Der Bobmörder - Hans-Henner Hess - E-Book

Der Bobmörder E-Book

Hans-Henner Hess

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Beschreibung

Anwalt Fickels zweiter Fall Nach seinem irgendwo auch nicht ganz unverdienten Erfolg im allerersten Mordfall seiner Karriere erfreut sich Anwalt Fickel eines gewissen lokalen Ruhms in Meiningen und Umgebung. Dieser macht sich vor allem durch die ungewohnte Nachfrage potenzieller Mandanten bemerkbar. Um sich von der vielen Arbeit zu erholen, begibt sich der Fickel in den weltberühmten Kurort Oberhof. Doch siehe da: Kaum angekommen, schlingert er auf dünnem Eis in seinen nächsten Fall. Manfred Kornhaß, ein alter Freund Fickels und Chef der Rodelbahn, hat offenbar aus Unachtsamkeit den Tod einer hochdekorierten Boblegende verschuldet und soll wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden. Doch Kornhaß beharrt auf seiner Unschuld. Also macht sich der Fickel an die Ermittlungen. Bald verdichten sich die Hinweise, dass hier ein kaltblütiger Bobmörder am Werk ist. Und spätestens jetzt nimmt der Fickel als ehemaliger Anschieber des Bobs Oberhof II die Sache persönlich … Anwalt-Fickel-Reihe: Band 1: Herrentag Band 2: Der Bobmörder Band 3: Das Schlossgespinst Band 4: Grillwetter

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Nach seinem irgendwo auch nicht ganz unverdienten Erfolg im allerersten Mordfall seiner Karriere erfreut sich Anwalt Fickel eines gewissen Ruhms in Meiningen und Umgebung. Dieser macht sich vor allem durch die ungewohnte Nachfrage potenzieller Mandanten bemerkbar. Um sich von der vielen Arbeit zu erholen, begibt sich der Fickel in den weltberühmten Kurort Oberhof. Doch siehe da: Kaum angekommen, schlingert er auf dünnem Eis in seinen nächsten Fall. Manfred Kornhaß, ein alter Freund Fickels und Chef der Rodelbahn, hat offenbar aus Unachtsamkeit den Tod einer hochdekorierten Boblegende verschuldet und soll wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden. Doch Kornhaß beharrt auf seiner Unschuld. Also macht sich der Fickel an die Ermittlungen. Bald verdichten sich die Hinweise, dass hier ein kaltblütiger Bobmörder am Werk ist. Und spätestens jetzt nimmt der Fickel als ehemaliger Anschieber des Bobs Oberhof II die Sache persönlich …

Anwalt Fickel ermittelt:

Band 1: Herrentag

Band 2: Der Bobmörder

Band 3: Das Schlossgespinst

Band 4: Grillwetter

©Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

Hans-Henner Hess verbrachte seine Jugend im Schatten der Berliner Mauer mit Tagträumen, Nachtwandeln sowie dem Züchten von winterharten Zierkakteen. Als nach Einführung des Westgelds wichtige Absatzmärkte wegbrachen, sah er sich gezwungen, einen ehrlichen Beruf zu erlernen, und entschied sich irrtümlich für die Juristerei. Beim Verfassen seitenlanger Schriftsätze gewann er Gefallen am Fabulieren und schulte kurzerhand um auf TV-Autor. Seine Erfahrungen im Justizalltag sowie eine angeborene Affinität zu Thüringer Klößen verarbeitet er in der bei DuMont erscheinenden Krimireihe um den relaxten Meininger Anwalt Fickel.

Hans-Henner Hess

DER BOBMÖRDER

Anwalt Fickel ermittelt

Originalausgabe

eBook 2014

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 DuMont Buchverlag, Köln

Umschlag: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: © plainpicture/Lubitz + Dorner

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8795-8

www.dumont-buchverlag.de

Im Gedenken an Erich Creutzburg

(1906 Cabarz – 1993 Tabarz)

Der Bobsport ist unter allen Wintersportarten generell und unter den Kufensportarten im Besonderen jene Disziplin, die, was die Präzisionsmeisterung von als unüberwindbar geltenden Schwierigkeiten betrifft, dem sogenannten nackten Leben am nächsten kommt (…).

Prolog

Der Südthüringer Landkreis Schmalkalden-Meiningen ist einerseits für den unstillbaren Appetit seiner Bewohner auf allerlei Wurst- und Kloßspezialitäten bekannt, andererseits auch als Heimat unzähliger Olympiasieger. Inwiefern das eine mit dem anderen zu tun hat, darf zumindest jenseits des Thüringer Waldes als umstritten gelten.

Selbst unter Einheimischen ist jedoch kaum bekannt, welch gewichtige Rolle die Sportbildungsstätte der Thüringer Landespolizei in Meiningen als Kaderschmiede für die künftige Sportelite spielt. Berühmte Helden des Asphalts wie Tony Martin und John Degenkolb, aber auch bekannte Kufensportler wie Thomas Florschütz oder Andi Langenhan hatten in der ehemaligen Kaserne am Drachenberg einst die Schulbank gedrückt und Gewichte gestemmt, bevor sie zum Ruhme ihres Sportes, ihres Landes und irgendwo auch ihrer selbst in die Welt hinauszogen.

»Die Polizei – dein Freund und Helfer«, so heißt es auch und vor allem im Spitzensport. Schließlich bieten die Sicherheitsbehörden jungen Bewegungstalenten vorzügliche Trainingsmöglichkeiten und einen gewissen Grundverdienst – sowie nicht zu vergessen: eine schicke Uniform. Zugleich bildet die solide Ausbildung zum Polizeimeister eine willkommene Absicherung für den Fall, dass es mit dem sportlichen Durchbruch nicht so klappt wie geplant. Dann kann solch ein perfekt durchtrainierter junger Mensch nämlich immer noch als Streifenhörnchen bella figura machen und auf dem Parkplatz an der Reithalle Knöllchen hinter Scheibenwischer klemmen.

Kriminalrat Recknagel war schon vor vielen Jahren bei der Kripo gelandet, obwohl er eigentlich nie besonders sportlich gewesen war. Dies unterschied ihn erheblich von jenem jungen Polizeianwärter, der sich an diesem milden Sommertag auf der Herrentoilette des Sportbildungszentrums mit einer Übungswaffe in den Kopf geschossen hatte. Immerhin hatte der Selbstmörder zum A-Kader des Deutschen Bobverbandes gehört und trotz seiner Jugend schon große Hoffnungen auf eine erfolgreiche Karriere geweckt. Jetzt lag seine für diesen Sport fast ein wenig schmächtig erscheinende Leiche seitlich neben der nicht ganz sauberen Kloschüssel, eingeklemmt zwischen Bürste und Reservepapiertrommel. An die Tür der Toilettenkabine, an deren Wänden Blut, Hirn und Exkremente klebten, hatte jemand mit Kugelschreiber »RWE for ever« gekritzelt. Ein unbekannter Poet hatte »Scheiß Rot-Weiß« daneben gemalt und »Wir sind heiß auf den FC Carl Zeiss« dazu gedichtet. Was viele nicht wissen: In Thüringen wird nämlich auch Fußball gespielt.

Wie man sich als junger Mensch von vielleicht einundzwanzig Jahren selbst in den Schädel schießen kann, erschien dem Kriminalrat unbegreiflich. Abgesehen von der nackten, rein physischen Abscheu vor einer solchen Tat hatte er das Leben in diesem Alter persönlich durchaus in bester Erinnerung. Man verfügte über einen gesunden Appetit, einen reuelosen Durst und steckte voller Pläne und Eroberungsfantasien. Nicht zu unterschätzen auch die Abwesenheit von Schmerzen und anderen Beeinträchtigungen, die ab spätestens Mitte vierzig zuverlässig einsetzen. Von solch einer Lebensqualität konnte man später nur noch träumen.

Gerichtsmediziner Haselhoff bog um die Ecke. »Es gibt Schmauchspuren an der Schläfe, spricht alles für einen aufgesetzten Schuss.«

»Also klarer Suizid?«, fragte der Kriminalrat.

