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Bringen Sie meine Tochter in Sicherheit. Was nach leicht verdientem Geld für den urbanen Söldner Alexei Polianov klingt, wird plötzlich zum Albtraum. Der Auftraggeber ist tot, die junge Gemma erinnert sich an kaum etwas aus ihrem Leben und Alexei weiß noch nicht einmal, wohin er sie eigentlich bringen muss. Gnadenlos durch die größte Metropole der Schweiz gejagt, benötigt es sein ganzes Können, am Leben zu bleiben und gleichzeitig die schmutzigen Machenschaften seiner Verfolger aufzudecken ... Nominiert für den SERAPH 2021 als bester Independent-Roman!
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ich danke
Chevalier’s Steampunkshop
und Thomas Weinert,
meinen größten Fans aller Zeiten,
für ihre Unterstützung auf Patreon
und ich danke Charleen
für ihren unermüdlichen Einsatz,
der dieses Buch erst möglich gemacht hat.
Die höchste Aufgabe des Menschen ist zu wissen, was einer sein muss, um ein Mensch zu sein.
Immanuel Kant
Kapitel 1: Das Ende
Kapitel 2: Exakt nach Spezifikation
Kapitel 3: Der Auftrag
Kapitel 4: Ronin
Kapitel 5: Inside Job
Kapitel 6: Gemma
Kapitel 7: Noch mehr Fragen
Kapitel 8: Off the Grid
Kapitel 9: Konzernleben
Kapitel 10: Spurensuche
Kapitel 11: Erste Antworten
Kapitel 12: Die harte Tour
Kapitel 13: Die andere Seite
Kapitel 14: Hunne aus der Sonne
Kapitel 15: Indigo-Netzwerk
Kapitel 16: Die Höhle des Löwen
Kapitel 17: Böses Erwachen
Kapitel 18: Strafaktion
Kapitel 19: Perspektiven
Kapitel 20: Flucht
Kapitel 21: Konsequenzen
Kapitel 22: Der Anfang
Der wummernde Bass folgte Alexei durch die Tür und an der auf Eintritt wartenden Menschenmenge vorbei auf die regennasse Straße. Selbst nachdem der Eingang wieder geschlossen war, konnte er den Lärm noch problemlos hören. Normalerweise machte es ihm nichts aus, er mochte die rhythmischen Nu-Goth-Beats, aber heute hatte es ihn schon nach kürzester Zeit genervt.
Obwohl das After Dark nur ein kleiner Hinterhofclub war, wartete wie üblich ein gutes Dutzend finster gekleideter Gestalten auf Einlass. Schwarzgewandete Oldschool-Goths standen neben in schillernden Farben leuchtenden Emopunks, in Lack und Leder gehüllten Fetischfreaks und weiteren, schwer zu definierenden Typen. Alexei schloss sich dem bunten Kostümreigen nicht an. Er betrachtete sich als Teil keiner Szene außer seiner eigenen. Trotzdem hatte er als Stammgast nie Probleme bekommen.
Er selbst würde sich nicht als auf irgendeine Art beeindruckend oder gar herausragend bezeichnen. Er war weder besonders groß noch auf den ersten Blick überdurchschnittlich kräftig. Seine Haare waren unmodisch regelmäßig kurz geschnitten und ebenso dunkelbraun wie seine Augen. Am Kragen seiner gepanzerten Jacke vorbei schimmerten die obersten Ausläufer eines blaugrün funkelnden Neon-Tattoos, das sich über Schultern und Rücken fortsetzte und einen stilisierten Phönix bildete. Die Jacke war weit genug geschnitten, um eine Pistole verstecken zu können, und der in einem aggressiven Rotton blinkende Abgelehnt-Schriftzug auf dem Rücken war nicht etwa eine politische Aussage, sondern nur das Markenzeichen des Herstellers. Alexei war kein Straßenpunk oder Szenenhopser und an den etwas breiten Gesichtszügen gut als Angehöriger der in diesem Viertel weit verbreiteten russischen Schicht zu erkennen.
Er sah nicht zurück, während er sich vom größten Trubel entfernte. Eigentlich hatte er sich nur ein paar Bier genehmigen wollen, um den Kopf freizukriegen, doch es war in die Hose gegangen. Der Alkohol hatte die Erinnerungen eher geweckt statt verdrängt. Im Nachhinein hätte er wahrscheinlich besser einen neuen Ort gewählt, um zu trinken, oder wäre noch besser gleich zu Hause geblieben, wo ein Besäufnis sowieso billiger war. Er seufzte.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, hatte Neri ihm einmal gesagt. Vielleicht hatte sie damit nicht unrecht, doch zu schnell konnte es auch zu einem Gefängnis werden, das man nicht verlassen konnte.
„Na Süßer, suchst du Gesellschaft?“, säuselte eine Stimme zu seiner Linken.
Noch bevor Alexei den Kopf drehte, ahnte er schon, was er gleich sehen würde. Eine Straßenhure, vermutlich kaum alt genug, um legal zu sein, und übermäßig schwarz geschminkt, um der Clubklientel zu gefallen. Er musterte sie. Beinahe richtig. Sie war älter als erwartet, aber ansonsten wirkte sie wie das Klischee eines Oldschool-Goths. Schwarzer Lippenstift, übertriebener Eyeliner, schwarz lackierte Fingernägel, nur ihre Haare passten nicht ganz. Diese trug sie, der aktuellen Mode entsprechend, links kurz geschoren und rechts erstaunlich lang, beinahe bis auf die Hüfte fallend. Immerhin waren sie ebenfalls schwarz gefärbt. Ihre Kleidung sollte aufreizend sein, aber sexy war sie nicht, zumindest wenn es nach Alexeis Geschmack ging. Es war zu knapp und zu billig.
Er ignorierte sie, auch das Urod, das sie ihm hinterherrief. Vielleicht mochte er ein Bastard sein, wie sie es ihm auf Russisch sagte, aber er war noch nicht tief genug gefallen, um für Sex zu bezahlen.
Die Hände in den Jackentaschen versenkt, ging er weiter. Das Viertel hatte seine besten Tage schon lange hinter sich, falls es diese überhaupt jemals gehabt hatte. Die Häuser um ihn herum waren heruntergekommen und die meisten standen offiziell seit Jahren leer. Jedes, das irgendwie aufgebrochen werden konnte, war besetzt worden. Bezahlbarer Wohnraum war auch hier knapp, weshalb sich viele mit illegalen Methoden halfen. Gopniks tummelten sich in den schmutzigen, faulig riechenden Nebengassen und verstummten für kurze Zeit, wenn Alexei an einer von ihnen vorbeiging. Diese zumeist jugendlichen Straßenbanden waren die wahren Punks, weit vom Zusammenhalt der Besetzerkommunen entfernt und normalerweise bedeuteten sie Ärger. Alexei fürchtete sich jedoch nicht vor ihnen. Man kannte ihn, er war hier aufgewachsen und selbst einer von ihnen gewesen, bis er sich zu etwas Besserem hatte mausern können. Die meisten Gopniks würden ihm bei dieser Meinung vermutlich widersprechen, sahen sie ihren anarchistischen Weg doch als den einzig wahren, aber für Alexei war es eine Offenbarung gewesen, nicht mehr ständig in Angst leben zu müssen, gleich ein rostiges Messer in den Rücken gerammt zu kriegen. Die gelegentliche Furcht, erschossen zu werden, war nicht viel besser, aber es war ein Anfang.
Sein Zuhause war nur einige Querstraßen vom Club entfernt, eine ehemalige Lagerhalle, die er ganz legal gemietet und nicht ganz so legal umgebaut hatte. Solange niemand das ganze Viertel aufkaufte und alles für einen neuen Mega-Wohnkomplex niederriss, würde ihn dort allerdings auch sicher niemand stören.
Er aktivierte den Overlay, als er die Gasse betrat, die zu seiner Wohnung führte. Die Welt strahlte auf, während sich die erweiterte Realität in seinen Augen öffnete und ihn mit zusätzlichen Informationen versorgte. Der Overlay war omnipräsent, eine Schnittstelle zwischen Realität und Virtualität, und ein wichtiger Bestandteil des Lebens der meisten Menschen. Er ermöglichte einen sofortigen Informationsaustausch, ohne dabei auf einen Bildschirm blicken zu müssen und überlagerte, wo immer nötig, die Realität nahtlos und unaufdringlich, zumindest in der Theorie.
