Die stille Mörderin - Thorsten Kirves - E-Book

Die stille Mörderin E-Book

Thorsten Kirves

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Beschreibung

Raffiniert, vielschichtig, politisch aktuell: Hamburgs sanftmütiger und boxender Ermittler ist mit "Die stille Mörderin", dem zweiten Kriminalroman um Kommissar Tom Simon, zurück  Supermarktkassiererin Claudia Hilser war schon vieles in ihrem Leben, morgen wird sie Mörderin, so ihr Plan. Doch als sie die Waffe auf ihr Opfer richtet, blickt sie selbst in den Lauf einer Pistole. Kommissar Tom Simon hat noch nicht verwunden, dass er einen Menschen töten musste und seinem geliebten, aber wegen Mordverdachts gesuchten Zwillingsbruder Marco nicht mehr vertrauen kann. Da holt ihn seine neue Partnerin zu einem brisanten Fall. Der Bestseller-Autor und Rechtspopulist Neil Krambach ist ermordet worden. Unter Verdacht steht eine Gruppe linker Aktivisten, doch die Wahrheit ist um einiges komplizierter - was hat der Fall mit Claudia Hilser zu tun? Und persönlicher - eine Spur führt zu Zwillingsbruder Marco. Thorsten Kirves ist ein mehrfach ausgezeichneter Drehbuchautor und Filmemacher. »Der Aussteiger«, Kirves' erster Kriminalroman um Tom Simon, den Hamburger Kommissar mit Leidenschaft fürs Boxen, war für den Glauserpreis nominiert.

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Seitenzahl: 745

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Thorsten Kirves

Die stille Mörderin

Kriminalroman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Supermarktkassiererin Claudia Hilser war schon vieles in ihrem traurigen Leben, morgen wird sie Mörderin, so ihr Plan. Doch als sie die Waffe auf ihr Opfer richtet, blickt sie selbst in den Lauf einer Pistole.

Der geliebte Zwillingsbruder, ein Drogendealer unter Mordverdacht, abgetaucht in Südamerika. Mit dieser schmerzhaften Wunde geht der Hamburger Kommissar Tom Simon durchs Leben.

Da holt ihn seine neue Partnerin zu einem brisanten Fall. Der Bestseller-Autor und Rechtspopulist Neil Krambach ist ermordet worden. Unter Verdacht steht eine Gruppe linker Aktivisten, doch die Wahrheit ist um einiges komplizierter, und es gibt eine Vielzahl an Hinweisen.

Eine Spur führt ausgerechnet zu Tom Simons Bruder. Fassungslos wird ihm klar, dass Marco ein Motiv hätte.

Aber was hat die verschwundene Supermarktkassiererin, vor deren Tür ein Mann und sein Hund erschossen wurden, mit dem Fall zu tun?

Gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Katja, die keiner Gefahr aus dem Weg geht und geradeheraus sagt, was sie denkt, ermittelt er in der Welt der rechten Politik und ihrer dunklen Abgründe – und auf eigene Faust im alten Umfeld seines Bruders, dem Hamburger Nachtleben. Hin- und hergerissen zwischen der Pflicht als Polizist und der Liebe zum Bruder.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

Für Kristine und Theo

»Du siehst Gespenster, Tom! Lass den grünen Affen nicht gewinnen!«

1

Montag

Sie war schon vieles in ihrem Leben. Bankkauffrau, Ehefrau, Mutter, Floristin, Café-Besitzerin, Supermarktkassiererin. Morgen wird sie Mörderin.

Claudia Hilser starrte in die Leere der Gänge zwischen den Regalen und wunderte sich über die Beiläufigkeit ihres Gedankens. In ihrer Aufzählung wirkte das Wort Mörderin überraschend unspektakulär. Längst hatte es seinen Schrecken für sie verloren. Der Anblick eines Jungen riss sie aus ihren Gedanken. Langsam schlenderte er den Gang zwischen den Süßigkeiten entlang. Er war ein eher unscheinbarer Typ mit straßenköterblonden Haaren, vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt. Er trug eine schwarze Adidas-Trainingshose, ein T-Shirt im Camouflage-Look, über dem eine graue Eastpack-Tasche hing, und erinnerte Claudia Hilser an ihren Sohn. Eine Frau erschien an ihrer Kasse und legte die Produkte aus dem Einkaufswagen auf das Laufband. Hilser scannte das Shampoo, den WC-Reiniger, den Fleischsalat, den Gouda in Scheiben, den Ketchup und das Toastbrot.

»Eine Marlboro Light noch!«, sagte die Kundin mit kratziger Stimme, während sie ihre Einkäufe in einem roten Stoffbeutel verstaute. Hilser nickte, schloss das Zigarettenfach hinter sich auf, zog die gewünschte Schachtel heraus und scannte sie ebenfalls.

»Dann macht es vierzehn vierzig.«

Während die Finger der Kundin mit dem abgeblätterten, türkisfarbenen Nagellack einen Zehneuroschein und ein paar Münzen aus dem rosa Plüschportemonnaie fischten, richtete Hilser ihren Blick wieder auf den Jungen. Als hätte sie es geahnt, ließ dieser geschickt und schnell eine Packung Kaffee in seiner Tasche verschwinden. Er sah sich nicht einmal um, ob ihn jemand dabei beobachten konnte. Professionell, dachte sie.

»Hallo!« Die Hand mit dem Geld wedelte aufreizend vor ihrem Gesicht. Claudia Hilser blickte ihre Kundin irritiert an und nahm das Geld entgegen. Schnell addierte sie den Wert der Münzen.

»Danke! Einen schönen Tag!«, sagte sie und rang sich noch ein Lächeln ab.

»Dir auch!«, erwiderte die Kundin, und während sie Richtung Ausgang ging, murmelte sie vor sich hin: »Schöner Tag … na meinetwegen, wir können’s ja versuchen.«

Claudia Hilser sah gleich wieder zu dem Gang herüber. Der Junge kam auf sie zu. Sie überlegte, was sie machen sollte. Die anderen Kassen waren nicht besetzt, und offenbar hatte keiner der Kollegen etwas mitbekommen. Die Tasche des Jungen war nicht sehr groß, viel konnte er nicht geklaut haben. Sollte sie seine Tat aufdecken? John, den Filialleiter, rufen? Es war ihr letzter Tag, ihre Zeit an diesem Ort war vorbei. Eine angehende Mörderin konnte doch keinen harmlosen Ladendieb anzeigen. Der Junge erreichte ihre Kasse, legte einen Schokoriegel auf das Laufband. Sie sah ihm in seine blaugrünen Augen. Genau wie Felix, dachte sie.

 

Unaufhörlich prasselte der Regen auf den Hamburger Asphalt. Die dicken Wasserfäden glitzerten in den Lichtkegeln der Autoscheinwerfer. Schwerfällig schob sich der Feierabendverkehr über die vierspurige Straße. Claudia Hilser stand zwischen dicht gedrängten Menschen unter dem Dach der Haltestelle. Den bunten Blumenstrauß und den Präsentkorb, der unter der durchsichtigen Folie mit Premium-Produkten des Supermarktes gefüllt war, aus denen ein gerahmtes Foto von ihren Kolleginnen mit ihr in der Mitte hervorragte, hielt sie eng am Körper. John hatte ein paar schöne Sätze zu ihrem Abschied gesprochen, und Nuran hatte sie eingeladen, wann immer sie wollte, mit ihr ins Sommerhaus ihrer Eltern am Bosporus zu reisen. Mit ihr hatte sie sich immer am besten verstanden, meist sogar ohne Worte. Nur knapp zwei Jahre hatte Hilser in dem Supermarkt gearbeitet. Das Arbeitsklima war angenehm gewesen und John ein fairer Chef. Alle waren von ihrer Entscheidung überrascht gewesen, und auf ihre Fragen, was sie denn jetzt vorhabe, hatte sie keine Antwort geben können. Eine gute Lügnerin war sie nie gewesen, und die Wahrheit war nun mal ganz allein ihre Angelegenheit.

Der voll besetzte Bus hielt direkt vor ihr. Nur wenige Fahrgäste stiegen aus, und Hilser glitt mit der Menschentraube hinein. Der spärliche Raum wurde einigermaßen gerecht verteilt, während der Kapitän sein Schiff wieder zurück in die träge Masse der Blechkarossen manövrierte. Zwischen lauter Körpern und angestrengten Gesichtern fiel Hilsers Blick auf eine Frau, deren Lidschatten zerlaufen war. Hilser fragte sich, ob der Regen oder Tränen dafür verantwortlich waren, denn die Frau blickte traurig drein. Seit einiger Zeit nahm Claudia Hilser ihre Umgebung mit anderen Augen wahr, fragte sich, woher die Menschen gerade kamen und wohin ihre Wege sie wohl führten. Wie sahen die Leben der anderen aus? Sie musste wieder an den Jungen denken und freute sich, dass sie ihn nicht bloßgestellt hatte. Aus irgendeinem Grund glaubte sie, dass er kein schlechter Kerl war. Vielleicht weil sie das auch von ihrem Felix geglaubt hatte. Sie gönnte ihm den kleinen Gesetzesbruch. Geld hatte man in dem Alter sowieso immer zu wenig. Vielleicht würde er jetzt zu Hause gerade einen Kaffee zubereiten. Mit einem Kumpel oder seiner Freundin zusammen. Sie hoffte für ihn, dass er eine Arbeit hatte, zumindest eine Ausbildung machte. Felix hatte sein BWL-Studium abgebrochen. Der Gedanke versetzte ihr wie immer einen Stich. Es war der Anfang vom Ende gewesen. Der Bus hielt an der nächsten Station, und die Frau mit den traurigen Augen stieg aus. Durch die Wasserströme, die die Scheibe hinunterliefen, sah Hilser, wie sie durch den Regen huschte und die rote Ampel an der Kreuzung übersah oder ignorierte. Ein bremsender Wagen rutschte auf dem nassen Asphalt bedrohlich auf die Frau zu. Hilser hielt den Atem an. Im letzten Moment kam der Wagen zum Stehen. Erleichtert ließ Hilser die Luft heraus. Der Bus setzte seine Fahrt fort. Sie konnte noch sehen, wie die verunsicherte Frau zurück an den Straßenrand schlich, während ein Mann seinen Kopf aus dem Fenster des Wagens in den strömenden Regen schob, wild gestikulierte und schimpfte. Über die Lautsprecher kündigte eine weibliche Stimme freundlich die nächste Station an.

