Der fliegende Holländer - Frederick Marryat - E-Book

Der fliegende Holländer E-Book

Frederick Marryat

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Beschreibung

Kapitän William Vanderdecken, für seine Zornesausbrüche weithin gefürchtet, scheitert bei seinem Versuch, das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln. Er stößt einen gotteslästerlichen Fluch aus – für den er büßen muss: Bis zum Jüngsten Tag soll er auf einem Geisterschiff die sieben Weltmeere durchkreuzen. Seine Frau beauftragt auf dem Totenbett ihren Sohn, den Vater vom grausamen Bann zu erlösen. Spannung pur über viele Seiten hin ist bei diesem Roman angesagt. Marryats klassisch gewordener Roman wurde zur Inspiration für zahlreiche Werke, von Richard Wagners Der fliegende Holländer bis hin zum Hollywoodfilm Fluch der Karibik.

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Seitenzahl: 700

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Frederick Marryat

Der fliegende Holländer

Ein illustrierter Schauerroman

Der fliegende Holländer

Frederick Marryat

Ein illustrierter Schauerroman

Impressum

Texte: © Copyright by Frederick Marryat

Umschlag:© Copyright by Walter Brendel

Übersetzer: © Copyright by Carl Kolb

Verlag:Das historische Buch, 2021

Mail: [email protected]

Druck:epubli - ein Service der neopubli GmbH,

Berlin

Inhalt

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechszehntes Kapitel

Siebenzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Neununddreißigstes Kapitel

Vierzigstes Kapitel

Einundvierzigstes Kapitel

Zweiundvierzigstes Kapitel

Erstes Kapitel

Am rechten Ufer der Schelde und fast der Insel Walcheren gegenüber liegt die kleine, befestigte Stadt Terneuse, an deren äußerstem Rande um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, neben ein paar anderen, noch bescheideneren Wohnungen, ein nettes, nach dem vorherrschenden Geschmacke der Zeit erbautes Häuschen stand. Die Vorderseite desselben war vor einigen Jahren tief orangegelb angestrichen worden, während die Fensterrahmen und Läden eine lebhaft grüne Farbe zeigten. Etwa drei Fuß über der Erdfläche war es abwechselnd mit blauen und weißen Ziegeln bekleidet. Die Hütte umgab ein zwei Ruthen großer Garten, der von niedrigen Hartriegelhecke und einem ziemlich breiten Wassergraben umfasst wurde, über welchen man nicht so leicht hinüberspringen konnte. Zu dem Eingange der Wohnung führte eine schmale, kleine Brücke, die zur Sicherheit Derjenigen, welche darüber gingen, mit einem eisernen Geländer geziert war. Die Farben der Hütte waren jedoch, so hell sie auch ursprünglich sein mochten, verblichen; an den Fenstersimsen, den Türpfosten und andern hölzernen Teilen des Häuschens ließen sich Merkmale eines schnellen Verkommens unterscheiden, und viele der heruntergefallenen Ziegel waren nicht wieder ersetzt worden. Es war klar, dass man in früherer Zeit viel Sorgfalt auf die kleine Wohnung verwendet hatte, obschon sie in der letzten Zeit sehr vernachlässigt wurde. Im Innern war das Erdgeschoß sowohl, als der erste Stock in zwei größere Vorderzimmer und in zwei kleinere Hintergemächer abgeteilt – die vorderen natürlich nur in Vergleichung mit den beiden anderen groß zu nennen, da jedes nur ein einziges Fenster besaß und wenig mehr als zwölf Fuß in's Gevierte maß. Der obere Boden wurde, wie gewöhnlich, zum Schlafen benützt, während die zwei kleineren Gemächer des Erdgeschosses als Waschküche und Rumpelkammer dienten. Eines der größeren funktionierte in der Eigenschaft einer Küche, und war mit Tischen und Simsen versehen, auf welchen die metallenen Kochgeräte so schön wie Silber blinkten. Der Raum selbst war höchst reinlich gehalten, aber nur spärlich möbliert. Die Dielen des Bodens erschienen so weiß, dass man Alles hätte darauf niederlegen können, ohne befürchten zu müssen, es zu besudeln. Ein starker Tannentisch, zwei hölzerne Stühle und ein kleines Kanapee, das aus einem der oberen Schlafgemächer heruntergeholt worden, waren das ganze Ameublement. Das andere Vordergemach hatte man zum Besuchszimmer ausgestattet; über die Art der Einrichtung wusste aber Niemand Auskunft zu geben, da es seit fast siebenzehn Jahren hermetisch verschlossen gewesen, und nicht einmal von den Einwohnern der Hütte besucht worden war.

In der vorgenannten Küche befanden sich zwei Personen. Die eine war eine Frau von etwa Vierzig, aber durch Gram und Leiden ganz abgezehrt. Wie man aus ihren regelmäßigen Umrissen, aus der edlen Stirne und dem großen, dunkeln Auge entnehmen konnte, musste sie früher sehr schön gewesen sein; jetzt aber war ihr Gesicht so schmächtig, dass das Fleisch beinahe durchsichtig erschien. Wenn sie sinnend dasaß, überzog sich ihre Stirne mit tiefen Runzeln, und bei dem gelegentlichen Aufblitzen ihrer Augen konnte man sich des Gedankens, dass hier ein irrer Geist brüte, nicht erwehren, Es schien eine tiefe, nicht entfernbare, hoffnungslose Leidensursache vorhanden zu sein, die keinen Augenblick aus ihrem Gedächtnisse wich – ein bleibender Druck, fest in's Innere gegraben, der blos im Tode Erleichterung fand. Sie trug die Witwentracht ihrer Zeit, die zwar nett und reinlich, aber doch vom langen Gebrauche sehr verschossen war, und saß auf dem kleinen Kanapee, das augenscheinlich um ihres leidenden Zustandes willen heruntergebracht worden war. Auf dem Tannentische in der Mitte des Gemachs saß die andere Person, ein kräftiger, blondhaariger, blühender Jüngling von neunzehn oder zwanzig Jahren. Seine Züge waren schön und keck, sein Körperbau fast zum Übermaße muskulös und sein Auge voll mutiger Entschlossenheit.

Während er so dasaß, sorglos seine Beine schlenkernd und laut ein Liedchen vor sich hin pfeifend, konnte man sich unmöglich des Gedankens erwehren, dass er ein kühner, wagehalsiger Mensch sei. »Geh' nicht zur See, Philipp. Oh, versprich mir dies, mein liebes, teures Kind,« sagte die Frau, ihre Hände zusammenschlagend. »Und warum soll ich nicht zur See gehen, Mutter?« versetzte Philipp. »Was nützt mich's, wenn ich hier bleibe und verhungere? – denn beim Himmel, wir haben wenig Besseres in Aussicht. Ich muss für mich und für Euch etwas tun – und mit was sonst könnte ich mich abgeben? Der Onkel van Brennen hat mir angeboten, er wolle mich mitnehmen und mir guten Lohn zahlen. An Bord ist dann für mich gesorgt, und mein Verdienst wird wohl zureichen, auch Euch zu Hause zu ernähren.« »Philipp – Philipp, höre mich. Ich sterbe, wenn du mich verlässt. Wen habe ich auch in der Welt, außer dir? Oh, mein Kind – wenn du mich liebst – und ich weiß, du liebst mich, Philipp – so verlass mich nicht; oder wenn du ja fort musst, so geh' in keinem Falle auf die See.« Philipp pfiff eine Weile fort, während seine Mutter in Tränen ausbrach. »Dringt Ihr deshalb so in mich,« sagte der Sohn endlich, »weil mein Vater auf dem Meere ertrank?« »Oh, nein – nein!« rief die schluchzende Frau. »Wollte Gott –« »Was sollte Gott wollen, Mutter?« »Nichts – nichts, sei barmherzig – sei barmherzig! Oh Gott!« entgegnete die Mutter, von ihrem Sitze heruntergleitend, und an der Seite des Kanapees niederkniend – eine Haltung, welche sie einige Zeit in brünstigem Gebete beibehielt. Endlich nahm sie ihren Platz wieder ein, und ihr Antlitz zeigte einen gefassteren Ausdruck.

