Der entlarvte Teufel - Karl Weinand - E-Book

Der entlarvte Teufel E-Book

Karl Weinand

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Beschreibung

Der Teufel entlarvt! Aber anders als man vielleicht denken könnte. Dem Teufel wird zwar die Larve vom Gesicht genommen, aber eine, die ihm von Theologen aufgesetzt wurde. Hinter der Larve zeigt der Teufel sein wahres Gesicht. Er ist: Gott aus der Steinzeit; Schöpfer der Menschen; ihr Weisheitslehrer und Offenbarer geheimer Dinge – Urgrund aller Wissenschaften; Sonnengott in vielerlei Gestalt und als solcher der Nährer der Menschen; Widersacher der anderen Götter – und Unglücksbringer in der Großen Katastrophe; Hassobjekt der Theologen, ihr Popanz und Buhmann, ihr unverzichtbares Werkzeug, um Menschen unter den Gehorsam ihres Glaubens zu zwingen. Nicht nur der entstellte Teufel wird entlarvt – auch dessen Erfinder und Nutznießer bis auf den heutigen Tag, auch ihre Larve fällt. Der Teufel zeigt sich in vielfacher Gestalt, vom Flugteufel bis zum Gott der Unterwelt, in vielfacher Sprachabwandlung, in Zeichen und Symbolen – doch ist er immer derselbe. Der ‚entlarvte Teufel‘ zeigt uns ein mythologisches Bild aus fernen, vergangenen Tagen, das, umgeformt und verfälscht, bis in unsere Zeit wirkt – keineswegs zeigt es das Bild des immer bösen Satan-Ungeheuers!

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Seitenzahl: 725

Veröffentlichungsjahr: 2016

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INHALT

E

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ORTE ZUVOR

Teil I STECKBRIEF DES TEUFLISCHEN

1. K

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6. K

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Teil II ASTRONOMIE – EINE TEUFLISCHE KUNST

7. K

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ROSSE

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ATASTROPHE

8. K

APITEL

S

ONNENTEMPEL DES

N

ORDENS

9. K

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A

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10. K

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TEIL III DES TEUFELS HINTERLASSENE SPUREN

11. K

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12. K

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13. K

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14. K

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TEIL IV BETRACHTUNGEN ZUM TEUFELSBILD

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STRONOMIE UND DER

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LANETOLOGIE

L

ITERATURAUSWAHL

Siglen

Apg: Apostelgeschichte

AT: Altes Testament

Chron: Chronik

Heb: Hebräer

Hi: Hiob

Hos (Jos): Hosea (Josea)

Jer: Jeremias

Jes: Jesaja

Joh: Johannes

Jos: Josua

KMH: Kinder und Hausmärchen (Brüder Grimm)

Kön: Könige

Luk: Lukas

Mak: Makkabäer

MGH: Monumenta Germaniae Historica

Mk: Markus

Mt: Matthäus

Mos: Moses

NT: Neues Testament

Ptr: Petrus

Ps: Psalm

RGA: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde

Ri: Richter

Sam: Samuel

Zach: Zacharias

EINIGE WORTE ZUVOR

Ich komme vom Durchschweifen der Erde

(Der Satan, Buch Hiob)

Bevor der Leser sich aufmacht, das Terrain eines gewissen Hinkers zu betreten, möchte ich einige Hinweise geben, was ihn erwartet. Das vorliegende Werk beschäftigt sich, wie der Titel des Buches anzeigt, mit dem Teufel. Aber der Leser braucht nicht erschrecken, nicht wirklich mit dem Leibhaftigen, sondern mit Bildern und Vorstellungen vom Teufel, die sich in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden gebildet haben. Aber mehr als das. Der Teufel soll in seinem innersten Wesen verstanden werden. Dazu wird der Teufel mythologisch1, etymologisch2, historisch und im gewissen Maße psychologisch betrachtet. Seine Spuren werden aufgenommen; oft sind es verborgene und verwischte Spuren, die aufzufinden sind. Die Fäden seiner Entwicklungsgeschichte werden verfolgt; oft sind es lose Fadenenden, die zu verknüpfen sind. Völker, Mythen, Religionen, Kulturen, Katastrophen, Sitten, Kunst und Wissenschaft werden Revue passieren, soweit es für das Thema von Belang ist. Die Figur unseres Interesses tritt dabei mit Namen auf wie Teufel, Satan, Luzifer, Typhon, Baal usw., sie bezeichnen immer dieselbe Figur; nicht anders verhält es sich mit den Stiergestalten und Hörnerträgern, den Licht-, Sonnen-, Offenbarungs- und Kündergöttern, auch sie repräsentieren dieselbe Figur – es gibt nur einen Teufel.

Es ist nicht mein Anliegen, das Böse in den Kulturen und Religionen der Völker zu suchen und dann zu zeigen, dass es den Bösen nicht gibt, dass er eine Erfindung ist. Wozu dann der ganze Aufwand? Hier geht es um etwas anderes. Wie in der Goldwäscherei, wo aus einer großen Menge an Material ein Körnchen Gold gewonnen wird, so ich versuche ich aus der Fülle des Materials ein Körnchen Erkenntnis zu gewinnen über die wahre Natur des Teufels; das Böse ist – wenn auch nicht zu vernachlässigen – nur ein Teilaspekt dieser Natur.

Das Feld, auf dem der Teufel haust, ist zeitlich und räumlich riesig. Einer alleine kann dieses Feld gar nicht beackern, und erst recht nicht mit dem bescheidenen Aufwand eines Buches (und auch nicht mit all den Büchern, die schon darüber geschrieben wurden). Deshalb ist das vorliegende Werk wie ein Streifzug angelegt, ein Streifzug durch Raum und Zeit. Ich scheue mich nicht, auch zwanzig, dreißig Jahrtausende in die Geschichte hinabzusteigen, die Kontinente der Erde zu durchschweifen und auch einen Blick in den Himmel zu werfen. Ich nehme mir heraus, von den ausgetretenen Wegen der Teufels-Forschung abzuweichen und neue Pfade und auch Nebenwege zu beschreiten. Leser, die fürchten, zu sehr vom Wege abzukommen, werden von unerwarteten Entdeckungen, überraschenden Einsichten und plötzlich sichtbaren Querverbindungen entschädigt. Für das Unerwartete, Unvorhergesehene gibt es keine vorgeschriebenen und vorbereiteten Wege – und besonders die Wege des Teufels sind weitläufig und verschlungen. Aber ich verspreche, trotz aller Ausflüge, den Faden des Themas nicht zu verlieren.

Der Teufel, besser gesagt, die Vorstellung vom Teufel, hat die menschliche Kultur mehr geprägt und durchdrungen, als es oberflächlich den Anschein hat. Bei meinen Studien fiel mir auf, dass der Teufel hin und her getragen wurde. Die Träger waren Menschen und Völker, die schon in alter Zeit die Welt durchfuhren. Sie brachten ihre Vorstellung vom Teufel in andere Länder und stießen dabei auf eingesessene Vorstellungen. Es kam zu Durchmischungen von Teufelsvorstellungen, was besonders für Griechenland und Ägypten nachvollzogen werden kann. Auch das ist ein Anliegen des Buches, diese speziellen geographischen Aspekte des Teufels aufzuzeigen.

Soweit der äußere Rahmen. Keineswegs ist beabsichtigt, gefährliche Ideen zu verbreiten. Es wird schlicht ein Kapitel menschlicher Kultur, die Religion vom Teufel, betrachtet. Das Wort Religion stammt vom lateinischen Wort religo3 und bedeutet: Was durch Überlieferung heilig ist, richtiger wäre: Was durch Anschauung und Deutung heilig ist. Die Religion im Allgemeinen und die Religion vom Teufel im Besonderen ist ein Feld, auf dem die schlimmsten Entartungen der menschlichen Kultur blühten und immer noch blühen. Die Religion vom Teufel ist in dem Sinne entartet, da sie unheilig und Gegenstand willkürlicher Phantastereien geworden ist. Die Absicht dieses Buches ist es, den Dunst zu lichten, in den der Teufel geraten ist, und die Maskerade aufzuzeigen, mit der er auftritt – der Teufel soll schlicht und einfach entlarvt, demaskiert werden.

Trotz der neuzeitlichen, rationalen4 und reduktionistischen5 Wissenschaften existieren weiterhin Glaubensrichtungen wie Esoterik, Magie, Mantik, Mystik usw. Von diesen sollen Weisheit, Heil, Unheil, Ewiges Leben und so weiter ausgehen. Solches hat offensichtlich ein zähes Leben. Die Träger dieses Glaubens sind im steten Bestreben, der Auflösung ihres Glaubens entgegenzuwirken, indem sie rationale Anschauungen relativieren, ihre eigenen priorisieren. Die nachfolgenden Betrachtungen zum Teufel sind rational, d. h. weder mystisch, noch spirituell, noch religiös. Es wird lediglich nach Ursache, Zweck, Ausprägung und Folgen der Religion vom Teufel gefragt.