»Sieht so aus«, antwortete Haselhoff. »Würde mich auch nicht wundern, so wie sie den Knaben in der Presse fertiggemacht haben.«

Erst jetzt kapierte auch der Recknagel, um wen es sich bei dem Toten handelte: Daniel Krech – so hieß der Sportler, um den sich im letzten Winter die nach ihm benannte Affäre gedreht hatte. Wenn die Berichte stimmten, die in der Presse zu lesen gewesen waren, hatte Daniel Krech zusammen mit seinem Anschieber Ronald Bradschetl, einem Ingenieurstudenten der Technischen Universität Ilmenau, einen Bob entwickelt, der dank einiger streng geheimer Verbesserungen am Fahrwerk und an der Lenkung plötzlich ein bis zwei Zehntelsekunden schneller unterwegs war als der brandneu entwickelte Gala-Bob der FES[1]. Während ein bis zwei Zehntel im normalen Leben keinen großen Unterschied machen, bedeuten sie im Bobsport – wie es so schön heißt – »Welten«, praktisch den Unterschied zwischen einem Esel und einem Rennpferd.

Doch trotz seines überlegenen Materials war Daniel Krech in der Qualifikation wegen eines Fahrfehlers gescheitert. Nur auf seinen Bob hatte er nichts kommen lassen. Schließlich war es durch eine Serie von Regeländerungen, die Abmessungen, Gewicht und Kufenmaterial einheitlich regelten, fast ein Ding der Unmöglichkeit geworden, sich noch entscheidend von der Konkurrenz abzusetzen. Deswegen wurden Bobs, die immerhin einen kleinen Vorteil beim Wettkampf versprachen, von den Herstellern praktisch mit Gold aufgewogen.

Doch weil es nicht sein konnte oder sein durfte, dass zwei Jungspunde bessere Arbeit ablieferten als ein staatlich gefördertes Forschungslabor, waren die Deutschen wie gewohnt mit ihrem FES-Modell in den Weltcup gestartet – und grandios gescheitert. Denn irgendwie waren die Konstruktionspläne von Krechs Bob in die Hände des kanadischen Herstellers Bobsleigh & Sledge Inc., kurz B&S, gelangt, der den Schlitten gleich in Serie produziert hatte, Stückpreis zweihunderttausend Dollar. Dummerweise waren andere Nationen weniger traditionalistisch, was die Wahl ihrer Ausrüstung anging.

Nachdem also die deutschen Kufensportler plötzlich nicht mehr die gewohnten Erfolge abgeliefert hatten, wurde natürlich überall nach einem Sündenbock gesucht – und der war in Daniel Krech schnell gefunden. Jetzt wurde ihm vorgeworfen, seine Entwicklung an die Konkurrenz weitergegeben zu haben. Obwohl sich in Deutschland vorher niemand dafür interessiert hatte. Praktisch Hochverrat.

»Wir haben einen Abschiedsbrief gefunden«, erklärte Recknagels Mitarbeiter und reichte dem Kriminalrat einen Computerausdruck in einer Folie.

»Danke, Chris…« Recknagel unterbrach sich selbst. Er wollte keinen Fehler machen. Welcher von beiden war das jetzt: Christian oder Christoph? Die Chancen standen exakt fifty-fifty.

»-toph«, vervollständigte der andere, ehe der Kriminalrat sich entscheiden konnte.

»Weiß ich doch«, log Recknagel. »Wo haben Sie den Brief gefunden?«, schob er schnell eine dienstliche Frage hinterher.

»Na, in seinem Spind natürlich«, erwiderte Christoph.

Der Recknagel überflog die nichtssagenden, ungelenk formulierten Zeilen: »… immer für den Sport gelebt …«, »… die Schande nicht ausgehalten …« und weiter unten: »… habe ich mich nach langem Ringen entschlossen, aus dem Leben zu scheiden …«

Kein Wort über Liebeskummer, keine Beschuldigungen, keinerlei Hinweise auf ein Motiv für den Selbstmord, das nicht auch aus der Zeitung zu erfahren gewesen wäre.

»Hm«, machte der Recknagel. »Wo ist das denn geschrieben worden?«

»Auf seinem Laptop. Er hatte das Dokument gelöscht, aber ich hab’s wiederhergestellt.«

»Wann hat er das Schreiben denn verfasst?«

»Heute Morgen, so gegen sieben.«

Doktor Haselhoff nickte zustimmend. »Könnte passen. Todeszeitpunkt circa halb neun.«

»DNA?«

»Klären wir noch ab. Scheint aber ’n klarer Fall von Suizid zu sein.«

Recknagel blickte nachdenklich auf die Leiche. »Komisch.«

»Was?«

»Er muss sich im Stehen erschossen haben.«

»Was ist denn daran bitte komisch?«

»Ich hätte den Deckel runtergeklappt und mich hingesetzt. Ist doch bequemer.«

Christoph blickte seinen Chef an, als habe der nicht mehr alle Klammern an der Leine.

»Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber der Kerl war halt Spitzensportler«, erklärte Christoph mit unterdrücktem Grinsen. »Der war noch zu ganz anderen körperlichen Höchstleistungen fähig.«

»Die Tür war nicht verriegelt?«

»Nein, aber … Ist einem das nicht egal, wenn man sich sowieso umbringen will?«

Der Kriminalrat blieb eine Antwort schuldig. Mit gewissen Kollegen konnte man einfach nicht vernünftig reden. »Ich glaub, ich hab hier alles gesehen«, brummte er und trat den Rückweg an. Im Gehen fiel ihm noch etwas ein. »Wer hat ihn eigentlich gefunden?«, erkundigte er sich bei seinem Mitarbeiter.

»Ich, Herr Kriminalrat«, tönte es vom Flur her, ehe Christoph antworten konnte. Ein junger, äußerst muskulöser Mann mit Kurzhaarfrisur und in Polizeiuniform stand von einem Stuhl auf und nahm fast militärisch Haltung an. Recknagel machte das Spiel mit.

»Name?«

»Storandt, Ole«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück.

»Storandt, wie der Storandt?«

»Ich bin der Storandt. Zweifacher Europameister im Zweier- und Viererbob. Und Vizeweltmeister, eigenhändig an den Seilen.«

»Und Olympia?«, hakte der Recknagel hinterlistig nach.

»Da ist es leider nicht so gelaufen«, brummte Ole Storandt. »Technische Probleme.«

»Davon habe ich gehört«, erklärte der Recknagel und unterdrückte ein Lächeln. »Stehen Sie bequem!« Der Muskelprotz lockerte sich etwas, aber in Anwesenheit eines höheren Dienstranges nicht zu sehr, wie er es auf der Polizeischule gelernt hatte.

»Erzählen Sie doch mal, wie Sie ihn gefunden haben«, schlug der Recknagel vor.

»Also«, holte der andere aus, »ich musste mal … für kleine Polizeischüler, ’ne größere Veranstaltung, Sie verstehen?«

Der Kriminalrat nickte, und Storandt setzte geradeheraus fort: »Ich gucke immer erst in alle Kabinen rein, ob die frei sind. Wenn einer neben mir in der Kabine sitzt, kann ich nämlich nicht. Das ist so ’n Tick von mir.«

»Aha«, brummte Recknagel, »das ist mir ehrlich gesagt ein bisschen viel der Information.«

»Verzeihung?« Der Bobchampion blickte ihn fragend an.

Der Kriminalrat ging nicht weiter darauf ein und setzte die Vernehmung fort: »Sie haben also alle Kabinentüren geöffnet und Ihren Sportkameraden tot aufgefunden?«

»Genau«, bestätigte Storandt. »War natürlich ’n Schock. Denni und ich kannten uns schon ’ne halbe Ewigkeit.«

»Sie waren Konkurrenten?«

»Kollegen, so würde ich es nennen.«

Recknagel musterte den jungen Athleten prüfend. »Was hatte es eigentlich auf sich mit dieser Bob-Affäre?«

Storandt winkte ab. »Das hätte sich bestimmt noch alles aufgeklärt. Denni war alles Mögliche, aber kein Verräter.«

»Was war denn da genau vorgefallen?«

Ole Storandt zuckte mit den Schultern. »Künstlerpech. Ich meine, Denni war halt ’n Tüftler. Überall hat er Kleinigkeiten gesehen, wo er noch ’ne Hundertstelsekunde rausholen konnte. Als Pilot war er auch gar nicht mal so schlecht.« Er grinste. »Gegen mich hätte er trotzdem keine Chance gehabt, der Hänfling.«

»Aber die anderen hatten gegen Sie eine Chance – mit dem von Krech entwickelten Schlitten«, stellte der Kriminalrat fest.

