Der blinde Passagier - Patricia Vandenberg - E-Book

Der blinde Passagier E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Nach allem, was Sie so erzählen, tippe ich auf einen gebrochenen Knöchel«, erklärte der Pfleger Sascha. Die Rollstuhlräder quietschten über den Boden der Notaufnahme. Es war noch früh am Tag. Trotzdem brummte es im Bauch der Klinik bereits wie in einer Bahnhofshalle. Schritte hasteten über die Flure, Telefone klingelten, ein Arzt rief einer Schwester eine Anweisung zu. Daniel Norden kam dem Freund seiner Tochter entgegen. »Guten Morgen! Seit wann ist die Diagnosestellung Sache des Pflegers?«, fragte er und nahm Sascha das Klemmbrett aus der Hand. »Seit ich Medizinstudent bin.« »Also seit ungefähr fünf Wochen.« Kopfschüttelnd wandte sich der Klinikchef an den Patienten im Rollstuhl. »Wo ist denn der Unfall passiert?« Er warf einen Blick auf das Klemmbrett. Elias Stuck, Radiomoderator, stand dort in Saschas Jungenschrift. »Im Studio. Seit Wochen liegt dieses verdammte Kabel schon im Weg herum. Ich verstehe nicht, warum man das nicht ordentlich in der Wand oder hinter einer Leiste verlegen kann.« »Über Kabel stolpert man hier eher weniger«

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Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Chefarzt Dr. Norden – 1128 –Der blinde Passagier

Anneka und Sascha wollen helfen …

Patricia Vandenberg

»Nach allem, was Sie so erzählen, tippe ich auf einen gebrochenen Knöchel«, erklärte der Pfleger Sascha.

Die Rollstuhlräder quietschten über den Boden der Notaufnahme. Es war noch früh am Tag. Trotzdem brummte es im Bauch der Klinik bereits wie in einer Bahnhofshalle. Schritte hasteten über die Flure, Telefone klingelten, ein Arzt rief einer Schwester eine Anweisung zu. Daniel Norden kam dem Freund seiner Tochter entgegen.

»Guten Morgen! Seit wann ist die Diagnosestellung Sache des Pflegers?«, fragte er und nahm Sascha das Klemmbrett aus der Hand.

»Seit ich Medizinstudent bin.«

»Also seit ungefähr fünf Wochen.« Kopfschüttelnd wandte sich der Klinikchef an den Patienten im Rollstuhl. »Wo ist denn der Unfall passiert?« Er warf einen Blick auf das Klemmbrett. Elias Stuck, Radiomoderator, stand dort in Saschas Jungenschrift.

»Im Studio. Seit Wochen liegt dieses verdammte Kabel schon im Weg herum. Ich verstehe nicht, warum man das nicht ordentlich in der Wand oder hinter einer Leiste verlegen kann.«

»Über Kabel stolpert man hier eher weniger«, bemerkte Sascha hinter dem Rollstuhl. »Eher über Kollegen, die im Weg herumstehen«, rief er den beiden Schwestern zu, die mitten im Flur standen und tuschelten.

Sie sahen ihm hinüber und drehten ihm eine Nase.

Daniel beschloss, das Thema zu wechseln.

»Was für ein ungewöhnlicher Beruf! Davon träumen sicher viele junge Menschen.« In seiner Vorstellung haftete dem Beruf des Radiomoderators etwas Glamouröses an.

»Schon möglich. Am Mikrofon sitzen ist, wie auf der Bühne zu stehen. Man hat ein Publikum und wird gehört«, erwiderte Elias Stuck. »Und spannend ist der Beruf auf jeden Fall. Im Laufe der Zeit treffen wir durch unsere Sendungen viele interessante Menschen und haben immer mit neuen Themen zu tun. Leicht verdient ist das Geld aber trotzdem nicht.« Viele Kandidaten glaubten, es reiche aus, gern und viel zu reden. Dabei mussten Moderatoren viel mehr können als das. Sie mussten sich vorab möglichst umfassend über ihre Gesprächspartner informieren und durch die Sendung führen. Ein guter Moderator baute nicht nur zum Interviewpartner, sondern auch zum Publikum eine Verbindung auf. Er brauchte Ausstrahlung und sollte witzig und schlagfertig sein. Diese Fähigkeiten hatte Elias Stück für Stück herausgearbeitet und hoffte irgendwann auf den großen Durchbruch. Bisher war er ihm verwehrt geblieben, wie Dr. Nordens nächste Frage verriet.