Um Missverständnissen vorzubeugen, dieses Buch ist kein Anti-Religionsbuch, mit Theologie und Theologen habe ich schon eher ein Problem, diese mit mir vermutlich auch. Religion ist ein Grundbedürfnis der Menschen, freie Religionsausübung ist ein Naturrecht. Glaube und Religion sind oder waren für den menschlichen Geist wichtige geistige Hilfsmittel, sich in der bewusst wahrgenommenen Welt zurecht und seinen Platz darin zu finden. Das Bewusstsein wirft den Menschen Fragen zu Ursachen und Wirkungen seiner Lebensumstände auf. Die Wirkungen sind offensichtlich – was sind die Ursachen? Der Mensch hat die Neigung, keine Fragen offen zu lassen, er findet auf alles Antworten, wenn auch wechselweise verschiedene und widersprüchliche. Die Antworten der Alten, mögen sie einen realen Hintergrund haben oder auch nicht, sind ein Mosaik aus Mythen, Religion und Glaube. Der Teufel ist ein Teil dieses Mosaiks. Leider ist das Teufels-Mosaik zersprungen, und wie in einem Puzzle-Spiel müssen die Mosaik-Steinchen mühsam an ihren Platz gesetzt werden. Wenn es gelingt – und ich denke, dass es gelingen wird – wenigsten die Konturen des Mosaiks sichtbar werden zu lassen, was wird es uns zeigen? Das kann programmatisch in einem Satz gesagt werden: Was der Teufe war, was er ist, und wie er das geworden ist.

Das vorliegende Buch habe ich vor mehr als zehn Jahren begonnen, viele Jahre hat es geruht. Nun habe ich das Manuskript aus der Mottenkiste herausgeholt, und siehe da, es ist noch immer gut. Ich habe einiges aktualisiert, und – et voilà – da ist es!

Anmerkungen

1. Mythologie: Lehre von den Götter- und Heldensagen; Mythos stammt vom griechischen Wort, hier im Sinne von nicht weiter zu begründenden Aussage und Überlieferung.

2Etymologie: Lehre von der Herkunft und Bedeutung der Wörter, hier zumeist in Bezug auf die Ursprache.

3religo: rückbinden.

4rational, von lateinisch ratio: Verstand, Vernunft.

5Reduktionismus: von lateinisch reducio: Zurückführen, hier im Sinne von Rückführung auf reale Fakten.

TEIL I

STECKBRIEF DES TEUFLISCHEN

oder

WAS DEN TEUFEL ZUM TEUFEL MACHT

Wer da hinkt

Nach Schwefel stinkt

Wer mit dem Schweife wedelt

Ist das nicht unser Oggewedel?

KOMPASS

Woran erkennt man den Teufel? Eine fast überflüssige Frage. Und doch, kennen und erkennen wir den Teufel, oder ist das, was wir sehen, das Bild eines Zerrspiegels? Noch so eine überflüssige Frage. Aber was ist das rechte Bild vom Teufel? Diese Frage ist wegen der Vielzahl der Antworten, die bereits darauf gegeben wurden, schon etwas schwieriger zu beantworten. Man kommt nicht umhin, das Material zum Teufelsbild zu sichten, zu bewerten, und wo notwendig, auch auszugraben.

Im diesem Teil I werden Worte, Namen, Symbole, Ursprung, Verbreitung und Religion des Teufels untersucht. Das heißt, wir studieren das, was den Teufel hervorgebracht, und im Wechselspiel, was der Teufel, im mythologischen Sinne, hervorgebracht hat. Was da ist: Die Verzeichnung des Teufelsbildes, sein Herkommen aus uralter Zeit, die geographische Verbreitung des Teufels, die Zeichen, woran das Teuflische zu erkennen ist, seine vielfältigen mythologischen Rollen, Spielarten und Ausprägungen. Kurz gesagt, ein Streifzug durch die Welt des Teuflischen, besonders im 6. Kapitel.

1. KAPITEL

DEM TEUFEL AUF DER SPUR

oder

DAS ARCHETYPISCHE DES BÖSEN

Den Teufel halte, wer ihn hält!

Er wird ihn nicht so bald zum zweiten Male fangen

(Aus Goethes Faust, 6. Kapitel)

Der Teufel lebt - noch immer! 5 · Das archetypische des Bösen 6 · Gottesglaube – Teufelsglaube 8 · Anmerkungen 11

Der Teufel lebt – noch immer!

Soll der Titel dieses Buches – Der entlarvte Teufel – eine Provokation sein? Vielleicht, aber es ist mehr als das. Es ist die Frage, was hinter dem Teufel, was hinter seiner Larve steckt. Das ist, wie bei jedem Dunkelmann, eine berechtigte Frage. Allerdings eine Frage, die weitere Fragen nach sich zieht. Gibt es da etwas zu entlarven, wer und was verbirgt sich hinter der Larve, wie ist es gekommen, dass der Teufel eine Larve trägt, wer hat sie ihm aufgesetzt, er sich selbst oder andere?

Wer diese Fragen beantworten, wer den Teufel entlarven will, der muss zuerst einmal seine Spur aufnehmen. Ein leichtes Unterfangen. Aber Vorsicht! Ist es nicht so, dass normalerweise der Teufel jemanden auf der Spur ist, vielleicht sogar einem selbst? Führt das Nachspüren nach ihm nicht geradewegs in die Höhle – in die Hölle – des Teufels? Das tut es gewiss! Was tun, wenn man dort angekommen ist und den Teufel auch antrifft? Nun, ich weiß nicht, wie es der Leser hält, ich halte es wie in dem Märchen von jenem unbeschwerten, jungen Mann, der auszog, des Teufels goldene Haare zu stehlen. Da der Teufel seine goldenen Haare nun aber nicht mehr hat, stehle ich ihm etwas anderes – seine Larve!

Also, dem Teufel auf der Spur – zwangsläufig! Mythen und Religionen lassen es unabweislich sein, dem Teufel zu begegnen. Der Teufel lauert überall, und überall hat er seine Spuren hinterlassen, in der Kunst, in der Literatur, in der Theologie, in geheimnisvollen Höhlen, in Träumen, in der Phantasie, in Zeichen und selbst in seinen Namen. Man ist überrascht und verwundert, wo man ihm überall begegnet und in welchen Gestalten er auftritt. Nicht nur, weil man ihn da oder dort nicht vermutet, mehr noch verwundert, wie bei gewissen Begegnungen das Bild des Teufels geradezu auf den Kopf gestellt wird – oder auf die Füße, wie man es sehen will.

Die Moderne, das bedeutet: „Gott ist tot!“. Ist also auch der Teufel tot, interessant nur noch für Leute, die sich mit dem Abgelebten beschäftigen, für Historiker und Nachforscher in merkwürdigen Dingen? Der Teufel ist keineswegs nur ein historisches Objekt, er lebt – noch immer! Ob reell, im Glauben oder in der Phantasie, das sei dahin gestellt. Man sollte daher nicht zu sehr verwundert sein, dem Teufel auch heute noch zu begegnen, in einer christlichen Umwelt ist das geradezu zwanghaft. Denn die Kirche hat den Teufel gehegt und gepflegt, sie hat ihn gesät und geerntet – sie hat sich den Teufel dienstbar gemacht. Und der Teufel hat die geforderte Arbeit geleistet. Oder darf ich sagen, sie wurde unter seiner Maske geleistet.

Und nun? Der Teufel kann lästig werden. „Die Geister, die ich rief...“. Moderne Theologen möchten den Teufel zu gerne aus dem Dienste entlassen – der Schwarze Mann, der Mohr, hat seine Schuldigkeit getan, er ist nicht mehr erwünscht. Aber so einfach geht das nicht, man (der Heilige Geist) müsste dazu die Bibel umschreiben. Also bleibt der Teufel wo und was er ist, zwar wird er an der kurzen Leine gehalten, aber wehe, wenn er losgelassen.

Das Archetypische des Bösen

Alle Teufelsarbeit der christlichen und anderer Kirchen und Religionen hätte nicht die bekannten Folgen zeitigen können, würde in uns Menschen nicht eine archetypische Vorstellung vom Bösen stecken, welche die Teufelsvorstellungen erst hervorruft und dann Angst und Hysterie erzeugt. Mit den bekannten Folgen wie Exorzismus, Hexenwahn, Hexenverfolgung, Ketzerverfolgung und dergleichen mehr. Je größer die Angst, umso schrecklicher der Teufel, umso größer die Angst, umso schrecklicher … Diese Teufelei ist, mit modernen Begriffen ausgedrückt, ein Rückkopplungs- und Katastropheneffekt – ein Teufelskreis!

Das Archetypische des Bösen kommt aus der Tiefe der menschlichen Seele, sie kommt aus einer Urfurcht. Das Fratzenhafte, Abscheuliche, Unmenschliche der menschlichen Phantasie hat hier ihren Ursprung. Diese Bilder werden auf den Teufel, den Satan oder wie die Schreckensgestalten auch heißen mögen, übertragen. Der Teufel, wie er uns in der Literatur und in der bildenden Kunst begegnet, ist nichts anderes, als die Projektion aus dem Unbewussten in das bilderschaffende Bewusstsein der Menschen – aus tiefster Seele kommt der rattenhafte Schrei: SATAN!

Ein tiefreligiöser katholischer Pastor erzählte mir einmal seine Begegnungen mit dem Teufel. Er war damals Geistlicher in der Diözese München-Freising. Plötzlich stand der Teufel vor ihm, gehörnt, klumpfüßig, mit roten, feurigen Augen. Aug' in Aug' widerstand er dem bösen Feind, bis dass er wich. Ein anderes Teufelstier, dem er begegnet war, war ein unendlich traurig schauendes Tier, einem mittelgroßen Hund vergleichbar, das sich unter seinem Stuhl niedergelassen hatte. Begegnungen dieser Art sind kein Einzelfall. Ein gewisser Berna alias Naber will in einer rückgewandten Vision die gesamte Kreuzigung Jesu geschaut haben, und wie ein Tier sich am Kreuze versteckte, um Jesus zu töten. Jesus aber habe das Tier und seinen Propheten in ewige Verdammnis gestürzt.

