Herrentag - Hans-Henner Hess - E-Book

Herrentag E-Book

Hans-Henner Hess

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Beschreibung

"Selten so über die Justiz gelacht." Kester Schlenz, STERN Der Fickel steht als Rechtsanwalt am Meininger Gericht auf der Karriereleiter ganz unten. Er ist Terminvertreter (im Fachjargon »Terminhure«) und springt in Verhandlungen ein, wenn der ›richtige‹ Anwalt verhindert ist. Dass so einer Verteidiger in einem Mordverfahren wird, kann nur in einem Nest wie Meiningen passieren: Sylvia Kminikowski, designierte Amtsgerichtsdirektorin, wird ermordet im Englischen Garten aufgefunden. DNA-Spuren führen zu René Schmidtkonz, dem Enkel von Fickels Vermieterin. Also gibt der Fickel sich einen Ruck und vergräbt sich in den Fall. Obwohl er sich im Strafrecht nicht besonders gut auskennt, stößt er schon bald auf Ungereimtheiten, die seinen Mandanten entlasten könnten. Ein massives Problem jedoch bleibt: die Oberstaatsanwältin Gundelwein, die im Allgemeinen auf Männer nicht gut zu sprechen ist und im Besonderen auf den Fickel. Sie ist Fickels Exfrau und sähe nichts in der Welt lieber, als dass er sich in seinem ersten großen Fall bis auf die Knochen blamiert … *Fickel: Ableitung der Koseform »Fick« zum Rufnamen Friedrich (1387 Fyckel, 1388 Viggel, 1508 Fickel). Außerdem bedeutet Fickel umgangssprachlich so viel wie Ferkel: Wenn jemand beim Essen gern kleckert, ist er eben ein Fickel. Anwalt-Fickel-Reihe: Band 1: Herrentag Band 2: Der Bobmörder Band 3: Das Schlossgespinst Band 4: Grillwetter

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Seitenzahl: 460

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Der Fickel steht als Rechtsanwalt auf der Karriereleiter ganz unten. Er ist Terminvertreter und springt in Verhandlungen ein, wenn der ›richtige‹ Anwalt verhindert ist. Dass so einer Verteidiger in einem Mordverfahren wird, kann nur in einem Nest wie Meiningen passieren: Sylvia Kminikowski, designierte Amtsgerichtsdirektorin, wird ermordet im Englischen Garten aufgefunden. DNA-Spuren führen zu René Schmidtkonz, dem Enkel von Fickels Vermieterin. Also gibt der Fickel sich einen Ruck und vergräbt sich in den Fall. Obwohl er sich im Strafrecht nicht besonders gut auskennt, stößt er schon bald auf Ungereimtheiten, die seinen Mandanten entlasten könnten. Ein massives Problem jedoch bleibt: die Oberstaatsanwältin Gundelwein, die auf Männer im Allgemeinen nicht gut zu sprechen ist, und im Besonderen auf den Fickel. Sie ist Fickels Exfrau und sähe nichts in der Welt lieber, als dass er sich in seinem ersten großen Fall bis auf die Knochen blamiert …

Anwalt Fickel ermittelt:

Band 1: Herrentag

Band 2: Der Bobmörder

Band 3: Das Schlossgespinst

Band 4: Grillwetter

©Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

Hans-Henner Hess verbrachte seine Jugend im Schatten der Berliner Mauer mit Tagträumen, Nachtwandeln sowie dem Züchten von winterharten Zierkakteen. Als nach Einführung des Westgelds wichtige Absatzmärkte wegbrachen, sah er sich gezwungen, einen ehrlichen Beruf zu erlernen, und entschied sich irrtümlich für die Juristerei. Beim Verfassen seitenlanger Schriftsätze gewann er Gefallen am Fabulieren und schulte kurzerhand um auf TV-Autor. Seine Erfahrungen im Justizalltag sowie eine angeborene Affinität zu Thüringer Klößen verarbeitet er in der bei DuMont erscheinenden Krimireihe um den relaxten Meininger Anwalt Fickel.

Hans-Henner Hess

HERRENTAG

Anwalt Fickels erster Fall

Originalausgabe

eBook 2013

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

© 2013 DuMont Buchverlag, Köln

Umschlag: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: © plainpicture/neuebildanstalt/Kosa

Titelverwendung mit freundlicher Genehmigung

des Verlags Monsenstein und Vannerdat, bei dem

›Herrentag‹ von Mathias Christiansen erschienen ist.

eBook-Konvertierung: CPI – books GmbH, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8749-1

www.dumont-buchverlag.de

Im Gedenken an

Rosel Muth (1914–2003)

Fickel:

1.Familienname, Ableitung der Koseform »Fick« zum Rufnamen Friedrich:

1387 Fyckel, 1388 Viggel, 1508 Fickel

(z.Zt. 394Telefonbucheinträge in Deutschland)

2.

I

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Fickel als Anwalt noch mal groß rauskommt. Im Grunde niemand, am allerwenigsten er selbst. Doch aus gewöhnlich gut informierter Quelle ist durchgesickert, dass morgen ein viel gelesenes Boulevardblatt mit einem riesigen Foto seines Charakterschädels aufmachen will. Und da wird es natürlich einige geben, die sich grün und blau ärgern, weil sie einem Winkeladvokaten wie dem Fickel solch einen Erfolg nicht gönnen. Die Oberstaatsanwältin Gundelwein zum Beispiel.

Dabei hätte der Fickel um ein Haar einen anständigen Beruf gelernt, Pharmazeut oder Optiker etwa, aber keineswegs Jurist. Schließlich gab es vor der Wende gerade mal ein Dutzend akkreditierter Anwälte in der näheren Umgebung, wenn überhaupt. Und das, obwohl Meiningen historisch gesehen nicht nur ein wichtiger Umsteigebahnhof auf der zwischen Schweinfurt und Erfurt verkehrenden Main-Rhön-Bahn war, sondern stets auch ein bedeutender Banken- und Justizstandort, zumindest für Südwestthüringer Verhältnisse. Aber aus gewissen, nicht näher zu beleuchtenden Gründen hat man sich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegenseitig noch nicht so häufig vor den Kadi gezerrt wie heutzutage, sodass selbst die wenigen einheimischen Rechtsanwälte seinerzeit nie ganz ausgelastet waren und meistens schon am Vormittag die Cafés und Kneipen in der Georgstraße bevölkerten. Dies wiederum mag dazu beigetragen haben, ihren Beruf für den jungen, orientierungslosen Fickel nicht direkt unattraktiv erscheinen zu lassen.

Rückblickend betrachtet, herrschten damals wahrhaft paradiesische Verhältnisse für Juristen. Jedenfalls wenn man bedenkt, wie die Konkurrenz in der Branche inzwischen zugenommen hat, selbst in einem eher überschaubaren Gerichtsbezirk wie Meiningen. Inzwischen sind die Anwälte ja fast mehr mit Akquirieren und Fortbildung beschäftigt als mit ihren Akten! Burn-out vorprogrammiert.

Andererseits macht diesen Zirkus auch nicht jeder mit. Erst neulich hat der Fickel mal bei einer Skatrunde mit den Kollegen von der Wachtmeisterei nach dem sechsten oder siebten Pils nicht ohne einen gewissen Stolz erklärt, dass er nicht einen einzigen Paragrafen von BGB oder StGB auswendig kann. Justizwachtmeister Rainer Kummer wollte das zuerst gar nicht glauben, weil es nicht in sein Weltbild passte, aber irgendwo konnte er schlecht das Gegenteil beweisen.

Natürlich bleibt solch ein Verhalten auch nicht ohne Folgen, denn der Fickel steht auf der Karriereleiter des Amtsgerichts ganz unten; in der Fresskette der Juristen bildet er gewissermaßen das Plankton. Schließlich ist er Vertreter eines Berufszweiges, den man in der Fachsprache etwas herablassend als »Terminhure« bezeichnet. Wobei sich hinter dem Begriff eine keineswegs unseriöse Spielart der Anwaltstätigkeit verbirgt, nämlich die des Springers, der sich stets bereithält, falls der eigentliche Rechtsbeistand einer Partei beim Prozess aus irgendeinem Grunde verhindert sein sollte.

Um sein Terminhurengeschäft zu betreiben, muss der Fickel praktischerweise nicht einmal ein eigenes Büro unterhalten, geschweige denn eine Sekretärin, er hockt sowieso den lieben langen Tag in einem von der Justizkasse gesponserten, auf angenehme zweiundzwanzig Grad geheizten Anwaltszimmer im ersten Stock des Gerichts, trinkt Kaffee, liest Zeitung und wartet darauf, dass ein Kollege eine Autopanne hat oder plötzlich Halsschmerzen bekommt und ihn als Vertreter in eine Verhandlung schickt.

Selbstredend hat der Fickel von dem Fall, der dann vorn am Richtertisch verhandelt wird, nicht die geringste Ahnung. Ihm ist es egal, für wen er einspringt und um was es dabei geht. Seine einzige Aufgabe ist es, den Klage- oder Abweisungsantrag zu stellen und nach Möglichkeit während der Verhandlung nicht einzuschlafen, obwohl das auch schon vorgekommen sein soll. Zumeist haben die Anwälte in ihren Schriftsätzen sowieso schon im Vorfeld ihr ganzes juristisches Pulver verschossen, den Rest besorgt der Richter dann nach Aktenlage. Im Grunde könnte den Job jeder machen, sogar der Rainer Kummer. Leider fehlt ihm dazu die Anwaltszulassung.

