Der deutsche Tycoon - Christof Weigold - E-Book

Der deutsche Tycoon E-Book

Christof Weigold

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Beschreibung

Privatdetektiv Hardy Engel würde für seine Freunde alles tun. Als einer von ihnen stirbt, verbeißt er sich in einen Mordfall, der bald schon legendär wird. Als Hardy Engel 1920 nach Amerika einwanderte, bekam er dabei entscheidende Hilfe von seinem Landsmann Paul Levy, den er danach aus den Augen verlor. 1932 trifft Engel, inzwischen Privatdetektiv, ihn wieder. Levy ist unter dem Namen Paul Bern zu einem mächtigen Filmproduzenten von Metro-Goldwyn-Mayer geworden – und Ehemann von Hollywood-Superstar Jean Harlow. Mitten in der Weltwirtschaftskrise scheint es, als sei das Wiedersehen ein Glücksfall für den arbeitslosen Detektiv, der von Paul einen lukrativen Auftrag bekommt. Und auch für seinen Freund, den Barbesitzer Buck, der massive Schulden bei der Mafia hat. Doch dann liegt Paul ermordet in seiner Villa, und Hardy wird in einen Fall hineingezogen, der ihn fordert wie noch keiner zuvor und der alte Freundschaften infrage stellt …

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Seitenzahl: 774

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Christof Weigold

Der deutsche Tycoon

Hollywood 1932. Ein Fall für Hardy Engel

Kriminalroman

Kampa

»Show me a hero and I’ll write you a tragedy.«

F. Scott Fitzgerald

Prolog

Juli 1920

Nach Amerika einzuwandern, war erheblich schwieriger,als ich angenommen hatte.

Meine Auswanderung aus Deutschland hatte ich beschlossen, als ich im Frühjahr 1920 in Berlin nackt auf dem Fußboden eines Schlafzimmers lag und mehrere Kugeln über uns hinwegpfiffen, die mit lautem Klirren die Nachttischlampe meiner Gastgeberin zerdepperten. Abgefeuert hatten sie rechte Freikorps-Soldaten in einem höchst unübersichtlichen Bürgerkrieg, der später als »Kapp-Putsch« bezeichnet werden sollte und einige Tage andauerte. Die Exilrussin, die mich in ihrem Bett beherbergt hatte, wollte nicht schon wieder das Land wechseln, ich hingegen sehr wohl. Vier Jahre hatte ich als Weltkriegssoldat an der Front verbracht, und gegen Kriegsende, als ich nach einem Gasangriff einige Zeit blind im Lazarett lag, hatte ich mir geschworen, mein Leben zu ändern und meine Zukunft woanders zu suchen. Ich hatte Pläne gemacht, in Amerika neu anzufangen, und mir eine Karriere als Schauspieler in Hollywood vorgestellt. Von einem in New York lebenden, mir unbekannten Onkel hatte ich mir eine Bürgschaft schicken lassen, die ich für die Immigration brauchte. Jetzt war es so weit.

Bevor ich von Hamburg aus mit einem Atlantikdampfer in See stechen konnte, hatte ich allerdings noch ein paar Hindernisse zu überwinden. Ich hatte mich von meinen Eltern verabschieden wollen, doch zuvor erhielt ich die zutiefst schockierende Nachricht, dass sie bei einem Automobil-Unfall ums Leben gekommen waren. Als ihr einziges Kind kümmerte ich mich in unserer Heimatstadt Mannheim um die Beerdigung und die weiteren Formalitäten. Ein silbernes Zigarettenetui, das meine Mutter meinem Vater geschenkt hatte, steckte ich mir als Glücksbringer in die Tasche.

In Hamburg zeigte sich allerdings, dass es mir kein Glück brachte. Vielmehr begann meine Reise mit einem sehr schlechten Omen: Am Tag meiner Ankunft wurde mir in einer Hafenkneipe mein Geldbeutel gestohlen, ohne dass ich davon auch nur das Geringste mitbekam, während ich einen Teller wässrige Suppe aß. Darin hatte sich mein sämtliches Geld befunden, mit dem ich das Ticket für die Schiffspassage und die ersten Ausgaben in New York hatte bezahlen wollen. Alles, was mir geblieben war, waren neben der Bürgschaft das Zigarettenetui und meine Luger, unsere Pistole als Weltkriegssoldaten, die ich nach dem Waffenstillstand behalten hatte. Ich ging davon aus, dass ich auch weiterhin eine Waffe brauchen würde; spätestens in Amerika, und nicht nur als Glücksbringer. Dennoch hätte ich sie nun versetzt, aber der Erlös für meine Habseligkeiten hätte bei Weitem nicht für das Schiffsticket gereicht.

Ich bin jedoch niemals jemand gewesen, der schnell aufgibt.

An der Hafenmole kam ich mit einem ebenso abgebrannten Leidensgenossen ins Gespräch, und er brachte mich auf die Idee, mich als blinder Passagier an Bord eines Dampfers zu schmuggeln, und erklärte mir, wie genau man das anstellen musste. Morgens vor Tagesanbruch betrat ich die »Bremen« heimlich über eine schwankende Holzplanke und versteckte mich tief im Bauch des Dampfers im Kohlenkeller, der zu drei Vierteln gefüllt war. Nach einer Zeit, die mir endlos erschien, legte das Schiff ab und war bald schon auf hoher See. Es schwankte gewaltig, und wenn ich von dem Laib Brot aß, den ich als Wegzehrung eingesteckt hatte, kam es mir sofort wieder hoch. Wie sich auf der Fahrt herausstellte, waren hier unten ungefähr ein halbes Dutzend weitere Illegale versteckt. Wir teilten unsere kargen Vorräte und malten uns die paradiesische Zukunft in der Neuen Welt aus. Einmal betraten Schiffsoffiziere mit Lampen den Kohlenkeller und suchten ihn ab, doch wir lagen ganz hinten und waren mittlerweile am ganzen Körper so schwarz, dass wir mit geschlossenen Augen nicht entdeckt werden konnten.

Auf halber Strecke der Überfahrt gingen uns die Essensvorräte aus. Ich war Hunger von der Front her gewohnt, doch die Zeit bis zur erwarteten Ankunft in New York war einfach zu lang. So verließ ich irgendwann den Keller und betrat vorsichtig das Deck. In den Mannschaftsräumen konnte ich mich säubern, dann machte ich mich auf Nahrungssuche. Ein Schiffskoch steckte mir mildtätig etwas zu, doch auf dem Rückweg verstellte mir plötzlich ein Steward in einer weißen Uniform den Weg.

»Ihren Fahrschein, wenn ich bitten darf!«, sagte er und musterte meine schäbige, immer noch fleckige Kleidung. Da ich keinen vorweisen konnte, trieb er mich mit vorgehaltener Waffe vor sich her und sperrte mich in eine Kabine. Dort hatte ich mich für den Rest der Reise aufzuhalten und wurde mit Mannschaftsrationen versorgt, sodass ich keinen Hunger mehr leiden musste. Ich konnte mich richtig ausschlafen und den Gedanken hingeben, was nach meiner Ankunft weiter geschehen würde. Ich machte mir keine großen Sorgen, ich hatte ja eine Bürgschaft.

Es war ein höchst bewegender Moment, als die Freiheitsstatue in Sicht kam. Durch das Bullauge sah ich sie aus dem Nebeldunst auftauchen, die Fackel sieghaft und optimistisch in den Himmel gereckt, dann zeichnete sich dahinter die Skyline von Manhattan mit ihren Wolkenkratzern ab. Als der deutsche Dampfer in Hoboken auf der New-Jersey-Seite anlegte, blickte ich staunend auf die neuen, riesigen Häuser und breiten Avenuen an Land, so nah, dass ich beinahe hätte hinüberspringen können. Nachdem die Passagiere der ersten und zweiten Klasse ohne weitere Kontrolle von Bord gegangen waren, wurden die der dritten Klasse scharf überprüft und dann alle ausländischen Neuankömmlinge mit Booten nach Ellis Island verschifft, der Nachbarinsel von Liberty Island. Auch ich und einige andere blinde Passagiere waren unter Bewachung von Polizisten dabei. Das riesige Gebäude der Einwanderungsbehörde erinnerte mich an mein Mannheimer Gymnasium. Drinnen geleitete man mich durch das vielsprachige Gewimmel der wartenden und bangenden Menschen hindurch direkt in einen Verhörraum. Ich stellte mich den streng blickenden uniformierten Beamten mit ein paar englischen Sätzen vor, die ich unterwegs eingeübt hatte, und zog sofort meine Bürgschaft heraus. Doch mein Dolmetscher schüttelte bedauernd den Kopf: »Sie sind als blinder Passagier ertappt worden, Sir. Blinde Passagiere dürfen grundsätzlich nicht in die Vereinigten Staaten von Amerika einreisen.«

Mir war, als zöge man mir den Boden unter den Füßen weg.

»Und was geschieht nun mit mir?«

»Sie werden auf das nächste abgehende Schiff gesetzt und fahren damit zurück in Ihre Heimat.«

»Aber das ist nicht mehr meine Heimat. Und ich bin doch nun schon einmal hier!«

Es half alles nichts. Einige Tage später sah ich New York und die Freiheitsstatue wieder im Dunst verschwinden, ein unbeschreiblich deprimierender Anblick, und nur eine Woche nach meiner Ankunft in Amerika ging ich in Hamburg an Land. Meine Stimmung war düsterer als jeder Kohlenkeller. Die Stadt wirkte im Vergleich äußerst rückständig, um mehrere Jahrhunderte hinterher, und die Deutschen erschienen mir wie knorrige Horrorfiguren aus einem verwunschenen Märchenland, verglichen mit den gesunden, rotbackigen Amerikanern, die mich abgewiesen hatten.

