Der blinde Fleck - Thomas Kanger - E-Book

Der blinde Fleck E-Book

Thomas Kanger

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Beschreibung

Wer vor seiner Vergangenheit flieht, wird von ihr eingeholt … Kommissarin Elina Wiik ist auf der Flucht – vor dem eisigen Schweden, der Last ungelöster Fälle und den Schatten der Vergangenheit. Zuflucht findet sie in einem pittoresken italienischen Städtchen, wo sie nicht nur ausspannen kann, sondern auch eine neue Liebe kennenlernt. Doch das Paradies verwandelt sich in einen Alptraum, als ihr Geliebter brutal ermordet aufgefunden wird – ein Messer mitten ins Herz. Als sie dann auch noch erfahren muss, dass er nicht der Mann war, für den sie ihn hielt, gibt es für Elina nur einen Weg, mit der Trauer und Enttäuschung umzugehen: Sie beginnt zu ermitteln – und stellt schon bald fest, dass in diesem Fall die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen wie Blut im Regen …  Der bisher persönlichste Fall für die schwedische Kommissarin – Skandi-Spannung für Fans von Tove Alsterdal und Sara Strömberg.  Alles begann mit einem tödlichen Feuer: Im Auftaktband der Reihe, »Der werfe den ersten Stein«, kämpft die junge Kommissarin gegen eine Mauer des Schweigens, um einen Unschuldigen vor dem Gefängnis zu bewahren …

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Kommissarin Elina Wiik ist auf der Flucht – vor dem eisigen Schweden, der Last ungelöster Fälle und den Schatten der Vergangenheit. Zuflucht findet sie in einem pittoresken italienischen Städtchen, wo sie nicht nur ausspannen kann, sondern auch eine neue Liebe kennenlernt. Doch das Paradies verwandelt sich in einen Alptraum, als ihr Geliebter brutal ermordet aufgefunden wird – ein Messer mitten ins Herz. Als sie dann auch noch erfahren muss, dass er nicht der Mann war, für den sie ihn hielt, gibt es für Elina nur einen Weg, mit der Trauer und Enttäuschung umzugehen: Sie beginnt zu ermitteln – und stellt schon bald fest, dass in diesem Fall die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen wie Blut im Regen …

Über den Autor:

Thomas Kanger wuchs in Uppsala auf und verbrachte viele Jahre in Västerås, bevor er als freier Journalist die Welt bereiste und unter anderem in Israel, Indien und Amerika lebte. Nach einem Sachbuch veröffentlicht er seit 2003 regelmäßig Kriminalromane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Er wird für die aktuellen Themen seiner Bücher, sein journalistisches Gespür und seine klare, eindrucksvolle Sprache gelobt.

Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine beliebte Reihe um die schwedische Kommissarin Elina Wiik, bestehend aus den Bänden »Der werfe den ersten Stein«, »Sing wie ein Vogel«, »Die Toten im Wald«, »Die vergessene Tote« und »Der blinde Fleck«.

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eBook-Neuausgabe Mai 2025

Die schwedische Originalausgabe erschien erstmals 2007 unter dem Originaltitel »Gränslandet« bei Norstedts, Stockholm.

Copyright © der schwedischen Originalausgabe 2007 by Thomas Kanger

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Milano M, Black_Rabbit, Sitthipol_Studio

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-98952-750-8

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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Thomas Kanger

Der blinde Fleck

Kriminalroman – Mord in Västmanland 5

Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps

dotbooks.

PROLOG

TEIL I Die Flucht

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

TEIL II Engelsberg

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

TEIL III Das Mädchen unter der Straßenlaterne

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

LESETIPPS

PROLOG

Die Luft flimmerte vor Hitze, es war ganz still. Im ersten Stock des Hauses saß ein Mädchen in ihrem Zimmer. Sie schrieb in ihr Tagebuch.

Liebe Bella,

vorhin sind Gabriel und sein Freund gekommen, um uns abzuholen. Sie haben gemeint, dass wir sofort aufbrechen sollten, aber Mama will vorher unbedingt noch Essen machen. Typisch Mama! Sie ist gerade im Gemüsegarten und holt Kartoffeln und Mohrrüben. Papa sitzt wie immer in seinem Stuhl, er hat große Schmerzen in den Beinen. Oma will nicht fort, sie will bleiben, egal was Gabriel dazu sagt. Und ich muss packen, es ist so schwer, sich zu entscheiden, was man mitnehmen will!!! Aber du kommst natürlich mit, Bella! So, und jetzt muss ich mich beeilen.

Das Mädchen klappte das Tagebuch zu und stand auf. Aus einem kleinen Schrank wählte sie ein paar Kleider, Blusen sowie ein Paar weiße Schuhe aus. Sie legte die Sachen aufs Bett. Die Bücher würde sie alle im Regal stehen lassen, bis auf eines, das von einem Mädchen handelte, das in den Wolken lebte. Von dort konnte dieses Mädchen die Menschen auf der Erde beobachten und deren Leben mit unsichtbarer Hand lenken. Wenn ein schreckliches Unglück bevorstand, konnte sie es verhindern, bevor es eintraf, denn das Mädchen in den Wolken wusste es schon im Voraus. Manchmal genügte eine Verzögerung von wenigen Sekunden. Das Auto fuhr vorbei, bevor der Junge auf die Straße lief, und er kam ungeschoren davon. Der Blitz schlug in dem Baum ein, kurz bevor die junge Frau darunter Schutz vor dem Regen suchte. Manchmal beschleunigte sie auch die Schritte der Menschen. Im letzten Augenblick erreichte der Mann den Bus, der nächste stürzte kurz darauf in einen Abgrund. Das Mädchen in den Wolken konnte also einige Menschen vor dem Schicksal bewahren, das ihnen ansonsten widerfahren wäre.

Sie liebte dieses Buch und legte es darum oben auf die Kleidungsstücke. Dann stellte sie sich in die Mitte ihres Zimmers und ließ den Blick über ihre Dinge wandern, eines nach dem anderen. Mit den Puppen spielte sie schon seit langem nicht mehr. Auch der Kassettenrekorder bedeutete ihr nicht mehr so viel wie früher. Sobald sie genug Geld hatten, würde sie sich ein neues Radio kaufen, aber diesmal mit eingebautem CD-Player.

Die meisten Dinge konnte sie leichten Herzens zurücklassen. Aber die kleine Porzellankatze wollte sie unbedingt mitnehmen. Ihre beste Freundin Katja hatte ihr die zum Geburtstag geschenkt, und sie hatte seit diesem Tag auf dem Fensterbrett gestanden und hinausgeschaut, genau wie eine richtige Katze.