 

Sie stellte den Korb auf den schmalen, wackeligen Kiefernholztisch. Unzählige kleine Regentropfen perlten von der durchsichtigen Folie. Den üppigen Blumenstrauß legte sie daneben und setzte sich auf den einzigen Stuhl in ihrer kleinen Küche. Der Strauß war schön zusammengestellt und gut gebunden. Sie hätte ihn ähnlich gestaltet. Die Zeit als Floristin war die schönste gewesen, dachte sie. Die Arbeit hatte ihr Spaß gemacht, ihre Chefin war okay gewesen, und mit Gaby hatte sie sich gleich angefreundet. Felix ging in die Grundschule, und wenn sie ihn von der Nachmittagsbetreuung abholte, haben sie immer etwas zusammen unternommen, sind Eis essen gegangen oder ins Kino oder in die Bücherei. Sie konnte sich nicht viel leisten, aber fühlte sich frei und war zufrieden.

Was sollte sie mit dem Strauß machen? Eine Vase besaß sie nicht, solche Dinge spielten in ihrem Leben keine Rolle mehr. Auch der prall gefüllte Korb wirkte hier wie ein Fremdkörper. Sie wischte sich die nassen Haare aus der Stirn, griff sich das Foto mit ihren Kolleginnen und betrachtete es. Ein gutes Team waren sie gewesen, und der Abschied war ihr schwerer gefallen, als sie gedacht hatte.

Sie bekam Lust auf eine Zigarette und überlegte, ob sie sich eine gönnen konnte, schließlich hatte sie das Rauchen streng reduziert. Diese Einschränkung war Teil ihres Fitnessprogramms, dem sie sich seit drei Monaten unterzog. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie gejoggt, und es hatte sie gehörige Überwindung gekostet. Schwerfällig hatte sie ihren untrainierten Körper durch die Straßen ihres Viertels geschleppt. Fahrradfahren hingegen war ihr leichtgefallen, das hatte sie als Kind schon gemocht. Gymnastik und Krafttraining in den eigenen vier Wänden waren auch kein Problem gewesen. Langsam hatte sie sich gesteigert, und heute fiel ihr alles leichter, joggte sie fast leichtfüßig und ohne Seitenstechen. Sie brauchte einen leistungsfähigen Körper und starke Nerven für die Umsetzung ihres Plans. Sie verkniff sich die Zigarette.

 

Die Spiegeltür des Kleiderschranks hing ein wenig schief in ihren Angeln. Claudia Hilser hatte dieses Möbel aus Pressspan und cremefarbenem Furnier nie gemocht, es aber kostenlos von ihrem Vormieter übernehmen können, und da diese Wohnung nur eine Art Transitraum für sie war, hatte sie das Angebot angenommen. Sie betrachtete die Frau im Spiegel. Müde und angespannt sah sie aus. Konnte man ihr das traurige Leben ansehen? Möglicherweise. Sicher aber nicht die zukünftige Mörderin. Hilser schlüpfte aus der vom Regen durchnässten Bluse, öffnete behutsam die Schranktür, holte einen Bügel heraus, schob ihn in das dünne Textil und hängte es über den Glasrahmen, in dem eine Collage von mehreren Fotos aus Felix’ Kindheit und Jugend sie an die gute Zeit in ihrem Leben erinnerte.

Einem inneren Impuls folgend, ging sie zurück zum Schrank, stellte sich auf die Zehenspitzen, streckte sich und griff ins obere Regal zwischen die Handtuchstapel. Dahinter ertastete sie das kalte Metall, umfasste den geriffelten Kunststoffgriff und zog die Pistole vorsichtig heraus. Mit einem weiteren Griff holte sie den Karton mit der Munition, dem Magazin und dem Schalldämpfer hervor. Dann ließ sie sich auf dem Bett nieder. Sie hielt die Waffe in der Hand, ihr Griff wurde fester. Sie übte Entschlossenheit. Hundertmal hatte sie sich den Moment vorgestellt, in dem sie abdrücken müsste, und wusste, dass es nicht leicht werden würde. Trotzdem zweifelte sie keine Sekunde daran, dass sie es schaffen würde. Sie schraubte den Schalldämpfer auf die Mündung, schob das Magazin in den Griff und lud die Waffe durch. So wie es ihr der junge Mann gezeigt hatte, der ihr die Pistole in einem Hinterzimmer einer Kneipe in Barmbek verkauft hatte. Zu ihm hatte man sie auf St. Pauli geschickt, wo sie nach der Möglichkeit, eine Pistole zu kaufen, gefragt hatte. Eine abenteuerliche Odyssee war das gewesen, auf der sie sich furchtbar unwohl gefühlt hatte. Für fünfhundert Euro obendrauf war der wortkarge Mann dann noch mit ihr zu einem versteckten Schießstand gefahren und hatte ihr gezeigt, wie man die Pistole abfeuerte. Besonders geschickt hatte sie sich nicht angestellt. Sie hat noch seinen süffisanten Blick vor Augen, mit dem er sie mitleidig gemustert hatte. Hoffentlich wüsste sie, was sie tat, hatte er gesagt und sie damit gehörig verunsichert. Aber sie würde das schon schaffen, denn sie wusste genau, was sie tat.

Auf einmal läutete es an ihrer Tür. Sie erschrak. Wer konnte das sein? Sie erwartete niemanden. Wen auch? Sie hatte keine Freunde in dieser Stadt. In den beinahe zwei Jahren, die sie hier wohnte, hatte sie nicht ein einziges Mal Besuch gehabt. Ein Nachbar vielleicht, der Mehl oder Salz brauchte? Regungslos lauschte sie in die Stille. Es klingelte erneut.

 

Der Geruch von frisch gebratenem Knoblauch schwebte durch die Küche. Claudia Hilser saß an ihrem Küchentisch und betrachtete die athletische Statur des Mannes, der in Jeans und Karohemd an ihrem Herd stand und klein geschnittene Salami- und Tomatenstückchen von einem Brett in die heiße Pfanne schob. Es zischte vielversprechend, und ein wohliges Gefühl stieg in ihr auf, das sie überraschte.

»Du bist ein eher stiller Mensch.« Jens’ Stimme klang angenehm. Er wandte sich nicht um, überhaupt wirkte er erstaunlich entspannt dafür, dass er sich getraut hatte, sie überraschend aufzusuchen und zu diesem spontanen Rendezvous zu nötigen. Zwei Wochen war es her, dass sie ihn auf einem Bowlingabend mit den Kolleginnen kennengelernt hatte. Er war ein Freund von John, ihrem Chef, jedenfalls hatte er ihn mitgebracht.

»Vielleicht«, antwortete sie unsicher. Sie wusste immer noch nicht, was sie von der Situation halten sollte. Warum sie diesen Mann in ihren Transitraum gelassen hat. Mit einem Rosenstrauß und einer Flasche Champagner hatte er unter seinem Regenschirm vor ihrer Tür gestanden und gelächelt. Ein wenig frech und schüchtern zugleich. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals so etwas erlebt zu haben.

»Warst du immer schon so? Auch als Kind?«

Sie trank einen Schluck von dem Weißwein ihrer Kolleginnen, den sie geöffnet hatte, weil sie keinen Champagner mochte, und blieb die Antwort schuldig. Er drehte sich zu ihr und lächelte.

»Wie wär’s mit etwas Musik? Hast du welche?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Was, keine CDs? Kein Spotify?«

»Nein.«

Es war ihr gar nicht aufgefallen, dass sie, seit sie hierhergezogen war, nie mehr Musik gehört hatte. Ihre CDs hatte sie nicht mitgenommen, es waren aber ohnehin nicht viele gewesen. Jens holte sein Handy aus der Hosentasche und schaltete einen Jazzsender ein. Eine helle Frauenstimme sang eine melancholische Ballade zu Piano, Bass und sanftem Schlagzeug. Er legte das Handy auf den Tisch.