Aber man weist Reinhard Engel nicht einfach ab.

Ich war entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Immerhin war ich Sergeant der kaiserlichen Armee a.D. und hatte einige erfolgreiche militärische Operationen geplant, auch wenn wir den Krieg verloren hatten. Aber nun würde ich zu den Siegern überwechseln, das war ja der ganze Sinn meines Vorhabens.

Kurzzeitig überlegte ich, kriminell zu werden, um mir das nötige Geld zu beschaffen, aber dann überließ ich das Verbrechen anderen – für den Rest meines Lebens. Mir ein Ticket durch meiner Hände Arbeit zu verdienen, war leider vollkommen aussichtslos, wenn ich nicht viele Monate damit verlieren wollte. Ich kabelte meinem amerikanischen Onkel, ob er mir Geld schicken könne, erhielt aber keine Antwort. So beschloss ich, die Atlantiküberquerung erneut als blinder Passagier anzugehen und mich diesmal schlicht nicht erwischen zu lassen. Ich hörte mich gründlich um und bekam den Tipp, mein Glück nicht auf einem deutschen, sondern auf einem amerikanischen Schiff zu versuchen. Die Kontrollen seien dort nicht so streng und die amerikanischen Offiziere im Fall der Fälle ja alle selbst Einwanderer oder Söhne von welchen, man könne unter Umständen eher mit ihnen reden.

Die S.S. Ulysses mit Heimathafen in Hoboken, New Jerseyerschien mir als genau die richtige Barke für die zweite Überfahrt. Wieder schmuggelte ich mich an Bord, diesmal versteckte ich mich nicht in den Kohlen, sondern bei den Kaminen. Als der Dampfer Fahrt aufnahm, wurde es dort jedoch so heiß, dass ich auf das Deck der dritten Klasse flüchtete. Meine Seekrankheit meldete sich wieder, und da ich die meiste Zeit über der Reling hing, entging ich erst einmal heiklen Nachfragen. Ich schlief bei den Rettungsbooten und kam so – leidend, hoffend und bangend – einige Tage durch. Als ich eines Morgens erwachte, war die See spiegelglatt, und mir ging es prächtig. Ich spazierte an Deck, blickte über die Weiten des glitzernden Atlantiks bis zum Horizont und stieß in einem Moment der Unachtsamkeit mit einem Passagier der dritten Klasse zusammen.

»Können Sie nicht aufpassen?«, schimpfte der Mann auf Deutsch und nahm mich misstrauisch in Augenschein. Im Vergleich zu mir war er gut gekleidet, und sein Schnauzbart zitterte vor Erregung. »Zeigen Sie mir mal Ihr Ticket!«

Ich entschuldigte mich wortreich für den Zusammenstoß und fügte hinzu: »Ich bin sicher, wir können das anders regeln.«

»Auf keinen Fall!«, sagte der Mann empört. »Ich habe für meine Reise bezahlt, und das sollte jeder andere auch. Ich muss Sie melden.«

Tiefe Verzweiflung ergriff mich, doch im nächsten Moment trat ein weiterer Passagier hinzu. »Aber Henry«, sagte er mit einem beschwichtigenden Lachen. »Sei bloß nicht so typisch deutsch, wir sind doch jetzt Amerikaner! Der gute Mann hier hat niemandem etwas getan, und er will drüben auch nur sein Glück machen, so wie wir.« Er lächelte mich freundlich an und streckte mir die Hand entgegen. »Paul Levy aus Wandsbek.«

»Reinhard Engel aus Mannheim, sehr erfreut«, sagte ich und schüttelte sie kräftig. Paul war Anfang dreißig, von kleiner Gestalt, hatte einen leichten Bauch und einen zurückweichenden Haaransatz. Man hatte sofort ein warmes Gefühl, wenn er einen anblickte, daran erinnere ich mich noch genau. Mir war klar, dass mir von diesem Mann mit dem einnehmenden Wesen keine Gefahr drohte, sondern im Gegenteil Hilfe zuteilwerden würde.

»Das ist mein kleiner Bruder Henry«, sagte Paul und zeigte auf den größeren Mann, der immer noch böse dreinblickte. »Sie müssen aufpassen, blinde Passagiere dürfen nämlich nicht nach Amerika einwandern.« Paul kniff verschwörerisch ein Auge zu. »Also kommen Sie besser mit, bevor Sie noch erwischt werden. Wir haben eine Kabine in der dritten Klasse, da ist genug Platz für drei, wenn Sie einverstanden sind, auf dem Boden zu schlafen.« Henry guckte noch abweisender, aber Paul scherte das kein bisschen. »Und die Verpflegung teilen wir gerne mit Ihnen. Da haben Sie es bestimmt besser als vorher.«

»Das ist sehr freundlich«, sagte ich. »Gerne, herzlichen Dank. Ihnen beiden.«

Henry gab seinen Widerstand auf und verdrehte die Augen. Offenbar kannte er das schon von seinem Bruder.

Was für eine glückliche Fügung. Für den Rest der Atlantiküberfahrt teilte ich mit den beiden Brüdern die kleine Kabine und die Mahlzeiten und freundete mich mit ihnen an. Na ja, eher mit Paul als mit Henry, der auch weiterhin verkniffen dreinblickte. Einmal streckten wir beide die Hand nach einem letzten Essensrest aus, und obwohl ich meine schnell wieder zurückzog, sah ich ihm deutlich an, dass Henry mich am liebsten gebissen hätte.

Die beiden Levys waren bereits als Kinder mit ihrer vielköpfigen Familie aus Wandsbek bei Hamburg nach Amerika ausgewandert und lebten seit vielen Jahren in New York. Gerade reisten sie von einem Verwandtenbesuch in der alten Heimat zurück in ihre neue. Wie sich herausstellte, war Paul Levy bereits das, was ich werden wollte: Schauspieler. Er begrüßte mich begeistert als künftigen Kollegen, gab mir bereitwillig jede Menge Tipps und erzählte Anekdoten. Ehrlich gesagt schien er mir nicht der Typ für eine Heldenrolle zu sein, eher ein Charakter- oder Nebendarsteller. Er spielte an kleineren Theatern und hatte sogar schon ein halbes Dutzend Stummfilme gedreht. Es waren nur Kurzfilme, Dutzendware, aber damit hatte er es immerhin so weit gebracht, dass er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Insofern gab er mir ein leuchtendes Vorbild ab, das mir Hoffnung machte, mein Plan könne aufgehen. Ich bewunderte ihn – für seine Großzügigkeit, seinen Enthusiasmus und seine Freundlichkeit. Er erschien mir typisch amerikanisch, so, wie ich hoffte auch zu werden. Und wenn ich dann erst einmal in Hollywood angekommen wäre und Stummfilmkomödien drehte …

Paul Levy warnte mich: So einfach sei es nicht, beim Film Karriere zu machen, und er hatte noch einen weiteren Tipp für mich: »Nenn dich drüben nicht Reinhard, das ist zu deutsch. Nenn dich Hardy.«

»Eine gute Idee!«

Henry Levy neben uns starrte trübselig aus dem Bullauge. Er arbeitete bei der Hafenbehörde und war nicht gerade ein Ausbund an Humor oder Esprit. Ganz anders als sein Bruder, der begeistert fortfuhr: »Erfinde dich neu, das ist Amerika! Ich überlege mir auch, vielleicht noch einmal den Job zu wechseln – ja, ich möchte versuchen, Regisseur zu werden. Wenn ich es schaffe, besetze ich dich natürlich, Hardy!«

Mit solchen optimistischen Zukunftsplänen im Kopf näherten wir uns wieder New York, doch nun wurde ich immer nervöser. Würde die Einreise diesmal klappen? Ich musste unerkannt als vermeintlich regulärer Passagier von Bord schlüpfen und konnte mir nicht sicher sein, ob das gelingen würde. Auch Paul schien die bevorstehende Ankunft nervös zu machen. Anhand von Andeutungen vermutete ich eine Frau dahinter, die ihn in New York erwartete, und fragte ihn danach.

»Es ist unsere Mutter, sie bereitet uns große Sorgen«, gestand er am letzten Abend auf See, als Henry sich draußen die Beine vertrat und wir zu zweit ein Bier tranken. »Sie ist verwitwet und etwas schwermütig, und wir haben sie viel zu lange alleine gelassen.« Er erzählte, dass sie ihn ständig auf Trab hielt. Ein paarmal habe er sie sogar ins Sanatorium bringen lassen müssen. Sie schien mir ein Hemmschuh für seine Karriere zu sein, aber er kümmerte sich allem Anschein nach rührend um sie. Offenbar war er generell jemand, der anderen gerne half, ja, der das regelrecht als seine Berufung ansah.

Am nächsten Morgen erreichten wir New York, das amerikanische Schiff hielt diesmal am Pier in Manhattan. Wir harrten in unserer Kabine aus, bis die wohlhabenderen Passagiere von Bord gegangen waren. Dann wurde die Gangway für die dritte Klasse ausgelegt. Erst als ich mit Paul schon in der langen Schlange anstand, stellte ich fest, dass die Schiffsoffiziere noch einmal eine Kontrolle des Tickets durchführten, bevor man die Gangway betreten und an Land gehen durfte.