Mühelos konnte sie alles in ihrer kleinen Stofftasche verstauen, die nur so groß war, dass sie sie selbst tragen konnte. Aus der Küche stieg ihr der wunderbare Geruch von in Butter und Knoblauch gebratenem Fleisch in die Nase. Sie hörte Oma vor sich hin schimpfen, während Gabriel sich mit ihrem Papa unterhielt. Es war fast so wie früher an den Sonntagen. Als Gabriel laut lachte, wenn man ihn nach seiner neuesten Freundin fragte, als ihre Mama immer etwas zu tun hatte und nie stillsitzen und sich ausruhen konnte, als ihr Papa stark war, noch keine Schmerzen hatte und jede freie Minute am Haus gebaut hatte, damit es eines schönen Tages fertig werden würde. Als Oma noch Opa hatte, um mit ihm zu zanken. Als Katja einfach vorbeikam und fragte, ob sie zusammen spielen wollten.

Sie aßen schweigend. Ihr Papa trank den Wein, den er selbst gekeltert hatte. Das sei gut für das kaputte Bein, pflegte er immer zu sagen. Nach dem Essen räumte ihre Mutter den Tisch ab, Gabriel trieb zur Eile, aber sie widersetzte sich. Sie würde das Haus nicht so hinterlassen, sondern erst das Geschirr abwaschen. Gabriel drängelte, aber es half nichts. Ihre Mutter war unnachgiebig, wenn es um wirklich wichtige Dinge ging.

Als sie ihre Arbeit beendet hatte, trocknete sie sich ihre Hände ab und hängte das Handtuch an den Haken. Gabriels Freund trug die Taschen zum Wagen, während Gabriel die Großmutter beim Gehen stützte. Er würde sie mitnehmen, wie sehr sie sich auch weigern mochte.

Das Mädchen rannte hinauf in ihr Zimmer, um ihre Puppen zum Abschied zu umarmen. Sie wusste, wie kindisch das war, aber schließlich hatten sie alle einen Namen. Dann ging sie die Treppe wieder hinunter. In wenigen Augenblicken würden sie aufbrechen.

Sie hörte, wie sich ein Wagen näherte. Das Geräusch kam immer näher, das Auto arbeitete sich den Berg hinauf. Dann tauchte es auf der Kuppe auf. Das Mädchen erkannte die beiden Männer auf den Vordersitzen.

TEIL IDie Flucht

KAPITEL 1

In fünfhundert Metern Höhe gefror ein mikroskopisch kleiner Wassertropfen in einem Nimbostratus zu Eis. Das Eiskristall stieß mit mehreren Wassertropfen zusammen, die augenblicklich gefroren. Es wurde immer größer und fiel dann durch die Wolke zur Erde hinab. Langsam schwebte die Schneeflocke zu Boden.

Kurz bevor sie die Erde berührte, trat Elina Wiik aus der Tür des Hauses im Lidmansvägen in Västerås. Es war Mittwoch, der 23. März 2005, die Woche vor Ostern. Es war früh am Morgen, Viertel vor acht, und schon hell. Die Schneeflocke legte sich auf ihre Unterlippe, wo sie schmolz und wieder zu einem Wassertropfen wurde. Elina leckte ihn mit der Zunge ab, und auf diese Weise begleitete sie ein kleiner Teil dieser dunklen Wolke den Oxbacken hinunter auf ihrem Weg zum Polizeipräsidium. Als Elina das Gebäude erreicht hatte, blieb sie regungslos und scheinbar ohne Grund davor stehen und ließ die Sekunden verstreichen.

Vor etwa einem Monat war sie sechsunddreißig geworden. Ihren Geburtstag hatte sie bei ihren Eltern in  außerhalb von Stockholm gefeiert. Bodwin und Maria Wiik hatten ihr ein Spielflugzeug geschenkt und an dessen Fahrwerk einen Gutschein geknotet. Der versprach ihr fünftausend Kronen für eine Reise ihrer Wahl. Elina fand das viel zu viel, aber ihr Vater hatte alle Proteste mit der Hand weggewischt:

»Du musst mal raus, was anderes sehen als immer nur dieselben vier Wände.«

Am Abend danach war sie von ihren Freundinnen Susanne und Nadia zum Essen in ein Restaurant eingeladen worden. Susanne und Nadia sahen sich nicht so häufig, hatten sich aber vor dem Geburtstagsessen ein paarmal unter vier Augen getroffen. Sie machten sich Sorgen. Elina war in letzter Zeit so antriebslos geworden, beinahe gleichgültig sich selbst und ihrer Umgebung gegenüber. Beide hatten sie ein Gespräch mit ihr gesucht, wollten wissen, was los sei. Doch sie hatten nur ausweichende Antworten erhalten.

Zu Beginn des Abends war die Stimmung aufgekratzt. Sie hatten sich schick gemacht. Auch Elina schien bester Laune zu sein. Gegen elf Uhr aber wollte sie dann überraschend aufbrechen. Sie habe leichtes Fieber, entschuldigte sie sich. Als ihre Freundinnen sie zu überreden versuchten, noch gemeinsam durch die Bars zu ziehen, senkte sie ihren Blick und schüttelte den Kopf.

Es war erst einige Monate her, dass Elina in ihrem Arbeitszimmer im Polizeipräsidium am Fenster gestanden und auf den grauen Innenhof gestarrt hatte. Auf ihrem Schreibtisch lagen mehrere Akten von Vergewaltigungsfällen, die ihr von ihrem Chef Egon Jönsson übertragen worden waren. Damit war Elina wieder an dem Punkt angekommen, an dem sie vor drei Jahren begonnen hatte. Ihre Zeit als Kommissarin im Morddezernat war vorbei. Jönsson hatte ihr das Privileg entzogen, die schwersten und interessantesten Fälle zu bearbeiten. Am Ende des Kräftemessens zwischen den beiden, das im vergangenen Herbst seinen Höhepunkt erreicht hatte, war er als der Stärkere hervorgegangen. Elina wollten ihren eigenen Weg gehen, Jönsson hatte versucht, sie zu seiner Marionette zu machen. Am Ende musste sie aus der Mordkommission ausscheiden und beschloss, das Dezernat zu verlassen. Unter Jönssons Ägide wollte sie nicht weiterarbeiten.

Sie sah sich nach Alternativen um. Sie hatte die Wahl, sich ein neues Dezernat auszusuchen oder den Beruf zu wechseln. Der Hinweis aus den Reihen der Reichskriminalpolizei in Stockholm auf eine Stelle als Ermittlerin erwies sich als heiße Luft. Sie wusste selbst nicht recht, was sie gerne machen würde. Zunehmend lustloser studierte sie die Jobanzeigen in den Zeitungen und im Netz.

Die Wochen vergingen, und sie blieb auf ihrem Posten. Sie erledigte ihre Arbeit tadellos, aus Pflichtgefühl. Die misshandelten Frauen sollten nicht darunter leiden müssen, dass sie selbst das Opfer eines Übergriffes geworden war. Sich jedoch tagein, tagaus klaglos im Polizeipräsidium aufzuhalten war, als würde sie in einer zerrütteten Ehe verharren. Das Leben fand an einem anderen Ort statt. Der Winter linderte den Schmerz ein wenig, die Kälte und die Dunkelheit legten sich wie ein schützendes Gewand um sie.