Meine Begegnungen mit dem Teufel sind nicht so dramatisch, sie sind literarischer Art. Es geschah, als ich dem Schmiede-Mythos nachforschte, der sich als Teufelsgeschichte entpuppte. Ein faszinierendes Thema, von dem ich mehr erfahren wollte. Oder mit Goethes Faust zu sprechen, was in des Pudels Kern steckt. Den Immerbösen, das satanische Höllentier, habe ich bei meinen Nachforschungen nicht entdecken können. Entdeckt habe ich etwas anderes. Der Teufel ist hinter einer Maske verborgen. Eine Maske, die ihm auferlegt wurde und noch immer auferlegt ist. Hinter der Maske steckt etwas ganz anderes, etwas unerwartetes, etwas, das Teufelsaustreiber und Teufelsanbeter gleichermaßen entsetzen, das sie um ihren Glauben bringen würde – würden sie es wahrnehmen. Der Glaube, auch der Glaube an den Teufel, hat eine große Beharrungskraft – der Desillusionsschmerz des Glaubensverlustes wäre zu groß. Der harte Kern der Religiösen glaubt des Glaubens wegen. Wer einmal die schaurige "Wir glauben"-Litanei der Katholiken gehört hat, weiß was ich meine; und Satanisten verzichten auch nicht so einfach auf ihren negativen Gott.

Glaubenszweifel? Schon immer sind Heilige, die Helden des christlichen Glaubens, von furchtbarsten Zweifeln befallen worden, nämlich das Unglaubliche zu glauben, gegen Vernunft und Verstand. Wem es gelang oder wem es gelingt, solche Zweifel zu überwinden, der wird gegen jeden weiteren Glaubenszweifel immun. Ein so im Glauben Gestählter widersteht nicht nur dem Teufel, der widersteht auch dem entlarvten Teufel.

Einem mir persönlich bekannten Pastor hatte ich, boshaft wie ich bin, den Hahn von Karlheinz Deschner zu lesen gegeben, er meinte nach der Lektüre nur: „Der ist aber radikal“. Der Mann war glaubensfest.

Diejenigen, die nicht so widerstandsfähig sind, werden einige Schrecken erwarten. Sie sind neugierig? Kennen Sie diese Geschichte? In einem einsamen, verfallenden italienischen Bergdorf hält ein katholischer Priester jeden Morgen die Frühmesse für seine immer spärlicher werdende Gemeinde und teilt die Kommunion aus. Eines Morgens bleiben sogar die alten Weiblein aus. Mürrisch vollzieht der Priester die religiösen Verrichtungen. Da kommt ein Fluch über seine Lippen: „Soll der Teufel das Dorf holen!“. Er öffnet den Tabernakel, um den Monstranz mit dem lebendigen Gott dem nicht anwesenden Volk zu präsentieren. Und wie er öffnet, erblickt er den Teufel. Der Priester erbleicht. "Du hier?", stammelt er. "Wie immer!", entgegnet der Teufel. Blasphemie! Ich weiß. Aber ist die christliche Religion nicht die vollkommenste Blasphemie? Ob die angezogene Parabel vom Priester und dem Teufel nur einer meiner schelmischen Witze ist, oder ob mehr dahinter steckt, dazu wird der Leser zum Urteil gebeten.

Gottesglaube – Teufelsglaube

Der etwas abgewandelten Gretchenfrage: „Wie hältst Du es mit Gott?“ gehe ich nach Möglichkeit aus dem Wege. Warum ist diese Frage überhaupt so wichtig? Offensichtlich muss an irgendetwas geglaubt werden. Lehnt man ein Glaubenssystem ab, so wird verlangt, an ein anderes zu glauben, als ob der Glaube eine Beliebigkeit wäre (ja vielleicht doch!). Schön öfters wurde ich gedrängt, mich zu offenbaren, denn man macht sich Sorgen um mich und meine Seele, dass der Teufel beides holt. Was tun? Ich erzähle, wenn ich nicht mehr aus kann, eine wahre Geschichte. Als ich noch ein kleiner Junge war und gerade erst zur Schule ging, hatten wir in unserer katholischen Volksschule LehrerInnen, die ihre pädagogische Befähigung damit unter Beweis stellten, dass sie auf die ihnen anvertrauten Zwerge nach Herzenslust eindroschen. Einmal musste ich Nachsitzen, weil ich statt dem Unterricht zu folgen, vor mich hingeträumt hatte. Zur Strafe musste ich auf meine Schiefertafel selbst ausgedachte Sätze schreiben. Ich lernte gerade das Schreiben und war von der Erkenntnis begeistert, dass mit nur drei Wörtern ein Satz gebildet werden kann. Also schrieb ich „Gott ist gut“. Ohne Arg zeigte ich unserer sehr katholischen und noch sehr viel religiöseren Lehrerin meine Schiefertafel. Sie schaute kurz hin, holte mit ihrem Händchen aus und gab mir eine schallende Backpfeife. Ich starrte sie so verdutzt und verdattert an, dass sie sich hernieder ließ, mir eine Erklärung zu geben: „Der »liebe« Gott ist gut“. Sie hatte meine ketzerische Neigung sofort erkannt, den lieben Gott quasi mit Du anzureden. Seitdem weiß ich, dass Gott nicht nur gut, sondern auch lieb ist. Zugleich lernte ich die Güte und Liebe der Religiösen kennen. Und die Moral von der Geschicht’? Wie könnt' an Gut und Lieb’ ich glauben nicht – und an den »lieben« Gott! Warum ich den Satz vom guten Gott auf meine Schiefertafel schrieb, weiß ich nicht, vermutlich unter dem Einfluss der ersten Religionsinstruktionen unseres Pastors.

Ein Gotteserlebnis, wie jener mir bekannte Pastor, der nicht nur die Stimme Gottes gehört, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht in aller Herrlichkeit auf dem Throne gesehen hatte, habe ich nie gehabt. Dem Teufel bin ich auch noch nicht begegnet. Nur eine gewisse Scheu vor dem Dunklen hatte ich als Kind, denn dort konnte der Belzebock lauern. Mit dem hatte man uns Kinder Angst gemacht. Am Nikolausabend kam er in schwarzer Gestalt, um die bösen und ungehorsamen Kinder in den Sack zu stecken.

Unsere Familie lebt in einem großen Dorf im Rheinland. Die Jahre nach dem Krieg waren eine schläfrige Zeit, als wären die Uhren stehen geblieben, oder sogar zurückgedreht worden. Es herrschte das klerikal-reaktionäre Klima der Adenauer-Restauration. Die Kirche hatte den größten Einfluss, sie schrieb sogar vor, welche Filme im neuerbauten Kino gesehen werden durften – immer zum Heil der Seelen. Fernsehen war damals fast gar nicht verbreitet, und Kinder durften sowieso nicht fernsehen, weil das so gefährlich war. Bis in die sechziger Jahre gab es in dem Dorf über fünfzig Bauernstellen und mehrere Höfe-Siedlungen. Das Umland war eine gesegnete Flur mit dichtem Bestand an Obstbäumen, mit Wiesen, Äckern, Wäldern und Bächen. Es waren fast eleusische Gefilde – wäre da nicht der Mensch gewesen, oder grad‘ heraus gesagt, der Bauer. Die Bauern waren die Honoratioren und regierten das Dorf. Diese Herren, so empfand ich als Kind, standen mit Gott im Bunde. Sie – besser gesagt die Mütter – gaben ihre Söhne der Kirche, dass sie Kaplane und Pastöre werden, dass der Teufel ja keinen Fuß fasse in ihrer Welt und nicht die Früchte des Feldes und das Vieh in den Ställen verderbe.

So ungefähr als ich sechzehn Jahre alt war, begann ich bewusst zu denken. Ich begann über Gott und die Welt nachzudenken, und mich für Physik zu interessieren. Ich entdeckte für mich das kosmologische Prinzip. Da war ich recht glücklich. Dass dieses Prinzip schon lange entdeckt war, wusste ich damals nicht, und dass es immer wieder entdeckt wird, denn es liegt in der Natur des menschlichen Denkens.

Und der Gott meiner Kindheit? Diesen katholischen Quälgeist und Oberaufseher schuf ich in einem revolutionären Akt ab. Warum? Heute würde ich sagen, es gibt keine hinreichenden Gründe an ihn zu glauben, aber hinreichende Gründe ihn abzuschaffen. Aber auch das war nicht eigentlich ich, sondern eine Seite meiner innewohnenden menschlichen Natur. Es gibt zwar noch eine andere Seiten dieser Natur, aber ich bin eben auf diese eine Seite gefallen. Als ich diese Großtat vollbrachte, hatte ich keinen Schimmer davon, dass ich eine der größten Frage der Menschheit berührt hatte, die Frage nach der Existenz Gottes; und dass bedeutende Philosophen und Theologen ihren Gott zu retten versuchten und versuchen, indem sie ihn in ein eigenschaftsloses, transzendentes Etwas transformieren – eine Gottesleugnung eigener Art.

Und der Teufel? Diese Frage hatte sich von selbst erledigt, er war keine Frage mehr wert. Der Teufel konnte meinetwegen weiterhin im Panoptikum der menschlichen Phantasie umherspuken, das interessierte mich nicht mehr. Mit den Jahren begann ich mich auch für Mythologie und Historie zu interessieren. Da mir nicht nur das Denken, sondern auch das Schreiben Spaß macht, schrieb ich für einen mir nahestehenden Schmied eine kleine Schrift: „Der Schmied im Mythos“. Der mythische Schmied entpuppte sich darin als rechte Teufelsgestalt. So hatte mich der Teufel über literarischem Wege doch noch am Wickel gepackt.

