Der Dampfwolf und andere Geschichten - Martin Riesen - E-Book

Der Dampfwolf und andere Geschichten E-Book

Martin Riesen

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Beschreibung

Es war einmal... ...eine mutige Prinzessin, die loszieht, um das rostende Herz ihres Prinzen reparieren zu lassen. ...eine Maus, die eine mechanische Rüstung baut, um ihre Familie vor einer Katze zu schützen. ...ein Uhrmacher, der die beschädigten Flügel einer Fee durch feinste Mechanik ersetzt. Zehn Erzählungen, die altbekannte Märchenthemen mit Dampftechnik vermischen und von einer Gruppe talentierter Zeichnerinnen illustriert wurden. Lesespass für Kinder und Erwachsene ist beim neuesten Werk des Schweizer Steampunk-Autors Martin Riesen garantiert.

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Der Dampfwolf

Die Eisenmaus

Die Fee und der Uhrmacher

Das rostige Herz

Die Zwergenuhr

Prinzessin Zahnrad

Der Furchtsaft

Der Geist in der Uhr

Ein wahrer Herrscher

Die Zwerge vom Schraubenberg

Impressum

Der Dampfwolf

In einem friedlichen Landstrich nicht weit weg von hier herrschte einst ein König, der nicht gerade für seine Weisheit bekannt war, dafür aber für seinen starken Waffenarm. Diesem König waren zwei Söhne geschenkt worden, von denen Roderich, der Ältere, sein ganzer Stolz war. Seinem Vater gleich war der ältere Sohn ein mutiger Kämpfer und äußerst geschickt im Umgang mit Schwert und Lanze.

Der jüngere Sohn Gunthard hingegen bereitete dem König Sorgen. Nicht nur war er kleiner und schmächtiger als sein Bruder, er verbrachte seine Zeit zudem lieber in der Bibliothek und schmökerte in alten Büchern, statt sich im Schwertkampf oder Lanzenstechen zu üben.

„Du bist ein Träumer und ein Faulpelz“, schimpfte der König eines Tages. „Warum verbringst du deine Zeit mit diesen blöden Büchern, anstatt etwas Nützliches zu tun?“

„Aber Vater, ist es nicht wichtig, die Geschichte des Landes und seiner Bewohner zu kennen?“, verteidigte sich Prinz Gunthard. „Auch Eure Taten werden in diesen Büchern erwähnt und es ist wichtig, sie nicht zu vergessen.“

„Wenn du von meinen Taten hören willst, werde ich dir jederzeit gerne davon erzählen.“ Der König legte seine schwieligen Hände auf die Schultern des Prinzen und sah ihm mitleidig ins Gesicht. „Lesen ist eines Prinzen unwürdig. Deine Aufgabe ist es, Geschichte zu machen, nicht sie zu studieren. Nun hol dein Schwert, ich will dich in zehn Minuten auf dem Übungsplatz sehen!“

Prinz Gunthard tat, wie ihm geheißen, wenn auch nur unwillig. Diese Kampfübungen langweilten ihn. Er hatte sich bis jetzt noch immer mit Worten aus schwierigen Situationen retten können, wozu sollte er lernen wie man jemanden erschlug? Doch um seinen Vater nicht zu enttäuschen, gab er sich besonders Mühe, wenn auch sein Herz nicht ganz bei der Sache war.

Alles veränderte sich, nachdem eines Tages in diesem friedlichen Landstrich ein mächtiger, eiserner Wolf auftauchte. Der Rauch seiner Dampfmaschine begann den blauen Himmel zu verdunkeln und die Bewohner der Region versteckten sich voller Furcht in ihren Häusern. Das Monster entwurzelte ganze Waldstücke und verscheuchte die Tiere, wo immer er auf sie traf.

Der König versammelte eine Armee aus den mächtigsten Rittern seiner Ländereien und ritt gegen den Wolf, doch dieser zerschmetterte die Schlachtlinie und um ein Haar wäre der König selbst nicht mehr lebendig in seine Burg zurückgekehrt.

