensichtlich sehr wohl darin, jedenfalls kann ich es ihren an Zufriedenheit anmutenden Gesichtern entnehmen. Auch beim Gang, überhaupt der Körpersprache treten große Unterschiede hervor. Scheinen einige Gruppen über eine tänzerische Leichtigkeit zu verfügen, indem sie sich federnd leicht bewegen, drängt sich bei anderen eine Schwere und Schlaffheit verbunden mit gekrümmten Rücken hervor. Fast scheint es, als würde die sogenannte Alte Welt Europa unter der Last der Neuen nicht nur die Schwere spüren, sondern sichtbar leiden. Und dennoch finden wir uns in einer Welt, unserer gemeinsamen Welt, wieder und nicht ein einziges grünes Marsmännchen mit winzigen, federnden Antennen am Kopf hat sich dazwischen geschmuggelt.
Wieder rückt augenblicklich die Ankunftszeile auf der Tafel einige Zeilen nach oben. Wie ich lesen kann, ist der Flug nicht verspätet und wird nun in einigen Minuten landen. Nur noch wenige Kilometer vom Flughafen entfernt, befindet sich ihr Flieger. Bei diesem Gedanken strafft sich augenblicklich mein Körper und erlangt eine feste Erwartungshaltung. Bald, bald ist es so weit! Das lang ersehnte Wiedersehen!
Offensichtlich ist zwischenzeitlich wieder eine Maschine eingetroffen. Aus Mallorca, wie ich auf dem Bildschirm lesen kann. Sommerlich leicht gekleidete Menschen in kurzen Hosen und bunten T-Shirts entern jetzt die Halle. Noch gefangen von ihrer Urlaubsheiterkeit wird es augenblicklich sehr laut. Es wirkt auf mich wie ein letztes Ausatmen von der Hektik des Strandes, den Wellen des warmen Wassers, welches in ruhigen Bewegungen auf den weißen Strand zurollt und den Kindern um die Füße spielt. Einige von den Kleinen laufen, springen und tanzen unter lautem Geschrei um diese Wellen herum, während das Wasser auf ihre niedlichen Füße trifft, um bereits im nächsten Moment mit offenem Mund voll Freude zu ihren begeisterten Eltern zurückzulaufen. Überall dominiert eine braune Hautfarbe, die wie künstlich in einem Sonnenstudio erzeugt wirkt, auffallend gleichartig. Schönes, stabiles, warmes Sonnenwetter wird auf sie eingestrahlt haben, und selbst bei dem ansonsten eher typischen blassen Teint der Norddeutschen den frischen Pinsel über die Haut streichen lassen. Den Menschen scheint es ganz offensichtlich zu gefallen.
Wieder rückt „Ihr“ Flieger um eine Zeile vor. Und…. jetzt erscheint die Ankunft zuoberst auf der Liste. Noch habe ich ein wenig Zeit, um nach oben zu laufen und das Flugzeug landen zu sehen.
*
»Sagen Sie«, werde ich plötzlich angesprochen, »kommt dieser Flug aus Reunion? Entschuldigen Sie, meine Augen sind ein wenig schwach!«
»Oh, Sie brauchen sich nicht bei mir zu entschuldigen. Das Flugzeug kommt als Zweitnächstes an«, gebe ich mich auskunftsfreudig.
»Vielen Dank! Ich erwarte meine Tochter. Ich bin wirklich sehr aufgeregt. Ich habe sie seit vier Jahren nicht mehr gesehen und in meine Arme schließen können!«
»Oh, wie schön. Ich erwarte meine Freundin zurück. Auch ich bin sehr aufgeregt. Ihre Maschine ist eben gelandet.«
»Grüßen Sie sie unbekannterweise«, sagt er noch zu mir, während er sich zur Schiebetür hin und von mir fortbewegt.
»Danke! Auch viele Grüße an ihre Tochter«, rufe ich dem älteren Herrn hinterher, bei dem es offensichtlich angekommen ist, denn er dreht sich nochmals um und nickt mir noch einmal freundlich zu.
Wieder strömen viele Menschen aus dem Schalterbereich in die Ankunftshalle. Meine Blicke streifen wehmütig über die Personen hinweg, bis sich das Gedränge ein wenig entspannt und der Bereich wieder geleert hat. Mein Blick bleibt wiederum kurz auf dem älteren Herrn hängen. Ich sehe ihm die Anspannung auch von hinten aus der Entfernung an. Ihn scheint augenblicklich eine Starre ergriffen zu haben wie mich ebenso auch.
Noch einmal lenke ich meinen Blick auf ihn zurück. Lang aufgeschossen und sehr schlank obendrein. Viele würden es mit vermutlich mit hager bezeichnen. Er trägt einen Kamelhaarmantel, der mich spontan an Pierce Brosnan als Bond 007- Darsteller erinnert und dessen Markenzeichen ein solcher Mantel ist. Doch zurück: Passend dazu trägt er schwarz: Rollkragenpullover, Stoffhose aus leichtfallendem Material und Hochglanzschuhe, als hätte er sie eben erst aus den Händen eines Schuhputzers zurückerhalten. Sonderbar, denke ich, ungewöhnlich und auffällig edel. Dass es mir nicht zuvor sofort aufgefallen ist?
Ansonsten dominiert hier in der Halle der sogenannte „Cool-Look“. Zerfetzte Jeans im Knie sowie an weiteren Stellen, dazu Markensportschuhe ohne Socken beziehungsweise Kurzsocken, die mit den kaputten Schlappen abschließen und dem Betrachter einen Blick auf den nackten Knöchel freigeben, in Neudeutsch auch „flanking“ genannt. Lässig darüber geworfen befinden sich Parkas mit pelzbesetztem Rand an der Kapuze. Und wenn ich meine Augen momentan schweifen lasse, entdecke ich diesen sogenannten Individuallook etliche Male und damit auch die scharenweise abgelehnte Uniformität der Jugend.
Jetzt fällt mein Blick zurück zu meinem Gesprächspartner. Bei ihm hingegen findet sich die Kleidung sehr passend und akkurat zusammen. Klassisch schön, jedoch nicht individuell frech und ungewöhnlich dazu, weil dieser Mann irgendwie nicht aus dieser Zeit zu entspringen scheint. Eher 60er-Jahre würde ich schätzen. Alain Delon war auch für diesen Look berühmt, oder trug er einen Trench? Ich bin mir nicht mehr so sicher? Jedenfalls hingen an ihm die Frauen und schwärmten leidenschaftlich. Nicht wegzudenken, die ihn lässig begleitende, brennende Zigarette, die ihm stets aus dem Mundwinkel hing. Oh, das ist lange her und zumeist noch heute auf Schwarz-Weiß-Videos zu betrachten.
Die Kurzhaarfrisur des Unbekannten ist messerscharf geschnitten. Nunmehr trägt er eine dunkle Hornbrille. Hat er eben nicht noch über seine schwachen Augen geklagt? Vermutlich hatte er sich eine Brille eingesteckt und sie eben erst in einer Tasche wiederentdeckt. Meine Blicke verharren auf seinem Rücken. Ja, nicht wie aus unserer Zeit, eher wie herausgefallen und ins 21. Jahrhundert gebeamt. Ein wenig Pierce Brosnan steckt schon in ihm! Oder ist die Zeit über ihn unbemerkt hinweggegangen? Jetzt hat er meine Blicke bemerkt, die sich offensichtlich lastend auf ihm festgekrallt haben, denn augenblicklich wendet er sich mir nochmals zu und antwortet mir mit einem gefroren, freundlichen und Angst einjagenden Blick. Mich fröstelt. Sofort wende ich mich ab, so als hätte ich diesen Blick nicht bemerkt, trete ein paar Schritte zur Seite und beobachte ihn verstohlen von dort aus den Augenwinkeln. Immer noch ruht sein Blick auf mir, prüfend, vieldeutig und unheimlich zugleich.