Wenn so viel vom Teufel die Rede ist, stellt sich die Frage, ob an den Teufel zu glauben ist. Diese Frage soll mit dem vorliegenden Buch nicht entschieden werden. Das muss jeder für sich selbst tun. Nur so viel möchte ich bemerken: Inhalt oder Gegenstand des Glaubens – das, was als Wahr und Existent angesehen wird – ist ein Ergebnis der jeweiligen Zeit und Kultur. Das betrifft nicht nur Götter-, Teufels- oder Geisterglaube, sondern auch Aspekte der modernen Wissenschaften. Um ein Beispiel zu geben. In der gegenwärtigen geistigen Welt der Physik wird an die Gültigkeit der Quanten- und Relativitätstheorie geglaubt. Das heißt nicht, dass dies immer so sein wird. In der Newton- und La-Place-Ära der klassischen Mechanik wurde an physikalischen Determinismus1 geglaubt. Im 20. Jahrhunderts wurde dieser Glaube zu Gunsten eines Probalismus2 aufgegeben. Nicht ohne Widerstände von Altgläubigen, die es auch in den ach so rationalen Wissenschaften gibt.

Glaubenssysteme haben fast immer den einen Zweck: Welterklärung. Mit dem Götterglauben schuf sich der Mensch eine Erklärung, im Kleinen wie im Großen. Mit dem Siegeszug des Rationalismus’ und des wissenschaftlichen Reduktionismus’ sind die religiösen Systeme Schritt um Schritt zurückgedrängt worden. Das ist eine weitverbreitete Meinung. Es könnte aber auch umgekehrt sein. Dass nämlich die kritischen Wissenschaften entstehen konnten, weil die Religionen nicht mehr die Welt erklären können. Wie auch immer, die Religionen haben an Glaubwürdigkeit verloren und verlieren weiterhin, die Gottlosigkeit greift rasant um sich, wenn auch paradoxerweise der Glaube an den Teufel davon weniger betroffen ist. Der Prozess der Entgottung gewinnt in den westlichen und westlich beeinflussten Kulturen zusehends noch an Geschwindigkeit; der derzeitige radikale Islam (radikal war er eigentlich schon immer) ist eine Reaktion darauf. Der Glaube der großen Religionen ist im Sterben begriffen. Wie sagte der Apostel Paulus: „Ohne Glauben ist nichts“. Wie ich hinzufügen möchte, ohne Glauben an den Teufel ist der Teufel auch nicht – sein Mythos aber sehr wohl.

Dem Teufel auf der Spur – das heißt nicht, dem Teufel Gefolgschaft leisten; das heißt den Teufel erkennen in seiner mythologischen Vielfalt, in seinen Namen, in seinen Symbolen, in seinen Wegen, und in den Handlungen, die in seinem Namen vollzogen wurden und werden.

Anmerkungen 1. Kapitel

1Determinismus: Vorherbestimmtheit.

2Probalismus: Zufallsbedingtheit.

2. KAPITEL

WIE DER BÖSE TEUFEL IN DIE WELT KAM

oder

DIE ERFINDUNG DES TEUFLISCHEN

Also sprach Zarathustra

(Friedrich Nietzsche, 1883-1885)

Der böse Teufel – fast eine Erfindung 12 · Es begann im Osten 13 · Schwarz und Weiß 13 · Gut und Böse 14 · Schuld und Sühne 15 · Der Weg 16 · Ursachen 17 · Zarathustra 19 · Simon Magus 20 · Die Katharer 22 · Anmerkungen 24

Der böse Teufel – fast eine Erfindung

Die Vorstellung vom Teufel als Gott der finsteren Unterwelt, als Höllenfürst, als Prinzip des Bösen ist in der Religionsgeschichte, wenn auch Jahrtausende alt, eine recht junge Erfindung. Zwar gab es in den alten Religionen Unterweltgötter in Fülle, doch verkörperten sie in der Regel nicht das Böse an sich. Oft waren sie für das Wohlergehen von Menschen, Tieren und der Erde zuständig. Diese Eigenschaften können zum Bösen umschlagen, denn wer Gutes tut, kann auch Böses tun. Und so waren Unterweltgötter häufig für beides zuständig, wie das Beispiel der Nornen der germanischen Mythologie zeigt.

Der Teufel gehört zu den ältesten Göttern des wahrlich nicht kleinen Pantheons, der Götterversammlung. Er ist älter als der Ein-Gott der monotheistischen Religionen. Hoch war einst sein Ansehen bei den Menschen, die ihn als Sonnengott mit Jubel begrüßten, denn als solcher war er ihr Wohltäter. Dann, vor mehr als zehntausend Jahren, geschah etwas Schreckliches, das ihm zur Last gelegt wurde. Der Teufel wurde den Menschen furchterregend, und sie begannen, das Gute und das Böse in ihm zu scheiden. Das Gute wurde von ihm abgesondert, bis nur noch das Böse blieb. Panisch gefürchtet und tief gehasst wird der Teufel seit etwa zweieinhalb Jahrtausenden. Wie kam es zu diesem Umschwung? Wie kam es, dass der Teufel verteufelt, dass er zum bösen Feind der Menschen wurde, und zum Widersacher des guten Gottes?

Es begann im Osten

Im vedischen Göttersystem des alten Irans gab es zwei Scharen von Göttern mit je einem Haupt. Die Ahuras mit Ahura Mazda einerseits und die Devas mit Mithra andererseits. Es gab auch schon die Vorstellung von der Hölle, doch nicht von einem Teufel, wie wir ihn kennen. Seit alters her gab es auch die Idee des Seelenheils und des ewigen Lebens. Diese Idee wurde in der Religion der Indogermanen, die auch die Religion des alten Iran war, weiterentwickelt. Es kommt darauf an, was man aus solch einer Idee macht. Die Germanen machten daraus ewiger Heldenkampf und Met-Gelage in Walhall. Im Osten, besonders im iranischen Raum, entwickelte sich die Vorstellung, dass die Seelen derjenigen gewogen werden, die den Fluss des ewigen Vergessens (des Todes) überschreiten. Die als zu leicht Gewogenen, die Bösen, kommen in die Hölle.

Die Scheidung in Gut und Böse als zwei widerstreitende Prinzipien wurde im Wesentlichen im Osten entwickelt und verfeinert. Vor allem Zarathustra (Zoroaster) war daran beteiligt, der das vorhandene Göttersystem umbaute. Also sprach Zarathustra – und erfand um das Jahr 600 v. Chr. im Iran den Widerstreit des Götterpaares Ahura Mazda (der weise, der gute Gott) und Ahriman (der niedere Gott), das um die Weltherrschaft streitet. Diese Lehre wird Mazdaismus genannt; der spätere Parsismus ist eine Weiterentwicklung des Mazdaismus. Ahriman, der ehemalige Freund und Gehilfe Mithras, war bei den Ariern des Irans ursprünglich der Gott der menschlichen Angelegenheiten, zum Beispiel der Vertragstreue. Bei Zarathustra wurde er degradiert und verlor seinen göttlichen Rang.

Schwarz und Weiß

Zarathustra arbeitete mit einer Art Schwarzweißmalerei, das seitdem bewährte Prinzip gewisse Eigenschaften von Gottheiten zu fokussieren, andere dafür auszublenden. Er schuf einen religiösen Dualismus1 besonderer Art, der in der Gnosis2, im Manichäismus3, im Mithraismus4, im Simonismus5, im Katharertum6 und – horribile dictu – in der christlichen Religion weiterlebt.

Der religiöse Dualismus beruht auf dem Gegensatz zweier widerstreitender Mächte, die in der indogermanischen Kultur durch Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Sommer und Winter ausgedrückt wurde und in Sonnenkulten ihren Ausdruck fand. Als das Christentum den Norden Europas erreichte, stand der Sonnenkult dort in voller Blüte. Die christliche Religion hatte zwar Elemente des Sonnenkultes aus dem nahöstlichen und mediterranen Raum übernommen, diese aber verklausuliert und umgedeutet. Die Unterschiede zwischen dem germanischen und dem fast zur Unkenntlichkeit umgeformten christlichen Sonnenkult – Verdammnis und Erlösung – waren so groß, dass eine Anpassung der germanischen Vorstellungen an christliche, ein sonst erfolgreiches Spiel der Kirche, nicht möglich war. Also mussten die germanischen Götter in die Hölle.

Der Dualismus von Licht und Finsternis ist das Zentralthema der indogermanischen Religionen. Dieser Dualismus war von Zarathustra keineswegs erfunden, jedoch nach seinen Vorstellungen umgeformt worden. Zarathustra, um an den vorherigen Abschnitt anzuschließen, hatte für seine Theologie keine neuen Götter erfunden. Er hatte, wie bereits gesagt, auf die alten zurückgegriffen und für seine Zwecke umgedeutet. Die niederen Götter erniedrigte er ganz und gar, die hohen erhöhte er über alle Maßen. Ahriman machte er zum Höchsten der Niedrigsten, der die Rolle des Teufels spielen musste. Ahura Mazda erhob er zum Allerhöchsten, zum guten und weisen Gott. Darin ist auch schon der Kern des Monotheismus enthalten, der später – und von einer ganz anderen Ecke heraus – zu vollem Wuchs kommen soll.