Prinz Roderich versuchte daraufhin selbst sein Glück, rief alle Männer des Reiches zum Krieg auf und schaffte es, ein gewaltiges Heer aus Kriegsknechten um sich zu scharen. Doch auch deren Hellebarden konnten der gepanzerten Haut des Dampfwolfes keinen Schaden zufügen. Das Untier zerschlug die Schlachtlinie ohne Probleme und zerstreute die Überlebenden dieses Fiaskos in alle Ecken des Königreichs. Panik brach unter den Bürgern aus und überall begannen die Bauern, ihre Sachen zusammenzupacken und zu fliehen.

Während das dampfbetriebene Monster die Bauernhöfe zerstörte und Dörfer einebnete, rätselten der König und seine Berater vergebens darüber nach, wie sie die Maschine vernichten konnten. In seiner Verzweiflung versprach der König schließlich eine großzügige Belohnung demjenigen, der den Wolf zur Strecke bringen konnte. Mächtige Drachentöter reisten heran, doch weder Äxte noch Armbrüste konnten die Eisenhaut des Monstrums durchdringen. Ganze Söldnerheere versammelten sich auf dem gepeinigten Land und rückten mit Muskete und Pike gegen das Ungeheuer vor, doch weder Schild noch Pavise schützten vor seinen mächtigen Pranken. Niemand schien in der Lage, den Dampfwolf besiegen zu können.

Prinz Gunthard hörte die Geschichten voll morbider Faszination. Noch nie war das Königreich der Vernichtung so nahe gewesen und noch nie hatte er seinen Vater so ratlos und voller Furcht gesehen. Doch dies war ein Gegner, der nicht durch pure Gewalt besiegt werden konnte. Da der Dampfwolf jedoch intelligent zu sein schien, fragte sich der Prinz, ob es möglich wäre, mit ihm zu verhandeln.

Nach einigem Nachdenken beschloss Gunthard, es zumindest zu versuchen. Er konnte doch sein Heimatland nicht widerstandslos diesem Monster überlassen! Er schnallte sein Schwert um, nahm nur das Allernötigste mit und stieg auf seinen treuen Rappen, um das Untier zu finden und zu vertreiben.

Der König beobachtete den Auszug seines jüngeren Sohns voller Gram. Was wollte dieser Bücherwurm schon gegen ein solches Monster ausrichten? Er befürchtete schon, Gunthard wahrscheinlich nie wieder zu sehen, und doch hatte er ihn nicht an seiner Reise hindern wollen. Es war die Pflicht eines Prinzen, sein Reich zu verteidigen, egal was es auch kosten möge.

Guten Mutes zog Gunthard durch das Land und sah schon bald die ersten Spuren des Dampfwolfs. Er ritt an verlassenen Bauernhöfen und flüchtenden Menschen vorüber, die ihm alle rieten, sich schnellstmöglich abzuwenden und zu fliehen. Doch der Prinz schlug alle Warnungen in den Wind und suchte weiter nach dem Monster.

Schließlich fand er, wonach er gesucht hatte. Eine breite Trampelspur führte tief in ein Waldstück. Der Dampfwolf hatte die Bäume umgeknickt wie Streichhölzer und sich einen Weg tief ins Innere gebahnt. Angespannt band der Prinz sein Pferd an einen umgefallenen Baum, gürtete sein Schwert fester und folgte dem Pfad.

Schon wenig später konnte er das Klicken und Zischen des Dampfwolfs hören. Das Monster musste ganz in der Nähe sein. Tatsächlich konnte er kurz darauf einen ersten Blick erhaschen. Die Bestie war so hoch wie ein Haus, sein Schlund groß genug, um ein Pferd zu verschlingen, und mit armlangen Zähnen bestückt. Aus kalten, unbarmherzigen Augen starrte der Dampfwolf ins Unterholz und musterte den Prinz, nachdem dieser tapfer ins Freie getreten war.

