Der böse Vater - Christof Weigold - E-Book

Der böse Vater E-Book

Christof Weigold

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Beschreibung

Hollywood im Jahr des Börsencrashs. Der Privatdetektiv Hardy Engel kommt endlich aus dem Gefängnis frei. William R. Hearst, der mächtige Filmmogul und Verleger höchstpersönlich, hat unter dubiosen Umständen seine Entlassung erwirkt. Jetzt soll Engel herausfinden, wer den Boulevard-Tycoon erpresst. Dabei geht es um einen seltsamen Todesfall, der Hardy immer mehr interessiert: 1924 verstarb der berühmte Filmpionier Thomas Ince kurz nach seiner Geburtstagsfeier auf Hearsts Jacht. War es wirklich ein natürlicher Tod, wie alle Anwesenden bezeugten? Welche Rolle spielt Hearsts Liebesbeziehung mit der Schauspielerin Marion Davies, und war auch der deutsche Universal-Chef Carl Laemmle an Bord? Um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, muss Hardy Engel zunehmend gegen seinen eigenen Auftraggeber ermitteln. Ein gefährliches Doppelspiel beginnt … In die fesselnde Handlung eingewoben sind zahlreiche Ereignisse und Personen aus Hollywoods goldenem Zeitalter: eine heikle Affäre von Charlie Chaplin, das Aufkommen des Tonfilms, Intrigen um die erste Oscar-Verleihung. Und die Dreharbeiten zur ersten Verfilmung von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, die Hardy Engel als Kriegsveteran beratend begleitet und die ihn zusammen mit Laemmle wieder in seine deutsche Heimat führt.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Christof Weigold

Der böse Vater

Hollywood 1929: Ein Fall für Hardy Engel

Roman

Kampa

»Das Feuer wird die Hütten der Bestechlichen fressen. Sie gehen schwanger mit Mühsal und gebären Unglück, und ihr Schoß bringt Trug zur Welt.«

Buch Hiob, Vers 13,34

 

»Wir lassen unsere Masken fallen. Das Raubtier wird zur Beute.«

Aus: Unter dem Vulkan, Regie: John Huston

Prolog

April 1929

Ich war tot.

Weggesperrt, vergessen, und für die Welt da draußen existierte ich nicht mehr. Ich war nicht mehr Reinhard – genannt Hardy – Engel, ich war Nummer 27026.

All meine Fähigkeiten, Hoffnungen und Ambitionen zählten hier drinnen nichts, so wie mein ganzes bisheriges Leben: dass ich gebürtiger Deutscher war, im Weltkrieg gekämpft und danach in Amerika neu angefangen hatte, dass ich als Schauspieler in Hollywood erfolglos geblieben und daraufhin Privatdetektiv geworden war. Ich hatte in großen Skandalen ermittelt und dabei ein Auge verloren, mir zuletzt in gewissen Kreisen einen guten Ruf erarbeitet und ein Büro an der Franklin Avenue leisten können. Doch dann war ich verhaftet worden.

Mittlerweile war ich seit Jahren nur noch ein Insasse des Lincoln-Heights-Gefängnisses, verurteilt wegen Mordes zweiten Grades zu zehn Jahren Haft und schwerer Arbeit. Unschuldig verurteilt, natürlich. Aber eine höhere, sehr mächtige Instanz hatte mich 1923 für schuldig erklärt, und ich hatte mich auf einen entsprechenden Deal einlassen müssen, um die Todesstrafe abzuwenden.

Sagen wir einfach, ich war ein paar Leuten auf die Füße getreten. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal in einem Fall, der in ihren Augen die nationale Sicherheit gefährdete. Sie hatten noch beide Augen und waren nicht bereit gewesen, eines davon zuzudrücken.

So verlor ich meine geliebte Freiheit. Eingesperrt zu sein, war mein perfekter Albtraum. Dabei schien ich sogar noch einigermaßen Glück zu haben: Das Gefängnis war brandneu, errichtet nach den modernen Maßgaben eines liberalen Polizeichefs, August Vollmer, der sich prompt nur ein Jahr hatte halten können. Wir, die Sträflinge, hatten es selbst gebaut, die Zellen waren sauber und geräumig und wir wurden nach Möglichkeit wie Menschen behandelt. Dieser Ansatz war ebenfalls neu. Das Essen war erstaunlich nahrhaft. Die Arbeit war körperlich anstrengend, aber sie gab mir eine sinnvolle Aufgabe. Zunächst hatte ich beim Straßenbautrupp für Greater Los Angeles geschuftet, seit zwei Jahren arbeitete ich als einer der Köche der Gefängniskantine. Die Bibliothek war vorzüglich ausgestattet, dank Spenden von äußerst großzügigen, äußerst wohlmeinenden Bürgern. Das Motto dahinter: Wer liest, sündigt nicht mehr. Einmal die Woche bekamen wir die neuesten Hollywood-Filme zu sehen, in denen Sünden entweder nicht vorkamen oder zuverlässig bestraft wurden und die mit einem Happy End versehen worden waren. Wofür Moralwächter sorgten, die ich nur zu gut kannte. Ansonsten war man hier drin weitgehend sicher vor Produzenten und Schauspielern, wenigstens ein Vorteil. Nur ab und zu wurde jemand aus Hollywood eingeliefert und gab mit großem Hallo ein paar Autogramme, bevor er dann sehr schnell sehr viel ruhiger wurde.

Wir hatten Vier-Mann-Zellen mit wechselnder Besetzung. Am Anfang gab es ein paar harte Konflikte, aber auch draußen war ich in meinen Fällen als Detektiv Gewalt ausgesetzt gewesen. Jeder einzelne hatte seine Spuren und Narben hinterlassen und mich für alles Weitere gewappnet. Als mir im Gefängnis ein paar Alteingesessene mit Vergewaltigung drohten, nahm ich einfach mein Glasauge heraus und zeigte es ihnen, und schon gingen sie auf Abstand. Nur einen gab es, den der Anblick der leeren Höhle erst recht weiter animierte und der mich in eine stille Ecke drängte. Ich wusste mich jedoch zu wehren und schlug ihn zusammen. Danach ließ man mich in Ruhe. Ich war gut in Form und absolvierte mit eiserner Disziplin mein tägliches Trainingsprogramm. Das zeigte den anderen, dass ich nicht aufgegeben hatte. Noch besser, es zeigte auch mir selbst, dass ich nicht aufgegeben hatte.

Diese Einstellung zu bewahren, fiel mir auf Dauer schwer genug. Besonders schlimm waren die Nächte. In denen lag ich wach, lauschte auf das röchelnde Schnarchen des dicken sizilianischen Stockbettnachbarn unter mir und zog gnadenlos Bilanz. Ich saß mittlerweile schon fünfeinhalb Jahre lang ein und eine vorzeitige Entlassung war nicht in Sicht. Meine Verbindungen zur Welt draußen waren fast alle abgerissen. Mein einziger regelmäßiger und treuer Besucher war ein früherer Zellengenosse, mein bester Freund Buck Carpenter, ein aus Schottland stammender Alkoholschmuggler und Besitzer einer illegalen Bar, der irgendwann mit seinen Geschäften aufgeflogen war und für drei Jahre mein Schicksal geteilt hatte. Dank seiner Verbindungen war es eine ziemlich privilegierte Zeit gewesen, wir bekamen Sandwiches geliefert, Steaks, Zigaretten. Sogar Alkohol, trotz der Prohibition. Dummerweise hatte ich mit dem Trinken aufgehört. Diese Privilegien endeten, als Buck in die Freiheit entlassen wurde. Doch er erzählte mir bei seinen Besuchen wenigstens regelmäßig, wie es dort draußen zuging.

Eine weitere Informationsquelle waren Zeitungen. Nein, wir bekamen keine Morgenzeitungen, genauso wenig wie wir zum Frühstück Kaviar serviert bekamen. Aber auf den Toiletten lagen sie aus, ein paar Tage alt, in rechteckige Stücke geschnitten, damit wir uns mit den inzwischen bereits wieder uninteressant gewordenen Meldungen der Welt den Hintern abwischen konnten. Durch dieses Klopapier erfuhr ich auch von den Hollywoodskandalen und Todesfällen, die sich seit meiner Verhaftung ereignet hatten. Je nach Zuschnitt wusste ich mal mehr, mal weniger darüber. Ich las vom Herointod des blutjungen Vamps Barbara La Marr 1926, des »Mädchens, das zu schön war«. Vom ebenso tragischen Tod des Idols Rudolph Valentino im selben Jahr und von den rekordverdächtigen Massen hysterischer Fans bei seiner Beerdigung. Von der Entführung und grausamen Ermordung eines zwölfjährigen unschuldigen Mädchens durch William Hickman, einen durch Filme verdorbenen, komplett verrückten Kalifornier, der von der Polizei 1927 erst nach einer einwöchigen Verfolgungsjagd und einer spektakulären Schießerei gefasst werden konnte. Im selben Jahr las ich auch von der Atlantiküberquerung Charles Lindberghs und dessen Aufstieg zu ungeahntem Ruhm mitsamt Hollywood-Karriere, bevor ich mir damit den Hintern wischte. Auch zahlreiche Berichte über The Jazz Singer, den ersten Tonfilm, seinen Mega-Erfolg und das Aufkommen der Talkies hatte ich meiner eigenen Verwendung zugeführt und fand, es war genau der richtige Umgang damit. Und so hatte ich im letzten Jahr auch erfahren, dass der amtierende Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles doch tatsächlich wegen Korruption zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war.