Ich wusste, ich hatte erneut verloren. Ich sah zur Seite, die Schiffswand hinunter, und überlegte, einfach ins Wasser zu springen und zum Pier zu schwimmen. Es war immer noch eine bessere Chance, als hier in der Schlange zu bleiben, wo ich unweigerlich ertappt werden würde. Die Sprunghöhe schätzte ich auf gut zehn Meter, aber ich würde es riskieren müssen.

»Tu das nicht«, flüsterte Paul, der meine Gedanken zu erraten schien. Er sah sich um. Sein Bruder Henry stand mit den Koffern viel weiter hinten. »Hier, schau mal«, flüsterte Paul und drückte mir etwas in die Hand. Es war ein Schiffsticket auf den Namen Henry Levy.

Ich sah ihn überrascht an. »Nimm es, Hardy«, sagte er. »Den Ausweis musst du bei den Schiffsleuten nicht vorzeigen, Hauptsache, du kommst als regulärer Passagier von Bord, dann fährst du nach Ellis Island und wirst dort mit deinen Papieren als Hardy Engel registriert.«

»Und Henry?«, wisperte ich und sah mich verstohlen um. Sein Bruder beugte sich über die Reling und suchte in der wartenden Menge offenbar nach jemandem.

»Der wird schon durchkommen«, sagte Paul und kniff wieder ein Auge zu. »Er ist amerikanischer Staatsbürger.«

Ich weiß nicht, was Sie gemacht hätten. Ich nahm das Ticket und blieb einfach in der Schlange stehen. Zehn Minuten später rückten wir zur Gangway vor, Paul zeigte als Erster seine Fahrkarte vor und ging durch. Danach zeigte ich meine und wurde anstandslos durchgewunken. Paul sah sich auf dem Weg hinunter nach mir um und grinste mir zu, dann wurde seine Aufmerksamkeit von den lauten Rufen einer Frau abgelenkt. Sie winkte ihm von unten zu, er stürmte voran und verschwand in der Menge. Ich ging davon aus, dass es seine Mutter war, aber ich habe es nicht erfahren. Als ich endlich amerikanischen Boden unter den Füßen hatte, suchte ich ihn, doch in der durcheinanderwogenden Menge sich begrüßender und umarmender Menschen konnte ich ihn einfach nicht mehr finden. Ich konnte ihm nicht einmal danken, denn ich hatte nicht so weit gedacht, mir seine Adresse geben zu lassen, und der Name Paul Levy war in New York ziemlich häufig.

Ich erfuhr auch nicht, was bei der Kontrolle aus Henry wurde, doch ich wünschte ihm nur das Beste. Diesen beiden habe ich alles zu verdanken, was anschließend geschehen ist, meine Einwanderung und alles, was mir danach in Amerika widerfuhr. Auf Ellis Island gab es, so wie Paul es vorhergesagt hatte, keine Probleme: Nachdem ich die Gesundheitsüberprüfungen und Befragungen bestanden hatte, wurde ich an einem der Schalter der Einwanderungsbehörde dank meiner Bürgschaft unter dem Namen Hardy Engel registriert und nahm die Fähre nach Manhattan.

 

So bin ich nach Amerika eingewandert – mit einer Lüge und einem Trick, und mit der Hilfe eines Fremden. Ich habe diese Geschichte noch nie erzählt.

Meinen Onkel fand ich nicht, er war unbekannt verzogen, und nach ein paar Gelegenheitsjobs machte ich mich auf den Weg nach Westen, wo ich im September 1920 in Los Angeles ankam.

Ohne Paul hätte ich das nie geschafft. Der Gedanke an ihn und seinen Optimismus half mir durch die dunkle Zeit, in der ich als Schauspieler keinen Erfolg hatte und mit meinen Ambitionen scheiterte. Später wurde ich dann Privatdetektiv und ermittelte in Hollywood.

Dort sollte ich meinen Freund Paul wiedertreffen, viele Jahre später und unter erstaunlichen Umständen. Leider war er kurze Zeit darauf tot, und sein Fall machte gewaltige Schlagzeilen. Die einzige Möglichkeit, ihm zu danken, die mir als letzter Freundschaftsdienst noch blieb, war, aufzuklären, wie er gestorben war. Und ich nehme meine Freundschaften sehr ernst.

Oh ja, dies ist eine Geschichte über Freundschaft in Hollywood. Erwarten Sie ein paar Tote.

Eins

Juli 1932

1

Über Kalifornien schien dreihundertelf Tage im Jahr dieSonne, doch an diesem Tag um die Mittagszeit würde sie in eine vollkommene Finsternis eintreten.

Das erschien mir äußerst passend: Die Weltwirtschaftskrise hatte mittlerweile das gesamte Land voll erfasst, Millionen Menschen waren arbeitslos, lebten in erbärmlichen Verhältnissen und ohne jede Aussicht auf Besserung.

Meiner Freundin Polly und mir ging es nicht anders. Das Geld war uns schon lange ausgegangen, und wir litten Hunger.

Erst vor fünf Tagen waren wir nach Hollywood zurückgekehrt, in der Hoffnung, diese Verhältnisse grundlegend zu ändern. Davor hatten wir uns längere Zeit in einer Hütte in den Bergen oberhalb von Palm Springs aufgehalten, unter falschen Namen, da wir in einem Mordfall die Wahrheit ermittelt hatten, die jemand sehr Mächtiges unter dem Deckel halten wollte. Ende 1929 – kurz nach dem gewaltigen Börsencrash, der die jetzige Krise ausgelöst hatte – waren wir nach einem Brand mit mehreren Opfern für tot gehalten worden und der Meinung gewesen, es sei auch besser so. In dem kleinen, abgelegenen Ort in den Jacinto Mountains gab ich mich dann als Eugen Herzog aus, und meine Freundin hieß dort nicht Polly Brandeis, sondern Bonnie Snow. Eugen Herzog verkaufte Schnittblumen und Orangen, für zwei Cent das Stück, die kaum jemand kaufen konnte, geschweige denn wollte. Andere Arbeit gab es nicht, nirgends. Bonnie Snow tat das, was sie gut konnte: Sie brannte und verkaufte ihren Moonshine Gin und inszenierte Hörspiele für den lokalen Radiosender, wofür sie praktisch kein Geld bekam, aber ab und zu eine Speckseite oder dergleichen. Davon lebten wir mehr schlecht als recht und gewöhnten uns so auch weitgehend den Alkohol und die Zigaretten ab. Die wenigen Lebensmittel, die wir ergattern konnten, gaben wir zuerst immer Enrico, Pollys kleinem schwarzen Mops, und bald musste Polly all unsere Kleidungsstücke enger nähen, worin sie sich als recht geschickt erwies.

An Versuchen, unsere Situation zu ändern, mangelte es nicht. Polly schneiderte sich aus einem Vorhang ein eng anliegendes silbergraues Kleid, in dem sie mit ihren pechschwarzen Locken besonders gut aussah, und verbrachte Wochen damit, eine lustige Nummer einzuüben, in der Enrico Tricks vorführte, die sie ihm beigebracht hatte. Es stellte sich dann leider heraus, dass der Besitzer des Nachtclubs unten in Palm Springs wollte, dass sie während der Vorstellung Tricks vorführte, bei denen sie am Ende weder ihr Kleid noch irgendetwas anderes anhatte. Polly verpasste ihm daraufhin ein blaues Auge, Enrico biss ihn gleichzeitig in den Hintern, und einige Gäste applaudierten tatsächlich. Leider bekamen sie trotzdem keine Gage für dieses beachtliche Kunststück. Polly war noch lange danach empört.

Wir beschlossen, weiterzuziehen und an der Ostküste unser Glück zu versuchen. Wir reisten mit dem Zug, regulär in der dritten Klasse – viele andere mussten den »Hoover-Express« nehmen, benannt nach dem derzeitigen Präsidenten, der die nationale Wirtschaftslage so großartig managte, dass man gratis reisen konnte, indem man auf Güterzüge aufsprang, die dankenswerterweise größtenteils leer waren. Doch in New Jersey erging es uns keineswegs besser. Unser Aufenthalt erwies sich als ein einziger wochenlanger Fehlschlag mit dem einen Vorteil, dass wir ab und zu einen Fisch aus dem verschmutzten Hafenbecken von Atlantic City angeln und braten konnten.

So hatten wir nun entschieden, dass genug Gras über die alte Sache gewachsen sein müsste, und waren mithilfe unserer letzten Reserven wieder nach Hollywood zurückgekehrt. Unsere einzige reelle Aussicht, gutes Geld zu verdienen, sahen wir hier, wo ich als Privatdetektiv von früher her bekannt war, ebenso wie Polly als Regisseurin und Drehbuchautorin. Hier erlebte der neue Tonfilm eine ungeahnte Blüte, hier gab es mehr Filmstudios denn je. Und somit auch Produzenten, Regisseure und Schauspieler, die über Nacht reich geworden waren, viel reicher als der Rest des Landes, und sich im Überschwang danebenbenahmen, und folglich gab es auch jede Menge Verbrechen, die der Aufklärung harrten. Jetzt mussten wir den Leuten nur noch sagen, dass wir wider Erwarten am Leben waren, und zusehen, wie sie es aufnehmen würden. Und vor allem: ob es uns einen Job einbringen würde.

Ein weiterer Vorteil war, dass Polly am Fuß der Hollywood Hills ein Häuschen besaß, das sie geerbt hatte und in dem wir leben konnten, ohne Miete zu zahlen. Es hatte eine längere Zeit leer gestanden und war voller Staub und Spinnweben, doch nachdem wir es ein paar Tage lang instand gesetzt hatten, fühlten wir uns darin wieder ganz wohl, auch wenn wir nach wie vor sehr abgebrannt und sehr hungrig waren.