„Was willst du hier?“, knurrte das Ungeheuer und richtete sich bedrohlich auf.

Prinz Gunthard schluckte leer, als ihm die schiere Größe dieses Monsters bewusst wurde. Trotzdem hob er beschwichtigend seine leeren Hände, um anzuzeigen, dass er keine Bedrohung war. „Ich bin hier, um mit dir zu reden.“

Hustendes Gelächter war die Antwort. „Du? Worüber sollten wir zwei schon reden müssen?“

„Ich bin ein Prinz dieses Reichs und hier, um Friedensverhandlungen zu führen“, sprach Gunthard weiter. „Es ist kein Krieg zwischen uns nötig, das Land ist doch groß genug für alle.“

„Frieden?“ Die Dampfmaschine des Wolfs zischte, während er seinen gigantischen Kopf auf Gunthards Höhe hinabsenkte. „Wir befinden uns nicht im Krieg, Winzling. Du führst doch auch keinen Krieg gegen Ameisen, die dich stören.“

Unbeabsichtigt trat Gunthard einen Schritt zurück. „Wir sind aber keine Ameisen, wir sind Menschen, und wir waren zuerst hier.“

„Ich verstehe schon, was du vor hast. Eure Ritter und Soldaten haben versagt, nun schickt der König seinen Schwächling von Sohn, um mit mir zu verhandeln, weil er selbst zu feige ist.“ Der Wolf bleckte herausfordernd seine Zähne.

„Ich bin aus freiem Willen hier!“, rief Gunthard böse aus.

Der Dampfwolf rückte etwas näher und erneut wich der Prinz zurück. „Rede dir das ruhig ein. Warum kehrst du nicht zu deinem Herrn Vater zurück und sagst ihm, er solle mich gefälligst persönlich aufsuchen?“

„Wirst du dann mit ihm verhandeln?“ Der Prinz sah noch immer einen kleinen Funken Hoffnung und klammerte sich mit aller Kraft daran fest.

„Verhandeln? Sei nicht albern!“ Wieder ließ der Wolf sein hämisch bellendes Lachen hören. „Ich werde ihn töten und an seiner Stelle diesen Landstrich regieren.“

„Das werde ich nicht zulassen!“, rief Gunthard und zog sein Schwert. Der Wolf bewegte sich keinen Millimeter, während der Prinz ausholte und seine Waffe mit aller Kraft auf dessen stählerne Haut niederfahren ließ. Die Klinge zerbarst, als wäre sie aus Glas.

„Du bist entweder sehr mutig oder sehr dumm. Vermutlich beides“, höhnte der Wolf. „Ich lasse dich am Leben, weil du mich amüsiert hast. Und nun verschwinde!“

Entgeistert starrte der Prinz auf das zerbrochene Schwert, dessen Griff er noch immer in der Hand hielt. Er spürte den kalten, bösen Blick der Bestie auf sich und beschloss, sein Heil in der Flucht zu suchen. Das spöttische Gelächter des Untiers verfolgte ihn durch den Wald.

Erst nachdem er sicher war, den Dampfwolf weit hinter sich gelassen zu haben, blieb Gunthard stehen und dachte nach. Wie wollte er dieses Biest nur besiegen? Weder die Kraft von dutzenden Rittern noch eine gut gemeinte Verhandlung hatten zum Erfolg geführt. Mussten sie das Land wirklich dieser Bestie überlassen?

Langsam ging er weiter, folgte einem rauschenden Bächlein bis zu einem Teich mitten im Wald. Erst als er stehenblieb, hörte er ein leises, kaum hörbares Weinen durch das Rauschen. Neugierig folgte der Prinz dem Laut, bis er am anderen Ende des Teichs ein bleiches Mädchen in einem hübschen grünen Kleid sah.

„Sag mir, welchen Grund hat ein so hübsches Kind wie du, solch bittere Tränen zu vergießen?“, fragte Gunthard.