Gut und Böse

In der Religion, die Zarathustra schuf, gab es das Gute und das Böse von Anfang an – wie bei den Christen. Das Gute wird belohnt, das Böse bestraft – wie bei den Christen. Es gab Paradies und Fegefeuer – wie Himmel und Hölle bei den Christen. Die Toten werden am Ende der Tage auferstehen und das Jüngste Gericht wird die Bösen erneut in die Hölle stoßen – wie bei den Christen. Nach Zarathustras Lehre soll es auch einen Endkampf geben zwischen Gut und Böse, zwischen Ahura Mazda und Arihman – wie bei den Christen zwischen Christus und dem Teufel, dem Maria den Kopf zertreten wird. Danach wird der Himmel einen großen König senden, einen Erlöser, Mithras – nicht so bei den Christen, ihr Erlöser ist bereits gekommen; aber er soll noch einmal kommen, um das Ende der Tage einzuläuten und die Erlösung zu vollenden; und so warten die Christen, warten und warten, ….In der Zeit nach Zarathustra entwickelte sich aus dem Mazdaismus der Mithraismus zu einem eigenständigen religiösen System, der sich vom Iran ausbreitete, das Römische Reich überflutete und bis in die römischen germanischen Provinzen drang. Von der christlichen Kirche wurde der Mithraismus fanatisch bekämpft. Nicht nur, weil er eine konkurrierende Sekte war, sondern auch wegen der Anleihen und Ähnlichkeiten der christlichen Religion. Und wahrlich nicht wenig hat die Kirche vom Mithraismus übernommen.

Schuld und Sühne

mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld

(Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche)

Neben dem Dualismus von Gut und Böse entstand noch etwas im Osten. Die Schuld als theologisches Prinzip. Die Schuldfrage ist anderen Religionen durchaus fremd. Für die Totschläger des germanischen Odinglaubens lag die Frage nach glaubensbedingter Schuld jenseits ihres geistigen Horizonts. Für sie war es eher eine Frage der Ehre, Verbrechen gemäß ihrem Sittenkodex zu verüben, zum Beispiel niemanden heimlich totzuschlagen. Zwar gibt es in der germanischen Mythologie den linkischen, verlogenen und verschlagene Loki, dem als Widersacher der anderen Götter die Rolle des Teufels zugesprochen werden kann. Das Gegenprinzip, das Loki verkörpert, ist jedoch eine mythologische Frage, keine Schuldfrage.

Zwar gab es bei den Germanen eine Vorstellung vom Überschreiten des Flusses des Vergessens nach dem Tode, die Scheidung in die Guten (Tapferen) und die Verworfenen (Feigen). Das waren Vorstellungen der indogermanischen Glaubenswelt, wie sie auch bei den Griechen und den Ariern des Iran vorhanden waren. Bei Germanen und Griechen erwuchs daraus keine Schuld-Theologie, anders im Iran.

Es ist sehr merkwürdig, einerseits entstanden auf der Basis des indogermanischen Glaubens und Sonnenreligion die Religionen der Griechen und Germanen, andererseits der Mazdaismus und der Parsismus des Irans. Die Griechen brachten die Lichtgestalt Apollo hervor, die Germanen den Lichtgott Balder – der Iran die Schuldfrage. Die Entwicklung der Sonnenreligion zu den Prinzipien Gut und Böse, Schuld und Sühne, ist also keineswegs zwangsläufig. Die Ausprägung einer Religion ist mehr von der Seelenlage des betreffenden Volkes oder deren Kultur abhängig als von religiösen Prinzipien, sie ist nicht zu unerheblichen Teilen in der Völker- und ‚Rassenpsychologie‘ begründet.

Zur Verdeutlichung mögen die unterschiedlichen Entwicklungen der jüngeren und jüngsten Religionsgeschichte in Europa und im Osten herangezogen werden: Nicht zufällig ging die Reformation der christlichen Kirche von den germanischen Kirchenprovinzen aus; nicht zufällig hat das Christentum im Norden eine andere Ausprägung als im Süden; und nicht zufällig sehen wir seit dem Ende des 20. Jahrhunderts die uns düster erscheinenden Bilder des religiösen Fanatismus in Iran und im Nahen Osten – und die Gottlosigkeit im Westen.

Der Weg

Müßig ist die Frage nach dem Warum. Warum die religiösen Auf- und Ausbrüche aller Zeiten, warum die Umdeutung von Werten und Idealen? Religiöse Umdeutung, wie sie Zarathustra vornahm, ist ein Zeichen geistigen Umbruchs. Alte Glaubenssysteme brechen zusammen, neue brechen sich Bahn. Im Nachhinein lässt sich schwer entscheiden, was Ursache, was Folge war.

Der Dualismus von Gut und Böse, wie ihn Zarathustras erfand, ist ein Mittel zur Welterklärung, ist religiöse Weltanschauung. In der Epoche Zarathustras entstanden überhaupt neue Theologien: Der Mazdaismus, der Buddhismus, der Sieg des Eingottglaubens in Judäa, der vom Iran her beeinflusst wurde; vermutlich hatte auch damals der Odinsglauben in den Steppen Südrusslands und im Vorfeld des Kaukasus seine Ausprägung gefunden und war von dort zu den Germanen vorgedrungen. Die Erfindung Zarathustras aber nahm seinen Weg vom persischen Großreich nach Babylon und Mesopotamien. Dort wurde sie mit einem zusätzlichen Aspekt versehen: der Ursünde, die Mensch und Teufel begingen: Nämlich Auflehnung und Ungehorsam wider Gott.

Der babylonische Großkönig Nebukadnezar II. (†562 v. Chr.) hatte in zwei Kriegen das Reich Juda zertrümmert und einen Teil seiner Einwohner nach Babylonien verschleppt. Nach der persischen Eroberung Babylons durften die Juden in ihre Heimat zurückkehren. Sie trugen manches im Gepäck, was bis dahin in Juda und Jerusalem nicht heimisch war. Die Genesis (Schöpfungsgeschichte) zum Beispiel mit der Geschichte von der Weltentstehung, von Adam und Eva, und von der Sintflut. Und neue Vorstellungen von Schuld, Sünde und Sühne, und vom Satan oder Scheitan, wie der Teufel dort heißt.

Es war aber nicht so, dass neue Götter in ein gottfreies Juda importiert wurden. Alte Götte, darunter Jahwe, stand dort zur Umdeutung bereit. Gewisse neue Vorstellungen aus dem Mazdaismus wurden in dem bis dahin nur schwach vertretenen Monotheismus des Jahweglaubens eingebaut, z. B. einen Dualismus mit bösen, gefallenen Engeln. Jahwe selbst wurde zu einem durchgeistigten, transzendenten Gott, zum Einzigen, zum Hochgott. Auch bei dieser Umdeutung wurde nach dem Prinzip der Schwarz-Weiß-Malerei gearbeitet. In den jüdischen Überlieferungen und Schriften wurde umgedeutet und umgeschrieben, was nicht in das neue Konzept hineinpasste. Diese Arbeit wurde nicht besonders gründlich getan, die Flicken scheinen erkennbar aus der neuen Religion heraus.

Von der jüdischen Religion nahm das Prinzip von Gut und Böse seinen Weg in das Christentum und ins römische Imperium. Vom Mittelmeer aus gelangte es im Schlepptau römischer und fränkischer Eroberer weiter in den Norden. Und an diesem Tau hing, außer dem Prinzip von Schuld und Sühne, der Teufel christlicher Prägung. In Europa erhielt der Repräsentant des Bösen, so sagt man, den griechischen Namen Diabolos, was sich lautlich zu Teufel umgeformt haben soll.

Von der Kirche wurde ein Pantheon voller heidnischer Götter, wenn sie nicht als Heilige vereinnahmt, umbenannt und umgedeutet wurden, zu Teufeln und bösen Geistern erklärt. Seither wird Europa mit den düsteren Aspekten des bösen Teufels bedrückt und mit Schuld, Sünde und Sühne geplagt. Ein ganzer Kontinent, und noch mehr, wurde einer pathologischen – einer kranken und krankmachenden – Religion unterworfen. ex oriente lux (das Licht kommt aus dem Osten) – selten wurde etwas Unsinnigeres kolportiert.

Ursachen

Worin liegt die Ursache für die gelungene Umdeutung heidnischer Götter durch die christliche Kirche? Warum gelang es zum Beispiel, die orientalischen Baale oder die Trutten des Nordens, den bösen Teufel spielen zu lassen. Warum gelang das bei anderen Gottheiten nicht, wie zum Beispiel bei der Weißen Göttin, die zur Heiligen Mutter Maria verklärt wurde? Den Grund sehe ich in den dunklen Seiten der bösen Götter einerseits und den hellen Seiten der guten Götter andererseits. Die christlichen Missionare hatten den Kunstgriff perfektioniert, die Götter mit dunklen Aspekten dem Teufel zuzuweisen, andere, mit hellen Aspekten, in ihren Himmel zu heben. Für letztere stehen insbesondere die Drei Heiligen Frauen, umbenannt und bekannt als die Drei Marien. Ironischerweise waren gerade sie ursprüngliche Schicksals- und Unterweltsgöttinnen, die nicht nur lichte Aspekte hatten, sondern wahre Höllenschwestern waren. Weitere Beispiele sind die Große Mutter (Magna Mater) oder die ägyptische Isis, die ebenfalls als Gottesmutter umgedeutet und in den Himmel der Christen gehoben wurden. In den christlichen Kirchen wird die Gottesmutter wie Isis dargestellt, auf der Mondsichel stehend, vom Sternenmantel umhüllt, den (Horus-Christus-) Knaben auf dem Arme tragend und in der Hand eine Frucht, einen Apfel (Weltkugel) oder eine Weintraube (Fruchtbarkeit) haltend.