»Magst du Jazz?«

»So was ja.«

Jens lächelte sie an, dann wandte er sich wieder dem Herd zu. »Hast du Basilikum oder Rosmarin?«

»Nein.«

»Curry?«

»Ich habe schon lange nicht mehr gekocht.«

»Okay, geht auch ohne.«

Der Mann dachte positiv, auch das war neu für Claudia Hilser. Sie musterte seine kräftigen, gebräunten Arme, während er mit schnellen, geübten Bewegungen dabei war, aus dem, was ihr Kühlschrank noch hergab, und einigen Delikatessen aus dem Präsentkorb ein Abendessen zu improvisieren. Die Einladung zum Italiener hatte sie ausgeschlagen. Sie fühlte sich nicht in der Lage, eine Bühne zu betreten.

»Überhaupt, was wirst du denn jetzt machen? Hast du schon einen neuen Job?«

Ihr Magen zog sich zusammen. »Ich mache so eine Art Pause«, presste sie hervor.

»Oh, das klingt gut.« Er nahm sein Glas, das ebenfalls mit Weißwein gefüllt war, und trank einige Schlucke.

Jens war bestimmt über sechzig und wahrscheinlich schon in Rente, aber er hatte eine junge Ausstrahlung und wirkte sehr fit. Sicher machte er Sport. Beim Bowling hatte sie sein Interesse an ihr schon bemerkt, aber es nicht ernst genommen und ihn schon gar nicht ermutigt. Es wäre ja auch sinnlos gewesen. Aber jetzt spürte sie auf einmal eine zaghafte Abenteuerlust, wie sie sie von sich nicht kannte, und sein Besuch erschien ihr wie ein Geschenk. Mutig beschloss sie, es anzunehmen und ihre letzte Nacht in Freiheit mit ihm zu verbringen.

 

Das Schlafzimmerfenster stand weit offen, die Nacht war warm, die Luft feucht. Claudia Hilser lag im Bett und lauschte der monotonen Melodie des Regens, der auf die Dächer der umliegenden Häuser und einiger Autos, die im engen Hinterhof parkten, pladderte. Hellwach war sie, viel zu aufgekratzt, um in den Schlaf zu finden. Ein reges Treiben herrschte in ihrem Kopf. Neben ihr lag Jens und schlief. Leise ging sein Atem, er schnarchte nicht. Alles an ihm schien angenehm zu sein. Zärtlich und behutsam war er mit ihr gewesen, liebevoll und geduldig, sie dagegen aufgeregt und schüchtern. Zu wenig Selbstbewusstsein, zu viel Unsicherheit. Sie hatte sich nicht fallen lassen können. Aber sie hatte es genossen, von ihm gestreichelt zu werden, ein Kribbeln unter der Haut zu spüren, das sie schon nicht mehr gekannt hatte. Wie lange war es her, dass ein Mann so zärtlich zu ihr gewesen war? Er hatte ihr Komplimente für ihre gute, sportliche Figur gemacht, das hatte sie besonders gefreut. Und es hatte ihr gefallen, von ihm begehrt zu werden, die Leidenschaft in seinen blauen Augen zu sehen, die Kraft seiner Arme und Hände zu spüren. Sie ahnte, dass sie sich bei diesem Mann geborgen fühlen könnte. Warum nur hatte sie ihn nicht schon eher kennengelernt? Hätte das etwas geändert? Hätte sie ihren Plan womöglich aufgegeben? Hätte sie dem letzten Kapitel ihres Lebens eine andere Überschrift gegeben?

Dienstag

Die Sonne schien durch die enge Lücke zwischen den beiden Häusern auf der anderen Seite des Hinterhofs und warf einen schmalen Streifen ihres warmen Lichts auf den Küchenboden. Aus dem alten Transistorradio, das auf der Anrichte stand, klang dumpf eine Männerstimme, die verkündete, dass sich die Schlechtwetterfront Richtung Norden verabschiedet hätte und mit einem sonnigen Tag zu rechnen sei. Weiterhin wäre es viel zu warm für den Monat Mai.

»Rührei mit Hafenblick!«

Jens’ Stimme klang wach und munter, nicht mehr ganz so tief, fiel Claudia Hilser auf. In ihrem rosa Bademantel lehnte sie an der Spüle und schüttelte den Kopf.

»Ach, komm, gib dir einen Ruck. Es ist so ein herrlicher Morgen.« Jens war bereits angezogen. In seinem karierten Hemd beugte er sich zu ihr und fügte hinzu: »Nach einer wunderschönen Nacht.«

»Das stimmt«, antwortete sie schüchtern. »Aber ich möchte nicht.« Sie haderte, denn sie fühlte sich zu diesem Mann hingezogen. »Und ich kann auch nicht.« Sie hoffte, er würde nicht nach dem Grund fragen.

»Gut, ich werde es aber wieder versuchen.« Ein verschmitztes Lächeln huschte über seine Lippen. »Aber jetzt muss ich wirklich los. Charly fragt sich sicher schon, wo ich bleibe. Er kennt solche Abenteuer nicht von seinem Herrchen.« Den letzten Teil betonte er besonders.

Als wenn er seine Seriosität unterstreichen wollte, dachte Hilser. Auf einmal hatte sie es eilig, allein zu sein. »Tja, dann …«, kam ihr unbeholfen über die Lippen.

Jens sah sie geduldig an, als warte er auf etwas.

»Dann …«, wiederholte sie.

»Willst du eigentlich gar nichts von mir wissen?«, fragte er. Irritiert sah sie ihn an. »Du hast mich nichts gefragt. Nicht nach meinem Beruf. Wie alt ich bin, wie ich lebe, ob ich allein bin, geschieden, mit Kindern oder ohne. Vielleicht bin ich ja auch verheiratet und betrüge gerade meine Frau.« Er sah sie mit großen Augen an.

Sie fühlte sich bedrängt, wie in einer Zwickmühle. Einerseits hätte sie ihm gern gezeigt, dass sie sich sehr wohl für ihn interessierte und dass sie ihn sogar ziemlich klasse fand, andererseits konnte sie ihm nicht erklären, was mit ihr los war, dass es einfach der falsche Moment in ihrem Leben war und dass es sowieso keine Zukunft für sie gab. Der Gedanke machte sie traurig. Das alles wurde ihr zu viel. Dabei brauchte sie doch ihre ganze Energie und Konzentration für die Durchführung ihres Plans. Heute war schließlich ihr großer Tag.

Jens holte einen kleinen Zettel hervor und zog eine Stecknadel aus der Korkpinnwand, die an der Wand neben der Tür hing. »Meine Handynummer«, sagte er und hängte den Zettel neben die Postkarte von Istanbul mit der Hagia Sofia und dem Bosporus im Vordergrund, die Nuran ihr letztes Jahr geschickt hatte und die sie immer zum Träumen brachte.

Claudia Hilser griff sich ihre Zigaretten vom Tisch und zündete sich eine an. Auf die kam es jetzt auch nicht mehr an, dachte sie. Sie fühlte sich fit, spürte eher eine Anspannung, stand unter Strom. Sie nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch zur Seite und sah Jens an. Es tat ihr in der Seele weh, als sie sagte: »Kannst du bitte jetzt gehen?«

 

Langsam glitt sie in das Meer aus hellem Orange. Eine Reihe eleganter Lichtquader, die von der Decke hingen, tauchte die moderne Architektur des U-Bahnhofs in warmes, buntes Licht. Es war die Endstation. Die wenigen Fahrgäste verließen den Waggon. Claudia Hilser wartete noch ein wenig, dann erhob auch sie sich und trat hinaus auf den Bahnsteig. Die Farbe des Lichts wechselte sanft, und alles erschien nun in einem kühlen Grün. Sie hängte sich die Tasche über die Schulter. Unter dem weichen Leder spürte sie die schwere, kantige Pistole mit dem langen Schalldämpfer. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider, als sie in den neuen Schuhen mit den ungewohnt spitzen Absätzen über den polierten Steinboden ging. Auf einmal fühlte sie sich in ihre Kindheit versetzt, als sie sonntags zwischen den Reihen der Holzbänke durch die Kirche geschritten war. Immer war es ihr vorgekommen, als ruhten die Blicke der versammelten Gemeinde auf ihr, und immer hatte sie sich wie eine Betrügerin gefühlt, denn an Gott hatte sie nie geglaubt. Doch der Kirchgang gehörte zu den Pflichten des Kommunionsunterrichts, zu dem ihre Eltern sie mit neun Jahren geschickt hatten. Claudia Hilser beschleunigte ihren Schritt, wollte diesen Ort schnell verlassen.

Auf der Rolltreppe sah sie einen düsteren Himmel über sich, die nächste Wolkenfront hatte die Stadt erreicht. Passanten eilten zwischen den großen Neubauten hin und her oder saßen mit Kaffeebechern und Gebäck auf den breiten Stufen am Rand des Platzes und waren mit ihren Handys und Laptops beschäftigt. Alle waren im Hier und Jetzt verwurzelt, dachte Hilser, lebten ihre Leben. Sie kannte das Gefühl, hatte das auch mal getan, mit viel Energie und immer voller Optimismus.