Das Mädchen zuckte erschrocken zusammen und sah zu ihm auf. „Weh mir, ich habe versagt!“, jammerte es. „Es wäre meine Aufgabe, den Wald zu schützen, doch gegen diese metallene Bestie kann ich nicht bestehen.“

Gunthard musterte die zierliche Gestalt. Er hatte von diesen Wesen gelesen, doch nie hätte er erwartet, jemals eines zu Gesicht zu bekommen. „Du bist eine Waldnymphe, nehme ich an? Wie nennt man dich, schöne Maid?“

„Meliade“, antwortete sie leise. „Ich bin die Wächterin dieser Wälder. Zumindest noch so lange, bis der Wolf alles zerstört hat.“

„Wie gerne würde ich dir helfen, doch ich bin gegen den Wolf machtlos“, antwortete der Prinz traurig.

„Menschen haben ihn geschaffen, Menschen müssen ihn vernichten. Vielleicht ... Ja, vielleicht kannst du es schaffen.“ Meliade blickte ihn plötzlich hoffnungsvoll an. „Seine Präsenz entzieht mir die Kraft, doch du bist jung und flink genug, um ihn zu zerstören.“

„Nur wie?“, rief der Prinz. „Schwert und Speer prallen von ihm ab, seine Pranken zerschmettern jeden Schild, und verhandeln möchte er nicht.“

„Mit der Stärke eines Baums, der Ewigkeit eines Berges und der Kraft des Lebens“, antwortete die Nymphe. Sie zog drei Gegenstände hervor und reichte sie dem Jüngling.

Er betrachtete die drei seltsamen Dinge und fragte sich, ob Meliade dies wirklich ernst meinte. „Eine Nuss, ein kleiner Stein und eine Phiole mit Wasser?“

„Dies ist eine Nuss vom stärksten Baum dieses Waldes, ein Stein vom höchsten und ältesten Berg und Wasser von der reinsten Quelle“, erklärte das Mädchen.

„Aber wie –“

„Ich kann dir nicht mehr helfen. Du musst es schaffen, den Wolf zu besiegen, sonst werde ich zusammen mit diesem Wald sterben.“

Ihre Gestalt begann zu verblassen und verschwand schließlich. Verzweifelt starrte der Prinz auf die Gegenstände in seinen Händen und murmelte: „Ich werde dich nicht im Stich lassen, Meliade.“

Während er den Weg zurück zum Dampfwolf suchte, fragte er sich, wie ihm diese Objekte dabei helfen sollten, die Bestie zur Strecke zu bringen. Selbst als er die ersten umgeknickten Bäume erspähte, wollte ihm noch nichts einfallen.

„Die Stärke des Baums, die Ewigkeit des Berges und das Wasser des Lebens“, murmelte er und betrat die Lichtung, auf der sich der Dampfwolf ausruhte. Als er seine massige, metallene Gestalt sah und die schmalen Lücken im Rücken seiner dicken Panzerung, hatte er plötzlich eine Idee.

„Du schon wieder?“, grollte der Wolf. „Ein zweites Mal werde ich dich nicht am Leben lassen, wenn du es wagen solltest, mich wieder anzugreifen.“

„Keine Angst, du wirst keine Gelegenheit dazu haben“, antwortete Gunthard und bereitete sich auf den unweigerlich folgenden Angriff vor.

Das Untier brüllte, seine Dampfmaschine zischte und dicker, schwarzer Qualm trat aus seinen Kaminschloten, während er auf den Prinz zustürzte.

Dieser umfasste den faustgroßen Stein mit aller Kraft und wartete, bis der Dampfwolf beinahe auf Armeslänge an ihn herangetreten war, bevor er zur Seite sprang und den Stein in den klaffenden Schlund der Bestie warf.

Der Wolf bremste und versuchte sein Maul zu schließen, doch der Stein hatte sich in seinem metallenen Kiefer verkeilt. Brüllend schüttelte er den Kopf, aber auch das half nicht.