Doch sind das Äußerlichkeiten. Die wahren Ursachen des Hell-Dunkel-Musters – Gut und Böse – sind in tieferen Schichten des Unbewussten zu suchen. Schuldbewusstsein gehört entwicklungsgeschichtlich zum Sozialverhalten gewisser höherer Tierarten, wie Primaten (Herrentiere). Diese Tiere haben Verhaltensweisen entwickelt, die mit gut oder böse bezeichnet werden können. Bei den Menschen eignet sich dieses Verhaltensmuster, Schuld-Religionen zu begründen.

Und der Teufel? Auch er hat seine Entwicklungsgeschichte. Auch er ist erst zu dem geworden, was er jetzt ist, ein Spielball von Theologen und selbstvergotteten Tempelpriestern. Mögen diese an ihre eigenen Teufelstheorien glauben oder nicht. Wen kümmert‘s? Aber Vorsicht vor falscher Arglosigkeit! Vor der fanatischen Fraktion der Teufelsgläubigen sollte man sich vorsehen. Ich meine hier nicht in erster Linie das schwarze Korps der Satanisten. Ich frage, was ist von solchen zu halten, die noch heute an einen Teufelsbund der Hexen glauben; die bei Geisteskranken den Teufel exorzieren; und die in einem greinenden Säugling-Täufling den Teufel erkennen? Bei dem letzten Beispiel sollte man jedoch nicht die innere, christliche Logik verkennen. Die Taufe ist auch ein Exorzismus, bei dem der Teufel ausgetrieben wird. Denn solange der Täufling nicht von der Erbsünde befreit ist, hat der Teufel Besitz von ihm, solange ist der Täufling ein Teufling!

Ich hoffe ein wenig den Weg aufgezeigt zu haben, wie und warum der Teufel zu dem geworden ist, was er ist. Es sei mir erlaubt, für den verteufelten Teufel eine Lanze zu brechen – aber nicht wie Don Quijote – und ihm die Last unverschuldeter Schuld von den Schultern zu nehmen – aber nicht wie bei Herakles und Atlas7. Eine Lanze, nicht mehr! Aber so einfach soll der Teufel auch wieder nicht entschuldigt werden. Worin seine Schuld besteht – wenn man von Schuld sprechen kann – wird in späteren Kapiteln besprochen.

Das unerquickliche Thema von Schuld und Böse soll hiermit beendet werden. Nur einiges soll noch gesagt werden zu Zarathustra, zum Magier Simon und nun zu den Katharern.

Zarathustra

Der Name Zarathustra ist hier schon mehrmals gefallen, den wohl schon mancher anderswo gehört oder gelesen hat, vielleicht von dem Philosoph Nietzsche. Nietzsche; dieser morbide, schließlich wahnsinnig gewordene Radikal-Denker des 19. Jahrhunderts negierte die traditionelle jüdischchristlich-abendländische Kultur und verwarf sie als krankhaft. Im katholischen Milieu bestand die Vorstellung, Gott habe diesen Antichristen mit Wahnsinn geschlagen, weil er die Vermessenheit hatte, die Sterne am Himmel zu zählen. Nicht Mitleid und Nächstenliebe sollen nach Nietzsche Gegenstand menschlichen Strebens sein, sonder Kampf und Wille zur Macht, die sich fokussiert im Übermensch, den Zarathustra den Menschen verkündet: Also sprach Zarathustra. Neben diesem fiktiven Zarathustra existierte, wie bereits angesprochen, ein historischer Mensch gleichen Namens.

Geboren wurde Zarathustra irgendwo im Hochland des Iran. Wenn auch von adliger Abstammung, dem Geschlecht der Spitamas angehörend, war er ein eher ärmlicher Vieh- und Pferdezüchter. Zarathustra gehörte dem medischen Stamm bzw. Kaste der Magi an, er war also Priester. Die Magier waren zuständig für Mantismus (Zauberei) und Astrologie. Zarathustra soll seinem Wesen nach ein gequälter, spiritueller Prophet gewesen sein, vielleicht sogar ein Schamane; er kann mit dem Religionsgründer Mohamed verglichen werden. Wie Mohamed erhob Zarathustra sich über die religiösen Traditionen seiner Zeit und Herkunft; der erste schuf den Islam, der andere den Mazdaismus.

Zarathustras Lebenszeit fiel in die Gründungsepoche des großen iranischen Reiches im 7./6. Jahrhundert v. Chr. In dem neuen, großen, kosmopolitischen Reich verloren die iranischen Magier an Bedeutung. Das Großiranische (Persische) Reich benötigte einen theologischen Überbau, eine Reichsreligion, vergleichbar der christlichen Reichsreligion im spätrömischen und im fränkischen Reich. Zarathustras neues religiöses System erschien da gerade zur rechten Zeit – oder die Zeit rief nach dem System, wer weiß das so genau? Denn Weltreich und Gottesreich begünstigten sich gerne wechselseitig.

Durch die Religion Zarathustras wurde die Kaste der Magier, die an Einfluss verloren hatte, wieder gestärkt. Die Magier verbreiteten sich und ihre neue Religion im persischen Reich, so wie sich später die Christen im Römischen Reich verbreiteten. In Mesopotamien vermischten die Magier ihre Lehren mit babylonischen Kulten, die Magier wurden deshalb auch Babylonier genannt. Wie bei anderen Religionen ging auch das System der Magier den Weg der Entartung, die Magier galten schließlich als Scharlatane und falsche Propheten. Aus dem Umfeld des Magiertums und der mit ihr verwandten Gnosis entsprang in der Zeitenwende ein Magier namens Simon. Er war ein Zeitgenosse Jesu und lebte und wirkte im selben geographischen Raum wie jener. Niemand würde über Simon reden, würde er nicht den Christen als Erzketzer gelten, als Vater aller Häresien.

Simon Magus

Eine der schwersten Sünden im christlichen Sündenkatalog ist die Simonie, der kirchliche Ämterkauf. Die Simonie ist nach dem Magier Simon benannt, der auch der religiösen Strömung des Simonismus den Namen gegeben hatte. Der Simonismus stand in der Tradition der Gnosis, einer dualistischen Religion. In der Zeit des frühen Christentums war der religiöse Dualismus eine nicht unbedeutende religiöse Strömung. Gnostische Anklänge finden sich zum Beispiel im johanneischen Häupteevangelium (Luther): „Im Anfang war das Wort“ („Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος“). Gnostische Unterströmungen der Urkirche machen sich nicht nur im Johannes-Evangelium bemerkbar, sondern auch in den anderen Evangelien, besonders in dem nach Matthäus benannten. Dieses Evangelium weist eine stark heidenfeindliche Tendenz auf, der Verfasser hatte das Streben, das Christentum für Juden vorzubehalten. Er scheute aber auch nicht, der Geburtslegende Jesu einen magischen Anstrich zu geben. Matthäus berichtet, Magier (keine Könige) seien aus dem Osten gekommen und hätten nach dem neugeborenen König gefragt; ein Stern hätte sie geleitet. Diese Magier stehen als Drei Heilige Könige figürlich in unseren Weihnachtskrippen. Weiteres in der matthäischen Geburtslegende, wie Flucht und Kindesmord, sind Anleihen aus heidnischen Mythen.

Auch wenn es nicht als historisch angesehen werden kann, so stellt sich doch die Frage, warum das Matthäusevangelium die Geschichte Jesu mit heidnischen Zauberern und einem Leuchtstern verbindet. Die altchristlichen Theologen Justin und Origines behaupteten, die Magier aus dem Osten seien bösen Mächten untertan gewesen. Was also hatten Jesus und die Urgemeinde mit solchen Dingen zu schaffen? Was verschweigt die christliche Offenbarung? Die christlichen Theologen aller Zeiten haben ein feingewebtes Tuch über den wahren Jesus gelegt, damit man ja nichts mehr erkenne. Dieses Tuch ist das zweite Linnen, in das Jesus gehüllt wurde.

Doch kehren wir zu Simon zurück. Bekannt geworden ist Simon durch das Neue Testament, wo er den Beinamen Magus – Zauberer – trägt. Simon, der aus der Landschaft Samaria in Palästina stammte, hatte sich der Sekte der Christen angeschlossen und sich von dem hellenistischen Juden-Christ Philippus taufen lassen. Als aber Petrus und Johannes von Jerusalem nach Samaria kamen, wiesen sie Simon wegen Simonie (Ämterkauf) zurück. Denn Simon, so berichtet das Neue Testament, hatte sich die Gabe des Heiligen Geistes erkaufen wollen.

Simon Magus war einer der bedeutendsten Vertreter der damaligen Gnosis, ein Heide im christlich-orthodoxen Sinne. Es ging bei Simon aber um mehr als um irgendeinen Heidenkrempel. Simon war von Philippus mit Wasser getauft worden, hatte aber den Heiligen Geist noch nicht empfangen. Diese Handlung, die durch Handauflegen vollzogen wurde, wobei die Geweihten nicht selten in wahnhafte Verzückung gerieten, hatten die Apostel sich vorbehalten: „Wir taufen mit dem Heiligen Geist“. Das Sakrament der Wassertaufe ist so gesehen nebensächlich, das Sakrament der Geist-Taufe – die Firmung – ist die wahre christliche Taufe.