Sie überquerte die Straße. In der Spiegelung einer Fensterfront entdeckte sie ihren zierlichen Körper in dem schlichten Businessanzug, den sie sich zusammen mit den eleganten Schuhen für die Durchführung ihres Plans zugelegt hatte. Zufrieden stellte sie fest, dass ihre Maskerade funktionierte. Sie war überrascht, wie gut sie aussehen konnte. Ein Kribbeln setzte ein, das vom Bauch aus emporstieg, sich in ihrem Oberkörper und Kopf ausbreitete. Nur ruhig bleiben, sagte sie sich, vor allem hinterher die Nerven behalten. Das wird das Schwerste sein, da machte sie sich nichts vor. Ihr war klar: Einen Menschen zu erschießen, würde sie zutiefst erschüttern. Mit einer Wucht, die sie nicht abschätzen konnte. Immer wieder hatte sie sich eingebläut, nach der Tat innezuhalten, tief durchzuatmen und sich erst einmal zu beruhigen, um dann ganz selbstverständlich an der Rezeption ein unverdächtiges »Tschüss« hervorbringen und den Ort verlassen zu können. Sie durfte sich noch nicht verhaften lassen. Es gab noch etwas zu tun, bevor sie sich von dieser Welt verabschieden konnte, um hinter den Mauern der Justiz zu verschwinden, in einer anderen, völlig fremden Welt.

Sie passierte eine Reihe Plakate zur Europawahl. Freundliche Gesichter schauten seriös drein und warben um Vertrauen. Auch damit hatte sie nichts mehr zu tun. Am Ende der Straße sah sie ihr Ziel vor sich. In der gläsernen Fassade des Gebäudes spiegelten sich die dunklen Wolken. Die Schritte fielen ihr auf einmal schwer. Claudia Hilser fühlte sich wieder wie das kleine Mädchen in der Kirche, dabei musste sie doch gleich über sich hinauswachsen.

 

An den mintgrünen Wänden hingen großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien von muskulösen, wohlgeformten Körpern. Weibliche und männliche, die Köpfe abgewandt oder im Schatten. Bei ihrem ersten Besuch hatte Hilser diese Aktbilder interessiert betrachtet. Heute hatte sie keinen Blick dafür. Sie saß in einem eleganten Ledersessel und fokussierte ihr Gegenüber, das vor dem großen, bodentiefen Fenster mit Blick auf den in Finsternis versinkenden Hafen hinter einem kleinen Designerschreibtisch saß und ihr etwas erzählte. Die Worte nahm sie kaum wahr. Nervös nestelte Hilser an ihrer Tasche, die sie auf dem Schoß hielt. Das Gewicht der Pistole drückte auf ihren Oberschenkel. Sie spürte, wie ihre Hand ein wenig zitterte und ihr Herz immer schneller schlug. Sie musste jetzt schnell handeln, ihr schwaches Nervenkostüm würde sie sonst noch verraten.

»Um wie viele Angestellte handelt es sich noch mal?«

Hilser hatte die Frage kaum wahrgenommen. Hilflos nickte sie. Irritiert wiederholte ihr Gegenüber die Frage.

»Vierundzwanzig«, antwortete sie. Der Blick ihres Gegenübers wurde nachdenklich. Hilser ahnte, dass diese Nachdenklichkeit nichts mit ihrer Antwort zu tun hatte.

»Wir kennen uns, glaube ich.«

Hilser wurde heiß und kalt zugleich. Sie war unfähig, etwas zu erwidern. Es musste jetzt sein, dachte sie, jetzt musste sie es tun.

»Das Gefühl hatte ich schon bei Ihrem ersten Besuch«, fügte ihr Gegenüber hinzu.

Hilser riss sich zusammen, zwang sich, mit fester Stimme zu antworten. »So? Ich lebe aber noch nicht lange in Hamburg.« Während sie sprach, führte sie, so beiläufig wie möglich, ihre Hand in die Tasche und umfasste den Pistolengriff. Der Moment war gekommen. Jetzt oder nie. Sie umschloss den Griff fester, hob die Waffe ein wenig an und entsicherte sie vorsichtig, so wie sie es unzählige Male geübt hatte.

»Wo haben Sie denn vorher gelebt?«

Die Frage drang nicht mehr zu ihr durch. Sie musste daran denken, dass sie jetzt noch sagen könnte, sie hätte es sich anders überlegt, dass sie einfach gehen und den Abend mit Jens verbringen könnte. Und den Rest des Lebens ebenfalls. Und alles wäre gut. Vielleicht.

»Wir kennen uns von früher. Ich erinnere mich.«

Das Herz schlug Hilser bis zum Hals. Es war zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Nicht denken, einfach machen! Ruckartig riss sie die Pistole aus der Tasche und richtete sie zitternd auf ihr Gegenüber. Sie wollte die Sätze sagen, die sie sich für diesen Moment zurechtgelegt und die sie so lange in sich getragen hatte. Aber nun bekam sie keinen Ton heraus. Da bemerkte sie die Pistole in der Hand ihres Gegenübers, deren Lauf auf sie gerichtet war.

2

Wuchtig, mit dunklem Grollen und spritzender Gischt, schlugen die Wellen an den weiten Strand von St. Peter-Ording. Eine steife Brise schob düstere Wolkenmassen über die Nordsee auf den beliebten Badeort zu. Die Luft hatte sich innerhalb weniger Minuten abgekühlt, der strahlende Frühsommertag erlebte sein jähes Ende. Die Familien mit kleinen Kindern und einige ältere Paare, die die warmen Maitage für einen spontanen Urlaub nutzten, waren längst in ihre Unterkünfte oder die Restaurants in den Pfahlbauten geflohen, und selbst die wagemutigsten Kitesurfer hatten die Segel gestrichen und sich in ihre Camper verzogen. Einzig eine verlorene Gestalt stand regungslos im feinen Sand und trotzte den tobenden Elementen. Die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, starrte Kriminaloberkommissar Tom Simon auf das wild gewordene Meer.

Ich habe den V-Mann nicht getötet!

Zum x-ten Mal schoss der Satz seines Bruders durch Toms Hirn. Immer wieder sah er Marco vor sich, wie er vor zwei Tagen auf einmal in seiner Wohnung vor ihm gestanden und die Antwort gegeben hatte, auf die Tom sechs lange Jahre gewartet hatte. Ruhig und ernst hatte sein Zwillingsbruder ihm in die Augen gesehen, und für einen Moment war Tom unendlich erleichtert gewesen, aber schon kurz darauf hatten sich Zweifel in ihm geregt, und er hatte gespürt, dass er Marco nicht mehr glauben konnte. Das war eine grausame Erkenntnis gewesen, noch furchtbarer als jene von damals vor sechs Jahren, als sein Bruder spurlos verschwunden war und Tom erfahren musste, dass Marco auf der anderen Seite des Gesetzes gelandet war. Ein Drogendealer, Mitglied eines internationalen Kartells, im Verdacht, einen verdeckten Ermittler ermordet zu haben. Von Toms Kollegen gejagt, abgetaucht irgendwo in Südamerika. Und Tom hatte nicht die leiseste Ahnung gehabt, obwohl sie doch, wie für eineiige Zwillinge typisch, unzertrennlich gewesen waren und immer alles miteinander geteilt hatten.

Die ersten Regentropfen fielen, der Wind wurde immer stürmischer, und die Wellen türmten sich höher und höher. Die Böen schienen aus allen Richtungen zu kommen und peitschten das salzige Wasser der Nordsee und den stärker werdenden Regen in Toms Gesicht. Hatte Marco V-Mann gesagt oder Bulle? Plötzlich war er sich unsicher, wusste es nicht mehr genau.

Ich habe den Bullen nicht getötet!

Er konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass sein Bruder ihm gegenüber den toten Polizisten als Bullen bezeichnen würde. Aufschreiben, dachte er. Er musste ihr Gespräch aufschreiben, alles rekonstruieren. Und er musste es jetzt tun, hier und jetzt, bevor die Erinnerungen weiter verblassten und seine Fantasie sie verfälschen würde. Keiner kannte diesen verhängnisvollen Mechanismus so gut wie ein Kommissar, dessen Arbeit zu einem großen Teil aus der Befragung von Zeugen bestand, deren lückenhafte Erinnerungen von der Vorstellungskraft aufgefüllt wurden und ihre Aussagen oft nur wenig brauchbar machten. Was hatte Marco alles erzählt? Wie hatte seine Stimme geklungen? Wie hatte er ihn angesehen? Tom musste sich alles genau ins Gedächtnis zurückrufen, er durfte nichts vergessen. Es war doch alles, was ihm geblieben war von dem Menschen, der immer wie ein Teil seiner selbst gewesen war, denn am nächsten Morgen war Marco schon wieder verschwunden. So unerwartet, wie er am Tag zuvor plötzlich in seiner Wohnung aufgetaucht war, obwohl diese von den Kollegen der Zielfahndung überwacht worden war. Wann er seinen Bruder wiedersehen würde und ob überhaupt, stand in den Sternen. Fast neunzehn Stunden hatten sie miteinander verbracht, geredet, geschwiegen und getrunken. Viel getrunken. Sie hatten sich in den Armen gelegen, geweint und gelacht. Es hatte Momente gegeben, in denen Tom die Gegenwart vergessen konnte und sich wie früher gefühlt hatte, als sie zusammen bei Jimmy im Dock One geboxt hatten, durch die Hamburger Nächte gezogen waren und das Leben ein einziges großes Abenteuer gewesen zu sein schien. Aber dann hatte er wieder um Wahrheit und Vertrauen gerungen. Als Tom irgendwann am Morgen in der Küche ein paar Eier für sie in die Pfanne gehauen hatte, war Marco still und heimlich verschwunden. Offenbar hatte er einen dramatischen Abschied vermeiden wollen. Wie hätte der auch aussehen sollen?