Philipp, der inzwischen still und gedankenvoll geblieben war, redete seine Mutter an. »Ja, seht Mutter – Ihr verlangt, ich solle bei Euch am Lande bleiben und hungern; das ist eine etwas harte Aufgabe. Doch hört, was ich Euch sagen will. Seit ich mich erinnern kann, ist das Zimmer nebenan immer verschlossen – warum dies geschieht, wollt Ihr mir nie mittheilen; aber ich habe Euch einmal sagen hören, als wir ohne Brod waren und nicht auf die baldige Rückkehr des Onkels rechnen durften – Ihr wart damals etwas verwirrt, Mutter, und Ihr wisst, dass dies öfters bei Euch vorkommt –« »Nun, Philipp, was hörtest du mich sagen?« fragte die Mutter in bebender Angst. »Ihr sagtet, Mutter, dass in jenem Zimmer Geld sei, das uns helfen könnte, und dann schrie't Ihr und rastet und sagtet, dass Ihr lieber sterben wolltet, als es angreifen. Nun, Mutter, was ist in jenem Gemach, und warum haltet Ihr es so lange verschlossen? Entweder gebt Ihr mir Auskunft oder ich gehe zur See.«

Bei dem Beginne dieser Anrede schien die Frau ganz versteinert zu sein, denn sie war so regungslos wie eine Statue; allmählich aber trennten sich ihre Lippen und ihre Augen funkelten. Sie schien das Vermögen, zu antworten, verloren zu haben, und drückte ihre Hände in die rechte Seite, als wolle sie sich Erleichterung gegen eine quä-lende Folter verschaffen, bis sie endlich, mit dem Kopfe voran, niedersank. Aus ihrem Munde strömte Blut. Philipp stand von dem Tische auf, um ihr Beistand zu leisten, und legte sich noch zu gelegener Zeit in's Mittel, dass sie nicht zu Boden stürzte. Er brachte sie auf das Kanapee und sah mit stummer Angst dem fortwährenden Blutergusse zu. »Oh! Mutter – Mutter, was ist das?« rief er endlich verzweifelt. Eine Zeitlang vermochte die Frau nicht zu antworten. Sie legte sich mehr auf die Seite, um durch die Entleerung des geborstenen Blutgefäßes nicht erstickt zu werden, und die schneeigen Planken des Bodens waren bald purpurrot gefleckt.

»So redet doch, teuerste Mutter, wenn Ihr könnt,« versetzte Philipp in Todesangst; »was soll ich tun? Was kann ich Euch geben? Allmächtiger Gott! Was ist das?« »Der Tod, mein Kind, der Tod!« versetzte endlich die arme Frau, und versank dann in einen Zustand von Besinnungslosigkeit. Philipp eilte in seinem Schrecken aus der Hütte und rief die Nachbarinnen zum Beistande seiner Mutter herbei. Einige kamen herzu, und sobald sie Philipp um seine Mutter beschäftigt sah, jagte er aus Leibeskräften nach dem Hause eines Arztes, der eine Meile entfernt wohnte – eines Mynheer Poots, der eben so gut wegen seiner Geschicklichkeit, als wegen seines erbärmlichen Geizes bekannt war. Philipp fand Poots zu Hause, und bat ihn, augenblicklich mitzukommen. »Ich will kommen – ja, ganz gewiss,« versetzte Poots, der das Holländische nur unvollkommen sprach; »aber Mynheer Vanderdecken, wer wird mich bezahlen?« »Wer Euch bezahlen wird? Nun, mein Onkel, sobald er nach Hause kommt.« »Euer Onkel, der Schiffer Van Brennen? Nein, der schuldet mir selbst schon seit langer Zeit vier Gulden. Außerdem kann sein Schiff sinken.« »Er wird Euch Eure vier Gulden und auch diesen Besuch bezahlen,« versetzte Philipp in Wut. »Kommt augenblicklich – während Ihr hier disputiert, ist meine Mutter vielleicht tot.« »Nein, Herr Philipp, ich erinnere mich jetzt, dass es nicht angeht. Ich habe das Kind des Bürgermeisters von Terneuse zu besuchen,« versetzte Mynheer Poots. »Lasst Euch was sagen, Mynheer Poots,« rief Philipp mit zornglühendem Gesichte; »Ihr habt die Wahl – wollt Ihr gutwillig mit mir gehen, oder muss ich Euch hinbringen? Ich lasse nicht mit mir spielen.« Mynheer Poots geriet jetzt in beträchtliche Unruhe, denn Philipp Vanderdeckens Charakter war bekannt. »Ich will gelegentlich kommen, Mynheer Philipp, wenn ich kann.«

»Ihr geht jetzt, Ihr verwünschter, alter Geizhals!« rief Philipp, indem er den kleinen Mann am Kragen packte und zur Tür hinauszerrte. »Mordio! Mordio!« rief Poots, der den Gebrauch seiner Beine ganz verloren hatte, während ihn der ungestüme, junge Mann weiter schleppte. Philipp machte Halt, denn er bemerkte, dass Poots ganz schwarz im Gesichte war. »Muss ich Euch erdrosseln, oder wollt Ihr ruhig mitgehen? – Denn mit müsst Ihr – hört Ihr? – lebendig oder tot!« »Wohlan denn,« versetzte Poots, sich sammelnd, »ich will gehen; aber Ihr sollt mir heute Nacht noch in's Gefängnis wandern. Und was Eure Mutter betrifft – ich will nicht – nein, ich will nicht – verlasst Euch darauf, Mynheer Philipp.« »Merkt auf meine Worte, Mynheer Poots,« erwiderte Philipp. »So wahr ein Gott im Himmel ist – wenn Ihr nicht mitkommt, erdrossle ich Euch auf der Stelle, Und wenn Ihr in unsrem Hause anlangt und nicht Euer Bestes tut, um meine arme Mutter zu retten, so ist's auch dort um Euer Leben geschehen. Ihr wisst, dass ich stets Wort halte; lasst Euch daher raten und kommt ruhig mit. Ihr sollt gewiss bezahlt werden – und noch obendrein gut bezahlt – sogar, wenn ich den Rock vom Leibe verkaufen müsste.« Diese letztere Bemerkung tat vielleicht bessere Wirkung, als sogar die Drohungen. Poots war ein erbärmliches, kleines Wichtlein, und in der gewaltigen Faust des jungen Mannes wie ein Kind. Seine Wohnung stand einsam, und er konnte erst etwa hundert Schritte von Vanderdeckens Hütte Beistand erhalten. Mynheer Poots beschloss daher, zu gehen, einmal weil ihm Philipp Bezahlung versprochen hatte, und dann, weil er musste. Sobald dieser Punkt bereinigt war, eilten Philipp und Mynheer Poots der Hütte zu. Dort angelangt, fanden sie die Kranke noch immer in den Armen zweier Nachbarinnen, welche ihr die Schläfen mit Weinessig rieben. Sie war wieder zu sich gekommen, konnte aber nicht sprechen. Poots ließ sie nach ihrem Schlafgemach hinauf und zu Bette bringen, reichte ihr einen säuerlichen Trank und begab sich mit Philipp fort, um die nötigen Arzneien zu besorgen.

»Ihr müsst dies Eurer Mutter sogleich geben, Mynheer Philipp,« sagte Poots, indem er seinem Begleiter ein Fläschchen reichte. »Ich will jetzt zu dem Kind des Bürgermeisters gehen und nachher wie-der in Eure Hütte kommen.« »Aber täuscht mich nicht,« versetzte Philipp mit einem drohenden Blicke. »Nein, nein, Mynheer Philipp. Eurem Onkel Van Brennen möchte ich nicht trauen, aber Ihr habt mir versprochen, mich zu bezahlen, und ich weiß, dass Ihr stets Euer Wort haltet. In einer Stunde bin ich wieder bei Eurer Mutter – aber jetzt sputet Euch,« Philipp eilte nach Hause. Nach Anwendung des Trankes hörte die Blutung völlig auf, und eine halbe Stunde später konnte seine Mutter flüsternd ihre Wünsche ausdrücken. Als der Doktor anlangte, untersuchte er sorgfältig die Kranke und ging dann mit ihrem Sohne in die Küche hinunter. »Mynheer Philipp,« begann Poots; »bei Allah, ich habe mein Bestes getan, muss Euch aber sagen, dass ich nur wenig Hoffnung habe, Eure Mutter wieder aufstehen zu sehen. Sie kann vielleicht noch einen Tag oder zwei leben, aber weiter nicht. 'S ist nicht meine Schuld, Mynheer Philipp,« fügte Poots in entschuldigendem Tone bei. »Nein, nein, es ist der Wille des Himmels,« versetzte Philipp in wehmütigem Tone. »Und Ihr wollt mich bezahlen, Mynheer Vanderdecken?« fuhr der Doktor nach einer kurzen Pause fort. »Ja,« entgegnete Philipp mit einer Donnerstimme, jetzt aus einer Träumerei erwachend. Mach einer kurzen Pause nahm der Doktor wieder auf. »Soll ich morgen wieder kommen, Mynheer Philipp? Ihr wisst, das macht abermals einen Gulden. Es führt übrigens zu Nichts, sein Geld oder seine Zeit wegzuwerfen.« »Kommt morgen – kommt alle Stunden – und rechnet mir, an, was ihr wollt. Ihr sollt zuverlässig bezahlt werden,« versetzte Philipp, verächtlich seine Lippe aufwerfend.