Petrus und Johannes waren eigens wegen der Heilig-Geist-Taufe nach Samaria gekommen. Welch ein Erfolg wäre es für die Urgemeinde gewesen, die Sekte der Gnostiker auf ihre Seite zu ziehen. Nur unterwerfen musste sie sich. Das Bestreben Simons, ebenfalls den Heiligen Geist zu spenden, deutete aber keineswegs auf Unterwerfung, oder auf die Bereitschaft dazu. Mangelnder Demut gegen die Apostel, und nicht der Versuch Simons, die Gnosis in die Gemeinde zu tragen, ließen ihn scheitern. Der wahre Hintergrund der Exkommunikation Simons liegt meines Erachtens im Streben Simons nach einer Führungsrolle in der christlichen Urgemeinde. Simon hätte sehr wohl in die Nachfolge Jesu eintreten können: Wie Jesus konnte er angeblich zaubern, Dämonen austreiben und besaß die Gabe der Prophetie. Der Versuch Simons, in der Gemeinde Fuß zu fassen, wurde von den Aposteln Petrus und seinem Begleiter Johannes unter entsprechenden Verwünschungen vereitelt8.

Was war für die Urchristen so interessant an Simon mit seinem Sonnenkult? Es wirft ein bezeichnendes Licht auf das Urchristentum, dass die Affäre um den Magier Simon überhaupt möglich war. Philippus und andere müssen doch gewusst haben, mit wem sie sich einließen. Aber die Kirche weist noch heute alles von sich, was die Gnosis betrifft. Sie hat alle Hunde der Heiligen Inquisition auf jene gehetzt, die im Ruch der Gnosis standen. Und doch ist die Gnosis einer ihrer Väter, wenn auch ein ungeliebter.

Der Ketzer Simon kann durchaus als Verbindungsglied zur frühchristlichen Gnosis angesehen werden. Ich sage nicht, erst Simon habe gnostische Elemente in die Urgemeinde getragen. Sie waren bereits vorhanden, aber Simon mag sie verstärkt haben. Das lässt sich leicht durch Vergleich des gnostischen Mithraismus mit dem Urchristentum belegen. Die Parallelen der Geburtslegenden Jesu und des Sonnengottes Mithras sind geradezu frappierend: Die Geburt Mithras‘ wurde, ähnlich wie bei Jesus, von Propheten angekündigt; Mithras kam, ähnlich wie Jesus, in Gestalt eines wunderbaren Kindes zur Welt (Jungfrauengeburt), wobei ein außergewöhnlicher Stern seine Geburt anzeigte; auch die Versuchung Jesu durch den Teufel hat ein entsprechendes Gegenstück bei Mithras. Die Parallelen lassen sich noch weiter fortsetzen. Mithras opferte einen Stier, um das ewige Leben zu gewährleisten, Jesus opferte sich selbst, zumindest im christlichen Mythos.

Das Neue Testament hat Elemente der Mithras-Legende fast eins zu eins übernommen, mit gewissen Steigerungen: die Evangelisten hatten Engel im Einsatz. Jesus erscheint als jüdisches Ebenbild des dualistisch-gnostischen Gottes Mithras. Auch wenn ich mich wiederhole: Was verband Jesus und die Urgemeinde mit Mithras und heidnischen Magiern, was hatten sie mit solchen Dingen, was mit dem Heidentum zu schaffen? Wir werden sehen (Kap. →). Aber nun zu den Katharern, diese sind ungeliebte Verwandte des Christentums, aber nichtsdestotrotz ein Ausbund an Ketzerei.

Die Katharer

Ketzer – dieser Titel war im kirchendominierten Mittelalter ein Todesurteil. Der Begriff Ketzerei ist aus dem Wort Katharer entstanden, was die Unverdorbenen, die Reinen bedeutet. In der Kirchenpropaganda wurde es zum Begriff für alle Abweichungen von päpstlichen Doktrinen im Allgemeinen und für Teufelsanbeter im Besonderen. Anhänger des Teufels, angebliche oder tatsächliche, wurden von der Kirche zu allen Orten und zu allen Zeiten ausgemacht – und vernichtet. Der Teufel auch nur konnte dahinter stecken, dass die totgemachte, totgesagte Gnosis wie ein deus ex machina – wie ein Springteufel – aus der Kiste sprang, direkt ins Hohe Mittelalter.

Irgendwie war die dualistische Religion der Gnosis über die Zeit bis ins Hochmittelalter tradiert worden. Ihr letzter Ableger war das Katharertum, das in Europa eine gewisse Verbreitung gefunden hatte, besonders in Südfrankreich. Die Welt, so wie sie ist, galt den Katharern als Schöpfung des Satans und war folglich schlecht und verdorben. Die katharische Theologie war daher sehr stark auf die Abwehr des Satans ausgerichtet. Satan war nach ihrem Glauben zu Beginn der Zeit in die vollkommene Welt Gottes eingebrochen und hatte die Seelen von Engeln geraubt, um sie in Menschenleiber einzuhauchen. Die Menschen hatte Satan aus Lehm geformt, nach seinem Ebenbilde. Dem ersten Mann hatte der Satan auch eine Frau aus Lehm erschaffen, die er gleichfalls mit einer Engelsseele belebte. Hier wird die biblische Erzählung von der Erschaffung Adams und Evas durch Gott – scheinbar – auf den Kopf gestellt.

Mehr noch als durch die katharische Theologie sah sich die Kirche von der Ausbreitung und dem Ansehen der sich selbskasteienden Katharer bedroht. Sie wurden mit einer Verleumdungskampagne bekämpft, sie stünden mit dem Teufel im Bunde, was die Katharer mit gleicher Münze zurückzahlten. Entdeckte und gefangene Katharer wurden gefoltert, zu selbstbelastenden Geständnissen gezwungen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Katharer, die im Adel und im Volk Südfrankreichs (hier auch Albigenser genannt) großen Rückhalt hatten, setzten sich erbittert zur Wehr. Die Kirche rief schließlich zu einem Kreuzzug auf, in dem die Katharer, und nicht nur sie, rücksichtslos niedergemacht wurden. Die Kämpfe dauerten Jahrzehnte. Am Ende hatte der Papst Katharer und Katharertum mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

Wo die Katharer ihren Ursprung hatten, liegt im Dunklen. Der Vorwurf, sie seien Nachfolger des Gnostikers Mani10, wiesen die Katharer zurück. Gewisse Spekulationen führen sie auf die Bogomilen zurück, eine Absplitterung der byzantinischen Ostkirche. Diese sollen donauaufwärts bis nach Mitteleuropa und weiter nach Südfrankreich gezogen sein. Andere lassen die Katharer per Schiff auf den Reiserouten der Kreuzfahrer nach Europa gelangen. Wie auch immer, die Gnosis hatte zu allen Zeiten eine große Anziehungskraft besessen. Die rattenhafte Wut der mittelalterlichen Kirche gegen die Gnosis im Allgemeinen und gegen die Katharer im Besonderen ist verständlich. Die Gnosis war schon immer ein gefährlicher Konkurrent des Christentums gewesen. Im Römischen Reich war sie von der siegreichen Kirche niedergetreten worden – und dann flammte das Feuer der Gnosis wieder auf, ein Funke hatte genügt. Das asketische Leben der Katharer war eine Bedrohung für die in Reichtum und dekadenten Luxus schwelgenden Prälaten, und für die mit Macht gesegnete Amtskirche, die alle Ideale des Urchristentums verraten hatte. Die Autorität der Universalkirche war bedroht. Aber das war nur die eine Seite der Medaille, die andere Seite sah nicht besser aus. Das Katharertum war aus Sicht der Kirche eine schwere Häresie, ein Abfall vom rechten Glauben, eine Tod-Sünde. Das musste gebüßt werden, und die Buße wurde von Gottes Stellvertreter noch auf Erden vollzogen – pardon – ließ vollziehen, denn „die Kirche säuft kein Blut“, sie lässt saufen.

Die Katharer schlugen mit ihrem Glauben nicht nur der Kirche ins Gesicht, sie vergingen sich am Gott der Christen selbst. Der Gott der Bibel, den die Christen anbeten, hat die Welt erschaffen und die Menschen aus Lehm geformt und eine Seele eingehaucht. Der Gott der Christen hatte sein Werk nach Vollendung betrachtet und für gut befunden. Die Katharer aber behaupteten, alles sei ein Werk des Teufels, selbst der Mensch. Das Teufelsbild der Katharer war geradezu eine Parodie auf den Gott der Christen. Der liebende Gott der Christen war nach katharischer Logik ein maskierter Teufel! Das waren so schwere Gegensätze in den Gottesvorstellungen, dass Friede zwischen diesen verfeindeten Religionen nicht sein konnte. Das bedeutete Kampf, Krieg, Totschlag und Vernichtung durch Lüge und Verleumdung. Es ging um Leben und Tod. Der Tod war für die Katharer, der Sieg für die Katholische Kirche. Tod wo ist dein Sieg? In der heutigen, besonders der westlichen Welt hat die Gottlosigkeit dermaßen um sich gegriffen, dass die Menschen sich nicht einmal zu einer kleinen Häresie aufraffen können.

War der Glaube der Katharer, so kann man fragen, nicht eine zu große Aberration von der christlichen Gottesvorstellung? Gewiss – aber wessen Glaube die größere Aberration ist, das sei dahingestellt. Die Vorstellung von der Erschaffung der Menschen durch den Teufel ist ein Ur-Mythos. In der Gnosis ist er ins Negative gekehrt worden. Aber der Glaube der Katharer steht dem Urglauben der Menschen immerhin näher als die jüdisch-christliche Offenbarung. Von daher gesehen hat der Glaube der Katharer die älteren Rechte. Aber dieses Thema soll den folgenden Kapiteln vorbehalten sein.

Anmerkungen 2. Kapitel

1Dualismus: In der Religion der Gegensatz zweier widerstreitender Mächte, im Allgemeinen zwischen Gut und Böse.