Doch dann kam der Frühlingsanfang, die grauen Tage wurden langsam heller. Sie konnte sich nicht länger verstecken. Regungslos stand Elina vor dem Eingang des Polizeipräsidiums. Ein Kollege ging an ihr vorbei und hielt ihr die Tür auf. Elina lächelte ihn an, rührte sich aber nicht von der Stelle. Er erwiderte ihr Lächeln und ging hinein. Als die Tür sich schloss, drehte sie, ohne zu zögern, auf dem Absatz um und ging dieselbe Strecke zurück, die sie gekommen war.

Kaum war sie in ihrer Wohnung angekommen, überprüfte sie ihre Kontoauszüge. Auf dem Sparkonto hatte sie gut sechsunddreißigtausend Kronen. Das Gehaltskonto wies noch ein Plus auf, außerdem stand die Überweisung des nächsten Monatsgehalts kurz bevor. Und ihre Eltern hatten ihr fünftausend Kronen geschenkt.

Sie holte eine Reisetasche vom Dachboden und legte sie aufs Bett. Kleidungsstücke, Waschzeug und ein paar Bücher. Das war alles. Sie schloss die Tür sorgfältig hinter sich ab, nahm die Tasche und setzte sich in ihren Wagen. Nur wenige Minuten später befand sie sich bereits auf der Europastraße nach Süden.

KAPITEL 2

Die Sonne war schon längst untergegangen, als Elina aus dem Wagen stieg. Ihr Körper sträubte sich, wollte sich nicht dehnen. Sie war die Strecke mit nur wenigen Pausen in einem Stück durchgefahren. Die Autobahn quer durch Schweden bis zur Öresundbrücke, dann über die dänischen Inseln bis zum Fährhafen Rødby und schließlich eine Stunde Fähre bis zum deutschen Festland. Sie war erschöpft. Der Kontinent befand sich unter ihren Füßen, ihre Reise hatte begonnen.

Die Stadt hieß Oldenburg, und das Hotel mit seiner weiß verputzten Fassade sah gepflegt und preiswert aus. Sie bekam ein Einzelzimmer für vierundfünfzig Euro. Auf dem Bett breitete sie die Landkarte aus: Europa, wie ein verheißungsvoller Körper lag es vor ihr. Elina legte ihre Hand aufs Papier und ließ sie nach Süden wandern. Auf den Balkan, nach Griechenland, bis zur eigentlichen Wiege der Göttin Europa. Ihre Hand glitt weiter, über die vielen Orte mit unbekannten Namen. Sie fuhr über die unterschiedlichsten Gegenden: die Finger der Peloponnes, Italiens Stiefelspitze, Portugals äußerste Landzunge.

Aus Gründen, über die sie sich selbst nicht im Klaren war, beschloss sie, nach Italien zu fahren. Sie würde durchfahren und nur anhalten, um zu essen und zu schlafen. Sie würde erst am richtigen Ort anhalten. Den würde sie erkennen, wenn sie ihn erreicht hätte.

Elina faltete die Karte wieder zusammen, löschte das Licht und streckte sich auf dem Bett aus. Sie fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

Es war kurz nach acht Uhr, als sie am nächsten Morgen erwachte. Im Foyer des Hotels kaufte sie drei Postkarten. Sie schickte je eine an ihre Eltern, an Susanne und an Nadia. Auf allen stand dieselbe Nachricht. Sie würde für unbestimmte Zeit fortbleiben, aber es gäbe keinen Anlass zur Sorge. Dann zögerte sie einen Augenblick. Die Kollegen ... Sie wollte auf keinen Fall, dass sie in dem Glauben, ihr sei etwas zugestoßen, eine Fahndung nach ihr ausriefen.

Also rief sie im Präsidium in Västerås an und ließ sich mit einer Mitarbeiterin in der Personalabteilung verbinden. Elina kannte sie nicht und wollte sich nicht lange erklären. Als sie gefragt wurde, welche Kategorie der Abwesenheitsmeldung sie nun einreichen wolle, erwiderte Elina, dass sie Urlaub oder dienstfrei eintragen könne, das würde keinen Unterschied machen. Im schlimmsten Fall, fügte sie hinzu, könnte sie auch kündigen. Die Frau am anderen Ende der Leitung war verwirrt und erklärte, dass diese beiden Kategorien der Abwesenheitsmeldung im Voraus angekündigt sein müssten. Die einzige unmittelbare und vom Arbeitgeber akzeptierte Form des Fernbleibens sei eine Krankschreibung. Elina widersprach, dass sie keineswegs krank sei. Die Mitarbeiterin der Personalabteilung ließ nicht locker und teilte Elina mit, dass sie die Frau Kommissarin ab dem Dienstag nach Ostern krankschreiben würde, wenn Elina nicht zur Arbeit erscheine. Und zwar ob sie das wolle oder nicht. Für die darauffolgende Woche könnte sie Urlaub einreichen, wenn sie das wünschte. Und sollte sie tatsächlich kündigen wollen, müsste das schriftlich geschehen.

»Vielen Dank auch«, beendete Elina das Gespräch und schaltete ihr Handy aus.

Sie fuhr auf die Autobahn. Der Verkehr war nicht besonders dicht, und sie erhöhte langsam die Geschwindigkeit. Als die Tachonadel die 150 berührte, überkam es sie, plötzlich und unerwartet. Das Gefühl von Freiheit. Der Körper begann zu schweben, sie hatte sich auf den Weg zu einem neuen Leben gemacht, alles war möglich. Eine neue Zeitrechnung hatte begonnen. Es war ein intensiver Moment des Glücks.

Eine Stadt nach der anderen ließ sie hinter sich: Hamburg, Hannover, Kassel, Frankfurt, Stuttgart, Zürich. Erst auf der anderen Seite der Alpen hielt sie an, um die Nacht dort zu verbringen. Sie hatte Norditalien erreicht. Am Tag darauf setzte sie ihre Fahrt nach Süden fort. Sie gönnte sich nicht einmal einen kurzen Halt in Florenz, es trieb sie weiter. Am Morgen des dritten Tages, sie war in einer verlassenen Stadt irgendwo zwischen Rom und Neapel gelandet, fühlte sie sich außerstande, aus dem Hotelbett zu steigen. Erst am späten Nachmittag verließ sie ihr Zimmer, um etwas zu essen. Dann kehrte sie zurück und sank erneut in einen erschöpften Schlaf.