»Gut: wie Ihr wollt. Sobald sie tot ist, gehören Hütte und Möbelwerk Euch; Ihr werdet das Letztere natürlich verkaufen. Ja, ich will kommen. Ihr werdet Geld in Fülle haben. Mynheer Philipp, ich würde das erste Angebot auf das Häuschen tun, wenn es zu ver-mieten ist.« Philipp erhob seinen Arm, als wolle er Herrn Poots niederschmettern, der sich sofort in eine Ecke zurückzog. »Ich meine, erst wenn Eure Mutter begraben ist,« sagte Poots in einschmeichelndem Tone. »Geht! Elender Wicht, geht!« sagte Philipp, sein Gesicht mit den Händen bedeckend, während er auf das blutbefleckte Kanapee niedersank. Nach einer Weile kehrte Philipp Vanderdecken an das Bett seiner Mutter zurück, die er viel besser fand. Die Nachbarinnen, welche durch ihre eigenen Haushaltungsgeschäfte abgerufen worden, hatten sie allein gelassen. Von dem Blutverlust erschöpft, schlummerte die arme Frau viele Stunden, ohne die Hand ihres Sohnes loszulassen, der in wehmütigen Gedanken auf ihre Atemzüge lauschte. Gegen Morgen um ein Uhr erwachte die Witwe. Sie hatte so ziemlich den Gebrauch ihrer Stimme wieder gewonnen und redete Philipp folgendermaßen an: »Mein lieber, mein wilder Knabe, und ich habe dich so lange als einen Gefangenen hier behalten.« »Meine eigene Neigung hielt mich zurück, Mutter. Ich will Euch nicht anderen überlassen, bis Ihr wieder auf und wohl seid.« »Das wird nie geschehen, Philipp. Ich fühle, dass der Tod seine Ansprüche an mich geltend macht, und würde auch mit Freuden diese Welt verlassen, wäre es nicht um deinetwillen, mein Sohn! Ich trage schon längst den Tod im Herzen, Philipp – und habe lange, lange um meine Auflösung gebetet.« »Aber warum das, Mutter?« versetzte Philipp mit Derbheit. »Ich habe doch mein Bestes getan.« »Ja, mein Kind, das hast du – und möge Gott dich dafür segnen. Wie oft war ich nicht Zeuge, das du dein ungestümes Temperament zügeltest und Deinen gerechten Unwillen niederkämpftest, um die Gefühle deiner Mutter zu schonen. Erst vor einigen Tagen ließ dich nicht einmal der Hunger deiner Mutter ungehorsam werden. Und, Philipp, du musst mich für wahnsinnig gehalten haben, dass ich so lange darauf bestand, dich hier zu behalten, ohne dir einen Grund anzugeben. Ich will dir bald das Weitere sagen.«

Die Witwe drehte der Kopf auf dem Kissen und blieb einige Minuten ruhig. Nachdem sie auf's Neue ihre Kräfte gesammelt hatte, nahm sie wieder auf: »Ich glaube, ich bin zu Zeiten verwirrt gewesen – ist's nicht so, Philipp? Ach, Gott weiß, ich trage ein Geheimnis in meinem Herzen, das wohl im Stande ist, ein Weib in Wahnsinn zu hetzen. Es hat mir weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe gelassen, meine Vernunft ver-stört und jetzt endlich, dem Himmel sei Dank! Diese sterbliche Hülle zusammen gebrochen. Der Schlag ist gefallen, Philipp – ich weiß es gewiss. Du sollst jetzt Alles erfahren – und doch möchte ich lieber schweigen – es wird dir das Gehirn verkehren, wie es das meinige verkehrt hat, Philipp.« »Mutter,« versetzte Philipp angelegentlich, »ich beschwöre Euch, lasst mich dieses todbringende Geheimnis vernehmen. Mag Himmel oder Hölle dabei beteiligt sein, ich fürchte es nicht. Der Himmel kann mir nicht schaden, und dem Bösen biete ich Trotz.« »Ich kenne deine kühne, stolze Seele, Philipp – und deine Geisteskraft. Wenn Jemand im Stande ist, die Last einer so schrecklichen Kunde zu tragen, so bist du's. Mein Gehirn war leider zu schwach dafür; aber ich sehe, es ist meine Pflicht, dich davon zu unterrichten.« Die Witwe hielt für eine Weile inne, um ihre Gedanken für das, was sie zu eröffnen hatte, zu sammeln. Einige Minuten rannen Tränen über ihre eingesunkenen Wangen nieder; dann aber schien sie die erforderliche Kraft und Entschlossenheit gewonnen zu haben. »Philipp, ich will von deinem Vater mit dir sprechen. Man glaubt – er sei – auf der See ertrunken.« »Wie – und das wäre nicht so, Mutter?« versetzte Philipp mit der Miene der Überraschung.

»Oh nein!« »Aber er ist doch schon lange tot, Mutter?« »Nein – ja – und doch – nein,« sagte die Witwe, ihre Augen bedeckend. »Sie redet irre,« dachte Philipp, nahm aber wieder auf: »Wohlan denn, Mutter, wo ist er?« Die Witwe erhob sich und ein Zittern lief über ihren ganzen Körper, als sie entgegnete: »Er erleidet im Leben das Gericht.« Die arme Frau sank dann wieder auf das Kissen zurück und barg ihren Kopf unter den Betttüchern, als suche sie Schutz gegen den Stachel ihrer eigenen Erinnerungen. Philipp war so verwirrt und erstaunt, dass er nicht antworten konnte. Einige Minuten schwieg er; dann aber konnte er die Qual der Ungewissheit nicht länger ertragen und flüsterte leise: »Das Geheimnis, Mutter, das Geheimnis! Geschwind, lasst mich's hören.« »Ich kann dir jetzt Alles sagen,« versetzte die Mutter mit feierlicher Stimme. »Höre mich, mein Sohn. Der Charakter deines Vaters war dem deinigen nur zu ähnlich – ach, möge sein schreckliches Loos eine Lehre für dich sein, mein teures Kind! Er war kühn, wagehalsig und, wie man sagt, ein Seemann ersten Rangs. Er ist nicht von hier, sondern von Amsterdam gebürtig, wo er übrigens nicht leben mochte, weil er noch der katholischen Religion anhing. Du weißt, Philipp, dass, unserem Glaubensbekenntnis zufolge, die Holländer Ketzer sind. Es sind jetzt siebenzehn Jahre oder mehr, dass er in seinem schönen Schiffe, dem Amsterdamer, mit einer wertvollen Ladung nach Indien ausfuhr. Es war seine dritte Indienreise, Philipp, und hätte, wenn es Gottes Wille gewesen wäre, auch seine letzte sein sollen, denn er hatte auf den Ankauf jenes guten Schiffs nur einen Teil seiner Ersparnisse verwendet, und bedurfte nur noch einer einzigen Fahrt, um sich ein schönes Vermögen zu machen. Ach! Wie oft sprachen wir mit einander über das, was wir tun wollten nach seiner Rückkehr; und wie trösteten mich diese Pläne für die Zukunft über seine Abwesenheit – denn ich liebte ihn zärtlich, Philipp, da er stets gütig und freundlich gegen mich gewesen war. Oh, wie zählte ich die Stunden bis zu seiner Heimkehr! Das Weib eines Seemanns hat kein beneidenswertes Los. Wie viele Monate sitzt sie einsam und allein, in den langen Docht der Kerze schauend und auf das Heulen des Windes lauschend, der ihr schlimme Ahnungen über Schiffbruch und Witwenschaft zuflüstert. Er war bereits sechs Monate fort, Philipp, und ich sollte noch ein langes, trauriges Jahr harren, ehe er wieder zurückkehrte. Eines Abends, mein Kind, warst du fest eingeschlafen – du, der einzige Trost in meiner Verlassenheit. Ich hatte gewacht, während du schlummertest. Du lächeltest und sprachst halb den Namen der Mutter aus. Endlich küsste ich deine nichts ahnenden Lippen, kniete nieder und betete um Gottes Segen für dich, mein Kind, und auch für ihn – mir damals noch nicht träumen lassend, dass ein so schrecklicher, so fürchterlicher Fluch über ihn ergangen war.« Die Witwe haschte nach Luft und nahm dann wieder auf. Philipp konnte nicht sprechen. Seine Lippen öffneten sich und seine Augen hafteten an der Mutter, als wollte er ihre Worte verschlingen. »Ich verließ dich und ging die Treppe hinunter in das Zimmer, welches seit jener schrecklichen Nacht nicht wieder geöffnet wurde. Ich setzte mich nieder und las, denn der Wind heulte, und wenn ein Sturm weht, kann das Weib eines Seemanns selten schlafen. Mitternacht war vorüber und der Regen schoss in Strömen nieder. Eine ungewöhnliche Furcht wandelte mich an, ohne dass ich mir den Grund zu erklären vermochte. Ich stand von dem Kanapee auf, tauchte meine Finger in das Weihwasser und bekreuzte mich. Ein heftiger Windstoß brauste um das Haus und beunruhigte mich noch mehr. Ich hatte eine schmerzliche, furchtbare Ahnung. Da wurden plötzlich Fenster und Fensterläden hereingeweht. Das Licht erlosch und ich war in völliger Finsternis. Im Schrecken schrie ich laut hinaus, erholte mich aber endlich wieder und war eben im Begriff, an das Fenster zu gehen, um es wieder zu schließen – da sah ich langsam – deinen Vater – zum Fensterrahmen hereinkommen! – Ja, Philipp – es war dein Vater!« »Barmherziger Gott!« murmelte Philipp in dumpfem, fast ersticktem Flüstertone.