Schon immer hatte es empörende Skandale in der Stadt gegeben, und ich hatte in einigen von ihnen ermittelt. Aber die Wahrheiten, die ich aufgedeckt hatte, waren nie publiziert worden, man hatte sie erfolgreich vertuscht und mich hatten sie nur hierher gebracht. Nun hatte es endlich auch einen dieser Lügner erwischt, den Staatsanwalt Asa Keyes, der es offensichtlich übertrieben hatte damit. Ich konnte ihn demütig in der Schlange bei der Essensausgabe stehen sehen, wie er seine von uns zugeteilte persönliche Sonderration mit dem verfaulten Fleisch empfing und klaglos verzehrte. Dass sich durch diesen Fall etwas grundlegend geändert hätte und die Repräsentanten von Stadt und Staat ab sofort nur noch nach einem neuen, strengen Moralkodex agieren würden, nahm ich für keine Sekunde an.

Nachts dachte ich an die Toten und sie kamen mich besuchen. Ich redete täglich mit ihnen, jeden Abend vor dem Einschlafen und manchmal auch morgens. Ich redete mit Virginia Rappe, mit William Desmond Taylor, mit Wallace Reid und Warren G. Harding, dem Präsidenten. Mit meinen tragisch ums Leben gekommenen Freundinnen ebenso wie mit den toten deutschen Landsleuten, mit den im Dienst verstorbenen Detectives der Mordkommission, und auch mit Ku-Klux-Klan-Leuten wie jenem Mann, den ich angeblich ermordet hatte. Und sie wurden dann lebendig. Wer sagt, dass nicht auch die Toten sprechen können? Nun, da selbst die Schauspieler in den Filmen sprechen? Sie tun es, sie kommen zu uns, um sich zu beschweren, die Umstände ihres Todes zu diskutieren und unsere Schuld daran zu beklagen. Sie tun es sogar täglich.

Ich tröstete mich mit der Vorstellung, dass ich irgendwann in die Welt draußen zurückkehren und die Menschen, die Schuld auf sich geladen hatten, dort auf ähnliche Weise heimsuchen würde, doch nicht als Geist, sondern ganz real. Und als sich mir dann tatsächlich die Chance dazu bot, tat ich es. Vielen wäre es lieber gewesen, ich hätte es nicht getan, das konnte ich an ihren Blicken erkennen. So wäre auch mir einiges erspart geblieben. Doch es gab Tote, die selbst nicht sprechen konnten und deren wahre Geschichte erst jemand aufdecken musste. Das zu tun, war mir ein Anliegen und ich verfolgte es so konsequent wie immer, nachdem ich freigekommen und damit befasst worden war.

 

Die Angelegenheit betraf einen weiteren Todesfall, von dem ich in einem Zeitungsausschnitt auf der Gefängnislatrine gelesen hatte. Da wusste ich aber noch nicht, dass sich zahlreiche Gerüchte darum rankten. Und dass es zwei widersprüchliche Schlagzeilen dazu gegeben hatte, in konkurrierenden Zeitungen: Die eine, die ich gelesen hatte, besagte, ein bekannter Filmproduzent sei plötzlich krank geworden und verstorben. Die andere, die ich damals noch nicht kannte, jedoch behauptete, er sei ermordet worden und zwar ganz woanders, auf einer Jacht.

Wenn die Wahrheit nur eine Frage von Schlagzeilen ist, von beliebigen Behauptungen, die frei erfunden sind, und von Intrigen, dann sollte man lieber im Gefängnis bleiben, statt herausfinden zu wollen, welche davon nun wahr ist, oder ob es noch eine dritte Version gibt. Doch jemand ließ mir leider keine Wahl.

Das gab mir immerhin die Gelegenheit, mich auf die Suche nach meiner großen Liebe zu begeben, Polly Brandeis. Sie war bei meiner Verhaftung 1923 schwanger gewesen, aber dann rätselhafterweise spurlos verschwunden, bevor mein Prozess stattfand. Ich hoffte, dass sie noch irgendwo lebte, mitsamt unserem Kind, und wollte sie um alles auf der Welt finden.

Doch andere, mir unlieb gewordene Gewohnheiten wollte ich diesmal unbedingt vermeiden: Versehrt zu werden, eines oder mehrere wichtige Organe zu verlieren, und weitere Tote zurückzulassen.

Nun ja, ich habe jedenfalls mein Möglichstes getan, das zu verhindern.

Erster Teil

13.–28. April 1929

1

Es war eine Vollmondnacht, als ich aus meiner Zelle geholt wurde, und es war bis dahin einer der schlimmsten Tage im Gefängnis gewesen. Das Gefühl, dass höhere Mächte mich auf ewig hier drin schmoren lassen und nie mehr freigeben würden, war übermächtig geworden. Um mich abzulenken und zu trösten, hatte ich zum Abendessen Gumbo gekocht, den Cajun-Eintopf, eines meiner Lieblingsgerichte als Gefängniskoch: Nimmt alle Reste auf, kann mit Fisch wie Fleisch aufgepeppt werden, schmeckt, hat Schärfe und macht fünfhundert Knastbrüder satt und zufrieden, inklusive dem Koch.

Nach getaner Arbeit las ich vor dem Einschlafen die Buddenbrooks, den Welterfolg des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, in einer vorzüglichen Ausgabe aus unserer Bibliothek. Ich blätterte gerade eine Seite um, als der Riegel der eisernen Zellentür mit lautem metallischen Schlagen geöffnet wurde, woraufhin zwei Männer unser kleines Reich betraten. Eine höchst ungewöhnliche Zeit für Besuch, und ich hatte auf Anhieb kein gutes Gefühl dabei. So hatte auch der einzige andere überraschende Besuch in all der Zeit begonnen, der von J. Edgar Hoover, dem damals neuen Chef des Bureau of Investigation, und er hatte mir jene Abmachung mit einem Urteil über zehn Jahre Haft eingebracht. Ich sollte bei guter Führung jedoch vorzeitig entlassen werden, hatte er mir versprochen. Seither war nur leider nie wieder die Rede davon gewesen.

Der eine Mann war älter und trug eine Wärter-Uniform mit Tressen auf den Schulterklappen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Der andere hatte Zivilkleidung an, einen Zweireiher-Anzug, den ich sofort als teuer einschätzte. Sein brutaler Gesichtsausdruck bildete einen Kontrast zu dem gehobenen Eindruck seiner sonstigen Erscheinung.

Die Augen des Uniformierten wanderten über das Stockbett gegenüber mit den beiden Tunichtguten und dann zu meinem, von dem dicken Sizilianer in der unteren Koje hinauf zu mir und er zeigte auf mich: »Mr. Engel. Anziehen und mitkommen.«

Ich schwang mich vom oberen Bett herunter und zog mir rasch meinen Sträflingsdrillich über die Unterwäsche. Dabei grübelte ich darüber nach, was es bedeuten könnte, dass er mich nicht wie üblich mit meiner Nummer, sondern mit meinem Namen angesprochen hatte. Ich wechselte einen Blick mit meinem Bettgenossen, die anderen schliefen. Wenn ein Sizilianer die Stirn runzelt, ist das Anlass zur Sorge. Pino hatte das untere Bett, denn er war erst letztes Jahr neu dazugekommen. In einem Gefängnis herrschte eine mindestens so strenge Hackordnung wie auf einem Seeelefantenfelsen.

Ich verabschiedete mich nicht, doch es fühlte sich wie ein Abschied an, als ich mit ihnen hinausging und die Tür hinter mir wieder verriegelt wurde. Wir verließen den Zellentrakt, doch wir begaben uns nicht zu einem Besucherraum oder Verwaltungsbüro, sondern zum Ausgang. Ich wagte es nicht, auf irgendetwas zu hoffen. Vielmehr verstärkte sich mein ungutes Gefühl angesichts der beiden Begleiter eher noch.

»Was passiert? Wohin gehen wir?« Ich erhielt keine Antwort auf meine Fragen.

Sie verließen tatsächlich mit mir das Gefängnis durch das riesige neue Rolltor, doch weiterhin, ohne ein Wort der Erklärung dazu zu sagen. In den letzten fünfeinhalb Jahren hatte ich das Gebäude nur zu meinen streng bewachten Arbeitsfahrten zum Straßenbau verlassen, hinten auf der abgedeckten Ladefläche eines Lastwagens. Jetzt tat ich es zum allerersten Mal nachts, ich sah für einen Moment den weiten kalifornischen Vollmondhimmel über mir leuchten. Doch ich war immer noch unter Bewachung und als Nächstes wurde ich in den Fond einer wartenden Limousine gestoßen. Der eine der beiden Männer nahm links von mir Platz, der andere rechts. Sofort gab der Fahrer vorne Gas. Er sah aus wie jemand, dem man selbst im Mondschein lieber nicht begegnen möchte: Er war mittelgroß, kräftig, schief, hatte eine Hasenscharte und gelbe Augen wie ein Wolf, der es liebt, Hasen zu reißen. Sie musterten mich über den Rückspiegel.

Das Ganze erinnerte mich an etwas. Nun kam ich darauf: Ich war schon einmal von zwei Männern abgeholt und in einem Automobil mit unbekanntem Ziel irgendwohin gefahren worden. In Todesangst. Ich war nicht gestorben, aber nichts Gutes war daraus entsprungen, etwas gegen meinen Willen.

Heute war einer von ihnen ein Offizieller. Ich machte Fortschritte.

»Wer sind Sie?«, fragte ich den Mann in der Uniform.

»Byrne. Stellvertretender Gefängnisdirektor«, sagte er mit tonloser Stimme und blickte stur nach vorne. Den Gefängnisdirektor selbst kannte ich. Ich war ihm bei drei Gelegenheiten begegnet, in denen ich eine Eingabe gemacht hatte, um meine vorzeitige Entlassung zu prüfen, und mich auf die Abmachung mit Hoover berufen hatte. Der Direktor hatte behauptet, davon nichts zu wissen, und auch beim Bureau wisse man nichts davon. Diesen Mann hier kannte ich nicht. Ich stellte mir vor, dass er ein Verwaltungsbeamter war – er sah aus wie einer, blass wie Durchschlagpapier –, der in der Klause seines Büros vor sich hin stempelte. Ich hatte zu viel Phantasie, das war mein Problem. Aber warum dieser Beamte mich nun aus dem Knast geholt hatte, was er vorhatte, und warum er die anderen, wortkargen, sehr beängstigenden Männer dabeihatte, konnte ich mir selbst mit größter Vorstellungskraft nicht erklären.