Im Gegensatz zu vielen anderen benutzte Alexei den Overlay nur, wenn er ihn wirklich brauchte. Der ständige Informationsfluss verursachte ihm Kopfschmerzen, auch in einer der kaum überlagerten Gegenden wie dieser. In der Innenstadt des nahen Zürichs war es gefühlte tausend Mal schlimmer und erfüllt von plärrenden Werbeanzeigen – hier jedoch veränderte sich die Welt kaum. Das eigentliche Dateninterface konnte nicht einfach ausgeschaltet werden, glich dafür aber mehr der Arbeitsoberfläche eines altmodischen Computers. Es war die Schnittstelle zum HeadMem, einem Speicherchip in seinem Hirn, und versorgte ihn absolut unaufdringlich mit allen wichtigen Informationen, von der Uhrzeit bis zum Puls, falls benötigt.
In den Gassen vor seinem Zuhause wirkte alles ruhig. Alexei hatte sein Reich mit ein paar semi-intelligenten Helferlein geschützt, die ihn vor Eindringlingen warnen würden. Zudem rieten einige nur im Overlay sichtbare Gangsymbole Kleinganoven davon ab, hier einbrechen zu wollen und ein öffentliches Mietdokument verriet SprawlSec, die in der Gegend als Polizei fungierte, dass er ganz legal hier wohnte.
Die Menschheit war weit gekommen, von Höhlenmalereien über Filme und das erste, primitive Internet des späten zwanzigsten Jahrhunderts zu einer omnipräsenten erweiterten Realität, die ihnen angeblich das Leben erleichtern sollte. Zumindest denen, die keine Kopfschmerzen davon kriegten. Während er nähertrat, erschienen weitere Informationen in seinem künstlichen Auge. Es war nicht sein einziges Implantat, aber sein neuestes. Er hatte lange mit der Entscheidung gekämpft, eines seiner völlig gesunden Augen aus dem Körper schneiden und durch ein elektronisches Bauteil ersetzen zu lassen. Der Gedanke allein konnte für ein mulmiges Gefühl sorgen, dennoch waren die Vorteile nicht von der Hand zu weisen, weshalb er sich schließlich nach langem Zaudern doch auf den Operationstisch gelegt hatte.
Cyberaugen waren absolut nichts Ungewöhnliches mehr. Er hatte sich für ein Basismodell entschieden, das nur mit einem Retinadisplay für den Overlay ausgestattet war. Immerhin war es dadurch nicht mehr nötig, ständig Kontaktlinsen oder eine dieser unsäglichen Displayvisoren zu tragen, die eigentlich völlig veraltet und seit einigen Monaten wieder in Mode gekommen waren. Cyberretro war in und seiner Meinung nach absolut bescheuert. Sein Auge war von außen nicht von einem echten zu unterscheiden; ein Meisterwerk der Technik, wartungsfrei, mit einer garantierten Funktionsdauer von über hundert Jahren.
Die Tür besaß weder Schloss noch Klinke und war nahtlos in der Wand versenkt. Ein Magnetriegel versiegelte den Zugang stabil genug, dass die einfachste Möglichkeit, einzudringen, direkt durch die Wand war. Für ihn war es dagegen ein Kinderspiel, die Tür zu öffnen. Das Schloss war an seine ID gekoppelt und öffnete sich auf einen einfachen mentalen Impuls.
Sobald der Overlay erkannt hatte, dass sich Alexei im Gebäude befand, fütterte er ihn mit weiteren Informationen. Der Kühlschrank meldete, welche Produkte kurz vor dem Ende des Haltbarkeitsdatum waren, die Kaffeemaschine wollte gereinigt werden, zwei Mails warteten auf ihn, der Tank seines Autos war halbvoll ... Zu viel Mist. Er blendete die Symbole aus. Die moderne Elektronik war manchmal nerviger als ein digitaler Hund. Ständig wollte sie etwas, schrie nach ihm, warf ihm ein Pop-up vor die Füße und das so lange, bis es unmöglich war, sie zu ignorieren. Er korrigierte sich. Es war schlimmer als ein Rudel kleiner Kinder. Die konnte man wenigstens noch in den Schrank sperren, wenn gar nichts mehr half.
Seine Wohnung war ursprünglich eine Werkstatt gewesen und das sah man ihr teilweise immer noch an. Was hier einmal repariert oder hergestellt worden war, wusste er nicht und es hatte ihn auch nie interessiert. Ein schmaler Flur führte von der Tür tiefer in die Wohnung, direkt auf das winzige Badezimmer zu, das bei seinem Einzug tatsächlich schon existiert hatte, inklusive einer Dusche mit richtigem Wasser. Links vom Flur befand sich die riesige Garage, ursprünglich wohl für einen Lastwagen gedacht, und rechts führte der Durchgang in das erstaunlich große Wohnzimmer, die eigentliche Werkstatt. Die Decke schwebte etwa drei Meter über dem Boden und bestand aus nacktem Beton, genau wie die Wände. Eine schmale Fensterreihe befand sich knapp unter der Decke, die einzige natürliche Beleuchtung des Raums.
Die Einrichtung war vom berühmt-berüchtigten Designer Zufallini erstellt worden. Das Sofa war vom Sperrmüll, der dazugehörige Tisch bestand aus leeren Bierkisten und einer rohen Holzplatte. Eine Hausbar stand in einer Ecke, bestehend aus einer schiefen Vitrine, einer hölzernen Kabeltrommel als Tisch und einigen kleineren als Barhocker. Er benutzte diese sowieso kaum, das Sofa war zum Trinken gemütlicher, aber er hatte irgendwo gehört, dass diese Dinge einfach dazugehörten.
Das ungewöhnlichste Möbelstück war sein Musikregal, das aus einer zusammengewürfelten Ansammlung aus kleinen Holzkisten bestand, die er ebenfalls im Sperrmüll gefunden hatte. Die Stereoanlage war eine Antiquität aus der Vorkriegszeit, das Plastikgehäuse inzwischen mehr grau als schwarz und stellenweise speckig glänzend. Die Beschriftung der Bedienelemente war kaum lesbar, die weißen, aufgedruckten Schriftzeichen nur noch in Fragmenten vorhanden, aber Alexei wusste auch so, wie er dieses uralte Monster bedienen musste.
Die Regale waren gefüllt mit CDs, einem ebenso herrlich veralteten Medium aus kleinen Silberscheiben. Er liebte es, in Antiquitätenläden nach diesen Discs zu stöbern und Musik zu suchen, die keiner mehr kannte. Nicht viele CDs hatten den Rohstoffmangel nach dem Krieg überlebt, sie waren gesammelt und geschreddert worden, um den Kunststoff wiederzugewinnen. Heute interessierten sich nur noch ein paar hoffnungslose Sammler für sie, was jedoch die Preise leider immer mehr in die Höhe trieb.
Auf der oberen Seite des Wohnzimmers befanden sich die Zugänge zum Schlafzimmer und der Küche. Beides waren vermutlich früher einmal Büros gewesen. Das Schlafzimmer war ebenso zusammengewürfelt eingerichtet, nur die Küche hatte er bei seinem Einzug neu gekauft.
Alexei checkte die Mails, während er eine Flasche Wodka aus dem Barschrank nahm. Spam, was denn sonst. Wozu sich die Mühe machen, der Overlay war auch so sechzig Prozent Müll und der Rest Pornos. Er archivierte das Zeug im Rundordner, doch bevor er das Programm schließen konnte, blitzte das Symbol für einen eintreffenden Bildcall ein.
„Was denn jetzt?“, murrte er und stockte, als er den Anrufer sah. Neri. Er konnte sich nicht vorstellen, was sie noch von ihm wollte, trotzdem zog sich ihm das Herz zusammen. Er zog die Nachricht in den Overlay und setzte sich auf das Sofa.
Neris schlanke Gestalt manifestierte sich mitten im Wohnzimmer, in einer atemberaubenden Qualität, die kaum von ihrem echten Abbild zu unterscheiden war.
„Hey Lex, ähm, ich wollte dir nur nochmals kurz sagen, wie leid mir das Ganze tut“, sagte sie.
„Das kam mir nicht so vor“, murrte er und schenkte sich ein Glas des synthetischen Wodkas ein.
„Sei bitte nicht kindisch, wir können das doch wie Erwachsene regeln“, sagte sie sanft.
Selbst im Overlay wirkte Neri betörend. Manche wählten für die Onlinekommunikation fantasievolle Avatare aus, deren Herstellung ein kleines Vermögen kosten konnte, doch sie war bei diesen Dingen, wie bei vielen anderen in ihrem Leben, absolut Basic.