Der Prinz verlor keine Zeit, trat neben den abgelenkten Wolf und kletterte behände auf dessen Rücken. Er ließ die Nuss durch eine Ritze ins Innere des Wolfes fallen und zerschmetterte die Phiole. Wasser tröpfelte ins Innere des Dampfwolfs, über Zahnräder und Kolben bis zur Nuss, die sich tief in den mechanischen Eingeweiden verfangen hatte.

Gunthard sprang flink vom Rücken der Bestie, die plötzlich zu vibrieren begann. Sie jaulte auf, die Panzerplatten bogen sich durch und platzten schließlich auf. Mächtige Wurzeln wuchsen aus dem Innern des Dampfwolfs, bahnten sich einen Weg durch das Metall und rammten sich in den Boden. Mit einem letzten Heulen zerriss der Maschinenkörper des Ungetüms und die Trümmer verteilten sich auf der künstlichen Lichtung im Wald.

„Du hast es geschafft“, erklang Meliades Stimme plötzlich neben ihm.

„Mit deiner Hilfe“, antwortete Gunthard.

„Durch deinen Mut kann dieser Wald wieder wachsen und bald wird das Werk des Dampfungeheuers vergessen sein. Ich werde auf immer in deiner Schuld stehen.“

„Warum kommst du nicht mit mir?“

„Wie gerne würde ich dich begleiten, doch diese Wälder brauchen mich“, antwortete das Mädchen traurig.

„Ich werde wiederkommen“, versprach Gunthard. „Doch zuerst muss ich meinem Vater berichten, dass das Monster gefallen ist.“

Der Prinz gab seinem Pferd die Sporen und eilte zurück zum Schloss. Dort angekommen fand er alles in reger Aufruhr vor. Offenbar hatte sein älterer Bruder erneut vor, ein Heer zusammenzustellen und gegen das Monster zu reiten. Gunthard freute sich schon darauf, die guten Neuigkeiten zu überbringen.

Er übergab seinen Rappen dem überrascht dreinblickenden Stallmeister und eilte zum Thronsaal. Atemlos berichtete er dem König von seiner Tat.

„Und das soll ich dir glauben?“, fragte dieser daraufhin.

„Es ist die Wahrheit!“

„Gerade du willst geschafft haben, woran dutzende meiner besten Ritter gescheitert sind?“, fragte der König ungläubig.

„Eine Waldnymphe hat mir dabei geholfen.“

„Ah ja. Und wo ist dieses sagenhafte Wesen jetzt?“

„Noch immer in ihrem Wald.“

Der König erhob sich von seinem Thron und starrte seinen jüngeren Sohn durchdringend an. „Niemals hätte ich gedacht, von einem meiner Söhne so schamlos belogen zu werden.“

„Ich habe Euch nie angelogen, Vater. Ich werde Euch gerne zum Wrack des Monsters bringen, damit Ihr Euch selbst davon überzeugen könnt.“

Der König winkte ab. „Das ist kein Beweis. Selbst wenn der Wolf zerstört ist, heißt das noch nicht, dass du dafür verantwortlich bist. Bring mir lieber den Erschaffer des Dampfwolfs. Er soll in den Kerker geworfen werden und tausend Tode sterben für seine Verbrechen!“

Gunthard nickte stumm und verließ den Saal wieder. Er konnte nicht verstehen, warum ihm sein Vater nicht glaubte, doch wenn er einen Beweis für seine Fähigkeiten und seine Ehrenhaftigkeit verlangte, so wollte Gunthard ihm diese liefern. Noch war ihm jedoch schleierhaft, wie er den Erschaffer dieses metallenen Monsters finden wollte. Er beschloss jedoch, beim Wrack des Wolfs mit der Suche zu beginnen. Vielleicht konnte ihm Meliade weiterhelfen.

Der Gedanke, die Waldnymphe wiederzusehen, erfüllte ihn mit Freude. Er schnappte sich ein neues Schwert, sattelte sein Pferd und ritt los. Obwohl er sein Reittier zu höchstem Tempo antrieb, schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis er wieder beim Wrack des Dampfwolfs angekommen war.