»Das ist letzte Saison irgendwie blöd gelaufen«, wehrte Storandt ab. »Aber dieses Jahr greifen wir wieder an. Unser neuer Prototyp ist ein echtes Geschoss. Die werden sich noch alle wundern!«

Recknagel sah den Glanz in Storandts Augen. Selbst in Anbetracht des Todes seines Kameraden, mit dem er sogar mal zusammen in einem Bob gesessen hatte, dachte er schon wieder an seine nächsten Rennen. Das meinte man vermutlich, wenn man davon sprach, dass Sportler gut fokussieren können.

»Glauben Sie, dass Daniel Krech sich wegen dieses Skandals um seinen Bob umgebracht haben könnte?«

Ole Storandt dachte kurz nach. »Kann schon sein. Er war ein bisschen … Wie soll ich sagen? Sensibel. Melancholiker, oder wie das heißt. Hat sogar Gedichte geschrieben.« Er lächelte, als wäre das ein wer weiß wie exotisches Verhalten.

»War er vielleicht unglücklich verliebt?«, spekulierte Recknagel, der eine kleine Schwäche für Lyrik hatte.

»Kann schon sein …«, erklärte Ole Storandt. »Da haben wir nicht so drüber gesprochen.«

»Obwohl Sie die ganze Zeit zusammen trainiert haben?«, erkundigte sich der Kriminalrat.

»Das heißt ja nicht, dass wir viel miteinander quatschen«, erwiderte Storandt. »Jeder macht halt sein Ding.«

»Verstehe. Spitzensportler sind eben Einzelkämpfer«, fasste der Kriminalrat zusammen und blickte sich um. »Wieso hat eigentlich niemand im Gebäude den Schuss gehört?«, erkundigte er sich dann. Storandt zuckte die Schultern. »Hier knallt’s öfter mal«, erklärte er lapidar.

»Denni?!«, schallte es über den Flur. Aus Richtung der Zimmer kam eine junge, schon auf den ersten Blick ungewöhnlich hübsche Frau mit nassen roten Haaren herangeeilt, die nur in ein knappes feuchtes Handtuch gewickelt war. Sie blickte irritiert in Richtung Herrentoilette, von wo sich Christoph und Doktor Haselhoff in weißen Plastikanzügen näherten. Recknagel blickte zu Storandt.

»Krechs Freundin?«

Ole Storandt machte eine vage Geste. Auf den ersten Blick brachte die Rothaarige wirklich alles mit, einem jungen Mann das Herz zu brechen. Sogar Sommersprossen.

»Was ist denn passiert?«, fragte sie erschrocken.

»Stell dir vor, Svenja, Denni ist tot«, rief ihr Storandt entgegen.

»Ist das wahr?«, fragte die Rothaarige mit vor Entsetzen geweiteten Augen in die Runde.

»Tut mir sehr leid, Ihr äh … Kollege hat sich offenbar entschlossen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden«, bestätigte Doktor Haselhoff.

»Waren Sie enger mit ihm befreundet?«, erkundigte sich der Recknagel. Die Rothaarige blickte erst kurz zu Storandt, zögerte, schüttelte dann ihren rot belockten Kopf. Es konnte aber fast genauso gut ein Nicken sein. Offenbar wusste sie selbst nicht so genau, wie sie zu Daniel Krech gestanden hatte. Aber das konnte einen lebenserfahrenen Beamten wie den Recknagel nicht weiter verwundern. Mit der Macht der Hormone, insbesondere in der Jugend, war er durchaus vertraut, zumindest in der Theorie. Er selbst hatte diese Phase allerdings übersprungen. Kaum hatte er den Mopedführerschein in der Tasche gehabt, hatte er allen Mut zusammengekratzt und das zweithübscheste Mädchen der Klasse gefragt, ob er sie mit seiner roten Simson S51[2] nach Bettenhausen in die Disco mitnehmen dürfe. Inzwischen war er mit dem zweithübschesten Mädchen seit über dreißig Jahren verheiratet. Das hübscheste Mädchen hatte inzwischen drei Scheidungen hinter sich. Schönheit kann manchmal auch eine Last sein.

Dem Kriminalrat fiel bei diesem Gedanken plötzlich auf, dass alle anwesenden Männer sanfter wirkten als sonst, irgendwie weichgespült. Sogar Doktor Haselhoff hielt sich mit seinem professionellen Zynismus zurück und sah mitleidig auf die trauernde junge Frau. Christoph gaffte unverhohlen auf die schlanken, aber ungemein kräftigen nackten Beine und die wohlgeformten Hüften, die sich unter dem Handtuch abzeichneten. Erst jetzt merkte der Recknagel, dass er selbst offenbar auch lächelte. Natürlich total unpassend, sowohl von der Situation als auch vom Alter her. Doch irgendetwas war mit ihnen allen geschehen. Das junge Ding schien alle anwesenden Männer zu verzaubern wie die Stimmen der Sirenen aus der griechischen Mythologie.

»Was machen Sie eigentlich hier?«, erkundigte sich der Kriminalrat. »So allein unter Männern?«

»Ich trainiere«, entgegnete die Rothaarige. »Wie die anderen auch.«

»Noch nie was von Frauenbob gehört?«, fragte Ole Storandt beinahe vorwurfsvoll.

»Äh, doch … schon«, erwiderte der Kriminalrat und blickte verwundert auf die schlanke und eher zierlich wirkende junge Frau. Auch Doktor Haselhoff wirkte erstaunt.

»Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber bei Ihrer äh … Konstitution … Sind Sie sicher, dass das wirklich Ihr Sport ist?«

»Ich bin amtierende Juniorenweltmeisterin und Deutsche Vizemeisterin bei den Senioren, dieses Jahr greife ich im Weltcup voll an«, erklärte sie selbstbewusst.

»Komm, Svenja, zieh dir erst mal was an«, meinte Ole Storandt abschließend, legte fürsorglich seinen Arm um ihre Schultern und führte sie Richtung Zimmertrakt davon.

»Wegen der würde ich mich zur Not auch umbringen«, erklärte Doktor Haselhoff, und unter den beiden anderen anwesenden Herren war keiner dabei, der ihm in dem Punkt widersprochen hätte.

I

Wer hätte gedacht, dass sich der Fickel noch mal mit einem Mordfall rumschlagen muss? Manch einer mag da behaupten, eher würden die Uhren am Meininger Kirchturm rückwärtslaufen, als dass eine Terminhure[3] vom Amtsgericht als Strafverteidiger Karriere macht. Aber das hatte sich der Fickel nun wirklich nicht ausgesucht.

Immerhin erfreute sich der Fickel nach seinem ersten Mordfall plötzlich einer gestiegenen Aufmerksamkeit in der Stadt, insbesondere beim anderen Geschlecht. Selbst gestandene Rechtshelferinnen kicherten plötzlich, wenn er die Geschäftsstelle betrat, wie sonst eigentlich nur in Anwesenheit eines waschechten Richters im heiratsfähigen Alter. Nur die Schreibkraft Therese, einstmals Fickels treueste Verbündete, war ganz die Alte geblieben und erklärte nüchtern, er solle sich jetzt bloß nicht einbilden, er sei was Besseres.

Aber obwohl der Fickel weit davon entfernt war, etwas Besseres zu sein oder sich auch nur so zu fühlen, lernte er bald die Schattenseiten seines frischen Lokalruhmes kennen. Schließlich konnte er weder im Schlundhaus noch im Bratwurstglöckle mehr essen gehen, ohne von zufällig Anwesenden über dieses oder jenes Rechtsproblem ausgefragt zu werden.