Bei Sonnenaufgang erhob sich Elina, wusch sich und zog sich an. Ihr Körper hatte sich wieder erholt und war nun erfüllt von einer leichten, vibrierenden Spannung. Sie spürte, dass sie sich ihrem Ziel näherte. Nachdem sie einige Stunden auf der Autobahn nach Süden gefahren war, verringerte sie das Tempo, um nach einem geeigneten Rastplatz Ausschau zu halten. Einer Eingebung folgend bog sie auf eine kleinere Landstraße ab und ließ die Autobahn hinter sich. Nach etwa fünfzig Kilometern begann sich die Straße den Berg hinaufzuwinden. Sie hielt an, um die Ortsnamen auf ihrer Karte zu suchen. Sie erkannte, dass sie sich verfahren hatte. Statt auf dem Weg zur Stiefelspitze zu sein, führte sie diese Strecke zum Golf von Taranto, am Absatz des italienischen Stiefels. Sie überlegte, ob sie umkehren sollte, entschied sich dann aber dagegen. Vorsichtig setzte sie ihre Fahrt über Serpentinen fort und musste dabei einigen Ziegen die Vorfahrt lassen, die ihr und ihrem Wagen kaum Beachtung schenkten. Sie fuhr durch kleine Ortschaften, die sich an den Berg zu klammern schienen. Und sie fragte sich, wovon die Menschen hier lebten.

Die Straße führte durch eine kleine Stadt, und dahinter ging eine unbefahrene Abzweigung ab, auf der das Unkraut durch den brüchigen Asphalt ragte. Der Weg schlängelte sich den Berg hinauf. Als sie die Kuppe erreicht hatte, konnte sie unter sich das Meer glitzern sehen. Sie entdeckte ein Schild, das zum Monte Sant’Angelo wies. Ohne zu zögern, bog sie ab. Sie fuhr an vereinzelten Häusern vorbei und erreichte nach einigen Kilometern eine breitere, bebaute Straße. Diese endete auf einem Dorfplatz, der vom Rathaus und ein paar Geschäften gesäumt war. Elina parkte den Wagen und stieg aus. An einem Tisch auf dem Bürgersteig saßen vier alte Männer und blinzelten ihr in der Frühlingssonne entgegen. Auf der anderen Seite des Platzes tauchte eine ältere Frau in der Tür eines sandfarbenen zweistöckigen Hauses auf. Sie winkte Elina energisch zu sich. Dann drehte sie sich um und verschwand im Haus. Elina folgte ihr und wurde über zwei schmale Treppen hinauf zu einer verschlossenen Tür geführt. Dahinter befand sich ein Licht durchfluteter Raum, der auf den Platz zeigte. An der einen Wand stand ein blaues Sofa, und in der Mitte des Zimmers befanden sich ein Tisch und vier Stühle. Kein Fernseher, aber auf einem kleinen Schreibtisch entdeckte Elina ein Radio. Eine Tür führte in ein kleineres Zimmer, in dem ein großes Bett und ein Nachttisch aus dunklem Holz standen. Am Ende des Flures befand sich eine kleine Küche mit einem Kühlschrank, der wie eine Katze schnurrte. Neben dem Spülbecken stand ein Gasherd.

Die Frau lächelte Elina an und nickte, so als würde sie auf eine Antwort warten. Elina sah sich in der kleinen Wohnung um und erwiderte dann das Nicken. Die Frau lächelte wieder und machte mit der Hand eine Bewegung, als würde sie eine unsichtbare Tasche hochheben. Elina verließ ihr neues Zuhause und holte die Reisetasche aus dem Wagen. Sie warf sie aufs Bett und begann, ihre Kleidungsstücke auszupacken. Sie war angekommen.

KAPITEL 3

Als Elina am nächsten Morgen hinunterkam, um Kaffee zu trinken, saßen die alten Männer bereits an ihrem Tisch. Sie trugen dieselbe Kleidung wie am Vortag, so als hätten sie die ganze Nacht dort gesessen. Die Kellnerin, vielleicht war sie auch die Besitzerin, sprach kein Wort Englisch und kümmerte sich auch nicht weiter um Elinas Bemühungen, sich verständlich zu machen. Stattdessen deckte sie wortlos den Tisch und brachte ihr Kaffee, Orangensaft, Brot und Käse an ihren Fensterplatz.

Elina blieb lange dort am Fenster sitzen. Ihr Kaffeebecher wurde wieder aufgefüllt, bevor sie ihn austrinken konnte. Die Bewohner des Ortes kamen und gingen, das Café hatte viele Gäste. Die Leute warfen dem Neuankömmling Blicke zu, die meisten grüßten sie sogar. Elina lächelte und erwiderte die Grüße. Eine Gruppe von Kindern mit bunten Ranzen überquerte den Platz, es gab also eine Schule im Ort. Traktoren und kleine Lastwagen kamen die Hauptstraße entlanggefahren. Junge Frauen in hübschen, modernen Kleidern bildeten einen scharfen Kontrast zu den Männern in derber Arbeitskluft.

Mittags läuteten die Kirchenglocken, und die Kellnerin stellte Elina einen Teller mit Spaghetti und Muscheln hin. Nach dem Essen bezahlte Elina und trat hinaus in die Sonne. Sie spazierte die steinigen Straßen der Ortschaft hinunter. Hinter dem letzten Haus erhob sich der Berg mit einer schier undurchdringlichen Vegetation. Sie entdeckte einen Pfad, der auf der Bergkuppe entlangführte. Zu beiden Seiten breiteten sich tiefe Täler mit Olivenhainen und vereinzelten Pinienbäumen unter ihr aus. Stundenlang spazierte sie durch die Gegend, und erst am späten Nachmittag kehrte sie in den Ort zurück. Sie kaufte in einem Laden einige Lebensmittel und bereitete sich in der kleinen Küche ein Abendessen zu. Während sie aß, hörte sie Radio, um Gesellschaft zu haben. Es lief ein Programm mit einer Talkrunde, in der zwei Männer und zwei Frauen miteinander diskutierten. Elina konnte einzelne Worte verstehen, die dem Englischen ähnelten oder sie an das bisschen Französisch erinnerten, das sie vor fast zwanzig Jahren in der Schule gelernt hatte. Als sich die Dunkelheit über die Stadt senkte, legte sie sich aufs Bett, ohne Licht anzumachen. Erneut spürte sie die Leichtigkeit ihres Körpers. Sie schwebte.

Die folgenden Tage und Wochen ähnelten einander bis zur Verwechslung. Elina folgte ihrem Vorhaben, einfach nichts zu machen. Sie stand mit der aufgehenden Sonne auf, ging mit Einbruch der Dunkelheit zu Bett und aß, wenn sie hungrig war. Sie saß im Café und wanderte über die Bergpfade. Nach der ersten Woche erweiterte sie schrittweise ihren Aktionsradius. Sie fuhr mit dem Wagen in der Gegend herum, nicht um Neues zu entdecken, sondern nur um den Ablauf zu variieren.