Wie üblich war sie nach aktueller Konzernmode gekleidet, schlicht aber elegant, was in den meisten Gegenden des Sprawls unabdingbar war, wenn man nicht auffallen wollte. Ihre olivfarbene Haut war das Erbe ihrer griechischen Eltern und wirkte auf ihn selbst nach all den Jahren immer noch herrlich exotisch. Auch wenn sie mit ihrer Familie nichts mehr zu tun hatte, konnte sie ihre Herkunft nicht verbergen. Ihre halblangen, gelockten Haare schillerten in allen Farben des Regenbogens und erst, wenn man genauer hinsah, bemerkte man die Bewegungen in den Farbverläufen. Es war eine Polymerbeschichtung, die durch Naniten ständig neu aufgetragen wurde. Das Implantat war sauteuer gewesen, ermöglichte ihr jedoch, die Haarfarbe ganz nach Belieben zu wechseln. Dies und ihre herrlichen violetten Augen waren die einzigen Modifikationen, die sie je hatte machen lassen. Na ja, beinahe. Den Dataplug hinter ihrem rechten Ohr hatte sie zum sechzehnten Geburtstag gekriegt, wie die meisten Kinder, die in Konzernobhut aufgewachsen waren. So einfach der Datentransfer über den Overlay auch war, für manche Dinge war ein Kabelanschluss schneller und sicherer. Trotzdem galt sie noch als Basic, selbst nach dem bescheidenen Standard der Straße.
Sie ging um den Tisch herum und blickte ihn beinahe bemitleidend an. „Ich kann schon verstehen, dass du sauer bist, aber ich möchte unsere Freundschaft trotzdem nicht ganz verlieren.“
Alexei schnaubte. „Weißt du, wonach sich das anhört? Dein Hund ist tot, aber du darfst ihn behalten.“
„Ich bin nicht der Bösewicht, Lex“, sagte sie empört. „Wenn du nur ab und zu auch mal an mich gedacht hättest, dann hätten wir das vermeiden können.“
„Ich habe ständig an dich gedacht“, rief er aus. „Vergiss nicht, wer dich aus der Gosse gefischt und dir geholfen hat!“
„Das vergesse ich bestimmt nicht und ich werde dir dafür ewig dankbar sein“, antwortete sie ruhig. „Aber du kannst dich nicht auf diesem einen Moment, in dem du selbstlos gehandelt hast, ein Leben lang ausruhen.“
Tausend Dinge hätte er ihr gerne gesagt. Er hätte sie anschreien, in seine Arme nehmen und auf die Knie sinken und sie um Verzeihung anflehen können. Er leerte das Glas und schenkte sich ein zweites ein. „Wir hätten eine Lösung finden können.“
„Ich habe dir mehr als einmal eine Chance gegeben.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Du hast sie nur nie genutzt. Du bist ein lieber Kerl, wenn du dir Mühe gibst, die restliche Zeit bist du jedoch ein furchtbarer Egoist. Aber das hatten wir schon.“
Er holte tief Luft. „Warum rufst du überhaupt an?“
„Darf ich nicht mehr mit dir reden?“
„Doch, sicher“, murmelte er und leerte das Glas.
„Du solltest deine Sorgen nicht in Alkohol ersäufen“, mahnte sie.
„Die können schwimmen, ich weiß. Aber sie davonschwimmen zu sehen, ist trotzdem befriedigend. Und nun spielt es auch keine Rolle mehr, blyat.“
Sie ignorierte das russische Fluchwort. Früher war das anders gewesen. Oft hatte sie ihn wegen seiner Gossensprache gerügt, aber schon während sie ein Paar waren, hatte sie es mehr und mehr aufgegeben.
„Pass auf dich auf, ja?“, sagte sie sanft.
Alexei schwieg, bis sie die Verbindung trennte und ihr Abbild flimmernd aus dem Overlay verschwand. Er sprang auf. „Warte!“
Es war längst zu spät. Alles war zu spät. Er deaktivierte den Overlay. Im Grunde genommen hatte er sie schon vor einiger Zeit verloren, sie war nur zu gutherzig gewesen. Er war allein. Seine Hand zitterte, als er zur Flasche griff. Nach kurzem Überlegen schenkte er sich kein drittes Glas ein.
Wo haben wir uns verloren?, fragte er sich. Er wusste es nicht einmal. Sechs Jahre waren sie ein Paar gewesen, praktisch unzertrennlich beruflich und privat. Dabei waren sie so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Er ein armer Gopnik aus dem Slum, sie ein verstoßenes Konzernweibchen des Petrakis-Clans, einer der reichsten Familien von Zürich. Es hätte nicht funktionieren sollen, aber allen negativen Stimmen zum Trotz hatte es das doch. Es war reines Glück gewesen, dass sie aufeinandergetroffen waren, als sie mit einer deaktivierten ID, ohne Geld und ohne Wissen über das Leben außerhalb der Konzerne mitten im Slum gelandet war. In jeder anderen Wirklichkeit wäre sie ausgeraubt, vergewaltigt und aufgeschlitzt worden, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, doch etwas in ihren damals noch braunen, hilflosen Augen, hatte Alexei berührt. Er wusste nicht, warum er ihr geholfen hatte. Die Mentalität unter den Gopniks war klar: Man hilft seinen Freunden, alle anderen waren potentielle Opfer. Und dann fand er Neri, versteckte sie vor der Gruppe und verließ diese schließlich wegen ihr. Schrägerweise verdankten sie sich gegenseitig viel. Wenn sie sich nicht kennengelernt hätten, würde er vermutlich immer noch in der Gosse leben.
Und nun war sie weg. Verschwunden. Wegen ihm.
Wenn du nicht aufhörst, mich als selbstverständlich anzusehen, wirst du irgendwann sehen, wie das Leben ohne mich ist, hatte sie ihm einst im Streit gedroht. Er blickte sich in seiner Wohnung um. Das also war nun sein Leben. Es war leer ohne sie.
„Blyat“, murmelte er und griff wieder nach der Flasche. „Du und ich, Towarisch Wodka.“
Die Flasche war leer, bevor es Mitternacht wurde.
Das Mädchen stand völlig regungslos und nackt neben dem Untersuchungstisch. Sie wirkte jung, kaum ein Teenager, und starrte ausdruckslos ins Leere. Die Anwesenheit der beiden Männer im Raum schien sie nicht im Geringsten zu stören.
Es sollte Vadim Wiederkehr eigentlich nicht peinlich sein, sie anzusehen, schließlich bekam sie sowieso kaum mit, was um sie herum geschah, doch trotzdem fühlte er sich unbehaglich. Seine eigenen Töchter hatten kein Problem damit, unbekleidet durch die Wohnung zu rennen, aber das war etwas anderes. Sie waren sein Fleisch und Blut und noch weit von der Pubertät und all den damit verbundenen körperlichen Veränderungen entfernt. Dieses Mädchen jedoch ... Sogleich korrigierte er sich. Gemma war kein Mädchen, sie war nicht einmal ein richtiger Mensch. Das durfte er niemals vergessen, nicht nur um seines Gewissens willen.
Der Raum war spärlich eingerichtet, nicht einmal zehn Quadratmeter groß, mit schmucklosen, weißen Wänden und einem sterilen, gefliesten Boden. Der Untersuchungstisch und ein metallenes Schubladenmöbel voller medizinischer Instrumente bildeten die gesamte Einrichtung. Kaltes Licht strömte von in der Decke versenkten Lampen und reflektierte sich an den Wänden. Mit einem mentalen Impuls aktivierte Vadim die Kompensatoren in seinen Augen, die daraufhin die Helligkeit auf ein akzeptableres Niveau herunterregelten. Er hatte die Implantate nie bereut, ganz im Gegenteil. Seine natürlichen Augen waren schwach gewesen, kurzsichtig und viel zu empfindlich. Dank der modernen Wissenschaft waren solche Dinge kein Problem mehr, jedenfalls solange man dafür bezahlen konnte. Seine Implantate ermöglichten es ihm unter anderem, auch in schlechten Lichtverhältnissen zu sehen, entfernte Objekte heranzuzoomen, waren dabei absolut wartungsfrei und auch auf einen genaueren Blick nicht von natürlichen Augen zu unterscheiden. Dass sie etwas zu strahlend blau waren, fiel nicht auf. Farbmodifikationen waren die Norm, er hatte schon Kinder mit in allen Farben des Regenbogens schillernden Augen gesehen.
Natürlich besaßen die Implantate auch sonst alle technischen Annehmlichkeiten. Mit einem weiteren mentalen Impuls blendete er die Uhr in seinem Augenwinkel ein. Nun wartete er schon seit zehn Minuten auf seinen Vorgesetzten. Wie üblich war dieser zu spät, doch mit seinem hohen Rang konnte er sich das natürlich erlauben. Er war bereits im Gebäude, doch bisher hatte er sich nicht in den Untersuchungsraum bequemt.
Vadim seufzte. Weshalb es für ihn überhaupt nötig war, anwesend zu sein, war nicht ganz klar. Er mochte diese Präsentationen nicht, sie waren langweilig und auf eine seltsame Art peinlich. Der Doktor hatte allerdings darauf bestanden, ohne den Grund dafür erklären zu wollen.