Wir hatten einen vielfach bewährten Freund in der Stadt, Buck Carpenter, einen umtriebigen Alkoholschmuggler und Besitzer einer illegalen Bar am Sunset Boulevard namens Jail Café. Buck wusste, dass wir noch am Leben waren. Er hatte auf unser Häuschen an der Kreuzung von La Brea und Franklin Avenue aufgepasst, mehrfach Leute daraus vertrieben und uns nun den Wink gegeben, wir könnten ruhig nach Los Angeles zurückkehren. Er wusste jederzeit Rat und war mit allen Wassern gewaschen, verfügte über Geldquellen und gute Verbindungen. Doch es gelang uns zunächst nicht, ihn zu sprechen, obwohl ich erwartet hatte, dass er sich melden würde, da er ja wusste, dass wir jetzt wieder unter der ihm wohlbekannten Adresse zu finden waren. In seinem Haus im Laurel Canyon hob niemand den Hörer ab, und so ging ich ins Jail Café, seine wie ein Gefängnis aufgemachte Bar, wo den Gästen in Gitterzellen Alkohol serviert wurde. Dort sagte mir einer der als Sträflinge verkleideten Kellner, Floyd, den ich von früher kannte, Buck sei wohl länger verreist. Auch auf die Nachricht, die ich Buck dort hinterließ, hörten wir nichts von ihm. Das war ungewöhnlich, doch ich dachte mir zunächst nichts weiter dabei.

 

Noch einen weiteren Menschen gab es, auf den ich glaubte zählen zu können: Carl Laemmle junior, den Leiter des Universal-Studios im San Fernando Valley. Er war der Sohn meines alten Bekannten und deutschen Landsmanns Carl Laemmle, der das Studio gegründet und ihm zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag dessen Leitung übertragen hatte, aber noch immer im Hintergrund die Strippen zog. Junior, nun vierundzwanzig Jahre alt, war mittlerweile einer der mächtigsten Produzenten in Hollywood. Ich hatte bei meinem letzten Fall für ihn gearbeitet und ihm einen großen Gefallen getan, darauf wollte ich nun aufbauen.

Der Telefonapparat in unserem Haus war noch nicht wieder angeschlossen, da wir ihn nicht bezahlen konnten. Also ging ich zu dem schäbigen Diner um die Ecke, der über einen Fernsprecher verfügte, und warf eine Münze ein. Die Tische waren nur spärlich besetzt mit ein paar mageren Gestalten in fadenscheinigen Kleidern, die sich an ihren Kaffeetassen festhielten. Es war keine Flüsterkneipe wie das Jail Café, doch hätte sich auch keiner der Gäste illegalen Alkohol leisten können.

»Verbinden Sie mich mit dem Universal-Filmstudio«, sagte ich zum Operator, mit der Hand meinen Mund abschirmend. »Das Büro von Junior Laemmle, bitte.«

Als sich die Sekretärin des Studiobosses meldete – eine andere als vor drei Jahren, die ich nicht kannte –, sagte ich mit gesenkter Stimme: »Notieren Sie bitte folgende Nachricht an Junior: Ich erwarte ihn auf dem Mulholland Drive, am östlichen Ende mit Blick auf Universal, heute Mittag um halb eins, während der Sonnenfinsternis.«

»Aber Sir, das ist vollkommen unmöglich, Mr Laemmle hat natürlich einen vollen Terminkalender! Wer sind Sie überhaupt?«

»Junior kennt mich aus Laupheim«, sagte ich verbindlich und fuhr dann schnell fort: »Sagen Sie ihm, mein Name ist Dracula. Nur während der Sonnenfinsternis kann ich mich draußen blicken lassen, ohne zu verbrennen, er wird das verstehen. Es ist sehr dringend.«

Sie stöhnte leise auf. Ich wusste nur zu gut, dass Juniors Sekretärinnen einiges an Verschrobenheiten gewohnt waren. »Warten Sie bitte einen Augenblick, Sir.«

Sie legte den Hörer auf den Tisch, und es dauerte etwa eine Minute, bis sie wieder zurückkam und ihn aufnahm. Ihre Stimme klang jetzt ganz geschäftsmäßig: »Mr Dracula? Er wird dort sein.«

2

Dass Junior Bram Stokers berühmtes Buch über denVampir verfilmen würde, hatte er in meiner Gegenwart beschlossen. Insofern war der Name eine Art eindeutiger Code zwischen uns, und es war mir ein Anliegen gewesen, Junior vor einiger Zeit eine Karte zukommen zu lassen, die mit »Dracula« unterzeichnet war. Auch er wusste somit, dass ich noch lebte. Obwohl es einen Nachruf auf mich im Los Angeles Examiner gegeben hatte, in dem stand, ich hätte viele Geheimnisse über große Skandale mit ins Grab genommen, und ich hätte mich durch nichts von meinen Ermittlungen abhalten lassen, nicht einmal durch den Verlust eines Auges, erst durch meinen Tod.

Ich war zu einer Legende geworden. Doch dafür konnte ich mir vorerst nichts kaufen. So musste der legendäre Detektiv die Trambahn zum Mulholland Drive nehmen – natürlich hatten wir kein Automobil –, um einen neuen Auftrag zu ergattern. Für die Tickets setzte ich zwei Pfandflaschen ein, der Erlös der einen reichte für die Hinfahrt, der der anderen würde die Rückfahrt decken.

Als ich hinaus auf die Straße trat, wurde mir das allgegenwärtige Elend erneut so richtig bewusst. An der Straßenbahnhaltestelle Highland Avenue lungerten Dutzende abgerissener, erschreckend magerer Gestalten herum, die einen anbettelten, Schilder hochhielten mit Aufschriften wie Mache jede Arbeit, Bitte, ich habe Hunger oder Haben Sie ein Herz, oder die mit Pappschildern auf Rücken und Brust für irgendetwas Reklame standen, für einen Cent Gage pro Tag. Einige boten verschrumpelte Äpfel, Murmeln oder kaputtes Werkzeug feil, manche waren regelrecht aggressiv. Am schlimmsten waren die bettelnden Kinder, die versuchten, einem ein schlechtes Gewissen zu machen. Natürlich schafften sie das auch, aber kaum jemand hatte etwas, das er ihnen hätte geben können; und wenn doch einer etwas gab, stürzten sich sämtliche anderen Kinder sofort auf ihn.

Ich war heilfroh, als ich mich in den vollkommen überfüllten roten Straßenbahnwagen der Pacific Electric gerettet hatte, der auf dem Hollywood Boulevard zunächst nach Westen fuhr. Auf dem Weg quer durch die immer weiter wuchernde Stadt sah ich an jeder Ecke lange Schlangen. Ich dachte anfangs, es seien alles Kinozuschauer, dann kapierte ich, dass in den meisten Schlangen Menschen um Brot oder Suppe anstanden, die von Wohlfahrtsorganisationen angeboten wurden, aber niemals für alle reichten. Schlägereien waren an der Tagesordnung, auch unter Frauen und Kindern. Die Bürgersteige waren schwarz vor Obdachlosen und Bettlern. Es war möglich, dass darunter frühere Schauspielstars waren, für die die Zeiten sich ebenfalls verändert hatten. An den Massen der Armen vorbei bewegten sich einige wenige besser angezogene Frauen und Männer, stur nach vorne schauend. Jemand in einem sauberen Kleid oder Anzug oder mit einem modischen Hut stach automatisch aus der Menge heraus. Nur in den Schlangen vor den Lichtspielpalästen waren solche Menschen in der Mehrzahl.

Ich selbst trug einen abgewetzten Anzug und so etwas wie eine Krawatte. Damit war ich der bestgekleidete Passagier in der Straßenbahn. Die meisten um mich herum rochen nicht gut. Ich roch nicht gut.

Für mich fühlte sich diese Fahrt an, als sei ich nicht einfach nur in Los Angeles unterwegs, sondern unternehme eine Zeitreise zurück nach 1921, als ich ein armer, hoffnungsloser, gescheiterter Schauspieler gewesen war und gerade in meinem ersten großen Fall als Detektiv zu ermitteln begann. Auch damals war ich mit der Tram hierhergefahren und hatte dann zu Fuß den Aufstieg begonnen.

 

Um die Mittagszeit stand ich verschwitzt auf dem Kamm der Bergkette, die Los Angeles vom San Fernando Valley trennt. Nach Süden hin konnte man hinunter nach Hollywood und Downtown und weiter Richtung Pazifik sehen und nach Norden hin, wo auch das Gelände des Universal-Filmstudios lag, in das weite Tal und in Richtung der Berge. Der Bergkamm, auf dem ich mich befand und der den Moloch Los Angeles wie ein gewaltiger Riegel schützte, war zweiundzwanzig Meilen lang und reichte bis nach Malibu im Westen. 1921 war ich hier oben noch bei einer Verfolgungsfahrt mit einem alten Ford T über Stock und Stein gerumpelt, nun hatte man genau auf dem obersten Grat eine Straße gebaut und die Strecke auf gesamter Länge asphaltiert. Sie hieß jetzt Mulholland Drive, benannt nach dem Ingenieur, der das Wasser nach Los Angeles gebracht hatte. Hierherauf führten von den Stadtteilen Hollywood und Beverly Hills aus jene unzähligen Canyons, in denen neben vielen wilden Kojoten und Pumas seit einigen Jahren auch die Filmleute lebten. Sie hatten mit dieser Straße eine bequeme Zufahrt zu ihren Luxusvillen bekommen, und sie war bei ihnen auch als Rennstrecke beliebt, auf der sie die Motoren ihrer modernen Automobile und ihre Fahrkünste ans Limit bringen konnten. Das Asphaltband schwang sich entlang der steilen Abgründe in gewagten Kurven um gewaltige Felsbrocken herum.

