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Ein raffinierter Kriminalroman des Drehbuchautors und mehrfach ausgezeichneten Filmemachers Thorsten Kirves. Der Kriminalroman überzeugt nicht nur durch die Schimanski-ähnliche Mordermittlung eines boxenden Hamburger Kommissars, sondern auch durch die emotionale Thematisierung von Sehnsucht und Bruder-Liebe. Der Hamburger Kommissar Tom Simon – gerade unfreiwillig im Netz zum boxenden Superbullen des Monats gekürt – steht neuerdings auf der Beobachtungsliste eines Zielfahnders. Der Grund: Sein Zwillingsbruder Marco – gesucht wegen Mordverdachts! Dann wird Tom zusammen mit seiner Kollegin Mira zu einem Tatort gerufen. Der Unternehmens- und Politikberater Lars Lutteroth wurde tot aufgefunden; eine gelöschte Datei auf dem Rechner des Opfers führt sie auf die Spur eines millionenschweren Pharma-Skandals und auf den Biohof von Lutteroths entfremdeten Bruder. Doch das ist nicht Toms einzige Sorge, denn eines Tages taucht plötzlich sein von der Polizei gesuchter Bruder bei ihm auf … Schimanski war gestern. Heute ermittelt Tom Simon!
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Seitenzahl: 624
Veröffentlichungsjahr: 2019
Thorsten Kirves
Kriminalroman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der Hamburger Kommissar Tom Simon – gerade unfreiwillig im Netz zum boxenden Superbullen des Monats gekürt – steht neuerdings auf der Beobachtungsliste eines Zielfahnders. Der Grund: Sein Zwillingsbruder Marco – gesucht wegen Mordverdachts!
Dann wird Tom zusammen mit seiner Kollegin Mira zu einem Tatort gerufen. Der Unternehmens- und Politikberater Lars Lutteroth wurde tot aufgefunden; eine gelöschte Datei auf dem Rechner des Opfers führt sie auf die Spur eines millionenschweren Pharma-Skandals und auf den Biohof von Lutteroths entfremdeten Bruder. Doch das ist nicht Toms einzige Sorge, denn eines Tages taucht plötzlich sein von der Polizei gesuchter Bruder bei ihm auf …
Schimanski war gestern. Heute ermittelt Tom Simon!
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
Für Kristine und Theo
»Ich krieg auf die Schnauze, muss einstecken, einstecken und einstecken und geduldig auf meine Chance warten, wie da draußen in dem großen Durcheinander.«
Unbekannter Boxer
Sonntagabend
Der Vollmond tauchte das Zimmer in fahles blaues Licht. Lars Lutteroth lag im Bett neben seiner schlafenden Frau und betrachtete ihr Gesicht. Ruhig und entspannt atmete sie durch den leicht geöffneten Mund. Jeder Zug um die weichen, vollen Lippen herum war ihm vertraut, jede der wenigen feinen Falten hatte er entstehen sehen, ohne es wahrzunehmen. Sarah war intelligent und selbstbewusst. Ein angenehmer Mensch. Ohne Launen, immer verständnisvoll. Das Leben mit ihr war leicht. Offenbar passten sie gut zueinander. Und sie liebte ihn, jedenfalls schien es ihm so. Sie war eine gute Mutter, und sie passte perfekt in seine Familie, sein Vater hatte sie geradezu verehrt, sein Vater, der Patriarch. Warum hatte es immer so wichtig geschienen, ihm alles recht zu machen? Warum hatte er diese Macht gehabt über alle Menschen in seiner Umgebung?
Die Gedanken ließen Lars Lutteroth keine Ruhe finden. Leise erhob er sich und schlich aus dem Schlafzimmer. Vorbei an den Zimmern der Töchter, die Treppe hinunter in den großen Wohnraum mit der offenen Küche. Er schenkte sich einen Single Malt ein und stellte sich vor das große Schwarz-Weiß-Foto seines Vaters mit seiner Mutter, das in einem schlichten Holzrahmen unter Glas an der Wand hing. Ein schwarzes Samtband war über die untere rechte Ecke gespannt. Er fand den Trauerflor unnötig, aber Sarah hatte darauf bestanden.
Lars Lutteroth betrachtete den alten Mann, der weise und staatsmännisch wirkte. Das hatte sein Vater draufgehabt: in Sekundenschnelle eine beeindruckende Pose einzunehmen, wenn ein Fotograf auf den Auslöser drückte. Seine Mutter stand etwas versetzt hinter ihm und lächelte sanft. Die kluge Schwedin, die ihre Ziele auf die leise Art erreichte. Lars Lutteroth hob sein Glas und prostete ihnen zu. Dann setzte er sich in das Mondlicht, das durch die breite Fensterfront fiel. Er trank einen Schluck von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Der milde Geschmack des Whiskys breitete sich in seinem Mund aus. Er lehnte sich zurück, zufrieden. Er fühlte sich wohl in dem Bewusstsein, dass er dies alles sehr bald hinter sich lassen würde.
Auf einmal entdeckte er vor sich ein Paar Augen, das ihn aus der Dunkelheit heraus anfunkelte. Ein Rehkitz stand im Garten vor der Terrasse und sah durch die Fensterscheibe hinein, ein Rehkitz in der Stadt. Es musste sich aus dem nahen Naturschutzgebiet im Alstertal verirrt haben. Das scheue wilde Tier würde jeden Augenblick weglaufen. Fasziniert starrte er es an. Regungslos stand das anmutige Wesen vor ihm. Ein Moment von mystischer Kraft. Ihm erschien diese Begegnung wie ein Zeichen. Tatendrang und Aufbruchsstimmung erfüllten ihn. Er wollte nicht mehr warten.
Ein satter Knall. Ein harter Schlag. Ein gutes Gefühl. Die Linke, die Rechte. Die Linke, die Rechte. Immer schneller trommelten seine Fäuste in den Boxhandschuhen gegen das Kunstleder des ächzenden Sandsacks. Die Hände schmerzten, der Puls war hoch, der Schweiß rann seinen Körper herunter. Er war ganz Rhythmus und Kraft.
»Ey, Kommissar, machst du Sparring mit mir?«
Die Worte drangen kaum zu ihm durch.
»Ey, Kommissar!«
Er hielt kurz inne, setzte noch zwei harte Schläge, dann drehte er sich um. Vor ihm stand ein junger Mann, schlank, aber muskulös.
»Mein Partner ist nicht gekommen. Machst du Sparring mit mir?«
Er brauchte einen Moment, bis er zu Atem kam. Er sah dem Typen in die dunklen Augen.
»Tom. Ich heiße Tom, nicht Kommissar.«
Der Typ nickte ein paarmal und breitete entschuldigend die Arme aus.
»Okay, Mann. Tom. Alles klar!«
Kriminaloberkommissar Tom Simon neigte seinen Kopf in beide Richtungen, um im Nacken nicht steif zu werden, dabei musterte er den jungen Burschen.
»Wer bist du?«
»Chris.«
»Was ist dein Beruf, Chris? Wenn du überhaupt schon arbeitest?«
»Schrauber, ich bin Schrauber.«
Tom deutete einen Schlag gegen die Brust von Chris an.
»Ey, Schrauber, machst du Sparring mit mir? Ey, Schrauber!«
Chris lachte unsicher.
»Mann, ich wusste ja nicht, wie du heißt. Ich habe nur gehört, dass dich einige hier den Kommissar nennen.«
»Jetzt weißt du es.«
»Okay, Tom! Und – steigst du in den Ring mit mir?«
Tom zögerte und ließ seinen Blick durch das Dock One schweifen. Für die späte Stunde herrschte erstaunlich viel Betrieb. Das Dock One war einer der wenigen Boxclubs, in dem man jederzeit trainieren konnte. Jimmy, der Besitzer, Trainer und die Seele des kleinen Clubs am Hafen, war immer da und schloss nie vor Mitternacht. Tom überlegte. Sparring war eine Sache des Vertrauens. Er kannte den Jungen nicht, wusste nicht, ob er sich darauf verlassen konnte, dass dieser die Gesetze des Sparrings respektieren würde. Chris war gut zwanzig Jahre jünger als er und ziemlich austrainiert. Tom verstand selbst nicht, welcher Teufel ihn ritt, als er nickte.
Sie schlug die Augen auf und suchte in der Dunkelheit den kleinen Wecker auf ihrem Nachttisch. Die leuchtenden Zeiger standen auf kurz vor halb zwölf. Sie schloss die Augen sofort wieder, um schnell zurückzufinden in den Schlaf, ohne den sie am nächsten Morgen kaum zu gebrauchen sein würde. Doch sie spürte, dass etwas anders war. Sie öffnete die Augen und drehte sich zur Seite. Neben ihr war das Bett leer. Im blassen Mondlicht konnte sie erkennen, dass die Decke aufgeschlagen war. Sie holte die kleinen Stöpsel aus ihren Ohren, lauschte in die Nacht und wartete, ob sie ihren Mann irgendwo im Haus hörte. Doch alles blieb still. Sarah Lutteroth knipste die Nachttischlampe an, legte die Stöpsel neben den Wecker und stand auf. Leise ging sie an den Zimmern der Töchter vorbei, öffnete die Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes. Er war nicht da. Sie ging die Treppe hinunter.
»Lars?«, fragte sie unsicher in die Dunkelheit, in der sie die vertraute Umgebung nur schemenhaft erkennen konnte. Stille. Eine Angst beschlich sie, die sie so nicht kannte. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
»Lars?« Keine Antwort.