Vadim verschränkte die Arme. Er war für die Sicherheit zuständig und nicht als Babysitter angestellt. Seine Aufgabe war eigentlich simpel. Niemand durfte ohne sein Wissen das Gebäude betreten oder verlassen. Es war ein langweiliger Job, der hauptsächlich von der Elektronik übernommen und nur im absoluten Notfall von Vadim und seinem Dutzend Sicherheitsleuten forciert wurde. In den vergangenen zwölf Monaten war ein manuelles Eingreifen nie notwendig gewesen und er rechnete auch jetzt nicht mit Schwierigkeiten.
Doktor Kaufmann wirkte ebenso ungeduldig wie er. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen marschierte er im schmalen Raum zwischen dem metallenen Untersuchungstisch und dem Schubladenmöbel auf und ab. Der alte Mann war so nervös wie selten zuvor, was angesichts der Aufgabe, die vor ihm lag, verständlich war.
Die beiden Männer waren so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Der Doktor war schmal und unterdurchschnittlich groß, sein Haar schon länger ergraut, wogegen er nichts unternahm, genauso wie gegen seine immer zahlreicheren Falten. Verjüngungen waren längst keine Besonderheit mehr und man konnte selbst mit hundert noch aussehen wie vierzig, wenn man es darauf anlegen wollte. Kaufmann jedoch schien kein Interesse daran zu haben.
Vadim hingegen war hochgewachsen und kräftig, die schwarzen Haare kurzgeschoren. Alles an ihm schrie Soldat und darauf war er auch stolz. Verjüngungen hatte er noch nicht nötig, erst in ein paar Jahren würde er sich Gedanken um die Konservierung machen. Für einen Mann seines Standes war es unnötig, zu altern.
Die Tür öffnete sich ruckartig und endlich trat der Mann ein, auf den sie gewartet hatten. Jeremy Dunker konnte problemlos als Katalogbild für einen Executive Officer dienen, oder als Lexikonerklärung für das Wort durchschnittlich. Nicht zu groß, kein Gramm Fett zu viel, kurzgeschnittenes, braunes Haar in einem einfallslosen Scheitel. Die rehbraunen Augen waren zwar modifiziert, aber langweilig und sein zu weiches Gesicht hatte man in der gleichen Sekunde vergessen, in der man es gesehen hatte. Sein maßgeschneiderter Anzug besaß den Gegenwert eines Kleinwagens, doch das war schon das einzig Auffällige.
„Entschuldigen Sie die Verspätung, meine Herren. Ich wurde von etwas Wichtigem aufgehalten“, sagte er nonchalant.
„Na, solange Sie es geschafft haben, ist es nicht so schlimm“, sagte Doktor Kaufmann.
Jeremy Dunker blickte Vadim überrascht an. „Was machen Sie denn hier, Wiederkehr?“
„Es wurde um meine Anwesenheit gebeten“, antwortete dieser.
Dunker blickte zum Doktor, der jedoch keine Erklärung abgeben wollte. „Können wir anfangen?“
Der Blick des Execs wanderte zu Gemma und hellte deutlich auf. „Ich bitte darum.“
Doktor Kaufmann trat neben das Mädchen. „Wie Sie sehen, wurde sie spezifisch nach den gewünschten Eigenschaften ausgesucht. Alter, Größe, alles stimmt.“
Gemma war deutlich kleiner als der Doktor. Langes, braunes Haar fiel ihr über die Schultern. Er strich die Haare zurück und legte ihre kleinen, festen Brüste frei.
„Natürlich haben wir auf alle Details geachtet und mit Gentherapie nachgeholfen, wenn nötig“, erklärte Kaufmann weiter. „Kaum Muttermale, perfekte Symmetrie, makellose Haut.“
„Symmetrisch ja, aber sind sie nicht etwas klein?“, unterbrach ihn Dunker.
„Exakt nach Spezifikation.“
Die Augen des Execs bewegten sich. „Ah ja. Nun, jeder nach seinem Geschmack. Und sonst?“
„Gemma, dreh dich um“, befahl der Doktor. Das Mädchen gehorchte sofort und präsentierte einen kleinen, aber wohlgeformten Hintern.
„Nicht schlecht“, meinte Dunker.
„Mach den Mund auf“, sagte der Doktor, nachdem sich Gemma ihnen wieder zugewandt hatte. „Auch die Zähne sind perfekt.“
„Sie wird einen guten Preis erzielen“, lobte der Exec. „Die Augen?“
„Azur, wie gewünscht. Das war die leichteste Übung.“
„Die Haarfarbe stimmt aber nicht.“
Kaufmann grinste. Das Haar hellte sich auf, bis es einen weizenblonden Ton erreicht hatte.
„Ah, Polymere?“, fragte Dunker.
„Ich hielt es für die einfachste Methode, um jeden gewünschten Farbton einzustellen.“
„Und die Konditionierung?“
„Ich hätte Sie nicht hierhergebeten, wenn wir nicht fertig wären“, sagte Kaufmann beleidigt. „Passen Sie auf. Gemma, dies ist Jeremy Dunker. Er möchte dich kennenlernen.“
Ihr Mundwinkel zuckte kaum sichtbar, dann blickte sie zum ersten Mal im Raum umher.
„Weißt du, wer ich bin?“, fragte der Exec.
„Jeremy Dunker“, sagte sie.
„Sehr gut“, lobte er. „Und wer bist du?“
Sie lächelte. „Ich bin Gemma.“
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Vadim verdrehte die Augen. Natürlich stimmte das nicht, weder körperlich noch geistig. Er selbst hatte keinen Zugriff auf die Spezifikationen des Kunden, er konnte sich die Wünsche jedoch gut vorstellen. Typisch, aber nicht sein Problem. Er wurde nicht für seine Meinung bezahlt, nur für seinen Gehorsam.
„Möchtest du mich begleiten?“, fragte Dunker weiter.
„Wohin?“, erkundigte sie sich verwundert.
Ihre Überraschung war weniger erstaunlich als ihre Nonchalance. Sie stand nackt mit drei Männern in einem kalten, sterilen Raum und schien das nicht einmal zu bemerken.
„Ich dachte, du möchtest vielleicht mit mir allein sein“, sagte der Exec.
„Aber Herr Dunker!“, rief Gemma empört aus. „Das gehört sich doch nicht und ich habe nicht einmal etwas anzuziehen.“
Der Exec lachte schallend und der Doktor fiel ein, nur Vadim blieb ruhig. Ihre Nacktheit war ihr also bewusst, es kümmerte sie nur nicht. Das war interessant.
„Sie ist recht scheu“, sagte Dunker daraufhin.
„Auch das ist so gewünscht.“
„Wird ihr das nicht im Weg stehen?“
„Wir haben ihr mehrere Persönlichkeiten eingepflanzt, dies ist nur der Standard“, erklärte der Doktor. „Sie kann von unglaublich prüde bis promiskuitiv eingestellt werden. Im Moment entspricht sie einer etwas scheuen, jungen Frau.“
„Nicht schlecht“, meinte Dunker. „Und ihre sonstigen Fertigkeiten? Wir sollten doch sichergehen, dass alles wie vorgesehen funktioniert.“
Vadim runzelte die Stirn. Um solchen Gesprächen zu folgen, wurde er definitiv nicht bezahlt.
„Wir hatten genügend Prototypen und wissen, dass es keine Probleme gibt“, sagte Kaufmann besänftigend.
„Ich muss es absegnen können und dazu hätte ich gerne eine Demonstration“, meinte der Exec herrisch.
„Ich versichere Ihnen –“
„Ich bestehe darauf!“
Der Doktor blickte unbehaglich zu Vadim. „Würden Sie bitte draußen warten?“
Er salutierte, trat in den ebenso sterilen und kalten Flur und schloss die Tür hinter sich. Ein gedämpfter Schrei erklang aus dem Untersuchungsraum. Vadim seufzte und beschleunigte seine Schritte. Mensch oder nicht, er wollte das nicht hören. Es war nicht Teil seines Jobs.
Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee waberte ihm aus dem Wachraum entgegen. Genau den konnte er jetzt brauchen.
Das Piepen war penetrant und stach mit tausend Nadeln auf Alexei ein. Er konnte sich nicht erinnern, einen Wecker gestellt zu haben.
„Wach auf, du Schnarchnase“, schimpfte eine Stimme.
„Wah?“ Die Welt stand schief und eine viel zu helle Sonne schien durch das Schlafzimmerfenster, was eigentlich unmöglich war, da es dort kein Fenster gab. Er blinzelte. Anscheinend lag er halb auf dem Sofa, was zumindest einige seltsame Dinge erklärten, nicht jedoch die Stimme.
„Mann, du solltest wirklich weniger saufen“, schimpfte diese weiter.
