Der Geist der Djukoffbrücke - Carsten Wolff - E-Book

Der Geist der Djukoffbrücke E-Book

Carsten Wolff

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Beschreibung

Dies ist eine wahrhaftige Erzählung, in welcher berichtet wird über das Leben und den Tod des Arik, eines jungen Studenten, der der Versuchung erlegen ist, der mannigfache sündhafte Handlungen vollzieht, von der gottwidrigen Art wie Magie, Theurgie, Nekrophilie, und der seine Blutrache an der Jungfrau Nadja durch Zeugung des Antichristen im Sinne einer futuristischen Eschatologie den Anbruch in eine schöne neue, paranoide Welt aus "Realen Computerspiel" huldigt,…. und damit den Jahrhunderte alten Geist der Djukoffbrücke aus dem barbarischen Russland des 18. Jahrhunderts erweckt und wahrhaftig werden lässt,…..welche in persönlichen Gesprächen und Erlebnissen mit Lubow und Torben als Ohren- und Augenzeugen verfasst worden ist.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Carsten Wolff

Der Geist der Djukoffbrücke

Ein Roman aus der Vergangenheit wie Gegenwart

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Statt einer Vorrede:

Kapitel 1 – Der geheimnisvolle Mechanismus

Kapitel 2 - Die Familie Riechmann

Kapitel 3 - Die merkwürdige Bekanntschaft: Arik Milius

Kapitel 4 - Offenbarung Arik nach Johannes (Kap. 13 Vers 18)

Kapitel 5 – Wer oder Was ist Arik Milius?

Kapitel 6 – Lubow Antonowna Riechmann

Kapitel 7 – Luba und ihr Verdacht

Kapitel 8 – Der Dämon ist erweckt

Kapitel 9 – Intermezzo

Kapitel 10 - Ratio und der Plan

Kapitel 11 – Nadja

Kapitel 12 – Lubas Ahnenforschung

Kapitel 13 – Schwarze Messe (Litanei)

Kapitel 14 – Die Versuchung Arik

Kapitel 15 – Familientreffen

Kapitel 16 - Selbstreflexionen einer Gläubigen

Kapitel 17 - Anhang – Personenregister:

Impressum neobooks

Widmung

Non semper ea sunt, quae videntur

Die Dinge sind nicht immer so, wie es scheint.

(Phaedrus, makedonischer Dichter)

Talent, selbst Genie ernten auf

rechtschaffenden Wegen nur

graduellen Erfolg, wenn überhaupt.

Das ist nicht genug! Mir ist das nicht

genug. Ich muss einen anderen Weg

wählen… einen Leitstern im Nebel finden….

(Walerij J. Brjussow, Dichter, Symbolist)

Mit Dank an Anjelika, Daria, Conrad-Sebastian, Joachim Resch

Statt einer Vorrede:

Jesu Versuchung (Lukas - Kapitel 4):

Jesus aber, voll des Heiligen Geistes, kam wieder von dem Jordan und ward vom Geist in die Wüste geführtund ward vierzig Tage lang vom Teufel versucht. Und er aß nichts in diesen Tagen; und da sie ein Ende hatten, hungerte ihn darnach.Der Teufel aber sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich zu dem Stein, daß er Brot werde.Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es steht geschrieben: "Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von einem jeglichen Wort Gottes."

Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der ganzen Welt in einem Augenblickund sprach zu ihm: Alle diese Macht will ich dir geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie, welchem ich will.So du nun mich willst anbeten, so soll es alles dein sein.Jesus antwortete ihm und sprach: Es steht geschrieben: "Du sollst Gott, deinen HERRN, anbeten und ihm allein dienen."

Und er führte ihn gen Jerusalem und stellte ihn auf des Tempels Zinne und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so laß dich von hinnen hinunterdenn es steht geschrieben: "Er wird befehlen seinen Engeln von dir, daß sie dich bewahrenund auf den Händen tragen, auf daß du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt."Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesagt: "Du sollst Gott, deinen HERRN, nicht versuchen."

Und da der Teufel alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeitlang.

*An dieser Stelle gebe ich den Lesern/innen einen Hinweis auf meine bereits bei „neobooks“ erschienenen ebooks:

Herbert von Lemgo: Chop Suey pikant! ( eine Kriminalkomödie),

ISBN:978-3-7380-5406-4,2016

Carsten Wolff: Weiß, Rot und Dunkel,ISBN:978-3-7380-5774-4, 2016

Carsten Wolff:

Kapitel 1 – Der geheimnisvolle Mechanismus

Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht

preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden

kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind

offenbar geworden. (Offenbarung, 15,4)

»Oh!«, seufzt die alte Dame auf, als sie sieht, dass ich dieses fast antike Album in der Hand halte und im Begriff bin, es zu öffnen. Der Seufzer klingt nach Schmerz, Verzweiflung, Leid, Sorge wie auch nach modernder Vergangenheit.