Die Bewohner des Ortes schienen sich schnell an sie gewöhnt zu haben und ließen sie in Ruhe. Ihr begegnete niemand, der des Englischen mächtig war. Aber die paar italienischen Worte, die sie aufgeschnappt hatte oder die sie im Taschenlexikon nachschlug, genügten, um die wenigen, notwendigen Angelegenheiten zu erledigen. Sie sprach mit niemandem, und niemand suchte mit ihr ein Gespräch. Sie verbrachte die Zeit nicht mit Grübeln, sondern dachte nur an das, womit sie gerade beschäftigt war. Langsam bewegte sie sich auf einen Nullpunkt zu, an dem nichts mehr von Bedeutung war, außer einzig und allein der eigenen Existenz. Wohin sie der Weg von diesem Punkt aus führen würde, wusste sie nicht.

Etwa einen Monat später, an einem Sonntagmorgen im April, fuhr sie mit dem Wagen hinunter an die Küste. Die Nacht war kalt gewesen, und der Nebel hing schwer über dem Meer. Sie hatte das blaue Wasser im Golf von Taranto schon oft vom Berggipfel aus leuchten sehen. Doch an diesem Tag tauchte sie zum ersten Mal ihre Hand hinein. Sie spazierte am menschenleeren, steinigen Strand entlang. Es war windstill, und weit draußen zog ein Frachter vorüber. Elina fragte sich, was er geladen und welches Ziel er wohl hatte.

Im Laufe der vergangenen Woche hatte sich ihr Gemütszustand verändert. Während ihrer vielen Spaziergänge und Wanderungen hatte sie sich zunehmend Gedanken darüber gemacht, was aus ihr werden sollte, was sie als Nächstes tun wollte. Sie wusste, dass sie früher oder später eine Entscheidung treffen musste, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Dazu musste sie ihr ganzes Leben überdenken. Dabei ging es nicht darum, jene Elina zu entdecken, die sie eigentlich war, so als wäre sie in Stein gemeißelt worden, die ursprüngliche und unveränderliche Elina. Sie wollte vielmehr verstehen, wie sie zu der werden konnte, die sie war. Sie war der festen Überzeugung, dass sie ein eigenes, inneres Wesen hatte, aber auch, dass sie von einschneidenden Erlebnissen und dem Willen anderer beeinflusst und geformt worden war. Ihr unangemessener Anspruch nach Perfektion, der sich einfach auf alles bezog, hatte mit ihrer Vorstellung davon zu tun, wie die Umwelt sie sah. Gleichzeitig aber war sie außerstande, den Forderungen und Wünschen anderer zu entsprechen, wenn sie es nicht selbst wollte. Der Gegensatz zwischen ihrem inneren und dem äußeren Anspruch hatte zu einer Art Implosion geführt. Der Druck hätte sie beinahe erstickt. Sie war im letzten Augenblick ausgebrochen. In der Einsamkeit bekam sie wieder Luft. Aber würde sie in der Lage sein, die notwendigen Veränderungen vorzunehmen?

»Es ist schön hier, nicht wahr?«

Elina zuckte zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand ein Mann.

»Ja«, antwortete sie zögernd. »Hier ist es sehr schön.«

Er ließ seinen Blick übers Meer schweifen. »Ich habe Sie am Strand spazieren gehen sehen. Ich bin auch oft dort unten. Ich genieße es, hier allein sein zu können. Vielleicht störe ich Sie ja gerade dabei?«

»Nein, gar nicht«, erwiderte Elina. Sie hatte seinen Blick gesehen, er wollte ihr nichts Böses. Er trug seine dunklen Haare kurz geschnitten, so wie sie selbst. Seine Augenbrauen waren geschwungen, die Nase lang und gerade, er hatte einen breiten, einladenden Mund.

»In ein paar Monaten kommen die Touristen«, sagte er. »Dann muss man sich andere Pfade suchen. Aber das macht nichts. Es gibt genug Platz für alle.«

»Wohnen Sie hier?«, fragte Elina.

Er drehte sich um und zeigte hinter sich.

»Ja, da oben in den Bergen.«

»Ich auch.«

Schweigend standen sie nebeneinander. Es war spät und Zeit aufzubrechen. Aber Elina konnte nicht.

»Haben Sie schon einmal erlebt, wie ein Sturm vom Meer über die Berge zieht?«, fragte er und fuhr fort, ohne auf ihre Antwort zu warten: »Dann erscheinen wir Menschen winzig klein. Ich habe es erlebt. Bei Sturm vermeide ich, das Haus zu verlassen.«

Er streckte ihr seine Hand entgegen.

»Vielleicht sehen wir uns mal wieder«, sagte er. »Leben Sie wohl.«

Leben Sie wohl war ein merkwürdiger Ausdruck zwischen Fremden. Als würden sie sich gut kennen und bald eine lange Reise antreten. Elina nahm seine Hand.

»Ich reise nicht ab«, antwortete sie. »Ich bin doch eben erst angekommen.«

Er lächelte sie an. »Ich weiß«, erwiderte er und ließ ihre Hand los, bevor die Berührung zu lange wurde. »Ich habe Sie schon gesehen. Oben im Ort. Sie haben im Café gesessen, und einmal sind Sie auf Ihrer Wanderung an meinem Haus vorbeigekommen. Ich wohne zwischen Monte Sant’Angelo und dem Nachbarort. Aber ich weiß nicht, wer Sie sind.«

»Ich heiße Elina.«

»Alex. Wie gesagt, vielleicht sehen wir uns wieder.«

Er drehte sich um und ging.

Am Morgen danach trank Elina wie jeden Tag ihren Kaffee an ihrem Stammplatz vor dem Fenster. Die Besitzerin, die Kellnerin war tatsächlich die alleinige Eigentümerin des Cafés, brachte ihr Baguettes, die noch ofenwarm waren. Sie hatte versucht, mit Elina zu plaudern, ihr Fragen über ihre Person zu stellen. Aber alle Versuche einer Unterhaltung waren aus Mangel an einer gemeinsamen Sprache gescheitert. Elina spürte dennoch, dass die Frau ihre Gesellschaft genoss, wie sie dort am Fenster wie eine schnurrende Hauskatze saß. Plötzlich stellte die Besitzerin sich neben sie, sah hinaus und sah sie fragend an. Elina wurde bewusst, dass sie im Laufe des Vormittags immer wieder auf den Dorfplatz geschaut hatte und dass die Besitzerin darum wohl vermutete, sie würde nach jemandem Ausschau halten. Elina lächelte sie an und schüttelte den Kopf. Daraufhin kehrte die Wirtin zu ihrer Arbeit zurück.