Auf dem langen Holztisch vor der Fensterfront stand ein leeres Whiskyglas. Sie war sicher, dass ihr Mann am Abend keinen Whisky getrunken hatte. Sie blickte in den Garten und bemerkte, dass der Mond seine perfekte Rundung erreicht hatte. Vollmond. Ihr wurde unheimlich zumute. Vorbei an der offenen Küchenzeile ging sie in den Flur, sah kurz in die Toilette und öffnete die Tür zum Gästezimmer. Keine Spur von ihrem Mann. Hatte er das Haus verlassen, um diese Uhrzeit? Sie schaute auf das kleine Regal neben der Tür, wo sie ihre Schlüssel abzulegen pflegten, und stellte fest, dass sein Schlüsselbund fehlte. Irritiert ging Sarah Lutteroth zur Kellertreppe, schaltete das Licht an und stieg die Stufen hinab. Sie mochte diesen Ort nicht mit seiner niedrigen Decke und den kahlen Wänden. Hier fühlte sie sich unwohl und hielt sich immer so kurz wie möglich auf. Sie fröstelte, obwohl es immer noch fast so warm war wie am Tag. Sie legte ihre Hand auf den Griff der Tür zur Garage und spürte, dass sie zitterte. Als sie die Tür öffnete, ließ der Bewegungsmelder die LED-Röhren aufflackern, die den Raum in kaltes, grelles Licht tauchten. Der Audi ihres Mannes war weg.
Schmatzend und glucksend schlug das schwarze Elbwasser gegen die Kaimauer. Tom setzte sich auf einen Poller und presste die kalte Bierflasche gegen die Stirn. Sein Schädel brummte noch ein wenig, und er spürte jeden Treffer, den Chris auf seinem Körper hatte platzieren können. Aber das war okay, er war bereit gewesen für den Schmerz. Tom ließ das kühle Bier seine Kehle hinunterlaufen, starrte auf die unzähligen Lichter des Hafens und lauschte den metallischen Klängen; Container wurden verladen, Schiffskörper instand gesetzt, der Hafen war immer in Bewegung. Tom fühlte sich wohl, genoss die körperliche Erschöpfung. Die laue Mainacht roch schon nach Sommer. Es war zu warm für diese Jahreszeit. Viel zu warm.
Hinter sich hörte er Schritte, die sich näherten. Kurz spürte er den Drang, sich umzudrehen, aber der Klang der Schritte war ihm vertraut. Lässig, leicht schlurfend, in aller Ruhe. Tom brauchte den Kopf nicht zu wenden.
»Du hast dich gut gehalten«, sagte Jimmy und setzte sich mit einer Flasche Bier auf den Poller neben ihm. Er stellte seine Tasche zu seinen Füßen, holte eine Schachtel Zigaretten heraus und zündete sich eine an.
»Erstaunlich gut«, fügte er hinzu.
»Für mein Alter?«
»Dafür, dass du lange nicht trainiert hast.«
»Du rauchst wieder?«, fragte Tom.
Jimmy sog das Nikotin tief ein. »Ging nicht anders«, murmelte er mehr zu sich als zu Tom, »Chris ist ein guter Kämpfer. Er wird bald seinen ersten Kampf fürs Dock One machen«, wechselte er das Thema.
»Er hat eine gute Technik und ist verdammt schnell. Er hat sich ganz schön zurückgehalten«, sagte Tom.
»Aber nicht nur wegen dir. Ich hab ihm das gesagt, weil er manchmal zu schnell wird. Er verliert dann den Überblick und läuft in Fallen. Du hast ihn auch in einige gelockt.«
Tom schüttelte den Kopf. »Ich hab nur versucht, mich nicht zu blamieren.«
In ihren Trainingsanzügen saßen sie da, blickten auf das schwarze Wasser, auf dessen Wellen die Lichtreflexionen tanzten.
»Warum ging es nicht anders?«, fragte Tom.
Jimmy blies den Rauch in das Licht, das vom Hafen herüberschien.
»Patty ist wieder in der Klinik.«
Ein schwarzer Containerriese schob sich langsam durch den Fluss. Dunkel und mächtig.
»Scheiße!«, sagte Tom.
Jimmy nickte und trank einen kräftigen Schluck.
»Im Januar fing es wieder an. Erst sah es noch so aus, als wenn sie es mit neuen Medikamenten schaffen könnte. Aber dann wurde es immer schlimmer, und die ganze Scheiße ging wieder von vorne los.«
Tom brauchte einen Moment, um die Nachricht zu verdauen. Fast ein halbes Jahr hatte Jimmys Frau in der Psychiatrie verbracht. Manisch depressiv. Jimmy hatte damals allein dagestanden mit Ben, ihrem vierzehnjährigen Sohn. Tom erinnerte sich genau an den verschlossenen Jungen, der in dieser Zeit oft bei Jimmy im Dock One hatte abhängen müssen. Ben hatte sich nicht die Bohne für den Sport seines Vaters interessiert und diese Stunden komplett mit Spielen auf dem Tablet verbracht, das Jimmy ihm damals geschenkt hatte. Ein, zwei Mal hatte Tom versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, war aber kläglich gescheitert. Schließlich hatte Patty sich erholt, und als sie wieder zu Hause gewesen war, schien alles gut gelaufen zu sein.
»Und Ben?«, fragte Tom.
Ein schrilles Gekreische ertönte über ihnen. Mehrere Möwen stritten sich um eine rote Plastikpackung. Jimmy ließ sich Zeit mit der Antwort.
»Der Junge lebt sein eigenes Leben.«
»Das tun wir alle.«
Jimmy nickte. Die größte Möwe trug den Sieg und die Packung davon. Die anderen folgten ihr, wohl in der Hoffnung, sie könnte ihre Beute in einem unaufmerksamen Moment wieder verlieren.
Jimmy sah Tom an. »Er gibt mir die Schuld an Pattys Zustand.«
Tom wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste, wie sehr Jimmy an seinem Sohn hing.
»Er spricht es nicht aus, aber er denkt es. Er redet nur das Nötigste mit mir. Weicht mir aus. Ist kaum zu Hause und hängt mit seinen Gamer-Freunden ab. Glaube ich jedenfalls.«
»Und warum denkt er, dass du schuld an Pattys Depressionen bist?«
»Weil ich zu viel Zeit im Club verbracht habe.«
»Aber hattest du das nicht geändert? Du wolltest doch …«
»Und weil Patty und ich uns in letzter Zeit oft gestritten haben«, machte es Jimmy kurz.
»Okay«, sagte Tom. Er spürte, wie schwer es Jimmy gefallen war, diesen Satz auszusprechen.
»Ich weiß es ja auch nicht. Ben erzählt mir nichts. Die Zeiten, in denen er mit mir Fifa gespielt und gequatscht hat, sind lange vorbei. Jetzt ist er komplett verschlossen.«
»Und was ist mit der Schule?«
»Das ist das einzig Gute. Er hat irgendwie seinen Ehrgeiz entdeckt. Wenn er doch mal zu Hause ist, hängt er über den Büchern oder am Computer und lernt.« Jimmy zuckte ratlos mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was er mal machen will. Vielleicht will er seinem Vater zeigen, dass er mehr draufhat, als nur einen blöden Boxclub zu führen.«
»Na und? So ist das doch immer. Als ich so alt war, wollte ich auch unbedingt dem Mief unseres Eisenwarenladens entkommen. Und heute habe ich großen Respekt vor dem, was meine Eltern da aufgebaut haben. Mann, wie habe ich es gehasst, nach der Schule im Laden stehen zu müssen. Um mein Taschengeld aufzubessern. Acht Schrauben hier, ein paar Überwurfmuttern da. Werkzeug, Öl, Küchenscheiß und ständig dieses kalte Neonlicht. Und der Geruch. Wenn ich heute bei meinen Eltern bin, dann rieche ich immer den Laden an ihren Klamotten. Aber wie gesagt: heute habe ich Respekt.«
Jimmy nickte, trank den letzten Schluck aus seiner Flasche und stellte sie auf den Boden. »Für die Flaschensammler.« Er stand auf, dann sah er Tom an. »Schön, dass du mal wieder da warst. Du solltest öfter kommen. Etwas eingerostet bist du schon.«
Tom erhob sich ebenfalls. Schweigend standen die beiden Männer sich gegenüber. Erst jetzt fielen Tom die tiefen Falten auf, die sich in Jimmys Gesicht gegraben hatten. Er hatte das Bedürfnis, ihn zu umarmen. Er machte einen Schritt auf ihn zu, legte eine Hand auf seine Schulter und zog den Mann zu sich heran. Jimmy erwiderte die Umarmung, und Tom spürte die Kraft in dessen muskulösen Boxerarmen. Dann löste sich Jimmy von ihm und nahm seine Tasche.
»Mach’s gut, Tom!«
»Du auch, Jimmy!« Tom sah ihm hinterher. »Sie schafft das. Ihr schafft das!«
Jimmy hob seinen rechten Arm, als Zeichen, dass er verstanden hatte. Tom musste an den jungen, durchtrainierten Kerl denken, der Jimmy bei ihrer ersten Begegnung gewesen war. Tom war damals ein zwölfjähriger Junge gewesen. Sein Vater hatte ihn mit seinem Bruder Marco ins Dock One gebracht. Jimmy sollte ihnen das Boxen beibringen und ihre Reflexe trainieren, die für ihr Alter viel zu langsam waren. Tom war mächtig beeindruckt gewesen von Jimmys Erscheinung. Bevor Jimmy irgendetwas zu ihm gesagt hatte, hatte er aus dem Nichts einen Schlag angedeutet, und Tom war erschrocken zurückgewichen und hingefallen.