Schon während er sich der Lichtung näherte, konnte er Meliade sehen. Sie stand auf den Überresten der gigantischen Maschine, aus denen bereits ein Bäumchen zu wachsen begonnen hatte, und sah zu, wie er zu ihr ritt und vom Pferd stieg.

In der exakten Sekunde, als seine Füße den Boden berührten, stand Meliade neben ihm, ohne dass er eine Bewegung hatte sehen können. Er blickte überrascht zu ihr, doch sie lächelte nur.

„Du bist wieder da!“, sagte sie erfreut. Sie musterte sein Gesicht und schien seine Gedanken sofort zu erkennen. „Du trägst Sorge in dir.“

Gunthard seufzte. „Mein Vater glaubt mir nicht, den Wolf besiegt zu haben, und möchte eine weitere Tat als Beweis von mir.“

„Was möchte er denn von dir?“

„Ich soll den Erschaffer des Dampfwolfs finden und ihn seiner gerechten Strafe zuführen.“

„Keine leichte Aufgabe“, meinte die Waldnymphe und starrte für einige Sekunden unbeweglich in die Bäume. „Er kam aus dem Westen.“

„Woher weißt du das?“, fragte Gunthard erstaunt.

„Die Bäume haben es gesehen.“

„Kommst du mit mir? Ich könnte deine Hilfe sicher gebrauchen.“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Außerhalb meines Reichs bin ich machtlos.“

„Und was ist, wenn wir ein Stück des Waldes mitnehmen?“ Meliade sah wortlos zu, wie er einen abgebrochenen Ast aufhob und daraus mit sorgfältigen Hieben seines Schwerts einen Wanderstab schnitzte.

„Das sollte funktionieren, aber nur so lange, bis das Holz endgültig stirbt“, antwortete sie.

„Wie lange wird das dauern?“

„Höchstens sieben Tage.“

„Das reicht“, meinte Gunthard. Er stieg wieder auf sein Pferd und reichte Meliade die Hand. Etwas ungeschickt stieg sie ebenfalls auf und hielt sich vorsichtig an ihm fest.

„Ich bin noch nie geritten“, sagte sie entschuldigend, doch er winkte ab.

Der Prinz lenkte sein Pferd aus dem Wald und Richtung Westen. Tatsächlich schien die Maschine in einer erstaunlich geraden Linie aus dieser Himmelsrichtung gekommen zu sein. Für einen Tag und eine Nacht ritten sie weiter, sahen unzählige zerstörte Bauernhäuser, umgeknickte Bäume und fliehende Menschen.

Schnell näherten sie sich der Grenze des Königreichs. Die benachbarten Reiche waren ihnen nicht freundlich gesinnt, unzählige Fehden waren bereits ausgetragen worden und Prinz Gunthard beschloss, seine Verbindung zum Königshaus auf der anderen Seite der Grenze lieber nicht zu zeigen. Während einer kurzen Pause zog er seinen Brustharnisch aus und versteckte ihn zusammen mit seinem Schwert in einem hohlen Baum ganz in der Nähe des Weges. In seiner einfachen Reitkleidung war er nun nicht mehr so einfach als Prinz zu erkennen.

Auch im Nachbarreich waren die Spuren des Dampfwolfs unübersehbar. Das Untier war in einer schnurgeraden Linie durch das Land gezogen und Gunthard hatte keine Probleme, der Fährte zu folgen.

Sie begegneten erstaunlich wenigen Menschen. Zwar sah er regelmäßig kleinere und größere Gehöfte, doch die meisten davon waren verlassen und verfielen langsam, obwohl das Land fruchtbar und gut zu bebauen schien. Bei einem bewohnten Hof hielt er schließlich an, um sich nach der Ursache zu erkunden.

„Es ist gefährlich, so nahe an der Grenze zu bauen“, antwortete der Bauer auf Gunthards Frage.