Eine mächtige Böe erfasste Tom, und er musste einen Ausfallschritt machen, um nicht den Halt zu verlieren. Die Wellen kamen immer näher, schließlich erwischten sie ihn, umspülten seine Beine. Tom stand inmitten des schäumenden Wassers und zog sein Handy aus der Hosentasche, um sich die Uhrzeit anzeigen zu lassen, aber der Akku war leer. War es schon Abend? Das Zeitgefühl hatte er längst verloren.

Er stapfte aus dem Wasser und machte sich auf den Weg Richtung Dünen, hinter denen irgendwo die kleine Pension lag, in der er abgestiegen war. Der Regen lief ihm übers Gesicht, das durchnässte T-Shirt klebte auf seiner Brust, die Jeans hing schwer an seinen Beinen, die vollgesogenen Sneaker schmatzten bei jedem Schritt, und der Gin der gestrigen Nacht hielt seinen Kopf noch immer umklammert wie eine festgezogene Schraubzwinge.

 

Das junge Mädchen kramte in den Schubladen des Schranks hinter dem kleinen Holztresen der Rezeption. Ihre hellblonden Haare fielen wie ein seidener Vorhang über ihre Schultern und reichten fast bis zu den Ärmeln der hellblauen Bluse. Ungeduldig bewegte Tom den Zimmerschlüssel in seiner Hand hin und her. Es tropfte an ihm herunter, und um ihn herum bildete sich eine Pfütze auf dem Holzfußboden des kleinen Empfangsraums. Er hatte einen Menschen erschossen. Das war nur ein paar Stunden vorher gewesen, bevor er seinen Bruder überraschend in seiner Wohnung vorgefunden hatte. Ihm war das passiert, wovor sie alle Angst hatten. Der Mann war ein Mörder gewesen und hatte eine junge Frau in seiner Gewalt gehabt, ihr ein Messer an die Kehle gedrückt und ein Gewehr auf Tom gerichtet. Tom hatte also keine Wahl gehabt, er hatte die Frau retten und sein eigenes Leben schützen müssen. Das sagte der Verstand, doch seine Gefühle kamen noch nicht hinterher, sie brauchten noch Zeit, um diese furchtbare Geschichte zu verarbeiten.

»Ich verstehe das nicht«, murmelte das junge Mädchen. »Gestern hatte ich ihn noch gesehen.«

Kurz überlegte Tom, ob er höflich sein Anliegen zurückziehen, es auf später verschieben sollte, aber er wollte keine Zeit mehr verlieren.

»Ich kann Ihnen nur den anbieten.« Das Mädchen hielt einen kleinen Notizblock hoch. »Ist der ausreichend?«

 

»Ja, danke. Kann ich bitte auch einen starken Kaffee bekommen und eine große Flasche Wasser?«

Ihr warmes Lächeln tat ihm gut, aber es hatte nichts mit ihm zu tun. Er war ein Alien, das in ihrer Welt nichts verloren hatte.

 

Über ihm ächzte und rumpelte es. Der Sturm rüttelte an den Dachziegeln und blies den Regen gegen das schmale Erkerfenster. Der Schmerz unter seiner Schädeldecke pochte heftig. Der Kaffee und die Flasche Wasser hatten nichts daran ändern können.

Er saß an dem kleinen Tisch unter der Dachschräge und blickte über die Dünen auf den endlosen Strand. Immer noch zogen dunkle Wolkenformationen über den Horizont, tanzte das Meer seinen apokalyptischen Tanz. Sechs Jahre hatten sein Bruder und er keinen Kontakt gehabt. Eine verdammt lange Zeit, in die eine ganze Menge Leben passte. Jetzt hatten sie neunzehn Stunden miteinander verbracht. Ein Tropfen auf den heißen Stein oder eine Ewigkeit? Ein paar Sätze auf Papier? Wo sollte er beginnen? Die laute Musik fiel ihm ein. Er griff sich den Block, zog die kleine Lampe ein wenig näher und begann zu schreiben.

Ich legte Rockscheiben auf, eine nach der anderen, drehte die Lautstärke auf, damit keine von den Wanzen, die von den Kollegen sehr wahrscheinlich in der Wohnung installiert worden waren, unsere Stimmen einfangen konnte.

Tom hatte die Musik wieder im Ohr und seinen Bruder vor Augen.

Da stand er also vor mir. In einem schwarzen Hemd mit feinen, grauen Streifen und schwarzen Jeans, sah smart aus, leicht gebräunt. Vor allem aber wie immer. Ich war überrascht, dass er sein Aussehen kein bisschen verändert hatte. Es war, als wäre er nie weg gewesen. Durch die laute Musik fühlte ich mich fast wie auf einer unserer Partys, die wir früher in der Wohnung gefeiert hatten, als sie noch Marcos gewesen war.

Der Gedanke an die alte, unbeschwerte Zeit machte Tom melancholisch. Aber er musste jetzt weiterschreiben, einfach möglichst viele Details erinnern und festhalten. Er sah seinen Bruder vor sich, wie er durch die Räume geschlendert war.

Ich glaube, es rührte ihn, dass ich in seine alte Wohnung gezogen war und kaum etwas verändert hatte. Er sagte aber nichts. Er fragte nach den Eltern, als wenn er nur eine Zeit lang verreist gewesen wäre. Ich konnte es nicht fassen. Ich wollte endlich Antworten. Irgendwann setzte er sich auf den Boden, auf seinen geliebten Flokati, und lehnte sich gegen den Sessel, wie er es früher immer getan hatte. Ich hab mich dazugesetzt. Er hat mir in die Augen gesehen und gesagt: »Ich habe den V-Mann nicht getötet, Tom.«

Er war sich jetzt sicher, dass Marco V-Mann gesagt hatte und nicht Bulle.

Ich war erleichtert, so verdammt erleichtert, ich hätte heulen können.

Tom fühlte sich wieder wie in jenem Moment, als die schwere Last endlich von ihm gefallen war. Seine Augen füllten sich auch jetzt wieder mit Tränen.

»Ich habe es immer gewusst«, habe ich gesagt.

»Hast du nicht.« Marco hatte mich durchschaut. Ich fühlte mich erbärmlich. Aber dann lachte er auf einmal. Dieses Marco-Lachen, dem keiner widerstehen konnte. Ich habe seinen Kopf genommen und ihn an mich gezogen.

Tom starrte in den Regen und spürte wieder, wie es sich angefühlt hatte, Marcos Stirn auf seine zu drücken. Den Atem und die Haut seines Bruders zu riechen.

Marco war kein Mörder. Endlich habe ich es aus seinem Mund gehört. Endlich! Aber dann meldeten sich wieder die Zweifel. Diese beschissenen Zweifel.

Tom hielt inne. Warum konnte ich ihm nicht glauben?, fragte er sich. Warum kann ich es auch jetzt nicht? Die Frage bohrte sich in sein Hirn, ließ ihm keine Ruhe. Könnte Marco einem Menschen die Kehle durchschneiden? Er wusste nicht mehr, wie oft er sich diese Frage in den letzten sechs Jahren schon gestellt hatte. Wie oft er versucht hatte, es sich vorzustellen. Jedes Mal überstieg das Bild seine Vorstellungskraft. Es machte ihn wahnsinnig. Wütend warf er den Stift durch den Raum und sprang auf. Alles schmerzte, Schädel, Nacken, Rücken. Jede Bewegung fiel ihm schwer. Er neigte den Kopf mehrmals zu beiden Seiten, um die verkrampften Muskeln ein wenig zu lockern. Er tigerte in dem kleinen Dachzimmer auf und ab, schüttelte sich, schlug ein paar Haken in die Luft, streute ein paar blitzartige Geraden ein, boxte in alle Richtungen, immer schneller, immer wilder, verzweifelt, wütend, wahnsinnig. Erschöpft blieb er stehen. Sein Blick fiel auf die Flasche Gin auf dem Nachttisch, in der sich nur ein kläglicher Rest befand. Die Flasche Tonicwater dagegen war noch halb voll. Er griff sich den Gin und kippte die Pfütze hinunter. Das Verlangen nach mehr meldete sich umgehend, aber er wollte nicht die Kontrolle verlieren, so wie letzte Nacht. Er öffnete das Fenster. Der Wind blies ihm die salzige Nordseeluft und den Regen ins Gesicht. Nach einer Weile konnte er wieder klare Gedanken fassen. Er musste jetzt einfach weiterschreiben, dranbleiben. Tom hob den Stift vom Boden auf, setzte sich wieder an den Tisch. Er wusste noch genau, was er Marco daraufhin gesagt hatte.

»Einer von euch hat dem Mann die Kehle durchgeschnitten. Du hast es vielleicht nicht getan, aber du musst es doch gewusst haben!«

»Ich habe den Mann nicht getötet.« Das war alles, was Marco sagte. »Na, dann ist ja gut, dann ist das also geklärt, und sonst ist ja auch gar nichts weiter geschehen. Außer dass du ein Drogendealer geworden bist. Und das im großen Stil! Beim Bilario-Kartell! Gratuliere! Du bist kein kleines Arschloch, sondern eins von den großen. Und Töten gehört da eben zum Geschäft. Normal!« Marco reagierte nicht. Ich habe ihn genau angesehen, ob da irgendeine Reaktion käme. Aber es kam nichts, nicht das kleinste Augenzucken. »Und, arbeitest du jetzt für die in ihrer Heimat? Bist du aufgestiegen?«

»Spricht da jetzt der Bulle oder mein Bruder?«, hatte er mich nur gefragt. Das hatte gesessen. Auf einmal wurde mir klar …

Es fiel ihm schwer, den Satz zu vollenden.