Das Komfortable an dem Beruf ist, dass der Fickel als Terminvertreter seine Gebühr stets vom Mandanten bekommt, egal wie die Sache ausgeht. Ein bisschen mehr als eine echte Hure vielleicht, aber reich wird man damit nicht. Dabei kann der Fickel wirklich jeden Euro gebrauchen, vor allem seit seiner Scheidung von der Oberstaatsanwältin Fickel-Gundelwein, die seit dem vorzeitigen Ende ihrer Ehe aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen wieder allein ihren Mädchennamen führt. Doch auch wenn der Fickel vielleicht ein armer Schlucker ist, für ein kleines Dachgeschosszimmer zur Untermiete in der Altstadt mit gelegentlicher Verköstigung langen seine Einkünfte allemal. Viel braucht so ein Anwalt ja nicht zum Leben, und der einzige Luxus, den er sich gönnt, ist die heruntergekommene Datsche mit dem ökologisch korrekt verwilderten Garten an der Werra, wo er viel Lebenszeit auf der Hollywoodschaukel verprasst und Kakteen züchtet.

Nur in Ausnahmefällen ist es bislang vorgekommen, dass der Fickel mal in einem Strafverfahren einspringen musste. Zumeist ging es dabei um Bagatelldelikte wie Fahrraddiebstahl, Nötigung im Straßenverkehr oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Den Höhepunkt seiner Karriere bildete zweifellos das Strafverfahren gegen den Vorsitzenden des Skatvereins »Pik Sieben« wegen angeblicher Veruntreuung der Mitgliedsbeiträge. Dank einer brillanten Beweisführung konnte der Fickel seinerzeit jedoch darlegen, dass die Gelder nicht zweckentfremdet, sondern in diversen Lokalrunden völlig im Einklang mit der Vereinssatzung verwendet worden waren.

Die absolut unglaubliche und für einige Beteiligte sogar verhängnisvolle Kausalkette, die Fickels Anwaltslaufbahn einen unverhofften Schwung verleihen sollte, nahm ihren Anfang an einem der ersten wirklich warmen Frühlingstage im Mai. Die Wiesen auf der Rhön dampften, und die Werra brachte nur noch wenig, dafür aber klares Wasser aus den Höhen des Thüringer Waldes mit. Der Fickel hatte den Tag genutzt, um den Garten auf Vordermann zu bringen und die Scharniere der Hollywoodschaukel zu ölen. Am liebsten hätte er in der Datsche übernachtet, doch just an diesem Abend fand im Sächsischen Hof, dem feinsten Haus am Platz, ein Festbankett für die scheidende Amtsgerichtsdirektorin Driesel statt, die nach zwanzig Jahren unermüdlichen Einsatzes für die Gerechtigkeit ihre wohlverdiente Pension antreten sollte. Zu dem Bankett waren alle wichtigen Vertreter der Meininger Justiz geladen, zu denen sich auch einige erfolgreiche Anwälte gesellten – sowie eben auch der Fickel.

Die Amtsgerichtsdirektorin Driesel verkörperte seit über zwei Jahrzehnten so etwas wie die gute Seele des Amtsgerichts. Obwohl sie nach der Wende eigentlich nur vom Rechtsstaat übernommen worden war, weil sie es während ihres Studiums als eine der wenigen aus irgendeinem Grund verpasst hatte, den Aufnahmeantrag für die SED auszufüllen. Und als 1990 die Gerichte abgewickelt wurden, war sie als Einzige im Richterkollegium nicht »vorbelastet« und wurde vom Justizministerium ohne weitere Prüfung übernommen, Eignung und Kompetenz mal außen vor.

Längst pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass die Driesel ihre Stellung als Direktorin nur bekommen hatte, damit sie mehr mit Administration beschäftigt war und in der Praxis nicht so viele Fehlurteile produzieren konnte. Denn als gelernte Diplomjuristin[1] kannte sie sich mit dem ganzen Kladderadatsch wie BGB und ZPO anfänglich naturgemäß noch nicht so gut aus. Und es gibt sogar Kollegen, die behaupten, daran habe sich in all den Jahren nicht viel geändert.

Irgendwie hatte es die Driesel gedeichselt, dass ihr gleich nach der Ernennung zur Direktorin im Geschäftsverteilungsplan neben einem kleinen, fast zu vernachlässigenden Posten Zivilrecht das Betreuungsrechtsdezernat zugeschanzt wurde, in dem es, wie Eingeweihte bestätigen, fachlich und aufwandsmäßig eher übersichtlich zugeht.

Alles in allem hatte die Driesel es für eine Diplomjuristin nicht schlecht getroffen. Daher strahlte sie auch stets eine innere Zufriedenheit und Gelassenheit aus, von der viele ihrer Kolleginnen nur träumen konnten. Allein das Privatleben war bei der Direktorin in all den Jahren etwas zu kurz gekommen, vor allem mit dem anderen Geschlecht hatte es nie so recht geklappt. Die Männer ihrer Generation kamen wohl mit ihrer starken Persönlichkeit nicht so gut zurecht.

Der Fickel hatte sich selbst am meisten darüber gewundert, als die Einladung vom Direktorat des Amtsgerichts in seinen Briefkasten flatterte, aber da sich »Bankett« irgendwie nach einem warmen Essen anhörte, dachte er sich, dass er bei der Veranstaltung ruhig vorbeischauen könnte. Zumal er inzwischen überhaupt nicht mehr wusste, wie man im Sächsischen Hof heutzutage so kochte. Denn dort verirrte sich seit Jahren kein vernünftiger Mensch mehr hin, bei den horrenden Preisen, die sie in dem Laden verlangten! Früher hatte sich in dem Gebäude ein Intershop[2] befunden, aus dem es immer so exotisch gerochen hatte, dass dem Fickel beim Vorbeigehen jedes Mal das Wasser im Maul zusammengelaufen war. Aber mehr als Vorbeigehen war schon damals nicht – und daran hatte sich nicht viel geändert. Das Problem war nach wie vor: zu wenig Westgeld in der Tasche.

Dass die Driesel den Fickel zum Festbankett eingeladen hatte, war mit ihrem besonderen persönlichen Verhältnis zu erklären, denn beide hatten einst in Jena an derselben juristischen Fakultät studiert, auch wenn beinahe zwanzig Jahre dazwischen lagen. Außerdem gehören die Driesel und der Fickel einer aussterbenden Gattung der Meininger Juristen an, die noch ein gepflegtes »Meeninger Platt« beherrschen, eine Art Geheimsprache, die jenseits der Stadtgrenzen niemand versteht oder verstehen will.

Dieser stadteigene Dialekt hat mit dem Hennebergischen, das in der Peripherie – beispielsweise in Schmalkalden oder Suhl – gesprochen wird, wenig zu tun. Über die mehr als zehn Jahrhunderte, die Meiningen mittlerweile auf dem Buckel hat, haben sich jedoch ein größerer fränkischer und ein kleinerer hessischer Einschlag eingeschlichen, wobei das »Zungen-R« für die meisten Ortsunkundigen noch die kleinste Hürde darstellt. Man erkennt den eingeborenen Meininger leicht an einer gewissen Maulbräsigkeit und an der Scheu vor Vokalen, die er zumeist durch den übermäßigen Gebrauch der Buchstaben Ä und Ö überspielt, während er sich lieber einmal zu viel als zu wenig mit einem »Gell?« beim Gesprächspartner rückversichert. So eine Sprachidentität schweißt heimatverbundene Menschen wie die Driesel und den Fickel zusammen, ganz abgesehen von der ohnehin gegebenen Grundsympathie, die Menschen mit einem eher stämmigen Körperbau füreinander empfinden, weil man gewisse Leidenschaften zu teilen scheint.

Zu dem Bankett kam der Fickel natürlich mal wieder zu spät, weil er leichtsinnigerweise davon ausgegangen war, dass er noch in seinen guten alten Hochzeitsanzug passen würde, aber das war dann doch etwas zu optimistisch gedacht. Der Fickel hatte sich neuerdings diesen kleinen Bauchansatz angefressen, der im Grunde nur im Profil auffiel, an diesem Abend aber leider dazu führte, dass er den untersten Knopf des Sakkos nicht mehr richtig zubekam und die Frau Schmidtkonz, seine Vermieterin, noch mal kurz mit ihrer Nähmaschine ranmusste.

Als der Fickel schließlich kurz nach neun im Sächsischen Hof ankam, waren schon fast alle Plätze belegt. Aber er zog es ohnehin vor, am Rand zu sitzen, bei all diesen wichtigen Menschen im Raum. Die Veranstaltung begann ein bisschen verspätet, weil die Hauptperson des Abends, die scheidende Amtsgerichtsdirektorin Driesel, auf die Schnelle kein Taxi bekommen hatte. Wie nur einige ihrer engsten Vertrauten wussten, hatte die Driesel nämlich nie eine Fahrprüfung abgelegt – ob aus Unlust oder Unvermögen, blieb ihr Geheimnis.