»Ich wusste nicht, was ich denken sollte – er war im Zimmer und trotz der dichten Finsternis stand doch seine Gestalt so klar und deutlich vor mir, wie am hellen Mittag. Die Furcht schreckte mich zurück – seine teure Gegenwart zog mich zu ihm hin. Ich blieb an der Stelle, wo ich war, vor Angst fast erstickt. Sobald er sich im Zimmer befand, schlossen sich Fenster und Läden von selbst und die Kerze entzündete sich wieder. Jetzt dachte ich, dass es eine Erscheinung sei, und sank ohnmächtig zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Kanapee, und eine eisig kalte, feuchte Hand hielt die meinige umfasst. Dies ermutigte mich wieder und ich vergaß die übernatürlichen Zeichen, welche seine Erscheinung begleiteten. Ich meinte, er sei verunglückt und wieder nach Hause zurückgekehrt. Ich öffnete meine Augen und erblickte meinen teuren Gatten, dem ich mich in die Arme warf. Seine Kleider waren vom Regen durchnässt, und es dünkte mich, als ob ich einen Eiskörper umfasst hätte – aber nichts ist im Stande, die glühende Liebe einer Frau zu zügeln, Philipp. Er nahm meine Liebkosungen hin, ohne sie jedoch zu erwidern, oder auch nur zu sprechen; dabei sah er gedankenvoll und traurig aus. »›William – William,‹« rief ich, »›rede Vanderdecken; sprich mit deiner armen Catharine‹« »›Ich will‹« versetzte er feierlich, »›denn meine Zeit ist kurz.‹« »›Nein, nein, du darfst nicht wieder auf die See gehen. Du hast zwar dein Schiff verloren, bist aber doch gerettet. Willst du nicht wieder bei mir bleiben?‹« »›Ach, nein – doch erschrick nicht, sondern höre, denn meine Zeit ist kurz. Mein Schiff ist nicht zu Grunde gegangen, Catharine, aber ich habe verloren – –!!! Antworte mir nicht, sondern höre; ich bin nicht tot, aber auch nicht am Leben. Ich schwebe zwischen dieser Welt und der Welt der Geister. Merke auf, was ich dir sage.‹« »›Neun Wochen lang versuchte ich, an dem stürmischen Kap gegen die Macht der Winde anzukämpfen, aber ohne Erfolg, und ich fluchte fürchterlich. Neun weitere Wochen führte ich meine Segel gegen die widrigen Winde und Strömungen, ohne jedoch Raum gewinnen zu können, und dann brach ich – ach, in schreckliche Gotteslästerungen aus. Dennoch blieb ich bewahrt; die Schiffsmannschaft, von den langen Anstrengungen erschöpft, verlangte, dass ich nach der Tafelbay zurückkehre, aber ich weigerte mich; ja, ich wurde sogar ein Mörder, – unabsichtlich zwar, aber doch ein Mörder. – Der Pilot stand gegen mich auf und überredete die Leute, mich zu binden. Im Übermaße meiner Wut fasste ich ihn am Kragen und schlug ihn. Er taumelte und bei einem plötzlichen Schwanken des Schiffs fiel er über Bord, um nicht wieder zum Vorschein zu kommen. Selbst dieser schreckliche Tod zügelte mich nicht, und ich schwor bei der Reliquie des heiligen Kreuzes, die jetzt um deinen Hals hängt, dass ich vorwärts dringen wolle trotz Ungewittern und wilder See, trotz Blitz und Donner, trotz Himmel oder Hölle, und wenn ich bis zum Tage des Gerichts mich abmühen müsste.« »›Mein Fluch wurde unter Donnerschlägen und in Strömen schwefeligen Feuers aufgezeichnet. Der Orkan tobte auf das Schiff los und die Segel flogen in Fetzen davon. Berge von Wogen fegten über uns hin, und in der Mitte einer tief niederhängenden Wolke, welche Alles in äußerste Finsternis; hüllte, standen mit blauen Flammen die Worte geschrieben – bis zum Tage des Gerichts.⃭« »›Höre mich nun, Catharine, denn meine Zeit ist kurz. Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch, und um dieser willen ist es mir gestattet, hierher zu kommen. Nimm diesen Brief‹. Er legte ein versiegeltes Papier auf den Tisch. ›Ließ ihn, teuerste Catharine und versuche, ob du mir beistehen kannst – ließ ihn, und dann lebe wohl, meine Zeit ist gekommen.‹« »Abermals flog das Fenster und der Fensterladen auf – das Licht erlosch aufs Neue und die Gestalt meines Gatten schien in das Dunkel hinaus zu schwimmen. Ich sprang auf und folgte ihm mit ausgebreiteten Armen. Ein Ruf des Wahnsinns rang sich aus meiner Brust, während er durch das Fenster segelte – meine starren Augen erblickten die Umrisse, wie sie, dem Blitze gleich, auf den Schwingen des wilden Sturmes dahin getragen wurden, bis sie sich in einen einzigen lichten Punkt zusammendrängten und dann verschwanden. Abermals schlossen sich die Fenster, das Licht brannte, und ich war allein!«

»Himmel habe Erbarmen! mein Gehirn! – mein Gehirn! – Philipp! – Philipp!« schrie die arme Frau; »verlass mich nicht – bitte – bitte – verlass mich nicht.« Während dieser Ausrufungen hatte sich die Witwe ungestüm von ihrem Bette aufgerichtet, bis sie zuletzt in die Arme ihres Sohnes sank. Da blieb sie einige Minuten regungslos liegen. Nach einer Weile ängstigte sich Philipp über ihre lange Ruhe; er legte sie sanft auf das Bett nieder, und während er dies tat, sank ihr Kopf zurück. Ihre Augen hatten sich verdreht – die Witwe Vanderdecken war nicht mehr.

Zweites Kapitel

Philipp Vanderdecken fühlte sich trotz seiner Seelenstärke doch fast gelähmt, als er entdeckte, dass der Geist seiner Mutter entwichen war. Eine Weile blieb er an der Seite des Bettes, keines Gedankens fähig und das Auge nur auf die Leiche geheftet. Aber allmählich fasste er sich wieder. Er stand auf, legte das Kissen zurecht, schloss der Verschiedenen die Augenlider und faltete dann seine Hände, während die Tränen über seine Wangen niederträufelten. Er drückte einen feierlichen Kuss auf die blasse, weiße Stirne der Toten und zog die Vorhänge um das Bett. »Arme Mutter!« sagte er bekümmert, als er sein Geschäft beendigt hatte; »endlich ist dir Ruhe geworden – aber deinem Sohne hast du ein bitteres Vermächtnisse hinterlassen.« Und als Philipps Gedanken zu dem, was vorgegangen war, zurückkehrten, bemächtigte sich die furchtbare Erzählung seiner Einbidungskraft und verwirrte ihm beinahe das Gehirn. Er erhob die Hände zu seinen Schläfen und drückte sie mit Macht zusammen, dabei über den Maßregeln brütend, die er einschlagen sollte. Er fühlte, dass er keine Zeit hatte, seinem Gram nachzuhängen. Seine Mutter war in Frieden – aber sein Vater – wo war dieser?