Leider hatte der Fickel einst an der juristischen Fakultät in Jena nur DDR-, also praktisch Un-Recht studiert und war also gar kein richtiger Rechts-, sondern eher eine Art Un-Rechtsanwalt. Und bei der Fortbildung war er natürlich immer krank gewesen. So blieb ihm einstweilen nichts anderes übrig, als seine Lieblingsrestaurants zu meiden und sich bis auf Weiteres daheim von seiner Vermieterin, der rüstigen Frau Schmidtkonz, verköstigen zu lassen, was kalorienmäßig allerdings ungefähr auf dasselbe herauskam.

Der größte Einschnitt war jedoch, dass den Fickel auf einmal niemand mehr als Terminvertreter einsetzen wollte. Schließlich verfügen Anwälte über ein feines Gespür für Hierarchien sowie einen gesunden Fressneid. Und nach dem Geschmack der meisten Kollegen hatte der Fickel in letzter Zeit genug Lorbeeren geerntet, natürlich total unverdient. Da konnte er jetzt ruhig mal sehen, wo er blieb. Selbst die Schreibkraft Therese bevorzugte neuerdings aus unerfindlichen Gründen Fickels ärgsten Konkurrenten, Rechtsanwalt Amthor, obwohl der im Anwaltszimmer heimlich seine KARO-Zigaretten quarzte und als Bestechungsgeschenk nur Trüffelpralinen im Angebot hatte.

Während der Amthor ihm als Terminvertreter im Justizzentrum langsam den Rang ablief, musste sich der Fickel mit Studienräten, Apothekern und anderen Meininger Hochintellektuellen rumschlagen, die nun einen rechtlichen Rat bei ihm suchten, nur weil sein Name kürzlich in der Zeitung gestanden hatte. Diplomjurist[4] Fickel half, wo er konnte, doch meistens konnte er nicht.

Obwohl der Stapel unbearbeiteter Akten in der Wohn-Kanzlei am Töpfemarkt immer mehr anwuchs, zog sich der Fickel auf seine Datsche im Spartenverein Werratal II zurück, vorgeblich, um Schriftsätze zu verfassen, tatsächlich jedoch, um den lieben Herrgott einen braven Mann sein zu lassen. Tagsüber zog er aus Stecklingen eine neue Generation Kakteen heran, abends drosch er in der Goetzhöhlenbaude epische Skatrunden mit dem Höhlenmicha und Justizwachtmeister Rainer Kummer. Und auch wenn sein Hightechhandy von vor acht Jahren noch so piepte und surrte, der Fickel stellte sich tot und genoss das Leben.

Eines schönen Tages im Spätsommer, als der Fickel gerade gemütlich auf der Hollywoodschaukel lag und den Wespen zusah, wie sie sich über die reifen Zwetschgen hermachten, rief die Therese mit leicht schnippisch klingendem Tonfall aus dem Justizzentrum an, wo der »feine Herr« denn eigentlich so stecke. Wenn er nicht gerade auf Mallorca ein Interview gebe und/oder sich für ehrliche Arbeit zu schade sei, dann solle er sich doch bitteschön gefälligst auf den Weg ins Justizzentrum machen: ein dringender Fall, es gehe mal wieder um Leben und Tod, besser gesagt um Scheidung. Aber bei Gericht natürlich mal wieder Personalnotstand. Wenn er nicht sofort erscheine, drohten unabwendbare Nachteile – und so weiter und so fort. Allgemeine Panik. Man kennt das ja.

Angesichts seiner finanziellen Situation ließ sich der Fickel natürlich nicht zweimal bitten. Schließlich kannte er sich mit Scheidungen bestens aus, wenn auch weniger juristisch, mehr so lebenspraktisch, insbesondere seit seiner schmerzhaften Trennung von der Oberstaatsanwältin Fickel-Gundelwein, geborene sowie inzwischen auch wieder glücklich geschiedene Gundelwein. Zudem war es die Gelegenheit, sich als Helfer in der Not zu bewähren und verlorenes Terrain in der Geschäftsstelle des Amtsgerichts zurückzuerobern. Dass die Therese eigens bei ihm anrief, konnte man mit einer gehörigen Portion guten Willens durchaus als ein erstes Anzeichen neu erwachter Sympathie deuten.

Ohne lange zu überlegen, zog der Fickel trotz der sich anbahnenden Hitze sein repräsentatives Cordsakko über, setzte sich in seinen beige-braunen Wartburg 353Tourist und brauste so schnell, wie es die drei Zylinder beziehungsweise die Geschwindigkeitsbegrenzung plus Toleranz hergaben, über die Werrabrücke und die Leipziger Straße bis in die ehemalige Zentralkaserne, dem heutigen Justizzentrum, wo früher blutjunge Angehörige der Roten Armee unter menschenunwürdigen Zuständen, wie man in Meiningen munkelte, gedrillt wurden und heute nicht mehr ganz so junge Juristen unter etwas menschenwürdigeren Bedingungen den Rechtsstaat durchexerzierten.

Der Fickel raste mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz an der Straße der Justiz und parkte seine überdachte Zündkerze schnittig zwischen zwei süddeutschen Repräsentierschlitten ein. Im Laufschritt hetzte er über das Gelände und keine Viertelstunde nach dem Anruf betrat er auch schon seinen vertrauten Arbeitsplatz, das Anwaltszimmer des Amtsgerichts. Aber schon am notdürftig mit einem Siebzigerjahre-Aftershave getarnten typischen Geruch des KARO-Kettenrauchers erkannte er, dass er inzwischen unlautere Konkurrenz bekommen hatte.

»Zu spät«, rasselte ihm der Amthor an der Tür aus allen Lungenbläschen keuchend entgegen. »Ich habe das Mandat soeben übernommen.«

Der Amthor versuchte, mit seinem Leib eine Frau abzuschirmen, was ihm allerdings nur mittelmäßig gelang. Trotz Konfektionsgröße sechsundfünfzig und riesigem Bauchumfang wurde er in puncto Länge von seiner Mandantin noch um einen halben Kopf überragt. Es handelte sich um eine sportlich gekleidete Frau in roten Lack-Pumps, Größe vierundvierzig. Sie war jung, zumindest nach Meininger Maßstäben, also ungefähr Ende dreißig, und auf den ersten Blick nicht direkt unattraktiv – oder doch zumindest interessant. Ihre Haare waren abwechselnd blond und dunkel gefärbt und aufwendig geföhnt, sodass man sofort eine ganz bestimmte Hunderasse assoziierte. Für eine Frau ihres jugendlichen Alters hatte sie reichlich Make-up aufgetragen. Besonders ein pinker Lippenstift schien es ihr angetan zu haben, was im Ergebnis einen bemerkenswerten Kontrast zu den roten Schuhen und der violett schimmernden Seidenbluse bildete. Offenbar hatte sie sich für ihre Scheidung extra fein herausgeputzt.

Das trotz aller Farbenpracht eher biedere und miezenhafte Outfit der potenziellen Mandantin stand jedoch in einem krassen Gegensatz zu ihrer überaus athletischen Figur. Durch den gespannten Stoff der Stretchjeans konnte der anatomische Kenner gut durchgebildete Schenkel und Waden erahnen, sodass man sich unwillkürlich fragte, wie sie in ihre engen Beinkleider überhaupt hineingekommen war. Die semitransparente Seidenbluse fiel lässig von ihren breiten Schultern auf eine ungewöhnlich muskelbewehrte Taille. Irgendwie kam dem Fickel die Person gleich bekannt vor, ohne dass er sagen konnte, wo er sie schon mal gesehen hatte.

Rechtsanwalt Amthor schien offenbar gewillt, seine Mandantin gegen jedermann – zur Not sogar auch mit körperlicher Gewalt – zu verteidigen. »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«[5], deklamierte er drohend und nahm eine Boxerstellung ein. Der Fickel sah ein, dass hier jede Diskussion vergebens war, und trat den geordneten Rückzug an, allerdings nur, um sich auf schnellstem Wege in die Geschäftsstelle zu begeben und sich zu beschweren. Einen Auftrag doppelt vergeben – wo kommen wir denn da hin? Man hatte schließlich auch noch anderes zu tun. Jedenfalls theoretisch.