Es gab mehrere Haltepunkte mit Aussichtsstellen für Touristen, und ich befand mich auf der östlichsten davon. Die Sonnenfinsternis stand unmittelbar bevor.

Links unter mir lag das weitläufige Studiogelände mit den Atelierhallen und Filmkulissen, das Vater und Sohn Laemmle gehörte und auf dem ich einige Zeit als Sicherheitschef gearbeitet hatte.

Nach rechts blickte man tief unten auf jene Straße, die von Hollywood aus über den Cahuenga-Pass ins Valley führte und neben der die muschelförmig angeordneten Tribünen der Hollywood Bowl lagen, einer steil aufsteigenden Naturbühne mit Platz für sechzehntausend Zuschauer. In Sichtweite grüßte auch in riesigen weißen Lettern der Schriftzug HOLLYWOODLAND auf dem Mount Lee, der inzwischen als Wahrzeichen galt, obwohl er ursprünglich nur Werbung für ein längst pleitegegangenes Immobilienunternehmen gewesen war.

 

Eben noch hatte ganz Los Angeles in grellem Sonnenschein gelegen, nun verdunkelte sich urplötzlich die gesamte Szenerie, als hätte ein Regisseur – ein sehr großer Regisseur – den Befehl zum Abblenden gegeben. In Wahrheit schob sich nur der Kernschatten des Mondes in unsere Blickachse vor die Sonne. Ich nahm eine große braune Flaschenscherbe, die ich am Wegrand gefunden hatte, und hielt sie vor mein intaktes linkes Auge – das andere hatte ich während meines ersten Falls bei einem Angriff verloren. Durch den Schutz der Scherbe beobachtete ich, wie der runde Schatten in die Sonne hineinwanderte, bis deren Licht nur noch ringförmig um ihn her leuchtete. Neben mir standen zahlreiche Menschen vor ihren Automobilen und starrten ebenfalls dort hinauf, als erwarteten sie eine göttliche Botschaft. In krisenhaften Zeiten hat lediglich der Aberglaube Hochkonjunktur, die Leute schieben nur zu gern das eigentlich unerklärliche Pech auf die Vorzeichen. Doch es gab auch einen jungen Mann, der seiner Freundin ausgerechnet in diesem Moment einen Heiratsantrag machte und auf die Knie ging, worauf sie hell aufjubelte und schluchzte.

Als ein perfekter Lichtkranz aus brennendem Feuer über uns stand, glitt ein goldener, nagelneuer Rolls Royce um die Ecke und hielt direkt vor mir an. Das Timing hätte ein noch so guter Aufnahmeleiter nicht besser hinbekommen können. Der Chauffeur öffnete seinem Fahrgast den Schlag. Schwungvoll stieg ein junger Mann aus, der unfassbar gut gekleidet war, bis hin zur weißen Nelke im Knopfloch, und mit seinen schwarzen Haaren und dem breiten Lächeln, das seine blendend weißen Zähne freilegte, wie ein Filmstar aussah.

Junior, wie ihn alle nannten, breitete die Arme aus und kam lächelnd auf mich zu.

»Hardy!«, rief er. »Ich ahnte ja, dass es Sie noch gibt, aber wie schön, Sie endlich wiederzusehen.«

»Das geht mir genauso, Junior«, sagte ich. Wir umarmten uns kräftig und schlugen uns auf die Schultern, so wie alte Freunde das eben machten. »Es freut mich sehr, zu welch großen Erfolgen Sie Universal mittlerweile geführt haben!«

»Danke«, sagte Junior und führte ein Grauglas ans Auge, wie es Kameraleute benutzten, die ihre Filmlampen einrichteten. »Das haben wir doch alles letztlich auch Ihnen zu verdanken.«

Er blinzelte zur Sonne. Der Lichtkranz rund um den dunklen Fleck verharrte weiter. Es war eine surreale Stimmung, als hielte das gesamte Leben auf einmal den Atem an, als sei die Zeit außer Kraft gesetzt.

»Glückwunsch noch einmal zum Preis der Academy für All Quiet On The Western Front als besten Film«, sagte ich. Ich als Kriegsveteran hatte ihn 1929 beim Dreh beraten. »Sie haben vorausgesagt, dass er ihn gewinnen wird.«

»Mein Vater hat ihn entgegengenommen, nicht ich«, sagte er, und für einen Moment schien es, als verdunkle sich auch sein Gesicht. »Und in Deutschland gab es um den Film eine so heftige Kontroverse mit den Nationalsozialisten, dass wir seither nicht mehr in unser Heimatland reisen können … Man zahlt eben für alles einen Preis.«

Unwillig schüttelte er den hübschen Kopf. Dann starrte er angestrengt nach oben.

»Wissen Sie was?«, fragte er, plötzlich fasziniert. »Ich glaube, es wird etwas passieren. Diese Sonnenfinsternis, sie wird alles verändern … Ja, ich bin sogar bereit, darauf zu wetten!«

Ich hatte früher schon mit ihm wetten müssen und jetzt keine Lust darauf, geschweige denn Geld, das ich hätte einsetzen können.

»Wie geht es Ihrem Vater?«, wechselte ich schnell das Thema.

»Sehr gut, er mischt sich immer noch in alles ein«, sagte er, den Blick hinauf zur Sonne gerichtet. Dann wandte er ihn ab und nahm das Glas herunter. »Aber reden wir nicht immer von uns, reden wir von Ihnen, Hardy! Wie ist es Ihnen ergangen?«

Ich erklärte ihm, wie seinerzeit Polly, Enrico und ich das Unglück überlebt hatten, es aber dann für besser befanden, als tot zu gelten. Und warum wir jetzt wieder zurückgekommen waren.

»Alles, was ich will, ist ein Job, ein neuer Auftrag als Detektiv. Haben Sie einen?«

Junior runzelte die Stirn, und ich spürte angesichts seiner Skepsis einen Stich in der Magengegend.

»Oh, wir werden gewiss etwas für Sie finden, Hardy«, sagte er. Er lächelte, doch sein Lächeln war nicht ganz so breit wie sonst. »Es ist nur so, Sie sind zu einem schlechten Zeitpunkt zurückgekommen. Wissen Sie, nach außen hin sind wir erfolgreich, so erfolgreich, wie ein Filmstudio nur sein kann. Aber der Filmbranche geht es insgesamt nicht gut.«

»Wieso?«, fragte ich. »Die Leute stehen doch in Massen vor den Kinos an, das habe ich überall im Land gesehen.«

»Nur bei manchen Filmen«, sagte er abwägend. »Zu wenigen. Die Einnahmen der Studios sind seit Anfang des Jahres um die Hälfte eingebrochen, überall, auch unsere! Die Leute haben einfach kein Geld mehr, ins Kino zu gehen. Die Krise schlägt jetzt voll durch, dazu kommt noch die Konkurrenz durch das Radio, das kostet nämlich nichts.«

Langsam begann sich der Kernschatten des Mondes wieder aus der Sonne herauszubewegen. Es wurde heller.

»Trotzdem brauchen Sie doch jemanden, der die heiklen Ermittlungen macht.«

Junior verzog sein Lächeln zu einer Grimasse.

»Lassen Sie mich darüber nachdenken, Hardy.« Er zögerte. »Das Problem ist, Universal kann zurzeit überhaupt keine Leute einstellen, wir müssen vielmehr gerade welche entlassen. Dutzende, sie stehen Schlange vor meinem Büro, weinende, gebrochene Menschen.«

Die Lichtregie erhellte das Tal zu unseren Füßen und ließ Sonnenschein auf uns zuwandern. Ich hatte ein Gefühl, als müsste ich verbrennen, sobald die Strahlen der Sonne mich wieder trafen. Wie Dracula.

»Papa und mein Schwager Stanley haben ein striktes Einstellungsverbot verhängt, ich muss mir also erst etwas einfallen lassen«, sagte er. »Aber das werde ich, nach allem, was Sie für uns getan haben …«

Sein Vater und Stanley Bergerman, der Mann seiner älteren Schwester Rosabelle und kaufmännischer Leiter von Universal, waren als äußerst sparsam bekannt, so hatten sie es zu etwas gebracht. Der aus dem schwäbischen Laupheim stammende Laemmle senior hatte Universal City auf dem Gelände einer Hühnerfarm erbaut und die Farm auch als Filmmogul weiterbetrieben, weil Hühner ja immer Eier legten. Ich wusste also, dass sein Sohn keineswegs übertrieb.

»Ich verstehe.«

Junior und ich standen jetzt wieder im vollen Sonnenlicht. Ich erwartete beinahe, dass er wie eine Fata Morgana verschwinden würde. Doch er blieb, und hinter ihm sein goldener Rolls Royce, neben dem der Chauffeur wartete.

»Sie haben mein Wort.« Junior legte mir die Hand auf die Schulter. Um uns herum stiegen die Menschen wieder in ihre Automobile und begannen, einer nach dem anderen davonzufahren, zurück in ihre elenden Leben. »Ich werde mich für Sie umhören, Hardy, ich habe ja viele Freunde, reiche und mächtige Leute. Sobald ich etwas höre, sage ich Ihnen Bescheid.« Er stutzte einen Moment. »Und bitte, nehmen Sie das …« Er griff in seine Tasche und holte etwas heraus. Es war ein Zehndollarschein, den er mir hinhielt. »Mehr habe ich nicht bei mir, aber nehmen Sie!«

Der Schein leuchtete grün in der Sonne. Zehn Dollar waren für jemanden wie mich eine verdammte Menge Geld. Es war ewig her, dass ich einen solchen Schein auch nur zu Gesicht bekommen hatte.