Er rief sich die Worte seiner Mutter in's Gedächtnis. ›Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch.‹ Hoffnung war also vorhanden. Sein Vater hatte ein Papier auf den Tisch gelegt – war es wohl noch zu finden? Ja, es musste so sein; seine Mutter hatte nicht den Muth besessen, es aufzunehmen. Der Brief, der mehr als siebenzehn Jahre unerbrochen da gelegen hatte, gab eine Aussicht an die Hand. Philipp Vanderdecken beschloss, das verhängnisvolle Gemach zu untersuchen, um mit einem Male das Schlimmste zu erfahren.

Sollte er es unverweilt tun, oder bis zum Morgen warten – aber, wo war der Schlüssel? Seine Augen ruhten auf einem alten, lackierten Schreine in dem Zimmer; seine Mutter hatte ihn nie in seiner Gegenwart geöffnet – er war also der einzige Ort, wo das, was er suchte, wahrscheinlicherweise verborgen sein konnte. Rasch in allen seinen Entschließungen, griff er nach der Kerze und schickte sich an, seine Untersuchung vorzunehmen. Der Schrein war nicht verschlossen; die Türen gingen leicht auf und Philipp durchspähte alle Schubladen, ohne den Gegenstand seiner Nachforschung zu finden; wieder und wieder öffnete er die Laden, aber sie waren leer. Da kam Philipp auf den Gedanken, dass vielleicht geheime Schubfächer vorhanden wären, und untersuchte das Geräte geraume Zeit ohne Erfolg. Endlich nahm er sämtliche Laden heraus, legte sie auf den Boden, erhob dann den Schrank und rüttelte ihn. Ein rasselndes Getöse in einer Ecke sagte ihm, dass der Schlüssel wahrscheinlich hier verborgen war. Er erneuerte seine Versuche, um zu entdecken, wie er ihn herauskriegen könne, aber vergeblich. Das Tageslicht strömte jetzt zum Fenster herein und Philipp hatte seine Bemühungen noch immer nicht eingestellt. Ermattet beschloss er endlich, die hintere Platte des Schreins herauszunehmen; er stieg nach der Küche hinunter, kehrte mit einem kleinen Stemmeisen und einem Hammer zurück, und lag eben auf seinen Knien, emsig damit beschäftigt, das Hinterbrett auszubrechen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Philipp fuhr zusammen. Sein Spähen und seine wild jagenden Gedanken hatten ihn dermaßen in Anspruch genommen, dass er den Schall nahender Fußtritte nicht vernahm. Er sah auf und erblickte den Pater Seysen, den Geistlichen des kleinen Sprengels, dessen Augen ernst auf ihm hafteten. Der gute Mann hatte Kunde erhalten von dem gefährlichen Zustande der Witwe Vanderdecken und war mit dem Grauen des Tages aufgebrochen, um sie zu besuchen und ihr geistigen Trost zu bringen. »Was soll das, mein Sohn?« fragte der Priester. »Fürchtest du nicht, die Ruhe deiner Mutter zu stören, und willst du mausen und stibitzen, noch ehe sie unter dem Boden liegt?« »Die Ruhe meiner Mutter fürchte ich nicht zu stören, guter Vater;« versetzte Philipp sich aufrichtend, »denn sie ist bereits unter den Seligen. Auch ist es nicht meine Absicht, etwas zu mausen, denn ich spähe nicht nach Gold, obgleich ich es mir mit Recht zueignen könnte, wenn welches vorhanden wäre. Mein Suchen gilt bloß einem Schlüssel, welcher, wie ich glaube, seit lange in diesem geheimen Schubfach verborgen liegt, das ich nicht zu öffnen verstehe.« »Deine Mutter ist nicht mehr, sagst du, mein Sohn? Und tot, ohne die heiligen Sakramente empfangen zu haben? Warum hast du nicht nach mir geschickt?« »Sie starb plötzlich, guter Pater – ganz plötzlich – erst vor ein paar Stunden in diesen meinen Armen. Für ihre Seele bin ich unbekümmert, obgleich es mir sehr leid tut, dass Ihr nicht an ihrer Seite wart.« Der Priester öffnete sachte die Vorhänge und blickte auf die Leiche hin. Dann sprengte er etwas Weihwasser auf das Bett und verharrte eine geraume Zeit in stummem Gebete. Endlich wandte er sich gegen Philipp um. »Warum sehe ich dich aber so beschäftigt, und was ist der Grund, dass du so ängstlich nach diesem Schlüssel suchst? Der Tod einer Mutter sollte doch wohl geeignet sein, kindliche Tränen und Gebete für ihre ewige Ruhe hervorzurufen, und doch sind deine Augen trocken. Du bemühst dich, einen gleichgültigen Gegenstand aufzusuchen, während die Hülle noch warm ist, aus der vor kurzem der Geist entwich. Das ist durchaus nicht schicklich, Philipp. Was ist's mit dem Schlüssel, den du suchst?« »Vater, ich habe keine Zeit zu Tränen – keine Zeit für Schmerz oder Wehklagen. Es bleibt mir viel zu tun, und ich habe mehr zu denken, als vielleicht mein Gehirn zu fassen vermag. Dass ich meine Mutter liebte, ist Euch nicht unbekannt.«

»Aber der Schlüssel, den du suchst, Philipp?« »Vater, es ist der Schlüssel zu dem Gemach, das seit Jahren verschlossen blieb – und das ich – öffnen will – selbst wenn – –« »Wenn was, mein Sohn?« »Ich wollte etwas sagen, was ich verschweigen muss. Vergebt mir, Vater: ich meinte, dass ich jenes Gemach untersuchen müsse.« »Ich habe längst auch von jener verschlossenen Stube gehört und weiß wohl, dass deine Mutter keine Auskunft darüber geben mochte, denn sie wollte sogar auf meine Fragen nie Rede stehen. Meine Pflicht veranlasste mich, in sie zu dringen, aber als ich fand, dass mein Eifer ihr Gefahr drohte, gab ich jeden weiteren Versuch auf. Auf das Herz deiner Mutter muss eine schwere Last gedrückt haben, mein Sohn, obgleich sie mir nie darüber beichten oder dieselbe vertrauen mochte. Sage mir, hat sie dir vor ihrem Tode das Geheimnis mitgeteilt?« »Ja, mein frommer Vater.« »Würde es dir nicht zum Trost gereichen, wenn du es mir anvertrautest? Ich könnte dir mit meinem Rate, mit meinem Beistande – –« »Gewiss würde das der Fall sein, Vater, denn ich könnte auf Euren Beistand bauen und weiß recht wohl, dass Euch nicht bloße Neugierde, sondern ein besserer Beweggrund leitet. Aber aus dem, was meine arme Mutter sagte, ist mir noch nicht klar, ob sie die Wahrheit sprach, oder ob ihr nur irgend ein Phantom das Gehirn verwirrt hatte. Hat es mit der Sache seine Richtigkeit, so will ich gerne die Last mit Euch teilen – wie wenig Ihr mir es auch Dank wissen werdet; vorderhand aber muss ich schweigen und mein Werk erfüllen – ich muss allein das verhasste Zimmer betreten.« »Fürchtest du dich nicht?« »Vater, ich fürchte nichts. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen – eine schreckliche zwar, aber ich bitte, fragt mich nicht weiter, denn gleich meiner Mutter, ist's mir, als ob eine Untersuchung der Wunde fast meine Vernunft über den Haufen werfen könnte.«