»Bei welchem Sender arbeiten Sie denn? Ich habe noch nie von Ihnen gehört.«

»Das wundert mit nicht.« Elias schnitt eine Grimasse. »Bei meiner Hörerschaft handelt es sich um schlaflose Nachtmenschen, deren Sorgen und Probleme ich mir jeden Abend ab zweiundzwanzig Uhr anhöre. Ich versuche zu helfen.« Das war längst nicht alles. Nach der Sendung gab Elias stets eine E-Mail-Adresse an, für die vielen Leute, die nicht durchgekommen waren, und seine Zuhörerpflichten gingen inzwischen weit über seine eigentliche Sendung hinaus. Er versuchte stets, sich auf eine Mail pro Person zu beschränken, um nicht in lange Korrespondenzen mit völlig Unbekannten hineingezogen zu werden, denn dazu reichte die Zeit einfach nicht. Danach schickte er wenigstens eine Standardmail, in der er auf andere Anlaufstellen verwies. Mehr konnte er oft nicht tun. All das erzählte er Dr. Norden nicht, denn er konnte sich vorstellen, dass der Klinikchef unter demselben Problem litt wie er selbst: Ständig war die Zeit zu knapp. Er täuschte sich nicht.

»Interessant.« Zu gern hätte sich Daniel tatsächlich noch länger mit dem Moderator über seinen Beruf unterhalten. Doch wie immer drängte der enge Terminkalender. »Dann handelt es sich also um einen Arbeitsunfall.« Es fand sich ein freies Behandlungszimmer. Sascha bugsierte den Rollstuhl durch die Tür. »Ach, Sascha, wenn du schon einmal hier bist, kannst du dich gleich nützlich machen.« Dr. Norden wollte ihm die Jacke des Patienten in die Hand drücken.

Sascha riss die Arme hoch, als handelte es sich dabei um eine brandgefährliche Sache.

»Feierabend, tut mir leid. Außerdem habe ich eine Verabredung mit deiner reizenden Tochter.« Er verbeugte sich fast bis zum Boden hinab. »Im Gegensatz zu dem älteren Herrn da drüben kenne ich Ihre Sendung übrigens«, sagte er zu Elias. »Toll, wie Sie den Leuten zuhören und immer die richtigen Worte finden.«

Elias Stuck lachte.

»Vielen Dank! Manchmal bin ich mir nicht so sicher, ob das alles so richtig ist. Schließlich bin ich kein studierter Psychologe. Aber ich gebe zumindest mein Bestes.«

»Das solltest du jetzt auch tun und von hier verschwinden.« Daniel drohte mit dem Zeigefinger.

»Zu Befehl, Herr General!« Sascha salutierte, wünschte dem Patienten alles Gute und machte sich aus dem Staub. Der Trommelwirbel seiner Schritte verhallte auf dem Flur.

»Netter junger Mann«, lobte Elias.

»Manchmal ein bisschen vorlaut.« Dr. Norden hatte auf dem Hocker Platz genommen, um endlich mit der Untersuchung zu beginnen. »Besonders, seit er das Medizinstudium in Angriff genommen hat.« Er betastete das verletzte Bein so behutsam, als wäre es ein Neugeborenes. »Mit der Fraktur scheint Sascha richtig zu liegen. Das müssen wir röntgen, um über weitere Schritte entscheiden zu können. Dafür hatten Sie Glück mit der Hand. Die ist nur verstaucht.«

»Glück im Unglück, oder wie nennt man das?« Elias lächelte. »Dann bringen wir es hinter uns, damit ich mich so schnell wie möglich wieder um meine Sorgenkinder kümmern kann.«

*

Auf dem Grünstreifen zwischen Radweg und Bürgersteig suchten Spatzen zwischen den vor Raureif starren Grashalmen nach Fressbarem. Dabei ließen sie sich nicht von den Passanten stören, die mit eingezogenen Köpfen, die Hände tief in die Jacken- oder Manteltaschen vergraben, vorbei eilten. Erst das Quietschen der Fahrradpedale alarmierte sie. Die kleine Schar flatterte auf und beobachtete aus sicherer Höhe von dürren Ästen herab die junge Frau, die unter ihnen vorbei radelte.

Vor Annekas Mund jagten kleine Rauchwolken her. Ihre Wangen leuchteten in schönstem Rot. Dummerweise hatte sie die Handschuhe nicht angezogen. Erst, als sie dachte, ihre Finger wären gefroren und würden jeden Moment abbrechen, machte sie Halt. Sie nahm den Rucksack vom Rücken und wühlte darin herum. »Taschentücher, Schal, Lernzeug, Geldbeutel … Meine Güte, warum findet man eigentlich nie das, was man gerade sucht?«, murmelte sie. Klirrend fiel der Schlüsselbund zu Boden und hüpfte ein Stück weiter. »Was ist los mit dir, Dienstagmorgen? Was hast du gegen mich?« Sie kletterte vom Rad und bückte sich nach dem Ausreißer. Dabei fiel ihr Blick auf einen jungen Mann, der auf den Stufen vor einem Wohnhaus saß. Er war viel jünger als sie, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, und wirkte wie ein verlorenes Kind. Sofort zog sich ihr Herz zusammen, hatte sie die kalten Hände vergessen.

»Alles in Ordnung?«

Er zuckte zusammen, sah von links nach rechts. Meinte sie wirklich ihn?

»Ja … ja … alles okay.« Er rieb sich die Hände. »Ich warte auf einen Freund«, schickte er hinterher. Es klang wie eine Entschuldigung.

Anneka zögerte. Als er wieder auf den Boden starrte, zuckte sie mit den Schultern.

»Na dann …« Sie beugte sich über den Rucksack. Endlich gaben die Handschuhe ihr Versteckspiel auf. Anneka schlüpfte hinein und wollte endlich ihren Weg fortsetzen. Sie drehte noch einmal den Kopf. Und erschrak. Der junge Mann hatte sich zusammengekrümmt. Gleich darauf beugte sie sich über ihn.

»Hast du Schmerzen?«

Das Vorderrad ihres Fahrrads drehte sich in der Luft.

»Das geht gleich vorbei«, presste Maxim durch die Lippen.

Anneka überlegte nicht lange.

»Am besten, du kommst mit in die Klinik. Mein Vater ist der Chef. Ich bin eh auf dem Weg dorthin. Dann kann ich dich gleich mitnehmen.«

»Du siehst überhaupt nicht krank aus«, stellte Maxim fest.

»Bin ich auch nicht. Ich jobbe neben meinem Studium im Klinikkiosk.« Ein Windstoß riss ihr die Worte aus dem Mund. Anneka erschauerte. »Ganz schön ungemütlich heute. Komm, lass uns gehen.«

Sie hob das Fahrrad auf. Maxim dagegen rührte sich nicht vom Fleck.

»Geht nicht.«

»Wegen deinem Freund? Kannst du ihn nicht anrufen und Bescheid sagen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich … Sie haben mir alles gestohlen. Ich habe nichts mehr. Kein Handy, kein Geld, keinen Pass. Und die Krankenversicherungskarte ist auch weg.«

»Und das sagst du so ruhig?«

Maxim zwang sich zu einem Lächeln.

»Aufregen nützt auch nichts mehr.« Wieder stöhnte er auf und krümmte sich zusammen. Anneka bekam es mit der Angst zu tun.

»Wohnst du hier irgendwo?«

»Meine Oma wohnt in München«, keuchte Maxim. »Zu der wollte ich. Aber die Adresse ist auch weg.«

Anneka dachte blitzschnell nach. Unmöglich, ihn hier einfach seinem Schicksal zu überlassen.

»Hör zu! Ich kenne einen Raum in der Klinik, der als Abstellraum benutzt wird. Da stehen ausgediente Liegen, Stühle, Bürotische und jede Menge anderer Kram herum. Dort findet dich niemand. Mein Freund arbeitet als Pfleger in der Klinik und studiert Medizin.« Wozu verraten, dass es erst das erste Semester war? »Er kann dich untersuchen. Das kostet dich keinen Cent. Und dann sehen wir weiter.« Sie warf einen Blick in den Himmel. Dunkle Wolken türmten sich über ihnen.

Maxims Augen folgten ihrem Blick. Ein dicker Tropfen klatsche vor seine Füße.

»Einverstanden.« Er brauchte beide Hände, um sich von den Stufen hochzudrücken.

Anneka schob das Fahrrad neben ihm her. Sie musste langsam gehen, damit er mit ihr Schritt halten konnte. Und das, obwohl Sascha bestimmt schon am Kiosk auf sie wartete.

*

»Mama, wann sind wir endlich da?«, fragte der kleine Olle und reckte und streckte sich, um einen Blick über die Lehne seines Vordermanns zu erhaschen.

»Das hast du mich heute doch schon mindestens hundert Mal gefragt«, seufzte Eva Ustorf und zog ihren Sohn zurück auf den Sitz. »Bleib sitzen und schnall dich wieder an. Ein Bus ist kein Spielplatz.«

»Mir ist aber langweilig.«

Eva sah aus dem Fenster. Sie konnte den Kleinen ja verstehen. Seit Tagen reisten sie per Flugzeug, Bahn und Bus quer durch Deutschland. Besuchten Onkel und Tanten, Freunde und Bekannte, die sie seit ihrem Umzug nach Schweden lange nicht gesehen hatten. Eva hatte die Zeit genossen. Und auch Olle hatte anfangs Spaß gehabt. Aber nun wurde es Zeit für eine Pause bei Oma und Opa. Weit war es nicht mehr. Das Geschäft an der Ecke dort drüben! Hatte sie dort nicht vor der Schule früher immer Papiertüten voll mit Gummischlangen, Zuckererdbeeren und Schaummäusen gekauft? Und war das nicht der kleine Park, in dem sie mit ihren Freundinnen Gummitwist gehüpft war?

»Ich glaube, wir sind bald da. Oma hat mir erzählt, dass sie jetzt ganz in der Nähe des Parks wohnen.« Nach Jahren in der Fremde waren ihre Eltern vor ein paar Monaten in ihre Heimatstadt zurückgekehrt.

Nicht weit von ihrem alten Häuschen entfernt hatten sie eine hübsche Wohnung gefunden. Erstaunlicherweise zu einem erschwinglichen Preis. Eva, die ihrem Mann nach Schweden gefolgt war, besuchte ihre Eltern zum ersten Mal im neuen Heim.

»Ich will aber, dass wir JETZT da sind!«, quengelte Olle weiter.

Evas Blick fiel auf den Rucksack am Boden, aus dem ein zusammengerolltes Papier heraus lugte.

»Hast du das Bild für Oma schon fertig gemalt? Komm, wir machen das zusammen. Ich helfe dir.«

Endlich ein Vorschlag, der Olles Zustimmung fand. Er zog das Bild und ein Schlampermäppchen aus dem Rucksack.

»Kannst du mir ein schönes Herz malen? Meine werden immer so schief«, bat der Junge.

»Die Konturen mache ich und du malst es aus. Okay?« Eva suchte einen roten Stift.

Die beiden beugten sich über das Kinderbild. Mutter, Vater und Sohn schwebten vor einem windschiefen Haus neben einem noch schieferen Baum. Die beiden Erwachsenen hielten sich an den Händen. Das Kind hielt eine Schnur, an der das Luftballonherz schweben sollte. Es war ein buntes Bild voller Farben und Freude. Eva lächelte. Ihretwegen konnte es für immer so bleiben.

»Mein Schatz!« Sie wollte Olle an sich ziehen, als ein Erdbeben sie mit einem gewaltigen Schlag auseinanderriss. Eva öffnete den Mund. Ehe sie aber begriff, was das Chaos um sie herum bedeutete, wurde es Nacht um sie.

*

»Du willst wirklich vor der ­Entbindung noch umziehen?« Schwester Elena saß neben ihrer schwangeren Kollegin Sophie Petzold am Tisch im Aufenthaltsraum. Die Falte zwischen ihren Augen lief genauso spitz zu wie das Kuchenstück auf dem Teller zwischen ihnen.

Wie so oft hatte Schwester Elena dem Angebot im Klinikkiosk nicht widerstehen können und nicht nur eines, sondern gleich drei Stück Kuchen – Bienenstichtorte, Zwetschgendatschi und Eierlikörkuchen – gekauft. Musste die Diät eben noch einen Tag länger warten! Trotz der Eile war Elena aufgefallen, wie abwesend Anneka an diesem Morgen gewesen war. Aber waren Stimmungsschwankungen nicht normal bei jungen Leuten? Derart beruhigt schob Elena die Verwunderung beiseite und konzentrierte sich auf das Gespräch mit Sophie. Sie legte den Kopf schief und musterte die Assistenzärztin aus schmalen Augen.

»Ist das nicht viel zu anstrengend?«

Wie ein Adler über der Beute kreiste Sophies Kuchengabel über dem Teller. Ein Stück sah köstlicher aus als das andere, und schließlich beschloss sie, von jedem zu kosten.