»Danke«, sagte ich, ohne ihn zu nehmen. »Aber ich möchte dafür arbeiten. Ja, sagen Sie mir Bescheid. Rufen Sie bei Josy’s Diner in der Franklin Avenue an und hinterlassen mir dort eine Nachricht.«

Ich hatte dem Besitzer eine Zweicentmünze gegeben, damit er Anrufe an mich weiterleiten würde.

»Das werde ich machen«, sagte Junior. »Das ist doch das Mindeste, was ich für Sie tun kann … Bis bald, Hardy, alles Gute!«

Ich war unfähig, mich zu rühren, bis er in den Wagen gestiegen war. Ich sah dem Rolls Royce zu, wie er wendete und in die Richtung zurückfuhr, aus der er gekommen war. Er verschwand hinter dem Felsvorsprung des Mulholland Drive, und ich stand alleine in der Sonne.

Ich kannte Junior gut, er war ein Dandy und ein Playboy, der schon als Studioboss immer eine Menge Projekte im Kopf gehabt hatte, und noch dazu immer mindestens eine Blondine. Mir schien es, als sei alle Hoffnung verloren. Auf dem Weg nach unten zerbrach ich durch pures Ungeschick die zweite Pfandflasche. Daraufhin musste ich die gesamte Strecke nach Hause zurücklaufen.

 

In unserem Haus saß Polly, die ebenfalls auf Arbeitssuche gewesen war, abgekämpft und mutlos in der Küche und ließ sich, während ihre Hand mechanisch den kleinen schwarzen Mops streichelte, vom Radio mit einem Jazzschlager berieseln. Sie hatte darauf bestanden, das Radio zu behalten, die Victrola hatten wir versetzt. Polly hatte mit dem Leiter der Drehbuchabteilung bei Warner Brothers gesprochen, der ihr allerdings keine großen Hoffnungen auf eine Anstellung gemacht hatte. Immerhin hatte er ihr ein rohes Steak geschenkt, das in der Kantine übrig geblieben war.

Ich erzählte ihr von dem Gespräch mit Junior: dass er bei Universal nichts für mich tun könne und dass ich mir keine allzu großen Hoffnungen machte, dass er irgendetwas anderes erreichen würde. Leider erzählte ich ihr auch von dem Geldschein, den Junior mir hatte schenken wollen.

Polly starrte mich mit ihren großen kohlrabenschwarzen Augen an, als wollte sie mich umbringen: »Bist du verrückt?«

»Das konnte ich einfach nicht annehmen, Polly.«

»Und ob du das konntest!« Sie boxte mich gegen die Brust. »Du mit deinem verdammten Stolz, Hardy Engel! Das können wir uns doch jetzt nicht leisten!«

»Wer hätte uns denn überhaupt einen so großen Schein wechseln können?«, wandte ich lahm ein.

»Eine Bank!«, rief sie empört. »Und was hätten wir davon nicht alles kaufen können!«

Wir stritten noch eine Weile. Dann beschloss ich, aus dem Stück Fleisch ein fürstliches Mahl für uns drei zuzubereiten. Ich legte es gerade in die Pfanne, als uns aus heiterem Himmel der Strom abgestellt wurde. Das Licht in der Küche und das Radio gingen schlagartig aus, und auch der Herd funktionierte nicht mehr. Ich starrte auf das noch vollkommen rohe Steak und fluchte lauthals auf die Elektrizitätsgesellschaft, bei der wir zwar ordnungsgemäß angemeldet, der wir jedoch die Anzahlung schuldig geblieben waren.

Polly und ich sanken einander verzweifelt in die Arme, während Enrico sich über das Fleisch hermachte. In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Ich putzte mir die Nase und ging öffnen.

Es war ein Lieferjunge mit einer Schirmmütze, der von Josy’s Diner nebenan herübergeschickt worden war und einen schmutzigen Servierblock in der Hand hielt, auf den ein paar Buchstaben und Zahlen gekrakelt waren.

»Hardy Engel?«

Mit leerem Blick sagte er, da sei ein Anruf für mich gekommen und ich solle unter dieser Nummer zurückrufen. Ich folgte dem Jungen nach drüben zum Telefon, wo er mich, ohne auch nur auf ein Trinkgeld zu hoffen, stehen ließ.

Ich warf eine von Pollys Münzen ein und sagte dem Operator die Nummer. Ich hätte mit allem Möglichen gerechnet, mit Laemmle oder mit Buck, doch am anderen Ende meldete sich eine Sekretärin, die ich nicht kannte.

»Metro-Goldwyn-Mayer, Büro von Mr Bern.«

MGM, aus einer Fusion mehrerer Studios entstanden, war seit einigen Jahren das größte und glamouröseste Filmstudio Hollywoods, das damit warb, die meisten Stars unter Vertrag zu haben, angeblich sogar mehr, als Sterne am Himmel zu finden waren. Ich hatte bisher noch nicht direkt mit ihnen zu tun gehabt.

»Hallo, hier spricht Hardy Engel«, sagte ich tastend. »Ich sollte mich unter dieser Nummer melden?«

»Oh, Mr Engel, ja!« Die Sekretärin war voller Begeisterung. »Mr Bern möchte Sie dringend sprechen. Hätten Sie Zeit, um sechs zu uns zu kommen?«

Einen Mann dieses Namens kannte ich nicht.

»Das kann ich einrichten.« Ich räusperte mich. »Wer ist denn Mr Bern?«

»Oh, er ist einer unserer Produzenten«, sagte sie amüsiert, so als müsste jeder Mr Bern kennen. »Fragen Sie einfach an der Pforte nach ihm. Wunderbar, dann bis nachher, Mr Engel!«

Ich war noch im Zweifel, ob wirklich wunderbar sein würde, was folgte. Ob irgendetwas wunderbar sein könnte, das am Tag einer Sonnenfinsternis begann. Doch Junior Laemmle hatte in einem recht gehabt: Es würde etwas passieren.

3

Nachdem ich mich gewaschen hatte, war es auch schonZeit, die Trambahn nach Culver City zu nehmen. Polly gab mir dafür ihre allerletzten Reserven, ein paar Centmünzen. An der Haltestelle zerrte ein aufkommender Wind uns allen an den Kleidern und fuhr durch ihre Löcher. Im Radio war für den Abend ein Gewitter angekündigt worden.

In der Linie Richtung Süden merkte man sofort, dass es zu einem großen Filmstudio ging: Die Leute waren zwar kaum weniger ärmlich gekleidet als die Passagiere in der anderen Bahn, doch sie gebärdeten sich erheblich hochmütiger. In ihren Köpfen waren sie offenbar reich, schön und berühmt oder würden es bald sein. Ein Mädchen mit einer Lockenfrisur, die sie hochgesteckt trug, saß auf dem Schoß eines Mannes, die wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen, las eine Filmzeitschrift und gab ihm und uns laut die neuesten Nachrichten daraus weiter.

»Marion Davies und William Randolph Hearst werden wir bei MGM nicht antreffen. Hier steht, dass die beiden Liebesvögel auf großer Sommerreise in Europa sind, mehrere Monate lang, erst in Paris und an der Côte d’Azur, dann zur Kur in Bad Nauheim und später in Rom und Neapel.«

Ich lauschte interessiert. Mit den beiden hatte ich beim letzten Fall zu tun gehabt, und es war mir nicht unrecht, sie außer Landes zu wissen. »Dafür könnten wir dort definitiv Clark Gable begegnen. Er soll für MGM bald einen neuen Film mit Jean Harlow drehen, das Traumpaar ist dann endlich wieder einmal vereint.« Sie seufzte. »Oh, ich würde den Boden küssen, auf dem er geht!«

Gable war der neue männliche Superstar, ein baumlanger Bursche aus Ohio mit riesigen Ohren, aber gewaltigem Sexappeal, der bei nahezu keiner Frau in den Kinos seine Wirkung verfehlte. Auch nicht bei Polly. Jean Harlow war sein weibliches Pendant, eine als »Sexbombe« vermarktete freche junge Frau mit Kurven. Nach ihrer Haarfarbe war sogar ein Film benannt worden: Platinum Blonde.

Für Metro-Goldwyn-Mayer zu arbeiten, erschien mir auf dieser Fahrt in etwa so realistisch, wie jetzt an einer Pfandflasche zu reiben und dann einen hilfreichen Geist daraus entweichen zu sehen, der mir seine Dienste anbot. Genau solche Dinge kamen nur in den glamourösen und höchst erfolgreichen Filmen vor, für die das Studio stand.

 

An der Station Culver City stiegen so gut wie alle Fahrgäste aus. Das gesamte Viertel bestand fast nur aus dem ungeheuer weitläufigen Studiogelände von Metro-Goldwyn-Mayer, das dreiundvierzig Acres Land voller riesiger Atelierhallen und zahlreiche Straßenblocks umfasste. Der Eingang war von einer Menschenmenge umlagert, Schaulustige, die darauf hofften, einen Star zu sehen, ebenso wie Arbeitssuchende, die darauf hofften, ein Star zu werden.

Der Pförtner des Filmstudios wachte an seiner heruntergelassenen Schranke wie ein Zerberus am Eingang zum Paradies. Ich hatte früher einige Bekannte unter den Pförtnern gehabt, aber dieser gut genährte Uniformierte war keiner davon. Er sah aus wie ein jüngerer Bruder von Clark Gable, nur mit kleineren Ohren. Als ich es endlich geschafft hatte, mich zu ihm durchzudrängen, blickte er mich kaum an.