»Ich will nicht weiter in dich dringen. Vielleicht kommt die Zeit, in der ich dir Dienste leisten kann. Lebewohl, mein Kind; aber ich bitte dich, von dieser unziemenden Arbeit abzulassen, denn ich muss zu den Nachbarn schicken, damit sie deiner hingeschiedenen Mutter, deren Seele hoffentlich bei Gott ist, den letzten Dienst er-weisen.« Der Priester sah Philipp an und bemerkte aus der starren und betrübten Miene desselben, dass seine Gedanken anderswo waren; er entfernte sich mit Kopfschütteln. »Er hat Recht,« sagte Philipp zu sich selbst, als er wieder allein war, indem er den Schrein aufnahm und ihn wieder an seinen vorigen Platz rückte. »Ein paar Stunden mehr oder weniger können keinen Unterschied ausmachen. Ich will mich niederlegen, denn mein Kopf ist schwindelig.« Er begab sich in das anstoßende Gemach, warf sich auf sein Bette und lag nach ein paar Minuten in einem so tiefen Schlafe, als derjenige ist, der ein paar Stunden vor der Hinrichtung die Augen des Verurteilten zudrückt. Während seines Schlummers kamen die Nachbarn herbei und trafen alle Vorkehrungen für die Beerdigung der Witwe, ohne jedoch den Sohn zu wecken, weil sie es für eine heilige Pflicht hielten, den Schlaf zu schonen, dem nur ein schmerzliches Erwachen folgen konnte. Bald nach Mittag langte unter anderen auch Mynheer Poots an. Er hatte zwar bereits Kunde von dem Tode der Witwe erhalten, konnte aber über ein freies Stündchen verfügen und meinte, er könne recht wohl einen Besuch machen, da derselbe seine Rechnung um einen weitern Gulden erhöhen würde. Zuerst begab er sich nach dem Gemache, wo die Leiche lag, dann aber nach der Kammer Philipps, welchen er an der Schulter rüttelte. Philipp erwachte, richtete sich auf und sah den Doktor neben seinem Lager stehen. »Nun, Mynheer Vanderdecken,« begann der gefühllose kleine Mann, »so ist also Alles vorüber. Ich wusste wohl dass es so kommen würde; aber wohlgemerkt, Ihr schuldet mir jetzt einen weitern Gulden und Ihr habt mir versprochen, Alles redlich zu bezahlen. Mit dem Trank macht Alles zusammen vierthalb Gulden, vorausgesetzt, dass Ihr mir das Fläschchen zurückgebt.« Philipp erholte sich während dieser Anrede aus seiner Schlaftrun-kenheit, stand von seinem Bette auf und erwiderte: »Ihr sollt Eure vierthalb Gulden und die Flasche obendrein haben, Herr Poots.« »Ja, ja; ich weiß, Ihr habt die Absicht, mich zu bezahlen – wenn Ihr könnt. Aber schaut, Mynheer Philipp, es wird vielleicht einige Zeit anstehen, ehe Ihr die Hütte verkaufen könnt. Ihr werdet nicht viele Liebhaber finden. Nun, ich möchte nie gerne hart mit Leuten umgehen, die kein Geld haben, und will Euch daher sagen, was meine Ansicht ist. Eure Mutter hat da etwas um den Hals. Es besitzt für Niemand einen Wert, als – für einen guten Katholiken. Um Euch aus Eurer Not zu helfen, will ich dieses Ding nehmen, und dann mit Euch quitt sein. Ich bin dann bezahlt und die Sache hat ein Ende.« Philipp hörte ruhig zu; er wusste, was der kleine Geizhals meinte – die Reliquie am Halse seiner Mutter – dieselbe Reliquie, auf welche sein Vater den verhängnisvollen Eid geschworen hatte. Er fühlte, dass eine Million Gulden ihn nicht veranlassen konnte, sich davon zu trennen. »Verlasst das Haus,« antwortete er; »verlasst es augenblicklich. Euer Geld soll bezahlt werden.« Nun wusste Mynheer Poots für's erste, dass die Fassung der Reliquie, eine viereckige Kapsel von reinem Golde, mehr wert war, als die ihm schuldige Summe. Desgleichen war ihm nicht unbekannt, dass für das Heiligtum selbst ein großer Preis bezahlt worden war, und da in jener Zeit derartige Reliquien sehr wert gehalten wurden, so zweifelte er nicht, etwas Erkleckliches daraus zu lösen. Als er in die Leichenkammer trat, hatte der Anblick so verführerisch auf ihn gewirkt, dass er die Kapsel wegnahm und sie in seiner Rocktasche verbarg; er entgegnete daher – »Mein Anerbieten ist nicht unrecht, Mynheer Philipp, und Ihr würdet gut tun, es anzunehmen. Wozu ist auch ein solcher Tand nütze?«