»Du musst an deiner Deckung arbeiten!«, hatte Jimmy gemeint und gelacht. Dann hatte er ihm die Hand gereicht. Tom war nicht sicher gewesen, ob er diesen Typen würde mögen können. Doch dieser Typ sollte wie ein zweiter Vater für ihn werden.
Er trank die letzten Schlucke von seinem Bier und stellte die leere Flasche neben Jimmys. Der Vollmond leuchtete orange am Himmel. Er wirkte groß und mächtig. Tom hängte sich seine Sporttasche über die Schulter und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, den er ein Stück entfernt vom Dock One geparkt hatte. Früher hatte er seinen Wagen einfach auf den großen, mit Graffitis übersäten Platz gegenüber vom Club abgestellt, aber diesen Platz gab es schon lange nicht mehr. Stattdessen ragte hier heute eines der vielen luxuriösen Bürogebäude in den Himmel und raubte dem Dock One die schöne Aussicht. Die moderne Zeit hatte sich breitgemacht und nutzte den Hafen nur noch als Kulisse für ihre eitle Selbstinszenierung.
Vor der gläsernen Fassade einer Vermögensberatung steckte er den Schlüssel ins Türschloss seines roten Mercedes, einem 123er Coupé aus den Achtzigerjahren. Gefühlvoll rüttelte er, bevor es »Klick« machte und er die Tür öffnen konnte. Seit Monaten schob er den Werkstattbesuch hinaus und ahnte, dass das Rütteln eines Tages nicht mehr reichen und er wie ein Trottel vor seinem verschlossenen Wagen stehen würde, denn das Schloss der Beifahrertür verweigerte seinen Dienst schon seit Längerem. Er ließ sich auf das braune Polster sinken und spürte das ganze Gewicht seines müden Körpers.
Während er losfuhr, schloss er sein Handy an die Anlage an und wählte den Soundtrack für die Fahrt nach Hause. Flotus von Lambchop. Der Motor schnurrte dazu fett und schwer. Tom kurbelte das Fenster herunter und genoss den warmen Fahrtwind. Entspannt glitt er über den Asphalt dahin. Um diese Zeit war die Große Elbstraße wie ausgestorben. Früher hatten hier die Prostituierten auf Kunden gewartet. Der Autostrich hatte zum Hafen gehört wie die unzähligen Kneipen, die noch richtige Kneipen gewesen waren.
Auf einmal tauchte in einiger Entfernung etwas vor ihm auf. Mitten auf der Straße bewegte sich etwas Schemenhaftes merkwürdig hin und her. Als Tom näher kam, erkannte er einen nackten Mann mit Vollbart, der auf ihn zutaumelte. Weit und breit war sonst niemand zu sehen. Tom fuhr langsamer. Der Mann rief etwas in die Nacht, wirkte verwirrt, womöglich war er betrunken. Tom schätzte ihn auf Mitte dreißig. Seine Arme waren tätowiert, seine Unterschenkel ebenfalls.
Tom stellte die Musik aus, hielt an und stieg aus. Wieder rief der Nackte etwas, sein schlanker Körper und die kurzen schwarzen Haare glänzten nass im Licht der Straßenbeleuchtung. In der Hand hielt er einen kleinen, roten Gegenstand. Tom konnte nicht erkennen, was es war. Der Mann schien ihn bemerkt zu haben und hielt inne.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte Tom mit ruhiger Stimme.
Zwei aufgerissene Augen starrten ihn an.
»Brauchen Sie Hilfe?«, wiederholte er.
In einigen Wohnungen ging Licht an, und Menschen erschienen an den Fenstern.
»Ich bin Polizist. Ich kann Ihnen helfen.«
Langsam ging Tom näher an den Mann heran. Da erst nahm er den starken Benzingeruch wahr. Der Mann hatte sich mit Benzin übergossen. Und der Gegenstand in seiner Hand war ein Feuerzeug. Adrenalin schoss durch Toms Körper. Von einem Moment auf den anderen war er hellwach und konzentriert. Er überlegte, welche Möglichkeiten er hatte. Er war vielleicht noch acht Schritte entfernt. Zu weit, um sich auf den Mann stürzen und ihm das Feuerzeug aus der Hand schlagen zu können.
»Ich kann Ihnen helfen«, wiederholte Tom und streckte ihm den Arm entgegen, während er sich vorsichtig weiter näherte.
Der Mann lachte. Es klang bemüht, künstlich und irre. Noch sechs Schritte. Der Mann öffnete seine Faust, und Tom erkannte das rote Einwegfeuerzeug.
Tom schüttelte den Kopf. »Tu das nicht!« Er wagte noch einen weiteren Schritt. Der Mann hob die Hand mit dem Feuerzeug.
Alle möglichen Überlegungen stellte sie an, während sie mit dem Telefon vor der Fensterfront auf und ab wanderte. Sie landete aber immer wieder bei der naheliegenden: Sie fragte sich, seit wie vielen Nächten ihr Mann schon heimlich verschwand, um sie zu betrügen. Der Verdacht bewirkte eine Art milden Schock, der ihr langsam in die Glieder kroch. Doch zugleich stellte sie fest, dass ihr die Vorstellung weniger ausmachte, als sie erwartet hätte. Sie wunderte sich vielmehr über den Leichtsinn ihres Mannes. Er hatte doch damit rechnen müssen, dass sie aufwachen und seine Abwesenheit bemerken würde, auch wenn sie einen festen Schlaf hatte.
Ein solch dreistes Vorgehen passte eigentlich nicht zu Lars. Vielleicht war doch alles ganz anders. Im Menü des Telefons wählte sie seine Nummer aus. Würde sie gleich seine Stimme hören, würde er eine harmlose Begründung für seinen nächtlichen Ausflug liefern? Würde sie ihm glauben? Auf einmal merkte sie, dass es ihr eigentlich gleichgültig war. Ganz und gar. Sie wollte es gar nicht wissen. Sie beschloss, Lars nicht zur Rede zu stellen. Wenn er zurückkehrte, sollte er sie schlafend vorfinden.
Sie legte das Telefon zurück auf den Tisch, öffnete die Terrassentür und trat hinaus ins Freie. Die Luft auf ihrer Haut fühlte sich warm und weich an. Es roch nach Gras und der frischen Erde, die sie am Nachmittag umgegraben hatte. Ihr helles Nachthemd schimmerte im Mondschein. Sie war nicht müde und spürte eine unbestimmte Lust. Auf irgendetwas. Sie ging wieder hinein. Aus dem kleinen Weinregal auf der Anrichte zog sie eine Flasche Rotwein. Einen feinen Chianti Classico. Lars’ Lieblingswein. Als sie ihn entkorkte, musste sie lächeln. Wenn Lars wüsste. Sie schenkte sich ein Glas ein und schwenkte den rubinroten Wein langsam hin und her, damit er atmen konnte. Dann trank sie einen Schluck und genoss den vollen Geschmack. Mit dem Glas ging sie zur Hi-Fi-Anlage und stöberte in den CDs. Sie entschied sich für Leonard Cohen und legte sein letztes Album in den Player. Die Nachricht, dass der kanadische Liedermacher kurz nach Erscheinen der Platte mit zweiundachtzig Jahren verstorben war, hatte sie damals traurig gemacht. Cohens tiefe, raue Stimme, seine Sätze über Abschied, Tod und Liebe schwebten durch den Raum. Gedankenverloren wiegte sie sich zur Musik und spürte immer noch dieses unbestimmte Verlangen. Sie beschloss, aus dieser Nacht eine besondere werden zu lassen.
In der Küchenzeile zog sie eine der großen Schubladen heraus. In dem Raum dahinter ertastete sie die vertraute Streichholzschachtel und holte sie hervor. Sie schob sie auf, nahm sich eine der kleinen Tabletten, legte die Schachtel zurück ins Versteck und schob die Schublade wieder zu. Sie betrachtete die kleine Pille in ihrer Handfläche und freute sich auf den sanften Rausch, der sie umarmen, wärmen und glücklich machen würde. Sie legte die Pille auf ihre Zunge und spülte sie mit einem Schluck Chianti hinunter. Dann setzte sie sich im Wohnzimmer auf den Boden, zog die Beine unter ihrem Nachthemd eng an sich heran und legte den Kopf auf ihre Knie. »I wish there was a treaty between your love and mine«, sang Cohen.
Tom starrte auf den Daumen am Zündrad des Feuerzeugs. Dieser Idiot macht es wirklich, dachte er. Keine Zeit mehr für Psychologie. Er stürzte los. Ein Schritt. Alles oder nichts. Der Mann riss die Augen auf und stieß einen entsetzlichen, animalischen Schrei aus. Noch ein Schritt. Der Daumen drehte das Zündrad. Eine kleine Flamme stand flackernd in der Luft. Noch ein Schritt. Der Schrei des Mannes hielt an, hallte zwischen den Beton- und Glasfassaden der Büros und Geschäfte. Tom machte einen Sprung, mit gestreckten Armen flog er wie ein Torwart auf den Mann zu und sah dabei dessen Hand mit dem Feuerzeug, sah wie in Zeitlupe, dass sie sich zum nackten Körper bewegte. Tom erreichte sie, riss sie weg. Das Feuerzeug fiel zu Boden. Tom und der Mann stürzten zusammen auf den Asphalt. Hart schlugen sie auf. Das Feuerzeug war ein paar Meter weiter gelandet. Wütend stieß der Mann Tom von sich, er schrie, trat um sich und schlug wie wild auf ihn ein. Tom bekam Schläge ins Gesicht, auf die Brust, Tritte in den Bauch und den Unterleib.