»Mr Bern im Hauptgebäude erwartet mich um sechs«, rief ich ihm zu.

Sein Blick glitt einmal abschätzig über mich, ein Stirnrunzeln folgte.

»Name?«

»Hardy Engel!«

Langsam griff er nach seinem Telefon, wählte eine Nummer und sprach hinein. Währenddessen bedrängten mich von hinten zahlreiche schreiende Menschen, die ebenfalls seine Aufmerksamkeit erregen wollten, doch ich verteidigte meinen Platz tapfer.

Nachdem er aufgelegt hatte, wandte er sich mir deutlich freundlicher wieder zu.

»Bitte gehen Sie hier links entlang zum Hauptgebäude, Sir, und melden Sie sich im ersten Stock bei Mr Berns Sekretärin, Miss Irene Harrison.«

Er gab den Weg frei und ließ mich eintreten. Sofort danach versperrte er den Eingang wieder. Er war kräftig genug gebaut, um die anderen Hoffnungsvollen abzuwehren.

 

Aufatmend ging ich eine breite Studioallee entlang, die von ionischen Säulen flankiert wurde. Diese gehörten zu einem der gewaltigen Flügel des Hauptgebäudes, das aussah wie ein Tempel aus dem antiken Rom, in dem man aus den Lebern geopferter Vögel das Schicksal der Cäsaren ablas. Die Allee war stark bevölkert – und wie in der Antike gab es neben den normalen Bürgern auch hier Sklaven. Allerdings trugen sie Filmequipment oder hatten historische Kostüme an, um als Komparsen zu dienen. Einem wurde gerade von einer aufkommenden Sturmböe der Hut vom Kopf geweht, und er sprang ihm hinterher. Vor dem Haupteingang des Gebäudes hielten nur wenige der geschäftig dahineilenden Passanten an, um einzutreten. Ein weiterer Portier glich meinen Namen mit einer Liste ab, nickte wortlos, und ich betrat das Allerheiligste. Louis B. Mayer und Samuel Goldwyn sowie andere Mächtige des Studios kannte ich persönlich, doch ich hoffte nicht, ihnen jetzt zu begegnen, ich hoffte nur auf den Termin mit Mr Bern, wer auch immer er war.

Im ersten Stock betrat ich einen langen, breiten Flur, an dessen Wänden Sofas und Sessel aufgestellt waren, auf denen zahlreiche Menschen verharrten. Ich kam mir vor wie im lang gestreckten Wartezimmer eines Arztes, am ehesten dem eines Schönheitschirurgen, denn die meisten hier schienen bereits die Dienste eines solchen in Anspruch genommen zu haben. Es war eines der glamourösesten Wartezimmer, das ich in meinem Leben gesehen hatten. Fast alle der gut aussehenden Männer und Frauen waren erheblich besser gekleidet als ich, sie hatten sich für diesen Besuch offensichtlich zurechtgemacht. Ich wurde mir meiner schäbigen Kleidung nur umso mehr bewusst, während ich an ihnen allen vorbeigeführt wurde. Neugierige Blicke trafen mich. Ein, zwei Frauen flirteten sofort. Ein, zwei Männer auch.

Eine junge Frau mit einem Klemmbrett trat auf mich zu. Sie war Ende zwanzig, trug ihre braunen Locken in einer kurz geschnittenen Frisur und über einem eleganten Kleid eine lange Perlenkette. Bei aller Geschäftigkeit sah sie so entspannt und verbindlich aus wie eine Hochzeitsplanerin, bei der es läuft wie am Schnürchen.

»Ja bitte?«

»Zu Mr Bern, um sechs Uhr, Hardy Engel«, stellte ich mich vor.

»Ich bin Irene Harrison, Mr Engel, wir hatten telefoniert«, sagte die junge Frau und musterte mich mit einem ebenso freundlichen wie neugierigen Blick. »Kommen Sie bitte mit.«

Ich folgte ihr den langen Flur entlang, vorbei an den vielen Wartenden auf den Couches, die mir neidisch nachsahen, bis wir zu einem letzten Sofa kamen. Darauf saß nur ein Mann.

»Bitte nehmen Sie hier noch einen Moment Platz, Mr Engel«, sagte Miss Harrison. »Mr Bern ist noch mit dringenden Angelegenheiten beschäftigt, aber er wird bald Zeit für Sie haben. Wollen Sie Kaffee oder Tee?«

»Kaffee, bitte«, sagte ich verblüfft und setzte mich. Der Mann neben mir war sofort zur Seite gerückt, er sah mich trotz der Zurücksetzung freundlich an, und ich nickte ihm zu. Er war ohne Frage der bestaussehende Mann, den ich jemals gesehen hatte: ein Gesicht, das einen auf Anhieb durch seine Schönheit fesselte, schwarze, gescheitelte Haare, olivfarbene Haut, kluge dunkle Augen und ein verschmitztes, unvergessliches Lächeln.

»Hallo«, sagte er mit einer dunklen Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. »Ich bin Archie. Archie Leach, freut mich sehr.« Er streckte die Hand aus, und ich schüttelte sie gebannt. Die Sekretärin brachte mir eine Tasse Kaffee, die sie auf einem Beistelltischchen vor uns abstellte. Die Möbel waren aus Mahagoni, das rote Sofa sah aus wie die geöffneten Lippen einer Frau.

»Hardy Engel, ebenso«, sagte ich. »Sind Sie Komiker?«

Ob er Schauspieler war, musste ich nicht erst erfragen.

»Oh, ist es so offensichtlich?« Sein Lächeln war bemerkenswert uneitel. »Ich habe beim Vaudeville angefangen, beinahe jedes Varieté im ganzen Land bespielt und so einige Tricks drauf.«

»Und Sie sind Brite«, stellte ich fest. Seine Tasse war eine Teetasse.

»Aus Bristol«, gestand er zerknirscht, doch es war nur feine Selbstironie. »Ich habe versucht, mir einen Akzent aus dem Mittleren Westen anzutrainieren, aber ich fliege immer wieder auf. Und Sie?«

»Ich bin Deutscher«, sagte ich und unterschlug meine eigene erfolglose Vergangenheit als Kleindarsteller. »Darf ich Ihnen eine blöde Frage stellen?«

»Selbstverständlich«, antwortete Archie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Als Komiker bin ich Experte für blöde Fragen.« Und er verdrehte seine dunklen Augen zu einem Schielen, was bei einem Mann von seiner Schönheit einen hinreißenden Effekt hatte.

»Ich habe gleich einen Termin bei Mr Bern, aber ich habe keine Ahnung, wer er ist.« Ich zeigte den Flur entlang: »Oder was die alle von ihm wollen. Können Sie mir vielleicht sagen, was hier eigentlich los ist?«

»Gerne, und ich finde das keineswegs blöd, sondern erfrischend«, sagte Archie und beugte sich ein wenig zu mir. Man fühlte sich dadurch automatisch geehrt. »Mr Bern ist einer der wichtigsten Produzenten von MGM, er betreut nur die ganz großen Filmprojekte. Sein letztes war Anna Christie, in dem Greta Garbo zum ersten Mal auf der Leinwand gesprochen hat. Er ist mit den Stars auf Du und Du, sie nennen ihn den ›kleinen Beichtvater‹. Im Moment bereitet er Grand Hotel vor, nach dem Roman von Vicki Baum, Edmund Goulding wird Regie führen. Die Garbo und Joan Crawford und John Barrymore haben angeblich schon zugesagt, es sind insgesamt acht Glanzrollen, und ich würde für eine davon töten, und die da alle auch, aber ich glaube kaum, dass wir den Hauch einer Chance haben.« Er zog eine Grimasse und senkte seine Stimme um eine weitere Oktave. »Das ist es, was hier los ist. Und hier ist immer so was los, jeden Tag. Ich sitze zum zwölften Mal hier, ich habe mitgezählt, ich bin nämlich der Typ, der Tagebuch führt. Ich habe ganz schön viel Zeit, weil ich von einer sehr viel älteren Frau ausgehalten werde, die sehr bekannt ist. Sie heißt Mae West.«

»Oh, herzlichen Glückwunsch«, sagte ich. Mae West war eine blonde Schauspielerin mit ausladenden Formen, die für ihre frechen Sprüche auf der Leinwand bekannt oder vielmehr berüchtigt war. Der berühmteste lautete, nah bei einem Mann stehend: »Haben Sie eine Pistole dabei, oder freuen Sie sich so, mich zu sehen?«

»Ich habe übrigens eine Pistole dabei«, fügte ich hinzu und kniff mein Auge zu. Archie verzog das Gesicht, als habe er furchtbare Schmerzen, und lachte lautlos. Dann klopfte er mir auf den Arm. »Sie sind richtig, Hardy! Und ich sage Ihnen eins: Wenn Sie jetzt einen Termin bei Mr Bern haben und noch vor mir drankommen, und das werden Sie, dann müssen Sie ungeheuer wichtig für ihn sein und sind ein absoluter Glückspilz! Und deswegen werde ich mich gut mit Ihnen stellen.« Er zwinkerte schelmisch zurück. Wir lachten uns an.

Die anderen Wartenden den Flur hinunter schielten neugierig und eifersüchtig zu uns herüber. Keiner von ihnen machte Anstalten zu gehen, obwohl es unmöglich sein konnte, dass sie an diesem Tag noch alle drankommen würden.