»Und wer sind Sie?«, fragte ich den Gutgekleideten rechts neben mir.

»Ich bin Dr. Goodman«, antwortete er. Sein Gesichtsausdruck blieb abweisend.

Brauchte ich einen Arzt?, fragte ich mich besorgt.

Würde ich bald einen brauchen?

Für den Rest der Fahrt verzichtete ich auf Konversation, da ich sicher war, sie würden mir nicht mehr verraten. Um eine Entlassung schien es jedenfalls nicht zu gehen. Ich fühlte mich unfreier als hinter Gittern.

Dabei war diese Limousine mit ihren Lederpolstern und Edelholzintarsien beeindruckend luxuriös und groß, beinahe futuristisch, von 1923 aus betrachtet, als ich zuletzt in einer gesessen hatte.

Im schmalen Ausschnitt des Seitenfensters sah ich nach draußen, auf die Straßen der nächtlichen Innenstadt, und für einen kurzen Moment erhaschte ich den Anblick eines riesigen weißen Turms, der weit hinten über den vorbeifliegenden Gebäuden aufragte. Die neue, erst vor einem Jahr fertig gestellte City Hall – ich hatte bisher nur Fotos davon gesehen. Ein riesiger weißer phallischer Turm, zweiunddreißig Stockwerke aufragend und von einer pyramidenförmigen Spitze mit einem Leuchtfeuer gekrönt. Wir sahen ihn immer noch, als wir ein paar Mal um Kurven bogen, er war von überall her zu sehen. Er wirkte äußerst beunruhigend, so, als würde dort eine heidnische Gottheit angebetet, die von da oben aus jeden Winkel der ins Uferlose wuchernden Stadt überwachen und kontrollieren könnte. Und bei Bedarf, beim Begehen einer blasphemischen Sünde, jederzeit einen strafenden Bannstrahl überallhin schicken würde.

Wir fuhren inzwischen über einen breiten, palmengesäumten Boulevard, den ich als den Santa Monica Boulevard auszumachen glaubte. Ich staunte über den lebhaften Verkehr, der selbst zu dieser späten Stunde um uns herum herrschte.

Plötzlich roch es nach Ozean. Zumindest kam es mir so vor. Vielleicht war es auch nur eine Einbildung, so ähnlich, wie man angeblich den Duft von Orangen wahrnimmt, kurz bevor man einen Schlaganfall erleidet, vorgegaukelt von den unzuverlässigen Arealen eines angeschlagenen Gehirns. Ich hatte eine Menge gelesen in der Abgeschiedenheit meiner Zelle.

»Betrifft das den Deal mit Mr. Hoover?«, fragte ich nun doch, obwohl ich wusste, dass es nichts brachte. »Danach hätte ich schon viel früher herauskommen sollen.«

Natürlich bekam ich keine Antwort.

Der Salzgeruch wurde stärker, doch mir schien es so, als komme damit eine Gefahr näher. Gedanken an den Pazifik durchjagten mich, das dunkle Meer, dessen Wellen über mir zusammenschlugen … Ich bezähmte meine Angst. Wir bogen auf eine große Straße ein, die von riesigen Villen gesäumt wurde und am Strand zu liegen schien. Auch sie kam mir irgendwie bekannt vor. Schon fuhren wir durch eine geöffnete Einfahrt und hielten vor einem der gigantischen Häuser. Siehst du, eine Villa, nur eine schöne prächtige Villa. Du kennst sie nicht, du warst noch nie hier, aber was soll darin schon Schlimmes warten?

Sie stiegen mit mir aus, der Fahrer und Dr. Goodman nahmen mich in ihre Mitte und steuerten einen Hintereingang an. Das Haus war unheimlich dunkel, nur aus ein paar Fenstern im Hauptgebäude drang Lichtschein. Der stellvertretende Direktor ging hinter uns her, als wir nun eine Treppe zu einem unbeleuchteten Keller hinabstiegen. Mein Optimismus wich wieder der Angst. Und zwar nicht nur, weil ich ein großes Problem mit Dunkelheit habe.

Das Licht einer Deckenlampe ging an und beleuchtete den Raum, den wir betreten hatten. Es war ein großes fensterloses Zimmer, das mit allerlei Dingen vollgestellt war. Entlang der Wände, die wertvoll aussehende Gobelins verzierten, standen sorgfältig arrangiert geschnitzte Möbel, ein Beichtstuhl, Gemälde, Skulpturen, antike Plastiken, Ritterrüstungen und dergleichen. Ich sah Schwerter, Armbrüste, Schilde, einen gewaltigen Morgenstern. Da war auch eine mittelalterliche Streckbank, die mich stutzen ließ, und ein Gerät mit Daumenschrauben und daneben eine Kopfpresse. Und dann noch ein hölzernes Instrument, das wie ein Thron aussah, aber keiner war, sondern über zwei käfigartige Beinbehälter aus Eisengittern verfügte. Ich hoffte, dass es nicht darum ging, eher um die hier versammelten Kunstwerke. Ich sah schaudernd weg.

Mein Blick fiel so auf einen großen Stuhl mit einer hohen Lehne, der auf Anhieb relativ normal aussah. Er stand im hinteren Teil des Kellers an einer freigeräumten Stelle. Als sie mich näher zu ihm zogen, erkannte ich, dass sich Ledergurte daran befanden, mit denen man jemanden festbinden konnte. Von ihm führten außerdem Kabel zur Wand. Und oberhalb der hohen Lehne …

Es war ein elektrischer Stuhl.

Ich blieb instinktiv stehen und versuchte mich dagegenzustemmen, doch die beiden Männer stießen mich weiter auf den Stuhl zu. Sie drückten mich darauf und als ich saß, zwangen sie erst den einen und dann den anderen Arm auf die Lehnen und banden sie mit den Ledergurten fest.

»Nein, kommen Sie schon«, sagte ich. »Das ist doch albern.«

Sie banden jetzt meine Füße fest. Der uniformierte Gefängnisoffizielle sah mit reglosem Blick auf mich herab wie eine schreckliche blasse Sphinx. Der Arzt, dachte ich nur. Der Arzt soll deinen Tod feststellen. Nun nickte der stellvertretende Gefängnisdirektor den beiden Männern nacheinander zu und dann tat er etwas Furchtbares: Er drehte sich um und verließ den Raum.

»He!«, rief ich ihm hinterher. »Sie können mich doch nicht hierlassen!«

Aber genau das tat er.

Die beiden Männer fixierten jetzt meinen Kopf mit einem Gurt um die Stirn an der Lehne.

»Sie können mich nicht exekutieren, das weiß ich«, sagte ich, »ich bin ordnungsgemäß verurteilt. Zu zehn Jahren Haft. Nicht zum Tod. Es gibt doch wohl eine funktionierende Gerichtsbarkeit in diesem Staat.« Ich bin ein hemmungsloser Romantiker, ich weiß. »Und ich bin unschuldig.« Sie schienen mich nicht gehört zu haben.

Sie wollen dir nur Angst machen, dachte ich – seltsam, wie man sich in solchen Momenten zu beruhigen versucht: Das ist eine lächerliche Inszenierung, äußerst durchsichtig, und so etwas wird nicht zum ersten Mal an mir ausgeführt. Mich beginnt das alles zu langweilen, nein: zu amüsieren, aber wirklich.

Beinahe hätte ich jetzt gelacht. In Kalifornien waren Hinrichtungen mit dem elektrischen Stuhl nicht zugelassen, nur mit der Giftspritze, das wusste ich sicher. Gefängnisinsassen wissen sehr genau Bescheid über so etwas, so wie Milchbauern über Kannen und Kühe Bescheid wissen und städtische Beamte über Pensionsansprüche.

»Damit können Sie mich hier nicht hinrichten, geben Sie’s auf«, sagte ich.

Sie schnallten mir nun etwas auf den Kopf, das wie ein Footballhelm aus Leder aussah. »Mit Football habe ich nichts am Hut«, sagte ich heiter. »Ich bin Deutscher, wir spielen Fußball.«

Drähte führten von dem Helm auf meinem Kopf zu einem Schalter an der Wand. Er sah ziemlich echt aus. Sie hatten offenbar an alles gedacht. Aber wenn sie mich wirklich damit hinrichten wollten wie in Sing-Sing im Staat New York oder in Massachusetts, hätte der Gefängnisoffizielle hierbleiben müssen und nicht gehen dürfen. Was man sich so einbildet, wenn es um das nackte Leben geht: Es sei nur einer ihrer Tricks und ich kenne sie doch alle bereits.

»Ich habe außerdem eine Abmachung mit J. Edgar Hoover, dem Chef des Bureau of Investigation, wie ich bereits sagte«, fügte ich hinzu. »Er hat mich im Knast besucht und sie mit mir vereinbart, darauf erfolgte 1924 das Urteil. Sie können ihn fragen, ich schlage vor, dass Sie ihn anrufen.« Der Mann mit den Wolfsaugen ging zu dem Schalter mit dem großen Hebel an der Wand und stellte sich daneben auf. »Ich soll bei guter Führung vorzeitig freikommen, das hat er mir zugesichert. Und ich habe mich gut verhalten, das hat mir der Gefängnisdirektor persönlich bestätigt …«

Ich sah von ihm zu dem Doktor, der frontal vor mir stand und mich kalt begutachtete, und wieder zurück zu dem anderen.

Bis zuletzt glaubte ich nicht, dass er den Schalter umlegen würde. Dann tat er es.

Das kannte ich noch nicht.