»Ich sage Euch noch einmal, nein,« rief Philipp ergrimmt. »Wohlan denn, so lasst mir es wenigstens, bis ich bezahlt bin, Mynheer Vanderdecken – das ist nicht mehr wie billig. Ich mag mein Geld nicht verlieren. Wenn Ihr mir die vierthalb Gulden und die Flasche bringt, so will ich es Euch zurückgeben.« Philipps Entrüstung kannte jetzt keine Grenzen mehr. Er ergriff Mynheer Poots am Kragen und warf ihn zur Tür hinaus. »Hinweg mit Euch, augenblicklich,« rief er, »oder bei – –« Philipp hatte keine Gelegenheit, seine Verwünschung zu beendigen. Der Doktor war so erschrocken fortgeeilt, dass er die Hälfte der Treppe hinunterstürzte und hinkend sich über die Brücke hinüberhelfen musste. Er wünschte fast, die Reliquie nicht an sich genommen zu haben; aber seine plötzliche Flucht hinderte ihn, sie der Leiche wieder anzulegen, selbst wenn er gewollt hätte. Das Ergebnis dieses Gesprächs lenkte natürlich Philipps Gedanken auf die Reliquie; er begab sich in das Zimmer seiner Mutter, um sie zu holen. Wie er die Vorhänge öffnete, lag die Leiche ausgestreckt – er wollte das schwarze Band losknüpfen, aber es war nicht mehr zugegen. »Es ist fort!« rief Philipp. »Die Nachbarn werden es wohl nicht entfernt haben – nein, nimmermehr. – – Es muss jener Schurke der Poots gewesen sein. Aber ich will es wieder haben, selbst wenn er es verschluckt hätte – oder wenn ich ihm Glied für Glied vom Leibe reißen müsste.« Philipp stürzte die Treppe hinunter, eilte aus dem Hause, setzte mit einem Sprunge über den Graben und eilte ohne Rock oder Hut in der Richtung, wo des Doktors einsame Wohnung stand. Die Nachbarn sahen ihn mit der Schnelligkeit des Windes vorbeieilen, blickten ihm verwundert nach und schüttelten die Köpfe. Mynheer Poots hatte den Weg noch nicht zur Hälfte zurückgelegt, da sein Knöchel verrenkt war. Aus Furcht vor den Folgen, wenn sein Diebstahl entdeckt werden sollte, sah er hin und wieder zurück, bis er endlich zu seinem Entsetzen Philipp Vanderdecken aus der Entfernung ihm nachstürzen sah. Vor Schrecken ganz außer sich, wusste der armselige Dieb kaum, was er tun sollte. Halt zu machen und das gestohlene Eigentum wieder zurückzugeben, war sein erster Gedanke; aber die Furcht vor Vanderdeckens Ungestüm tat Einsprache, weshalb er beschloß, nach Kräften zu eilen, um sein Haus zu erreichen. Dort konnte er sich verschanzen und so das entwendete Gut bergen oder wenigstens seine Bedingungen machen, ehe er es herausgab. Mynheer Poots hatte wohl nötig, schnell zu laufen, und tat es auch nach Kräften; seine welke Gestalt huschte rasch auf den Spindelbeinen über den Boden hin. Sobald jedoch Philipp bemerkte, dass der Doktor zu entfliehen versuchte, fühlte er sich völlig überzeugt, dass dieser der Schuldige war und verdoppelte deshalb seine Anstrengungen. Hundert Schritte von seiner Tür hörte Mynheer Poots Philipps raschen Tritt immer näher kommen, und die Todesangst beschleunigte seine Eile. Näher und näher vernahm er seinen Verfolger, bis er zuletzt dessen Atemzüge unterscheiden konnte; er schrie deshalb in seiner Furcht laut auf, wie der Hase im Rachen des Windspiels. Philipp befand sich nur noch eine Elle hinter ihm: sein Arm war bereits ausgestreckt, als der Doktor, vor Schrecken völlig gelähmt, zusammensank. Vanderdecken schoss in seinem Ungestüm über ihn weg, tat einen Fehltritt und sank, während er sein Gleichgewicht zu erhalten bemüht war, rollend auf den Boden. Dies rettete den Geizhals – er war ganz das Seitenstück eines Hasen. Im Nu befand er sich wieder auf den Beinen, und noch ehe Philipp sich erheben konnte, hatte Poots bereits seine Tür erreicht und sie von innen verriegelt. Der junge Mann war jedoch entschlossen, seinen wichtigen Schatz nicht aufzugeben, und warf keuchend seine Blicke umher, um zu sehen, welche Mittel sich darböten, um einen Eingang in das Haus zu erzwingen. Da jedoch die Wohnung des Doktors abgelegen stand, war jede Vorsichtsmaßregel getroffen worden, um den Eigentümer gegen Beraubung zu sichern; die untern Fenster hatten starke Gitter und die des oberen Stockes waren zu hoch, als da sie hätten erklommen werden können. Wir müssen hier bemerken, dass Mynheer Poots, der seiner anerkannten Tüchtigkeit eine gute Praxis verdankte, doch allgemein im Rufe eines hartherzigen, gefühllosen Geizhalses stand. Niemand durfte je über seine Schwelle kommen, oder hatte überhaupt nur Lust dazu. Er war so abgeschieden von seinen Nebenmenschen, wie seine Wohnung, und ließ sich überhaupt nur in Kranken- und Leichenstuben blicken. Wie es in seinem Hauswesen aussah, wusste Niemand zu sagen. Als er sich in der Gegend niederließ, zeigte sich hin und wieder auf das Klopfen Derjenigen, welche die Dienste des Doktors verlangten, ein altes, abgelebtes Weib; aber sie war bereits seit einiger Zeit begraben, und seitdem antwortete Mynheer Poots in Person, während die zudringlichen Hilfsbedürftigen in seiner Abwesenheit gar keinen Bescheid erhielten. Daraus folgerte man, dass der alte Mann ganz allein lebe, denn er war zu filzig, um einen Dienstboten zu bezahlen. Auch Philipp war dieser Ansicht, und sobald er wieder zu Atem gekommen war, sann er auf einen Plan, durch den er sich in den Stand setzen konnte nicht nur das gestohlene Eigentum wieder an sich zu bringen, sondern auch derbe Rache zu üben. Die Tür war stark und ließ sich durch die Hilfsmittel, welche sich Vanderdeckens Augen darboten, nicht erbrechen. Einige Minuten hielt er inne, um zu überlegen, und da sich in dieser Zeit sein Zorn kühlte, beschloss er, sich mit Zurückgabe der Reliquie zu begnügen, ohne Gewalttat anzuwenden. Er rief daher mit lauter Stimme: – »Mynheer Poots, ich weiß, dass Ihr mich hören könnt. Gebt mir zurück, was Ihr mir genommen habt, und ich will Euch kein Leid zufügen. Habt Ihr übrigens keine Lust dazu, so müsst Ihr die Folgen auf Euch nehmen, denn Ihr sollt mir den Diebstahl mit Eurem Leben bezahlen, ehe ich von der Stelle weiche.« Diese Worte waren in der Tat vernehmlich genug, um von Mynheer Poots gehört zu werden; der kleine Geizhals hatte sich jedoch von seinem Schrecken wieder erholt, und da er jetzt sicher zu sein wähnte, konnte er sich nicht entschließen, die Reliquie so leichten Kauf's aufzugeben. Er antwortete deshalb nicht, in der Hoffnung, Philipps Geduld werde sich erschöpfen, und sann auf ein Abfinden, etwa auf das Opfer einiger Gulden, die für einen armen Teufel wie Philipp keine Kleinigkeit waren, um sich so die Reliquie zu sichern, die ihm einen hohen Preis einzubringen versprach. Als Vanderdecken bemerkte, dass keine Antwort folgte, brach er in heftige Schimpfreden aus und entschied sich für Maßregeln, die ihrer Natur nach keineswegs unentschieden genannt werden konnten. Nicht weit von dem Hause stand ein kleiner Schober dürren Futters und unter der Hauswand ein Haufen Brennholz. Mit derartigen Hilfsmitteln gedachte Vanderdecken das Haus in Brand zu stecken und so, wenn er auch seine Reliquie nicht erhielt, wenigstens volle Rache zu nehmen. Er brachte mehrere Arme voll Heu herbei, legte sie an die Tür des Hauses und schichtete Reißbündel und Holzscheite auf, bis von der Tür nichts mehr zu sehen war. Dann griff er zu Stein, Stahl und Zunder, die jeder Holländer stets bei sich führt und hatte bald den Stoß zur Flamme angefacht. Der Rauch stieg in dichten Wolken zu den Dachsparren empor, während das Feuer unten wütete. Auch die Tür entzündete sich und vermehrte die Wuh der Flamme. Philipp jubelte in wilder Freude über den glücklichen Erfolg seines Versuches. »Ha, du erbärmlicher Leichenberauber – du armseliger Dieb, jetzt sollst du meine Rache fühlen,« rief Philipp mit lauter Stimme. »Wenn du drinnen bleibst, wirst du von den Flammen verzehrt, und versuchst du herauszukommen, so sollst du von meinen Händen sterben, – Hört Ihr's, Mynheer Poots – hört Ihr's?« Philipp hatte seine Anrede kaum beendigt, als das Fenster des oberen Stocks, das von der brennenden Tür am weitesten entfernt war, aufgerissen wurde. »Ha – jetzt kommst du, um zu bitten und zu betteln: aber da wird nichts daraus,« rief Philipp, machte aber plötzlich Halt, da sich an dem Fenster etwas zeigte, was ihm wie eine überirdische Erscheinung vorkam, denn statt der Jammerfigur des Geizhalses erblickte er eine der lieblichsten Gestalten, welche die Natur je zu schaffen beliebt hatte, ein wahres Engelwesen von ungefähr sechszehn oder siebenzehn Jahren, das in der Mitte der Gefahr, von welcher es bedroht war, die größte Ruhe und Entschlossenheit behauptete. Das lange Haar des Mädchens war in Flechten gelegt und zweimal um den schöngebildeten Kopf geschlungen; aus ihren großen dunkeln Augen leuchtete eine sanfte Glut, und ihre hohe weiße Stirne, ihr Grübchen-Kinn, die feingeschnittenen und gewölbten rubinroten Lippen stachen allerliebst, bezaubernd gegen die kleine, gerade Nase ab. Ein lieblicheres Antlitz kann man sich nicht leicht denken; es erinnerte an das, was die besten Maler in ihren glücklicheren Au-genblicken bisweilen zu verkörpern vermögen, wenn sie eine schöne Heilige darzustellen wünschen. Dazu noch die leckende Flamme und der Rauch, der an dem Fenster vorbeiqualmte – man hätte sie in ihrer ruhigen Haltung für eine Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen nehmen mögen. »Was beginnst du, ungestümer junger Mann? Warum sollen die Bewohner dieses Hauses durch dich den Tod erleiden?« rief die Jungfrau mit Fassung. Philipp starrte die Gestalt einen Augenblick an und vermochte nicht zu antworten; dann erfasste ihn der Gedanke, dass er im Begriff sei, seiner Rache ein so liebliches Wesen zum Opfer zu bringen. In ihrer Gefahr alles Andere vergessend, ergriff er einen der großen Pfähle, die er zur Nahrung für die Flamme herbeigebracht hatte, und warf die brennende Masse nach allen Richtungen ausei-nander, bis nichts mehr zurückblieb, was das Gebäude hätte beschädigen können, als die lodernde Tür, welche gleichfalls noch keine sehr wesentliche Beeinträchtigung erlitten hatte, da sie aus einer dicken, eichenen Bohle bestand. Aber auch hier wurde die Flamme bald gelöscht, indem Philipp dem verzehrenden Element durch Erdklöse ein Ziel setzte. Während dieser tätigen Maßregeln von Seiten des jungen Mannes sah die Jungfrau schweigend zu. »Alles ist jetzt sicher, junge Dame,« sagte Philipp, »Gott verzeih' mir, dass ich ein so kostbares Leben in Gefahr setzen konnte. Ich hatte jedoch nur die Absicht, an Mynheer Poots meine Rache zu kühlen.« »Und welchen Grund kann Mynheer Poots zu einer so schrecklichen Rache gegeben haben?« versetzte das Mädchen ruhig. »Welchen Grund, junge Dame? Er kam in mein Haus und beraubte die Toten, indem er der Leiche meiner Mutter eine unschätzbare Reliquie abnahm.« »Er beraubte die Toten? – Nein, gewiss, das kann nicht sein – Ihr tut ihm Unrecht, junger Mann.« »Nein, nein. Es ist Tatsache, meine Dame – und diese Reliquie – verzeiht mir – aber diese Reliquie muss ich haben. Ihr wisst nicht, was davon abhängt.« »Geduldet Euch, junger Mann,« erwiderte die Jungfrau. »Ich werde bald wieder zurückkehren.«