Nach fünfzehn Minuten weiterer Plauderei mit Archie öffnete sich die Tür, und eine gut aussehende ältere Dame kam heraus, die einen schwarz glänzenden Pelzmantel trug. Miss Harrison begleitete sie den Flur hinunter. Die Dame ging ihn geübt entlang wie einen Laufsteg.

»Das war Vicki Baum, die deutsche Romanautorin«, sagte Archie und reckte den Hals nach ihr. »Ich habe ein Foto von ihr im Hollywood Reporter gesehen.«

»Mr Engel, es dauert leider noch ein wenig«, sagte Miss Harrison auf dem Rückweg entschuldigend. »Heute ist wirklich irrsinnig viel los bei Mr Bern, er muss unbedingt noch ein paar Drehbuchänderungen besprechen.«

Ich erhob mich. Die anderen Leute auf dem Flur merkten erwartungsvoll auf.

»Wissen Sie was, ich kann auch ein anderes Mal wiederkommen, wenn Mr Bern keine Zeit hat«, sagte ich.

Miss Harrison trat zu mir und legte mir die Hand auf den Arm. »Aber nein, Mr Engel … Lustig, Mr Bern hat gemeint, dass Sie genau so etwas sagen würden …« Sie kicherte wohlerzogen. »Bitte bleiben Sie unbedingt, er wird Sie in Kürze empfangen!«

Ich war so verblüfft, dass ich mich wieder setzte. Einige Leute den Flur hinunter stöhnten enttäuscht auf. Sie ging zurück in ihr Vorzimmer.

»Scheint Sie gut zu kennen, Mr Bern«, kommentierte Archie mitten in mein Grübeln hinein. »Ich sage doch, ein Glückspilz. Mich erkennen die Produzenten immer nur an der Kerbe in meinem Kinn.«

»Gewiss nicht nur, Archie«, sagte ich lächelnd und versuchte mich zu entspannen. Es war bereits kurz vor sieben, Mr Bern schien lange Arbeitstage zu haben.

»Soll ich Ihnen das Jonglieren beibringen?«, fragte Archie und unterdrückte ein Gähnen. »Ist gar nicht so schwer, wie es aussieht. Man fängt mit Orangen an und wechselt dann zu Feuerfackeln.«

Eine weitere halbe Stunde später öffnete sich erneut die Tür zu Berns Büro, und Miss Harrison trat heraus.

»Mr Engel«, sagte sie freundlich. »Danke fürs Warten, Mr Bern wird Sie jetzt empfangen. Bitte, kommen Sie herein.«

Ich stand etwas wacklig auf, machte eine kameradschaftliche Geste zu Archie, der mir zuzwinkerte, und ging hinein, durchquerte das Vorzimmer und trat durch die offene Tür.

Das Büro war riesig und mit blauem Zigarrenrauch vernebelt. Man hätte dringend ein Fenster öffnen müssen. Am anderen Ende machte ich einen Schreibtisch aus, an dem ein Mann saß, der etwas notierte und den Kopf gesenkt hielt. Ich trat näher, und der Nebel lichtete sich allmählich. Ich sah ein Schild, Paul Bern, Executive Producer, neben drei riesigen Stapeln Drehbücher.

Der Mann sah aus Gedanken hoch, blickte mir entgegen und begann zu strahlen. Es war mein alter Freund Paul Levy.

4

»Hardy!«, rief Paul voller Herzlichkeit und sprang auf.»Erinnerst du dich noch an mich?«

Er eilte um seinen Schreibtisch herum und kam mit weit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Paul war etwas dicker geworden und hatte sich einen distinguierten Schnurrbart zugelegt, aber ansonsten sah er nicht viel anders aus als damals, 1920, im Hafen von New York.

»Ob ich … Aber natürlich erinnere ich mich an dich, Paul!«, stotterte ich. »Wie könnte ich mich nicht erinnern … Ich habe nur nicht geahnt … Ich kannte diesen Namen nicht!«

Nun umarmte er mich kräftig, wir schlugen uns auf die Schultern und drückten einander dann wieder. Es war ein wirklich herzliches Wiedersehen.

»Den habe ich mir selbst gegeben, als ich damals von der Ostküste nach Hollywood kam«, sagte Paul begeistert. »Ich habe mich einfach neu erfunden, na, so wie du ja auch!«

Ich nahm seinen Kopf in meine Hände und sah ihn mir aus nächster Nähe an. Wir strahlten beide über das ganze Gesicht.

»Du hast mir meinen Namen gegeben! Du hast mich neu erfunden und in dieses Land gebracht!«, sagte ich, den Tränen nahe. »Ich konnte dir damals nicht einmal mehr Danke sagen, weil du so schnell verschwunden warst – ich habe dich gesucht, leider vergeblich. Jetzt kann ich es endlich tun – danke, danke, danke!«

Ich umarmte ihn erneut. Mich bestürmten die Gedanken an alles, was seither geschehen und nur aufgrund seiner Weichenstellung möglich geworden war. Sobald man anfing, darüber nachzudenken, konnte man glatt verrückt werden.

»Das ist doch nicht der Rede wert, Hardy«, sagte er und schüttelte entschlossen den Kopf. Wenn er das tat, wabbelten seine Backen ein bisschen mit, wie Hamsterbacken. Es ließ ihn gemütlich wirken und bildete einen Kontrast zu seinem Maßanzug mit Weste und feiner Seidenkrawatte samt Diamantnadel. Er hatte gewaltig etwas aus sich gemacht, das musste man sagen.

Auf seinem Schreibtisch klingelte derweil fortwährend das Telefon – abwechselnd und überlappend gleich drei Apparate, die dort mit blinkenden Lichtern nebeneinanderstanden –, doch er kümmerte sich nicht darum.

»Du hast ein Auge verloren«, stellte er fest. »Aber sonst siehst du unverändert aus, sehr gut!«

Es war ein aufmerksamer Blick auf einen Landsmann in schweren Zeiten, er erfasste meinen schäbigen, zu weiten Anzug und den fleckigen Binder um meinen Hals. Paul schob mich zu einer Couchgruppe aus weißem Leder.

»Setz dich – ein Whisky? Eine Zigarre? Etwas zu essen? Wie geht es dir?«

Ich setzte mich vorsichtig auf den vorderen Rand eines der piekfeinen Sofas, so als könnte ich es sonst beschädigen, und rang um Worte. Seit der Weltwirtschaftskrise nahm ich wieder Alkohol zu mir, doch nur noch wie eine rare, teure Medizin in absoluten Notfällen.

»Danke, im Moment nichts … Wie hast du mich eigentlich gefunden?«

Paul nahm mir gegenüber Platz und schlug die Beine übereinander. Er trug Seidenstrümpfe und Spectators, weiße Lederschuhe mit einer schwarzen Zierkappe. Sie vervollständigten das Bild des Hollywood-Moguls, der er geworden war, den Passagier der dritten Klasse hatte er weit hinter sich gelassen. Doch sein schelmisches Lächeln, mit dem er mir zuzwinkerte, war noch dasselbe wie damals auf dem Schiff.

»Junior Laemmle hat mich angerufen, ich bin mit ihm und seinem Papa gut befreundet. Er fragte, ob ich einem Landsmann helfen kann, Hardy Engel, und bei dem Namen habe ich natürlich sofort aufgemerkt! Vor allem war ich heilfroh, dass du lebst, ich habe vor drei Jahren deinen Nachruf in der Zeitung gelesen und erst so mitbekommen, dass du Privatdetektiv in dieser Stadt gewesen warst. Ich habe um dich geweint, und jetzt weine ich wieder, vor Freude.«

Er sprang auf und umarmte mich erneut, was ein bisschen ungeschickt, aber sehr rührend war.

»Ich hielt es für besser, eine Zeit lang unterzutauchen«, erklärte ich, während er sich wieder setzte und die Augen mit einem Taschentuch mit dem Monogramm PB wischte. »Woher kennst du Junior denn? Und warum sind wir uns in dieser Stadt nicht schon früher über den Weg gelaufen – von deinem geänderten Namen mal abgesehen?«

»Ich habe seit 1920 eine weite Reise hinter mir, so wie du gewiss auch, Hardy«, begann Paul und hielt mir eine geöffnete Zigarrenkiste aus Palisanderholz hin. Ich lehnte mit stummem Dank ab, und er nahm sich eine Zigarre. Er biss die Spitze ab und zündete sie an, während er weiterredete. »Damals, im September 1920, hat sich kurz nach meiner Ankunft meine liebe Mutter umgebracht, sie ist in den Hudson River gesprungen und hat sich ertränkt.«

»Oh nein«, sagte ich. »Das tut mir so unfassbar leid, Paul.«

Er nickte mir dankend, mit umflorten Augen zu und fasste sich schnell wieder.

»Ich hatte dir ja erzählt, dass sie psychische Probleme hatte, ihr Suizid war leider durch nichts zu verhindern. Danach habe ich beschlossen, nicht mehr als Schauspieler zu arbeiten, ich ging als Autor und Regisseur zum Theater und war recht erfolgreich damit, unter dem neuen Namen Paul Bern. 1922 entschied ich mich dann, nach Hollywood zu gehen, und arbeitete hier bald mit Ernst Lubitsch und Erich von Stroheim, für deren Filme ich Drehbücher schrieb, es ging richtig bergauf.«

Lubitsch und von Stroheim. Zwei weitere Landsleute von uns, die als Regisseure legendäre Figuren geworden waren. Ich war beiden kurz begegnet, doch nur als kleines Licht, als Detektiv.

Die Apparate auf Pauls Schreibtisch klingelten jetzt alle drei gleichzeitig, es war beinahe, als würde seine Vergangenheit versuchen, zu ihm durchzudringen.