Ich weiß noch, dass ich als Letztes dachte: Ach, Polly.

Nichts geschah. Kein Blitz, kein Schmerz, kein Geruch von gebratenem Fleisch – meinem Fleisch. Einfach nichts.

Ich hatte das Auge geschlossen und alle Muskeln angespannt, und als ich es wieder öffnete, und merkte, dass ich nicht gestorben war, bekam ich mit, dass die beiden Männer mir den Helm wieder abnahmen und nun auch die anderen Gurte lösten. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um genauer darauf zu achten, und blieb trotzdem auf dem Stuhl sitzen, obwohl ich nun nicht mehr daran gefesselt war. Das Nächste, was ich wahrnahm, war, dass die beiden Männer den Raum verließen. Die Tür blieb offen, und nun kam ein anderer Mann herein.

Er war über sechzig, sehr groß und hatte ein Gesicht, das etwa so hart gemeißelt war wie die Gesichter der Präsidenten, die zurzeit am Mount Rushmore in den Fels gehauen wurden.

Es war William Randolph Hearst. Den kannte ich nun wieder.

»Mr. Hardy Engel«, begrüßte er mich freundlich, als begegneten wir uns eben am Santa-Monica-Pier, den wir ein Eis schleckend entlangspazierten. »Wie geht es Ihnen?«

Ich konnte nicht antworten. Er war es wirklich, er stand da leibhaftig vor mir. Der Zeitungstycoon, der mächtigste Verleger und Besitzer eines gewaltigen Imperiums zahlreicher höchst erfolgreicher Boulevardblätter, eine absolute Größe des Landes und seit Jahren auch noch ein maßgeblicher Filmproduzent Hollywoods. Ich war schon mehrfach mit ihm aneinandergeraten. Weil ich ihn ersucht hatte, die Wahrheit zu meinen früheren Fällen in seinen Zeitungen zu drucken, die ich ermittelt hatte und die niemand anerkennen wollte. Aber natürlich war das auch bei ihm, dem Erfinder der Boulevardpresse, vergeblich gewesen. Er hatte nur veröffentlicht, was ihm passte und sich in grelle Schlagzeilen packen ließ; zuletzt Material von mir zu einem Politskandal.

Er war älter geworden, zerfurchter, grauer. Doch seine wasserblauen Augen blinkten und er sah immer noch aus wie ein großer Junge – wie ein großer aufgerichteter hungriger junger Grizzlybär, so ein großer Junge.

»Was soll das hier?«, brachte ich jetzt mühsam hervor.

»Ich habe ein Angebot für Sie, Mr. Engel«, sagte er fröhlich. »Wollen Sie es sich anhören?«

Es würde natürlich kein echtes Angebot sein, das war mir sofort klar. Das war lediglich, wie diese Herrschaften sich auszudrücken beliebten. Hoover hatte es damals ganz ähnlich gesagt.

Ich schlug es nicht direkt aus. Aber ich war so wütend, dass ich als Antwort nur sagte: »Geben Sie mir Ihre Hose!«

2

Kurz darauf saß ich in einer Tweedhose, die mir zu weit war, in einem Chintzsessel, dem bequemsten Stück der Kostbarkeiten in dem Kellerraum.

Die Hose gehört eigentlich dem Butler von Hearst. Hearst selbst hatte sich verweigert und nur gesagt: »Seien Sie nicht albern, Hardy.«

Ja, ich hatte mir vorhin in die Hose gemacht. Sie hätten sich auch in die Hose gemacht und dabei geweint.

Einen von W.R. großmütig und gönnerhaft angebotenen Drink hatte ich abgelehnt und mir eine Cola bringen lassen, was er äußerst zufrieden aufnahm. Es war auch seine Wahl für sich selbst. Offenbar war es eine Art erster Test gewesen, und ich hatte ihn bestanden. Ich war immer noch wütend, aber entschlossen, die ganze surreale Situation zu akzeptieren und mir anzuhören, was er mir vorschlagen wollte. Er war so mächtig, dass man ihm in meiner Lage zuhören musste, das war mir bewusst. Und ihm war es leider auch bewusst.

»Das ist der elektrische Stuhl, mit dem Sacco und Vanzetti vor anderthalb Jahren in Charlestown hingerichtet worden sind, ich habe ihn gekauft«, sagte er selbstzufrieden und strich mit den Händen über das gute Stück, das mir nun gegenüberstand. »Beeindruckend, nicht wahr, Hardy?«

Ich ertränkte meine Antwort in einem blubbernden Schluck Cola. Die Hinrichtung der beiden italienischstämmigen Anarchisten, die weltweit große politische Proteste hervorgerufen hatte, war eine weitere Nachricht gewesen, die mir bei der Latrinenlektüre untergekommen war. Dass ich und mein Hintern später noch einmal persönliche Bekanntschaft mit sie betreffenden Reliquien schließen würden, hätte ich mir nicht träumen lassen. Es war mir auch piepegal. Ich hatte schließlich nicht wie Hearst einen obsessiven und kranken Sammlertick für solche Dinge. Der in Hollywoodkreisen allgemein bekannt war, dafür hätte man all die Gegenstände hier im Keller nicht als Beleg gebraucht.

»Das mit dem Schalter ist natürlich nur ein Gag«, sagte er mit einem komplizenhaften Zwinkern. Ich krampfte meine Hand um das Kristallglas mit der braunen Brause darin. Natürlich war es Absicht, dass wir noch immer in dem Kellerraum waren und uns nicht nach oben begeben hatten. Er wollte den Druck auf mich aufrechterhalten.

Er zeigte an der Wand entlang auf ein anderes Stück. »Das da ist übrigens ein sogenannter Spanischer Stiefel, aus der Zeit der Inquisition.« Es war das thronähnliche Folterinstrument mit den Beinkäfigen. »Wissen Sie, wie er funktioniert? Es ist faszinierend, Hardy. Der zu Verhörende musste seine Beine in diese Behälter stecken und dann hat man langsam zugedreht, immer weiter, immer enger …« Seine rechte Hand zeigte auf die Holzhebel und schwang im Kreis. Sein Gesicht strahlte echte Begeisterung aus. »Es war besonders bei Frauen extrem wirksam. Sie haben am Ende alle gestanden, Hardy, einfach alle! Ich weiß nicht, wie gut Ihre historischen Kenntnisse sind, aber die Inquisition war extrem erfolgreich, Jahrhunderte lang …«

»Obwohl sie auf einer ganz falschen Ideologie beruhte«, sagte ich. »Aber die Mächtigen haben sie dank ihrer Terrorherrschaft einfach als Wahrheit durchgesetzt. So etwas wäre heute natürlich undenkbar, nicht wahr.«

Wir lächelten uns an wie Raubtiere. Dann hellte plötzlich ein neuer, offenbar schöner Gedanke sein Gesicht auf und seine Haltung wechselte mit verblüffender Schnelligkeit zu Sentimentalität.

»Ich will mit diesen Sachen eigentlich mein Hearst Castle in San Simeon ausstatten, aber Marion ist dagegen«, meinte er und lächelte versonnen. »Sie sagt, sie will solche grausamen Dinge nicht jeden Tag da sehen, wo wir das Leben und unsere Liebe feiern.«

Marion Davies, seine Geliebte, kannte ich auch, noch von meiner Zeit als Statist. Eine hübsche junge blonde Schauspielerin, mit der Hearst offen zusammenlebte, obwohl er weiterhin verheiratet war, und die er zum Star seines Studios und seiner teuersten Filme gemacht hatte. Trotzdem ließ er seine Journalisten jeden Ehebruch in Hollywood anprangern, als sei er der treueste Gatte westlich der Appalachen.

»Und was ist das da?«, fragte ich und zeigte neben den Spanischen Stiefel. Dort stand auf einem kupfernen Ständer ein großer Glaszylinder mit einer Apparatur darin, aus der sich mit einem Rattern unablässig ein dünner weißer Papierstreifen herauswand, der auf dem Boden geringelte weiße Haufen auftürmte.

»Oh, das ist ein Ticker«, sagte er und eilte dorthin. »Er sendet mir Börsenwerte und Eilnachrichten, rund um die Uhr, niemand kommt heutzutage mehr ohne einen aus …«

Er nahm den gerade herauslaufenden Papierstreifen in die Hand und las ihn. Dann riss er ihn ab und warf ihn achtlos zu Boden auf den großen Papierstreifenhaufen. Schon tickerte ein neuer endloser Streifen nach. Ein Folterinstrument modernerer und noch viel furchtbarerer Art, wie mir schien.

»Na schön, Mr. Hearst«, sagte ich und nahm mir eine Chesterfield aus der Packung, die ich mir ebenfalls hatte bringen lassen. »Kommen wir doch mal zur Sache. Sie haben mir hinlänglich klargemacht, dass Sie über eine große Macht und Reichtum verfügen, als hätte ich das nicht sowieso schon gewusst. Ich bin beeindruckt, und meine Sträflingshose gibt beredtes Zeugnis davon und ist ruiniert. Was wollen Sie eigentlich von mir, warum haben Sie mich aus dem Gefängnis herbringen lassen? Und verdammt noch mal, wie konnten Sie das nur anstellen?«

Ich zündete die Zigarette an und nahm einen ersten Zug.

Er spreizte sich selbstgefällig. Dann setzte er sich auf den elektrischen Stuhl.

»Mr. Engel, wie Sie wissen, bin ich in Kalifornien eine politische Instanz, deshalb hatten Sie mir ja auch schon Material zugespielt. Meine Presseorgane verleihen mir nun mal einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinung, ob es um Filmstars oder um Politiker geht, ich kann sie alle ›machen‹. Im Grunde bestimme ich, wer Gouverneur wird, also sind mir viele Menschen verpflichtet. Und also ist es mir auch möglich, einem verdienten, unschuldigen Bürger wie Ihnen zu Ihrem Recht zu verhelfen. Womöglich.« Er hob einschränkend einen Finger. »Wenn Sie mir da bei einer Sache helfen.«

Selbstverständlich, dachte ich.