»Hey, hey, hey! Halt! Aufhören!«, rief er und versuchte vergeblich, den Mann irgendwie zu packen. Doch der Verrückte schlug und trat weiter, Tom wusste keinen Ausweg und verpasste ihm eine rechte Gerade gegen den Kiefer. Der Mann sackte zurück. Schlaff blieb er liegen und atmete erschöpft ein und aus.
»Was soll das? Was soll dieser ganze beschissene Auftritt?«, schrie Tom, warf sich auf den Mann und packte ihn. Er drehte ihn auf den Bauch, setzte sich auf ihn, zog einen Arm auf den Rücken und hielt ihn dort fest. Dabei entdeckte er Einstichstellen in der Armbeuge. Der Mann spritzte Heroin. Wahrscheinlich war er auf einem Trip. Einem Höllentrip.
»Lass mich los!«, nuschelte er.
Sein Körper spannte und bog sich unter Tom.
»Lass mich los!«
Doch Tom behielt den Mann fest im Griff. Aus seiner Hosentasche holte er sein Handy und forderte einen Streifenwagen an. Der Mann erschlaffte vollends, er schien aufgegeben zu haben. Alles stank nach Benzin, Tom spürte Schmerzen an beiden Rippenbögen. Unter ihm lachte der Typ leise. Oder weinte er?
Der vertraute Geruch der Wohnung wirkte beruhigend. Tom schloss die Tür hinter sich und warf den Schlüssel auf den üblichen Platz, die Aluminiumkiste neben der Tür mit dem Durcheinander aus Werkzeugen, Schrauben, Stiften, einem Schirm, Ladekabeln und anderen Dingen, die sich dort angesammelt hatten. Ohne das Licht anzuschalten, ließ er die Sporttasche auf den Boden fallen, ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Er blickte auf den Teller vor sich und sah verschwommen in der Dunkelheit die Reisklumpen und Gemüsestreifen. Die Reste seines Essens vom Asia-Imbiss.
Er fühlte sich erschöpft, und sein Körper schmerzte. Der Junge im Dock One und dieser Wahnsinnige hatten ihm einige saftige Prellungen beschert. Tom blickte in den Hof. In einer Wohnung im Haus gegenüber brannte noch Licht, und er konnte erkennen, wie ein junger Mann vor einem Bildschirm saß. Eine Frau erschien neben ihm. Lange blonde Haare fielen über ihre Schultern. Sie zeigte auf den Bildschirm und fing an zu lachen. Der junge Mann lachte ebenfalls. Sie lachten miteinander und hörten nicht mehr auf, die Frau krümmte und schüttelte sich, der Mann warf den Kopf in den Nacken und fiel fast vom Stuhl. Tom musste schmunzeln. Er überlegte, ob er noch ein Bier trinken sollte, doch als er die Hand schon am Kühlschrank hatte, entschied er sich dagegen. Er verließ die Küche und ging ins Wohnzimmer, zwei Räume, die durch eine Schiebetür miteinander verbunden waren. Der schwache Schein der Straßenbeleuchtung warf ein schummriges Licht auf die Möbel. Für einen Moment wusste Tom nicht, wohin mit sich. Er hatte wieder das Bild des nackten Mannes vor Augen, der auf der Straße auf ihn zugewankt war. Wäre er wenige Minuten vorher dort entlanggefahren, hätte er ihn vielleicht nicht gesehen. Er hätte morgen erfahren, dass sich ein Junkie dort selbst in Brand gesetzt hätte. Schicksal. Eine Sekunde – oder weniger – hatte gefehlt, und der Durchgeknallte hätte sich angezündet. Tom wäre vielleicht schon auf ihn zugesprungen und in den Flammen gelandet, hätte ebenfalls Verbrennungen erlitten. Schicksal. Sie beide hatten enormes Glück gehabt. Jetzt lag der Mann auf der geschlossenen Station der Psychiatrie. Tom beschloss, sich in ein paar Tagen nach seinem Zustand zu erkundigen.
Er schlüpfte aus seinen Sneakers, ging durch die Schiebetür in den anderen Raum und legte sich auf seinen Futon. Bei jeder größeren Bewegung schmerzten seine Rippen. Er starrte an die Decke. Patty war auch wieder in der Psychiatrie. Der Gedanke machte ihn traurig. Tom erinnerte sich gut an die Zeit, als die drei eine glückliche Familie gewesen waren.
Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos warfen die Schatten der Fensterkreuze und der Äste des Baums auf die Zimmerdecke und ließen sie über den weißen, vielfach übermalten Stuck wandern. Vorsichtig drehte sich Tom auf die Seite und streckte den Arm nach der Kinderlampe auf dem Boden neben sich aus. Sogleich durchfuhr ihn wieder der Schmerz im Brustkorb. Er biss die Zähne zusammen, knipste die Lampe an. Bunt leuchteten ein Zebra und ein Elefant vor einem nachtblauen Himmel mit funkelnden Sternen. Tom starrte auf das friedliche Bild, bis es sich nach einer Weile langsam in Bewegung setzte. Das Zebra und der Elefant zogen weiter, es folgten ein Affe und ein Tiger. Die Lampe drehte sich, und die bunten Lichtreflexionen schwebten durchs Zimmer. Über Möbel, Wände und die Decke. Wie in jeder Nacht seiner Kindheit, als sein Zwillingsbruder und er in ihren Betten gelegen hatten und das sich langsam bewegende, bunte Licht der kleinen Lampe sie sanft in den Schlaf gewiegt hatte.
Montag
Tom war zu spät, als er das kleine Büro betrat, das er sich mit seiner Partnerin Mira Holbing teilte. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er verschlafen. Er war selbst überrascht und betrachtete es als Zeichen einer zunehmenden Entspannung. Vielleicht hatte er seine Schlafprobleme endlich überwunden.
Tom hatte sich heute Morgen sogar die Zeit genommen, ein paar Dehnübungen zu machen gegen den Muskelkater und die Schmerzen an den geprellten Rippen. Das Frühstück hatte dann aber auf der Fahrt ins Präsidium stattfinden müssen. Zwei Schokoladencroissants, ein Milchkaffee, dazu ein paar Songs von Arcade Fire und das Sonnenlicht, das durch eine dünne, aufbrechende Wolkendecke in seinen Wagen schien. Tom hatte sich so wohlgefühlt wie schon lange nicht mehr.
»Guten Morgen, Mira!«
Mira sah von ihrem Schreibtisch auf. Seit zwei Jahren waren sie ein Team und verstanden sich fast blind. Eigentlich hieß sie Mandira, das hatte sie Tom einmal bei einem Feierabendwein erklärt. Mandira bedeutete im Indischen Melodie. Ihre Mutter kam aus Indien. Tom fand, der Name passte sehr gut zu ihrer sanften und selbstbewussten Art. Aber sie nannte sich lieber Mira, weil das einfacher klang und sie den Leuten nicht ständig ihren Namen buchstabieren musste.
»Bonjour, Monsieur!«, erwiderte sie und sah ihn auffällig neugierig an, als würde sie etwas von ihm erwarten.
»Und, wie war das Wochenende?«, fragte er und setzte sich an seinen Schreibtisch, der ihrem gegenüberstand. Ihr Blick ruhte immer noch eigenartig auf ihm. Hatte er etwas vergessen?
»Zufriedenstellend. Eine Drei plus, würde ich sagen. Samstag hatte ich die Jungs von meinem Bruder im Schlepptau. Das war schön, aber auch ziemlich anstrengend. Die drei sind echt wild. Hallihallo im Showgeschäft! Planten un Blomen, Comicladen, Kino, Eis und Burger, das ganze Programm. Und dann wollten sie auch noch unbedingt bei Tante Mira übernachten. Da haben wir ’ne Campingwiese aus dem Wohnzimmer gemacht. Als ich sie am Sonntag wieder los war, habe ich erst mal Ruhe gebraucht. Ich hab die Vorhänge zugezogen, draußen draußen sein lassen und die Stille genossen. Leider habe ich dann noch Kopfschmerzen bekommen. Also, über ’ne Drei plus kam mein Wochenende nicht hinaus.«
Tom fand die Luft im Raum stickig und überlegte, ob er das Fenster öffnen sollte. Aber er ahnte, dass Mira gleich wieder protestieren würde. So gut er sich mit ihr auch verstand, ihr starkes Bedürfnis nach Stille, ihre Empfindlichkeit gegenüber Lautstärke konnte manchmal anstrengend sein.
»Und deins?«, fragte sie.
Wieder fiel Tom ihr merkwürdiger Blick auf.
»Eine Zwei minus. Aber mein Samstag war auch besser als der Sonntag. Ich war auf dem Flohmarkt, Freunde hatten einen Stand, und ich habe bei ihnen abgehangen. Dann hab ich mir die neue Iggy-Pop-Scheibe gekauft. Hab mich treiben lassen, Kaffee getrunken, mit hübschen Frauen geflirtet.« Tom hielt die stickige Luft nicht mehr aus. Während er erzählte, ging er zum Fenster und öffnete es. »Am Sonntag hatte ich den ganzen Tag so eine starke Unruhe in mir und wusste nichts mit mir anzufangen.«
»Können wir das Fenster zulassen?«, fragte Mira wie erwartet.