Alexei richtete sich auf. Eine mehr als merkwürdige Gestalt schlich durch das Wohnzimmer. Sie war etwas über zwei Meter groß, was jedoch auch daran lag, dass sie über dem Boden schwebte. Wo ihre Beine hätten sein sollen, befand sich etwas, das wie zerfaserter Stoff wirkte, der in einem nicht spürbaren Wind wogte. Lange, affenähnliche Arme hingen an ihren Seiten herab, die Knöchel schleiften beinahe am Boden. Im Gesicht glänzten schwarze Knopfaugen, Nase und Mund waren unter einem hochgezogenen Tuch verborgen.
So fürchterlich der Anblick auch sein mochte, Alexei kannte die Gestalt. Es war eine Projektion im Overlay, kein Lebewesen. „Cole, blyat, ich sagte doch, du sollst anklopfen.“
„Habe ich auch, aber du hast nicht reagiert“, erwiderte der Avatar.
Ächzend richtete sich Alexei auf. Hinter seinen Schläfen pochte es. „Dann wird das seine Gründe haben.“
„Ja, und was ist es dieses Mal?“ Die Gestalt veränderte sich. Beine wuchsen aus dem Nichts, die Arme verkürzten sich und wurden deutlich menschlicher, nur der Kopf blieb exakt gleich.
„Spielt keine Rolle. Als ich dir erlaubt hatte, mein Sicherheitssystem zu programmieren, habe ich dir nicht gestattet, es ständig zu hacken.“ Er hatte empört klingen wollen, doch wegen seines dröhnenden Kopfes wurde es zu einem Jammern.
„Jetzt sei nicht so, ich checke das System nur auf Sicherheitslücken“, meinte Cole amüsiert.
Marcus Cole war kein Freund, zumindest nicht der klassischen Definition nach. Er war ein Hacker und Programmierer, wobei beides für ihn so selbstverständlich wie schlafen und atmen zu sein schien. Beinahe jede wache Stunde verbrachte er im Overlay und in den schwer zu definierenden Tiefen darunter. Wie er es geschafft hatte, eine Frau zu finden und Kinder zu zeugen, würde Alexei für immer ein Geheimnis bleiben. Er wusste nicht einmal, wie Cole im richtigen Leben aussah. Wenn sie kommunizierten, dann ausschließlich über den Overlay und immer benutzte er als Darstellung seinen Avatar.
„Wie auch immer“, grummelte Alexei. „Was willst du?“
„Wir haben heute einen Auftrag, Tschuwak. Schon vergessen?“ Wie so viele Menschen hatte auch Cole einige der russischen Ausdrucksweisen übernommen. Das Tschuwak für Kumpel wurde außerhalb der Konzerne beinahe überall benutzt. Es galt als neutrale Anrede, besonders wenn man den Namen des Gegenübers nicht kannte.
Alexei runzelte die Stirn. „Heute?“
Cole öffnete den Kalender im Interface und schob ihn in sein Blickfeld. „Ja, hier steht es doch: Auftrag mit Cole ausführen.“
Alexei grunzte und schloss das Fenster mit einem mentalen Befehl. „Äußerst witzig, das hast du vorhin eingetragen. Also, worum geht’s?“
„Etwas ganz Simples. Wir sollen ein Paket umleiten.“
Alexei seufzte, zog das Symbol der Kaffeemaschine in sein Interface und schaltete sie ein. Ratternd führte sie einen Spülvorgang durch, bevor sie sich bereit meldete. „Wozu kann ich eigentlich diese blöde Maschine virtuell einschalten, wenn ich dann doch aufstehen muss, um eine Tasse unterzustellen?“, murrte er.
„Nun, du könntest ein neueres Modell mit Becherspender kaufen und dir den Kaffee dann von einer Drohne bringen lassen, aber dafür bist du ja zu geizig“, spöttelte Cole.
„Paschol nahui“, fluchte Alexei auf Russisch und erhob sich.
„Sei froh, dass Neri nicht hier ist, sonst würdest du was zu hören kriegen“, antwortete Cole amüsiert.
„Leck mich und erklär mir lieber die Details“, meinte Alexei, während der Kaffee in die Tasse tröpfelte.
„Warst du wieder auf der Müllhalde?“, fragte Cole und kicherte.
„Bitte?“ Er drehte sich um. Cole hatte die Inventarliste seiner Mediensammlung geöffnet und blätterte sie neugierig durch.
„Verdammt nochmals, bist du nun hier, um diesen Auftrag zu besprechen, oder um in meinen Sachen zu wühlen?“, schimpfte Alexei, griff mental nach dem Inventar und warf es in den virtuellen Schrank. Mit einem raschen Fingerzeig legte er einen Riegel davor. Es war mehr eine Trotzreaktion, diese Sperre würde Cole für keine zwei Sekunden aufhalten, wenn er nicht wollte. „Ich sammle diesen Scheiß nun mal, was ist daran falsch?“
„Mann, das könntest du alles digital haben, es wäre billiger und platzsparend.“
„Kaum. Such mal nach digitaler Vorkriegsmusik, außer den absoluten Klassikern findest du fast nichts. Und ich mag CDs nun mal. Streamen kann jeder.“ Endlich war der Kaffee fertig. Alexei ergriff die Tasse und ging zum Esstisch.
„Du solltest dich entgiften, der Kater wird dir sonst im Weg stehen“, riet ihm Cole.
„No shit, Sherlock“, sagte Alexei und wühlte in der Kommodenschublade. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Kater loswerden musste. Nach einer Weile des Wühlens zog er eine abgegriffene Medikamentenschachtel hervor. Er hatte das Hang-Over schon länger nicht mehr gebraucht, aber es waren noch ein paar Tabletten darin. Er drückte eine aus dem Blisterstreifen und spülte sie mit einem Schluck Kaffee herunter. In ein paar Minuten sollte sich sein Kopf wieder klarer anfühlen. „So. An die Arbeit.“
Coles Avatar hob eine Hand. Das Abbild einer Lagerhalle erschien auf dem Tisch, samt den umgebenden Straßen. Es wirkte wie ein perfektes, kleines Modell, inklusive leuchtender Straßenlaternen und einigen Mülltonnen.
„Das Paket kommt in wenigen Stunden im Zwischenlager an, wird dann verzollt und morgen voraussichtlich weitergeschickt“, erklärte er. „Das Zeitfenster ist also nicht allzu groß.“
„Und wofür brauchst du mich da? Kannst du es nicht über den Overlay neu adressieren?“
„Weißt du, wie die Sicherheit in den Zolllagern ist?“, grunzte Cole. „Nicht einmal ich bin so lebensmüde, da einzudringen.“
„Hab‘s ja verstanden. Also muss ich da rein und das Paket manuell umadressieren?“
„Exakt. Der perfekte Job für dich.“
Alexeis Kopf wurde langsam klarer. Ihm war im Moment eigentlich nicht danach, solche Verantwortung zu übernehmen, aber vielleicht würde ihn die Tätigkeit zumindest ablenken. So etwas wie ihn nannte man auf den Straßen einen Ronin. Er war sozusagen ein urbaner Söldner. Wenn die Konzerne jemanden für die Drecksarbeit suchten, kontaktierten sie einen der diversen Fixer, die dann wiederum ihre Spezialisten aufboten, wie beispielsweise Cole. Alexei überließ es dem Hacker, die Aufträge auszusuchen, da dieser sowieso ständig im Netz war. Er selbst war dabei für das Grobe zuständig, während sich Cole um die Manipulation der Sicherheitssysteme kümmerte und Neri infiltrierte und wo nötig Mitarbeiter ablenkte. Wenn es darum ging, schnell und unbemerkt irgendwo einzudringen und etwas zu stehlen, gab es kaum einen, der mit diesem Trio mithalten konnte. Der Gedanke ließ Alexei zögern. Das Trio war zerbrochen.
Mit einer Handbewegung rotierte er die Halle und musterte das Zugangstor. „Wie ist die Sicherheit?“
„Das volle Programm“, meinte Cole. „Magnetschlösser, Wärmebildkameras, Metalldetektoren, ein halbes Dutzend Wachleute. Oh, und Stacheldraht rund ums Dach.“
Alexei verdrehte die Augen. „Oh nein, meine größte Schwäche!“
Sie lachten. „Aber ernsthaft“, meinte er danach. „Hast du schon nen Plan?“
„Simpel, eigentlich. Ich dachte erst an eine falsche ID, aber das dauert zu lange. Am besten ist es wohl, wenn Neri die Wachen am Haupttor ablenkt und du –“
Alexei unterbrach ihn. „Neri wird nicht dabei sein.“
Der Gesichtsausdruck des Avatars war absolut unleserlich, das Starren hingegen nicht. „Wie jetzt?“
Nachdem Alexei schwieg, schien Cole endlich zu verstehen. „Sie hat dir also doch den Schuh gegeben.“
„Hack jetzt nicht darauf rum, ich warne dich“, grollte er.
„Ich habe dich gewarnt, Junge“, sagte er mitleidig. „Frauen mögen es nicht, wenn man sie ignoriert.“
„Das musst du gerade sagen! Wie hält es deine nur mit dir aus? Du bist doch ohne Pause online.“
„Du tust mir unrecht. Ich bin ständig bei ihr, wenn auch nicht immer geistig.“
„Wie du meinst. Ich möchte jetzt nicht darüber reden“, grummelte Alexei. „Wir brauchen einen Plan, der ohne Neri funktioniert.“
„Hmm, das wird etwas schwerer“, grübelte Cole.
„Wir kommen auch zu zweit klar.“ Alexei drehte die Halle noch weiter und zoomte auf eine Seitentür. „Was ist damit?“
„Das ist ein Notausgang, von innen verriegelt.“
„Magnetisch?“
„Mechanisch.“
„Blyat“, fluchte Alexei. „Aber immerhin ist es ein Fluchtweg. Gibt es nur das Haupttor und den kleinen Zugang gleich daneben?“
Cole drehte die Halle wieder. „Nein, es gibt noch einen Diensteingang, gleich hier.“
Die Tür war auf der Rückseite und durch ein Magnetschloss gesichert. Alexei griff nach diesem Schloss, zog es ins Freie und vergrößerte es. „Hm, ID- und Handflächenscanner. Kannst du das hacken?“
„Nicht mit Gewalt“, meinte Cole und drehte das frei in der Luft schwebende Abbild. „Sobald es manipuliert wird, gibt es einen stillen Alarm ab.“
„Konzernsicherheit?“
„SprawlSec.“
Alexei nickte wissend. Dieser Sicherheitskonzern war Polizei und Militär zugleich und in fast allen Vierteln des Megaplexes für die Friedenssicherung zuständig. „Reaktionszeit?“
„Weniger als fünf Minuten.“
Alexei riss die Augen auf. „Du nimmst mich hoch! So schnell reagieren die doch nicht mal, wenn man den Stadtrat in die Luft sprengt.“
„Wenn du in der Schule aufgepasst hättest, dann wüsstest du, dass auch nach dem Fall der alten Grenzen der Zoll immer noch eine der wichtigsten Einrichtung der Eidgenossenschaft ist“, spottete Cole.
„Ja, das haben sie mir auf der Straße wohl nicht beigebracht“, giftelte Alexei.
„Ah ja, ich vergaß, Gopniks wie dich ließ man ja nicht in die Schule.“
„Können wir uns auf diesen Auftrag konzentrieren?“, herrschte er.
„Nur die Ruhe, Tschuwak, ich habe längst einen Plan“, meinte Cole.
„Dann raus damit!“
„Ich habe ein neues Spielzeug, das ich hier ausprobieren möchte. Ein Gremlin.“
„Sagt mir nichts“, murmelte Alexei.
„Wie auch, ein Stumpfkopf wie du beschäftigt sich ja kaum mit solchen genialen Tools.“
„Bla bla.“ Alexei leerte die Tasse und ging zur Küche, um sich einen Nachschlag zu holen. „Wenn du damit fertig bist, mich zu beleidigen, kannst du ja den Rest des Plans erklären.“
„Bist du wieder humorlos heute“, grummelte Cole.
„Das ist mein russisches Blut, Tschuwak. Uns wurde der Humor weggezüchtet, es macht uns zu besseren Soldaten“, rief Alexei über das Rattern der Kaffeemaschine.
„Du meinst eher, ihr habt nen wodkabefeuerten Humor“, antwortete Cole.
Alexei zuckte mit den Schultern. „Ja, das auch.“ Er trat wieder an den Tisch. „Nun?“
„Pass auf, während du dich mit weltlichen Dingen beschäftigst, habe ich bereits meinen Gremlin auf dieses blöde Schloss angesetzt.“
„Weltliche Dinge? Kaffee ist göttlich, du Banause!“
„Deine Mutter ist göttlich!“
„Klar, sonst hätte sie keinen so perfekten Sohn gehabt“, spottete Alexei. „Aber wir waren beim Plan.“
„Irgendwann werde ich dir einen gewaltigen Tritt in den Arsch verpassen.“
„Kaum, dazu müsstest du ja aufstehen. Der Plan?“
Cole lachte schallend. „Eins zu null für dich. Also, sehen wir es uns mal genauer an.“
Die Umgebung veränderte sich. Die meisten Menschen benutzten den Overlay nur als eine Erweiterung ihrer Sinne, doch er war zu viel mehr fähig. Alles, was im Overlay sichtbar war, existierte als eine Art zweite Welt, die man betreten konnte, wenn man es wünschte. Dies war der wahre Cyberspace, vollständig in schreiende, leuchtende Farben gehüllt.
Alexei tastete nach dem Stuhl und setzte sich, während sein Hirn die überlappenden Bilder zu verarbeiten versuchte. „Blyat, warn mich das nächste Mal bitte. Du weißt doch, dass mir dabei immer schwindlig wird.“
„Sorry, Tschuwak“, sagte Cole. Sein Avatar hatte wieder die schwebende Gestalt angenommen und zischte zwischen durchscheinenden Gebäuden hindurch. Als Hacker war er sich daran gewöhnt, diese Neonwelt zu betreten, und speiste die Bilder direkt in sein Hirn ein, ohne Umweg über die Augen.
Nach wenigen Sekunden hatte sich Alexeis Hirn an dieses intuitive Sehen gewöhnt, auch wenn er immer Mühe haben würde, all die Daten schnell genug zu verarbeiten. Wenn die Realität der Normalzustand und der Overlay eine Erweiterung davon war, dann war dieser Bereich der üble Fiebertraum. Mit rasender Geschwindigkeit verließen sie die Slums und schossen auf den Plex Basel zu. Es war weder der größte noch der luxuriöseste Teil der gigantischen Stadtstruktur, die offiziell als BBZ-Megaplex bekannt war, benannt nach den ehemaligen Städten Bern, Basel und Zürich, von den meisten Bewohnern aber nur als der Sprawl bezeichnet wurde. Er war ein Krebsgeschwür in der Landschaft, Heimat von über fünfzehn Millionen Menschen und dabei noch einer der kleineren Megaplexe der Welt. Es war der einzige richtige Sprawl in der Schweiz und wurde von den Bewohnern oft spöttelnd als der letzte Hafen der Zivilisation bezeichnet.
Cole machte einen Bogen um die in glitzernden Orangetönen dargestellte Innenstadt des Basel-Plexes und hielt auf das direkt am Rhein liegende Industrieviertel zu. Er stoppte schließlich vor einer Halle, die Alexei sofort als ihr Ziel identifizieren konnte.
„Gut, und was nun?“, fragte er.
„Sieh doch hin!“, befahl Cole.
Alexei blickte zur Tür und zoomte intuitiv näher, bis er das Gefühl hatte direkt daneben zu stehen. Cole schwebte neben ihm wie ein finsterer Geist. Das Programmicon hatte die Form eines kleinen Kobolds mit ausladenden Schlappohren und hantierte am Schloss herum.
„Wird das keinen Alarm auslösen?“, fragte Alexei.
„Wenn ich Gewalt einsetze, dann ja. Der Gremlin will es nicht knacken, sondern sich nur darin einnisten.“
Schweigend sah Alexei zu, wie sich die Kreatur zwischen die Spalten des Schlosses zu drängen versuchte und es schließlich irgendwie schaffte, sich hineinzuzwängen. Nichts weiter geschah.
„Und nun?“, fragte er nach einer Weile.
„Der Legende zufolge haben Gremlins früher Flugzeuge zum Absturz gebracht“, erklärte Cole. „Dieser ist nicht ganz so gemein, aber er wird in den kommenden Stunden immer wieder kleine Fehlalarme abgeben und melden, dass die Tür nicht ganz geschlossen ist.“
„Aha. Und das bringt was genau?“
„Bis du in der kommenden Nacht einbrichst, werden die Wachen abgestumpft sein und nicht sofort reagieren, wenn ein Alarm auftritt. Genug Zeit, um den Auftrag zu erfüllen.“
Endlich verstand Alexei. „Das ist schlau. Aber wird der Außenalarm nicht trotzdem abgeschickt?“
„Selbst wenn, wird SprawlSec so genervt sein, dass sie erst mit viel Verspätung reagieren, falls überhaupt. Möglicherweise werden die Wachen den Alarm auch deaktivieren, das wäre das Optimum“, erklärte Cole.