Gegen elf Uhr verließ Elina das Café. Sie wanderte den Berg hinunter zur Landstraße. Die wenigen Häuser an der Straße wirkten wie Ausbrecher aus der Dorfgemeinschaft. Vor einem grauen Steinhaus stand ein alter Mann und fütterte seine Ziegen. Der Bauer und seine Tiere ähnelten sich sehr, im Aussehen und auch im Verhalten. Sie hielten in ihrer Bewegung inne und sahen der Passantin aufmerksam hinterher. Elina wanderte weiter bis zum Nachbarort, eine Strecke von mindestens zehn Kilometern, dann einen Berg hinunter und den nächsten wieder hinauf. Anschließend kehrte sie um. Der alte Mann und seine Ziegen waren verschwunden. Ihr begegnete auch kein anderer Mensch auf ihrem Heimweg.

Kurz vor der Dämmerung klopfte es an ihrer Tür. Als sie öffnete, stand die Wirtin davor.

»Vene, kommen Sie«, forderte die Frau sie auf und machte dieselbe Handbewegung wie am Tag ihrer ersten Begegnung. Elina folgte ihr die Treppen hinunter. In der Eingangshalle stand der Mann vom Strand.

»Es gibt einen Aussichtspunkt auf einem Berggipfel nicht weit von hier«, begrüßte er sie. »Ich dachte, vielleicht interessiert Sie das.«

»Ich hole nur schnell meine Jacke«, antwortete Elina und lief die Stufen hoch in ihr Zimmer.

Sie stiegen in seinen Wagen, einen roten Fiat älteren Baujahrs. Er musste seine Beine anziehen, um Platz zu finden. Das Auto war seiner Größe nicht angemessen, aber vielleicht war es auch andersherum.

»Der Berg am Ende dieser Straße ist über 2200 Meter hoch«, erklärte er und startete den Motor. »Er heißt Monte Sant’Angelo, der Engelsberg, so wie der Ort, in dem Sie wohnen. Mit dem Auto kommen wir nicht bis auf den Gipfel, aber bis auf tausend Höhenmeter führt ein Weg.«

Elina hatte seit fast einem Monat mit niemandem gesprochen, sie war ziemlich verlegen. Und sie hatte Schwierigkeiten, ihn Alex zu nennen. Das klang für sie viel zu familiär, dabei kannten sie sich doch gar nicht. Ihm fiel es keineswegs schwer, sie beim Vornamen anzusprechen. Viele seiner Sätze begann er mit Elina, so als würde er ihren Namen kosten wollen.

Eine halbe Stunde später hatten sie ihr Ziel erreicht. Die Sonne war bereits untergegangen, aber der Himmel über dem Meer leuchtete noch. Es duftete nach Kiefernnadeln und Frühlingsgrün. Sie setzten sich auf eine Bank, die viel mehr unter der Witterung als unter zu vielen Besuchern gelitten hatte.

»Ich mag die Berge lieber als das Meer«, meinte er. »Hier oben fühlt man sich freier. Die Gedanken haben mehr Raum sich zu entfalten. Das weiß jeder Philosoph.«

»Sind Sie einer?«

»Nein, aber ich habe viel Zeit nachzudenken. Ihnen geht das ähnlich, glaube ich. Sie haben sich auch für einen Berg entschieden, um Antworten auf Ihre Fragen zu finden.«

»Woher wissen Sie das? Dass ich auf der Suche nach Antworten bin?«

Er lächelte sie an.

»Sie wohnen auf einem Berg und wandern. Sie wünschen sich, dass Ihnen die Antwort auf halbem Weg entgegenkommt.«

»Ja, vielleicht«, gab sie zu. »Aber ich mache mir gar nicht so viele Gedanken, wenn ich wandere. Genau genommen gar keine. Ich weiß nicht einmal, auf welche Frage ich eine Antwort suche. Ich glaube, die meiste Zeit bin ich einfach nur draußen und streife umher.«

»Die Leute im Ort reden über Sie«, sagte er. »Mir persönlich hat niemand etwas gesagt, ich habe nicht so viel Kontakt zu den Leuten. Aber ich habe die Bewohner im Café und in den Geschäften reden hören.«

»Aha? Und was sagen die so?«, fragte Elina.

»Sie nennen Sie die geheimnisvolle schöne Frau. Alle fragen sich, wer Sie sind und warum Sie hier sind.«

»Ich bin alles andere als geheimnisvoll.«

»Aber schön sind Sie.«

»So war das nicht gemeint«, sagte Elina verlegen und musste lachen.

»Aber ich meine es so«, entgegnete Alex. »Ich habe Sie heute zweimal an meinem Haus vorbeigehen sehen. Haben Sie mich gesucht?«

Elina ließ ihren Blick aufs Meer hinausschweifen, sie wollte ihm nicht in die Augen sehen.

»Darüber habe ich mir wohl auch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich weiß ja gar nicht, wo Sie wohnen.«

»In dem Haus, das direkt an der Landstraße steht. Aber jetzt bin ich ja zu Ihnen gekommen.«

»Ja«, sagte Elina. »Das sind Sie.«

Die Straßenlaternen tauchten den Platz in ein gedämpftes Licht, als er sie zu ihrer Pension in Monte Sant’Angelo brachte. Sie blieb in der Tür stehen und sah dem davonfahrenden Auto hinterher. Sie hatten gar nicht verabredet, ob sie sich wiedersehen würden.

KAPITEL 4

Als Elina am nächsten Morgen erwachte, regnete es in Strömen. Die Wassermengen befreiten den Dorfplatz von Staub und Dreck, und die Bewohner verließen ihre Häuser nicht, wenn sie nicht unbedingt mussten. Auch Elina bereitete sich ihr Frühstück in ihrer kleinen Küche zu, statt ins Café zu gehen. Die Zeit verging sehr langsam. Gelegentlich hielt sie mitten in einer Bewegung inne und verharrte. Sie hatte Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, erinnerte sich nicht, was sie als Nächstes machen wollte.

Am späten Nachmittag hielt sie es nicht mehr aus. Sie zog sich Jacke und Stiefel an und lief durch den Regen zu ihrem Wagen. Sie wollte die vier Kilometer zu seinem Haus an der Landstraße entlang nicht zu Fuß gehen. Sein Fiat stand nicht in der Einfahrt. Sie stieg trotzdem aus und klopfte an die Tür. Niemand öffnete. Mit großer Mühe unterdrückte sie den Impuls, durch eine der Fensterscheiben in das nur einstöckige Haus zu schauen. Der Regen nahm zu, und sie zog sich in ihren Wagen zurück.

Da wurde ihr bewusst, dass sie nichts über seine Verhältnisse wusste, nicht einmal, ob er allein dort wohnte. Vielleicht lebte er sogar mit einer Frau zusammen? Was hatte er noch unten am Strand gesagt? Dass er es genoss, dort allein sein zu können. Hatte sie das womöglich falsch verstanden?