Immerhin hatte der Fickel wirklich alles richtig machen wollen und extra noch Eierlikörpralinen für die Geschäftsstellenmitarbeiterinnen mitgebracht. Allerdings hatte er natürlich nicht einkalkuliert, dass die Therese nicht nur mit dem Rauchen aufgehört hatte, sondern inzwischen auch strengste Diät hielt. Schließlich hieß es in ihrem Stellenprofil nicht umsonst: überwiegend sitzende Tätigkeit.

Als der Fickel die Büroräume betrat, wurde er von der Therese prompt mit dem immer noch irgendwie leicht schnippisch klingenden Satz begrüßt: »Na bitte, da ist ja unser Staranwalt.«

Die teuren Eierlikörpralinen würdigte sie keines Blickes, ebenso wenig wie Rechtsanwalt Fickel, sondern hackte weiter auf ihrem ergonomischen Neunzigerjahre-Keyboard, made in Taiwan, irgendwelche Daten in den Computer. Aber wie der Fickel wusste, war zur Schau gestellte Ignoranz bei gewissen Frauen ein Zeichen für besondere Zuneigung.

»Bitte übernehmen Sie Ihren Mandanten, aber sofort«, bat die Therese sichtlich genervt, ohne aufzusehen. »Der Kerl heult mir hier schon die ganze Zeit über die Ohren voll!«

In der hintersten Zimmerecke hockte ein Häuflein Elend auf dem Besucherstuhl, erst auf den zweiten Blick erkennbar als ein in sich zusammengesunkenes männliches Wesen in den zynischerweise als die »besten« bezeichneten Jahren, dem schütteren Haar und den geplatzten Äderchen unter der Haut zufolge knappe fünfzig. Offenbar bildete er den traurigen Gegenpart zur scheidungswilligen Amazone aus dem Anwaltszimmer. Doch obwohl der Fickel selbst auch eher der saloppe Typ war, modisch gesehen, befremdete es ihn schon ein bisschen, dass jemand ausgerechnet im Trainingsanzug zu seiner eigenen Scheidung ging. Zumal in einem eher antiquierten Modell, Typ Ballonseide.

Der potenzielle Mandant sprang jetzt auf und tapste mit ausgebreiteten Armen auf den Fickel zu wie ein zu groß geratener Teddybär.

»Manfred?«, entfuhr es dem Fickel, gerade noch rechtzeitig, bevor er von dessen kräftigen Armen umfangen wurde. »Sarajevo 1984!«, ergänzte der andere, ohne zu erwähnen, dass sie als Besatzung des Viererbobs Oberhof II damals die Qualifikation für die Winterspiele natürlich verpasst hatten und als Ersatzleute daheim im Thüringischen geblieben waren. Die glänzenden Erfolge der Sportkameraden hatte der Fickel wie immer nur am Robotron-Fernseher in Schwarz-Weiß mitverfolgt.

Bei dem Riesenbaby im Trainingsanzug handelte es sich also um niemand Geringeren als den ehemaligen Bobpiloten Manfred Kornhaß, mit dem der Fickel als Anschieber einst Kopf an Kopf beziehungsweise Knie an Kopf im erfolglosesten Schlitten gesessen hatte, der jemals im Namen des ruhmreichen Thüringer Bobverbandes übers Eis gekratzt war. Der Fickel spürte, wie die Pranken seines ehemaligen Vordermannes pausenlos auf seinen Rücken hämmerten, und versuchte, sich mithilfe eines Ringergriffs zu befreien, was jedoch nur eine noch festere Umarmung zur Folge hatte.

»Mensch, du hast dich gar nicht verändert«, erklärte der Fickel, denn so eine Höflichkeitsfloskel kam in der Regel gut an, wenn man sich länger nicht gesehen hatte. Dabei handelte es sich natürlich um eine schamlose Lüge.

»Du aber auch nicht«, log Manfred Kornhaß seinerseits, ohne mit der Wimper zu zucken. Er wusste nämlich, was sich gehört. Allerdings gab er dazu direkt an Fickels Ohr Geräusche ab, die fast wie ein unterdrücktes Schluchzen klangen.

»Können Sie vielleicht draußen weiterkuscheln? Es gibt Menschen, die hier arbeiten müssen«, schimpfte die Therese ohne jeden Funken Sensibilität. Weinende Männer in der Telenovela gut und schön, aber doch bitte nicht live am Arbeitsplatz!

»Wie lange ist das jetzt her?«, fragte der Kornhaß rhetorisch, als er gemeinsam mit dem Fickel auf den Gang trat, aber das wollte der lieber gar nicht wissen. Ein paar Informationen über das Privatleben konnten vor so einer Scheidungsverhandlung allerdings nie schaden, und so nahm der Fickel seinen alten Vordermann erst mal gründlich ins Verhör, wie dessen Leben, insbesondere das Eheleben, in den letzten Jahrzehnten verlaufen war.

Immerhin hatte der Kornhaß nach einer eher durchwachsenen aktiven Karriere erfolgreich seinen »Ingenieur« an der Technischen Hochschule in Ilmenau gemacht und es in den Wendewirren irgendwie geschafft, den Posten des Bahnchefs der Oberhofer Rodelbahn zu ergattern, wobei ihm sicher seine technischen Kenntnisse genauso geholfen hatten wie seine Vernetzung im Oberhofer Bobmilieu. Damals sprach man noch eher von Seilschaften, aber aus den vorhandenen Seilen waren auch schnell Netzwerke geknüpft worden, besonders in Oberhof.

Als Bahnchef hatte der Kornhaß natürlich einen absoluten Traumjob: ein gutes Auskommen, viel frische Luft, aber auch – nicht zu unterschätzen – guten Kontakt zur nachwachsenden Sportlergeneration beziehungsweise Sportlerinnengeneration.

So hatte er schließlich auch seine spätere Frau, die junge und talentierte Rodlerin Mandy Meissner vom Rodelclub Zella Mehlis, kennengelernt. Die Thüringer Athletin war Anfang des Jahrtausends in ihrem Sport sage und schreibe die Nummer vier in der Welt gewesen – was allerdings bedauerlicherweise gleichbedeutend war mit der Nummer vier in Deutschland. Das wiederum hatte der ehrgeizigen Jungrodlerin auf Dauer natürlich nicht genügt, und deshalb hatte sie auf den väterlichen Rat von Manfred Kornhaß hin erfolgreich auf Bobpilotin umgeschult. Denn erstaunlich: Selbst in den Randsportarten gibt es noch Nischen. Hinter vorgehaltener Hand wurde von männlichen Kollegen anfänglich zwar gelästert, Frauenbob sei von der Natur ebenso wenig vorgesehen wie beispielsweise Herren-Synchronschwimmen oder Senioren-Skispringen. Aber das Gleiche hatte man früher von anderen Sportarten auch behauptet, ob Fußball, Boxen oder Bundeskanzler. Da konnte ein bekannter Sportmoderator angesichts der ersten weiblichen Pioniere in der Eisrinne noch so ätzend lästern, Frauenbob sei im Grunde auch nur eine Männersportart – für die eine oder andere Athletin, wie beispielsweise Mandy Meissner, spätere Kornhaß, hatte sich das Aufkommen der neuen Disziplin trotz anfänglicher Akzeptanzprobleme als geradezu historischer Glücksfall erwiesen, in einem Atemzug zu nennen mit der Einführung des Frauenwahlrechts, dem Fall der Mauer oder der Erfindung des Internets. Auch Manfred Kornhaß profitierte auf seine Art, denn sein Schützling hatte sich in jeder Hinsicht als lernwillig erwiesen, insbesondere zwischenmenschlich. Und schon bald nachdem Kornhaß die junge Mandy mit ihrem Bob auf Touren gebracht hatte, stand er mit ihr auch schon vorm Altar beziehungsweise vor einem Pressspan-Schreibtisch im Standesamt der Stadt Oberhof. Immerhin mit Tischdecke.

Trotz eines gewissen Alters- und Fitnessunterschieds war das Ehepaar Kornhaß über viele Jahre hinweg glücklich miteinander gewesen oder doch zumindest nicht direkt unglücklich, wozu ja bekanntlich schon eine ordentliche Portion Glück gehört. Während sich Manfred um die Oberhofer Rodelbahn kümmerte und an den Hüften immer mehr aus dem Leim ging, legte seine Frau stetig an Muskelmasse zu, praktisch Zugewinngemeinschaft im besten Sinne des Wortes.