2Gnosis: Erkenntnis, zusammenfassender Begriff für dualistische Religionen, die auch im Römischen Reich auftraten; in der Gnosis ist das Heil des Menschen von der Erkenntnis der Geheimnisse der Welt und Gottes abhängig.

3Manichäismus: Gnostische Religion; die Bezeichnung ist von dem Religionsgründer Mani abgeleitet (s. Anm. 10).

4Mithraismus: Dualistische Sonnenreligion aus Iran, war im Römischen Reich weit verbreitet.

5Simonismus: Nach dem „gnostischen Ketzer“ Simon benannt; in der Kirche Begriff des Ämterkaufs.

6Katharertum: Eine gnostische, ketzerische Sekte im Mittelalter Religion.

7 Atlas ist ein Titan aus der griechischen Mythologie, der die Himmelssäule trägt. Als Herakles die Äpfel der Hesperiden stehlen wollte, bat er Atlas, das für ihn zu tun, in der Zwischenzeit trüge er die Himmelssäule. Atlas tat so, wollte aber die Himmelsäule nicht mehr tragen. Herakles bat Atlas, die Säule nur kurz zu halten, was er auch tat, Herakles aber nahm die Äpfel und stahl sich davon.

8 Die Auseinandersetzung zwischen Petrus und Simon hat eine legendarische Fortsetzung in den fiktiven Petrusakten. Nach diesen kam es auf dem Forum Romanum in Rom zu einem Wettstreit zwischen Simon und Petrus. Simon kündigte an, bis zum Vater hinauf zu fliegen. Petrus überlegte, ob er es ihm gleichtun wolle. Stattdessen bat er Gott um Hilfe, und Simon stürzte ab. Da Petrus ebenfalls den Namen Simon hatte, ist es auch zu Verwechslungen zwischen beiden gekommen; sogar die Identität beider Simon wurde behauptet. Die Anhänger des Magiers Simon wiesen darauf, dass er in Rom als Gott gilt. Der Ursprung dieser Behauptung liegt vermutlich in der Inschrift eines Altars, der auf der Tiberinsel San Sebastiano gefunden wurde: Semoni Sanci Deo [...]. Die Inschrift bezieht sich aber nicht auf einen Simon, sondern auf den sabinischen Gott Semo Sancu.

9Apologese: Verteidigung in mündlicher oder schriftlicher Form; Apologet: hier im Sinne der Verteidigung der christlichen Lehre

10 Mani (216 n. Chr.-277 n. Chr.) war der Begründer der gnostischen Erlösungslehre des Manichäismus; er stammte aus Babylonien und war iranischer Abstammung. In seiner Lehre war der Mensch durch eine schuldhafte Vermischung von Licht und Materie entstanden, Erlösung konnte der Mensch nur durch Askese erlangen. In der Gnosis galt allgemein die Materie als das böse Element. Im Römischen Reich (Mittelmeer-Raum) hatte der Manichäismus eine gewisse Verbreitung erlangt, er erlosch im 4. Jahrhundert; im Osten war der Manichäismus erfolgreicher; im Uigurischen Reich wurde er Staatsreligion (763); in China erlosch er erst im 14. Jahrhundert. Die Legende vom Presbyter Johannes, einem Priesterkönig fern im Osten, mag manichäische Ursprünge haben.

3. KAPITEL

NAMEN UND ZEICHEN DES TEUFELS

oder

WORAN DER TEUFEL ZU ERKENNEN IST

Berühret von des Teufelshauch

Ist so manch atavistischer Brauch

Der Gezeichnete gibt sich zu erkennen 26 · Namenkryptik 27 · Gottheiten im Zeichen N 28 · Gottheiten im Zeichen T 31 · Gottheiten im Zeichen TN 32 · Gottheiten im Zeichen TP 32 · Der Teufel 33 · Tybelin und Diabolos 35 · Baal – der Glänzende 38 · Gottheiten im Zeichen PT 40 · Gottheiten im Zeichen TG 41 · Gottheit im Zeichen GT 42 · Gottheiten im Zeichen LK 43 · Die Namen der weisen Götter 44 · Die Zahl 42 45 · Die Zahlen 5 und 8 51 · Das Pentagramm 52 · Die Zahl 9 55 · Die Zahl 666 55 · Das Teufels-Einmaleins 57 · Der Hahn 58 · Der Hase und der Igel 59 · Stier, Bock und Esel 59 · Im Zeichen der Fische 60 · Die Katze 60 · Im Zeichen der Bohne 61 · Anmerkungen 63

Der Gezeichnete gibt sich zu erkennen

Sprache und Mythologie sind eng miteinander verwandt. Das war bereits den Weisen des alten Griechenlands bekannt. Sokrates, der Erzvater der Zweifler und Grübler, wollte die Bedeutung der Götternamen ergründen. Die Gestirne, so meinte er, seien anfangs alleine als Götter angesehen worden. Da man deren ewiger Umlauf feststellte, sei der Name Gott, griechisch (theos), aus (theô, laufen) entstanden. Mit ähnlicher Methode versuchte Sokrates auch die Namen der Dämonen und Heroen zu deuten. Doch gab Sokrates seinen Versuch bald auf: Nichts wisse man über die Götter, weder wie sie beschaffen seien, noch wie sie sich nennen, nur wie die unwissenden Menschen sie nennen, das wüssten wir. Eine resignierende Erkenntnis dieses griechischen Weisens. Doch wollen wir uns von dem zaghaften Versuch des Sokrates‘ nicht entmutigen lassen und dem Teufel, besser gesagt seinen Namen, tapfer zu Leibe rücken.

Die Namen, Zeichen und Merkmale, woran der Teufel zu erkennen ist, sind gewiss vielfältig. Doch welche kann man ihm sicher zuerkennen? Christen erkennen den Teufel am Schwefelgestank, aber das hilft hier nicht weiter. Wir greifen stattdessen auf Götter zurück, die mit den geläufigen Teufelsvorstellungen verwandte Züge haben; auf Teufelsgestalten wie Licht-, Sonnen-, Unterwelt- und Weisheitsgötter, und auf deren Zeichen und Symbole, wie Sonne, Sterne, gewisse Tiere, Attribute wie Hörner, Klumpfuß, Früchte und Pflanzen sowie auf geometrische Figuren und auf Zahlen. Natürlich ist im Einzelnen zu zeigen, dass eine Beziehung zum Teufel tatsächlich besteht, aber das ist eine recht einfache Übung und ergibt sich zwanglos aus dem Zusammenhang.

Wie sich zeigen wird, war die Vermutung des Sokrates’ nicht unbegründet, aber nur was eine mögliche Systematik, abgeleitet von der Sprache, angeht. Der konkrete Ansatz des Sokrates’ wird hier nicht weiter verfolgt, wir gehen einen anderen Weg. Mit den Mitteln der Sprachanalyse und der vergleichenden Mythologie lässt sich ein ganzer Pfuhl von Teufeln füllen.

Namenkryptik

In der vorliegenden Darstellung wird ab und an auf das Hilfsmittel der Etymologie zurückgegriffen. Der Verfasser ist beileibe kein Etymologe. Das hat Vorteile, er ist an keine Doktrinen und Dogmen gebunden, und er braucht Kollegenschelte, akademische Bannflüche und Verdammungen ex cathedra nicht zu fürchten. Dafür wird er von den Herren des Fachs ignoriert und bestenfalls von der zweiten oder dritten Garnitur beschimpft.

Ich bin Anhänger der Theorie von der Ursprache. Damit dürfte ich offene Türen einrennen – inzwischen. Die Theorie der Ursprache war lange nicht nur umstritten, sondern wurde rundweg abgestritten und heftigst bekämpft – von Koryphäen der Sprachforschung. Arnold Wadler war einer der Pioniere der Erforschung von der Ursprache. In seinem Werk „Der Turm von Babel“ kann man nachlesen, auf welche Art und Weise die Theorie der Ursprache bekämpft wurde. Wadlers Theorie beruht auf dem Vergleich von ähnlichen Worten gleicher Bedeutung aus verschiedenen Sprachen, woraus er Worte der Ursprache extrahierte. In den letzten Jahren hat sich die Einstellung zur Theorie der Ursprache geändert. An eine Rehabilitation von Arnold Wadler und Konsorten ist nicht zu denken. Ketzer werden nicht rehabilitiert, und wenn doch, dann nur unter gehörigen Tritten. Ein späterer Forscher, Richard Fester, versucht die Ursprache von einigen wenigen sprachlichen Archetypen abzuleiten, zum Beispiel von dem Archetypus BAL. Das ist ein vielversprechender Ansatz, in der Ausführung sind die Darlegungen Festers, wenn auch nicht verfehlt, nicht so tiefgreifend wie die Arbeit Wadlers.

Ich zähle mich in dieser Angelegenheit zu den Minimalisten. Die Urworte wurden meiner Meinung nach aus Ur-Konsonanten (K, N, P, T, R~L)1 und deren Kombinationen gebildet. Für die Sinnbildung der Worte sind die Konsonanten von Bedeutung, während die Vokale für die zahlreichen Abwandlungen und für die Musikalität der Worte wichtig sind. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Der Konsonant »T« hat die Bedeutung von hoch, spitz, wie z. B. in Tüte; in der Erweiterung mit »n« ergeben sich ähnliche Bedeutungen: Zaun, Zahn oder town (=Zaun, Z~T). Die Höchsten aber sind die Götter, die deshalb mit »T« bezeichnet werden: THEO.

Ein Zwischenruf: