Beschreibung

Wilhelm »Willo« Welzenbach ist der beste Bergsteiger seiner Zeit, der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er durchsteigt viele der großen Eiswände der Alpen, ein Dutzend davon als Erster. Seine farbigen Vorträge darüber fesseln Tausende von Menschen. 1929 fasst er den Entschluss, den 8125 Meter hohen Nanga Parbat im Himalaya zu ersteigen. Aber sein Plan wird von seinen Konkurrenten im Alpenverein, angeführt von Paul Bauer, hintertrieben. Dessen nationale Gesinnung zählt jetzt mehr als Welzenbachs Können und Charakter. Erst 1934 kann Welzenbach an einer deutschen Expedition zum Nanga Parbat teilnehmen. Sie steht allerdings nicht unter seiner Leitung, folgt nicht seinem Plan – und scheitert katastrophal. Reinhold Messner öffnet die Akte Welzenbach und lässt die Originaldokumente sprechen: Briefe, Berichte, Zeugenaussagen, Tagebuchaufzeichnungen, Expeditionspläne, Fotos. Sein Buch ist die Hommage an einen Bergsteiger, dem es nicht um Macht und Ideologie, sondern um Lebensfreude und Selbstausdruck ging. Zugleich aber ist es die hochspannende Rekonstruktion einer Intrige – und einer Zeit, in der das Bergsteigen seine Unschuld verliert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
oder

Leseprobe zu:

Reinhold Messner

Der Eispapst

Die Akte Welzenbach

FISCHER E-Books

Erfahren Sie mehr unter: www.fischerverlage.de

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

Motto1934 Silbersattel1925 Große Wände1925 Die Welzenbach-Skala1929 Das höchste der Ziele1930 Bauer gegen Welzenbach1930 Kameraden der Berge1930 Fiescherwand1931 69 Gipfel1932 Bergvagabunden im Nacken1932 Berner Oberland1933 Letzte Alpenfahrt1934 Nanga Parbat II1935/1938 Die guten »Kameraden«2018 Offene FragenNachsatzHinweis zu den Abbildungen und zur Rechtschreibung

1934Silbersattel

Seit Tagen treibt der Sturm Schneefahnen über den Ostgrat am Nanga Parbat. Seit Tagen Eiseskälte, Düsternis, Ungewissheit. Abgekämpft hocken ein paar Bergsteiger im Zelt von Lager IV, in einer weiten Mulde unterm Rakhiot Peak. Sie warten. Keiner spricht. In der Stille der Dämmerung ist nur ihr Atmen zu hören, das Jaulen des Windes und das Knattern von Zeltplanen. Sonst nichts. Drei Sahibs und sechs Sherpas fehlen. Seit Tagen schon. Alle müssten längst zurück sein.

»Ob sie heute noch kommen?«

»Unmöglich«, sagt Fritz Bechtold, »bei diesem Sturm.«

»Die Lawinengefahr wächst.«

»In den nächsten Tagen muss auch dieses Lager geräumt werden«, spricht einer aus, was alle anderen denken.

Am nächsten Tag reißen Wolken und Schneefahnen kurz auseinander. Es ist der 13. Juli 1934.

»Da sind sie!«, ruft Schneider.

Dann sieht sie noch einer, und alle rufen durcheinander, als hoch oben am Grat unterm Silbersattel als winzige Punkte drei Leute absteigen. Dann wieder Stille, Angst und White out. Alle wissen, wie fürchterlich der Überlebenskampf da oben sein muss: im tiefen Schnee, kaum Sicht, das Blut in ihren Adern wie gefroren. Aufsteigen zu ihnen? Unmöglich, der Sturm lässt den Gedanken gar nicht erst zu.

Am anderen Morgen steht Aschenbrenner vor den Zelten und deutet Richtung Silbersattel: »Ich sehe sie wieder!«

»Wo?«

»Auf der großen Wechte links unterm Grat. Die dunklen Punkte.«

»Sie sind kaum weiter als gestern!«

»Auf halbem Weg jetzt zu Lager VI.«

Einmal noch trägt der Sturm ferne Hilferufe herab. Zu sehen aber ist nichts mehr. Eine weitere Nacht voller Zweifel vergeht. Aber am nächsten Tag sind die drei erneut zu sehen. Immer noch hoch oben am Berg.

»Es sind nur noch zwei.«

»Weiter vorne ist der Dritte.«

»Wo genau?«

»Er bewegt sich nicht.«

»Die anderen gestikulieren.«

»Wo?«

»Über der Scharte vor dem leichten Gegenanstieg zum Mohrenkopf.«

In diesem Augenblick tritt einer der beiden vor und gibt ein Zeichen. Er ist jetzt als Silhouette besser zu erkennen. Hat er den rechten Arm gehoben?

»Er winkt«, sagt Aschenbrenner.

Dann wieder Nebel und Schneewehen. Nichts mehr zu sehen.

Links Ang Tsering

Gegen Abend – immer noch Sturm – taumelt ein einzelner Mann ins Lager. Es ist ein Sherpa, und er kommt von oben! Die Männer von Lager IV bewegen sich ein paar Meter auf ihn zu: Wer? Schneeverklebt, mit aufgerissenen Augen und offenem Mund, bleibt der Mann am Eingang des Zeltlagers stehen. Niemand wagt es, ihn anzusprechen, ihn zu berühren – als würde er sich sonst auflösen oder tot umfallen. Mit Tee und Rum kommen Bernard, der Arzt, und Schneider ihm vorsichtig näher. Ein paar Schritte nur. Eis im Haar, der Mund starr, fällt er in ihre Arme, bricht in sich zusammen. Ja, es ist Ang Tsering, der zweite Sherpa des Expeditionsleiters Willy Merkl. Man bringt ihn ins große Zelt. Mit irrem Blick und zitternd – schwere Erfrierungen an den bloßen Händen, sein Gesicht aufgedunsen – hockt er nach vorne gebeugt am Eingang und will etwas sagen. Aber er stammelt nur, weint. Dann bricht es wie eine Lawine aus ihm heraus: »Willo Sahib ist tot zurückgeblieben, und Bara Sahib ist mit Gay-Lay oben geblieben.« Es ist ein Bericht aus dem Jenseits. Man bringt den völlig Erschöpften in sein Zelt. Ein Wunder, dass er überlebt hat. Nur die Pflicht, die furchtbare Nachricht zu überbringen, hat ihn am Leben gehalten. Sein Abstieg durch Sturm und Schnee, die Rückkehr aus der Hölle der Todeszone war bitter erkämpft: jeder Schritt eine Qual, jeder Atemzug zurück ins Leben ein Röcheln, nur das Wissen, der letzte Überlebende zu sein, hat ihn gerettet.

Am anderen Morgen wird Ang Tsering mit Fragen gequält.

»Kein Zettel, kein Brief vom Bara Sahib Willy Merkl?«, fragt Aschenbrenner.

»Nein, nichts«, Ang Tsering schüttelt den Kopf. »Er ist mit Gay-Lay in einer Eishöhle zurückgeblieben.«

»Wo?«

»Am Mohrenkopf.«

»Warum?«

»Um zu sterben.«

Später beginnt Ang Tsering ausführlicher zu erzählen. Immer noch geschüttelt vom Frost, stammelt er die Namen der toten Sherpas. Wo und an wem er bei seinem Abstieg vorbeigekommen ist. Mehr als der Verlust seiner sechs Sherpa-Kameraden erschüttert ihn offensichtlich Sterben und Tod der Gipfelmannschaft. Am Wechtengrat hat er Abschied genommen von den beiden toten Sahibs Wieland und Welzenbach und von den anderen beiden, die vielleicht noch leben, Merkl und und sein erster Sherpa Gay-Lay – es klingt wie ein Schrei der Verzweiflung. Später erst ist Ang Tsering in der Lage, den Ablauf der Tragödie wiederzugeben.

»An dem Morgen, als die drei Sahibs und wir Sherpas das Zwischenlager unter dem Silbersattel verlassen haben, sind Gay-Lay, Dakschi und ich zurückgeblieben, weil wir zu erschöpft und schneeblind waren. Es muss der 9. Juli gewesen sein. Wir hatten nur zwei Schlafsäcke. In der Nacht zum 11. Juli ist Dakschi in diesem Lager gestorben. Am gleichen Morgen gingen Gay-Lay und ich nach Lager VII hinab und fanden hinter einer Schneewehe einen Toten: Es war Wieland Sahib. Er lag dreißig Meter vom Zelt entfernt. Im Lager selbst waren Bara Sahib Merkl und Welzenbach Sahib. Das Zelt voller Schnee, es war eisig kalt. Auf Wunsch von Bara Sahib musste ich das Innere dieses Zeltes säubern. Unser einziger Schlafsack war eisstarr, die Zeltwände voller Schnee. Nur Gay-Lay konnte darin schlafen. Merkl Sahib schlief ohne Decke auf einer Schaumgummimatte, Welzenbach ohne Schutz, ohne Unterlage und halb im Freien. Es war seine Art, sich aufzuopfern. Wir hatten kein Essen, kein Wasser und froren erbärmlich. Der groß gewachsene Welzenbach am meisten, weil seine Beine aus dem Zelt ragten. Also sagte ich am anderen Morgen, wir sollten rasch absteigen, Bara Sahib aber wollte warten. Er meinte, die Leute, die wir ab und zu zwischen Lager IV und Lager V sehen konnten, würden heraufkommen und Proviant bringen. In der Nacht zum 13. Juli ist Welzenbach dann gestorben. An Erschöpfung, denke ich, weil er so krank war. Wir ließen den Toten im Zelt liegen und gingen am Morgen Richtung Lager VI, Merkl gestützt auf zwei Eispickel. Es war unendlich mühsam, ihn voranzubringen. Den Gegenanstieg zum Mohrenkopf schaffte er nicht mehr. Im flachen Sattel darunter gruben wir Sherpas also eine Schneehöhle. Bara Sahib und Gay-Lay legten sich auf eine von oben mitgebrachte Schaumgummimatte und wickelten sich zusammen in eine Decke. Ich selbst hatte auch eine Decke, aber keine Unterlage. Morgens, am 14. Juli, ging ich nochmals vor die Höhle und rief um Hilfe. Im Lager IV aber war niemand von euch zu sehen! Ich bat also Merkl, hinuntergehen zu dürfen, um Hilfe zu holen. Er war damit einverstanden. Merkl Sahib und Gay-Lay, inzwischen zu schwach, um abzusteigen, blieben in der Höhle liegen. Sie konnten sich kaum noch bewegen, sich sicher nicht weiter als zwei oder drei Meter von der Schneehöhle entfernen.«

Mit großer Mühe, von Pausen unterbrochen, fasst Ang Tsering die Vorgänge der letzten Tage in Worte. Dann weint er nur noch und sackt zusammen. Als habe er, als Überbringer der Schreckensnachricht, nur so lange durchhalten können, bis der Bericht vom Sterben die Lebenden hier unten erreicht hat.

Leben Willy Merkl und Gay-Lay oben am Grat noch?, fragen sich nicht nur Schneider und Aschenbrenner. Die beiden gehen am 15. und 16. Juli noch zweimal nach oben. Mit ihren letzten Kräften und wenig Aussicht auf Erfolg. Sie steigen stundenlang gegen die Hoffnungslosigkeit an. Aber alles ist umsonst. Uferlos die Neuschneemengen, pausenlos der Sturm. Im Fallwind glauben sie noch einmal, Rufe zu hören, ein Winkender am Sattel aber ist nicht mehr zu sehen.

[...]

Über Reinhold Messner

Reinhold Messner, geboren 1944, ist der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Als Kletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger und Philosoph in Aktion hat er immer wieder neue Maßstäbe gesetzt. Messner bestieg als erster Mensch alle vierzehn Achttausender, darunter erstmals den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff und allein (Everest Solo). 1989/90 gelang ihm zusammen mit Arved Fuchs die Durchquerung der Antarktis zu Fuß. Heute kämpft Reinhold Messner als Autor und Filmemacher für einen ökologisch nachhaltigen Umgang mit der Natur, bewirtschaftet Bergbauernhöfe und gestaltet sein Bergmuseum, das Messner Mountain Museum, mit seinen sechs Standorten.

 

Wilhelm Willo Welzenbach, geboren 1899 in München, gestorben 1934 am Nanga Parbat, war der beste Bergsteiger seiner Zeit. Er bezwang 940 Gipfel, darunter 72 Viertausender. In nur fünfzehn Jahren gelangen ihm fünfzig Erstbegehungen, darunter die Nordwand des Großen Wiesbachhorns. Er war Mitglied des Akademischen Alpenvereins München und Erfinder der Welzenbach-Skala zur Bewertung von bergsteigerischen Schwierigkeiten. Darüber hinaus befasste er sich wissenschaftlich mit der Mechanik von Schneeablagerungen und Lawinen.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Wilhelm Willo Welzenbach ist der beste Bergsteiger seiner Zeit. Er durchsteigt viele der großen Eiswände der Alpen, ein Dutzend davon als Erster. Seine farbigen Vorträge darüber fesseln Tausende von Menschen. 1929 fasst er den Entschluss, den 8125 Meter hohen Nanga Parbat im Himalaya zu ersteigen. Aber sein Plan wird von seinem Konkurrenten im Alpenverein, Paul Bauer, hintertrieben. Dessen nationale Gesinnung zählt jetzt mehr als Welzenbachs Können und Charakter. Erst 1934 kann Welzenbach an einer deutschen Expedition zum Nanga Parbat teilnehmen. Sie steht allerdings nicht unter seiner Leitung, folgt nicht seinem Plan- und scheitert katastrophal.

Reinhold Messner öffnet die Akte Welzenbach und lässt die Originaldokumente sprechen. Sein Buch ist die hochspannende Rekonstruktion einer Intrige- und einer Zeit, in der das Bergsteigen seine Unschuld verlor.

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2019S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: KOSMOS – Visuelle Kommunikation

Coverabbildung: Willy Merkl/Archiv MMM

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491084-0