»Stört dich die schlechte Luft gar nicht?«, erwiderte er.
»Welche schlechte Luft? Den Lärm von der Baustelle finde ich viel schlimmer.«
Tom horchte einen Moment. »Welche Baustelle?«
»Wie bitte? Die ist doch wohl kaum zu überhören.«
Er konzentrierte sich noch mehr und nahm schließlich leise, weit entfernt, Gehämmer und Baumaschinengeräusche wahr.
»Das ist am anderen Ende der Stadt. Das ist kaum zu hören.«
Mira sah Tom gereizt an. »Nur weil du fast taub bist.«
»Mira, du bist Polizistin in einer Großstadt.«
»Ach wirklich? Kann ich das nicht auch bei geschlossenem Fenster sein?« Sauer wandte sie sich wieder ihrem Schreibtisch zu.
Tom schloss das Fenster.
»Danke!«
Er setzte sich wieder.
»Superbulle!«, fügte Mira hinzu.
»Was soll das denn jetzt?«
Mira hielt eine Zeitung hoch. Die großen schwarzen Buchstaben der Schlagzeile sprangen Tom an.
»Kommissar rettet Selbstmörder!«
Natürlich war der Vorfall ein gefundenes Fressen für die Medien der Stadt.
»Du hast es noch nicht gesehen?«
Mira warf ihm die Zeitung hinüber. Jetzt verstand Tom, warum sie ihn so merkwürdig angesehen hatte. Er betrachtete das Foto unter der Schlagzeile. Es zeigte, wie er vor dem nackten Mann stand, der sein brennendes Feuerzeug hochhielt.
»Das war sehr mutig. Respekt, Monsieur! Du bist mein Bulle des Monats!«
Tom starrte auf das Bild. Es war von einem erhöhten Standpunkt aus aufgenommen worden, Tom war schräg von hinten zu sehen.
Scheiße, dachte er. »Das Foto sieht aus wie …«
»Richtig, du bist der neue Star im Netz.«
»Nein!«
»Doch!«
Mira aktivierte ihren Internetbrowser und rief YouTube auf. Dort fand sich der Clip. »Kommissar rettet Mann vor Selbstverbrennung« stand darunter. 27.673 Aufrufe.
»Scheiße!«, sagte Tom.
Jemand hatte offenbar aus einem Fenster heraus gefilmt, wie er vor dem Junkie gestanden und auf ihn eingeredet hatte. Mira klickte auf das Bild, und das Video begann. Tom sah die Aktion, wie er sie erlebt hatte. Aber durch die Kamera wirkte alles schneller und weniger spektakulär. Der furchtbare Schrei, Toms gewagter Sprung und die heftige Rangelei am Boden. Tom zuckte zusammen, als er sah, mit welcher Wucht er den Mann niedergeschlagen hatte. Es war ihm unangenehm zu hören, wie er ihn anschließend angeschrien hatte. Die Worte waren auf die Entfernung leise, aber deutlich zu verstehen. »Was soll das? Was soll dieser ganze beschissene Auftritt?«
»Das war ein schöner Hechtsprung. Aber die Landung ist noch verbesserungswürdig, wenn du mich fragst«, sagte Mira grinsend.
Der Clip endete, als Tom auf dem Rücken des Mannes saß und in sein Handy sprach.
»Hat der Typ eigentlich irgendwas gesagt?«, wollte sie wissen.
»Nichts.«
»Du weißt gar nichts von ihm?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Nur, dass er ein Junkie ist und wohl auf einem Trip war.«
»Du hast ihm ganz schön eine verpasst.«
Er erinnerte sich an die Wut, mit der er zugeschlagen hatte. Auf dem Video wirkte dieser Schlag unverhältnismäßig. Er sah zum Fenster hinaus. »Ich hätte souveräner sein müssen.«
»Ey, du hast den Typen gerettet und dein eigenes Leben dafür riskiert. Und man kann genau sehen, wie er auf dich einschlägt.«
Tom schüttelte den Kopf.
»Das war eine Stresssituation«, sagte Mira.
»Da ist ja unser Held!« Der Bass von Hauptkommissar Hendrik Felsen dröhnte durch den Raum. Es folgte der mächtige Körper dazu.
Felsen leitete die Mordbereitschaft zwei, welche aus ihm, Tom und Mira und den Kollegen Balbeck und Taller bestand. Er blieb in der Mitte des Büros stehen; er schien den Raum mit seiner Präsenz ganz auszufüllen. Mit seinen kurzen blonden Haaren, den etwas glasigen blauen Augen und der wortkargen Art entsprach er dem Bild des typischen Hamburgers. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass er aus dem Rheinland kam.
»Ist alles okay mit dir?«, fragte er Tom.
»Mir geht’s gut. Ich habe nur ein paar Prellungen.«
»Das meine ich nicht. Ich meine sonst. Überhaupt.«
Tom sah seinen Chef verwundert an. Der sah ihm tief in die Augen.
»Du gehst am späten Sonntagabend boxen.«
»Na und?«
»Na ja, für den armen Verrückten war das immerhin ein Glück«, sagte Felsen. »Hier sind alle mächtig stolz auf dich.«
Tom wusste nicht, was er sagen sollte, und nickte nur.
»Es ist schön, dass es mal wieder gute Schlagzeilen gibt. Melanie hat mich natürlich gleich angerufen. Sie hätte gerne, dass du dich für ein paar Interviews zur Verfügung stellst.«
Daran hatte Tom noch gar nicht gedacht. Natürlich war die Geschichte ein gefundenes Fressen für ihre Presseabteilung, und die Kollegin Melanie Torres war stets besonders ehrgeizig, wenn es darum ging, die Hamburger Polizei in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Tom verzog den Mund. Der Gedanke, sich den Medien präsentieren zu müssen, schmeckte ihm gar nicht.
»Ich kann mir vorstellen, was du jetzt denkst. Aber wir müssen auch ab und zu an unsere Außenwirkung denken.«
Tom ahnte, dass er aus der Nummer nicht mehr herauskommen würde.
»Außerdem ist es eine Möglichkeit für dich, deine brutale rechte Gerade nachträglich ein wenig zu entschärfen«, fügte Felsen mit einem eindringlichen Blick hinzu.
Tom rang sich zu einem Nicken durch. »Ich werde Melanie anrufen«, sagte er.
»Aber warte noch damit!«, sagte Felsen.
Tom spürte, dass seinen Chef noch etwas anderes beschäftigte. Auch Mira sah Felsen gespannt an.
»Brenner will dich sprechen.«
Die unscharfe Spiegelung auf dem glatten Metall vor ihm hatte etwas Düsteres. Das kalte Neonlicht, das senkrecht von der Decke fiel, machte aus Toms Augen zwei schwarze Löcher. Ein sanftes Rucken, und sein Gesicht teilte sich. Die linke Hälfte der Fahrstuhltür fuhr zur Seite, und mit ihr verschwand eine Hälfte seines Ebenbilds. Die andere blieb, denn der rechte Teil der Fahrstuhltür klemmte. Unmerklich zuckte das schwere Metall auf der Stelle. Irritiert starrte Tom auf seine verbliebene Gesichtshälfte. Dann trat er hinaus in den dunklen Flur der fünften Etage. Er hoffte, niemandem zu begegnen. Er war nicht in der Stimmung für Schultergeklopfe. Die anstrengende Mischung aus Angst, Hoffnung und Neugier, die er immer vor einem Gespräch mit Brenner empfand, hatte ihn im Griff.
Zielstrebig lenkte er seine Schritte durch den Korridor, der das kreisförmige Zentrum des Gebäudes bildete, von dem alle zehn Flügel sternförmig abgingen. Die Türen der meisten Büros waren geschlossen, und es war merkwürdig still. In einer Kaffeeküche wartete ein frisch gefüllter Kaffeebecher dampfend auf seinen Besitzer. Schnell ging Tom weiter.
Vor der Tür zum Besprechungsraum drei blieb er stehen. Er atmete durch, drückte das kalte Metall der Klinke herunter und ging hinein. Außer ihm war noch niemand in dem länglichen Raum. Die Luft roch abgestanden. Die Klimaanlage funktionierte nicht. Er ging um den langen Tisch mit den vielen Stühlen herum und öffnete ein Fenster. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, und vom Stadtpark wehte eine frische Brise herüber. Er blinzelte in das warme Licht. Fröhliche, aufgeregte Kinderstimmen hallten zu ihm herüber wie aus weiter Ferne. Sie erinnerten ihn an eine andere Zeit. In der stand Tom als Zwölfjähriger auf dem Schulhof inmitten spielender Kinder und fixierte den Ball, der gerade auf ihn zuflog. Die Flugbahn konnte er genau abschätzen, und er wusste, was jetzt zu tun war. Er hob seine Hände. Das runde Geschoss kam rasant näher und näher. Gleich würde er zupacken und es fangen. Doch da klatschte der Ball ihm schon ins Gesicht. Alle Kinder um ihn herum lachten. Der Schmerz brannte auf seiner Haut, in der Nase und in seinem Herzen. Die anderen liefen um ihn herum und machten sich über ihn lustig. Marco kam angerannt, stellte sich schützend vor ihn und schrie: »Hört auf zu lachen oder es gibt was auf die Fresse! Ihr seid Schisser, blöde Schisser! Kommt doch her, wenn ihr euch traut!«
Das Lachen wurde etwas weniger, dafür ernteten die beiden jetzt höhnische Sprüche, und die ersten Jungs kamen auf sie zu. Marco ballte die Fäuste und hob sie. Tom tat es ihm gleich. Dann spürte er ein kräftiges Schubsen am Rücken und fiel unter johlendem Gelächter vornüber. Marco drehte sich um. Im selben Moment stürzten sich zwei Jungen auf ihn und warfen ihn ebenfalls zu Boden. Für die schnellen Schläge, die folgten, waren Marcos und Toms Reaktionen zu langsam. Aber Marco schlug tapfer um sich, um seinen Zwillingsbruder zu beschützen.
Als sie nach der demütigenden Prügelei hinter der Turnhalle zusammensaßen, sagte Tom, dass sie sicher schneller werden würden, wenn sie jetzt Boxen lernten. Marco nickte und versicherte, dass sie immer zusammenhalten werden, egal, was komme. Gemeinsam könnten sie alles schaffen.
Die Tür ging auf und riss Tom aus seiner Erinnerung. Einen Augenblick hielt er noch den Blick auf die Baumkronen des Stadtparks gerichtet, nahm sich ein paar Sekunden Zeit, um sich zu sammeln. Dann drehte er sich zu dem Mann um, der auf ihn zukam und ihm die Hand reichte.
»Guten Morgen, Tom!«
»Guten Morgen!«
Karsten Brenner sah ihn aus klaren, grauen Augen an. Freundlich, konzentriert. »Bitte, nimm Platz!«, sagte er.
Tom setzte sich an den Tisch. Brenner blieb stehen. Die Sonne warf seinen hageren Schatten auf die weiße Wand. Toms Anspannung wuchs. Sein Magen zog sich zusammen.
»Ich habe von letzter Nacht gehört. Gratuliere, das hast du großartig gemacht.«
Tom nickte und hoffte, dass Brenner schnell zur Sache käme. Brenner schien zu überlegen, ob er noch etwas dazu sagen sollte. Sekunden verstrichen. Quälend langsam. Tom wurde unruhig.
Brenner ließ sich Zeit und studierte Tom genau. »Wir haben Hinweise, dass dein Bruder sich seit einiger Zeit in Europa aufhält. Vielleicht sogar in Deutschland.«
Erleichtert atmete Tom auf. Brenner war nicht gekommen, um ihm Marcos Tod mitzuteilen. Und auch nicht seine Verhaftung. Brenner ließ seinen Satz wirken. Sein Blick ruhte auf Tom.
Die Vorstellung, dass Marco sich vielleicht in der Nähe befand, versetzte Tom in freudige Erregung. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Jetzt war klar, warum Brenner ihn sprechen wollte. Die Kollegen von der Zielfahndung vermuteten, dass Marco bald versuchen würde, Kontakt zu Tom aufzunehmen. Schließlich war es wissenschaftlich erwiesen, dass eineiige Zwillinge eine Trennung nur schwer verkrafteten. Tom konnte das nur bestätigen. Sein Bruder fehlte ihm wie ein Teil seiner selbst. Sechs Jahre war es her, dass Marco abgetaucht war, dass Tom ihn zum letzten Mal gesehen, mit ihm gesprochen und ihn umarmt hatte. Seitdem lebte er mit dieser entsetzlichen Leere in sich, die nichts und niemand füllen konnte. Und mit seinen Fragen, auf die er keine Antworten fand.
»Du hast aber nichts von ihm gehört?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, dass du uns nie etwas verschwiegen hast, und ich habe großen Respekt vor deiner Situation.«
Der hagere Schatten wanderte über die Wand, als Brenner den langen Tisch entlangging. Seine Schritte auf dem Linoleum hallten durch den Raum.
»Aber jetzt beginnt sie vielleicht erst wirklich …«, Brenner blieb stehen und schien nach dem passenden Wort zu suchen, »anspruchsvoll zu werden.«
Brenners Schatten glitt von der Wand, als er sich auf dem Stuhl am Kopf des Tisches niederließ. Die Sonne schien ihm ins Gesicht.
»Du bist ein guter Polizist. Felsen sagt, du hast Ideale.«
Brenner sah Tom direkt in die Augen. »Ich will dir nur sagen: Wir werden da sein, wenn sich uns eine Chance bietet. Und ich hoffe, dass du dann nichts tun musst. Wir werden unsere Arbeit machen, das ist alles.« Brenner beugte sich vor. »Und ich erwarte nur, dass du dich immer als einer von uns verhalten wirst. Ein Kollege. Ein Polizist.«
Tom brachte es nicht fertig, etwas zu erwidern, nicht einmal ein Nicken. Aber er hielt dem Blick Brenners stand. Es gab keinen Grund, es nicht zu tun.
Ein hässliches Funktionsgebäude reihte sich ans andere. Breite Straßen ohne Menschen auf den Fußwegen durchzogen das Industriegebiet im Stadtteil Stellingen. Wer hier zu tun hatte, saß wie Tom und Mira im Auto oder befand sich auf einem der Firmengelände. Schweigend lenkte Mira den Dienstwagen durch die triste Gegend. Tom starrte aus dem Fenster. Der Gedanke, dass Marco in der Nähe war, ließ ihn nicht mehr los. Er hatte immer damit gerechnet, dass sein Bruder eines Tages in Hamburg auftauchen und Kontakt zu ihm aufnehmen würde. Er war sich sicher, dass er Marco fehlte so wie Marco ihm. Nun war es vielleicht wirklich so weit. In ihm entfaltete sich die Hoffnung auf dieses lang ersehnte Wiedersehen. Er konnte nichts dagegen tun. Das Gefühl wurde mit jedem Moment größer, es ließ kaum mehr Raum für Vernunft.
Tom schätzte es, dass Mira ihm keine Fragen stellte. Sie konnte sich offenbar vorstellen, wie er sich nach den Gesprächen mit Brenner fühlte. Im Wagen wurde es dunkel, eine breite Autobahnbrücke schob sich über sie. Als sie wieder ins Helle kamen, bog Mira ab und lenkte den Wagen auf einen riesigen Parkplatz, der versteckt hinter einer Baumreihe lag. Sie fuhren vorbei an dem weiträumig gespannten rot-weißen Absperrband und einem Kollegen in Uniform. Mira parkte neben den Polizeifahrzeugen im Schatten der einzigen Bäume und stellte den Motor ab. Eine kurze Weile betrachteten sie das Treiben vor sich.
In der Mitte des abgesperrten Areals stand ein silbergrauer Audi, um den herum die Kollegen der Spurensicherung in den weißen Overalls ihrer Arbeit nachgingen. Dazwischen der mächtige Körper ihres Chefs, ebenfalls in einem Schutzanzug. Sie hatten einen neuen Fall.
Bis auf die rostige Ruine eines alten VW Golf am Rande des weitläufigen Geländes war der Audi das einzige Auto auf diesem Platz. An der hinteren Seite des abgesperrten Areals stand eine Gruppe Schaulustiger. Es schienen Geflüchtete zu sein, sie verfolgten jeden Handgriff der Kapuzenmännchen neugierig. Weit hinter ihnen am Ende des Platzes ragte eine Container- und Zeltstadt empor. Das Erstaufnahmelager Schnackenburgallee. Neben dem Wagen konnte Tom den Körper der Leiche erkennen, deren Identität die Kollegen schon festgestellt hatten.
»Unternehmensberater«, sagte Tom mehr zu sich selbst.
»Und Politikberater«, fügte Mira hinzu.
Tom nickte gedankenverloren. »Wie war sein Name?«
»Lars Lutteroth. Hast du vorhin überhaupt zugehört?«, fragte sie.
»Sechsundfünfzig Jahre, verheiratet, drei Töchter«, antwortete er.
»Zwei«, korrigierte Mira.
»Hat eine eigene Agentur zusammen mit einem Partner«, fügte Tom hinzu.
»Geht doch«, meinte Mira. »Dann mal ran an den Speck!«
»Und das aus dem Mund einer Vegetarierin«, sagte Tom und stieg aus.
Aus dem Kofferraum holte er zwei kleine Päckchen hervor und drückte Mira eines davon in die Hand. Sie rissen sie auf und entfalteten weiße Schutzanzüge. Schweigend schlüpften sie in die papierdünnen Overalls. Felsen kam zu ihnen.
»Und? Alles okay?«, wandte er sich an Tom.
»Ja.«
Angeblich informierte Brenner Felsen nie über den Inhalt ihrer Gespräche. Felsen sah Tom prüfend an. Tom erwiderte seinen Blick. Fest und gelassen.
»Gut«, sagte Felsen. »Hast du dich bei Melanie gemeldet?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Vergiss es bitte nicht. So, dann spielt jetzt hier die Musik«, sagte der Koloss und führte Tom und Mira zu der Leiche. Lutteroth trug eine Jeans, ein braunes Langarmshirt und eine dünne, dunkelblaue, sportliche Jacke. Der Körper lag auf der Seite, die rechte Gesichtshälfte in den sandigen Boden gedrückt. Die Augen geöffnet.
»Astreiner Schädelbruch. Von hinten ausgeführt«, sagte Felsen.
Tom beugte sich hinunter und sah sich das blasse, bläuliche Gesicht genau an. Die grünbraunen Augen waren gerötet und geschwollen von starken Einblutungen. Aus Ohr und Nase waren Blutrinnsale gelaufen und getrocknet. Die schwarzen Haare am Hinterkopf waren blutverklebt. Tom beugte sich noch weiter runter und drehte sich so, dass er das Gesicht so vor sich sehen konnte, als würde Lutteroth aufrecht vor ihm stehen. Die Nase war ein wenig schief, um den leicht geöffneten Mund gruben sich zwei tiefe Falten in die unrasierte Haut. Eine Fliege landete auf der Wange und krabbelte über die Bartstoppeln. Tom verjagte das Insekt vorsichtig mit seiner Hand.
»Und das könnte die Tatwaffe sein.«
Es war Selbachs Stimme. Der Spurensicherer trat zu ihnen und hielt Mira eine transparente Plastiktüte hin, in der sich eine fünfzig Zentimeter lange runde Aluminiumstange befand. Olaf Thaden, der Rechtsmediziner, kam dazu und deutete auf eine Stelle mit kaum sichtbaren Flecken. »Ich vermute, das ist Blut.«
Tom hörte den Kollegen zu, aber sein Blick verlor sich in Lutteroths Gesichtszügen, die sich in seiner Wahrnehmung zu verändern begannen. Der Mund formte sich zu einem Lächeln, die Wangen schoben sich hoch, und die Augen entspannten sich. Das Gesicht wirkte auf einmal jung. Fast kindlich und etwas naiv. Tom stellte sich Leichen oft noch lebend vor. Er lenkte diese Vorstellungen nicht, vielmehr schienen sie zu ihm zu kommen. Manchmal lächelten die Gesichter, wie Lutteroth, oder sie waren verschlossen, ängstlich, ungeduldig, erstaunt. Tom bildete sich nicht ein, dass diese Art von Intuition etwas zu bedeuten hätte, aber es war sein Weg, sich dem Opfer zu nähern. Eine Art Kontaktaufnahme.
»Die Stange lag hier neben der Leiche.« Selbach zeigte auf eine markierte Stelle im Sand. »Leider ohne Fingerabdrücke. Seine Brieftasche lag daneben. Ohne Geld, aber mit seinen Karten und Papieren. Und im Auto wurde der Bordcomputer herausgebrochen. Ziemlich dilettantisch. Ein Profi war das nicht.«
»Am rechten Ringfinger gibt es den Abdruck eines Rings und am linken Handgelenk den einer Armbanduhr. Beides fehlt«, ergänzte Thaden und wischte sich Schweißperlen von der Stirn. Es war kurz vor Mittag, die Sonne hatte fast ihren höchsten Stand erreicht und verbreitete an diesem schattenlosen Ort eine sommerliche Wärme, die sich in den Schutzanzügen zu Hitze steigerte.
»Todeszeitpunkt?«, fragte Felsen.
»Gestern Nacht zwischen dreiundzwanzig und ein Uhr«, antwortete Thaden. Er sah Tom an. »Tolle Nummer, das gestern.«
Selbach nickte anerkennend. »Ja, wirklich, Tom.«
»Danke, danke«, erwiderte Tom kurz. »Haben wir Fußspuren?«, fragte er schnell, um weiteren Bemerkungen zu entgehen.
Selbach machte ein skeptisches Gesicht. »Der Boden ist zu trocken, aber es gibt einige schwache Abdrücke, und der Sand unter seinen Schuhsohlen ist von hier. Es könnte der Tatort sein.«
Mira sprach aus, was alle dachten. »Was hatte der Herr Berater an diesem Ort verloren? In einer Sonntagnacht?!«
»Der Parkplatz gehört zum Stadion«, erklärte Selbach. »Das liegt da drüben. Kann man von hier nicht sehen.«
»War am Sonntag ein Spiel?«, wollte Mira wissen.
»Nein«, sagte Felsen.
»Die Zufahrten haben alle Schranken, die geschlossen sind. Nur diese hier ist ohne Schranken«, sagte Tom und ließ sein Blick über den Platz schweifen.
»Sieht aus wie eine provisorische Zufahrt für Baufahrzeuge«, sagte Selbach.
»Vielleicht war er hier verabredet«, vermutete Mira.
»Habt ihr im Auto was gefunden?«, wandte sich Felsen an Selbach.
Der Spurensicherer schüttelte den Kopf. »Nichts Besonderes, außer einem leeren Whisky-Flachmann.«
»Mal sehen, ob wir den Inhalt in seinem Magen finden werden«, sagte Thaden.
»Wo sind die Männer, die die Leiche entdeckt haben?«, wollte Tom wissen.
»In der Unterkunft. Es sind Syrer. Balbeck und Taller befragen sie gerade mit einem Dolmetscher«, erklärte Felsen.
Tom nickte. Die Maschinerie lief. Viel Vorsprung hatte der Täter nicht.
Thaden kniete sich hinter die Leiche und drehte den steifen Körper behutsam auf den Rücken.
»Was ist in der Tasche?«, fragte Mira.
Eine Jackentasche war leicht ausgebeult. Thaden griff hinein und holte ein Spielzeugauto hervor. Ein Batmobil, der schwarze Flitzer des berühmten Comichelden.
»Der Mann hat wohl Kinder«, sagte Thaden.
»Zwei Mädchen. Die sind aber fast erwachsen«, antwortete Mira.
Thaden betrachtete das Auto von allen Seiten. »Corgi Toys. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das ein Original aus den Siebzigern. Ich hatte auch so eines als Kind. Leider hab ich es auf dem Flohmarkt verscherbelt. Damals hatte ich noch nicht daran gedacht, dass ich mal selbst Vater sein und es meinen Kindern vererben könnte.« Er steckte den Wagen in eine durchsichtige Plastiktüte und reichte sie Selbach. In den anderen Taschen fand Thaden nichts außer einem Schlüsselbund in einem Lederetui.
»Kein Handy. Entweder hatte er es nicht dabei oder es wurde entwendet wie Uhr, Ring, Geld und der Bordcomputer«, bemerkte Selbach.
»Raubmord?«, fragte Tom nachdenklich. »Und da hinten ein Flüchtlingslager«, ergänzte er, und seine Miene verfinsterte sich. Die Vorstellung, die verunsicherten Menschen mit ihren Ermittlungen behelligen und sie verdächtigen und damit allen Vorurteilen entsprechen zu müssen, behagte ihm ganz und gar nicht.
»Wäre leider möglich«, sagte Felsen. »Wir können das nicht ausschließen, nur aufgrund falsch verstandener Mitmenschlichkeit.«
Unwillig nickte Tom und sah zu den Containern am Ende des Platzes. »Aber dann hätte der Täter es direkt vor seiner Haustür getan«, sagte er skeptisch.
»Die Container sind ziemlich weit entfernt, und es war dunkel. Zwei Lampen für den ganzen Platz. Den Bereich hier erreichen die kaum«, bemerkte Felsen trocken. »Und der Container mit dem Sicherheitspersonal befindet sich um die Ecke, die haben keine Sicht auf diesen Teil des Platzes«, fügte er hinzu.
Selbach deutete auf die dichte Baumreihe zu ihrer Rechten. »Hinter den Bäumen liegt übrigens ein Kleingartenverein.«
»Die müssen alle befragt werden«, sagte Mira. »Wir brauchen Unterstützung.«
»Ist schon angefordert«, erwiderte Felsen.
In dem Moment fuhr ein weißes VW Beetle Cabriolet auf den Parkplatz. Den roten Pagenkopf hinter dem Steuer kannte Tom, aber die Erinnerungen, die er mit ihm verband, waren keine guten.
»Die Agersen«, sagte Felsen verwundert und warf Tom einen vielsagenden Blick zu. Der zuckte nur mit den Schultern. »Ist es okay, wenn ihr zu Frau Lutteroth fahrt?«, fragte ihr Chef.
Tom und Mira nickten. Tom zeigte zum Flüchtlingslager. »Von der Containerreihe dort könnte jemand möglicherweise etwas beobachtet haben.«
Selbach blickte skeptisch drein.
»Man weiß nie«, erwiderte Felsen. »Wir müssen herausfinden, ob diese Lampen letzte Nacht angeschaltet waren.«
Staatsanwältin Franziska Agersen stieg aus ihrem Käfer. Die Mittvierzigerin, eine elegante, stilvolle Erscheinung, trug einen hellen Trenchcoat über einem dunkelblauen Kleid.
»Fahrt los!«, wandte sich Felsen an Tom und Mira. »Und fahrt anschließend zu Lutteroths Agentur!« Er ging hinüber zu Franziska Agersen.
»Im Mantel bei dem Wetter«, sagte Mira leise.
Während die Staatsanwältin den Ausführungen von Felsen zuhörte, sah sie immer wieder zu Tom herüber. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte sie dezent.
»Lächelt die dich an?«
Tom ignorierte Miras Frage und richtete seinen Blick auf die Gruppe Schaulustiger. »Keiner hindert die Kids daran, die Leiche anzustarren«, sagte er.
»Oh, in ihrer Heimat haben die sicher schon viel Schlimmeres gesehen als eine Leiche mit Schädelfraktur«, erwiderte seine Partnerin.
Zwei Männer gingen zu der Gruppe der Schaulustigen, holten einen Jungen in einem Barcelona-Trikot heraus und redeten mit ihm. Der jüngere der beiden Männer griff den Jungen am Arm und zerrte ihn mit sich. Der Junge protestierte. Der alte Mann redete energisch auf ihn ein, woraufhin der Junge sich fügte und sich den beiden anschloss. Tom sah ihnen nach, wie sie zum Lager gingen.