Und dabei war ich ehrlich gesagt noch damit beschäftigt, mich in meine Zelle zurückzuwünschen. Die Bettstatt dort kam mir bequem und warm vor, der unter mir schnarchende Sizilianer wie ein federleichter, anämischer Rauschgoldengel. Der nicht furzte.

»Ich bin ganz Ohr«, sagte ich.

»Mr. Engel, ich werde erpresst!« Hearsts gebirgiges Gesicht nahm den Ausdruck naiver Empörung an.

Ich auch, wollte ich spontan antworten. Doch ich hatte dazugelernt. Mein seltenes Talent, das Falsche zu sagen und aus Feinden auch noch regelrechte Fressfeinde zu machen, musste ja nicht jedes Mal zur Anwendung kommen.

»Ach, wirklich? Sie wollen mich aus dem Knast holen lassen, um für Sie eine Erpressung zu lösen?« Ich sah ihn stirnrunzelnd an. »Wer ist denn so wahnsinnig, Sie zu erpressen, um Himmels willen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Hearst so, als wäre das doch sonnenklar. »Das sollen ja gerade Sie herausfinden, Hardy!«

Na gut, beschwichtigte ich mich und versuchte, mich am Riemen zu reißen: Spiel einfach mal mit. Du bist also wieder Privatdetektiv. Alles noch total eingerostet, klar, und eigentlich wolltest du das auch nie wieder sein, aber dir bleibt gar nichts anderes übrig und vielleicht kommst du damit ja wirklich raus aus dem Knast, wo sie dich begraben und vergessen haben. Der Mann ist völlig verrückt, das weißt du schon seit 1921, aber er ist wirklich in der Lage, dich da herauszuholen, das weißt du auch genau. Hör es dir also an.

»Dann handelt es sich um eine anonyme Erpressung?« Ich glaube, ich hätte sogar mein Notizbuch gezückt, wenn ich eines dabei gehabt hätte. »Schildern Sie mir doch bitte die genaueren Umstände, soweit sie Ihnen bekannt sind, Mr. Hearst.«

Hearst stand wieder auf und ging in dem Raum auf und ab, während er nun erzählte, in sorgfältig abgewogenen und zurechtgelegten Worten.

»Vor zwei Wochen habe ich ein anonymes Drohschreiben erhalten, gerichtet an mein Büro bei den Cosmopolitan Pictures hier in Los Angeles.« Er stutzte und sah hoch. »Meine Filmproduktionsfirma. Sie sind ja seit Jahren nicht auf dem Laufenden – wir produzieren mittlerweile für Metro-Goldwyn-Mayer auf deren Gelände die Filme von Marion und viele andere, sehr erfolgreiche.« Ich nickte. Die Produzenten Louis B. Mayer und Samuel Goldwyn, ebenfalls unliebsame alte Bekannte von mir, hatten sich 1924 mit der Kinokette Loew’s Inc. zusammengeschlossen und besaßen mittlerweile das größte Studio Hollywoods. Zahlreiche bekannte Produzenten und Firmen arbeiteten für sie. Klopapier-Wissen. »Es ist mit einer handelsüblichen Schreibmaschine geschrieben und lässt keine Rückschlüsse auf den Absender zu.«

»Woraus besteht die Drohung denn? Ich nehme an, sie ist glaubhaft?«

Hearst seufzte auf wie ein Teenager, der unter Weltschmerz leidet. »Das kann man wohl sagen. Der Erpresser will der Staatsanwaltschaft in Kürze gewisse Beweise übergeben, die mich angeblich belasten. Aber es ist noch schlimmer«, sagte er erregt. »Das Problem ist, dass der Staatsanwalt schon Ermittlungen gegen mich eingeleitet hat, die in diesem Augenblick andauern! Können Sie sich das vorstellen?«

Er verzog das Gesicht und sah mich betroffen an.

Ich blies die Backen auf. »Schwerlich! Denn Sie haben doch gerade noch gesagt, dass Sie die Behörden in Los Angeles alle in der Tasche haben?«

Es war die diplomatischste Antwort, die ich geben konnte. Dass Hearst Dreck am Stecken hatte, welcher Art auch immer, fand ich natürlich absolut vorstellbar, aber das musste ich ihm ja nicht direkt auf seine Nase binden, die ihm wie ein Rammsporn aus dem Gesicht ragte.

Er winkte verächtlich ab. »Es ist der Bezirksstaatsanwalt von San Diego, nicht von hier! So ein junger, ehrgeiziger Kerl mit Flausen im Kopf, Chester C. Kempley heißt er. Der will die Welt aus den Angeln heben und offenbar hat er sich in den Kopf gesetzt, sich dazu mit mir anzulegen! Gegen den ist nichts auszurichten, wir haben nun mal eine unabhängige Justiz.« Er lächelte schief. »Deswegen müssen Sie mir ja helfen.«

Ausnahmsweise halt jemand, der unbestechlich ist, dachte ich, nicht so korrupt wie alle hier in Los Angeles, einschließlich Bezirksstaatsanwalt Keyes, meines wohlverdienten Knastbruders. Und der Gouverneur, Hearsts Marionette, war einem solchen Amtsträger gegenüber nicht weisungsberechtigt.

»Warum denn ausgerechnet San Diego?«, fragte ich.

»Na, da hat sich die Sache abgespielt, um die es geht. Zumindest fällt sie in dessen Zuständigkeit.«

Ich beugte mich vor und fragte es nun endlich.

»Welche Sache, Mr. Hearst?«

Er baute sich vor mir auf und blickte mich starr an. Erst nach ein paar Sekunden verstand ich, dass er seine Augen auf maximal groß, hell und blau einstellte, um das Folgende möglichst gut wirken zu lassen.

»Ein wirklich sehr tragischer Unglücksfall vor ein paar Jahren, Hardy. Im November 1924 haben ich und Marion mit ein paar Freunden einen kleinen Ausflug mit meiner Jacht gemacht, der Oneida, so wie häufig. In San Diego kam mein lieber Freund Thomas Ince zu uns an Bord, der prominente Filmproduzent und Regisseur, der Mann, der den Western erfunden hat. Ich hatte ihn eingeladen, um seinen Geburtstag mit uns zu feiern, ein prächtiges Dinner an Bord. Bedauerlicherweise wurde er dann in der Nacht krank und wir mussten ihn von Bord bringen lassen und in ärztliche Behandlung übergeben. Das geschah auf die kompetenteste Weise, doch leider verstarb er zwei Tage später in seinem Haus in Beverly Hills.«

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht allzu viel darüber, außer dass ich mich dunkel erinnerte, von seinem frühen, plötzlichen Tod gelesen zu haben. Sie wissen, wo. Ince war ein Filmpionier gewesen, einer der ganz großen und ersten in Hollywood, mir als früherem Schauspieler war er natürlich ein Begriff.

»Woran genau verstarb er?«

»Letztlich an Herzversagen. Offenbar litt er an heftigen Vorerkrankungen, von denen wir leider nichts gewusst hatten. Äußerst tragisch, wie gesagt.«

»Und nun bezichtigt Sie dieser Anonymus, für seinen Tod verantwortlich zu sein? Zeigen Sie mir das Schreiben.«

Er nickte und zog es aus seiner Tasche. Als er es mir hinhielt, erklärte er:

»Es waren keine Fingerabdrücke darauf, keine sonstigen Spuren oder Hinweise.«

Es war ein normales weißes Blatt, beschrieben in einer regelmäßigen Schreibmaschinenschrift. Der Text lautete:

»Zu Händen Mr. W.R. Hearst.

Ich weiß, was im November 1924 auf Ihrer Jacht Oneida wirklich geschehen und wie Thomas Ince zu Tode gekommen ist. Die Staatsanwaltschaft hat einen ersten entsprechenden Hinweis auf den Mord bekommen. Sie wird in Kürze einen zweiten eindeutigen Beleg dafür erhalten. Ich melde mich wieder.«

Ich atmete durch und hielt das Blatt gegen das Licht des Deckenlüsters, doch ich sah kein Wasserzeichen.

»Sie bekommen nachher einen Fotoabzug«, sagte er und streckte die Hand aus. Ich gab ihm das Blatt wieder zurück und er steckte es ein.

»Er schreibt von ›Mord‹ … Ich bin natürlich unschuldig!«, rief Hearst und legte wie zum Schwur die Hand auf sein Herz. »Thomas Harper Ince war einer meiner besten Freunde, und ich habe mich sofort um ihn gekümmert, als ich nachts geweckt wurde und erfuhr, dass es ihm schlecht ging. Aber wir wissen ja alle, dass man jedem jederzeit trotzdem etwas anhängen kann, wer wüsste das besser als Sie selbst, Mr. Engel!«

Er sah mich beifallheischend an.

»Und diese angeblichen Beweise, was könnte das sein?«

»Das weiß ich nicht, und der Staatsanwalt will nicht sagen, was er schon bekommen hat. Vermutlich nur bloße Behauptungen oder Hörensagen! Jedenfalls hat er mich jetzt auf dem Kieker, seine Ermittlungen laufen und es gab eine Razzia auf der Jacht!«

»Fünf Jahre später?« Ich war mir beinahe sicher, dass es dann etwas wirklich Handfestes sein musste. »Hat die Polizei etwas gefunden?«

»Natürlich nicht, es ist völlig absurd! Sie haben sogar die Matrosen auf versteckte Flachmänner hin durchsucht, können Sie sich das vorstellen?«, empörte sich Hearst. »Trotzdem muss ich dem Verdacht etwas entgegensetzen und dafür jemanden tätig werden lassen. Ich habe Sie dafür ausgewählt, Hardy. Sie müssen das untersuchen und am besten aus der Welt schaffen.«

»Der Erpresser wird natürlich wollen, dass Sie ihm Geld geben.«

»Darauf läuft es ganz sicher hinaus, die Übergabe sollen Sie dann für mich übernehmen. Denn es wird vermutlich unsere beste Chance sein, an ihn heranzukommen. Aber ich stehe schon jetzt unter Zeitdruck – ich bin mir sicher, dass er in Kürze nachlegen und mit einer neuen konkreten Forderung kommen wird.«

»Damit stehe ich unter Zeitdruck«, präzisierte ich.