Elina startete den Motor, um umzukehren, als im selben Augenblick ein roter Fiat von der Landstraße bog. Erneut verließ sie ihren Wagen, stand im Regen und schlug die Arme um den Körper, um sich gegen die Nässe zu schützen. Das rote Auto hielt an, er stieg aus und kam auf sie zu. Wortlos nahm er ihren Arm und zog sie mit sich ins Haus. Elina folgte ihm widerstandslos. Er half ihr aus der nassen Jacke und ließ sie auf den Boden gleiten. Dann legte er seine Arme um sie und küsste sie. Am darauffolgenden Morgen stand er ziemlich früh auf. Er sagte ihr, dass er den ganzen Tag unterwegs sein würde, dass sie sich aber am Abend wiedersähen. Ohne eine weitere Erklärung legte er die Hausschlüssel auf den Tisch, als er ging.

Elina zog sich an und setzte sich an den Küchentisch. Das Haus war klein, unwesentlich geräumiger als die Wohnung, die sie in der Innenstadt gemietet hatte. Es war auch sehr sparsam eingerichtet und verriet nichts über seinen Bewohner. Waren das seine Möbel? Auf einer Kommode stand eine Sanduhr, der einzige dekorative Gegenstand, den sie entdecken konnte. War er auch nur Untermieter, so wie sie? Sie hatte ihn nicht gefragt. Er aber hatte ihr auch keine einzige Frage über ihre Vergangenheit gestellt. All das hatte in der Nacht keine Bedeutung gehabt. Sie hatten ab und zu im Dunkeln ein paar Worte gewechselt, beinahe geflüstert, doch ihre Lippen trennten sich nur selten voneinander.

Sie wusste nicht, was sie mit dem Schlüssel machen sollte, als sie das Haus verließ. Sollte sie ihn mitnehmen? Sollte sie am Nachmittag zurückkehren? Sie entschied sich dafür, ihn unter die Eingangstreppe zu legen, das erschien ihr als ein gutes Versteck für einen Schlüssel, falls er ihn suchen sollte. Als sie auf ihr Auto zuging, hörte sie hinter sich die Ziegen blöken. Der Bauer stand neben ihnen und sah zu ihr herüber, die beiden Häuser trennten nicht mehr als fünfzig Meter. Sie lächelte ihn an, aber er reagierte nicht, stand nur regungslos da und starrte sie an.

Sie kehrte in den Ort zurück. Ihr Körper fühlte sich weich und geschmeidig an. Sie musste immer wieder grundlos kichern. Das Grün des Berghangs leuchtete in der Sonne. Die Morgenluft war so erfrischend wie nie zuvor. Die Engel spielten in hohen Wolken. Als die Wirtin ihr einen Kaffee an ihren Tisch brachte, griff sie übermütig deren Hand und drückte sie fest. Die Wirtin lächelte sie an, so als würde sie alles verstehen.

Am späten Abend kam er zu Elina, mit Wein und Speisen. Er umarmte sie.

In der Morgendämmerung erwachte sie. Das frühe Tageslicht fiel auf Alex’ Gesicht. Sie beobachtete ihn, er schlief tief, regungslos und sah zufrieden aus. Vorsichtig beugte sie sich vor und schnupperte an der weichen Stelle, wo Hals und Schulter ineinander übergingen. Der schwache Geruch von männlichem, salzigen Schweiß erfüllte sie mit großem Glück und großer Lust. Sie wollte seine Haut an ihrer Wange spüren, seinen Nacken küssen, mit ihrer Hand über seinen Körper gleiten. Sie stützte sich auf und betrachtete ihn. Da öffnete er seine Augen, als hätte ihre bloße Nähe ihn geweckt.

»Ich habe von dir geträumt«, sagte er. »Ich habe geträumt, dass du fortgehst.«

»Wohin bin ich in deinem Traum denn gegangen?«

»Das weiß ich nicht. Du bist in einen Zug gestiegen. Dann bin ich aufgewacht.«

»Wenn ich fortgehen würde, würdest du mitkommen?«

Er umschlang sie mit den Armen und zog sie an sich. »Wir sind doch schon längst auf einer Reise«, erwiderte er.

Auch am nächsten Morgen stand er früh auf.

»Wohin fährst du?«, fragte Elina.

»Ich muss zur Arbeit«, gab er zur Antwort. »Nicht jeden Tag, aber heute.«

»Und was machst du?«

»Ich helfe Menschen, die meine Hilfe benötigen. In einer Stadt, die weiter weg ist. Darum bin ich auch immer so lange fort. Aber heute Abend komme ich wieder zurück.«

Er setzte sich neben sie auf die Bettkante und streichelte ihren Rücken. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie gegen ihre Wange.

»Wie kannst du ihnen helfen?«, fragte Elina.

»Das sind Menschen, die in Schwierigkeiten geraten sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Ich gebe ihnen Ratschläge.«

»Sind das Leute wie ich? Die ihren Job, ihre Heimat, ihre Familie und ihre Freunde zurückgelassen haben, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken?«

»Vielleicht«, antwortete er. »War es denn die richtige Entscheidung?«

Sie setzte sich auf und legte ihren Kopf an seine Schulter. Er hielt sie fest und zog sie noch dichter an sich. Dann stand er auf und ging.

Alex verließ auch an den folgenden Tagen das Haus in aller Frühe. Elina verbrachte die mit Warten. Wenn er bei ihr war, wurde alles andere bedeutungslos. Nachts lagen sie schweigend und eng umschlungen beieinander. Dann folgten ein paar Tage, die sie gemeinsam verbringen konnten. Er fragte sie immer erst, worauf sie Lust hätte, bevor er etwas vorschlug. Häufig fragte er sie, ob sie Wünsche hätte, die er ihr erfüllen könnte. Vertrat er eine Meinung, wollte er gerne ihre Ansicht dazu hören. Wenn andere Menschen in ihrer Nähe waren, konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit immer in erster Linie auf sie. Elina registrierte, dass er ihr nie den Rücken zukehrte. Als Liebhaber war er sehr rücksichtsvoll, aber sie begriff schnell, dass er nur wenig Erfahrung hatte und darum fast zu vorsichtig war. Sie hatte große Freude daran, ihm dabei zu helfen.

In ihren Gesprächen hielten sie ihre Weltanschauungen gegeneinander. Aber in jeder Unterhaltung entdeckten sie einen Gleichklang, eine Gemeinsamkeit, auch wenn die Ansichten nicht immer übereinstimmten.

Sie machten Ausflüge und besuchten Orte, die beide noch nie zuvor gesehen hatten. Sie gingen Arm in Arm spazieren, oft ohne ein Wort zu sprechen. Es gab nicht viel zu sagen. Von Tag zu Tag erweiterten sie ihre gemeinsame Landschaft.

Elina schrieb ein paar Postkarten, an ihre Eltern, an Nadia und an Susanne. Sie erzählte ihnen, dass sie noch nicht wusste, wann sie zurückkehren würde, dass sich ihr Leben jedoch endlich verändert hätte. Sie wollte keine Einzelheiten darüber schreiben. Die Gefahr war zu groß, dass es zu platt klingen würde. Aber sie war sicher, dass sie begreifen würden, wie glücklich sie war.