„Warum?“, fragte der Prinz. „Es herrscht doch schon lange kein Krieg mehr.“

„Ja, das stimmt, doch trotzdem wurden die Höfe immer wieder überfallen, die Ernte geraubt, Frauen und Kinder entführt und die Männer getötet, wenn sie zu sehen waren.“

„Furchtbar! Unternimmt denn niemand etwas gegen diese Banditen?“

„Es sind Soldaten des Nachbarreichs, keine Banditen.“

Gunthard war schockiert. Was erzählte dieser ungewaschene Landmann da? Es war ausgeschlossen, dass Soldaten seines Reichs als Briganten durch die Lande zogen, und das wollte er auch beweisen. „Nun gut, wenn du mir erlaubst, die Nacht hier zu verbringen, werde ich im Gegenzug deine Familie vor diesen Gaunern beschützen.“

„Das würdet Ihr tun? Ich muss Euch jedoch warnen, es sind viele und sie sind skrupellos.“

„Keine Angst, ich weiß mich zu verteidigen“, antwortete der Prinz selbstbewusst.

Der Bauer ließ für Gunthard und Meliade eine Schlafstelle in der Scheune einrichten. Nicht lange, nachdem die Dunkelheit über das Land hereingebrochen war, erklangen laute Geräusche von draußen. Gunthard spähte durch einen Spalt in der hölzernen Scheunenwand und sah, wie ein Dutzend Männer in der Uniform seines Königreichs den Bauernhof betrat und sich zum Wohnhaus begab. Er umfasste seinen Wanderstab, verließ die Scheune und rief laut: „Heda! Wer seid ihr?“

Schnell und geschickt kreisten ihn die Briganten ein, doch Gunthard zeigte keine Angst. Meliade stand direkt hinter ihm und wirkte bleich wie ein Geist im Licht des vollen Mondes.

„Gib uns das Mädchen und wir lassen dich vielleicht am Leben“, sagte einer der Briganten.

„Glaubt mir, ihr wollt lieber mit mir verhandeln als mit ihr.“

Der Brigant wollte nicht hören, stieß Gunthard grob zu Boden und packte Meliade am Handgelenk. Sie ächzte wegen der rabiaten Behandlung, tat einen Schritt auf ihren Angreifer zu und holte mit ihrer anderen Hand aus. Ihr Gesicht veränderte sich, die liebreizenden, feinen Züge verschwanden, und Gunthard wandte sein Antlitz ab, um die Veränderung nicht sehen zu müssen. Er wusste aus den Legenden, wie schrecklich eine Waldnymphe werden konnte, wenn sie wütend war.

Gunthard hörte das Knacken von Holz, zuerst überraschte und dann schmerzerfüllte Schreie der Briganten, und schließlich eine drückende Stille. Vorsichtig sah er auf. Scheinbar aus dem Nichts war ein mächtiger Baum gewachsen, hatte die abtrünnigen Soldaten gepackt und in seinem Inneren begraben. Vereinzelte Körperteile ragten aus seinem Stamm, doch nichts regte sich mehr. Nur der Anführer der Briganten war verschont worden. Mit starrem, ängstlichem Gesicht beglotzte er die Waldnymphe, die wieder so ätherisch und unschuldig wirkte wie zuvor.

Gunthard stand auf, klopfte sich den Staub von seinen Kleidern und sagte: „Wie gesagt, ihr wollt lieber mit mir verhandeln.“

Der Brigant nickte stumm, wobei er den Blick in keiner Sekunde von Meliade nahm.

„Wer ist euer Anführer? Wer hat euch geschickt?“

„Der König“, antwortete der Brigant schnell.

„Lüg mich nicht an!“, schimpfte Gunthard. „Willst du so enden wie deine Kumpanen?“

„Ich lüge nicht, es ist die reine Wahrheit!“

Meliade streckte eine Hand aus, worauf sich ein Ast des Baums absenkte und sich auf die Schulter des wimmernden Soldaten legte.

„Nun?“, setzte Gunthard nach.