„Klingt simpel genug“, meinte Alexei. „Und das neu adressieren?“
„Du musst nur den Chipleser anbringen, um den Rest kümmere ich mich.“
„Wenn es nur immer so einfach wäre.“ Er seufzte. „Wie ist die Bezahlung?“
„Schau mal auf deinen Kontostand.“ Coles Avatar konnte nicht sichtbar grinsen, trotzdem glaubte ihm Alexei ein gewisses Amüsement anzusehen.
Mit einem mentalen Befehl öffnete er die Bankverbindung und nach einem kaum wahrnehmbaren ID-Check konnte er sein Konto einsehen. Der Betrag darauf war im fünfstelligen Bereich, deutlich höher als gestern. „Sechzigtausend?“, fragte er ungläubig.
„Richtig erkannt, Tschuwak. Unser Kunde will dieses Paket um absolut jeden Preis.“
„Nu blyat“, stieß er hervor. Er hätte mit etwa einem Drittel davon gerechnet, das war für eine solche Arbeit üblich. Entweder war das Paket wesentlich wertvoller als angenommen, oder es stimmte etwas mit dem Auftrag nicht. Nach kurzem Nachdenken teilte er Cole seine Befürchtung mit.
„Alter, hältst du mich für so naiv? Ich habe alles doppelt und dreifach überprüft, das Geld ist wasserdicht und aus einem Konzernfonds.“
„Von welchem?“, fragte Alexei noch nicht überzeugt.
„Alator Securitrans.“
Er wünschte sich, Neri befragen zu können, sie war die Expertin für Konzerne. Es war ein Sicherheitskonzern, wie der Name schon vermuten ließ, aber viel mehr wusste er nicht darüber. Allerdings kannte er Cole wirklich gut genug, um zu wissen, dass er kein unnötiges Risiko einging. Wenn er dies für einen einfachen Auftrag hielt, würde das schon stimmen.
„Gut. Wann legen wir los?“
„Zwischen drei und vier Uhr, kurz vor der morgendlichen Wachablösung“, schlug Cole vor.
Wiederum eine sinnvolle und nachvollziehbare Idee. Kurz vor dem Schichtende waren die Wachen müde und wegen den Fehlalarmen vermutlich auch so schon gereizt. Sie würden kaum Schwierigkeiten machen.
Er starrte in die Kaffeetasse. Schon wieder leer. Das Symbol im Overlay war zudem eindeutig: Er hatte vergessen, neue Kapseln zu kaufen. Zum Glück war das nicht so tragisch, er hatte den ganzen Tag Zeit.
„Gut, sonst noch was?“, fragte er schließlich.
„Nope. Ich werde dich um Mitternacht wecken kommen“, antwortete Cole.
„Das wird nicht nötig sein.“ Mit einem mentalen Impuls schloss er den Overlay und das gespenstische Bild des Hackers verschwand. Er wartete für einige Sekunden mit dröhnendem Schädel, bis sich seine Augen wieder an die ungefilterte, trübe Welt gewöhnt hatten. Für die restlichen Vorbereitungen brauchte er die erweiterte Realität nicht.
Er holte seine Pistole hervor und betrachtete sie skeptisch. Wenn alles gut ging, würde er sie nicht benötigen, doch es war nie schlecht, vorzusorgen. Es war eine SIG-99, das allerneuste Modell, umgebaut auf Hochgeschwindigkeitsmunition in Mikrokaliber. Eine bessere Handfeuerwaffe gab es nicht, zumindest nicht mit handelsüblicher Schwarzpulvermunition. Er hielt nichts von den unzuverlässigen Magnetbeschleunigungswaffen. Bis zu fünf Sekunden warten zu müssen, um die Energie für den nächsten Schuss aufzuladen, schien ihm furchtbar unpraktisch, auch wenn die Durchschlagskraft mehr als beeindruckend war.
Mit eingeübten Handbewegungen entfernte er das Magazin, zog die Verriegelung zurück und blickte in den nun leeren, offenen Lauf. Er war sauber und gepflegt, wie üblich, und kein Staubkorn befand sich darin. Eine hauchdünne Schicht aus Waffenöl glänzte im Licht; sie sollte Rostansatz des blanken Metalls verhindern. Eine gutgepflegte Waffe war auf den Straßen die beste Lebensversicherung, besonders als Ronin. Das Feld, auf dem die Registriernummer eingestanzt sein sollte, war leer. Sie war nicht etwa abgefeilt worden, es war nie etwas eingetragen gewesen. Nur wenige unregistrierte Waffen gelangten auf die Straße, und sie waren gesucht. Egal was auch geschah, nichts und niemand konnte diese Pistole mit ihm verbinden. Sie existierte vor dem Gesetz sozusagen nicht.
Er packte die Waffe und zwei Ersatzmagazine ins Schulterhalfter. Insgesamt waren das sechzig Schuss Munition, was mehr als genug sein sollte, falls es zu einem Schusswechsel kam. Nach kurzem Nachdenken ging er ins Schlafzimmer und schlug den Bettvorleger zurück, wobei er einen in den Boden eingelassenen Tresor enthüllte. Er war modernste Technik, ausgerüstet mit einem Handflächenscanner und einem zusätzlichen Zahlencodefeld. Aus seinen Tiefen zog er einen Chipleser hervor und verstaute diesen in einer der vielen Taschen der Panzerjacke. Dieses handflächengroße Instrument war eigentlich Polizeiausrüstung, ein altertümliches Lesegerät für ID-Chips und ähnliche Datenträger. Heutzutage konnten diese Informationen auch über den Overlay gelesen werden, weshalb die Geräte ausgemustert wurden und oft auf dem Schwarzmarkt landeten. Für gewisse Manipulationen, wie das Ändern von Daten, waren sie das Nonplusultra.
Er sah auf die Uhr in seinem Interface. Es war noch nicht einmal Mittag, er hatte mehr als genug Zeit, um einkaufen zu gehen und das Auto einer kurzen Überprüfung zu unterziehen. Absolut nichts durfte schiefgehen.
Der Rheinhafen des Industriequartiers Kleinhünigen bildete den nördlichsten Punkt des Sprawls, ein schwärender Fleck aus Verladeplätzen, Lagerhallen, weit in den Himmel ragenden Kränen, elektrifizierten Zäunen und Schmutz. Um diese Zeit lag er verlassen da, bis auf einige wenige unverbesserliche Gestalten. Das Quartier war weitgehend unbewohnt und selbst die Hausbesetzer machten einen gewaltigen Bogen darum. Viele Hallen standen zwar leer, doch die Konzerne verstanden hier keinen Spaß und Eindringlinge wurden schnell und effizient mit geladener Waffe vertrieben.
Das alles kümmerte Alexei nicht. Die Patrouillen auf den menschenleeren Straßen waren schon von weitem zu sehen und es war ein Kinderspiel, ihnen auszuweichen, wenn man nur ein bisschen aufpasste.
„Du solltest lieber TacNet aktivieren“, schlug Cole vor. Er schwebte gleich neben ihm in seiner Kampfgestalt. Wie üblich begleitete er ihn über den Overlay, unsichtbar für alle anderen, aber stets bereit, einzugreifen.
TacNet war ein militärisches Kampfunterstützungsprogramm und für Privatpersonen normalerweise nicht käuflich zu erwerben. Es galt als Kriegswaffe und allein der Besitz konnte Alexei für eine lange Zeit in den Knast bringen. Das hatte ihn jedoch nie daran gehindert, es zu benutzen. Die zu erwartende Migräne bei einem längeren Einsatz hingegen schon. „Erst wenn ich die Tür öffne“, sagte er deshalb.
„Es ist dein Hals, nicht meiner.“
„Zeig mir lieber die Kameras“, grummelte Alexei ungeduldig.
Der Overlay war in diesem Viertel praktisch leer. Warnsymbole schwebten in der Luft und drohten mit schrecklichen Konsequenzen, wenn man es auch nur versuchen sollte, einen der Zäune zu überwinden oder in die Hallen einzudringen. Verkehrsschilder wären sicherlich auch zu sehen, wenn er das Interface auf Verkehrsmodus umstellen würde. Im Moment waren sie ausgeblendet, weil sie ihn nur stören würden.
„Aufgepasst, ich wirke jetzt meine Magie“, sagte Cole feierlich. Sein Avatar wedelte mit den Armen. „Hokus Pokus!“
Rote Symbole leuchteten plötzlich im Interface auf. Erst nur wenige, dann schließlich Dutzende. Wie erwartet wimmelte es hier nur so von Kameras. Mit gewohnter Effizienz wischte Cole die weiter entfernten Symbole aus dem Display und ließ nur diejenigen, die für Alexei auch wirklich relevant waren. Sieben Kameras könnten ihn erfassen, bevor er die Halle betrat. „Gut, lenk die doch bitte ab.“
Der Overlay bewegte sich, worauf die Realität zu flackern begann. Alexei schloss die Augen. Genau diese Dinge waren es, die ihm den Kopf explodieren zu lassen schienen. Die Kamerasymbole hatten auf Violett gewechselt, als er die Augen wieder öffnete.