Jetzt wird mein Name aus einem Lautsprecher aufgerufen und dass ich mich beim Zoll in der Ankunftshalle einfinden möge. Zwei Beamten erwarten mich mit einem ausdrucklosen Blick und eher gleichgültiger Mimik, verlangen von mir den Ausweis, um meine Identität zu überprüfen. Hastig hole ich mein Dokument hervor und entsprechend nervös präsentiere ich es ihnen. Mehrere Blicke wechseln hin und her, danach folgt ein kurzes Nicken. Zusammen mit ihnen fahre ich in den Keller des Gebäudes. Immer noch halte ich fest umklammert die Rose in der Hand. Jetzt nach Stunden ist sie vom Warten erschöpft und lässt den Kopf hängen. Warum jetzt gerade? Warum überhaupt? Hat sie so sehr gelitten oder ist es nur die Wassernot, die sie ergriffen hat. Vermutlich!
Durch mehrere Gänge laufen wir auf eine dunkle Tür zu. Eine männliche Person vom Flughafenpersonal erwartet uns dort. Er nickt mir einmal still zu, öffnet die Tür zum Raum. Die beiden Beamten bleiben zurück. Nach wenigen Schritten erreichen wir einen kleinen weiteren Raum. Dort steht der einfache Holzsarg einsam auf einem Fahrgestell. Abseits vom Trubel und Wirrwarr des Flughafens, hier in dieser klinischen Gruft. Still tritt auch der Flughafenbeauftragte zurück und verlässt lautlos diesen stillen Raum. Ich bin allein. Völlige Ruhe, triste Schlichtheit in hellem Grau umgibt mich. Krankenhausschlichtheit. Ich schaue auf dieses längliche, eindeutig ausdrucksstarke Möbel. Langsam öffne ich meine Augen. Darin soll ein Mensch liegen? Es erscheint mir so winzig. Darin soll meine Freundin liegen? Ich will es nicht fassen. Ich kann es nicht glauben. Und wenn eben mein Blick noch trocken und meine Beine fest waren, fängt jetzt die Umgebung an zur Unschärfe zu verschwimmen. Ständig wollen meine Beine nachgeben. Nein, ich muss mich beherrschen, stark durchdrücken, fest auftreten. Die Gedanken fliegen nur so durch meinen Kopf und scheinen nicht hierhin passen zu wollen. Der Schädel droht platzen zu wollen. Eine Reise ist zu Ende gegangen. Hier und jetzt! Ist das wirklich real? Ich kneife mich und spüre augenblicklich den Schmerz. Ja!
Was hatten wir noch alles vor? Heiraten wollten wir. Kinder wollten wir. Sie bevorzugte ein Mädchen, ich einen Jungen. Ja, eine komplette Familie wollten wir sein. Viel unternehmen wollten wir zusammen. Auch frei und ungebunden sein. Reisen…… aber eigentlich nur glücklich sein! Ist das zu viel verlangt?
*
Einige Tage später. Die hintere Kapelle des Ohlsdorfer Friedhofs lässt die Versammelten zur Abschiedsfeier ein. Ich habe es schlicht arrangieren lassen. Ihr Sarg ist mit weißen Rosen vollständig überdeckt worden. Dicke, weiße Kerzen umrahmen ihr hölzernes Totenbett. Auf der rechten Seite steht ein überdimensional großes Bild von ihr, welches ihr SENDER hat dort aufstellen lassen. Ich habe mich zwar bis zuletzt dagegen verwahrt, konnte mich aus medialen Gründen leider nicht durchsetzen. Und obgleich ich eine stille und besonnene Feier gewünscht habe, hat ihr SENDER ein großes Tamtam veranstaltet und sie für ihren heldenhaften Einsatz im Ausland und Kriegsgebiet medial herausgestellt. Sie war eine Person des öffentlichen Rechts. So surren die Kameras und ein Blitzlichtgewitter fällt auf uns herab.
Um selbst privat zu bleiben, habe ich mir einen Backenbart stehen lassen und zusätzlich die größtmögliche dunkle Sonnenbrille herausgesucht. Dazu trage ich einen schwarzen Stetson, den ich zurzeit auf meinem dunklen Mantel auf dem Schoß ruhen lasse, zusammen mit der verwelkten roten Rose, die ich damals als Willkommensgruß bei ihrer Ankunft bei mir getragen habe. Zeit ihres Lebens hat sie nie rote Rosen geliebt, ja, sie lehnte sie sogar als spießig ab. Am Flughafen habe ich damals keine weiße Rose bekommen können, und so habe ich symbolisch als Zeichen für Liebe und Blut zu eben dieser Farbe gegriffen.
Neben mir sitzen Freunde wie auch Bekannte. Eine Familie besaß meine Freundin schon lange nicht mehr. Der verfluchte Krebs hatte sie ihrer Eltern kurzfristig nacheinander beraubt. Häufig machte sie zynische Bemerkungen zu ihrer Gesundheit, die in mir immer aufs Neue Magenschmerzen wie auch Übelkeit hervorriefen. So sagte sie zu mir: „Wenn mich mein Job nicht tötet, wird es sicherlich der Krebs sein!“ Wenn sie so zu mir sprach, war ich sofort übel gelaunt. Dann antwortete ich ihr stets auf die gleiche Art: „Was für ein Unsinn, nicht an das Leben zu glauben!“, worauf sie wiederum konterte: „Bei meinem Job falle es schon sehr schwer, anders zu denken!“ Wütend beendete ich diese entsetzliche Diskussion: „Du lebst, liebst und nun Schluss damit!“ Zumeist wendete ich mich sofort von ihr ab. Obgleich, und das muss ich an dieser Stelle loswerden: Mehr als nur wenig Verständnis hatte ich für ihre Rhetorik.
Allein im Jahr zuvor waren etliche Kollegen bei der Ausübung ihrer Arbeit entführt, erschossen und teilweise auf bestialische Weise ermordet worden. Häufiger habe ich deshalb von ihr verlangt, diesen Scheißjournalistenjob aufzugeben. Doch, wie sie stets betonte, übte der Nervenkitzel einen großen Reiz bei der Arbeit aus. Was sollte ich darauf antworten? Mir fiel dazu Fallschirmspringen, Paragliding, Boots- oder Autorennen ein, sparte mir in der Regel diese Bemerkung, denn was hätte ich außer einem milden Lächeln ernten können? Verhielten sich diese Tätigkeiten wie zwei linke Schuhe zueinander. Zu diesem Job musste man geboren oder aber verantwortungslos erzogen sein. Beides war sie nicht, war eher sogar wohlbehütet aufgewachsen. Dennoch hatte sie an diesen Scheißjob Gefallen gefunden. Innerlich war sie offensichtlich immer eine Spielerin gewesen!
8 1/2 Minuten dauert das „Adagio und poco mosso“ aus Beethovens 5. Klavierkonzert in Es-Dur, welches augenblicklich aus den Lautsprechern der Anlage zu uns Trauernden hinüberschallt, währenddessen sich meine Hände in der Hutkrempe verkrallen und langsam Tränen aus meinen Augen quellen und ihren Weg über die Wangen meines versteinerten Gesichtsausdrucks zum Kinn finden, um letztlich auf den Stetson zu tropfen und um auch darin vergänglich nach einer Weile zu versickern.
Eine Fliege oder Falter, genau kann ich es nicht erkennen, hat sich von irgendwo kommend gelöst und strebt jetzt flatternd einer Lampe nach oben zu, während die Klaviertöne tropfenartig aus den Lautsprechern klingen. Ihr Geist? Oder nur ein Zufall! Nein, ganz sicherlich strebt ihr Geist geradewegs dem Himmel zu. Würdevoll und majestätisch, wie man es von ihrem Charakter bei der aufopfernden Arbeit nicht anders erwarten darf. Stets war sie loyal zu ihrem SENDER und auch darauf bedacht, den Menschen in den Mittelpunkt der Reportagen zu belassen, dorthin „wohin er auch gehört und was erst Menschsein bedeutet!“, wie sie stets betonte. Humanismus stand für sie in vorderster Front (ein Ausdruck ihrer Tätigkeit).