»Es ist Ihre Chance freizukommen«, sagte Hearst und hob die Augenbrauen. »Denn Sie müssen natürlich gleich anfangen zu ermitteln und ihn möglichst schon vorher finden. Mein Ruf ist in Gefahr, der von Marion auch, sie war ja ebenfalls an Bord! Wir planen große Dinge in diesem Jahr, mit all ihren Filmen, mit allem. Nichts darf das gefährden, kein Skandal. Ich bitte Sie, Hardy, helfen Sie mir, diese Ungerechtigkeit abzuwenden, dann Sie können Ihre eigene damit aufheben. Das ist ein guter Deal. Was sagen Sie?«

Er sah mich erwartungsvoll an.

»So schnell wie möglich also …«, wiederholte ich und sah auf die Hose und entfernte ein Stäubchen von dem Tweed. Ich wusste, dass er mir noch längst nicht alles gesagt hatte und dass er womöglich auch nicht dazu bereit war. Es würde gewaltige Probleme unbekannter Art geben, das sah ich ganz deutlich voraus, und zumindest wollte ich die Risiken, soweit es ging, kennen, bevor ich einwilligte, sonst konnte ich genauso gut gleich in meiner Zelle bleiben.

»Aber wie soll das gehen, Mr. Hearst? Im Moment bin ich nur der Gefängnisinsasse 27026. Und bis wir einen Antrag auf Bewährung stellen …«

Ich zögerte ernsthaft, trotz meiner Notlage, und das konnte er auch deutlich sehen.

»Ich habe Ihre Entlassungsverfügung bereits hier«, sagte er erleichtert. »Wenn Sie meinen Auftrag annehmen, kommen Sie natürlich sofort frei.«

Er wollte in die Tasche greifen und etwas hervorziehen, doch dann hielt er inne.

»Aber wo habe ich nur meinen Kopf?«, rief Hearst plötzlich aus und lachte: »Da erzähle ich Ihnen die ganze Zeit von meinen Problemen, hier unten in diesem ungemütlichen Lagerraum, und schwärme Ihnen auch noch von einem Dinner vor … Lassen Sie uns doch nach oben gehen, da ist nämlich eines angerichtet, extra für Sie!« Er legte mir den Arm um die Schultern und hob mich mit erstaunlichen Kräften regelrecht aus dem Sessel. »Sie müssen doch völlig ausgehungert sein nach der harten Gefängniskost – kommen Sie!«

3

Die Hand auf meinem Oberarm, bugsierte er mich zur Treppe.

»Es geht schon …«, brummte ich.

Er wollte mich jetzt überzeugen, demonstrieren, was für ein charmanter Menschenfänger und empathischer Charakter er war.

»Ich hatte vorhin ein Gespräch mit Gouverneur C.C. Young über Sie, Hardy. Sie hätten längst freikommen müssen, vorzeitig wegen guter Führung, so wie Sie es vereinbart hatten. Leider haben Sie offenbar mächtige Feinde, die das bisher willkürlich blockiert haben. Aber jetzt haben Sie mich auf Ihrer Seite. Zum Glück hatte ich mir Ihren Fall noch einmal angesehen. Natürlich sind Sie unschuldig, und abgesehen davon waren Sie ein vorbildlicher Häftling. Dank meiner eindringlichen Fürsprache konnte ich eine neue Entscheidung herbeiführen, eine zu Ihren Gunsten!«

Wir waren jetzt über eine Treppe und einen langen Flur mit unglaublich weichen Teppichen zu einer Flügeltür gelangt, die von dem bereitstehenden Butler aufgestoßen wurde. Nun betraten wir eine Wohnhalle, so dekadent eingerichtet wie der Prunksaal eines Potentaten direkt vor der Revolution, an deren verzierter Decke ein riesiger Kristalllüster gleißendes Licht verströmte. Davon geblendet schloss ich mein Auge und als ich es wieder öffnete, saß ich auf einem goldenen Louis-Quatorze-Sessel, dessen Polster mit Bourbonen-Wappen übersät waren. Vor mir stand ein Tisch voller Essen – ich erkannte Hühnchen, Aal, Lachs, eine Platte geöffneter frischer Austern. Daneben ratterte ein weiterer Ticker-Glaskolben vor sich hin und spuckte Papierstreifen aus. Offenbar hatte er einen in jedem Raum. Hearst schob sich von links mit einem Blatt Papier in mein Blickfeld.

»Hier, der Gouverneur hat schon unterschrieben. Sie sind ab sofort auf Bewährung frei, Hardy. Aber greifen Sie doch zu!«

Ich nahm es nicht, doch ich ließ meinen Blick über das Dokument wandern, das er mir hinhielt, und sah meinen Namen und die offizielle Unterschrift mitsamt Stempel. Es hatte alles seine Ordnung, ja. Aber es vergrößerte auch mein Misstrauen. Warf weitere Fragen auf bezüglich der Notlage, in der nicht ich, sondern er war.

»Fehlt etwas?«, fragte er besorgt, sah dann zum Tisch. »Beluga-Kaviar?«

»Danke«, sagte ich. »Ich bin im Moment nicht hungrig.« Was sogar stimmte. So ein Gumbo ist reichhaltig. »Haben Sie mir denn auch schon alles gesagt, Mr. Hearst, das ich wissen muss? Wirklich alles? Denn wenn ich für Sie in einem solch heiklen Fall ermitteln soll …«

»Aber selbstverständlich!«, rief er aus. Dann setzte er sich neben mich in einen zweiten Sessel. »Alle damals anwesenden Zeugen haben eidesstattliche Aussagen dazu abgegeben und auch die Ärzte, die Ince behandelt haben und die offizielle Todesursache, die festgestellt worden ist, belegen klar, was an Bord geschehen ist! Sie werden die Unterlagen gleich bekommen.«

Ich ließ es mir durch den Kopf gehen. Hinter ihm konnte ich durch große Panoramafenster den Pazifik erahnen. Ich meinte erneut, dessen Salzwasserluft riechen zu können.

»Was überlegen Sie denn noch, um Himmels willen? Nehmen Sie meinen Auftrag endlich an!«

»Mr. Hearst, lassen Sie mich ganz offen sein: Sollte an den Vorwürfen, mit denen Sie erpresst werden, doch irgendetwas dran sein, dann muss ich das wissen, das ist Ihnen doch hoffentlich klar.«

»Selbstverständlich ist es das«, sagte Hearst voller Inbrunst.

»Oder wenn ich irgendetwas Konkretes suchen muss.« Ich sah ihn fragend an. »Den zweiten Beleg, von dem in dem Erpresserbrief die Rede ist, zum Beispiel.«

»Das ist es ja gerade, ich kann mir überhaupt nicht denken, welche Beweise handfester Art es geben könnte in diesem Jahre alten Fall eines armen Teufels, der an einer tragischen Krankheit verstorben ist.« Hearst verdrehte die Augen. »Es kann sich nur um etwas Konstruiertes handeln. Aber sollte es da etwas geben, will ich natürlich, dass Sie es finden und sicherstellen.«

Er legte das Dokument auf einen Tisch neben mich.

Ich nahm es immer noch nicht. Ich starrte auf den Ärmel der schwarz-weiß gestreiften Sträflingsjacke, die ich immer noch trug.

»Warum wollen Sie unbedingt mich?«, fragte ich. »Bei Ihren unendlichen Ressourcen und Ihrem gewaltigen Netzwerk, das habe ich noch nicht verstanden. Sie könnten jeden darauf ansetzen, und Sie haben Ihre eigenen Leute, die sich sehr robust um Ihre Sicherheit kümmern.« Ich zeigte vage nach unten, in Richtung Keller. »Warum ich, ein ehemaliger Privatdetektiv aus dem Knast?«

»Das sollten Sie als großes Kompliment verstehen, Hardy …«, begann Hearst. »Die Antwort ist natürlich, dass Sie dafür höchst geeignet sind, wie ich aus der Vergangenheit ja weiß, Sie gehen bei Ihren Fällen den Dingen wirklich auf den Grund, mehr als jeder andere. Ihr Ruf, dass Sie unbestechlich sind, ein Mann, der nicht mitspielt, ist in Hollywood durchaus verbreitet. Beinahe so weit wie der von Charlie Chaplin, dass er einen ganz passablen Tramp abgeben kann.« Hollywoods unumstrittener Superstar nun schon seit fünfzehn Jahren, dem ich auch schon begegnet war. »Und jemand, der anders gestrickt wäre, könnte diesen Fall doch gar nicht für mich lösen!«

»Das ist wirklich alles?«

»Und auch, weil Sie in Ihrer aktuellen Lage über die nötige Demut verfügen sollten. Auch deshalb. Nun essen Sie doch endlich etwas, Hardy, bitte!«

Er stellte die Austernplatte vom großen Tisch auf den kleinen Tisch neben das Dokument, als könnte das die Diskussion beenden. Ich griff noch immer nicht zu. Ich war mir sicher, dass es noch einen anderen Grund geben musste. Vermutlich einen ganz entscheidenden. Einen, den ich wissen musste.

»Hat Marion sich mich gewünscht?«

»Marion?« Eine Wolke zog über sein Gesicht. »Wieso Marion?«

Ganz Hollywood war voller Geschichten gewesen über seine übergriffige Rolle als Beschützer, sein aufbrausendes Temperament; ich selbst hatte mitbekommen, dass meine damals bereits bestehende Bekanntschaft mit Marion einmal sein Misstrauen erregt hatte. Seine Eifersucht.