Eines Abends schlief Alex in Elinas Armen ein, sie selbst war hellwach. Vorsichtig befreite sie sich aus seiner Umarmung und schlich aus dem Zimmer. Sie setzte sich aufs Sofa in ihrem Wohnzimmer. Über zwei Wochen war es nun her, dass sie den Mann vom Strand kennengelernt hatte. Diese Begegnung hatte alles verändert. Ihre Frustration über ihren Job, über ihr desolates Leben, all die Ursachen für ihre Flucht aus ihrem alten Dasein hatten sich in Luft aufgelöst. Wie war das nur möglich? War sie die ganze Zeit einfach nur auf der Suche nach einem Mann gewesen, den sie lieben durfte und von dem sie geliebt wurde? Oder hatten der große Abstand und die verschobene Perspektive zu dieser Veränderung beigetragen?

Zeit ihres Lebens hatte sie nach Perfektion gestrebt. Ihr eigener Anspruch an das Leben hatte keine Kompromisse vorgesehen. Dieses Unvermögen trieb sie zwar unablässig an, entsagte ihr aber gleichzeitig eine Pause und die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Endlich hatte sie Ruhe gefunden.

Die Kirchenglocke schlug elf Mal. Ein feiner Regen fiel gegen die Fensterscheibe. Kein Laut war zu hören, es herrschte absolute Stille. Sie stand auf und stellte sich ans Fenster. Zuerst dachte sie, dass der Dorfplatz so leer war wie immer zu dieser Uhrzeit. Aber dann entdeckte sie eine junge Frau, oder war es ein Mädchen? Sie stand unter der Straßenlaterne auf der anderen Seite des Platzes. Der Lichtschein fiel auf ihr Haar. Plötzlich drehte sie ihr Gesicht und sah zu Elina in den zweiten Stock hoch. Der Abstand zwischen ihnen war groß, aber Elina fühlte, wie sich ihre Blicke begegneten. Das Mädchen blieb eine Weile reglos dort unten stehen. Dann löste sie sich aus dem Lichtkegel der Laterne, ging das regennasse Kopfsteinpflaster hinunter und wurde schließlich von der Dunkelheit verschluckt.

KAPITEL 5

Eine Woche später rief Elina ihre Freundin Susanne an. Das war das erste Telefonat nach fast sieben Wochen, seit Elina fortgegangen war. Susanne war zu Beginn des Gesprächs vorsichtig, abwartend. Elina deutete es als Zeichen ihrer Unsicherheit darüber, was in der Zwischenzeit aus ihrer Freundschaft geworden sei. Elina versicherte Susanne, dass sich an ihrer Freundschaft nichts geändert hätte. Susanne erzählte ihr im Gegenzug, dass sie, Elinas Eltern und andere Freunde sich große Sorgen um sie gemacht hätten. In ihrer Stimme schwang ein enttäuschter Unterton mit.

»Ich habe doch mit meinem alten Selbst gebrochen, nicht mit euch«, versuchte Elina zu beschwichtigen. »Ich musste gehen, ich wollte allein sein. Ich kann es nicht anders sagen.«

»Und was machst du jetzt?«, fragte Susanne.

»Ich weiß noch nicht.«

Dann erzählte sie von Alex. Susanne hörte ihr zu, ohne zu unterbrechen. Elina meinte, ihr Lächeln zu spüren, hatte den Eindruck, Susanne teilte ihr Glück und ihre Freude. Der Rest ihrer Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um praktische Dinge. Susanne erzählte, dass sie sich um Post und Blumen kümmerte, den Schlüssel hätte sie von Elinas Vater bekommen. Dann erkundigte sie sich nach offenen Rechnungen und den Mietzahlungen für ihre Wohnung im Lidmansvägen. Elina erklärte ihr, dass alles automatisch von ihrem Konto abgebucht werden würde.

»Ich habe einmal deine Post geöffnet«, beichtete Susanne. »Ein Brief hatte einen Polizeistempel, darum habe ich John Rosén angerufen und ihn gefragt, ob er vielleicht wüsste, worum es in dem Brief gehe. Aber er hatte keine Ahnung. Darum habe ich ihn aufgemacht. Ich hoffe, das war in Ordnung?«

»Natürlich. Worum ging es denn?«

»Kurz gesagt, dass du entweder zurückkommen oder kündigen musst.«

»Und bis wann?«

»Bis Ende Mai.«

Also in zwei Wochen schon, dachte Elina.

Sie legte den Hörer auf und lehnte sich zurück. Sie saß auf dem Bett. Es war halb neun. Seit Beginn ihrer Liebesbeziehung mit Alex hatte sie noch keinen Morgen alleine verbracht. Heute war sie das erste Mal ohne ihn aufgewacht. Er war am Tag zuvor abgereist und hatte ihr eröffnet, dass er wahrscheinlich auch über Nacht wegbleiben würde. Sie hatte seine Wärme vermisst und Schwierigkeiten gehabt einzuschlafen. Mitten in der Nacht war sie aufgestanden und hatte beschlossen, zu ihm zu fahren und dort auf ihn zu warten. Aber ein Gewitter war aufgezogen. Ein Sturm war übers Land gezogen. Das Fenster zum Dorfplatz hatte im Wind gerüttelt. Elina musste sich an Alex’ Worte unten am Strand erinnern, bei ihrer ersten Begegnung. Wie winzig klein der Mensch dann werde. Die Straßenlaterne auf dem Platz hatte im Sturm hin- und hergependelt. Schließlich war Elina wieder in ihr leeres Bett zurückgeklettert.

Gegen Morgen hatte der Sturm sich wieder beruhigt. Was sollte sie nur tun, kündigen oder nach Schweden zurückkehren? Sie würde sich bald entscheiden müssen. Und das bedeutete, dass sie mit Alex über ihre gemeinsame Zukunft sprechen musste. Darüber hatten sie bisher kein einziges Wort verloren. Sie hatten nur für den Moment gelebt, nichts anderes. Es war viel zu früh, so einen schwerwiegenden Entschluss zu fassen. Sie wollte noch nicht zulassen, dass sich der Alltag in ihr Leben drängte. Noch nicht.

Elina aß Frühstück unten im Café. Alex erfüllte ihre Gedanken, ihr ganzes Wesen. Ihr gefiel es nicht, dass sie ihn nicht mit der Hand berühren und seine Augen sehen konnte. Und sie fragte sich, wo er wohl sein mochte. Sie sehnte sich danach, dass sein roter Fiat jeden Augenblick auf den Dorfplatz rollen, er mit ihr in ihre kleine Wohnung kommen würde und sie miteinander schlafen könnten, um die verlorene Nacht nachzuholen.

Sie zahlte und ging hinaus auf den Platz. Ihr Wagen stand in einer Seitenstraße, die Schlüssel lagen in ihrer Jackentasche. Nach kurzem Zögern stieg sie ein und fuhr los.