… dass wir uns vielleicht tatsächlich fremd geworden waren.

Tom starrte auf die Worte. Er schluckte den Schmerz herunter und schrieb weiter.

Das konnte doch nicht sein, dachte ich. Ich wollte es nicht wahrhaben. »Warum, Marco? Wie konnte es dazu kommen? Dein Club hatte doch gebrummt. Du hattest dir doch ’ne goldene Nase verdient. Hat das nicht gereicht?« Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte ich den Eindruck, als regte sich etwas in ihm. Aber alles, was er dann sagte, war: »Das ist doch sinnlos, Tom!«

»Sinnlos? Was ist denn das für eine Scheißhaltung? Willst du mir sagen, dass ich dich sowieso nicht verstehen würde? Ich liebe dich, Marco. Und wenn du mit Drogen dealst und wenn du einen umgebracht hast, ist das furchtbar, aber es ändert nichts daran. Verdammt, Marco, du bist mein Bruder, ich liebe dich mehr als mich selbst.«

»Das tue ich auch, Tom.«

»Aber du vertraust mir nicht mehr.«

»Wenn ich dir nicht vertrauen würde, wäre ich wohl kaum hier. Aber was ist mit dir? Vertraust du mir noch?«

Ich brachte kein Wort heraus. Ich musste tatsächlich überlegen. Es war furchtbar.

Toms Hand verkrampfte sich. Er konnte kaum mehr den Stift führen, seine Schrift wurde schlechter, aber immer mehr Erinnerungen stiegen in ihm empor und trieben ihn weiter.

Marco wartete nicht auf meine Antwort. Er knöpfte sein Hemd auf und zeigte mir seinen Oberarm mit einem Tattoo von den Boxhandschuhen, die Papa uns geschenkt hatte, nachdem wir als Jugendliche unsere ersten Kämpfe fürs Dock One gemacht hatten. Unsere Vornamen hatte er eingravieren lassen. Marco hatte es sich irgendwann, nachdem er abgetaucht war, stechen lassen.

Tom hielt inne, sah die Boxhandschuhe vor sich, wie sie noch heute in Jimmys Butze, dem Büro ihres Coaches, an der Wand hingen. Als die Simon-Brüder aus ihnen herausgewachsen waren, hatte er sie an seine Wall of Fame gehängt, zwischen die unzähligen Fotos und Erinnerungsstücke, die die Geschichte des Dock One erzählten.

Marco sagte: »Du bist immer bei mir. Und ich immer bei dir, nur, dass ich jetzt unsichtbar bin. Nichts kann uns trennen, Bruder, nichts!«

Tom erinnerte sich, dass Marco noch einen Halbsatz hinterhergeschoben hatte, den er in dem Moment kaum wahrgenommen hatte.

»Nicht wirklich!«

Er starrte auf die beiden Worte, und ihm wurde auf einmal klar, dass sie viel mehr ausdrückten, als es seinem Bruder in dem Moment bewusst gewesen war. Beschrieben sie doch so treffend den Zustand ihrer beider Leben. Tom lebte in einer Art Wartesaal, seit Marco verschwunden war, in dem er herumgeisterte wie ein Fremder, unfähig, sich auf irgendeine Bindung einzulassen. Und Marcos Leben fand am anderen Ende der Welt statt, unfreiwillig in einer fremden Kultur, einer Art Exil mit seinen eigenen Gesetzen.

»Ich habe geheiratet.« Trocken, fast beiläufig, hat Marco das gesagt. Es war ihm unangenehm, dass er sein Leben nun ohne mich lebte. Da half auch kein Tattoo. Er zeigte mir ein Foto von einer Frau, die ein kleines Mädchen auf dem Arm trug. Eine zierliche Frau, mit dunklen Augen, schwarzen kurzen Haaren. »Das ist Valentina. Mit Mariana, unserer Tochter. Dreieinhalb ist sie. Und kann schon schimpfen wie ihre Mama.« Marco hatte in seinem Exil eine Familie gegründet. Er hatte nicht gewartet. Worauf auch? Es gab offenbar kein Zurück für ihn. »Und jetzt erwarten wir ihre kleine Schwester. Wie heißt es so schön? Jungs machen Jungs und Männer machen Mädchen!« Marco lachte und strahlte mich stolz an, als wenn alles ganz wunderbar gewesen wäre. »Du könntest dich wenigstens ein bisschen für deinen Bruder freuen!« Das gelang mir aber nicht. Ich glaube, dass ich nicht einmal ein kleines Lächeln zustande brachte. »Hey, Bruderherz, nimm nicht alles immer so furchtbar schwer!« Er stieß mich an und legte den Arm um mich. »Du würdest Valentina mögen. Sie hat einen ähnlichen Humor wie du. Und sie ist auch so verdammt vernünftig. Sie passt auf mich auf.«

»Geht das?«

Marco lachte. Mir war zum Heulen zumute.

3

Vorsichtig öffnete er die Tür ein wenig und sah durch den schmalen Spalt in die Buchhandlung. Die meisten Gäste hatten schon ihre Plätze eingenommen. Einige standen vor dem Büchertisch, um sein neues Werk oder auch das eine oder andere ältere zu erstehen, welches er am Ende des Abends mit einer Widmung versehen und signieren würde. Wie immer war seine Lesung ausverkauft, bestand das Publikum aus bürgerlichen Frauen und Männern zwischen dreißig und siebzig Jahren, wobei die Frauen den deutlich größeren Anteil ausmachten. Die ersten beiden Reihen waren sogar ausschließlich von ihnen belegt.

Neil Krambach betrachtete seine Anhängerinnen. Einige unterhielten sich miteinander, andere blickten geduldig vor sich hin oder blätterten in seinen Büchern. Einmal mehr fragte er sich, warum die konservativen Frauen meist so farblos wirkten und eine so schwache Ausstrahlung hatten. Die links orientierten Frauen gleichen Alters fand er deutlich charismatischer und attraktiver. Auch kleideten sie sich aufregender. Aber auf eine Lesung von ihm verirrten die sich natürlich nie, es sei denn, um ihn zu beschimpfen. Was sie in seinen Augen nur noch begehrenswerter machte. Ihr Widerstand übte einen ganz besonderen Reiz auf ihn aus. Außerdem taten sie ihm unrecht: Er war nicht nur der rechte Bestsellerautor, der alte, weiße Mann, dessen Werteverständnis rückwärtsgewandt und nationalistisch geprägt war und dessen Thesen das Land spalteten. Er war es leid, auf diese Vorurteile reduziert zu werden. Immer wieder derselbe Quatsch!, dachte er. Jeder las in seinen Texten offenbar nur das, was er darin lesen wollte. Seine Gegner genauso wie seine Anhänger.

Neil Krambach wunderte sich über seine negativen Gedanken, so unmittelbar vor einer Lesung. Sicher lag es daran, dass er in letzter Zeit häufig eine lähmende Müdigkeit verspürte, die wohl von der Vielzahl der Lesungen, der ewig gleichen PR-Termine, Interviews und Talkshowauftritte herrührte. Außerdem ließ ihn sein Körper zunehmend die einundsechzig Jahre spüren, die ihm schon in den Knochen steckten, auch wenn ihm sein Arzt bescheinigte, für sein Alter ausgesprochen fit zu sein. Krambach zwang sich, seine melancholischen Gedanken nicht weiter zu vertiefen, Schwermut war keine gute Voraussetzung für eine mitreißende Darbietung. Er dachte an die vierzig oder fünfzig Demonstranten, die wie üblich vor dem Geschäft gegen seine Lesung protestiert und ihn bei seiner Ankunft als Rassisten und Nazi beschimpft hatten. Mittlerweile waren sie von der Polizei vertrieben worden, was er fast ein wenig bedauerte, denn Widerspruch dieser Art weckte stets seine Lebensgeister. Bald würde er mehr als genug davon haben, fiel ihm ein, die Routine wäre dann auf jeden Fall Vergangenheit. Bilsens Angebot kam zu einem guten Zeitpunkt, und er war froh, es schließlich doch angenommen zu haben, nachdem er es zunächst abgelehnt hatte. Er würde sich trotz oder gerade wegen seines fortgeschrittenen Alters der neuen Herausforderung stellen, die seine Karriere noch einmal in eine ungeahnte Dimension katapultieren sollte.

Er sah, wie ein Mann den Buchladen betrat und einen freien Platz suchte. Krambach erkannte den Journalisten Rainer Prossek und war ein wenig überrascht, dass dieser hier zu der verhältnismäßig kleinen Lesung erschien, denn Krambachs Buch hatte Prossek schon in einem ausführlichen Artikel in der Welt am Sonntag besprochen. Überraschend positiv war seine Kritik ausgefallen. Krambach fand sie klug und differenziert geschrieben. Der Journalist hatte ihm bescheinigt, unangenehme Wahrheiten ausgesprochen zu haben. Ihre Ursachen habe er vorbehaltlos analysiert und auch den neuen Rechtskonservatismus nicht geschont. Ein Satz des Artikels hatte Krambach besonders gefallen, er kannte ihn auswendig: Neil Krambach stellt sich mutig dem Fegefeuer der politisch korrekten Liberalität entgegen, die diesen Staat in einen Zustand der Orientierungs- und Mutlosigkeit getrieben hat, und hält ihm in aller Ruhe den Spiegel vor.