„So, die zeigen nun einen Loop.“ Kameras zu hacken und ihnen ein falsches Bild einzuspeisen war nach Coles Erklärung das erste, das er je als Kleinauftrag erledigt hatte. Scheinbar war es ein Kinderspiel.
Alexei zog den Kragen seiner Jacke zusammen. Der Wind war erstaunlich kühl, aber das war nicht der Grund für diese unbewusste Handlung. Die ganze Sache machte ihn weit nervöser, als es sollte. Er konnte nicht einmal sagen, woran das lag. Vielleicht hätte er sich wohler gefühlt, wenn Neri dabei gewesen wäre. Nun war es aber zu spät, sich darum Gedanken zu machen.
Die Halle wirkte unscheinbar, wenn sie auch eine der größeren war. Sie war direkt an die Straße gebaut und im Gegensatz zu vielen anderen nicht von einem Zaun umgeben. Dieser wäre auch kein Hindernis gewesen, er hätte Alexei höchstens um eine Minute verlangsamt. Da sie allerdings die in regelmäßigen Abständen aus den Wänden stechenden Kameras nicht ewig ablenken konnten, ohne aufzufallen, konnte diese Minute schon entscheidend sein.
„Bist du soweit?“, fragte Cole.
„Ja. Was macht dein Gremlin?“
„Das siehst du gleich“, antwortete er amüsiert. „Los gehts!“
Alexei blickte um sich. Niemand war zu sehen. Hastig überquerte er die Straße und trat neben die Tür. Das Schloss flackerte kaum merklich im Overlay, vermutlich das Werk des Gremlins. Doch trotz dieses elektronischen Helferleins war die Tür weiterhin verriegelt. Das war jedoch kein Problem für ihn, außer einem kleinen Detail.
„Ist der Alarm aus?“, flüsterte er.
„Nein“, antwortete Cole. „Allerdings sind die Wachen in dieser Nacht schon sechs Mal hierher gerannt und ein Reparaturantrag wurde gestellt. Zweimal, sogar.“
„Und SprawlSec?“
Er lachte leise. „Die waren drei Mal umsonst hier und sind nun bestimmt angepisst.“
„Reaktionszeit?“
„Beim letzten Mal zwanzig Minuten.“
Das sollte reichen. Er startete das Reparaturprogramm und richtete es auf die Wartungsklappe des Magnetschlosses. Dies war seiner Meinung nach der praktischste Teil des Overlays und konnte Leben retten, Reparaturen enorm erleichtern, oder wie in seinem Fall einen unmöglichen Job zum Kinderspiel machen. Das Programm war gehackt und mit einigen Fähigkeiten versehen, die von der käuflichen Version nicht geboten wurde. Das Schloss erhielt einen Overridecode und dachte, von einem legitimen Mechaniker repariert zu werden. Dies war die einfachste Möglichkeit, eines dieser Schlösser zu öffnen, vor allem, da der Wartungsmodus automatisch verhinderte, den Sabotagealarm auszulösen, und die Manipulation nicht aufzeichnete. Die Wartungsklappe, ein Zentimeter Panzerstahl, schob sich pneumatisch auf und entblößte die Steuerkonsole.
„Mach vorwärts, einige der Kameras werden gerade resettet“, sagte Cole.
„Ja ja“, murmelte Alexei. Die manuelle Steuerung war ein Codefeld, bei einigen Modellen war es auch ein ID- oder ein Handabdruckscanner. Es spielte kaum eine Rolle. Das Programm erlaubte es ihm, auf die Werkseinstellungen zurückzugreifen und mit einem simplen Befehl legte er das Passwort neu fest.
Mehr aus Neugier überprüfte er den Netzwerkstatus des Schlosses. Es war alles intakt. Der Gremlin war absolut unsichtbar, selbst wenn man wusste, dass er da war. Die Tür würde sich nun öffnen lassen, er konnte jedoch nicht verhindern, dass ein Alarm ausgelöst wurde. Zwar konnte er die beiden Sensoren im Overlay deutlich sehen, sie waren aber abgeschirmt und nicht mit ihm verbunden.
Er atmete tief durch. Nun musste er schnell sein. Er riss die Tür auf, schlüpfte ins Innere und schloss sie hinter sich wieder. Es blieb still. Hastig ging er hinter einigen im schummrigen Nachtlicht liegenden Holzkisten in Deckung.
„Der Alarm?“, flüsterte er.
„Wurde soeben manuell abgeschaltet.“
„Keine Reaktion?“
„Nö, läuft alles nach Plan. Ich suche die Kiste“, sagte Cole und verschwand.
Alexei aktivierte TacNet. Die virtuelle Umgebung veränderte sich und blendete völlig neue Informationen ein. Das Programm suchte nach allen ID-Chips, die es der Nähe finden konnte, und zeichnete deren Position mit auffällig rot leuchtenden Symbolen ein. Zusätzlich scannte es die Umgebung, arbeitete sich durch tausende taktischer Möglichkeiten und listete diese in einem Menü auf. Sofort warnte es Alexei vor einer Einbuchtung zwischen den Kisten, in der sich theoretisch jemand verstecken konnte, auch wenn es keinen Chip in der Nähe entdeckte.
Vier Signale waren zu sehen, alle am gleichen Ort einen Stock höher in der Halle. Keines bewegte sich. Ein Aufenthaltsraum, vermutete Alexei.
„Ich hab die Kiste“, meldete sich Cole aus dem Nichts. „Die Koordinaten sind im Interface. Eine Patrouille nähert sich dir von der Südwand.“
Tatsächlich war ein neuer Punkt im Overlay aufgetaucht und TacNet berechnete sofort den schnellsten Weg dorthin. Alexei zog die Pistole und huschte zwischen einigen Kisten hindurch. Jetzt endlich wurde auch die Patrouille als sich langsam bewegende Punkte im Programm angezeigt. Leise Stimmen und Gelächter durchdrangen die Stille der Halle. Sie schienen es nicht eilig zu haben. TacNet berechnete, dass sie drei Minuten bis zur Ankunft brauchen würden.
Leichtfüßig eilte er einem schmalen Zwischengang entlang und bog dann gemäß den Angaben von TacNet ab. Das Symbol kam näher.
„Beeil dich, verdammt“, zischte Cole.
„Hetz mich nicht“, murmelte Alexei leise.
„Es ist dein Kopf, nicht meiner.“
Er schwieg. Es war zu gefährlich, mehr als das Allernötigste zu sprechen. Die Wachen könnten ihn hören.
Endlich erreichte er die Kiste. Er zog den Scanner aus der Tasche und hielt ihn an das elektronisch signierte Etikett. „Mach schnell“, flüsterte er.
„Schon erledigt“, antwortete Cole. „Raus hier.“
Noch zwei Minuten, meldete TacNet. Alexei beeilte sich, folgte dem gleichen Weg zurück, auf dem er hergekommen war, und hielt erst beim letzten Kistenstapel vor dem Ausgang an. Die Stimmen waren nun deutlicher zu hören, jedoch immer noch absolut ruhig und teilnahmslos. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe durchschnitt das Schummerlicht vor der Tür.
„Blyat, zu nah“, fluchte Alexei. „Kannst du sie ablenken?“
„Moment“, antwortete Cole.
Eine der gigantischen Natriumdampflampen an der Decke der Halle glimmte plötzlich auf und wurde langsam heller.
„Was‘n jetzt los?“, hörte er eine der Wachen rufen.
„Nein, wir haben nichts eingeschaltet“, meinte eine zweite, vermutlich auf eine Anfrage aus dem Overlay.
„So besser?“, fragte Cole.
„Oh ja“, flüsterte Alexei. „Was ist mit den Kameras?“
„Bin dabei und bereit, wenn du es bist.“
Das war er schon lange. TacNet verriet ihm, dass seine Ziele abgelenkt waren und sich in Richtung der brennenden Lampe umgedreht hatten. Alexei huschte zur Außenwand, zog die immer noch unverriegelte Tür auf und trat ins Freie. Mit einem beifälligen Befehl an sein Reparaturprogramm forderte er die Tür zu einem Reset auf, sodass sie sich verriegelte und ein neues Passwort wählte. Selbst wenn die ihn bemerkt haben sollten, was jedoch gemäß TacNet nicht der Fall war, würden sie ihm somit nicht folgen können.
„Das war einzigartig“, sagte Cole und lachte.
„Es war zu leicht“, meinte Alexei, während er hastig Distanz zwischen sich und die Halle brachte.