Als die Driesel endlich im für sie untypischen Kleid etwas abgehetzt im Saal erschien, klopfte der ehrwürdige, allseits wegen seiner Kompetenz geachtete Richter Leonhard mit einem Messer gegen das Weinglas und ergriff das Wort. Ohne spürbare Heuchelei würdigte er mit warmen, aber auch nicht zu warmen Worten die besondere Lebensleistung der Driesel, die ja noch in der DDR quasi Un-Recht studiert und dann später auf Rechtsstaat umgelernt habe. Manch einer sah darin eine Spitze, weil der Leonhard sich selbst schon immer für den geeigneteren Direktor gehalten hatte.

Im Amtsgericht herrschte traditionell ein Ringen um die Vorherrschaft zwischen den Strafrechtlern auf der einen und den Zivilrechtlern auf der anderen Seite. In Meiningen waren die »Zivis« in der Überzahl und gaben nicht nur bei den Personalentscheidungen den Ton an, was die berufsbedingt ohnehin pessimistische Stimmung bei den Strafrechtlern noch weiter verschlechterte. Das konnte der Leonhard natürlich nicht wissen, als er im Jahr 1990 aus einem inneren, gewissermaßen vaterländischen Pflichtgefühl heraus und womöglich auch, weil es in seiner bayrischen Heimat für eine Richterkarriere nicht gelangt hätte, ins tiefste Thüringen gekommen war, um in den neuen Bundesländern eine funktionierende Justiz aufzubauen. Nicht nur, dass seine Ehe über der ewigen Pendelei gescheitert war, zu allem Überfluss war ihm auch noch dieses ostdeutsche Faktotum, die Driesel, vor die Nase gesetzt worden. Aber das war jetzt Schnee von gestern, und der Leonhard, der mittlerweile auch schon knapp vor der Pensionierung stand, verfügte über die menschliche Größe und den Anstand, seine ewige Konkurrentin zum Abschied mit professionellem Respekt und ein paar heiteren Anekdoten angemessen zu würdigen.

Man konnte der scheidenden Amtsgerichtsdirektorin direkt ansehen, wie anders ihr von all den Lobeshymnen geworden war. So angefasst wie während der Rede vom Leonhard für die »außergewöhnliche Kollegin und liebe Freundin« hatte man sie jedenfalls in der Öffentlichkeit noch nie erlebt. Und alle, die sie bis dato nur als Amtsgerichtsdirektorin und harten Knochen gekannt hatten, die söhnten sich spätestens in diesem Moment mit dem alten Schlachtross vollständig aus – außer dem Proberichter Hager, der sich seit Jahren vergeblich Hoffnungen auf eine Planstelle am Amtsgericht machte, weil er die für seinen Familienfrieden dringend benötigte. Immer wieder hatte seine Mentorin, die Amtsgerichtsdirektorin Driesel, Hoffnungen in ihm geschürt, doch jetzt trat sie unverrichteter Dinge ab, und ihr Schützling blickte dumm aus der Wäsche. Der Hager war offenbar derart enttäuscht von der Entwicklung im Allgemeinen und seiner Mentorin im Besonderen, dass er anscheinend gleich nach Dienstschluss, ohne jemandem Bescheid zu sagen, ins Wochenende heim nach Bad Kissingen gedüst war.

Tja, und dann hätte eigentlich der Landrat reden sollen, aber der ließ sich noch etwas Zeit, die Festgäste mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Das war für die meisten ziemlich ärgerlich, weil sie sowieso nur ans Fressen dachten, genau wie der Fickel. Immerhin roch es im Saal schon so gewaltig nach den angekündigten Wildschweinmedaillons und dem Hirschragout, dass einigen der Sabber aus den Mundwinkeln troff. Aber zum Glück erschien der Landrat dann keine fünf Minuten nach der Rede vom Leonhard endlich auf der Bildfläche, und da reckten natürlich vor allem die Frauen ihre Hälse, weil der Kminikowski nämlich so ein Typ ist, der beim anderen Geschlecht wahnsinnig gut ankommt – blendend aussehend, Typ jugendlicher Endvierziger mit grauen Schläfen und Zahnpastalächeln, dazu immer perfekt gekleidet und was das Wichtigste ist: immer lässig und charmant. Es soll sogar Landkreise draußen in der Rhön gegeben haben, die sich Schmalkalden-Meiningen anschließen wollten, nur um auch solch einen charismatischen Lokalpolitiker an der Spitze zu haben. Auch wenn das vielleicht ein bisschen übertrieben klingt, verbreitete Peter Kminikowski gemeinsam mit seiner knapp vierzigjährigen, für Meiningens Verhältnisse also jungen und irgendwo noch recht aparten Frau immerhin einen Hauch von Glamour, wie er einer überregional bedeutenden Theaterstadt gut zu Gesicht stand. Spötter nannten das Paar bereits die »Clintons von Meiningen«, was andererseits gar nicht so weit hergeholt war. Zumal Sylvia Kminikowski als Richterin selbst eine respektable Karriere hingelegt hatte und sich nun anschickte, die Nachfolge der Driesel an der Spitze des Amtsgerichts zu übernehmen.

Der Landrat widerstand der Versuchung, seinen Job als Festredner für seine Wahlkampfzwecke zu missbrauchen und die Leute mit weitschweifigen Ausführungen über seine Politik zu langweilen, vielmehr würdigte er mit ein paar knappen, aber wohlgesetzten Worten »den unermüdlichen Einsatz der Richterin Driesel für den Justizstandort Meiningen« und überreichte ihr anschließend einen riesigen Blumenstrauß. Und was ein echter Charmebolzen und Vollblutpolitiker ist, der ist sich auch nicht zu schade dafür, eine reife und füllige Person wie die Driesel in aller Öffentlichkeit auf ihre mit violetten Äderchen gesprenkelten Wangen zu küssen und so ausgiebig zu knuddeln, dass die Driesel vor Aufregung ganz rot im Gesicht wurde und ein bisschen überfordert wirkte. Schließlich geschah es einer alleinstehenden Powerfrau nicht alle Tage, dass sie von einem zwanzig Jahre jüngeren Mann so nachdrücklich geherzt wurde.

Laut Tagesordnung hätte jetzt eigentlich noch die designierte Amtsgerichtsdirektorin ein paar Worte an die Driesel richten sollen. Aber die Neue hatte offenbar Wichtigeres zu tun, als mit einer Laudatio die Arbeit ihrer Amtsvorgängerin zu würdigen. Wie der Landrat nun das Wort an seine Frau übergeben wollte und diese nicht einmal im Saal anwesend war, setzte natürlich ein peinliches und unbehagliches Schweigen ein. Aber in so einer Situation stellt sich heraus, wer ein echter Profi ist. Der Landrat zeigte selbst angesichts der vielen auf ihn gerichteten, überwiegend brillenbewehrten Augen keine Spur von Verlegenheit und brummte mit sonorer, cool wie ein Pfefferminzdrops klingender Stimme ins Mikro: »Typisch meine Frau. Wenn man sie braucht, ist sie nicht da.« Da hörte man schon etliche Lacher im Publikum, und dann gab der Landrat der guten Laune weiter Auftrieb und eröffnete kurzerhand das Buffet.

Den Fickel erwischte er damit buchstäblich auf dem falschen Fuß, weil der mit so einem schnellen Ende der Zeremonie überhaupt nicht gerechnet und es sich daher gerade ein bisschen bequem gemacht hatte. Bis er in seine engen Lackschuhe wieder reingeschlüpft war, hatten sich natürlich beim Hirschragout und bei den Wildschweinmedaillons lange Schlangen gebildet wie früher beim Gemüsehändler, wenn es mal Spargel oder Erdbeeren gegeben hatte.

Der Fickel hatte rein gar nichts gegen Spargel, insbesondere mit einem luftgetrockneten Barchfelder Schinken dazu, aber noch mehr interessierte er sich für Wildschweinmedaillons und Hirschragout. Deshalb zögerte er auch keine Sekunde, sich bei der aussichtsreichsten Schlange hinten anzustellen und sich auf eine lange, öde und womöglich auch noch erfolglose Warterei einzulassen. Denn die Terrinen mit dem Wild sahen nicht gerade groß aus.

Die Lage verbesserte sich jedoch gravierend, als plötzlich jemand – keiner konnte hinterher sagen, wer eigentlich genau – in den Saal stürmte und mit von Entsetzen entstellter, sich überschlagender Stimme rief: »Die Richterin Kminikowski … Im Englischen Garten … Tot!!!«

Einen Moment lang sahen alle einander an, als müssten sie sich erst in den Augen der Nachbarn vergewissern, dass diese Worte tatsächlich gefallen waren, aber dann setzte ein Murmeln ein, das immer aufgeregter wurde, je mehr Leute registrierten, dass die anderen die Schreckensnachricht auch gehört hatten. Die Frauen hielten sich die Hände vor ihre rot angemalten Münder, und die Männer diskutierten, ob es sich vielleicht um einen Irrtum oder einen schlechten Scherz handeln konnte.

Als Erster fasste sich der Landrat. Er schlüpfte in sein Sakko und ging zügigen, aber gemessenen Schrittes aus dem Saal. Trotz der ihn persönlich am meisten betreffenden Neuigkeit wirkte er immer noch staatsmännisch, wie ein echter Anführer, den so leicht nichts umwirft, selbst wenn’s der Tod der eigenen Frau ist. Nach und nach begaben sich immer mehr Gäste des Banketts nach draußen, wo man schon die Sirenen hörte und beobachten konnte, wie gegenüber vom Sächsischen Hof der Englische Garten von Beamten mit rot-weißem Plastikband abgesperrt wurde.

So kam es, dass der Fickel plötzlich ganz allein vor den Wildschweinmedaillons stand. Die Neugierde zog eigentlich auch ihn nach draußen, zur Herde der Schaulustigen, doch sein Appetit fesselte ihn ans Buffet. Und weil so eine Gelegenheit bestimmt so schnell nicht wiederkehrte, entschied sich der Fickel für einen Kompromiss. Er wickelte ein schönes Dutzend der Medaillons in eine Serviette und steckte sie in die Tasche seines Hochzeitsanzugs, den er sowieso nie wieder anzuziehen gedachte. Eins von den Teilen behielt er allerdings gleich in der Hand und biss herzhaft hinein. Wobei er seine Zähne fast gar nicht gebraucht hätte, so zart war das Fleisch.

Als sich der Fickel wieder vom Buffet abwandte, erschrak er allerdings tüchtig, denn entgegen seiner Vermutung war er doch nicht ganz allein im Saal zurückgeblieben. Gleich vorn bei den Ehrenplätzen saß nämlich die scheidende Amtsgerichtsdirektorin Driesel an einem Tisch und schaufelte seelenruhig Hirschragout in sich hinein.

»Der Kollege Fickel«, begrüßte sie ihn mit vollem Mund und einem Augenzwinkern. »Immer einen gesunden Appetit, gell?«

Man musste sie schon so lange kennen wie der Fickel, um zu wissen, dass diese Bemerkung keineswegs ironisch oder gar kritisch, sondern durchaus anerkennend gemeint war.

Die Driesel schüttelte bekümmert den Kopf. »Ausgerechnet wenn ich mein Bankett habe, passiert so eine Schweinerei!« Um nicht herzlos zu erscheinen, fügte sie hinzu: »Die arme Kminikowski! So eine kluge Frau!«

»Vielleicht lebt sie ja noch«, schlug der Fickel vor. Doch die Driesel zeigte zum Fenster, in dem die Reflexe der Blaulichter tanzten.

»Da würde ich mich keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben«, erklärte sie nüchtern. »Sonst machen die doch nicht so einen Aufruhr.«

Da konnte der Fickel angesichts des Sirenenkonzertes, das selbst durch die modernen Schallschutzfenster deutlich zu hören war, nicht direkt widersprechen. Andererseits wunderte er sich auch etwas über die Gelassenheit, mit der die Direktorin über den wahrscheinlichen Tod ihrer designierten Nachfolgerin sprach.

»Ich hab den jungen Kolleginnen immer gesagt, sie sollen nicht so kurze Röcke anziehen, wenn sie abends durch den Park gehen«, erklärte die Driesel nun. »Früher, als die Russen noch in der Stadt waren, hat sich das keine getraut. Dabei ist damals nie was passiert in der Richtung.«

Hier zeigte sich wieder einmal der überlegene Verstand einer Juristin, der sie in die Lage versetzte, einen vorgegebenen Sachverhalt ohne störende Emotionen zu beurteilen und praktische, lebensnahe Konsequenzen zu ziehen. Während sie genussvoll auf einem Stück Hirsch herumkaute, wandte sie sich erneut an den Fickel.

»Was immer da passiert ist, wir können es doch sowieso nicht mehr ändern, gell? – Also, schlagen Sie zu!«

Und weil der Fickel eine angeborene Schwäche für Logik hat, musste er zugeben, dass die Driesel nicht direkt unrecht hatte. Entgegen seinem ursprünglichen Plan, mit den Medaillons unerkannt zu entkommen, nahm sich der Fickel also einen Teller und tat sich ordentlich von dem Hirschzeug auf.

»Vergessen Sie die Preiselbeeren nicht!«, mahnte die Driesel kauend und schenkte dem Fickel ein Glas Rotwein ein: »Von einem regionalen Winzer, aus der Gegend von Bad Sulza.«

Der Fickel kostete und stellte durchaus erstaunt fest, dass es der Tropfen tatsächlich mit jedem Württemberger aufnehmen konnte.

»Sie sind vielleicht kein besonders talentierter Jurist, Fickel, aber Sie haben Geschmack«, nickte die Driesel zustimmend und musterte ihn interessiert.

»Ich hab mir lange überlegt, was ich mit meiner Zeit anfange, wenn ich in Pension bin. Ich spiele mit dem Gedanken, oben in meinem Garten ein kleines Weingut anzulegen. Was halten Sie davon?«

Nicht, dass der Fickel direkt überrascht gewesen wäre, aber ein bisschen wunderte er sich schon.

»Hier bei uns? In Meiningen?«

»Sie wissen ja, früher, im Mittelalter, da haben hier die Berghänge voller Rebstöcke gestanden. Der Name Weingartental spricht ja wohl für sich.«

»Ist es bei uns nicht ein bisschen rau im Winter?«, wandte der Fickel ein. »Insbesondere seit der letzten Eiszeit …«

Die Driesel schüttelte missbilligend den Kopf.

»Die Rhön hat ein fantastisches Mikroklima. Denken Sie nur an die Streuobstplantagen«, schwärmte sie. »Und was an Saale und Unstrut gedeiht, das wächst garantiert auch an der Werra. Wir befinden uns schließlich ein ordentliches Stück weiter im Süden, gell?« Und dann erklärte sie dem staunenden Fickel, dass sie in den letzten Jahren schon einige Erfahrungen mit dem Anbau besonders klimaresistenter Weinreben in ihrem Garten gesammelt habe. Im Vertrauen fügte sie hinzu, sie befinde sich bereits im Besitz einiger kostbarer Flaschen »Meininger Spätlese«. Und was sich im Kleinen bewähre, das funktioniere auch im Großen.

Der Fickel hatte da keinen triftigen Einwand mehr und holte sich, anstatt weiter zu diskutieren, lieber noch etwas von dem Ragout. Wenn die Driesel ihren Ruhestand als Weinbaupionierin und Winzerin verbringen wollte, dann war er der Letzte, der ihr durch übertriebene Sachlichkeit den Wind aus den Segeln nehmen würde.

»Ich suche noch nach Partnern für mein Projekt», rückte die Driesel endlich mit der Sprache raus. »Wie sieht’s denn so mit Ihnen aus, Herr Kollege?«

Damit wurde der Fickel jetzt doch ein bisschen überfahren. Einerseits hatte er die Einladung zu dem Bankett angenommen und nun den Mund voll mit feinstem Hirschfleisch. Angefüttert oder nicht, er wollte auf gar keinen Fall in etwas hineingeraten, das er später bereuen würde. Andererseits fühlte er sich der Amtsgerichtsdirektorin irgendwo auch verpflichtet, zwischenmenschlich gesehen.

»Seit meiner Scheidung bin ich leider ein bisschen klamm«, erklärte er deshalb ausweichend, sich alle Optionen offenhaltend.

Die Driesel nickte verständnisvoll. »Ihre Exfrau möchte ich auch nicht als Feindin haben«, sagte sie mitfühlend. »Was Sie da nur geritten hat … die Hormone, gell?«

Dazu fiel dem Fickel nichts weiter ein, als noch einen tiefen Schluck von dem Saale-Unstrut-Wein in sich hineinzukippen. Die ausdrückliche Erwähnung seiner Exfrau war natürlich ein Schlag unter die Gürtellinie. Wenn der Fickel nur nicht diese angeborene Schwäche für Rothaarige hätte! Dann wäre ihm vieles in seinem Leben erspart geblieben. Denn man muss wissen: Nur zwei Prozent der deutschen Frauen verfügen über natürlich rote Haare, was die Auswahl von vornherein natürlich enorm einschränkt, zumal in einer Kleinstadt wie Meiningen. Wenn einem da die Haare so wichtig sind, dann macht man leicht woanders Kompromisse, zum Beispiel beim Charakter.

Der Fickel setzte das Glas ab und verzog leicht das Gesicht. Natürlich hatte er vorhin übertrieben. Der dünne Spätburgunder schmeckte eher wie dieser vergorene Rhabarbersüßmost, der früher im Konsum[3] in verklebten grünen Flaschen verkauft worden war beziehungsweise meistens vergeblich darauf gewartet hatte, verkauft zu werden. Aber der Fickel war auf dem Gebiet eh kein Experte und unterschied Wein im Grunde nur in Weißen und Roten sowie bei letzterem nochmals in Kadarka und »kein Kadarka«. Immerhin: Um die Gedanken an seine Ex zu verscheuchen, dafür langte der Fusel allemal.

Während der Fickel und die Driesel im Sächsischen Hof das Buffet plünderten und über dies und das räsonierten, versuchte Kriminalrat Recknagel, wenige Meter entfernt am Tatort, den Überblick über das Geschehen zu behalten, was angesichts der großen Zahl anwesender Juristen hinter den Absperrungen gar nicht so einfach war. Der Fundort der Leiche lag direkt hinter dem Brahms-Denkmal, das, wie jedes Kind in Meiningen weiß, schon zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten 1899 eingeweiht worden war und somit das älteste seiner Art in ganz Deutschland darstellt. Hier hatten sich die Meininger mal wieder als Vorreiter erwiesen, wie im übrigen auch bei dem Ruinenensemble unten am Rande des Ententeichs, das einst vom visionären Herzog Georg II zur Bekämpfung der damals schon grassierenden Arbeitslosigkeit in Auftrag gegeben worden war und jetzt die düstere Kulisse für das sich abzeichnende Familiendrama bildete.

Landrat Kminikowski stand mit rotem Kopf hinter der Absperrung und drohte gestikulierend, seinen Anwalt einzuschalten, um zu seiner Frau vorgelassen zu werden. Doch ein Beamter erklärte ihm ebenso stoisch wie zutreffend, dass es kein Gesetz gebe, das Angehörigen des Opfers freien Zutritt zum Tatort gewährt.

Der Recknagel freute sich insgeheim über die Moral seiner Leute, sich nicht gleich vom erstbesten hohen Tier einschüchtern zu lassen. Andererseits wollte es sich der Kriminalrat ein paar Jahre vor der Rente auch nicht aus Jux und Dollerei mit einem der mächtigsten Männer der Stadt verderben, und deshalb versprach er dem Kminikowski schließlich persönlich, ihn nach der Sicherung aller Spuren gleich hinter die Absperrung zu lassen, und zwar unter dem offiziellen Vorwand, das Opfer zu identifizieren. Pflichtgemäß hatten die Beamten in der Tasche des Opfers bereits den Personalausweis sichergestellt, und es bestanden nicht die geringsten Zweifel, dass es sich bei der Toten tatsächlich um die Richterin Kminikowski, Frau des Landrats und designierte Amtsgerichtsdirektorin, handelte.

Die Beamten der KTU, die in ihren weißen Anzügen in der Dunkelheit wirkten wie Gespenster, waren gerade dabei, Spuren zu sichern, und daher war die Leiche noch genau in dem Zustand, in dem sie aufgefunden worden war. Sie lag nahezu unbekleidet bäuchlings zwischen den Büschen vor dem steinernen Rondell, aus dessen Mitte der unsterbliche Komponist armlos und scheinbar bekümmert über seine eigene Hilflosigkeit auf die sterblichen Überreste der noch recht jungen Frau vor seinem Denkmal blickte. Der Kopf der Kminikowski war seitlich in die frühlingshaft feuchte Erde gedrückt. Ihre Finger umklammerten noch immer die Robe, mit der sie anscheinend erwürgt oder erstickt worden war. Im grellen Licht der Scheinwerfer bot die Leiche einen trostlosen, fast obszönen Anblick, keineswegs so ästhetisch wie im Kino. Zumal Blase und Darm des Opfers in der ihnen eigenen Weise auf das Drosseln reagiert hatten.

Recknagel schaute den Facharzt für Rechtsmedizin Doktor Haselhoff, der sich an der Leiche zu schaffen machte, fragend an.

»Tatzeit circa halb neun«, murmelte Haselhoff. »Vielleicht dreiviertel. Keinesfalls später. Und: Wir haben DNA an der Robe gefunden.«

»Sperma?«

Haselhoff nickte. »Vorzeitige Ejakulation. Spricht alles für einen äußerst triebgesteuerten Täter.«

Recknagel war sich da nicht ganz so sicher. Aber es gab keine Notwendigkeit, mit dem Haselhoff zu diskutieren. Heutzutage spielte sich ja fast jeder als Kriminalkommissar auf, der schon mal CSI im Fernsehen gesehen hatte. Vor allem die Rechtsmediziner hatten in letzter Zeit mächtig Auftrieb bekommen. Und gerade diejenigen, die am lautesten schrien, wie realitätsfremd ihr Beruf im Fernsehen dargestellt werde, wollten plötzlich bei Dingen mitreden, die sie nichts angingen.

»Christian!«, rief der Recknagel. Der junge Kollege, der an der Leiche kniete, drehte sich um und stellte leicht beleidigt klar, dass er Christoph sei. Christian habe heute schließlich Urlaub. Der Kriminalrat hatte zeit seines Lebens immer über ein gutes Personengedächtnis verfügt, aber beim Polizeinachwuchs war er sich in letzter Zeit nicht mehr so sicher, ob es sich tatsächlich noch um »Personen« handelte oder um geklonte Karrieristen. Christoph folgte dem Kriminalrat, der ihn ein paar Schritte vom Tatort weglotste, gelangweilt ins Unterholz, wo die KTU nicht mehr nach Spuren suchte. Nach Recknagels Analyse musste der Täter dem Opfer hier aufgelauert haben, bevor er es in die Büsche gezogen und sich an ihm vergangen hatte. Vielleicht dort, hinter dem dicken Baumstamm! Trotz seines Alters verfügte Recknagel noch über recht gute Augen. Aber noch besser als seine Augen war sein Näschen.

»Riechen Sie das auch?«, fragte er seinen Kollegen.

Der glotzte nur blöd, aber das Heben seiner Nasenflügel zeigte immerhin an, dass sein Riechorgan arbeitete. Insgeheim verortete Recknagel das Problem seines Kollegen etwas höher.

Der Kriminalrat scherte sich nicht weiter um seinen Begleiter und suchte den Stamm des Baumes ab, kratzte sogar an der Rinde. Da – etwas Weiches, Klebriges! Irgendjemand hatte einen außergewöhnlich großen Kaugummi gegen einen Ast gedrückt. Das Waldmeisteraroma war noch frisch, die Kaugummimasse wirkte elastisch. Recknagel versenkte das mögliche Beweisstück in einer Asservatentüte und ließ Christoph, der die Situation anscheinend noch verarbeiten musste, am Baum stehen.

Kriminaltechniker Haselhoff betrachtete den Fund in der Tüte skeptisch. »Glauben Sie etwa, dass ein Kind bei der Tat dabei war?«

Recknagel überhörte die Ironie des Arztes geflissentlich.

Der Landrat stand indes starr vor der Leiche seiner Frau. »Können Sie das vielleicht zudecken?«, fragte er den Recknagel mit befehlendem Unterton und blickte unwohl auf den beschmutzten verlängerten Rücken seiner Frau, die nackten Schenkel und dann rüber zu den Kollegen von der KTU und den Uniformierten, die das Gebiet absperrten.

»Bedauere, so lange nicht alle Spuren gesichert sind …«

Da hat man’s wieder: Bei Polizeiruf und Co. wird die Leiche meist gleich als Erstes weggeschafft, nach dem Motto: Was wir weghaben, haben wir weg. Dabei ergibt sich oft gerade aus der genauen Position des Opfers und den kleinen Dingen, die einem erst im Laufe der Zeit auffallen, ein wichtiger Hinweis auf den Täter, zum Beispiel über seine Vorlieben, seine Triebe, den Grad seiner Grausamkeit. In der Realität läuft es eben doch ein bisschen anders als sonntagabends im Ersten. Nicht dass Kriminalrat Recknagel es in seiner Laufbahn schon allzu oft mit Mord zu tun gehabt hatte, aber eine fahrlässige Tötung hier oder eine Körperverletzung mit Todesfolge da … Man machte so seine Erfahrungen.

Der Landrat schüttelte verständnislos den Kopf und fingerte ein Stofftaschentuch aus seinem Jackett, tupfte sich kurz die feuchten Augen ab und legte es vorsichtig über die entblößten Hüften seiner Frau.

»Ich hab doch gesagt, nichts berühren!«, rief der Recknagel sauer.

Hinter Recknagels Rücken tauchte plötzlich die Oberstaatsanwältin aus der Dunkelheit auf: jung, schneidig, intelligent und groß, sehr groß sogar – bestimmt eins neunzig, grob geschätzt. »Haben Sie denn gar kein Pietätsgefühl, Herr Kriminalrat?« So wie die Oberstaatsanwältin gekleidet war, kam sie offensichtlich geradewegs aus dem Theater. Ihre roten Haare hatte sie in der Art einer Rokokoperücke frisiert. Sie beachtete den Kriminalrat nicht weiter, sondern trat direkt zum Landrat und drückte ihm mitfühlend die Hand: »Oberstaatsanwältin Gundelwein. Ich kannte Ihre Frau sehr gut und … Ich verspreche Ihnen, wir werden den Täter schnellstmöglich ausfindig machen.«

Der Landrat nickte abwesend. »Sie haben mein vollstes Vertrauen«, murmelte er. Damit wandte er sich um und verschwand mit eiligen Schritten in die Nacht.

Die Gundelwein sah ihm nachdenklich hinterher, dann trat sie zum Recknagel, baute sich vor ihm auf und donnerte von oben auf ihn herab: »Bericht?!«

Wenn der Recknagel eins hasste, dann Staatsanwälte, die sich in die Arbeit der Polizei einmischten. Das galt ausdrücklich auch für Staatsanwältinnen.

»Am Tatort bin ich zuständig. Sie bekommen Ihren Bericht, sobald es auch etwas zu berichten gibt«, erklärte er ruhig.

Für zwei, drei Sekunden hatte der Recknagel den Eindruck, die Frau des Landrats könnte möglicherweise nicht die letzte Leiche des Abends gewesen sein. Aber dann hatte die Gundelwein ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle.

»Sie wissen doch: Die Staatsanwaltschaft ist die Herrin des Ermittlungsverfahrens.«

Der Recknagel hörte diesen Satz weiß Gott nicht zum ersten Mal, und wie immer, wenn er diese Formulierung hörte, kam er sich wie der Dackel der Staatsanwaltschaft vor. Nein, der Kriminalrat mochte solche Einteilungen nicht: Dort Herrinnenmensch, hier Dackelmensch. Er kannte sich juristisch zwar nicht besonders gut aus, aber so viel wusste er immerhin doch: »Um ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen, brauchen wir einen Verdächtigen. Und um einen Verdächtigen zu bekommen, müssen wir hier am Tatort zunächst mal in Ruhe unsere Arbeit machen dürfen!«

Zwar stand der Recknagel kurz vor der Rente, und sein Herz machte in letzter Zeit Dinge, die man, ohne Panik zu verbreiten, als beunruhigend bezeichnen konnte. Aber deshalb würde er nicht so weit gehen, seine Berufsehre für den Ehrgeiz junger Juristinnen zu opfern, die vom wirklichen Leben keine Ahnung hatten.

»Sie wissen so gut wie ich, dass die Akte früher oder später auf meinem Schreibtisch landet«, zischte die Oberstaatsanwältin.

»Sie sagen es«, antwortete der Recknagel seelenruhig. »Später!«

Die Oberstaatsanwältin blickte ihn überrascht an. Widerspruch, zumal von einem Polizeibeamten, war sie nicht gewohnt. Sie nahm all ihre Geduld zusammen.

»Also, wie wollen Sie weiter vorgehen?«

Der Kriminalrat hob die Schultern. War das hier etwa eine Prüfung?

»Erst mal müssen wir das Motiv für die Tat abklären.«

Die Oberstaatsanwältin lachte verächtlich auf.

»Das Motiv? Was ist los mit Ihnen? Sind Sie blind?« Sie wies anklagend auf die in eindeutiger Position erstarrte Leiche. »Es dürfte wohl nicht der geringste Zweifel bestehen, dass es sich hier um einen Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebs handelt.«

Der Recknagel widersprach nicht. Als Theoretiker hätte er den Satz der Oberstaatsanwältin ohne Zögern unterschrieben, aber als Praktiker hatte er seine Zweifel. Welcher Vergewaltiger suchte sich ein Opfer im Englischen Garten, zwischen Theater und Bahnhof, wo er jederzeit gestört werden konnte? Nach seiner Berufserfahrung bevorzugten Triebtäter abgelegene Gebiete oder verlassene Parkplätze. Manchmal entführten sie ihre Opfer sogar an vermeintlich ruhige Orte, um sich dort an ihnen zu vergehen. Aber hier waren sie mitten in der Stadt, die Lichter zweier viel befahrener Straßen leuchteten herüber, und es gab keinen Fluchtweg, der nicht leicht abgeriegelt werden konnte. Außerdem war der Boden an der Stelle hart und kühl, das Gebüsch bot nicht viel Deckung. Wenn der Recknagel jemanden hätte vergewaltigen wollen, dann hätte er sich ganz sicher einen anderen Ort dafür ausgesucht. Aber das sagte er der Oberstaatsanwältin lieber nicht. Denn die war auch so schon auf hundertachtzig.

»Ich erwarte, dass sie die aufgefundenen DNA-Spuren als Erstes mit der Sexualtäterdatei abgleichen«, donnerte sie.

»Bereits in die Wege geleitet.«

»Zur Sicherheit machen Sie trotzdem einen Aufruf zur freiwilligen DNA-Abgabe. Am besten gleich morgen. Haben Sie mich verstanden?«

Der Kriminalrat wagte es wegen seines Herzens nicht, der Gundelwein nochmals zu widersprechen. Aber skeptisch nachzufragen war das Mindeste, das er seiner Polizistenehre schuldig war. »An welchen Personenkreis haben Sie gedacht?«

»Meininger.«

Kriminalrat Recknagel sah die »Herrin des Ermittlungsverfahrens« ungläubig an.

»Alle?«

»Nein«, antwortete die Oberstaatsanwältin schnippisch. »Nur die Männer.«

Damit drehte sie sich um und überließ den Tatort wieder den niederen Ermittlungsbehörden. »So eine große Frau in so einem kleinen Kleid«, bemerkte Christoph grinsend, als sie außer Hörweite war. Der Recknagel bückte sich und griff mit seiner durch einen Gummihandschuh geschützten Rechten das Taschentuch, mit dem der Landrat den Körper seiner Frau bedeckt hatte. Er tat es achselzuckend in eine kleine Tüte und reichte es einem KTU-Beamten mit den Worten: »Was wir haben, das haben wir!«

II

In den nächsten Tagen fühlte sich der Fickel ein bisschen unwohl. Außerdem hatte er so ein leichtes Kratzen im Hals bekommen, weshalb er prophylaktisch lieber zu Hause blieb, das heißt: überwiegend auf seinem Gartengrundstück, und das milde Frühlingswetter genoss. Dank der Kochkünste seiner Vermieterin, der rüstigen Frau Schmidtkonz, die ihm das Mittagessen sogar in die Datsche lieferte, kam der Fickel jedoch bald wieder auf die Beine. Am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt, also etwa eine Woche nach dem Mord an der Richterin Kminikowski, der die ganze Stadt in Aufregung versetzt hatte, erschien der Fickel dann wieder zu gewohnt später Stunde auf der Arbeit – oder vielleicht sogar noch ein bisschen später als sonst, weil er vorher noch einen neuen Grill für die am nächsten Tag anstehende Gartenparty besorgen musste, die er wie jedes Jahr auszurichten beabsichtigte.

Das neue Justizzentrum an der Lindenallee nördlich des Englischen Gartens ist, natürlich neben dem weltberühmten Theater, der Stolz der Stadt Meiningen. Es bündelt nicht nur Amts-, Land-, Verwaltungs- und Sozialgerichtsbarkeit für ganz Süd- und Südwestthüringen, sondern beheimatet zudem auch noch die Staatsanwaltschaft nebst angeschlossener Polizeidienststelle. Das Justizzentrum befindet sich in der ehemaligen Hauptkaserne des I. und II. Bataillons des ruhmreichen 2.Thüringischen Infanterieregiments Nummer 32, einem mächtigen Backsteinbau aus dem Jahr 1867, der viele Jahre später das noch ruhmreichere 117.Mot.-Schützenregiment der 8.sowjetischen Gardearmee beherbergt hatte und nach dem Erwerb durch den Freistaat Thüringen für die Bedürfnisse der Justiz aus- und umgebaut worden war. Wegen der militärischen Vorgeschichte des Areals pflegte der Fickel, wenn er zur Arbeit ging, zu sagen: »Ich ziehe in den Krieg.«

Als er an diesem Mittwoch gegen elf Uhr endlich im Gericht angekommen war, wunderte er sich zunächst über die ganzen Blumen, Kerzen und Stofftiere am Portal. Sein Freund, der Justizwachtmeister Rainer Kummer, der zufällig Dienst an der Pforte hatte, klärte ihn jedoch schnell darüber auf, dass ständig Leute kamen, die am Schicksal der Richterin Kminikowski Anteil nahmen und dies mit jeder Art von Devotionalien ausdrückten. Die Andachtsecke wurde von der Gerichtsleitung nicht nur geduldet, sondern die Bevölkerung wurde geradezu zum Kondolieren eingeladen. Allerdings hatte inzwischen eine Vermüllung eingesetzt, die dem eigentlichen Ansinnen des Gedenkens entschieden zuwiderlief. Auf dem Hof des Justizzentrums waren die thüringische Landesfahne und die Bundesflagge sowie das Europabanner auf Halbmast gehisst. Wie der Justizwachtmeister Rainer Kummer ebenfalls zu berichten wusste, hatten sämtliche Gerichte und Behörden der Stadt Meiningen am Dienstag um zwölf Uhr sogar eine Schweigeminute abgehalten. In dieser einen Minute hatten alle Streitigkeiten und Verwaltungsvorgänge geruht. Und wie Rainer Kummer kritisch hinzufügte: »Damals, als der Kollege Kissner bei der pflichtgemäßen Ausübung seines Dienstes von dem geistig verwirrten Hartz-IV-Empfänger im Verwaltungsgericht erstochen wurde, da hat es nicht so ein Brimborium gegeben.« Da meinte der Fickel, das könnte vielleicht was damit zu tun haben, dass der Kissner kein Richter, sondern ein einfacher Justizwachtmeister und außerdem nicht mit dem Landrat verheiratet gewesen war.

Als der Fickel endlich im architektonisch weitaus weniger attraktiven Neubautrakt anlangte, in dem sich unter anderem die Geschäftsstelle des Amtsgerichtes befand, waren natürlich schon sämtliche Prozessvertretungsaufträge vergeben. Ganz offenbar war der Konkurrenzdruck unter den Anwälten inzwischen selbst bis in die Niederungen der Terminhurenbranche durchgeschlagen. Doch so leicht lässt sich ein Fickel nicht abwimmeln. Er hat da nämlich so einen kleinen Kalender, in dem er immer gewisse Daten notiert. Und dann bringt er den Rechtshelferin Nicole und der Sekretärin Therese immer Pralinen zum Geburtstag und Blumen oder auch mal ein Fläschchen Sekt zum internationalen Frauentag mit. Kurz, der Fickel ist bei den Damen in der Geschäftsstelle nicht direkt unbeliebt, auch, weil er gern mal ein Schwätzchen hält und nicht so hochnäsig ist, wie die meisten Juristen. Und wenn man auf Du und Du mit dem einfachen Volk steht, dann zahlt sich das mitunter auch mal aus. Denn als der Fickel so ein bisschen enttäuscht guckte, weil die Therese gerade den letzten Auftrag an den Kollegen Amthor rausgegeben hatte, da brachte die es einfach nicht übers Herz, dem Fickel nicht wenigstens die Nummer des Saales zuzustecken, in dem die Verhandlung stattfinden sollte.

Das war, bei Licht betrachtet, natürlich nicht ganz fair, denn der alte Amthor ist, wie eigentlich jeder am Gericht weiß, nicht mehr sonderlich gut zu Fuß, oder besser gesagt »bei Lunge«. Und deshalb tritt er auch fast nie persönlich in der Geschäftsstelle in Erscheinung, sondern akquiriert ohne Ausnahme telefonisch. Schließlich wohnt er direkt in der Kreuzstraße, also keine vierhundert Meter entfernt, und kann in etwa fünfzehn Minuten von seiner Kunstledercouch aus im Sitzungssaal sein.

Der Fickel allerdings ist früher, also in seiner Jugend, wegen seiner hohen Statur und seiner kräftigen, aber durchaus athletischen Figur als Anschieber bei den Bobfahrern in Oberhof gewesen. Und seine Kondition ist immer noch à la bonheur für sein Alter, trotz des kleinen Bauchansatzes. Und so war vom Amthor weit und breit nix zu sehen, als der Fickel den Gerichtssaal betrat und sich als Vertreter für die Beklagtenpartei auswies. Denn der Partei war es schließlich egal, wer für sie den Antrag stellte, der Amthor oder der Fickel.

Wie der Zufall so spielt, hatte die Richterin Driesel den Vorsitz in der Verhandlung inne. Neben ihr hockte außerdem noch dieser spitznasige Rechtsreferendar auf der Richterbank, der ursprünglich bei der Kminikowski in der Ausbildung gewesen war. Der Kerl kam dem Fickel irgendwie bekannt vor, wenn er in dem Moment auch nicht hätte sagen können, wo er die picklige Visage schon mal gesehen hatte. Die Referendare kamen und gingen und kamen irgendwann vielleicht als Anwälte oder Richter zurück. Einige auch als Taxifahrer.

Die Driesel war natürlich alles andere als glücklich über Fickels Erscheinen, denn sie hatte insgeheim schon gehofft, die verkorkste Akte mit einem Vau-U, einem sogenannten Versäumnisurteil, entspannt aus der Welt zu katapultieren. Und nur weil der Fickel scharf auf die Prozessgebühr von grob geschätzten sechzig Euro vor Steuern und Abgaben war, musste sie jetzt ein richtiges Urteil schreiben. Mit Tenor, Sachverhalt und Entscheidungsgründen bedeutete das mindestens zwei Stunden Extraarbeit!

Vor allem hatte die Driesel ja eigentlich vorgehabt, ihren Dienst mit der Übergabe der Direktionsgeschäfte ganz gemütlich auslaufen zu lassen, weil sie zwei Wochen vor der Pensionierung natürlich keine neuen Akteneingänge mehr bearbeiten musste. Und nur wegen des unvorhergesehenen Todes der Kminikowski musste sie auf ihre letzten Arbeitstage jetzt noch mal richtig ranklotzen. Denn wie es der Zufall oder vielmehr der Geschäftsverteilungsplan wollte, war die Richterin Kminikowski zu Lebzeiten ausgerechnet der Amtsgerichtsdirektorin Driesel als Vertretungsrichterin zugeordnet gewesen – und umgekehrt. Manche Dinge haben auch über den Tod hinaus Bestand, wie die Vertretungsregelungen bei der Justiz zum Beispiel.

Andererseits ließ man es als Vertreterin natürlich etwas ruhiger angehen. Der aktuelle Fall lag ziemlich klar und war selbst für eine allenfalls durchschnittlich begabte Zivilrichterin wie die Driesel leicht zu überschauen: Der Kläger, seines Zeichens Postbote, hatte fünfhundert Euro Schmerzensgeld und dreiundvierzig Euro Schadensersatz für seine Cordhose eingeklagt, weil ihn der Cavalier-King-Charles-Spaniel der Rentnerin Reichenbach anlässlich einer Paketzustellung in die Wade gebissen haben sollte. Ein ärztliches Attest bescheinigte eine oberflächliche Fleischwunde, die desinfiziert, aber nicht hatte genäht werden müssen. Trotzdem hatte sich der Postbote aufgrund seiner eigenen medizinischen Einschätzung glatte drei Tage arbeitsunfähig gemeldet. Schließlich brachte der Kläger noch vor, seit dem Bissvorfall faktisch traumatisiert zu sein. So müsse er jedes Mal die Straßenseite wechseln, wenn ihm auf dem Bürgersteig ein noch so kleiner Hund entgegenkomme.

Die alte Reichenbach hatte nun schriftlich durch ihren Vormund bestreiten lassen, überhaupt einen Hund, geschweige denn einen Cavalier-King-Charles-Spaniel zu besitzen. Der Postbote konnte wiederum nicht weniger als vier Kollegen als Zeugen dafür aufbieten, dass bei der alten Reichenbach bei der Postzustellung regelmäßig Hundebellen zu vernehmen war.

Eigentlich gab es in dem Fall für den Fickel nichts zu gewinnen. Allerdings machte der Postbote nicht gerade einen sympathischen Eindruck. Der Fickel mochte zwar seinerseits die kleinen, giftigen Kläffer auch nicht besonders, insbesondere die Spuren, die sie überall auf den Straßen hinterließen, aber hysterische Hundehasser gingen ihm irgendwo auch gegen den Strich. Außerdem hatte er ein großes Herz für ältere Damen, selbst wenn er die Reichenbach nicht persönlich kannte. Vielleicht hängte er sich deshalb in die Angelegenheit ein bisschen mehr rein, als es seiner Gewohnheit und seinen berufsmäßigen Pflichten entsprach.

»Bellen allein ist ja noch lange kein Beweis dafür, dass die Beklagte tatsächlich selbst einen Hund besitzt«, erklärte der Fickel, kaum dass die Ausführungen des Postboten über die Erschwernisse seines Berufs verklungen waren. Die Driesel fühlte sich durch Fickels Einwand unerklärlicherweise erheitert und fragte mit listiger Miene nach: »Wie würden Sie sich denn dann das Bell-Geräusch erklären, das unstreitig aus der Wohnung der Beklagten stammt, geschätzter Kollege Fickel?«

Der »geschätzte Kollege« hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, was er jetzt sagen sollte, aber in Bedrängnis kommen dem Fickel manchmal unverhofft Ideen.

»Meine Mandantin unterhält eine Hundetagesstätte. Ehrenamtlich natürlich, um den sozialen Anschluss nicht zu verlieren«, erklärte er aufs Geratewohl. »Dazu können diverse Zeugen benannt werden.«

Der Referendar hielt es in diesem Moment für angezeigt, sich einzumischen und den Fickel direkt anzugreifen: »Warum steht davon nichts in der Akte? Der Vortrag dürfte wohl gemäß Paragraf zwohundertsechsundneunzig Zett-Peh-Oh verspätet sein!«

Die Driesel blickte irritiert zu ihrem Azubi rüber. »Soweit ich mich erinnern kann, hab’ ich Ihnen noch nicht die Sitzungsleitung übertragen.«

Der Referendar lief so rot an, dass man fast seine Pickel nicht mehr sah, und die Driesel wandte sich entspannt schmunzelnd wieder an den Fickel. Sie schien die Situation sichtlich zu genießen.

»Nun, was haben Sie zu der schlauen Einlassung unseres wackeren Nachwuchsjuristen vorzubringen, Herr Fickel?«

Jetzt war guter Rat teuer, zumal die Driesel ja wusste, dass der Fickel mit dem vorangegangenen Schriftwechsel nichts zu tun, geschweige denn ihn überhaupt gelesen hatte.

Andererseits: Wenn der Gaul durchgegangen ist, hilft nur eins: im Sattel bleiben! Diese Mahnung hatte Fickels Mutter ihm als kleinem Jungen mit auf den Weg gegeben, und bis jetzt war er damit nicht schlecht gefahren. Daher entschied sich der Fickel, die Komödie einfach zu Ende zu spielen, auch auf die Gefahr hin, sich mal wieder bis auf die Knochen zu blamieren.

»Das Gedächtnis meiner Mandantin ist nicht mehr das Beste. Die Erinnerungen kommen ihr erst nach und nach«, sagte er mit unschuldiger Anwaltsmiene. Der Referendar lachte ungläubig auf und blickte kopfschüttelnd zu seiner Ausbilderin. Doch die ließ sich auf einmal Zeit. Man konnte der Amtsgerichtsdirektorin förmlich ansehen, wie sie ganz tief in sich ging. Denn wenn der Köter, der den Postboten mit seinem Frühstück verwechselt hatte, gar nicht der Reichenbach gehörte, dann musste sie vielleicht auch nicht zahlen. So einfach war das!

Nur der Postbote fühlte sich seiner Sache immer noch sehr sicher. Möglicherweise zu sicher. »Ist doch egal, wie alt sie ist. Wenn die kleine Ratte mich gebissen hat … Da muss die doch aufpassen!«, lamentierte er.

»Haben Sie denn vorher geklingelt, als Sie das Grundstück von Frau Reichenbach betreten haben?«, hakte die Driesel nach. Der Postbote schüttelte beleidigt den Kopf. »Die Klingel ist doch seit Jahren kaputt.«

Der Fickel hatte sich da schon zurückgelehnt und hörte nur noch mit einem Ohr zu, wie die Driesel dem staunenden Postboten den Unterschied zwischen der verschuldensabhängigen Deliktshaftung nach Paragraf 823 BGB und der strengeren Gefährdungshaftung des Tierhalters gemäß Paragraf 833Satz 1 BGB erklärte. Nicht dass der Fickel die besagten Normen gekannt hätte, aber er hatte in seiner Praxis immerhin ein Gespür entwickelt, und das sagte ihm: Wenn der Richter oder die Richterin die andere Seite belehrt, dann läuft es in die richtige Richtung!

Und guck mal einer an: Der Postbote war nach der Rechtsbelehrung durch die Driesel denn auch reichlich bedient. Aus seiner Sicht auch verständlich: erst die schöne Hose futsch, dann die Schmerzen in der Wade und jetzt auch noch auf den Gerichtskosten sitzen geblieben. Da waren jede Menge »bad vibrations« im Saal. Als der Postbote aber gar nicht mehr aufhören wollte zu schimpfen und die Worte »Rechtsbeugung« und »Unrechtsstaat« fielen, drohte ihm die Driesel konsequenterweise auch noch ein Ordnungsgeld an.

Kaum dass der Postbote aus dem Saal war, hob der Referendar an zu sprechen: »Ähem … Hätten wir bei der Sache eben nicht Beweis erheben müssen?« Die Driesel schüttelte den Kopf und meinte gelassen: »So ein Aufwand wegen der paar Kröten?« Der Referendar blickte die Amtsgerichtsdirektorin an, als hätte sie eine Gotteslästerung begangen. »Aber die Zett-Peh-Oh macht da, soviel ich weiß, keinerlei Unterschied hinsichtlich der Klagesumme«, erklärte er in ernstem Tonfall. »Die Zett-Peh-Oh nicht, aber ich!«, meinte die Driesel gemütlich und reichte dem Referendar die Akte rüber: »Und Sie schreiben mir bis Montag ein Urteil. Wir kennen uns ja noch nicht lange, aber ich lege Wert auf einen sauberen Tatbestand und einen exakten Tenor. Bei den Entscheidungsgründen suchen Sie sich gefälligst was Gescheites aus den Kommentaren zusammen. Wenn Sie auf mehr als drei Punkte bei Ihrer Bewertung aus sind, möchte ich eine richtig runde Abweisung haben. Verstanden?«

Der Referendar nickte eingeschüchtert und zog leicht verdattert mit der Akte ab. Die Driesel blickte ihm zufrieden hinterher. »Ist sowieso egal, was der schreibt. Die Entscheidung ist nicht berufungsfähig.« Dann lachte sie aus vollem Herzen los, dass der Fickel einen Moment lang glaubte, bei der Amtsgerichtsdirektorin sei der Rinder- oder Hirschwahnsinn ausgebrochen.

Aber da flog schon die Tür auf, und man hörte das typische Lungenrasseln des jahrzehntelangen KARO[4]-Kettenrauchers. Endlich hatte es auch der Amthor von seiner Couch in den Sitzungssaal geschafft. »Was ’s denn hier los? Schon fertig?«, dröhnte sein Bariton durch den Saal, und zwei Zentner reine Empörung bauten sich vor der Richterbank auf. »Das war mein Prozess!«, erklärte der Amthor ultimativ und klopfte mit der Faust auf den Tisch, dass der Plastik-Kuli mit der Lidl-Werbung von der Driesel auf den Boden fiel.

Die Driesel blickte fragend zum Fickel. Der zuckte entschuldigend die Achseln, murmelte »kleines Missverständnis«, und schon war er in der Tür. Aber der Amthor war natürlich auch nicht blöd. Als er den Fickel so schief grinsen sah, war er gleich im Bilde, was für ein abgezocktes Spiel hier gespielt wurde, und eilte ihm hinterher, dank Adrenalinausschüttung plötzlich fit wie ein Turnschuh. Erstaunlich, zu welchen Höchstleistungen so ein schwerfälliger Organismus in der Lage ist, wenn der Hormonspiegel stimmt! Der Amthor hätte den Fickel glatt windelweich geprügelt, wenn keine Zeugen anwesend gewesen wären. Und wenn er ihn gekriegt hätte. Denn der Fickel war ja mal … wie gesagt: Oberhof! Also fast Olympiakader!

Natürlich war die Nummer vom Fickel nicht gerade die feine englische Art gewesen, aber unter Terminhuren gilt wie überall im Tierreich der Grundsatz »Survival of the fittest«. Wenn der Amthor weniger rauchen und ab und zu einen Waldlauf hinlegen würde so wie der Fickel sonntags oben auf der Kastanienallee, dann würde er sich beim Wettlauf um die Mandate nicht mehr so leicht abkochen lassen. Trotzdem stank es ihm gehörig, wie alles gelaufen war. Schließlich war es beileibe nicht das erste Mal gewesen, dass der Fickel sich so eine Extratour geleistet hatte. Zum Schluss redete sich der Amthor derart in Rage, dass er kurz davor stand, sich bei der Anwaltskammer zu beschweren. Selbstredend war das nur eine leere Drohung. Aber weil er im Grunde seines Herzens ein harmoniesüchtiger Mensch ist, lud der Fickel den Kollegen als Wiedergutmachung kurzerhand zum Essen ins Schlundhaus ein, und guck mal einer an: Da wurde der Amthor ganz schnell wieder friedlich. Und weil sie keine Sitzungstermine mehr hatte, schloss sich ihnen sogar die Amtsgerichtsdirektorin an.

Die Driesel isst nämlich auch nicht so gerne in der Gerichtskantine, denn da gibt es nur »ausgewogene Ernährung«, und davon wird man, wenn man in Thüringen geboren wurde, nun mal nicht satt – jedenfalls, wenn man so stark gebaut ist wie die Driesel oder auch der Amthor. Schließlich hat man, wenn man wie die beiden seit zwanzig Jahren alleine lebt, eben seine lieb gewonnenen Angewohnheiten, insbesondere bei der Nahrungsaufnahme. Anders ausgedrückt, fehlt einem manchmal vielleicht irgendwo auch das Korrektiv. Tatsächlich lässt der Anblick der zwei die Bezeichnung »Volljuristen«[5] in ganz neuem Licht erscheinen.

Während sich die drei Kollegen also mit einem gesunden Appetit auf den Weg ins Schlundhaus machten, hatte der Kriminalrat Recknagel im Keller des rechtsmedizinischen Instituts alle Mühe, sein Frühstück bei sich zu behalten: Der Anblick der Leiche, an der sich der Pathologe ausgetobt hatte, war wahrlich nichts für schwache Nerven. Ein geöffneter und grob wieder zugenähter Torso, ein malträtierter Unterleib, das alles kann im Fernsehen vielleicht aufregend oder angenehm gruselig aussehen, im wirklichen Leben denkt man eher an einen Schlachthof.

Kriminalrat Recknagel brauchte dringend neue Erkenntnisse. Der Abgleich der an der Robe sichergestellten DNA mit der bundesweiten Sexualtäterdatei hatte zu keinem Ergebnis geführt. Offensichtlich hatten sie es mit einem unbekannten Ersttäter zu tun. Zudem hatten weder die am Taschentuch gewonnene DNA des Landrats noch die am Kaugummi gesicherten Spuren Übereinstimmungen mit den an der Robe aufgefundenen Spermaspuren aufgewiesen.

Auch die Befragungen im Freundes- und Familienkreis des Opfers hatten kaum Ertrag erbracht. Die Kminikowskis hatten, so viel ließ sich immerhin behaupten, eine unauffällige Ehe geführt – keine Skandale, aber auch keine Kinder. Dem Landrat wurden ein paar Affären nachgesagt, aber dabei konnte es sich auch um die übliche böse Nachrede der politischen Gegner handeln. Und davon gab es einige. Der Kminikowski war bei seiner Wahl auf einer unabhängigen Liste gestartet und hatte den großen Parteien ein Schnippchen geschlagen. Aber es hielten sich Gerüchte, dass er bei der nächsten Wahl für eine der etablierten Gruppierungen antreten wollte. Darüber waren seine Anhänger vom Bürgerkomitee natürlich alles andere als begeistert.

Die Frau an der Seite des schillernden Landrats indes war ein fast unbeschriebenes Blatt. Sie schien kaum Freunde in der Stadt gehabt zu haben, aber auch keine Feinde. Ihr Trachten und Streben hatte offenbar ganz allein ihrem Fortkommen als Richterin gegolten: Abitur in Passau, Jurastudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo sie im Repetitorium ihren späteren Mann kennenlernte, schließlich erfolgreiches erstes Staatsexamen mit elf Punkten, Note vollbefriedigend, was unter Juristen als Traumnote gilt. Vor allem in Bayern, wo die Prüfungen noch schwerer sind als anderswo, sagen zumindest die Bayern.