In der zunehmend differenzierten Wahrnehmung seines Werks in der Presse sah er einen bedeutenden Schritt zu einem breiteren Konsens, der ihm zu politischer Macht verhelfen würde. Zufrieden schloss er die Tür wieder und wanderte durch den kleinen Raum, der dem Personal als Küche und Aufenthaltsraum diente. Auf einem Stuhl neben dem Kühlschrank saß Tolgay und war in ein Spiel auf seinem Handy vertieft. Der schwarze Anzug spannte etwas über dem breiten Kreuz und den kräftigen Armen des Personenschützers. Krambachs Handy vibrierte. Er fischte es aus seiner Hosentasche und las die Mitteilung auf dem Display: »Eine kleine Gruppe macht Stress. Wird schwierig. Müssen abwarten.« Krambachs Zufriedenheit verflog. Er strich sich über die Glatze, so wie er es oft tat, wenn sich Probleme ergaben. Warten worauf? Dass die Gruppe der Gegner weiter wächst? Es klopfte, und die Buchhändlerin schob ihren Kopf durch die Tür. »Herr Krambach, sind Sie bereit?«

 

Der Applaus war laut und herzlich, als Neil Krambach gemeinsam mit der Inhaberin der Buchhandlung vor sein Publikum trat. Während er sich feiern ließ, verdrängte er die schlechte Nachricht und beschloss, optimistisch zu bleiben. Jetzt war er ganz der charmante, ehemalige Gymnasiallehrer, der seine Stimme stellvertretend für die schweigende Mehrheit erhoben hatte, um dieses Land vor dem Verfall zu retten.

Die deutsche Chance stand in großen Lettern einer modernen Typografie und Farbgebung, die bewusst auf Schwarz-Rot-Gold verzichtete, auf dem Umschlag des Buches, welches die Buchhändlerin mit beiden Händen hochhielt. Krambachs Name fand sich unmittelbar unter dem Titel in etwas größerer Schrift. Schließlich war er es, der die Menschen zu dem Buch greifen ließ. Ein Foto darunter zeigte den nachdenklichen und dynamisch wirkenden Autor. Einige im Publikum filmten mit ihren Handys, hier und da flackerten Blitzlichter auf. Neil Krambach verbeugte sich. Als der Applaus sich legte, nahm der Autor an dem kleinen antiken Holztisch Platz, wo im Schein der Leselampe sein Buch lag und der übliche Ingwertee für ihn bereitstand.

»Da wir kurz vor der Europawahl stehen«, sprach er in das schlanke Mikrofon, »möchte ich den Abend mit einer kurzen Schilderung eines Erlebnisses beginnen, das viel über den Zustand unseres Kontinents aussagt. Vor ein paar Jahren machte ich Urlaub auf Kreta. Am Hafen von Plakias lernte ich Kostas kennen, einen Fischer. Jede Nacht fuhr er mit einem Kollegen auf seinem Boot aufs Meer hinaus. Er arbeitete hart, um seine Familie ernähren zu können. Die Netze waren lange nicht mehr so üppig gefüllt wie noch vor Jahren, und die schwere Finanzkrise seines Landes bekam auch er zu spüren. Aber Kostas klagte nicht, im Gegenteil: Er war zufrieden mit seinem Leben. Er liebte seinen Beruf, seine Familie, sein Dorf, seine Insel und sein Land. Wir haben uns ein wenig angefreundet und ab und zu einen Kaffee in einer Taverne am Hafen miteinander getrunken.«

Zufrieden registrierte Neil Krambach, dass seine Erzählung ihm leicht über die Lippen kam. Er war in Form.

»Einmal hat er mir dabei seine tragische Geschichte erzählt. Kostas war nämlich ein Held. 2014 hatte er elf schiffbrüchige afrikanische Flüchtlinge, die kurz vor dem Ertrinken waren, gerettet und an Bord genommen. Aber nicht nur das, seine Familie und Nachbarn hatten ihnen allen Obdach gegeben, bis sie von den Behörden zu einem Auffanglager gebracht werden konnten. Für Kostas war seine Tat selbstverständlich, er empfand sie nicht als heldenhaft.«

Neil Krambach ließ seinen Blick über das Publikum schweifen und genoss es, in die konzentrierten Gesichter zu sehen. Er wusste, dass sie jetzt mit einer Pointe rechneten, und er wollte sie nicht enttäuschen.

»Drei Jahre später wurde Kostas’ Tochter, die inzwischen in Athen studierte, in einem Park von zwei Männern vergewaltigt und schwer verletzt. Die Täter konnten gefasst und verurteilt werden. Es waren zwei afrikanische Flüchtlinge gewesen, aber nicht, wie Sie jetzt wahrscheinlich vermuten, aus der Gruppe, die Kostas gerettet hatte. Nein, das nicht. Seine Tochter humpelt seitdem und leidet unter Angstzuständen. Ihr Studium hat sie abgebrochen und ist wieder zu ihren Eltern gezogen. Irgendwann hat sie einen Job in einem Hotel gefunden. Einen Freund hatte sie seitdem nicht mehr. Kostas erzählte mir, was für ein fröhliches, kluges Mädchen seine Tochter früher gewesen war und dass sie so viel vorgehabt hatte. Er konnte nicht verbergen, wie sehr ihn diese Geschichte immer noch mitnahm.« Wieder wartete Krambach einen Moment, ließ seinen Zuhörern Zeit für ihre Empörung. Die Pointe hatte ihren Zweck erfüllt.

»Aber Kostas klagte nicht und sagte sogar, dass für ihn diese beiden Geschichten nichts miteinander zu tun hätten. Er würde jederzeit wieder schiffbrüchige Flüchtlinge retten.« Krambach beugte sich vor und legte eine besondere Intensität in Blick und Stimme. »Ich habe größten Respekt vor diesem Mann, aber ich sage, dass diese beiden Geschichten sehr wohl etwas miteinander zu tun haben.« Nicken und zustimmendes Raunen im Publikum.

»Und ich glaube, Kostas wusste das eigentlich auch. Warum hat er sie mir sonst zusammenhängend erzählt? Das Problem ist natürlich ein alter Hut, und in meinem neuen Buch spielt es auch nicht mehr die Hauptrolle, aber es ist eben immer noch ungelöst, und es darf einfach nicht zu einer zähneknirschend akzeptierten Selbstverständlichkeit werden. Ich erzähle diese Geschichte, weil sie jenseits von Zahlen und Statistiken ein Stück Wahrheit aus dem Alltag der Menschen ist, die die Opfer von scheinheiliger und schlechter Politik werden. Und von denen gibt es immer mehr. Überall in Europa. Auch unser Land ist davon betroffen und befindet sich schon lange in einer Krise, die unsere Regierung nur nicht wahrhaben will, deren Ausmaß aber schleichend zunimmt. Dabei birgt diese Krise auch eine Chance. Und ich sage: Es ist sogar eine gewaltige Chance. Die deutsche Chance!«

Krambach hielt sein Buch hoch. Applaus. Er war zufrieden, hatte sein Publikum und auch sich selbst in Stimmung gebracht. Nun konnte er mit der Lesung beginnen. Auf einmal gab es einen lauten Knall. Mit gewaltigem Klirren und Scheppern fiel das große Schaufenster in sich zusammen. Zwei dunkle Geschosse landeten im Raum. Tolgay stellte sich schützend vor seinen Chef. Eine Frau aus dem Publikum schrie auf. Die Leute fuhren erschrocken herum, sprangen auf, Stühle fielen um. Die Frau, die geschrien hatte, stürzte vom Stuhl. Draußen auf der Straße liefen zwei schwarze Schatten davon. Aus einem Polizeiwagen sprangen drei Beamte, die zur Sicherheit vor der Buchhandlung postiert waren, und nahmen die Verfolgung auf. Krambach betrachtete das Durcheinander gelassen.

»Sie blutet!«, rief der Mann neben der gestürzten Frau.

Eine andere Frau sagte, sie sei Ärztin, und eilte zu Hilfe.

Ein Mann zeigte auf den Boden und rief: »Ein Stein, ein Pflasterstein! Die haben einen Pflasterstein geworfen!«

»Hier auch!«, rief eine Frau. »Ein Zettel klebt drauf«, fügte sie aufgeregt hinzu und beugte sich hinunter.

»Bitte nicht anfassen!«, rief Krambach laut. »Das ist für die …«

Aber schon tauchte die Frau mit dem Zettel in der Hand wieder auf und las vor: »Kill Krambach!« Sie hielt ihn hoch, sodass alle die schwarze Druckschrift sehen konnten.

»Bitte nichts anfassen!«, wiederholte Krambach energisch. »Wegen der Spurensicherung!« Die Frau mit dem Zettel blickte peinlich berührt drein und zuckte die Achseln.

»Auf dem hier klebt auch ein Zettel«, rief der Mann beim anderen Stein, beugte sich hinunter und las laut vor: »Die deutsche Chance!« Ein empörtes Raunen ging durch die Menge.

»Dieser Abschaum!«, murmelte Tolgay verächtlich.