»Besser du legst es wieder aus den Händen, bitte!«, so fährt sie fort und greift nach diesem Band. Doch augenblicklich ist es bereits meinen Händen entglitten und liegt aufgeschlagen auf dem Boden.

»Oh Gott! Die Djukoffbrücke! Klappe es ganz schnell wieder zu und lege es zurück, bitte! Ich will nicht, dass….«

»Was?«

»…der Geist geweckt wird!«

Zu spät!

Mein Blick ist bereits auf die Zeichnung gefallen, welche in das Album eingeklebt ist. Die Zeichnung ist als Kupferstich ausgeführt, in der akribisch fein Strich für Strich bewerkstelligt und sehr detailliert eine Brücke dargestellt wird. Die abgebildete Brücke ist aus schwerem Granit gebaut und dazu mit einem Eisengeländer bestückt. Sie überbrückt einen kleinen Fluss, einen Nebenfluss der Luga, wie ich später erfahren werde. Die Umgebung ist recht kahl von Bewuchs, nur einzelne Bäume und Sträucher sind darauf zu sehen. Im Hintergrund zeigt sich ein Schloss, sehr klein gehalten, womit der Zeichner offensichtlich perspektivisch die Entfernung darstellen will. Das aber bildet nur das Randgeschehen wie eine Beigabe, denn die entscheidende Szene des Bildes spielt sich auf der Brücke ab.

Offensichtlich befindet sich augenblicklich eine Kutsche auf der Überfahrt. Der Kutscher wird von einer schwarzen Person vom Kutschbock gestoßen und ist im Fallen begriffen, währenddessen der Fahrgast aus dem Gefährt von zwei dunklen Gestalten gezerrt worden ist, die jetzt gegenwärtig auf diesen einschlagen. Die festgehaltene Szene zeigt einen räuberischen Überfall. Dass es sich um eine nächtliche Stunde handeln muss, offenbart sich an einem mit Wolken verhangenen Mond. Einzig der schwache Schein seines Lichtes erhellt die Szene und wird so zum stillen Zeugen des mörderischen Anschlages.

Dass es sich hierbei um einen sehr folgenreichen Überfall gehandelt haben muss, zeigt ebenso die ängstliche Mimik meines Gegenübers an. Darüber hinaus offenbart ihr Gesicht das Wissen um eine böse Vorahnung, und es enthüllt gleichzeitig, dass auch sie davon in irgendeiner Weise persönlich betroffen sein muss. Ihr Ausdruck vereinigt in einer wortlosen, mimischen Wolke die Erinnerung und Vorahnung, obgleich dieses grauenhafte Geschehen sich sicherlich vor etwa einhundertfünfzig Jahren abgespielt haben muss.

»Bitte stell keine weiteren Fragen und gib mir das Album zurück!«, befiehlt die alte Dame, sichtlich wieder gefangen. Doch dafür ist es bereits zu spät, denn in meiner Ungeduld bedränge ich sie mit weiteren Fragen. Diese Abbildung hat nicht nur mein Interesse geweckt, sondern es hat in mir eine unbedingte und unerklärliche Wissensgier entflammt, wozu auch ihr Verhalten einen gehörigen Anteil beigetragen hat. Doch dazu später mehr.

Sie werden mit Recht wissen wollen, wer die Dame ist und auch ich bin. Selbstverständlich ist es nicht nur ihr Recht, Fragen einzufordern, sondern darauf Antworten zu erhalten, die eminent für den Fortgang dieser Geschichte insgesamt sind.

So fange ich mit der alten Dame an. Ihr Name ist Lubow Antonowna Riechmann. Die Riechmanns waren unter Peter dem Großen nach Russland gezogen, wie viele andere Deutsche auch. Zar Peter, der einst selbst ins Ausland gegangen war, benötigte Spezialisten mit verschiedenen Qualifikationen. Baumeister, Künstler, Handwerker, vor allem Wissenschaftler wie auch Offiziere. Sankt Petersburg wurde die neue Hauptstadt des Riesenreiches sowie gleichermaßen zu einem Sammelpunkt der vielen Fremden und entwickelte eine ganz spezielle Ausprägung: International, europäisch wie weltoffen zugleich ausgerichtet.

Doch zuerst zurück zu meiner Freundin Luba. Mittlerweile ist sie 91 Jahre alt und trotz des hohen Alters geistig und physisch voll auf der Höhe. Sie kann es locker mit viel Jüngeren aufnehmen. Sollten sie einmal die Gelegenheit haben, mit ihr eine Partie Schach spielen zu können, werden sie mir sofort beipflichten. Ich tue es nahezu täglich, zumindest immer, wenn ich Zeit und Lust verspüre, und kann deshalb sehr wohl eine zutreffende Einschätzung dazu abgeben. Eine sehr variantenreiche Spielerin ist die alte Dame und vor allem im Endspiel hartnäckig bis zum letzten Bauern. Nun ja, wenn man weiß, wie beliebt dieses Spiel in Russland ist und von jung bis alt gepflegt wird, vermittelt es einen Vorgeschmack, was jeden Gegner wie auch mich erwartet. Aber nicht nur diese Eigenschaft kennzeichnet Luba, was auf Deutsch „Liebe“ bedeutet, sondern etliche weitere dazu, von denen hier im Folgenden noch genug zu hören sein wird.

Nahezu jede Woche überrascht sie mich mit irgendwelchen selbst erklärten Nebensächlichkeiten, die sich sogleich als Gewichtigkeit herausstellen. Es ist ihre vielfältige Bildung, die sie mit einer Leichtigkeit in sich trägt, und die eben nicht wie auswendig gelernt drückt und dementsprechend nicht, wie ein Rucksack an ihr hängt. Manchmal habe ich den Eindruck, als hätte sie zeit ihres Lebens nichts anderes getan, als auf einer Universität verbracht und gelernt zu haben: Geschichte, Religionsphilosophie, Literatur, eigentümlicherweise ist sie auch in den von ihr selbst erklärten verhassten Naturwissenschaften fit. Ballett, Theater und Musik sind grundsätzliche Fähigkeiten der Erziehung, die in ihrer ehemaligen Heimat einen besonderen Status genießen und eben deshalb nicht erwähnenswert sind. Dazu spricht sie mehrere Sprachen fließend: Russisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und eingeschränkt auch Spanisch. Englisch schenkt sie keine Beachtung.

»Schau auf die russische Geschichte, dann erklärt sich vieles von selber«, so spricht sie und fügt sogleich an:

»Welche Verbindung besitzt oder besaß Russland zu England: keine Erwähnenswerte! England wurde nicht beachtet. Hingegen zu Deutschland, Frankreich und auch Italien gaben und geben es enge Bindungen. Speziell die Romanows waren mehr Deutsche als Russen. Immer wieder verheirateten sich die russischen Fürsten mit deutschen Prinzessinnen. Das ist, als würdest du Rotwein immer wieder mit Weißwein auffüllen, dann bleibt von der ersten originalen roten Farbe nicht mehr viel übrig. Eine einfache Beobachtung!«, und schon lacht sie auf wie ein junges Mädchen und verjüngt sich zum Verlieben um Jahrzehnte.

Und ich muss eingestehen, das tue ich auch in solchen Momenten. Sie besitzt dann augenblicklich den Zauber der Jugend verbunden mit der Weisheit des Alters. Was für eine unglaubliche Paarung von Eigenschaften! Was für eine Bandbreite des menschlichen Seins fächert sich in ihr und vor mir auf? Symbolisch verneige ich mich vor ihr und in realiter ergreife ich zumeist ihre Hand und deute einen Handkuss an, was sie in der Regel wiederum noch jugendlicher erscheinen lässt. Manchmal errötet sie sogar davon. Häufig gerät darüber das Spiel in Vergessenheit und sie erzählt mir dann immer neue Geschichten aus ihrem reichen Erlebnisschatz, bis wir dann spät abends todmüde auseinandergehen.

Und doch, obwohl wir uns mittlerweile zehn Jahre kennen, gibt sie mir immer wieder neue Rätsel auf. Es betrifft die nahezu Unerschöpflichkeit ihres Lebensinhalts, die stetig Raum für Spekulation bietet. Jedenfalls, wenn ich abends nach solchen Treffen bei mir in der Wohnung sitze, verfalle ich häufig ins Grübeln. Doch eines habe ich mir geschworen, sie nicht weiter ausfragen zu wollen. Es muss aus ihr ungezwungen hervorsprudeln, ansonsten verschließt sie sich sofort und verliert die nächste Zeit kein persönliches Wort mehr aus ihrem Leben. Ich verstehe diese Verhaltungsweise als nachvollziehbar. Schließlich mutet es an, psychisch in jemanden eindringen oder sich zum Durchscheinen vorbringen zu wollen.

Optisch bietet sie eine Vielfalt an Persönlichkeiten an, die ihrer zierlichen Gestalt sehr zupasskommen. Sie ist wandlungsfähig wie ein Model, indem sie dem Reichtum ihrer Garderobe nachkommt. Der Fächer der Charaktere öffnet sich von Zurückhaltung bei sehr schlichter Kleidung bis hin zu auffallender Extravertiertheit bei Theaterkleidung, was sicherlich stets mit einer sogenannten Selbstinszenierung zu tun hat. Fortwährend gibt sie sich sehr diszipliniert, denn es könnte sie ja jemand beobachten, hat sie mir einmal gestanden, selbst wenn es ihr physisch schlecht geht. Ist sie krank, duldet sie keinen Besuch. Nachlässigkeit duldet sie nicht, nicht bei sich wie auch anderen Menschen nicht.

»Doch leider muss der Mensch mit geöffneten Augen auf die Straße gehen. Ich schütze mich durch eine dunkle Sonnenbrille und ansonsten versuche ich die Umgebung nicht wahrzunehmen!«, so spricht sie glaubhaft. Ihr Gang ist straff und aufrecht, was durch hohe Absatzschuhe zusätzlich unterstützt wird.

»Leider nicht mehr so hoch wie früher«, spricht sie damenhaft.

»Bedauerlicherweise spielen meine alten Knochen nicht mehr mit. Ich muss die Absätze mittlerweile auf eine Höhe von etwa sechs Zentimetern reduzieren.« Und man sieht es ihrem leicht wehmütigen Gesichtsausdruck sofort an.

»Guck dir doch die jungen Mädchen an. Die schlurfen nur mit diesen hässlichen Turnschuhen herum. Keine Körperhaltung. Ein krummer Rücken ist die Folge. Naja, ich würde es bei meiner Tochter nicht durchgehen lassen. Disziplin und Körperhaltung zahlen es dir als Erfolg im Leben wie im Beruf zurück. Glaube mir, mein Freund!«, so fährt sie selbstsicher fort.

In der Regel bremse ich sie dann in ihrer Rede aus, weil das nächste von ihr angesprochene Thema mir sehr geläufig ist: Die Schule und zugleich auch ihr Hauptreizthema Bildung. Dann fallen sofort Ausdrücke wie keine Anforderungen nach „Allem und Jedem“, nur Rechte einfordern und keine Pflichten haben et cetera. Auch ich bringe für ihre Ansicht Verständnis auf, obgleich ich der deutlich Jüngere bin. Dennoch meldet sich bei ihr in diesen Situationen ihr echtes Alter. Ich kenne dann den weiteren Verlauf der Diskussion: Früher war alles besser! Was es natürlich nicht war und ich ihr mit Beispielen sofort belegen kann. Sogleich baut sich bildhaft vor mir sofort der Leierkastenmann auf, der sehr schwungvoll an seiner Kurbel dreht und irgendwie immer dieselbe Platte aufgelegt hat. Naja, aber genauso wie ihr Anflug an Erregung bei diesen eminenten Themen hochkommt, findet die Landung in Form von Beruhigung wieder sanft wie bei einem Segelflug statt. Sie ist eben sehr diszipliniert, die alte Dame!

Mittlerweile haben sie meine jung gebliebene, alte Freundin ein wenig besser kennengelernt. Nur ein wenig zwar, denn es wird im Folgenden über sie wie vieles andere zu berichten geben. Doch davon später.

Damit sie auch über mich etwas erfahren, stelle ich mich ihnen vor. Mein Name ist Torben-Maria Jung. Das „Maria“ machte es mir in den ersten zwei Lebensjahrzehnten nicht immer einfach. Einfach ist es, von Aufgeklärtheit zu sprechen, es zu leben, ist viel schwieriger. Und so musste ich mich stets gegen dumme Witze, gegen Intoleranz oder Ignoranz wehren, sowohl in der Schule wie auch an der Universität. Nun verhält es sich so, dass das Leben ein Gottesgeschenk bedeuten soll, jedenfalls hat es der Pastor während des Gottesdienstes immer so formuliert, dennoch ist Diskriminierung das gefühlte Leben. Und dass es hart ist obendrein, vor allem dann, wenn man als sehr junger Mensch sich eben nicht geschickt artikulieren kann, um den Dummen einen Maulkorb zu verpassen, leuchtet vermutlich ein. Mit der Zeit allerdings habe ich mir ein dickes Fell zugelegt und verfahre nach dem Motto meiner Freundin: Verzeihe den Dummen. Sie wissen nicht, was sie reden! Bitte, das soll keine Überheblichkeit, nur Selbstschutz ausdrücken. So viel zu der »Maria« an und in mir.

Ansonsten bin ich Anfang fünfzig, pensionierter Lehrer und zurzeit freiberuflich bei einer Versicherung beschäftigt. Meiner Beschäftigung gehe ich von Zuhause aus nach. Auf Neudeutsch heißt es heutzutage: Homeoffice. Meine Pensionierung ergab sich nach einem schweren Verkehrsunfall, bei dem eigentlich kein Knochen im Leib unversehrt geblieben ist. Mehr als zwei Jahre konnte ich meinem Schuldienst nicht nachkommen und war dann körperlich nur eingeschränkt belastbar. Als Sport- und Mathematiklehrer fällt zumindest die erste Betätigung weg. Auch das Stehen und Sitzen im Unterricht war extrem schwierig worden, sodass man mich nach Rücksprache mit dem Amtsarzt früh pensionierte.

Diese schwierige Zeit habe ich noch nicht komplett verarbeitet, kann mittlerweile aber ganz gut damit mental umgehen. Wetterwechsel, Temperatursprünge meldet mein Körper bereits ein bis zwei Tage zuvor an, sodass ich einen Stock zum Gehen bereitlege und auch benutze. Häufig überfallen mich Schwindelanfälle und auch psychologische Verwirrungen sind mein bleibender Begleiter, der sich wie ein Schatten an meinen maroden Körper festgesetzt hat. Selbst in der Nacht, wenn er sich gut verstecken kann, klebt er spürbar an mir. Mein »Habitus Phlegmaticus«, wie ich meinen Körper mittlerweile scherzhaft nenne, hat die ehemalige Drahtigkeit ersetzt, die wohl für jeden Sportlehrer als Qualifikation Voraussetzung sein muss. Und wie man sich vorstellen kann, sind etliche Kilos an Gewicht dazugekommen, sodass euphemistisch ausgedrückt bei mir von einer Rubensfigur gesprochen werden kann, jedenfalls dann, wenn man meinen zweiten Vornamen dazu in Bezug stellt.

Dass sich meine Frau vor Jahren von mir getrennt hat, bildet nur noch das sogenannte i-Tüpfelchen aus meiner Leidenszeit. Aber welche Rede hat dazu unser Pastor bereit? Ja, wir Menschen sind zum Leiden hier auf der Welt. Die Erlösung erfolge erst mit dem Tod. Ich habe diese Predigt nie verstanden! Vermutlich nicht, weil ich glücklicherweise noch lebe. Und insofern können sie sich augenblicklich vorstellen, bilden die alte Dame Luba und ich ein nahezu ideales wie platonisches Paar. Etwas salopp ausgedrückt: Die Alte und der Krüppel (so bezeichne ich mich selber)! Doch darauf sind wir beide, Luba und ich, wie selbstverständlich mittlerweile stolz. Jeder von uns hat seinen Seelenfrieden in dieser Verbindung erlangt und wird nicht durch dieses und jenes belastet, bislang jedenfalls nicht, oder anders ausgedrückt, bis ich diesen Fehler begangen und beharrlich nach dieser Djukoffbrücke nachgefragt habe.

Denn plötzlich verläuft, grundsätzlich von diesem Augenblick an, das weitere zeitliche Geschehen anders und unvorhersehbar. Es ist, als wäre etwas angestoßen worden, etwas Übersinnliches und nicht Einschätzbares etwas. Es ist, als wäre ein Schalter betätigt worden, der diesen Kreis mit Ereignissen in Gang gesetzt hat. Was genau geschehen ist, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar, weil es eigentlich nichts zu erfassen gab, sondern sich schleichend erst entwickeln sollte, unbemerkt und losgelöst von uns Beteiligten, und vor allem sinnlich augenblicklich nicht erfassbar und noch vorhersagbar. Dieses Etwas verhält sich wie mit einer Maschine, in der ein winziges Zahnrädchen einen Mechanismus in Gang setzt und sich hundertfach drehen muss, bis sich ein weiteres großes Rad einen Zacken weiterdreht, und ehe dieses auf ein nächstgrößeres einwirkt. Und so greifen die Zahnräder des Geschehens ineinander und fangen an, unser Schicksal spielen zu wollen. Die Zeit scheint dabei außer Kraft gesetzt zu sein, obgleich im Hintergrund sich dieses Rädchen, dieses Mosaiksteinchen aus einer vergangenen Zeit aus einem alten Buch einer Familiengeschichte aus dem alten Russland wie verrückt bewegt.

Und an allem trage ich durch meine Uneinsichtigkeit und auch Verständnislosigkeit Schuld, die ich bereits zuvor mit persönlicher Neugierde bezeichnet habe. Das alte Album mit der Zeichnung einer mir unbekannten und ominösen Brücke, die von uns in Hamburg circa 2000 Kilometer in der Nähe einer langweiligen Kleinstadt Luga in Russland oder Oblast Sankt Petersburg entfernt steht, und von deren Existenz ich bis zu diesem Augenblick nicht einmal etwas ahnen konnte, und auf der ein grausamer Mord verübt worden war. Egal! Etwas ist geschehen, was offensichtlich in Gang gesetzt und nicht mehr aufgehalten werden kann.

Kapitel 2 - Die Familie Riechmann

Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der

uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und

das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle;

Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder

loderndes Feuer. Und von ihm ging aus ein langer feuriger

Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und

zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das

Gericht wurde gehalten, und die Bücher wurden

aufgetan. (Daniel 7,9.10)

Woher ihre Familie stammt, konnte mir Luba bei unseren langen häuslichen Sitzungen nicht final beantworten. Auch weil die Riechmanns nicht urkundlich erfasst sind. Sie meint sich schwach zu erinnern, dass ihre Urahnen im ausgehenden Mittelalter aus dem Raum Nürnberg herstammen. Nürnberg bildete die damalige Hochburg des Handwerks, zu denen das Textilgewerbe, Holz- und Metallverarbeitung und insbesondere das Waffenhandwerk gehörten. Später jedoch, das ist belegt, ist ein Zweig der Riechmanns nach Sachsen verzogen und hat sich dort zuerst im Erzgebirge und alsbald dann in Leipzig angesiedelt. Der Name Leipzig bedeutet so viel wie „weiches, schwankendes, wasserhaltiges Gelände“, welches offensichtlich auf das Gebiet der Auenlandschaft bezugnimmt. Hier galt es als sehr ambitioniert, Bauwerke oder Häuser zu errichten. Jedenfalls dabei hat sich ein Familienmitglied Peter Tilmann Riechmann besonders hervorgetan und seine Lorbeeren verdient, die über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlten und die wohl letztlich den Ausschlag gaben, diesen Spezialisten nach Sankt Petersburg zu locken, wo ähnliche Bodenverhältnisse vorherrschen. Aber, ob es sich tatsächlich so zugetragen habe, dass wisse Luba auch nicht exakt.

Allein dieser Peter Tilmann Riechmann sei in ihrer Familienchronik vermerkt und bilde den Ausgangspunkt des so genannten russischen Stammbaums der Familie. Dass viele weitere Riechmanns folgen sollten und auch Verbindungen mit russischen Geschlechtern eingegangen sind, macht Luba mir immer mit einer sehr feierlichen Stimmlage verständlich.

Auch betont sie gleichzeitig immer, wie wertvoll ihr das Vaterland sei und dass dieses stets im Vordergrund zu stehen habe, was auch immer durch Irrungen oder Verwirrungen der großen Politik ausgelöst und umgestaltet wird. Letztlich, so betont sie weiter, habe der Mensch jedes System überdauert, egal wie schwierig es auch für den Einzelnen sich vollzogen hat. Vaterland und nochmals Vaterland, das stehe im Vordergrund, und nicht der Einzelne. Dieser sei nur ein Sandkorn im Boden des Vaterlandes, und doch individuell genug, um erkennbar oder auffindbar zu sein. Und immer wieder fällt bei ihr das Wort »Von der Liebe zum Vaterland und auch zum Herrscher oder auch von unserem allerliebsten Vaterland Russland«, so ist es in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergereicht worden und letztlich ins Blut übergegangen.

Und danach kommt sie sofort auf Deutschland zu sprechen, wo sie solche Worte in den letzten siebzig Jahren nicht gehört habe. Naja, entgegne ich ihr, Deutschland habe auch eine ganz spezielle Nachkriegsgeschichte. Sie nickt mir zustimmend zu, es sei ihr wohlbekannt, dennoch meint sie, dass ich viel zu kurz mit meinen Gedanken greife, und rückt in mir das Geschichtsbewusstsein für Deutschland zurecht. Vielleicht hat sie recht? Meine Freundin ist einundneunzig Jahre alt und ich eben vierzig Jahre jünger, vermutlich macht das den Unterschied in der Denkweise und Lebenserfahrung aus. Als Lösung dieses mentalen Disputs bringe ich das Thema auf Tee. Und zumeist wechseln wir zu den Annehmlichkeiten des Lebens und trinken eine, durchweg mehrere Tassen, Tee als sogenannte Friedenspfeife. Doch ihre Ermahnung schwebt im Hintergrund des Raumes weiter.

Aber weiter zu den Riechmanns. Wie bereits erwähnt ist die Familie Riechmann dem Ruf des „großen“ Zaren Peter gefolgt und hat sich in der Region Sankt Petersburg angesiedelt. Das war zu Beginn des 18. Jahrhunderts und mehr als zweihundert Jahre vor der Geburt meiner Freundin Luba. Der erste Riemann befand sich im Gefolge des Baumeisters Andreas Schlüters, der zuvor in Berlin gewirkt hatte, und auch Johann Friedrich Braunsteins und war zur Fertigstellung des großen Palasts Peterhof nach Sankt Petersburg berufen worden. In der Folge wirkte dieser an diversen Bauten mit und gab folgerichtig seinem Sohn, und der wiederum einem seiner Söhne, das bauliche Talent weiter. Was für den ersten Riechmann zuerst als ein kurzweiliges russisches Abenteuer anmutete, hatte sich später als der Mittelpunkt der Familie erwiesen, sowohl auf beruflicher wie auch gesellschaftlicher Ebene. Es war und blieb die Stadt: Sankt Petersburg.

Die ehrgeizigen Pläne des Zaren waren damals langsam wie Samen aufgegangen, die auf fruchtbaren Boden fallen. Hier im Bereich der Newa war der Boden keineswegs fruchtbar, sondern morastig und für Granit zu nachgiebig und stellte eine bislang nie da gewesene Herausforderung an die Baumeister und Arbeiter insgesamt dar. Fast unmenschlich ist es damals zugegangen, um diesen Widrigkeiten zu trotzen, folgt man Berichten und Aufzeichnungen von damals. Und genau deshalb stimmt auch die Behauptung, dass die Stadt auf Knochen gebettet liegt. Knochen der vielen Helfershelfer, die beim Bau zu Tode gekommen sind.

Doch bevor diese Menschen zu blanken Knochen werden konnten, haben deren vielzählige Arme und Beine zu heben, drücken, schieben, hebeln gehabt, bis die Adern zum Platzen angeschwollen sind und das Blut herauszuspritzen drohte, um die riesigen und tonnenschweren Kolumnen, die Granitblöcke auf ihre Plätze wuchten zu können; Morast, Sand, Steine und Mörtel heraus- und hineinzubewegen, zu füllen, um letztlich das Einzelne zu einem Gesamten zusammenzufügen, zu einem ehrgeizigen, einzigartigen Gesamten, deren i-Tüpfelchen die Künstler mit ihrem Zierrat versehen und somit insgesamt zu einer bildnerischen Wohlordnung verholfen haben, deren Schönheit die Menschen verzückt hat, damals wie heute und egal ob sie vom Stande Leibeigene, Adelige oder einfache Bürgen waren und sind.

Denn das hat ein jeder gespürt, dass nicht das einzelne Bausteinchen zählte, sondern nur das Gesamte zusammen, als ein aus Menschenhand gefertigtes brillantes Kunstwerk wirkt und damit auch den einzelnen Menschen auf ein zeitlich Vorübergehendes reduziert gegenüber diesen monumentalen, zeitüberdauernden Kunstwerken insgesamt. Es war und ist, als würde die ewige Natur ein Stückchen ihrer Ewigkeit an den Menschen abzutreten haben. Es war und ist, als hätte sich der Mensch von der Natur einen Flecken Land geborgt, um ihr entgegenzutreten, dass nicht sie allein göttlich ist, sondern auch der Mensch den göttlichen Keim in sich trägt: als Bildner wie als Helfer. Wohlgeordnet und rational berechnet durch jeden Beteiligten an seiner richtigen Stelle.

So ist langsam Stück für Stück der Granit in die Höhe gewachsen. Paläste, Kirchen und Häuser sind entstanden. Ein riesiger Moloch aus Stein, der durch den Ehrgeiz Peter des Großen geweckt worden ist und nun barbarisch über dem Boden und Wasser zu herrschen anfing und sich von behauenen Steinen zu ernähren schien. Sein Brüllen und Hunger konnte nur durch weiteren Stein im Zaum gehalten und nur so lange teilweise gestillt werden, bis auch dieser sich an diesem Gesamtkunstwerk Sankt Petersburg befriedigt hatte. Und vermutlich kann man dieses domestizierte Ungeheuer nur noch an seinen zufrieden glänzenden Augen erkennen: Das viele Gold, welches die Kuppeln der Kirchen krönt und von etlichem Zierrat der Gebäude blinkt und das die Stadt bereits von Weitem herrlich glänzen lässt. Bei Sonnenlicht werfen sich die Gebäude goldene Lichtreflexe zu, die das Kunstwerk Stadt nahe an eine dichterische Göttlichkeit bringen und stets eine starke Inspiration der Künstler nicht nur herausfordern, sondern nachhaltig beeinflusst haben und weiterhin beeinflussen. Sankt Petersburg, das Venedig des Nordens, das glitzernde und goldig glänzende, atemraubende Gesamtkunstwerk einer kreativen Einmaligkeit, Schaffenskraft und Willenskraft. Von Malern, Sängern, Dichtern auf das Höchste seit mehr als dreihundert Jahren besungen und gewürdigt.

Carlo Rossi, Silvio Danini, Giacomo Quarenghi, Francesco Bartolomeo Rastrelli, Antonio Rinaldi, Andreas Schlüter, Andrej Stackenschneider, Wasilij Stasow, Domenico Trezzini, Jurij M. Felten, Hieronymus Küttner wie auch Riechmann besitzen seitdem einen mehr oder minder großen Anteil an diesem genialem Kunstwerk Sankt Petersburg.

In der Folge haben sich weitere Glieder der Riechmann Familie Meriten in der Wissenschaft, Bauhandwerk wie auch im Klavierbau erworben. Begünstigt wurde die Entwicklung der Riechmanns von der Situation Sankt Petersburgs, nachdem Peter der Große die Stadt zur neuen Hauptstadt auserkoren und insgesamt dem Riesenreich Strukturen oktroyiert hatte, die mit »Petrinischen Reformen« bezeichnet werden: Staatsumbau, Militär-, Wirtschafts-, Kirchen-, Sozialreformen. Allein das Leibeigentum hat Zar Peter unangetastet gelassen. So wurde Sankt Petersburg insgesamt zum Zentrum der Kultur. Was zuvor über Jahrhunderte Moskau gewesen ist, diesen Status nahm nunmehr Sankt Petersburg ein. Dass der Adel von dieser Idee überhaupt nicht begeistert war, denn deren Paläste standen in Moskau und damit etwa achthundert Kilometer entfernt, lässt sich leicht nachempfinden. Und dass kurzfristig nach dem Tod Peters die Hauptstadt wieder Moskau hieß, lässt sich ebenso nachempfinden. Doch sollte es nur von kurzer Dauer sein.