Der mit grauem Schiefer gepflasterte Weg führte durch ein buntes Durcheinander von Frühlingsblumen zu der modernen weißen Stadtvilla. Sarah Lutteroth stand in der geöffneten Tür und erwartete Tom und Mira. Nervös verlagerte sie ihr Körpergewicht von einem Fuß auf den anderen. Sie trug ein hellblaues Sommerkleid mit weißen Streifen. Eine hübsche Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren.
»Was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme klang hell und freundlich, konnte jedoch die Verunsicherung nicht verbergen.
Tom und Mira zeigten ihre Dienstausweise. »Frau Lutteroth?«, fragte Tom.
Sie nickte.
»Es geht um Ihren Mann«, erklärte Tom.
»Können wir hineingehen?«, fragte Mira.
»Ja, bitte«, antwortete sie.
Sarah Lutteroth schloss die Tür hinter ihnen und führte sie in das große, helle Wohnzimmer. Eine geschmackvolle Mischung aus klassischen wie modernen Designermöbeln und übervollen Bücherregalen, die Kunstwerke an den Wänden sorgten für eine lebendige, angenehme Atmosphäre. Auf dem langen Holztisch am Fenster lagen Geschenke und einige Rollen Geschenkpapier. Offenbar stand ein Geburtstag bevor. Tom versuchte, sich an Lars Lutteroths Geburtsdatum zu erinnern, aber dann erblickte er eine große Sechzehn aus goldenem Papier, die ausgeschnitten auf dem Parkettboden lag. Die Vorbereitungen galten einer der beiden Töchter.
Sarah Lutteroth bot Tom und Mira an, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und zog sich selbst einen Stuhl heran. Wahrscheinlich fühlte sie sich zu angespannt, um sich in einen der bequemen Sessel zu setzen. Eine breite, bodentiefe Glasfront bot einen freien Blick auf die Terrasse und den an den Rändern üppig bepflanzten Garten mit einem Volleyballnetz auf der Rasenfläche. Tom atmete einmal tief durch und übernahm die Initiative.
»Frau Lutteroth, wir müssen Ihnen« – weiter kam er nicht.
»Nein!«, stieß Sarah Lutteroth entsetzt hervor.
Tom sah ihr fest in die angstgeweiteten Augen.
»Nein!«, wiederholte sie leise.
»Ihr Mann … wurde heute Morgen tot aufgefunden.«
Sie starrte ihn an. Tom und Mira warteten einen Moment, aber sie wussten, dass sie nun für Bewegung sorgen mussten. Reden, weitermachen, das war jetzt das Einzige, was dieser Frau helfen konnte.
»Es tut uns sehr leid«, sagte Mira. »Es ist leider kein Irrtum möglich. Ihr Mann hatte seine Papiere bei sich, und das Passfoto ist eindeutig.«
Sämtliches Leben schien aus Sarah Lutteroth gewichen. Blass, mit glasigen Augen saß sie vor ihnen, rührte sich nicht.
»Sind Sie gerade allein?«, wollte Tom wissen.
Keine Antwort.
»Frau Lutteroth, sind Sie allein zu Hause?«, wiederholte er.
Wie aus weiter Ferne sah sie ihn an und nickte. Mira stand auf und ging an die offene Küchenzeile. Sie nahm ein Glas vom Regal, füllte es mit Wasser aus der Leitung und brachte es der Frau.
»Sollen wir jemanden benachrichtigen, der zu Ihnen kommen kann? Der sie unterstützen kann?«
Sarah Lutteroth ignorierte das Wasser. »Nein.«
»Wir können einen Arzt rufen oder einen Psychologen«, bot Tom an.
Die Frau schüttelte den Kopf.
»Sie haben zwei Töchter«, sagte er.
Sie nickte mechanisch.
»Die sind in der Schule?«
Ein weiteres Nicken. Sarah Lutteroth rang um Fassung. »Was ist passiert?«, fragte sie und sah Tom an.
»Ihr Mann wurde heute Morgen auf einem Parkplatz in der Nähe des Volksparkstadions neben seinem Wagen gefunden«, antwortete er. Etwas leiser fügte er hinzu: »Er wurde erschlagen.«
»Erschlagen?«, wiederholte sie ungläubig. Tom nickte.
»Jemand hat ihm von hinten mit einer Stange oder etwas Ähnlichem auf den Kopf geschlagen«, konkretisierte Mira. »Wahrscheinlich war er sofort tot. Er wurde beraubt. Aber das muss nicht bedeuten, dass es ein Raubmord war. Wir fragen uns, was er dort gemacht haben könnte. In einer Sonntagnacht.«
Das Telefon läutete. Sarah Lutteroth sah hinaus in den Garten und ignorierte den Anrufer. Tom und Mira warteten, bis das Klingeln aufhörte.
»Wann haben Sie Ihren Mann das letzte Mal gesehen?«, fragte Tom.
Sarah Lutteroth reagierte nicht. Abwesend blickte sie hinaus in den Garten. Tom stellte sich vor, wie die Familie dort miteinander Volleyball spielte. Ausgelassen und glücklich. Sie drehte sich zu ihm und sah ihn einen Moment an. Auf einmal brach sie in Tränen aus, wurde von Weinkrämpfen geschüttelt, und es schien, als könne sie sich nicht mehr beruhigen. Als Tom und Mira gerade einen Krisenpsychologen anfordern wollten, schien sie sich zu fangen. Mühsam riss sie sich zusammen. Es dauerte eine Weile, dann sprach sie leise.
»Als wir ins Bett gegangen sind, habe ich Lars das letzte Mal gesehen.« Sie machte eine Pause. »Das letzte Mal«, wiederholte sie das Unbegreifliche.
»Wann war das?«, wollte Mira wissen.
»Das muss so gegen halb elf gewesen sein.«
»Ist Ihnen gestern irgendetwas an Ihrem Mann aufgefallen? Oder in der letzten Zeit? War er vielleicht anders als sonst?«, fragte Mira.
Sarah Lutteroth schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Hatte er am Abend telefoniert?«, fragte Tom.
»Ich glaube nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern.«
»Wir haben bei ihm kein Handy gefunden. Kann es sein, dass sein Handy hier ist?«
»Ich weiß nicht.«
Tom zückte sein Handy. »Können Sie mir seine Nummer sagen?«
Sarah Lutteroth nannte mechanisch die Ziffernfolge, und Tom tippte sie in sein Handy. Sie warteten, aber kein Klingelton ertönte. Tom stand auf.
»Darf ich durchs Haus gehen und nachsehen?«
Sarah Lutteroth nickte.
»Hatte Ihr Mann ein Arbeitszimmer?«, fragte er.
»Oben«, antwortete sie leise.
Tom warf Mira einen Blick zu. Sie nickte kurz und wandte sich wieder an Sarah Lutteroth. »Wir hoffen, Hinweise zu finden, die uns weiterhelfen können«, erklärte sie, während Tom in den Flur ging.
Lars Lutteroths Mailbox meldete sich. Tom legte auf und drückte auf Wahlwiederholung. Er sah sich um, öffnete die Türen zu einem Abstellraum, einem Gästezimmer und dem Keller. Kein Klingelton war zu hören. Dann stieg er die Treppe hoch und öffnete die Türen zu den Kinderzimmern, dem Schlafzimmer und dem Badezimmer. Stille. Tom betrat das Arbeitszimmer. Die Sonne schien herein, es war sehr warm, die beiden Fenster über Eck waren geschlossen. Wieder meldete sich Lutteroths Mailbox. Tom steckte sein Handy ein.
Er öffnete ein Fenster, mit der frischen Luft drang lebhaftes Vogelgezwitscher ins Zimmer. Er zog seine Jacke aus und legte sie über die Lehne des Schreibtischstuhls. Sein Blick wanderte vom Schreibtisch, auf dem verschiedene Unterlagen und ein zugeklapptes Laptop lagen, über Regale mit Fachbüchern und Ordnern zu Bilderrahmen mit Fotografien an der Wand. Ein großes Schwarz-Weiß-Foto zeigte Lutteroth im Gespräch mit Helmut Schmidt und Olaf Scholz. Die anderen waren alle Familienfotos. Er sah sie sich näher an. Ein Hochzeitsfoto vor einer Kirche, die beiden Töchter als Babys, als kleine Mädchen beim Spielen mit ihrem Vater im Garten, die Familie am Meer, Lars Lutteroth mit seiner Frau und offensichtlich seinen Eltern. Er sah seinem Vater ähnlich. Auf einem anderen Bild wurde es besonders deutlich: Lars Lutteroth saß an einem Schreibtisch, der Vater stand hinter ihm. Die rechte Hand ruhte stolz auf der Schulter des Sohnes, am Revers des Jacketts des Vaters erkannte Tom einen kleinen CDU-Anstecker. Die Buchstaben in den Deutschlandfarben. Der Vater kam Tom bekannt vor, aber er konnte nicht sagen, woher.
Auf dem Boden in einer Ecke entdeckte Tom eine Mini-Modelleisenbahnanlage. Er betrachtete die kleine Welt auf dem künstlichen Grün. Zwischen Bahnhöfen, Straßen und Dörfern fiel ihm eine Baumschule auf. Fein säuberlich standen viele Bäume unterschiedlicher Größe in Reihen nebeneinander. Speziell, dachte Tom. Vor dem Bauernhof daneben stand ein Paar mit einem kleinen Jungen. Die »Heile-Welt«-Fantasie des Politikberaters rührte Tom, obwohl ihm die Faszination erwachsener Männer für Modelleisenbahnen fremd war.