„Ich schwöre, es ist die Wahrheit!“

Gunthard hatte genug gehört und bezweifelte, dass ihn dieser erbärmliche Geselle anlog. Um das Warum würde er sich kümmern, wenn er wieder zuhause war. „Nun gut. Du wirst zurück in dein Reich gehen und deinem Anführer ausrichten, diese Bauern unterstünden ab sofort dem Schutz der Waldnymphen. Dann wirst du deinen Abschied vom Heer nehmen und so weit weg ziehen, wie du nur kannst. Wenn du uns noch einmal unter die Augen trittst, wird es dir noch übler ergehen als deinen Gefährten.“

Der Brigant nickte nur, sprang auf und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen.

„Hat er die Wahrheit gesagt?“, fragte Meliade danach. „Steckt dein Vater hinter diesen Überfällen?“

„Ich glaube nicht, dass er gelogen hat. Mein Vater scheint Geheimnisse vor mir zu haben, die ich aufklären muss.“

„Denkst du, es wird nun Frieden herrschen?“

Gunthard schüttelte den Kopf. „Wir können nicht überall sein, können nicht jedes Unrecht bekämpfen und jeden Bauern beschützen. Ich werde mich darum kümmern, doch zuerst will ich den Erschaffer des Dampfwolfs finden.“

Den Rest der Nacht verbrachten sie in Ruhe, auch wenn er kein Auge schließen konnte. Meliade schien ebenfalls nicht zu schlafen, doch wer wusste schon, ob eine Nymphe dies überhaupt musste. Irgendwann tief in der Nacht spürte er plötzlich, wie sie sich an ihn schmiegte. Ihr Körper war so kalt wie eine Hundenase, trotzdem wich er vor der Berührung nicht zurück, legte seine Decke über sie und wartete schweigend auf die aufgehende Sonne.

Am nächsten Tag ritten sie weiter, nachdem sie den Bauern über die Ereignisse der Nacht informiert hatten. Dieser war äußerst dankbar, wenn er auch den seltsamen, neu gewachsenen Baum mit viel Misstrauen betrachtete. Meliade schärfte ihm ein, diesen Baum auf jeden Fall stehen zu lassen und immer in Ehren zu halten, sonst würde der Schutz der Nymphe verschwinden.

Zwei Tage folgten sie der Spur des Dampfwolfs, bis am Horizont ein hoher Turm sichtbar wurde, der wie eine lange Nadel in den Himmel stach. Als sie näher kamen, war Gunthard sicher, am Ziel seiner Reise angekommen zu sein. Der Turm war neben den zerfallenen Ruinen einer Kleinstadt gebaut worden und bestand aus in der Sonne glänzendem Metall. Seltsame spinnenähnliche Wesen hangelten sich an der Außenwand entlang, wobei sie laut klackten und gelegentlich Dampfwolken ausstießen.

Gunthard stieg von seinem Pferd und suchte nach einer Tür im Metallturm, jedoch ohne fündig zu werden. Mangels Alternativen klopfte er mit der Faust gegen die blank schimmernde Wand. Sofort blieben die Spinnenwesen stehen und wurden still. Der Prinz sah zu Meliade, die wiederum die Dampfspinnen beobachtete. Sie schien sich unwohl zu fühlen und war noch bleicher als zuvor.

Nach einigen Sekunden öffnete sich eine Klappe einige Meter über dem Boden und eine Stimme fragte: „Wer ist da?“

„Ich suche den Meister dieses Turms“, antwortete Gunthard.

„Du hast ihn gefunden. Was willst du?“

„Ich bin der Spur eines Dampfwolfs bis hierher gefolgt.“

„Hier gibt es keine Wölfe. Und nun verschwinde!“ Die Klappe wurde wieder geschlossen und die Metallspinnen kletterten langsam weiter.

„Was ist mit dieser Stadt geschehen?“, rief Prinz Gunthard laut.

Die Klappe öffnete sich wieder. „Was interessiert dich das?“