»Weil Sie sich von früher kennen …«, sagte er grübelnd, »stimmt, Sie haben sich bei einem Stummfilmdreh kennengelernt, nicht wahr, sie mag Sie …« Er betrachtete mich finster. »Wieso Marion?«, wiederholte er schrill.

Es war nicht der Grund, den ich suchte. Ich hatte ihn bloß zufällig an einem Punkt getroffen, an dem er verletzlich war. Einem sehr interessanten Punkt freilich.

»Nur so ein Gedanke«, beschwichtigte ich. »Weil es sonst doch ein sehr weiter Weg für Sie war, auf mich zu kommen.«

Er ließ sich in einen Sessel mir gegenüber plumpsen, diesmal einen aus der Louis-B.-Mayer-Epoche. Plötzlich hellte sich sein Gesicht wieder auf.

»Sie sind Deutscher«, rief er strahlend. »Deswegen habe ich Sie so ins Herz geschlossen. Ich liebe Deutschland, ich liebe die Deutschen, ich liebe überhaupt alles Deutsche!«

»Ernsthaft?«

»Jawohl! Aber natürlich!«, jubelte er. »Sie können Marion fragen, Sie können jeden fragen. Wir sind beinahe jedes Jahr dort, letztes Jahr drei Monate lang, mit einer ganzen Entourage! Ich kure immer in Bad Nauheim, ich liebe München und seine Biergärten, Oberbayern, die Berge, ich kann gar nicht genug davon kriegen! Ich jodele sogar, Hardy! Ich habe in Berchtesgaden einen Kurs dafür besucht!«

Er sah mich begeistert an. Es war echte Begeisterung.

»Jetzt veralbern Sie mich aber, Mr. Hearst«, sagte ich.

»Wenn ich es Ihnen doch sage!« Hearst sprang auf die Füße, stellte sich in Positur – und dann jodelte er. Wirklich. Er ließ einen herzhaften Jauchzer erklingen und dann folgte ein Abfolge von Gurrlauten und Schreien, die mir einen Schauder über das Rückgrat schickten und gar nicht mehr aufhören wollten. Irgendwann war er damit aber auch wieder fertig.

»Bravo«, sagte ich. »Ich selbst stamme aus Mannheim, das ist so, als würden Sie einem Mann aus New Jersey mit Texasliedern kommen.«

»Deutsch ist deutsch«, sagte Mr. Hearst so gewinnend wie gefährlich und noch dazu auf Deutsch. »Und ich liebe übrigens Herrn Hitler! Adolf Hitler, Sie müssen von ihm gehört haben, ich bewundere ihn und möchte ihn unbedingt kennenlernen und interviewen, ich glaube, er hat eine große politische Zukunft …!«

Auch den kannte ich nur vom Scheißhaus. »Mit der Politik will ich nichts mehr zu tun haben«, sagte ich. »Und ich bin inzwischen Amerikaner.«

Sein Enthusiasmus wich einer augenblitzenden Gefährlichkeit. Seine Haltungswechsel waren atemberaubend, sie hatten mich schon früher stets ebenso verblüfft wie alarmiert. »Sie werden das für mich machen«, sagte er leise drohend. »Oh ja, das werden Sie. Oder ich zerreiße das hier. Sofort.«

Und er nahm das Dokument zwischen die Finger und hielt es provozierend hoch. Stimmt ja, ich wurde auch erpresst. Das hatten wir also gemeinsam. Ich seufzte.

»Ich kann mit allen Zeugen reden, die an Bord der Jacht waren?«, fragte ich.

»Vorbehaltlos. Mein Sekretär Dr. Goodman hat eine Liste für Sie, er war selbst auch zugegen.«

»Auch mit Marion?«, legte ich nach. »Kann ich sie dazu alleine unter vier Augen sprechen, ohne Sie?«

Sein linkes Auge zuckte. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle.

»Wenn Sie darauf bestehen – warum denn nicht?« Hearst warf lachend den Kopf in den Nacken. Er sah damit für einen Moment aus wie die Bugfigur einer Jacht. »Ich weiß, dass sich manche Leute erzählen, ich wäre krankhaft eifersüchtig. Sie rechnen uns vor, dass der Altersunterschied vierunddreißig Jahre beträgt … Aber wir lieben uns und vertrauen uns blind! Natürlich, befragen Sie Marion ruhig, wie und solange Sie wollen«, sagte er stolz und schob die Unterlippe vor. »Für mich zählt nur eins: dass Sie mich am Ende entlasten, von allen denkbaren Vorwürfen, vor der Staatsanwaltschaft und vor aller Welt.«

Darum ging es also. Gerade weil dies von mir besonders glaubwürdig wirken würde, er kalkulierte ganz zynisch mit meinem guten Ruf.

»Ansonsten müssten Sie nämlich leider wieder zurück ins Gefängnis«, warnte er, als könnte er meine Gedanken lesen. »Ich habe eine Klausel dazu eingefügt.«

Er hielt das Dokument hoch und zeigte auf einen Absatz ganz unten. Er war mit grünem Stift in Hearsts großspuriger Handschrift hinzugefügt worden und lautete:

»Mr. Engel wird strikt in Absprache mit seinem Auftraggeber vorgehen und so lange für ihn tätig sein, wie dieser es wünscht.«

Eng an der Kandare, dachte ich, völlig klar – eine eigene, neue Art von Gefängnis. Offener Vollzug, sozusagen. Und nein, er würde mir nicht alles sagen, hatte mir auch bisher bei Weitem nicht alles gesagt. Er wollte mir nur ein paar Brocken hinwerfen, mir aber entscheidende Hinweise verschweigen und sie erst dann zugeben, wenn ich sie selbst herausgefunden hatte, in einem Minenfeld voller unliebsamer Dinge, und dabei stets überwacht von seinen Leuten.

Er grinste zufrieden und nahm das Blatt Papier so, als wollte er es noch ein letztes Mal ansehen. »Ach, eins noch, Sie dürfen keine Waffe haben. Den Rest erklärt Ihnen Dr. Goodman, er wird Ihr Ansprechpartner sein.«

Er sah mich wieder erwartungsvoll an. Ich zuckte einfach nur mit den Achseln.

Es war das perfekte Himmelfahrtskommando. So wie im Weltkrieg, wenn uns ein Sturmangriff aus den Schützengräben heraus gegen die feindlichen Linien befohlen wurde, gegen die Franzosen oder Engländer, die dich auf freiem Feld mit ihren Maschinengewehren niedermähen, mit ihren Tanks überrollen, mit ihren Granaten zerfetzen oder mit ihrem Senfgas verätzen und ersticken lassen würden. Zweimal hatte ich das wie durch ein Wunder überlebt, beim letzten Mal war ich durch Gas schwer verletzt worden.

Was ich jetzt tun musste, war vermutlich genauso gefährlich. Für meine Freiheit, für mein Leben – die Demonstration mit dem elektrischen Stuhl eben war gewiss keine leere Drohung, wenn ich Hearst richtig einschätzte. Aber wenn ich aus dem Gefängnis jemals herauskommen und vor allem, wenn ich Polly und ihr Kind wiederfinden wollte, dann musste ich mich auf seinen Vorschlag einlassen. Etwas anderes war für den Verrückten vor mir auch gar nicht denkbar, den Krösus, der es gewohnt war, immer zu bekommen, was er wollte – Frauen, Mitarbeiter, Vertuschungen.

Hearst beugte sich vor und fixierte mich. »Ich will, dass Sie es laut aussprechen.«

»Ich nehme Ihren Auftrag an«, sagte ich.

Ich nahm das Dokument und er ließ es los, mit einem sanften Seufzer.

»Kann ich auch mit dem Staatsanwalt reden?«

»Das sollen Sie sogar. Vielleicht kriegen Sie ihn ja dazu, mehr zu der Natur dieser Vorwürfe zu sagen.« Er senkte den Kopf und sah mir tief ins Auge. »Finden Sie heraus, wer mich erpresst, Hardy. Koste es, was es wolle. Und beenden Sie es.«

»Ich werde mein Bestes tun, Mr. Hearst. Ich hasse Erpressungen.«

Er nahm meine Hand und schüttelte sie. Der Doppelsinn meiner Bemerkung entging ihm völlig.

»Aber selbstverständlich. Willkommen in der freien, neuen Welt von 1929!«

Als ich ging, hatte ich immer noch nichts von seinen Köstlichkeiten gegessen.

4

Draußen warteten vor der Limousine die beiden von vorhin, abzüglich des verdufteten Gefängnisoffiziellen. Sie trugen professionelle Unschuldsmienen zur Schau. Die naheliegende Gefahr war, mich nun von meiner immer noch gärenden Wut leiten zu lassen, ich durfte ihr nicht erliegen.

»Hallo, ihr beiden, bereit zur nächsten Runde?«, fragte ich, bevor ich hinten einstieg. Na schön, ertappt. Ich bin so rachsüchtig und kleinlich wie viele andere. Typisch deutsch eben. Gerade das hatte mir ja den Job bei Hearst eingebracht. Jetzt mussten sie damit leben. Und ich mit ihnen.

»Es war nichts Persönliches, Mr. Engel«, sagte Dr. Goodman. »Wir wollten nur unseren Standpunkt klarmachen. Den von Mr. Hearst.« Klar, wie könnte eine täuschend echte Scheinhinrichtung mit Starkstrom auch »persönlich« gemeint sein?, dachte ich, doch diesmal behielt ich es für mich.

Der Fahrer mit der Hasenscharte fuhr los, dass der Kies in der Auffahrt wegspritzte.