Allerdings gab sie bestimmend zu bedenken, nicht von einer falsch verstandenen Menschenliebe zu sprechen, in dem Sinne, dass, was wir Europäer darunter zu verstehen meinen, zumeist nicht mit dem übereinstimmt, worin sie sich beruflich bewegte: in Krisengebieten. Dies sei nicht eins zu eins übertragbar und häufig Auslöser für Krisen. Wie lange haben die Europäer gebraucht, um annähernd ähnliche humanistische Ziele zu definieren, und wie viel Blut musste in diesen Jahrhunderten fließen? Jeder Tropfen war zu viel. Und nun soll unser Verständnis in diesen Ländern in Windeseile von außen oktroyiert werden? Ein Wahnsinn, was da von Regierenden so veranstaltet wird!
Und da sie selbst diese Mechanismen ablehnte, war es immer ihr Anliegen berichtend wie auch aufklärend darüber tätig zu sein. Eine Herkulesaufgabe und zu schwer für sie, wie sich jetzt bewahrheitet hat. Warnungen hat es von etlichen Freunden gegeben, zwischen uns hat es zumeist zu Streit geführt, aber darauf hat sie nicht gehört (hören wollen!). Offensichtlich verhielt es sich so, einige mögen es Schicksal nennen, zu denen ich nicht gehöre, dass Ihr Anliegen ihr nunmehr zum Verhängnis geworden ist! Dass Geist und Körper getrennt sind, ist langläufig bekannt. Ihr Geist als Falter hat sich uns, zumindest mir, noch einmal gezeigt und wollte uns allen aufzeigen, dass trotz ihres Todes ihr Einsatz für die Menschen sich gelohnt habe. Hoffentlich haben es auch andere so verstanden, und vor allem ihr SENDER auch (was ich allerdings bezweifeln möchte!). Was für eine weitsichtige und kluge Frau war sie: meine Lebensgefährtin Anne!
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, auch in meinem Kopf, prasseln nunmehr mehrere Reden von Menschen ihres SENDERs über uns ein und zugleich fängt auch wieder das Surren und Blitzen der Kameras an. Ihr Geist ist unbemerkt von diesen entschwunden. Sie hasste solche Zeremonien, wenn sie selbst Teil der Feier für einen verstorbenen Kollegen war, wie sie immer wieder betont hatte, und mir auch aufgegeben hatte, mich dagegen zu sträuben. „Wie ich das hasse!“, hatte sie mir gestanden, es muss etwa zwei Jahre zurückliegen, und drückte bekräftigend meine Hand dazu. Die Reden wollen meinem Gefühl nach kein Ende finden wie ihr Leben in diesen Schönrednern und Schwaflern. Wen wollen diese damit gefallen, außer sich selbst und dem SENDER. Vermutlich ist es „politisch korrekt“ so zu sprechen.
Endlich ist wieder Stille eingetreten. Die Kollegen lehnen sich selbstgefällig zurück und wir erwarten den nächsten Auftritt eines japanischen Baritons, der mehrere Haiku stimmlich interpretiert (es sind traditionelle japanische Gedichte, die im Deutschen dreizeilig geschrieben aber nicht intoniert werden!). Eine sehr eigenwillige spezielle Interpretation, die sich in mir mit ihren letzten Bildern vereinigen und die sich momentan in meinem Kopf festklammern. Für eine Ewigkeit!
Jetzt spüre ich den Arm eines Freundes, der eigentlich zu fest zupackt, um mich aus meiner Tablettentrance ins Jetzt zurückzuholen, währenddessen die Totenglocke leise zu schlagen anfängt. Gezogen stehe ich auf und bewege mich zu ihr, zu ihrem Sarg. Als letzten Abschied küsse ich das nur dünne Holz des Sarges, verbeuge mich ausgiebig lange vor ihr, und wende mich dann schwerfällig ab und laufe auf den Ausgang zu. Unterdessen verweilt „Ihr Geist“ in mir. Vor der Tür beginnt das befreiende Drücken von Armen und Händen von Freunden, die sich in Vielzahl um mich scharen. Und doch fühle ich es kaum. Einzig den einsetzenden Nieselregen bemerke ich, der diesen tristen Tag beschließt. Und während der SENDER zu einer Feier geladen hat, wende ich mich ab und laufe mit nur wenigen Freunden zu einem bereitstehenden Auto. Mein Abschied endet nicht hier und heute. Mein Abschied ist die nunmehr einsetzende Erinnerung an sie.
Auf den Weg zum Wagen nehme ich aus dem Augenwinkel eine schlanke Person in einem beigefarbenen Mantel neben einer Zypresse wahr. Ich stutze und halte kurz inne. Habe ich diese Person nicht schon einmal gesehen? War nicht der ältere Herr auf dem Flughafen, der seine Tochter erwartete, entsprechend gekleidet? Oder eine weitere fremde Person? Noch einmal schaue ich in diese Richtung. Nichts außer dem Baum befindet sich dort. War es eine Sinnestäuschung? Eine Fehlleistung meines überstrapazierten Hirns? Oder doch Realität. Jetzt zieht mich der Arm des Freundes fort.
»Sag mal«, so spreche ich ihn mit schwacher Stimme an, »hast Du dort auch eine Person in einem hellen Mantel gesehen?«
Zuerst ernte ich einen seltsamen Blick und anschließend ein lang gezogenes „Neiiiin, ich habe nichts bemerkt!“
»Geh bitte dorthin und schau kurz einmal nach!«, bitte ich ihn. Kopfschüttelnd kommt er wieder zurück. Wie seltsam! Sollte ich mich doch getäuscht haben?
Eine Woche später findet in aller Abgeschiedenheit die Urnenbeisetzung statt. Nun bin ich mit meiner Trauer allein. Nunmehr bin ich mit meiner Erinnerung allein!
*
Als stille Erinnerung fahre ich fast täglich zum Flughafen hinaus. Ich beobachte die Ankommenden: Einheimische, Gäste, Berufspendler, Prominente……. Alles wirkt wie bunt gemischt und durchgequirlt. Diese zufällige Konstellation von Reisenden kann es nur einmal geben und wird nie wieder und auch nicht in ähnlicher Form zusammentreffen, außer, ja, außer die Zeit könnte auf diesem Augenblick zurückgedreht werden.
Dieser stündlich neu formierte Strom an Menschen. Beim Anblick ihrer Augen fliegen an mir ihre Gedanken, Reflexionen, Grübeleien, Rückblicke, Einbildungen, Fantasien oder sogar Luftschlösser vorbei, sodass ich wie in einem aufgeschlagenen Buch darin lesen kann. Alles ist darin so einmalig wie zufällig zusammengestellt und deshalb einzigartig inspirierend. Wer diesen Ort wie ich besucht, wird ähnliche Erfahrungen sammeln und sich vermutlich darin wiederfinden können: als winziges Etwas, möglicherweise sogar als Winziges Ganzes. Es sind Erlebnisse oder Episoden, die das Leben schreibt und die uns miteinander verbinden, weil wir sie nachvollziehen können. Weil wir Ähnlichkeiten darin entdecken und eben teilweise uns selbst darin wiederfinden. Es ist der Spiegel der Seele bereitgestellt und er wird jedem vorgehalten, um darin dem Menschen genügend Raum an Gefühlsregungen zu bieten, obgleich es nur ein augenblickliches Rauschen des (Menschen) Stromes ist, der sich bereits im nächsten Augenblick wieder zu einer Unschärfe und nur zu Erinnerungen verrauscht hat und anschließend sich in der Stadt gänzlich auflösen wird.
Jetzt kommt der Typ Businessmann. Souverän, lässig im Auftritt. Anzugträger und nur mit Handgepäck ausgestattet (dasselbe gilt auch für Frau!). Der Blick ist fest und zielgerichtet. Ein schnelles Telefonat, eine Whatsapp zur Info. So geht er durch das Gate und wendet sich dann schnellen Schrittes dem Ausgang zu. Und hier: Der Prominente mit dem aufmerksamkeitsfordernden, umherirrenden und fragenden Blick: „Erkennt man mich, obgleich oder weil ich mich hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt habe?“, mit betont lässigen Bewegungen dazu, die eher einem Schlendern gleichen und sowohl Aufmerksamkeit wie auch Distanz signalisieren sollen.
In einer Vielzahl werden Tollpatsche, Ängstliche, Vielredner, Schweiger, Erkundiger, Hilfsbereite wie Ablehnende aus dem Gate gespült, um bereits im nächsten Augenblick wieder unsichtbar zu werden. Gesichter, die unscheinbar sind, blass, nichtssagend. Personen, die gläsern wirken, weil sie durch die anderen, bemerkenswerten sofort hindurchscheinen. Diese eben Geschilderten haben nichts zu erzählen und werden auch nichts zu erzählen haben. Sie bleiben in ihrer Oberflächlichkeit, Ignoranz oder auch nur Langweiligkeit gefangen, an deren nicht vorhandenen Kanten und Ecken nichts hängen bleiben kann. Oder noch viel unerträglicher, in deren Leere Erlebnisse verloren gehen, weil sie weiterhin nur Leere generieren können.
Jetzt werden Gaukler, Hypochonder, Hyperventilierende, Kriminelle, Planlose heraus gespült. Wenige Farbtupfer in der grauen Masse, die darin wie verspritzter Tomatensaft wirken, einerseits auffällig wie gleichzeitig fremdartig. Auch diese kleine Gruppe hat nichts zu erzählen. Sie erzeugen direkt ein abwehrendes Stöhnen oder auch Bürde einer Aura, weil sie problembelastet nervend sind, sodass mein Blick hastig von diesen wegspringt.
*
Langsam, mit müdem Blick versehen, nähert sich ein etwa 30 Jähriger Mann dem Ausgang. Bedächtig an seinem Gepäck ziehend, so als gelte es eine spezielle schwere Fracht zu bewegen. Eine, die offensichtlich viel schwerer wiegt als sie sich durch das Wenige darstellt. Es ist das inhaltlich belastende Drumherum, was herausquellen will und nur durch die dünne Wandung des Gepäcks zurückgehalten wird. Unsere Augen treffen sich. Sofort bemerke ich, wie sie augenblicklich mit den letzten Erlebnissen angefüllt sind.
Ich habe Durst, unendlich viel Durst……..
mitten in 100.000 Quadratkilometern Wüste überschlug sich plötzlich mein Landcruiser, bin ich eingeschlafen oder nur trunken vom gelbglühenden Sand, der wie die Ewigkeit hier schon verharrt, von der Sonne, die mir die Augen sticht, ach, was rede ich da, benebelt von der Hitze eines Backofens, jetzt warte ich auf den Knall, irgendetwas muss passieren, doch nichts!!!, so hänge ich kopfüber in meinem Gurt, meinem Lebensgurt, doch was bedeutet es im Augenblick?, nur etwas Winziges in dieser riesigen Sandkiste, ein Sandkorn vielleicht, mein Herr, möchten Sie ein Sandkorn?, nur exklusiv für Sie?, was höre ich?, Sie wollen es nicht?, aber ich sagte eben, es ist nicht irgendein Sandkorn, nein, es ist Ihr Sandkorn, nein, Sie wollen es immer noch nicht, weil es hier so viel davon gibt!, täuschen Sie sich nicht, mein Herr, bedenken Sie, es ist besser nur ein Sandkorn zu besitzen als diese verdammt heiße Wüste!, immer noch ist kein Knall erfolgt, es ist eigentlich nur Stille um mich, freie Stille, exklusive Stille, fast wie das Sandkorn, welches ich Ihnen angeboten habe, jetzt lasse ich meinen Blick schweifen und dann an mir hinab gleiten, nein, nicht hinab, es muss heißen hinaufziehen, denn ich hänge ja kopfüber im Auto, immer noch kein Knall, so taste ich mich langsam herum, kopfüber, nein, das ist keine gute Lage, wir Menschen wissen schon, warum wir auf unseren Beinen stehen wollen und nicht auf dem Kopf, meine rechte Hand scheint ein wenig taub zu sein, mein Rücken auch, fast ohne Leben….., was brauche ich zum Leben?, Wasser, wo ist mein Wasser, eben war es doch noch seitlich am Auto in einem Tank, ein Riss und… der Sand hat seinen Durst gestillt und mein Wasser getrunken, nur noch ein wenig feuchter Dampf scheint an der Stelle zu sein, ich hoffe, Herr Sand, Sie haben es sich schmecken lassen!, ja, wundervolles, klares Wasser, benommen krieche ich aus dem Wagen, wie komisch so ein Auto kopfüber aussieht, fast wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und mit den Beinen strampelt, ja, ein Rad scheint sich noch zu drehen, ein Käferrad, haha, wie lustig ist ein Käferrad, träume ich schon?, verdammt, wie heiß der Sand ist, glühend heiß, und jetzt ohne Wasser werde ich nur einige Stunden überleben, Leben, eine Nichtigkeit, wie oft habe ich bereits Stunden vergeudet, und nun sollen sie auf einmal wichtig sein, diese nichtigen Stunden, nein Ihr Stunden, ganz so einfach werde ich es euch nicht machen, nein, ich werde jede Stunde in meine Hand nehmen, Schicksalsstunden, ich bin meine Schicksalsstunde und nicht Ihr seid es, oh guck mal, da vorn liegt ja meine Wasserflasche, schnell hin und ab in den Schatten, ich sehe, wie sich bereits das Blech der Flasche ausbeulen will, Sand bist Du so gierig, Du hast bereits mein Wasser getrunken, sei still, jetzt bin ich am Zuge, und da, da liegen noch einige Bananen, still Dir den Magen damit, nicht mein Wasser, jetzt will ich mit der rechten Hand nach der Flasche greifen, doch, sie bewegt sich nicht, angeschwollen, bewegt sie sich nicht, wie soll das auch gehen?, versuchen Sie einmal mit einer angeschwollenen Hand nach etwas zu greifen, mein Herr, schwierig, ach, sagen Sie, Sie haben ja noch die linke Hand, wunderbar, dass wir Menschen zwei Hände haben, ah, ist die Flasche heiß, wer kommt auch auf die Idee, eine Metallwasserflasche mitzunehmen, wenn er in die Wüste fährt?, sie ist noch halbvoll, das wird für die nächsten Stunden reichen, Stunden?, sonst kommen doch immer so viele Autos hier entlang, wieso ist denn jetzt nichts zu sehen, ich muss den nächsten Hügel erreichen, von dort kann ich die Autos sehen, wie mühsam der Weg ist, mit dem Auto geht alles so leicht, aber nur, wenn es richtig herum steht, puuuuh geschafft!, jetzt wird gleich eins vorbeikommen, noch nicht, sei nicht so ungeduldig, sind doch erst ein paar Minuten vergangen, was habe ich vorhin über das Sandkorn gesagt, exklusiv?, ja exklusiv wie ein Auto, aber mein Herr, sie wollten das Sandkorn nicht schätzen, also bekommen Sie auch jetzt kein Auto, ja, jetzt haben Sie verstanden, ich muss zurück zu meinem Wagen, ich muss einen Notruf absetzen, so kann mich niemand finden, ich sehe ja selbst wie ein Sandkorn aus, haha, jetzt wird bald ein Auto kommen und mich abholen, geschafft, oh, ich spüre Durst, ich muss erst einmal trinken, haha, in ein zwei Stunden, da brauch ich nicht mit Wasser sparsam umgehen, noch ein Schluck, und noch einen großen, aufpassen und noch etwas übrig lassen, man weiß ja nie, kann erst in drei Stunden die Hilfe kommen, hallooooo!, ich winke mit dem linken Arm, da ist doch bereits die Hilfe, ich sehe ganz deutlich den kleinen Punkt in einiger Entfernung vorbeiziehen, eingehüllt in einer Sandwolke, halloooo!, jetzt ist er weg, nein, der hat mich gesehen und hat eben gewendet, na klar gewendet, ich werde ihm entgegenlaufen und winken, wo bleibt der denn?, ich schwitze vor Anstrengung, noch einen Schluck Wasser vielleicht?, jetzt sind die Schatten bereits länger geworden, und das Auto?, hat es sich verfahren, na, ich werde mit dem Fahrer sprechen, wie man so in der Wüste fährt, ist bestimmt Anfänger, der Fahrer, ich kann hier nicht sitzen bleiben, der Sand raubt mir den letzten Tropfen Feuchtigkeit, oder?, kann man seinen eigenen Schweiß trinken?, ich hab ja noch meine Flasche mit einigen Schlucken, erst einmal zurück zum Auto, die Schatten sind noch länger geworden, bald bricht die Nacht an, und auch ist eine Kühle eingezogen, sternklarer Himmel, müde bin ich, ich werde mich ausruhen und ein wenig schlafen, doch die Ohren bleiben offen, ich muss hören, wenn ein Auto kommt, bin ich schon einmal nachts in der Wüste gefahren?, zu gefährlich, die verletzte Hand habe ich an den Körper gezogen, wie dick die ist, irgendwann kommt das Morgenlicht auf und dann kommt das Glühen zurück, gottseidank habe ich ja noch Wasser, guck mal dort vorn die schöne Stadt, wieso habe ich die gestern nicht gesehen, die liegt doch dort unten am Fuß der Düne, ja, sehr schön und weiß schimmernd im Sonnenlicht, wenn ich erst einmal dort bin, dann kann ich auf die Wüste schauen, lieber Gott, vielen Dank, dass Du mir die schöne Stadt geschickt hast, ich weiß, auf Dich kann man sich verlassen, Meter für Meter gehe ich auf sie zu, verdammt!, ich laufe jetzt schon zwei Stunden und wieso kommt sie nicht näher, ich verfluche Dich schönste Stadt, oder bist Du gar keine Stadt, aaahhh, nur eine Luftspiegelung, wie komme ich zu meinem Auto zurück?, Fußspuren, ja, ich muss nur nach meinen Fußspuren schauen, jetzt habe ich kein Wasser mehr, egal, es kommt ja gleich Hilfe für mich, und wenn nicht?, wie lange kann ich ohne Wasser auskommen?, 10 oder 12 Stunden, ach es kommt ja gleich jemand vorbei, erst einmal esse ich den Rest der Banane, gut dass sie so reif ist, ist ja fast wie Trinken, mein Hals ist bereits ein wenig rau, noch der letzte Hügel und dann bin ich bei meinem Auto, oh, guck mal, da liegt ja noch eine Apfelsine im Sand, meine Rettung, wie ich Apfelsinen liebe oder eher Bananen?, ja Bananen, aber nun habe ich keine Stück mehr davon, ich werde später daran lutschen, wieder kommt ein leichter Wind auf, er wird mir ein Auto zuwehen, wie dunkel es auf einmal ist, ich fröstele, Gleichgültigkeit macht sich in mir breit, wieder Nacht, tief dunkle Nacht, ist das Schicksal nicht mit den Sternen verknüpft?, so sagt man doch, jetzt wird es richtig kalt, ich beginne zu frieren, meine Zähne klappern, ist es der Durst?, den habe ich gar nicht gespürt, ich muss mich schützen, so krieche ich auf die andere Seite, ja, hier ist es besser, ich habe ja noch die Apfelsine, mein Herr, möchten Sie nicht ein saftigsüßes Stückchen davon, herrlich, nein, besser erst morgen früh, meine Kehle schnürt sich langsam zu, oh, das kann nicht Gutes bedeuten, jetzt setzt der Durst ein, es sind schon 10 Stunden vergangen, ich lebe noch, noch mehr Durst, nur nicht daran denken, mein Hals scheint versteinert… und die Zunge, ist die aus Gips, rau, hart wie eine Feile, ich muss an der Apfelsine lutschen, ich wusste gar nicht, dass Apfelsinensaft brennen kann, etwas Linderung wird der Saft schon bringen, jetzt will die Gipszunge aus dem Mund quellen, ganz weit reiße ich den Mund auf, ich muss atmen können, gnadenlos glüht der Sand, jetzt sind schon mehr als 12 Stunden vergangen und ich lebe immer noch, scheiß Statistiken, ja, ihr habt keine Ahnung, seht, wie ich lebe, mein Hals ist jetzt komplett zugeschnürt, ja, ich sehe meine Zunge, lang und dick ist sie, ich werde mit der Apfelsine daran reiben, damit sie nicht noch länger wird, Speichel, was ist das, ich habe nur Gips oder Stein, ich muss erst einmal räuspern, kein Laut kommt heraus, ja, mein Herr, haben Sie sich schon einmal mit einem Steinhals und Gipszunge geräuspert?, haben sie im Museum die alten Figuren schon einmal räuspern hören?, Stille, nur Stille und ein leichtes Rauschen des Windes, nein, ich höre ein Motorengeräusch, schnell auf den Hügel, damit es nicht wieder an mir vorbeifährt, ich winke und winke, guck, das Auto bleibt stehen, und jetzt macht es eine Kehrtwendung… und , ja, es hat mich gesehen, ich rolle die Sanddüne hinab und rolle und rolle, Stillstand, ich liege….zwei Arme ziehen mich hoch und setzen mich auf, irgendetwas sagt der Mann, ich verstehe nichts, dann läuft er weg, kommt wieder zu mir und schüttet mir Wasser über den Kopf, ich öffne die Lippen und lasse es in mich hineinlaufen, was für ein herrlicher Geschmack, so schmeckt Leben, nach Wasser?, dann zerrt mich der Fremde zu seinem Auto, ich liege dort und träume… von einem riesigen See…, als ich wieder aufwache, liege ich in einer Klinik…. Und träume nicht mehr, ich weiß!
Noch einmal schaut der müde Mann sich um, ein zweites Mal treffen sich unsere Augen, die sagen: Ich weiß! Dann dreht er vor mir eine kleine Schleife, wendet sich ab und geht auf den Taxenstand zu.
*
Zwischendurch, wenn ich dort erwartungsvoll auf (m)einer Bank sitze und auf die nächsten Gäste warte, geschieht in der Regel wenig. Doch manchmal…..
»Ist neben Ihnen der Platz frei?«, werde ich von einem gesetzten Herrn angesprochen.
»Bitte nehmen Sie doch Platz«, antworte ich freundlich und lasse meinen Blick über ihn gleiten. Etwa 55 Jahre alt, gepflegt, von schlanker Gestalt, nördlicher blasser Typ, so ist mein erster oberflächlicher Eindruck.
»Es ist immer wieder spannend, wenn man seine Kinder erwartet«, so fährt er fort. »Die waren auf Gran Canaria und kommen jetzt zurück. Es muss ein toller Urlaub gewesen sein, haben sie mir jedenfalls geschrieben!«
»Ich war ein paar Mal auf Lanzarote. Der teilweise dunkle, vulkanische Sand ist gewöhnungsbedürftig. Aber sonst? Sehr angenehmes Klima! Nicht zu heiß im Sommer«, antworte ich höflich unverbindlich.
»Ich bin sehr früh dran. Der Flieger soll erst in circa 40 Minuten landen. Aber man weiß ja nie. Wir kommen aus Schleswig-Holstein. Da muss man rechtzeitig losfahren.«
So redselig, der Herr, so denke ich. Ist ja eigentlich nicht die nordische Art. Da verhält man sich eher mundfaul, wie man zu sagen pflegt. Sicherlich liegt es an der Anspannung, dass ihm die Wörter so leicht entgleiten.
»War eigentlich so etwas wie eine Hochzeitsreise von den beiden!«, meldet er sich wieder zu Wort.
»Ach ja? „Eigentlich so etwas“. Was bedeutet das?«
»Sie wollten sich in Ruhe aussprechen, wann und wie die Hochzeit vonstattengehen soll. Wissen Sie, bei uns auf dem Lande ist das immer eine große Angelegenheit. Da werden dann Gott und die Welt eingeladen. Und wenn dann die Tante Emma 5. Grades vergessen worden ist. Oh, oh!«
»Dann ist offensichtlich Ärger vorprogrammiert. Das meinen Sie wohl damit!«
»Genauso verhält es sich. Die vielen Angehörigen unter einen Hut zu kriegen, das ist wirklich nicht einfach. Dem einen passt es so nicht, der nächste hat, daran etwas auszusetzen. Und so geht das in einer Tour.«
»Mein Herr! Ich kenne Ihre Familie natürlich nicht. Ich versuche mich, gerade in die Lage hineinzuversetzen. Also: Wenn ich mir vorstelle, zu heiraten und es verhält sich derartig kompliziert, ich denke, ich würde nach Dänemark fahren und mich dort vermählen. Das klappt ohne großes Aufgebot. Und dann könnte man als Ehepaar eine schöne Feier veranstalten. Wer kommt, kommt! Und wer sich auf den Schlips getreten fühlt? Dann ist es eben so!«
»Nein, nein, so geht das nicht bei uns. In diesem Fall hätten sie das ganze Dorf gegen sich aufgebracht!«
»Na ja, die werden sich irgendwann auch wieder abregen!«»Mein Herr, man merkt, dass Sie aus einer Großstadt kommen, jedenfalls vermute ich es Ihrem Reden nach. In unserem Dorf in der Nähe von Husum ist seit Generationen jeder mit jedem verwandt. Und wenn sie eine Person davon ausschließen, schließen sie das ganze Dorf aus. So verhält es sich bei uns. Wir sind insgesamt eine große Familie«, antwortet er mir in seiner ruhigen Art.
»Und die jungen Leute rebellieren nicht dagegen?«, frage ich interessiert nach.
»Das kommt immer mal wieder vor. Legt sich aber wieder mit dem Älterwerden. Viele Junge sind deswegen weggezogen und kommen dann ab und an zu Besuch. Leider!«, sprich er etwas wehmütig und fährt dann fort.
»Deshalb ist unser Dorf mittlerweile überaltert. Wissen Sie, ich bin jetzt 55 Jahre alt und gehöre zu den jüngeren Menschen. Verrückt nicht wahr?«
»Sehr gewöhnungsbedürftig zumindest würde ich sagen. Hier in Hamburg ist so etwas kaum vorstellbar. Da wohnen die Leute seit Jahren Tür an Tür und kennen sich kaum. Mal wird ein Wort gewechselt, wenn man sich zufällig am Briefkasten trifft, oder man grüßt sich…. Und das war es auch schon. Glauben sie nicht, dass jemand seinen Nachbarn um Milch, Zucker oder Ähnliches bittet. Kommt nicht mehr vor, seitdem die Geschäfte bis nachts geöffnet haben. Und wenn wir für ein paar Tage in den Urlaub fahren, erfährt es niemand im Haus. Einbruchsgefahr wissen sie. Und glauben Sie nicht, dass jemand dem Nachbarn den Wohnungsschlüssel anvertraut? Nein, schon lange nicht mehr. Vertrauen, das ist so eine merkwürdige Angelegenheit in der Großstadt. Wem wollen Sie vertrauen, wo Sie ständig über Einbrüche, Überfälle, Betrügereien in der Zeitung lesen können. Das muss man akzeptieren!«
»Und finden Sie das gut?«, hakt der Holsteiner nach.
»Nein! Akzeptanz der Zustände oder auch Angst bestimmen die Handlungsweise! Hören Sie, meine Mutter hat mir die Verhältnisse, wie sie bei Ihnen offensichtlich noch immer herrschen, geschildert. Sie erzählte, niemand hat seine Haustür abgeschlossen, man hat sich gegenseitig besucht, geholfen, das Kind für ein paar Stunden abgegeben und so weiter. Ist vorbei seit den 70 er-Jahren. Sicherheitsschlüssel, spezielle Riegel, Kamerasysteme sind fast überall installiert.«
»Das ist doch furchtbar!«, ruft mein Nachbar aus.
»Mehr als das! Wirkt aber beruhigend. Hören Sie: Meine Nachbarin haben sie wegen ihrer Leichtgläubigkeit bereits zweimal ausgeraubt….«
»Ach, wie das?«, ruft er entsetzt aus.
»Mein sorgloser Herr! Das ging ganz einfach. Da hat eine jüngere Frau bei ihr geklingelt und zu ihr gesagt, dass sie sehr dringend auf Toilette müsse, weil sie schwanger sei. Und was macht meine Nachbarin? Sie ist übrigens 84 Jahre alt und wohnt allein, öffnet ihre Wohnungstür, lässt die Frau eintreten, die auch sofort auf die Toilette rennt. Als sie wieder herauskommt, bittet sie noch um ein Glas Wasser und die beiden Frauen gehen in die Küche. Dort lenkt sie die alte Dame mit irgendwelchem Gefasel über ihre angebliche Schwangerschaft ab. Irgendwie hat die Lügnerin es geschafft, dass die Haustür nicht verschlossen ist. Also, während die beiden sich in der Küche befinden, verschafft sich ihr Komplize Zutritt zur Wohnung und klaut ihr den Schmuck, der sich im Schlafzimmer in Schatullen befindet. Da lag auch noch etwas Bargeld, wenig zwar, nur ein paar Euro und schwupp war auch das weg und der Komplize wieder aus der Wohnung raus. Das Ganze hat höchstens 1- 2 Minuten gedauert. Unglaublich! Aber diese Klauer wissen, wo die Leute ihre Sachen aufbewahren. Meine Nachbarin hat das erst ein oder zwei Tage später bemerkt, als sie ausgehen und ihre Uhr umbinden sowie einen Ring überstreifen wollte. Und da sie sich nicht sicher war, hat sie erst einmal in der ganzen Wohnung gesucht. Und dann hat sie den Verlust realisiert und ist zur Polizei gelaufen. Und was meinen Sie, was man ihr dort gesagt hat?«, frage ich meinen Holsteiner Nachbarn.
»Ich weiß es nicht?«
»Ach, liebe Frau«, hat man zu ihr gesagt, »passen Sie besser auf Ihre Sachen auf. Das passiert in Hamburg diverse Male am Tag. Wir, die Polizei, geben immer Warnungen heraus, aber die liest ja keiner, offensichtlich!«
»Also hatte eigentlich die alte Dame noch Schuld daran, das wollen Sie mir andeuten«, antwortet der Fremde.
»Genauso ist es. Besser aufpassen? Wie soll das gehen? Solche Strolche sind doch Profis. Die besitzen eine sehr gute Menschenkenntnis!«
»Verrückt, diese Welt. Und Sie sprachen vorhin von einem zweiten Mal?«
»Hat sich ganz ähnlich abgespielt. Wieder eine solche Mitleidsnummer! Na ja, als mir das meine Nachbarin gestanden hat, dabei wollte sie mir nicht in die Augen sehen, habe ich zu ihr gesagt: „Sie werden aber auch nicht schlau daraus!“ Da hat sie nur still genickt und war weiterhin sehr kleinlaut. Aber wissen Sie, was sie mir gestern erst gesagt hat. Darauf werden Sie nicht kommen?«
»Was denn?«
»Nun könne ihr nichts mehr passieren, nun besitze sie keine wertvollen Gegenstände mehr!«
»Galgenhumor!«
»Genau das habe ich Ihr darauf geantwortet und mit dem Kopf geschüttelt. Ein Rat: Hängen Sie ein Schild an Ihre Tür: Ich bin zweimal überfallen und ausgeraubt worden. Ich besitze jetzt nichts Wertvolles mehr!«
»Wenn es denn hilft! Oh, da kommen meine Kinder! Tschüs!«, und sofort springt er auf und läuft den beiden winkend und freudestrahlend entgegen.
*
Eben hat sich die Schiebetür geöffnet und hat einen Urlauberschwall durchgelassen. Darunter befinden sich auch die Kinder des Herrn aus der Nähe von Husum, dessen Namen ich nicht einmal weiß. Ist eigentlich auch unwichtig, wir werden uns vermutlich nicht noch einmal begegnen. Jetzt dreht er sich mir noch einmal zu und winkt und zeigt stolz auf seine Hochzeitler in spe oder nicht spe? Wer weiß es schon? Ich nicke ihm freundlich zu, währenddessen er seine Kinder umarmt hat und sie mit sich zum Ausgang zieht. Ich schau mir die beiden an. Vom Lande, das stimmt! Typisch langweilig angezogen, mit irgendwelchen Urlaubsmarkenshirts versehen. Billigplagiate, in denen häufig auch Strass verarbeitet ist, deren Steine unlogisch, ungeordnet vor sich hinglänzen und vermutlich auch bald abfallen werden. Dazu kommen einheitliche Shorts in blau, um eventuell aus der Unsichtbarkeit hervorzutreten oder um sich nicht zu verlieren. Ist bei Koffern auch üblich. Irgendwelche Slipper klappern an ihren Füßen. Und braun gebrannt wie die Brathähnchen sind sie beide außerdem übereinstimmend. Vermutlich zeigten beide zuvor bereits diese ungesunde Hautfarbe, oder wie ich es einmal von „fachkundiger“ Seite gehört habe, dass es angeraten sei, sich vor dem Sonnenurlaub im Studio aus Schutzgründen vorbräunen zu lassen. Aha! Sie ist von kräftiger Statur, nicht schwabbelig, eher speckig, jedenfalls weisen ihre Oberarme einen beträchtlichen Umfang aus, was ich von meiner Position gut erkennen kann. Zusätzlich steht sie auf unerschütterlichen Beinen, die sie, wie ich vermute, für ihre Arbeit dringend benötigt. Ihr Mann besitzt ebenso eine kräftige Figur, denn er schiebt bereits in seinen jungen Jahren eine sogenannte Bierkugel vor sich her. Nicht so beträchtlich im Umfang aber bereits groß genug, dass das T-Shirt in der Lendenregion nicht mehr abschließt und bereits an die Dehngrenze gestoßen ist. Dazu kommen obsolete Frisuren: Die Haare sind passend blondiert und mit einer Krause versehen, die mich ein wenig an die achtziger Jahre erinnern lassen. Lässig hochgeschoben tragen beide ihre Sonnenbrillen in das Haar gesteckt. Ein passendes Paar, wie ich meine, welches nach ländlich geprägter Meinung gesund wirkt. Typ: Wirtsleute!
Ich lasse meine Augen auf ihnen verweilen, um einen Blick von ihnen zu erhaschen, was mir leider nicht gelingt, zu beschäftigt sind die beiden. Ich hätte gern mehr erfahren und etwas aus ihren Augen herausgelesen. Auf der anderen Seite habe ich bereits sehr viel aus ihren örtlichen Zuständen von ihrem Vater erfahren. Wahrscheinlich wäre auch nicht sehr viel mehr dazugekommen. Wie auch? Manchmal schäme ich mich, wenn ich in ein solch vorurteilsvolles Denken verfalle. In diesem Falle nicht. Ich befinde die beiden für uninteressant, die mir nichts Wissenswertes zu berichten hätten, ansonsten hätte mir ihr stolzer Vater ganz sicherlich davon erzählt, so redselig, wie er noch vor kurzen neben mir gesessen hat.
*
Etwas lustlos geworden streife ich erst einmal durch die lange Ankunftshalle. Ich betrachte hier und da einige Auslagen, betrete das Zeitungsgeschäft, blättere ebenso lustfrei in einigen Boulevardzeitungen herum, wobei ich sofort auf die bloßen Busen und Hintern von einigen sogenannten Sternchen stoße, die zur Wahl des Monats zur Abstimmung für die Leserschaft bereitgestellt sind. Darüber hinaus kommentieren die bunten Blätter fast einhellig ihre Meinung zu den üblichen Trennungen von Prominenten, zeigen es bildhaft an, indem sie einen Trennungsschnitt durch ein veraltetes, gemeinsames Bild mittels Photoshop eher schlecht verändert haben, die offensichtlich so wichtig sind, dass sie sich gut vermarkten lassen, obgleich ich, was natürlich nichts zu bedeuten hat, die meisten Namen der Promis nicht einmal kenne, beziehungsweise nun zum ersten Male von diesen lese! Wie gesagt: Ich bin kein Maßstab für sogenannte wichtige Personen. Ich denke mir dabei: Wenn diese Geschichten auf der ersten Seite zu sehen sind, also irgendwie bewegend sein müssen, jedenfalls aus der Perspektive der Redaktionen und nicht aus der Sicht der Leserschaft, dann entsteht bei mir sogleich die Frage und auch Sorge: Was ist wirklich wichtig? Wichtig sind (für mich!) Familie, Freunde, Gesundheit, friedliches Zusammenleben, Perspektiven für die Zukunft, geregeltes und vernünftiges Einkommen. Weitere Wichtigkeiten: Vernunftgesteuerte Politik(er), leider ist das eine illusionäre Wunschvorstellung, wir Bürger werden schon lange nicht mehr gefragt, so abgehoben sind Gewählten mittlerweile. Zusätzlich beruhige ich mich in der Regel damit, dass mein Geist offensichtlich andere Prioritäten setzt oder mit dem zunehmenden Alter von Ü-30 bereits an Unschärfe zunimmt. Wie sagte unser erfahrender Professor immer zu uns jungen Studenten: Älter werden zeigt sich darin, dass jemand das Interesse verliert. Na ja, daran findet sich bestimmt etwas Wahres, er musste es in seinem Alter bereits durch seine Kinder erfahren haben. Egal, und weiter.
Am Ende der Halle stoße ich zur U-Bahn-Station vor. Diese besteht aus zwei Gleisen und ist recht übersichtlich gestaltet. In ihr dominieren auch wieder die großen Informationstafeln zu Ankunft und Abflug. Zusätzlich sind Pfeile angebracht, um die Fluggäste in die richtige Richtung zum Terminal 1 oder 2 zu leiten. Selbstverständlich sind die Informationen in zwei Sprachen ausgeführt: Deutsch und Englisch. Warum eigentlich Englisch? Es gibt andere Sprachen, die viel „mehr“ gesprochen werden! Chinesisch, Hindi beispielsweise. Selbst über die Bedeutung des Englischen lässt sich ein Für und Wider anführen. Was die sogenannte alte Welt angeht, ist die Einschätzung mit wichtig sicherlich zutreffend. Doch gilt es auch für die stark aufstrebenden Länder? Insofern relativiert sich mein zuvor benutztes Wort „selbstverständlich“ wieder. Haben sie Tafeln mit chinesischen Schriftzeichen in Hamburg gesehen? Ich nicht! Wie gesagt: politische Entscheidungen!
Bevor ein Passagier die Gleise erreicht, befindet er sich in einer kleinen Vorhalle. Dort sind zwei Automaten für den Verkauf von Fahrscheinen in die Wand eingesetzt. Auch heute, wie eigentlich immer, stauen sich die Passagiere in einer Schlange davor. Wer kann auch solche Apparate bedienen? Ich jedenfalls habe damit so meine Probleme wie viele andere offensichtlich auch. Zwar hat der HVV (Hamburger Verkehrsverbund) elektronisch mit Software in den letzten Jahren aufgerüstet, zufriedenstellend ist das Ergebnis dennoch nicht, wie ich augenblicklich leicht an der unsicheren Handhabung wie auch Gestik erkennen kann. Ganz ehrlich: Wer kennt sich als Ausländer mit Tarifbereichen und Tarifen aus? Also ich bin kaum imstande, solche Entscheidungen kostengünstig zu treffen, obgleich ich Hamburger bin. Ich kaufe dann immer zu teuer ein, um sicherzugehen, wie ich später bei einer Kontrolle erfahre. Und dass dort eine Person zur Hilfe abgestellt ist, habe ich noch nie gesehen und nie davon gehört. Irgendwie und wann kommen dann noch Alle zu Fahrkarten und laufen anschließend zu der bereitstehenden U-Bahn, die Richtung Hauptbahnhof fährt. So oder so fahren sämtliche Bahnen über den Hauptbahnhof, was vermutlich auch treffend den Namen erklärt.
Noch eine Bemerkung zu den Rolltreppen, die vom Bahnsteig zu der Flughalle führen. Ich habe mich lange Zeit gewundert, warum vor den Fahrtreppen Pfosten angebracht sind? Häufig genug habe ich mich auch darüber geärgert, weil ich wieder einmal mit meinem Rollkoffer dagegen gestoßen und hängen geblieben bin, wenn ich sozusagen nicht richtig gezielt habe. Die Erklärung: Für die Gepäcktransportwagen, die im Flughafen bereitstehen und auch gern genutzt werden, bedeuten diese Pfosten eine Sperre! Seltsame Logik! Deutsche Logik! Erklären sie das einem Rollstuhlfahrer oder einer Mutter mit Kinderwagen, die verzweifelt nach Hilfe um sich blicken, wenn der Bahnhof nicht behindertengerecht ausgebaut ist! Aber im Erklären sind wir Deutschen hervorragend aufgestellt.
*
Auf dem Rückweg zu meinem Stammplatz werde ich von einem kleinen Mädchen, geschätzt etwa sechs Jahre alt, angesprochen, die sich offensichtlich von der Mutter zuvor losgerissen hat.
»Kannst Du mir Bonbons kaufen?«, fragt mich die Kleine unbesorgt.
»Ich beuge mich zu ihr hinunter, betrachte das Mädchen näher, schaue mich irritiert nach einem Angehörigen um, den ich noch nicht entdeckt habe, und sage:
»Na klar, kann ich das! Bezweifelst Du es?«
Nun ist die Kleine irritiert, vermutlich hatte sie sich ein „Ja“ erwünscht, und schaut sich auch nach wem auch immer um und fängt laut zu schreien an. Von irgendwo stürmt eine etwa vierzigjährige Frau auf uns los, blickt mich wütend an und reißt das Mädchen ein Stück von mir weg und kräht mich drohend an:
»Haben Sie Ihr etwas angetan, Sie, Sie….!«
Plötzlich bin ich sprachlos, erstarre und kann nur verneinend mit dem Kopf schütteln, was der Mutter offensichtlich nicht genügt. Sofort geht es wieder mit einem Vorwurf weiter.
»Sie, Sie…..! Man sollte die Polizei holen!«
Da war das Wort gefallen: Polizei! Sofort drehen sich etliche weitere Leute zu uns um, bleiben stehen und stieren mich an. Und postwendend beginnt eine Nachfragerei und Diskussion. Ein Herr zu mir (zu allen).
»Holt jemand die Polizei! Ich halte so lange diesen Mann fest!«
Gleichzeitig will er seine Androhung wahr machen und greift nach meinem Arm. Ich zische ihn an:
»Fassen Sie mich nicht an, sonst….!«
»Der will mich schlagen!«, schreit er sofort in die Menge. Sogleich wollen andere Hände den Versuch starten, zuzugreifen. Doch meine wild fuchtelnden Augen signalisieren offensichtlich Gefahr, sodass es nur bei diesem Versuch bleibt. Dennoch befinde ich mich umringt in einem geschlossenen Kreis von Personen. „Ja, ich bin ein Schwerverbrecher, Kinderschänder und nun lyncht mich oder werft mich den Krokodilen vor. So denkt und giert ihr doch alle!“
Ein anderer: »Da kommt ja die Polizei! Endlich!«
Und tatsächlich, wie ich aus dem Augenwinkel sehen kann, kommen jetzt zwei Polizisten, eine Frau und ein Mann, beschleunigt auf uns zugelaufen. Beide sind Angst einflößend mit Maschinenpistolen ausgerüstet.
Wieder schreit einer.
»Der da ist gefährlich!«, und er deutet mit dem Finger auf mich und fügt weiter an.
»Der ist bestimmt auf Droge!«
Nun ist bereits das zweite Zauberwort gefallen: erst Polizei und nun Droge! Und schon bahnen sich die Beamten eine Gasse durch die Menge. Bevor sie bei mir sind, höre ich noch von irgendwoher: „Lasst mich durch!“ oder „Ich will auch was sehen!“, „Was ist denn hier los?“, „Den kenne ich doch!“, „Bestimmt ein Terrorist!“ und ich weiß nicht, was da noch alles an Beschuldigungen und Vorurteilen in den nächsten Sekunden auf mich einprasselt. Hatte ich eben noch Bedenken gegen die Polizei, bin ich mittlerweile froh, dass die Beamten gekommen sind. Obgleich sich die Beamten vor mir und weiteren Umstehenden drohend aufbauen und sofort wissen wollen. »Was ist denn hier los?«
Und da die Frage allgemein und nicht nur an mich gerichtet ist, sprechen wieder etliche durcheinander, weshalb kein Wort mehr zu verstehen ist. Das reicht dann auch den Polizisten, die sich an mich wenden:
»Was geht hier vor?«
»Ich weiß es nicht!«, sage ich mit wiedergefundener, kräftiger Stimme und weiter: »Ein kleines Mädchen wollte….«, weiter komme ich nicht, denn wieder schreit einer dazwischen:
»Der wollte sie bestimmt entführen!«, worauf sich die Polizistin an den Schreier wendet:
»Können Sie das bezeugen?«
Schnell wendet sich der Mann ab. Sofort ergreift der Kollege das Wort:
»Wer nichts gesehen hat, geht bitte weiter. Wer aber etwas zu sagen hat, tritt bitte vor!«
Allgemeines Schweigen, dann lösen sich ein paar Figuren aus dem Auflauf und gehen weg. Die Glotzer bleiben weiterhin stehen. Die Polizistin wendet sich mir zu. »Wie war das mit dem kleinen Mädchen? Und wo ist eigentlich das kleine Mädchen?«, worauf sich die Verbliebenen umdrehen, sich gegenseitig anschauen und auch ich nur mit den Achseln zucken kann. Die Kleine mit ihrer Mutter hat bereits schon lange den sogenannten Tatort verlassen. Jedenfalls stehen nur Erwachsene um uns herum. Daraufhin geht eigentlich alles sehr schnell. Der Mann, der mich festhalten wollte, hat auch bereits das Weite gesucht. Und da kein weiteres Geschrei ertönt, stehe ich nur noch mit den beiden Polizisten allein in der Halle. Ich erkläre ihnen, was sich zugetragen hat, muss dennoch meinen Ausweis zeigen und kurz darauf verabschieden wir drei uns freundlich voneinander. Puuuuuh, das ist nochmal gut gegangen und willkommen in der deutschen Gründlichkeit!
Mit dieser Störung geht der Tag zu Ende, und wie man sich denken kann, bin ich nicht mehr zu meinem angestammten Platz zurückgelaufen, sondern zum Parkplatz, auf dem mein Auto steht. Für diesen Tag ist mein Wissensdurst jedenfalls bestens gestillt worden.
*
Ein paar Tage später.
Mein angestammter Platz ist besetzt. Ich überlege mir, ob ich um ihn kämpfen soll, schließlich ist es ja „mein“ Platz. Furcht einflößend kann ich die junge Dame, die darauf platzgenommen hat, erst einmal anschauen. Zu meiner Enttäuschung nimmt sie mich nicht wahr. Ja, sie respektiert mich nicht einmal! Vertieft und gebeugt in ihr Handy glotzend, ist alles um sie herum Luft. Vermutlich könnte ich ihr sogar die Sitzbank mit meinem Platz wegziehen, sie würde weiterhin in dieser Position verharren! Besäße ich ihre Handynummer, würde ich ihr jetzt einen fiesen Post zuschicken! Aber so schwänzel ich um die Bank herum, auch um sie abzulenken oder verwirren, jedenfalls mit dem Ziel, meinen Platz kurzfristig zu erlangen.