Für die Riechmanns haben diese Gedanken keine wesentliche Rolle gespielt. Sie waren und sind „Ausländer und Neubürger“ geblieben und Bestandteil der neuen Hauptstadt sowie auch Russlands. Und die Chancen standen für die Ausländer sehr gut, denn diese haben Peters Reformen mit ihrem Wissen ausgefüllt. Einhergehend hat sich Lubas Familie den Status einer gesellschaftlichen Hochachtung erworben, ohne jedoch geadelt worden zu sein. Zusätzlich wurde von der Familie ein nicht geringes Vermögen angehäuft, was ihnen einen überaus ambitionierten Lebensstil erlaubte. Die Gesellschaft traf sich in diesen Jahren in den Logen von Theatern und knüpfte so Kontakte und lotete mögliche günstige Verbindungen der Söhne und vor allem der Töchter aus. Als Folge wurden die Söhne und Töchter gut verheiratet. Die Riechmanns besaßen ein Landgut und für den Winter ein kleines Palais in der Hauptstadt. Deutsch wurde in der Familie nie vernachlässigt, obgleich Französisch die geläufige Sprache der Gesellschaft und des Adels gewesen ist. Russisch spielte eine eher untergeordnete Rolle und diente lediglich zur Verständigung mit den Bediensteten. Eine spezielle Eigenart der damaligen Zeit und eben eine Zeiterscheinung, die der Internationalität beziehungsweise der französischen Dominanz beigepflichtet war.

Erst mit der großen Umwälzung der Revolution im Jahre 1917 wurde das Land erdbebengleich mit einer solchen Kraft durchgeschüttelt, dass selbst keine Nervenzelle der Menschen unerreicht blieb. Die Tradition und Konstanz der Gesellschaft wurden mit einem Schlag weggefegt. Nichts galt mehr. Was oben war, war unten; was unten war, war oben! Köpfe rollten zuhauf. Wer klug war, versuchte sich entweder zu arrangieren oder zu fliehen. Das Erstere erwies sich schnell als unvernünftig und Trugschluss und kostete zumeist das Leben. Auch die Riechmanns wurden von dieser Welle der Wut überspült und flüchteten in sämtliche Richtungen des europäischen Auslands. Nur wenige, wie der Teil von Lubas Familie, verblieben in dem neuen Russland, der Sowjetunion.

Kapitel 3 - Die merkwürdige Bekanntschaft: Arik Milius

Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron,

und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde

aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten

wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben

steht, nach ihren Werken. ... Und wenn jemand nicht gefunden

wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde

geworfen in den feurigen Pfuhl. (Offenbarung 20,12.15) Aber die Gottesfürchtigen trösten sich untereinander: Der

HERR merkt und hört es, und es wird vor ihm ein Gedenkbuch

geschrieben für die, welche den HERRN fürchten und an

seinen Namen gedenken.( Maleachi 3,16)

Vor ein paar Tagen hat mich eine telefonische Einladung von einem sehr guten Freund Helmut, der seinen 50 zigsten feiern will, erreicht. Er meinte zu mir am Telefon, das sei dringend notwendig, denn damit sei seine sogenannte Midlife-Krise beendet. Ich habe mich nur kurz geräuspert und sagte:

»Mein Freund, wenn du das glaubst, täuscht du dich gewaltig!«, und ich lachte laut auf.

»Ja, ja! Du wieder. Du raubst einem noch den letzten Glauben an das Verflossene und Kommende!«, antwortete er mir etwas sehr wehmütig in der Stimme. Und er fuhr fort:

»Das Jung sein habe ich zur Genüge ausgekostet. Dann vor etwa zehn Jahren hat mich der Hammer mit Zweifeln erwischt. Doch nun habe ich wieder neue Lebenslust angesammelt. Und das will ich auskosten und ausgiebig mit euch feiern!«

»Sag mal, hast du eine neue und viel jüngere Freundin?«, fragte ich zurück.

»Ne, ne, lass mich damit in Ruhe!«

»Dann bin ich beruhigt. Denn diese Situation hätte mir doch Kopfzerbrechen bereitet. Aber lass mich noch etwas sagen. Ein römischer Kaiser soll einmal gesagt haben: „Jung sein bedeute so viel wie den Sieg der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit“. Das meinst du wohl mit deiner Äußerung. Und weiter soll er gesagt haben: „Altseinbedeute nicht, viele Jahre gelebt zu haben. Man wird alt, wenn man seine Ideale aufgibt“. Dazu kannst du vielleicht einmal meine 91 jährige Freundin befragen, was sie fühlt!«, reagiere ich schmunzelnd.