Dank ihres Trainingseifers sammelte Mandy fleißig Weltcupsiege und alle sonstigen Titel ein, die es beim Frauenbob zu gewinnen gab, außer einer Medaille bei Olympia, ausgerechnet. Niemand hätte sich also gewundert, wenn Mandy Kornhaß mit ihren neununddreißig Jahren ihre erfolgreiche Karriere beendet hätte. Schließlich war das Kornhaß’sche Einfamilienhaus in Oberhof inzwischen endlich fertig, mit Folterkammer im Keller, Gäste-WC im Erdgeschoss und Kinderzimmer unterm Dach. Aber statt daheim mit ihrem Mann Familiengründung zu betreiben, hatte es Mandy nach dem sportlichen Debakel von Sotschi vorgezogen, weiter fröhlich durch den Weltcup zu ziehen, großes Ziel: eine Medaille bei den nächsten Olympischen Spielen in Pyeongchang.

Als er mit diesem Plan konfrontiert wurde, hatte Manfred Kornhaß zum ersten Mal in seiner Ehe mit der Faust auf den neuen IKEA-Tisch geschlagen und gesagt, noch vier Jahre Entbehrungen, Diätpläne und Trainingslager mit Gemeinschaftsduschen, das machte er nicht länger mit. Entweder Olympia oder er, basta Canasta! Und guck mal einer an: Schon drei Tage später reichte seine Frau die Scheidung ein. Da hatte der Manfred einfach die Prioritäten falsch eingeschätzt.

Irgendwo hatte es dem Kornhaß wohl schon länger gedämmert, dass die Mandy zu den gewissen Frauen gehört, die immer höher hinauswollen. Allein die Extras, die sie bei der Hausplanung verlangt hatte: Fußbodenheizung, amerikanische Küche und anderen Schnickschnack. Aber im Moment kam die Scheidung besonders ungelegen, wie der Kornhaß seinem alten Sportfreund Fickel auf dem Gang zum Gerichtssaal verriet. Denn das Haus in Oberhof war natürlich bis hinauf zur Spitze des Blitzableiters verschuldet. Und wenn so eine Ehe liquidiert wurde, dann wurde eben nicht nur das Konto, sondern der gesamte Besitzstand durch zwei geteilt, vom Eierlöffel bis zur Luxusimmobilie – und wenn es sich dabei nicht gerade um ein Doppelhaus handelte, musste eben auch der frisch fertiggestellte Familienpalast zu Geld gemacht werden. Allerdings war solch ein sauteures Objekt in Oberhof im Moment praktisch unverkäuflich, trotz Traumveranda und Einlieger-Ferienwohnung. Daher hatte der Kornhaß neben seinem Liebeskummer jetzt also auch noch finanzielle Sorgen am Hals. Schlimmer geht nimmer.

Der Fickel, der natürlich auf einen kurzen Prozess gehofft hatte, musste mit ansehen, dass sich plötzlich ein riesiger Berg Probleme vor ihm auftürmte. Denn inzwischen war der Kornhaß ernstlich ins Grübeln gekommen, ob das mit der Scheidung wirklich so eine gute Idee gewesen war. Immerhin liebte er seine Mandy noch, zumindest kam das Gefühl, das er für seine Noch-Ehefrau hegte, von allen ihm bekannten der Bezeichnung »Liebe« am nächsten. Kurz und gut, Manfred Kornhaß hätte wahrlich eine fachgerechte juristische Beratung gebrauchen können. Nur leider war der Fickel dafür komplett der falsche Ansprechpartner. Ganz besonders im Familienrecht, wo es bekanntlich nur vierstellige Paragrafen gibt, praktisch durchweg Dunkelnormen[6].

Vor dem Saal, in dem die Scheidung stattfinden sollte, wartete schon der Amthor mit seiner Mandantin. »Gratuliere zum Mandat«, knurrte er, als der Fickel sich mit dem Kornhaß näherte, und natürlich meinte er das als Warnung. Auch Mandy Kornhaß blickte finster entschlossen aus ihrer farbenfrohen Wäsche. Insgesamt war die Situation eher angespannt, zwischen den Anwälten genau wie zwischen den Parteien, gewissermaßen High Noon – und das auf dem Flur des Amtsgerichts! Manfred Kornhaß versuchte tapfer, den Killer-Blicken seiner zukünftigen Exfrau standzuhalten, doch instinktiv trachtete er zugleich danach, sich in Bobfahrermanier hinter dem Rücken vom Fickel zu verstecken, obwohl es dafür unter den gegebenen Voraussetzungen im Grunde keine aerodynamische Notwendigkeit gab.

Eine schiere Ewigkeit saßen sich die Noch-Eheleute mit ihren Anwälten auf den hölzernen Bänken vor dem Gerichtssaal gegenüber, einerseits gefasst, man ist ja schließlich erwachsen, andererseits peinlich berührt: Vor ein paar Monaten hatte man noch die Zahnseide miteinander geteilt, und von heute auf morgen war jedes Band zerschnitten. Zehn endlose Minuten später wurde endlich die Verhandlung Kornhaß gegen Kornhaß aufgerufen. Mit respektvollem beziehungsweise Sicherheitsabstand begaben sich die Parteien in den Saal.

Der frischgebackene Amtsgerichtsdirektor Leonhard hatte einen langen und aufreibenden Tag hinter sich. Trotz aller Bittgesuche hatte man im Ministerium in Erfurt noch keinen Anlass gesehen, frische Kräfte nach Südwestthüringen zu schicken, um den jüngst eingetretenen Mangel an Amtsrichtern auszugleichen. Vielleicht vertrat man dort auch den Standpunkt: Wenn die Meininger Richter es für angezeigt hielten, sich gegenseitig zu dezimieren, dann sollten sie doch gefälligst selbst sehen, wie sie zurechtkommen. Also musste das alte niederbayrische Schlachtross Leonhard plötzlich selbst mit ran, obwohl er als ausgewiesener Strafrechtsexperte und routinierter Untersuchungsrichter seit fast dreißig Jahren keinen Zivilprozess mehr geleitet hatte, geschweige denn einen Familienrechtsprozess. Seit seiner eigenen nicht unkomplizierten Scheidung hatte er sogar einen direkten Widerwillen gegen diesen Zweig der Justiz entwickelt. Trotz aller gebotenen Objektivität war seiner Rechtsprechung eine gewisse Grundsympathie für die rechtlichen Positionen von Vertretern seines eigenen Geschlechts durchaus anzumerken.

Da es spätsommerlich warm war, trug Richter Leonhard unter der Robe nur seine bequemen Bermudas sowie seine berühmte weiße Hemdattrappe, über deren Verwendung bei den Damen in der Geschäftsstelle die kühnsten Gerüchte kursierten. Dabei ist die Hemdattrappe eine höchst praktische Vorrichtung, die man einfach nur über den Kopf ziehen muss, um am Ausschnitt der Robe das Vorhandensein eines Hemdes zu simulieren. Dabei deckt dieses Kleidungsstück gerade einmal Hals, Schultern und den obersten Teil der Brust ab und hört knapp unter dem Kragensaum der Robe auf. Trotzdem erfüllte Leonhards Aufzug vollkommen seinen Zweck: äußerlich ganz Respektsperson, was darunter vor sich ging, hatte niemanden zu interessieren. Auch Richter haben eine Privatsphäre.

»Wie ich sehe, spricht hier alles für eine kurze Verhandlung«, brummte Richter Leonhard also zufrieden, als sich die Parteien vor dem Richtertisch versammelten, denn zwei Terminhuren bei einer Scheidung waren selbst in Meiningen kein alltägliches Bild. Immerhin musste man sich bei der Konstellation weder auf Profilierungsversuche noch auf einen profunden juristischen Schlagabtausch gefasst machen. Antrag stellen, Antrag annehmen, so in etwa stellte sich der Leonhard die nächsten zehn Minuten vor.