»Machen Sie da vorne eigentlich auch mal Ihren Mund auf, Mr. …?«, fragte ich und blickte ihn im Rückspiegel herausfordernd an. Er grinste und öffnete ihn. Im Licht der Natriumdampflampen draußen sah ich, dass er unter seiner Oberlippennarbe gelbliche, schiefe und hässliche Hauer hatte. Wahrscheinlich hatte er seinen Zahnarzt umgebracht und die Sache mit der Dentalhygiene danach komplett aufgegeben. Er sagte kein Wort und schloss den Mund wieder.

»Na gut«, sagte ich. »Dann nenne ich Sie eben einfach ›Phantom der Oper‹.«

Wir bogen wieder auf den Santa Monica Boulevard ein und fuhren zurück in Richtung Hollywood.

»Konzentrieren Sie sich auf Ihren Auftrag«, sagte Goodman. »Sie haben nicht viel Zeit. Irgendwelche Rückschlüsse, die Sie aus dem anonymen Schreiben ziehen?«

Er holte etwas aus seiner Jacke und hielt mir einen großen Fotoabzug davon hin.

»Was ich auffällig finde«, begann ich und studierte dessen Text noch einmal. »Der Erpresser bezichtigt den Adressaten, Mr. Hearst, ja nicht direkt des Mordes. Entweder er oder sie will ihm einen Ausweg lassen und das damit andeuten, oder er oder sie zielt auf jemand anderes. Das ist wohlüberlegt geschrieben. Eigentlich muss es sich um einen direkten Zeugen handeln, doch auch das geht nicht klar aus dem Text hervor.«

»Alle, die an Bord waren, wurden damals befragt und ihre Aussagen schriftlich festgehalten und unterschrieben«, wandte er ein. »Keiner hat einen Mord beobachtet.«

»Vielleicht hat jemand gelogen«, sagte ich und grinste.

»Vielleicht lügt jemand jetzt«, gab er zurück und lächelte ebenfalls. »Hier ist die Liste mit Adressen und Telefonnummern.« Er öffnete eine Aktenmappe aus Krokodilleder, die glatter aussah als das Gesicht des Mannes vorne, und entnahm ihr ein Blatt in einer durchsichtigen Zellophanhülle. »Es waren dreizehn Gäste, inklusive Mr. Hearst und Miss Davies. Dazu die Crew und eine Jazzband, noch einmal ein Dutzend Leute, darunter auch ich.«

Dass sie alle bestochen oder anders auf Linie gebracht worden waren, nahm ich natürlich von Haus aus an. Deswegen war ich gar nicht so fixiert auf die Zeugen, deren Liste er mir nun überreichte, zusammen mit einem weiteren Bündel Papiere, ihren Aussagen von 1924. Ich überflog sie nur kurz. Es waren zahlreiche sauber getippte Seiten. Alles bestens vorbereitet, logisch. Sie würden auch dem Staatsanwalt aus den alten Akten vorliegen.

»Die Frage ist doch«, sagte ich, »wer behauptet jetzt plötzlich, dass es anders war, und welche Motive hat er oder sie dabei? Haben Sie von den Leuten, die an Bord waren, jemanden auf Anhieb im Verdacht?«

»Geldgierig sind viele Menschen«, sagte er achselzuckend. »Und dafür bereit, die seltsamsten Dinge zu tun. Wir haben uns natürlich auch bei den Angestellten umgesehen, das können Sie sich ja denken.«

Ich nickte. »Markieren Sie mir doch einfach die drei davon, bei denen Sie am ehesten Geldprobleme vermuten. Solange wir sonst nichts haben, sehe ich mir die einfach noch mal an.«

Er nahm eines der Blätter an sich und machte Kreuze hinter drei Namen. Dann reichte er es mir zurück.

»Danke«, sagte ich. »Was ist mit dem Totenschein? Wie lautet die offizielle Todesursache, die dort eingetragen ist?«

»Akute Magenverstimmung und Herzversagen mit Myokardinfarkt«, zitierte er auswendig. Er musste dazu nicht einmal auf das Dokument sehen, das er mir als Nächstes herüberreichte.

Ich nickte vor mich hin.

»Wer hat ihn ausgestellt?«

Ich nahm mir den Totenschein vor und versuchte die Unterschrift zu entziffern.

»Inces Hausärztin, Dr. Ida Glasgow.«

»Gab es eine Autopsie?«

»Nein. Es gab ja auch aus ärztlicher Sicht keinerlei Anlass zu vermuten, dass es eine unnatürliche Todesursache war. Seine Familie hat ihn direkt kremieren lassen, so hatte Ince es sich in seinem Testament gewünscht.«

Ich stutzte. Schlecht für Hearst. Aber auch sonst ein sehr schlechtes Zeichen – eines dafür, dass wirklich etwas hinter den Vorwürfen steckte.

»Schildern Sie, Dr. Goodman, doch einmal mir als einem völlig unvoreingenommenen Außenseiter, der lange im Gefängnis und aus der Welt war, was damals genau geschehen ist. Aus Ihrer Anschauung, von Beginn an.«

»Ich habe alle Fakten und Abläufe schriftlich zusammengefasst.« Er deutete wieder auf die Unterlagen.

»Mir ist es lieber, dass Sie es in Ihren eigenen Worten erzählen.«

Ich lehnte mich in die Lederpolster zurück und wartete auf seinen Bericht. Einmal musste ich mir diese offizielle Version ja doch zu Gemüte führen, in allen Einzelheiten. Sie würde gewiss geschönt sein und Lügen enthalten, aber bei einer mündlichen Erzählung würden sie mir mehr ins Auge springen, hoffte ich.

Draußen zwitscherten ein paar Vögel. Mit einem Seitenblick bemerkte ich, dass die ehemals offene Prärie zwischen Beverly Hills und Hollywood inzwischen zu erheblichen Teilen zugebaut worden war.

»Es war ein Segeltrip, wie Mr. Hearst und Miss Davies ihn mit der Oneida oft unternehmen«, begann Dr. Goodman. »Er startete hier in Los Angeles, im Hafen von San Pedro, am Morgen des 16. Novembers, einem Sonntag.«

»Mit einem Fokus auf Mr. Thomas Ince, dem Opfer, bitte«, warf ich ein, bevor er vielleicht noch sagen würde: »Nennt mich Ismael«, und daraus ein Epos wurde wie bei Moby-Dick.

»Mr. Ince kam erst am Nachmittag in San Diego an Bord, da er noch geschäftliche Termine hatte«, fuhr Goodman fort. Er wirkte genervt, riss sich jedoch ganz gut zusammen. Er musste bei seinem Boss ja gewiss auch einiges aushalten. »Mr. Hearst war schon lange mit ihm befreundet, sie hatten sich schon kurz zuvor getroffen und da der 16. November der Geburtstag von Mr. Ince war – der vierundvierzigste –, hatte Mr. Hearst ihn spontan eingeladen, diesen mit uns zu feiern. Er hat zu seinen Ehren ein üppiges Dinner servieren lassen. Ich als Sekretär war nicht die ganze Zeit dabei, ich arbeitete in meiner Bürokabine, doch offenbar hat Mr. Ince kräftig zugelangt – lauter Delikatessen, aber für ihn wohl pures Gift, ohne dass Mr. Hearst etwas davon ahnte. Nachdem Ince zu Bett gegangen war, klagte er dann nachts über akute, sehr heftige Magenschmerzen, deswegen wurde ich gerufen. Ich bin ausgebildeter Mediziner und habe als Arzt gearbeitet.«

»Wie praktisch«, sagte ich und sah ihn aufmerksam an. »Was haben Sie diagnostiziert?«

»Offenbar war ein Magengeschwür aufgebrochen und blutete, er stöhnte laut vor Schmerzen. Erst jetzt gab er an, wegen schon lange andauernder Verdauungs- und Magenprobleme eigentlich zu einer Diät gezwungen zu sein, die er aber aus Anlass der Feier missachtet habe. Er litt zudem an einer starken Verstopfung. Ich gab ihm ein Abführmittel und daraufhin schien es ihm besser zu gehen. Im Laufe der Nacht kamen die Schmerzen jedoch wieder und nun übergab er sich auch. Dazu kam dann ein Herzdrücken, Blutdruck und Puls waren stark erhöht. Auch mit dem Herzen hatte er schon länger Probleme, wie er jetzt einräumte. Aufgrund seines Zustandes haben wir am Morgen den Hafen wieder angesteuert und ich selbst und mein Kollege Joseph Willicombe haben ihn von Bord gebracht. Mr. Hearst bestand darauf, dass wir ihn begleiteten und weiter betreuten. Wir fuhren mit dem Zug nach Del Mar und brachten ihn in eine Klinik. Dort erhielt er eine Infusion und Medikamente, und seine Frau und seine ebenfalls aus Beverly Hills herbeigerufene Hausärztin, Dr. Glasgow, stießen dazu. Wir erachteten ihn übereinstimmend für transportfähig und brachten ihn noch am Abend des 17. Novembers in sein Haus in Beverly Hills, ich war selbst dabei. Hier sollte er sich im Kreis seiner Familie und betreut von seiner Ärztin erholen. Doch am 19. November, zwei Tage später, verstarb er dann an einem Herzinfarkt. Ein äußerst tragischer Vorfall, doch ohne jegliche Anzeichen oder Züge eines Verbrechens, das können wir alle persönlich bezeugen. Und so wurde es ja auch offiziell festgestellt«, schloss er.

In der Ferne blinkte in den Hills der riesige »HOLLYWOODLAND«-Schriftzug, der bei Nacht mit einer grellen Lightshow von viertausend Glühbirnen beleuchtet wurde, ursprünglich das Werbezeichen eines längst bankrotten Immobilienkonzerns. Irgendwo darunter lag jemand begraben, den ich einmal gekannt hatte.

»Wie lange waren Sie genau bei ihm?«, fragte ich.

»Ich blieb noch die Nacht über in seinem Haus. Willicombe war in Del Mar zurückgeblieben. Am 18