»Tja, immer wieder das gleiche Spiel«, erwiderte Krambach leise. Hinter seiner demonstrativen Gelassenheit spürte er einen Anflug von Angst. Das war neu, denn obwohl er schon einiges an Drohungen und kleineren Anschlägen erlebt hatte, kannte er das Gefühl der Angst nicht. Sogar die gefährlichen Situationen, in denen er sich früher, vor seinem Autorendasein, das ein oder andere Mal befunden hatte, hatten ihn erstaunlich kaltgelassen.

Die Ärztin erhob sich. »Die Dame wurde am Kopf getroffen. Ich rufe einen Rettungswagen.« Eine Buchhändlerin weinte leise vor sich hin.

»Das waren Autonome!«, pöbelte eine Frau.

»Terroristen! Verbrecher!«, hallte es durch die Buchhandlung.

Krambach kam das alles eigenartig unwirklich vor. Ein unheimliches Gefühl kroch in ihm hoch und verunsicherte ihn. Die Buchhändlerin mahnte alle zur Ruhe und sah den Autor ratlos an. Die Initiative ergreifen, dachte er, das war der richtige Weg, der Angst zu begegnen. Er nickte ihr aufmunternd zu, dann wandte er sich an die Menschen: »Bitte, liebe Freunde! Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen so etwas Furchtbares erleben mussten.« Ein Martinshorn ertönte in der Ferne und näherte sich schnell. Weitere kamen hinzu. Da draußen suchten sie schon die Täter. Krambach hob seine Stimme. »Ich hoffe, dass die Verletzung der Dame nicht schwer ist und sie bald wieder ganz gesund sein wird. Aber wir wollen uns durch so einen feigen Anschlag nicht von unserem Weg abbringen lassen.« Lautstarke Zustimmung. Krambachs Lebensgeister waren wieder geweckt. »Wenn meine Gastgeberin nichts dagegen hat, werde ich die Lesung fortsetzen, sobald sich alle beruhigt haben, der Glaser bestellt ist und die Polizei alle wichtigen Daten festgehalten hat. Und jetzt lade ich Sie alle auf einen Wein ein. Mein Freund Tolgay wird zwei Kartons Grauburgunder aus meinem Wagen holen.« Er klopfte seinem Personenschützer liebevoll auf die Schulter, und der machte sich auf den Weg. Die Menschen applaudierten. »Zufällig hatte ich auf dem Weg hierher beim Weinhändler einen Zwischenstopp eingelegt, worüber ich mich jetzt besonders freue. Und ich glaube, gesehen zu haben, dass es hier irgendwo Pappbecher gibt.«

»Das stimmt, wir haben sicher genug Becher für alle!«, bestätigte eine Mitarbeiterin. Die Buchhändlerin sah ihn dankbar an, fast ein wenig gerührt. Ihm aber fiel ein anderes Gesicht in der Menge auf. Die Person, zu der es gehörte, schien die Freude der anderen nicht zu teilen und sah ihn mit unbewegter Miene an.

4

Viele umgeblätterte Seiten wölbten sich oberhalb des Notizblocks, alle dicht beschrieben. In Toms Kopf dagegen herrschte Leere. Immer mehr Momente jener Nacht entglitten ihm. Erinnerungsfetzen schwebten davon, kaum dass er sie zu fassen glaubte. Der bohrende Kopfschmerz machte ihn mürbe und produzierte schon eine leichte Übelkeit. Er beschloss, eine Pause einzulegen, und fragte sich, ob er in einem der Schränke an der Rezeption vielleicht Schmerztabletten finden könnte. Als er sich erhob, kostete es ihn einige Mühe, seinen verkrampften Körper aufzurichten. Schwerfällig schleppte er sich durch das kleine Zimmer. Auf einmal fiel ein Schuss. Tom fuhr zusammen. Die Erinnerung traf ihn blitzartig. Wie immer, wenn sie kam. Es war sein Schuss, der durch seinen Kopf hallte. Tom sah den Mann wieder vor sich in dem abgedunkelten, verwahrlosten Bauernhaus, wie er nach hinten gekippt und langsam an der Wand hinuntergerutscht war, das Einschussloch in der Stirn, den Blutfleck an der Wand. Wie gelähmt stand Tom da. Nur langsam wurde ihm bewusst, dass er den Atem angehalten hatte. Er holte Luft, tief sog er sie ein. Er musste raus, brauchte Wind und Weite. Hier drinnen würde er noch durchdrehen. Hektisch griff er sich den Zimmerschlüssel, alles andere kümmerte ihn nicht. An der Tür fiel sein Blick in den schmalen Garderobenspiegel. Er betrachtete sich, aber sah Marco.

»Was war das für ein Gefühl, einen Menschen zu töten?«, fragte sein Bruder, so wie er es in jener Nacht getan hatte.

»Erschießen«, erwiderte Tom. »Ich habe ihn erschossen. In meiner Funktion als Polizist.« Er hörte sich die Sätze sagen, wie er Marco geantwortet hatte. Er hatte ein Leben beendet. Es war eine Entscheidung gewesen. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er sie gefällt. Sein Gefühl dabei oder unmittelbar danach hatte er Marco nicht beschreiben können. Vielleicht gab es auch keine Worte dafür.

»Hast du Schuldgefühle?«

»Nein«, hatte er entschieden geantwortet, dabei war er sich ganz und gar nicht sicher gewesen. Marco hatte das erkannt. »Der Mann war ein Mörder«, hatte sein Bruder gesagt. »Und hatte die Frau in seiner Gewalt. Du hast ihr das Leben gerettet. Außerdem hätte er dich erschießen können. Du hast das Richtige getan.«

»Das Richtige …«, hörte Tom sich nachdenklich sagen und dachte, dass er das auch noch aufschreiben musste.

»Wie viele Menschen hatte der Kerl schon auf dem Gewissen?«, hatte Marco gefragt.

Tom erinnerte sich, wie sinnlos ihm all diese Fragen erschienen waren.

»Darum geht es doch nicht, Marco. Das ist zu einfach.«

»So, ist es das? Vielleicht sind manche Dinge eben ganz einfach. Vielleicht hatte dieser Typ den Tod verdient.«

»Wer kann das entscheiden?«

»Ach ja, mein weiser Bruder!«, hatte Marco gesagt und geschmunzelt. Tom versuchte, sich genau daran zu erinnern. Wie war dieses Schmunzeln gemeint gewesen? Ironisch? Zynisch? Oder liebevoll, vielleicht traurig? Es war nicht eindeutig gewesen. Verdammt, er verstand seinen Bruder nicht mehr, zu groß war die Distanz zwischen ihnen geworden. Ein kalter Schmerz fraß sich tief in Tom hinein. Das Gefühl der Ohnmacht ließ ihn seine Faust ballen. Der Schlag landete wuchtig auf dem Türrahmen. Verzweifelt. Schmerzhaft.

 

Eine gepflegte, biedere Hausfassade reihte sich an die andere. In der heilen, bürgerlichen Welt von St. Peter-Ording herrschten Sauberkeit und Ordnung. Und zu dieser nächtlichen Stunde absolute Ruhe. Viele der parkenden Wagen hatten ein Hamburger Kennzeichen. Die meisten ihrer Halter besaßen hier eine Wohnung, und die anderen hatten sich in den Hotels oder Ferienwohnungen eingemietet. Mit dem Ort hatte Tom noch nie etwas anfangen können. Er kam wegen der Welt hinter den Dünen, der rauen Nordsee, des salzigen Winds, des endlos breiten Strands mit seinen Pfahlbauten, deren Stiegen er gern erklomm, um bei Scholle mit Krabben und einem Bier auf der Terrasse zu sitzen und auf das Meer zu blicken. Es hatte aufgehört zu regnen, und die Nacht war lau. Er hatte keine Tabletten an der Rezeption finden können. Nun war er auf der Suche nach irgendeiner Kneipe, um mit einigen Gin Tonics den Kopfschmerz zu betäuben und seine Traurigkeit gleich mit. Aber jegliche Gastronomie hatte schon geschlossen.

Ein Wagen kam ihm entgegen und bog in die Einfahrt eines Wohnhauses ein. Tom sah, wie auf der Fahrerseite ein junger Mann und hinten eine junge Frau ausstiegen. Während der Mann wartete, holte die Frau ein kleines, schlafendes Mädchen von einem Kindersitz. Unruhig ging der Mann auf und ab. Die Frau nahm das Kind auf den Arm und legte den kleinen Kopf liebevoll auf ihrer Schulter ab. Obwohl alles völlig gewöhnlich wirkte, hatte Tom den Eindruck, dass hier etwas in der Luft lag. Der Mann ging zu ihr, sagte etwas, klang wütend. Sie wich einen Schritt zurück und drehte das Kind von ihm weg. Es wirkte wie ein routinierter Schutzreflex. Er stapfte Richtung Haustür, und sie folgte ihm mit etwas Abstand. Offensichtlich hing der Haussegen schief, dachte Tom und wollte gerade weitergehen, als er einen dumpfen Knall hörte. Tom sah noch, wie ein rotes Bobbycar sich auf dem Rasen überschlug und kopfüber liegen blieb. Die Frau blieb stehen und streichelte den Kopf ihrer wach gewordenen Tochter. Der Mann war ein Choleriker.

Da entdeckte dieser den Kommissar auf dem Fußweg und sah ihn demonstrativ an. »Was gibt es hier zu glotzen?«

Tom reagierte nicht, war sich unsicher, wie er sich verhalten sollte.