»Dann wollen wir das mal schnell hinter uns bringen«, erklärte der Leonhard gut gelaunt und schloss gleich die nicht vorhandene Öffentlichkeit aus, wie es Vorschrift war, und überprüfte die Personalien des Ehepaars Kornhaß. »Sie kenne ich doch von irgendwoher …«, meinte er, als die Reihe an Mandy war, und kniff die Augen zusammen, vielleicht auch, um einem Farbschock vorzubeugen. »Meine Mandantin ist eine erfolgreiche Bobathletin«, erklärte der Amthor stolz. »Amtierende Europa- und Weltmeisterin.«

»Aha.« Leonhards Blick war ein einziges Fragezeichen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte er nie in seinem Leben ein Frauenbobrennen im Fernsehen verfolgt.

»Vor ein paar Jahren war ich mal ›Girl der Woche‹ in der Superillu«, fügte Mandy Kornhaß hinzu. »Auf die Fotos werde ich heute noch ständig drauf angesprochen.«

»Ach so, das erklärt natürlich einiges«, brummte der Leonhard launig, »angezogen hätte ich Sie fast nicht erkannt.«

Woanders hätte er sich für solch eine Bemerkung vielleicht einen Befangenheitsantrag eingehandelt, aber in einem weniger sittenstrengen Ort wie Meiningen kam ein flotter Spruch erfahrungsgemäß gut an, insbesondere bei dem handverlesenen Personal, das da gerade im Saal anwesend war.

Nachdem alle, abgesehen von der Mandy Kornhaß, kurz geschmunzelt hatten, durfte der Amthor endlich den Scheidungsantrag seiner Mandantin verlesen. Und damit hatte er im Wesentlichen seinen Job erledigt. Zumindest glaubte er das in dem Moment noch. Denn jetzt war eigentlich nur noch der Fickel an der Reihe, dem Scheidungsantrag im Namen seines Mandanten zuzustimmen. Drei Augenpaare blickten den Fickel erwartungsvoll an. Doch der zögerte seinen im Grunde sehr einfachen Satz bis zum Gehtnichtmehr hinaus. Schließlich brauchte er jede Sekunde zum Nachdenken.

»Namens meines Mandanten beantrage ich …«, erklärte er schließlich und blickte zögernd zu seinem Mandanten und einstigen Sportgefährten hinüber, der schicksalsergeben im Trainingsanzug neben ihm hockte. Aller Kampfgeist, der ihn als Athleten ausgezeichnet hatte, war aus seinem immer noch stattlichen Körper gewichen.

»… den Antrag abzulehnen«, vollendete der Fickel seinen begonnenen Satz – und hätte sich in dem Moment am liebsten selbst in den Allerwertesten gebissen. Aber als Anwalt ist man eben immer zuerst dem Wohl des Mandanten verpflichtet und erst an zweiter Stelle dem eigenen. Und der Kornhaß war im Moment einfach nicht reif für eine Scheidung, weder gefühlsmäßig noch finanziell. Dafür musste man kein Psychologe sein respektive Bankberater.

»Bitte?« Der Leonhard blinzelte verwundert von seinem Richtertisch herunter. Mandy Kornhaß wiederum blickte fragend zu ihrem Rechtsbeistand Amthor, der seinerseits jedoch auch nur mit den Achseln zucken konnte. Selbst Fickels eigener Mandant guckte einigermaßen konsterniert aus der Wäsche. Eine Fliege, die durch den Raum surrte, hatte den Auftritt ihres Lebens.

»Wenn Sie die Scheidung wirksam machen wollen, müssen Sie den Antrag schon annehmen, Herr Kollege«, erläuterte der Leonhard die Sachlage sicherheitshalber noch einmal auch für den Laien verständlich. Aber der Fickel war ganz gegen seine Gewohnheit juristisch vollkommen im Bilde.

»Mein Mandant ist der Auffassung, dass seine Ehe mitnichten zerrüttet ist«, erklärte er im Brustton einer woher auch immer gewonnenen Überzeugung in die gespannte Stille hinein, was bei Mandy Kornhaß nur heftiges Kopfschütteln auslöste.

»Die Meinung hat er wohl ziemlich exklusiv«, brummte der Leonhard. »Laut Aktenlage ist das Trennungsjahr offenbar eingehalten worden.«

Mandy Kornhaß flüsterte dem Amthor etwas ins Ohr.

»Das Gericht hat völlig recht«, erklärte der Amthor. »Die Eheleute hatten seit über einem Jahr keinen …« Er stockte, um in seinem Sprachzentrum nach einem der Würde des Gerichts angemessenen Wort zu forschen. Obwohl er keineswegs prüde war, weder in der Sauna noch beim FKK, gab es Begriffe, die wollten ihm einfach nicht so leicht über die Lippen. »… keinen ehelichen Kontakt mehr«, vollendete der Amthor schließlich seinen Satz.

»Sie meinen, keinen Geschlechtsverkehr«, konkretisierte der Leonhard in aller gerichtlich gebotenen Sachlichkeit.

»Genau«, bestätigte der Amthor, und seine Mandantin schlug noch tiefer in die Kerbe: »Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr dran erinnern.« Und dann fügte sie nach einer kleinen Pause überflüssigerweise hinzu: »Na ja, so dolle war es sowieso nie.«

Der Fickel beeilte sich zu erklären, dass in der Hinsicht im Spitzensport ohnehin andere Regeln gälten, weil schließlich jede Intimität auch Rückwirkungen auf die Leistungsfähigkeit habe beziehungsweise umgekehrt: die am Tage erbrachten sportlichen Trainingseinheiten sich negativ auf die abendliche Bereitschaft auswirkten, seinen geplagten Körper auch noch anderweitig zum Einsatz zu bringen.

Manfred Kornhaß sackte mit jedem Wort mehr in sich zusammen. Er rieb mit seinen Pranken so fest auf seinen Oberschenkeln herum, dass sich die Ballonseide seines Trainingsanzugs elektrostatisch auflud und leise knisterte. Fast hätte sich der Amthor eine Zigarette daran anzünden können. So eine Scheidung war wahrlich nichts für schwache Nerven.

»Immerhin haben die Parteien den Sommer gemeinsam in einer Wohnung verbracht und bis zuletzt den Bau eines Einfamilienhauses zusammen geplant«, hielt der Fickel dagegen. »Damit haben beide hinlänglich ihren Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft dokumentiert.«

»Mit Kinderzimmer!«, rief Manfred Kornhaß der Vollständigkeit halber.

»Mein Mandant will damit auf höfliche Weise sagen, dass aus seiner Sicht das Intimleben in der Ehe bei Weitem nicht so darniederlag, wie es die Gegenseite darstellen will«, ergänzte der Fickel keck.

Das war der Moment, in dem Mandy Kornhaß in ein derart gehässiges Gelächter ausbrach, dass es selbst dem Fickel kalt über den Rücken lief. Amtsgerichtsdirektor Leonhard stützte sein Kinn schwer auf seinen Handrücken. Auch wenn Fickels Argumentation eine ziemlich durchschaubare Lüge darstellte, gab sie ihm immerhin die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen. Bei einer sofortigen Scheidung blieben die komplizierte Vermögensauseinandersetzung und der Versorgungsausgleich an ihm als zuständigem Richter hängen. Würde die Ehe aber erst ein paar Monate später gelöst, wäre dann womöglich schon familienrechtliche Verstärkung aus Erfurt eingetroffen und der Kelch ginge an ihm vorüber.

»Tja«, erklärte der Leonhard salopp, »ich weiß auch nicht, was bei Ihnen im Schlafzimmer los war. Ich war ja leider nicht dabei.«

Er grinste die Mandy Kornhaß wohlgefällig an, denn in der Robe steckte schließlich auch nur ein Mann. Der Amthor spürte, dass die Dinge sich in eine für ihn und seine Mandantin ungünstige Richtung entwickelten. Aber ihm fehlten im Moment einfach die durchschlagenden Argumente. »Selbst wenn es innerhalb des Trennungsjahres zwischendurch zu Intimitäten gekommen sein sollte, wäre das unschädlich«, erklärte er dennoch mit selbstgewisser Strebermiene. »Schließlich ist durch höchstrichterliche Rechtsprechung anerkannt, dass ein Versöhnungsversuch das Trennungsjahr nicht unterbricht.«

Obwohl der Amthor genau wie der Fickel dem Terminhurengewerbe nachging und ausschließlich damit seinen Lebensunterhalt bestritt, las er doch zuweilen Fachlektüre und kannte sich in gewissen populären Rechtsgebieten ganz ordentlich aus. Das nützte ihm im aktuellen Fall jedoch leider überhaupt nichts. Denn Richter Leonhard hatte seine Entscheidung längst getroffen und schlug mit seinem Hämmerchen kurz auf den Tisch. Nachdem alle sich erhoben hatten, verkündete er seine für alle Anwesenden überraschende Entscheidung: »Im Namen des Volkes! Der Antrag wird zurückgewiesen.«

Im Anschluss erklärte er in amtlichem Tonfall, dass er die Ehe Kornhaß bei der gegenwärtigen Sach- und Beweislage trotz offenkundiger Differenzen leider nicht als endgültig gescheitert betrachten könne. Dazu gehörten, wie er aus eigener Anschauung durchaus hätte beitragen können, was er aber aus privaten Gründen wohlweislich unterließ, noch ganz andere Zerrüttungsszenarien. Er schloss mit dem versöhnlich klingenden Vorschlag: »Versuchen Sie’s doch einfach noch mal miteinander! So eine Ehe wirft man doch nicht einfach weg, net wahr?« Und dann musste er selbst über seine Bemerkung herzlich lachen.

Manfred Kornhaß konnte es nach der Verhandlung überhaupt nicht fassen: »Heißt das etwa, wir sind jetzt gar nicht geschieden?« Der Fickel setzte ihm in aller Eile auseinander, weshalb es für ihn zumindest aus wirtschaftlicher Sicht günstiger war, die Scheidung noch ein wenig hinauszuzögern. So hatte er immerhin Zeit gewonnen, in aller Ruhe seine Angelegenheiten zu ordnen und vielleicht sogar einen Interessenten für das bislang unverkäuflich scheinende Haus zu finden. Manfred Kornhaß strahlte plötzlich über das ganze Gesicht: »Und vielleicht überlegt es sich die Mandy ja auch noch mal anders.« Der Fickel konnte da nur den Kopf schütteln. Des Menschen Einfalt ist sein Himmelreich.

Amthors Mandantin fand die Angelegenheit allerdings weniger witzig. Mit zornesrotem Kopf kam sie nach der Verhandlung auf ihren verhinderten Exmann zu. »Was sollte die Kacke eben?«, legte sie gleich auf wenig damenhafte Weise los, und ehe der Kornhaß oder der Fickel etwas sagen konnten, schlug sie ihrem noch amtierenden Ehemann mit der Faust frontal gegen den Schädel. Auch als Bobsportlaie kann man sich vorstellen, dass dem Kornhaß bei den hierbei wirkenden Kräften nicht eben viele andere Optionen übrig blieben, als augenblicklich k.o. zu gehen. Nur mit Müh und Not konnte der Fickel sich dazwischenwerfen und verhindern, dass Mandy Kornhaß ihren am Boden liegenden Mann weiter misshandelte. Sie schüttelte den Fickel ab wie eine lästige Fliege und ging mit großen Schritten in ihren roten Pumps davon.

Der Fickel beugte sich zu seinem am Boden liegenden, etwas benommen wirkenden Sportkameraden hinunter und reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. Doch in dem Moment, als er die zwei Zentner Lebendgewicht von Manfred Kornhaß ruckartig nach oben ziehen wollte, mochte es ihm plötzlich scheinen, dass ihm jemand ein Messer in den Rücken stieß.

Statt eines Schreis kam nur ein kurzes Röcheln über Fickels Lippen, dann sank er direkt neben seinem alten Sportkameraden auf den frisch gebohnerten Linoleumboden des Amtsgerichts nieder.

»Was ist denn hier los?« Richter Leonhard blickte verwundert auf die sich vor seinen Füßen auf dem Boden wälzende ehemalige Besatzung des Bobs Oberhof II. Der Fickel hörte noch, wie die herbeigerufene Therese hysterisch rief: »Oh Gott, ich glaube, das ist ein Herzinfarkt!« Dann schloss er die Augen.

Die Oberstaatsanwältin registrierte das Blaulicht vor dem Fenster, das von dem auf dem Hof des Justizzentrums parkenden Rettungswagen herrührte, ohne dem eine Bedeutung beizumessen. Auf jemanden wie die Gundelwein, die sich gewissermaßen ständig in Alarmstimmung befand, wirkte das flackernde Licht geradezu wie ein Lebenselixier – es passte perfekt als optische Untermalung ihres momentanen Gemütszustands. Das Freibad hatte wegen leerer öffentlicher Kassen und eines Sanierungsstaus bereits zum Ende der Sommerferien geschlossen, und das Hallenbad mit seinen Fünfundzwanzig-Meter-Bahnen hatte für eine berufstätige Frau leider völlig unpassende Öffnungszeiten – die Vormittagsstunden waren für Schulkinder oder fürs Babyschwimmen reserviert, am Abend terrorisierten die Senioren mit ihrer Aqua-Gymnastik die Sportler. Ohne ihr regelmäßiges Schwimmtraining befand sich die Gundelwein einfach nicht im emotionalen Gleichgewicht.

Ihr gegenüber saß Kriminalrat Recknagel, wie immer leicht angespannt, wenn er mit der Oberstaatsanwältin über eine aktuelle Ermittlungsakte sprach. Noch gesteigert wurde dieses Gefühl der Anspannung dadurch, dass sich genau dies nicht ereignete: ein Gespräch. Statt sich wie sonst über Details in den Polizeiberichten auszulassen und vermeintliche oder tatsächliche Fehler anzuprangern, um schließlich in einer unausweichlichen Dramaturgie die Fähigkeiten des Kriminalrats und seiner Mitarbeiter infrage zu stellen, blätterte die Oberstaatsanwältin anscheinend desinteressiert in der Akte herum. Dabei handelte es sich immerhin um die kriminalistischen Erkenntnisse zum vermutlichen Selbstmord des jungen Thüringer Bobpiloten Daniel Krech, der von einem beispiellosen Mediengewitter begleitet worden war.

Wie immer, wenn es um den ungeklärten Tod eines Kollegen ging, war man bei der Polizei besonders akribisch vorgegangen, hatte alle Hintergründe bis ins Privateste durchleuchtet. Kriminalrat Recknagel hatte sich nichts vorzuwerfen, aber bedingt durch das Schweigen der Gundelwein beschlich ihn trotzdem das unangenehme Gefühl, er sitze wieder auf der Schulbank und die Lehrerin lese justament seine ungenügenden Hausaufgaben.

»Sie sind also überzeugt, dass sich der junge Mann selbst das Leben genommen hat?«, begann die Gundelwein schließlich nach circa fünfminütigem Schweigen.

»Das ist das Ergebnis unserer Ermittlungen«, bestätigte der Recknagel.

»Ich habe aber nicht nach dem Ergebnis der Ermittlungen gefragt«, erwiderte die Oberstaatsanwältin. »Das kann ich hier ja schwarz auf weiß lesen. Ich wollte wissen, ob Sie persönlich davon überzeugt sind.«

Der Kriminalrat schwieg verdutzt. Nicht ganz ohne Grund vermutete er eine neue perfide Strategie hinter den Fragen seiner Chefin, die streng genommen gar nicht seine Chefin war, sondern eher seine Herrin, wie sie immer wieder betonte. Die Staatsanwaltschaft – Herrin des Ermittlungsverfahrens von Gesetzgebers Gnaden. Und die Polizei ihr Knecht.

»Wenn ich von dem Ergebnis nicht überzeugt wäre, hätte ich die Ermittlungen nicht mit diesem Ergebnis abgeschlossen«, erwiderte der Kriminalrat, zumindest äußerlich die Ruhe selbst.

»Aber wie ich sehe, gibt es noch eine ungeklärte DNA-Spur«, insistierte die Oberstaatsanwältin.

»Wir haben am Tatort siebenundzwanzig DNA-Spuren gesichert«, erklärte der Kriminalrat besonnen. »Sechsundzwanzig davon konnten wir den Polizeischülern oder dem dort tätigen Personal zuordnen. Eine einzige ist ungeklärt.«