Philipp wartete mehrere Minuten in Gedanken und Bewunderung verloren. Ein so schönes Wesen im Hause von Mynheer Poots! Wer mochte sie sein? Während er seine Betrachtungen über diese Frage anstellte, wurde er durch die Silberstimme aus seinen Träumen geweckt. Der Gegenstand derselben lehnte im Fenster und hielt in der Hand das schwarze Band, an welchem der so sehnlich verlangte Gegenstand befestigt war. »Hier ist Eure Reliquie, Herr,« sagte das Mädchen. »Ich bedaure recht sehr, dass mein Vater eine Tat beging, welche wohl geeignet war, Euren Zorn zu rechtfertigen. Aber hier ist Euer Eigentum,« fuhr sie fort, die Kapsel auf den Boden niederfallen lassend, »und jetzt könnt Ihr Euch entfernen.« »Euer Vater, Jungfrau? Kann dieser Mensch Euer Vater sein?« entgegnete Philipp mit einer Angelegentlichkeit, dass er sogar die Reliquie aufzunehmen vergaß, welche zu seinen Füßen lag. Sie würde sich ohne Antwort von dem Fenster zurückgezogen haben, aber Philipp fuhr fort: »Haltet, Jungfrau! Haltet einen Augenblick, bis ich Euch um Verge-bung gebeten habe für meine wilde, törichte Handlung. Ich schwöre Euch's bei dieser geheiligten Reliquie,« fügte er bei, indem er sie vom Boden aufhob und an seine Lippen führte, »dass ich nicht so gehandelt haben würde, wenn ich gewusst hätte, dass sich eine harmlose Person in diesem Hause befinde; umso mehr freut mich's aber jetzt, dass kein Schaden geschehen ist. Dennoch ist die Gefahr noch nicht vorüber, Jungfrau. Die Tür muss aufgeriegelt und die Pfosten, welche noch immer glimmen, müssen mit Wasser begossen werden, da das Haus sonst doch noch in Brand geraten könnte. Fürchtet nichts für Euren Vater, Jungfrau, denn hätte er mir auch tausendmal mehr Unrecht getan, so wäret Ihr doch im Stande, jedes Haar auf seinem Haupte zu schützen. Er kennt mich gut genug, um zu wissen, dass ich mein Wort halte. Erlaubt mir, das Unrecht, das ich verübt habe, wieder gut zu machen, und dann will ich mich entfernen.« »Nein, nein; traue ihm nicht,« sagte Mynheer Poots aus dem Inneren des Gemachs.

»Ja, ich will ihm trauen,« versetzte die Tochter. »Seine Dienste sind sehr von Nöten, denn was könnte ein armes, schwaches Mädchen, wie ich, und ein noch schwächerer Vater, in einer so beängstigenden Lage ausrichten? Öffnet die Tür, damit wir das Haus in Sicherheit bringen können.« Die Jungfrau redete sodann Philipp an: »Er wird die Tür öffnen. Ich danke Euch für den zugesagten freundlichen Dienst und baue unbedingt auf Euer Versprechen.« »Niemand kann mir nachsagen, dass ich je mein Wort gebrochen hätte,« erwiderte Philipp; »aber er muss sich beeilen, denn die Flammen brechen bereits wieder los.« Mynheer Poots öffnete nun die Tür mit zitternden Händen und flüchtete sich hastig wieder die Treppen hinauf. Die Wahrheit dessen, was Philipp gesagt hatte, war augenscheinlich. Es bedurfte vieler Eimer Wasser, bis das Feuer ganz gedämpft war; aber während des Löschgeschäftes ließen sich weder Tochter noch Vater blicken. Sobald alle Gefahr beseitigt war, schloss Philipp die Tür und blickte wieder nach dem Fenster hinauf. Das schöne Mädchen trat vor, und Philipp versicherte ihr mit einer tiefen Verbeugung, dass jetzt nichts mehr zu fürchten sei. »Ich danke Euch,« versetzte sie, – »ich danke Euch recht sehr. Ihr habt Euch anfangs zwar übereilt, aber doch zuletzt noch mit großer Umsicht benommen.« »Bemerkt Eurem Vater, Jungfrau, dass ich keinen Groll mehr gegen ihn hege und dass ich nach einigen Tagen kommen werde, um seine Forderung zu befriedigen.« Das Fenster schloss sich. Philipp sah in großer Aufregung, aber mit ganz anderen Gefühlen, als bei seiner Ankunft, eine Minute lang darnach hinauf und lenkte dann seine Schritte nach der eigenen Wohnung.

Drittes Kapitel

lebhaften Eindruck auf Philipp Vanderdecken gemacht, dessen Brust jetzt außer der früheren Last eine neue Aufregung bedrückte. Zu Hause angelangt, ging er die Treppe hinauf und warf sich auf das Bett, aus welchem ihn Mynheer Poots geweckt hatte. Anfangs rief er sich die im vorigen Kapitel geschilderten Scenen wieder in's Gedächtnis und führte seiner Einbildungskraft die Züge des holden Mädchens, ihre Augen, den Ausdruck ihres Antlitzes, ihre Silberstimme und die Worte, welche sie gesprochen hatte, vor; aber die liebliche Gestalt wurde bald durch den Gedanken verscheucht, dass die Leiche seiner Mutter im anstoßenden Gemache liege und seines Vaters Geheimniß im unteren Gemache verborgen sei.

Die Beerdigung sollte am andern Morgen stattfinden, und Philipp, der seit seinem Zusammentreffen mit der Tochter von Mynheer Poots nicht mehr so dringend verlangte, das Zimmer alsbald zu öffnen, beschloss, dieses Werk erst nach Vollziehung der Bestattung vorzunehmen. Mit diesem Entschlusse schlief er, körperlich und geistig sehr erschöpft, ein und erwachte erst am andern Morgen, als er von dem Priester geweckt wurde, um dem Leichengottesdienste anzuwohnen. Nach einer Stunde war Alles vorüber; das Leichengefolge zerstreute sich, und Philipp kehrte nach der Hütte zurück; er verriegelte die Tür, um sich gegen alle Störung zu schützen, und fühlte sich glücklich, dass er allein sein konnte.

In unserem Wesen liegt ein Gefühl, das sich stets zeigt, wenn wir uns wieder in der Behausung finden, wo der Tod geweilt hat, nachdem alle seine Spuren entfernt sind. Es ist ein Gefühl der Beruhigung und der Erleichterung, dass wir die Erinnerungszeichen der Sterblichkeit fortgeschafft haben – das stumme Zeugniß von der Flüchtigkeit unseres Treibens und unserer Entwürfe. Wir wissen, dass wir eines Tages sterben müssen, mögen aber nie daran denken. Die fortwährende Erinnerung daran würde ein zu großer Zügel für unsere Erdenwünsche sein, und obgleich man uns predigt, wir sollen stets die Zukunft im Auge haben, so finden wir doch, dass das Leben kein sonderlich heiteres sein könnte, wenn es uns nicht hin und wieder gestattet wäre, zu vergessen; denn wer würde Plane entwerfen, die der Mensch nur selten in Ausführung bringen könnte, wenn er jeden Augenblick des Tages an den Tod dächte? Wir hoffen entweder, dass wir länger leben werden, als Andere, oder vergessen wenigstens, dass das Gegenteil so leicht möglich ist.

Wäre diese Spannkraft nicht unserer Natur eingepflanzt, wie wenig hätte die Welt sogar durch die Sintflut verbessert werden können! Philipp ging in das Zimmer, wo seine Mutter noch vor einer kurzen Stunde gelegen hatte, und fühlte sich unwillkürlich erleichtert. Er nahm den Schrein wieder vor und begann abermals sein Geschäft. Das Hinterbrett war jetzt bald beseitigt und er entdeckte ein geheimes Schubfach, das er herauszog. Wie er vermutet hatte, enthielt es den Gegenstand seines Suchens – einen großen Schlüssel mit einem leichten Rostüberzuge, der sich durch die Berührung abwischte. Unter demselben lag ein Papier, dessen Schrift etwas verblichen war. Der Inhalt war von der Hand seiner Mutter geschrieben und lautete folgendermaßen: –

»Es sind nun zwei Nächte, seit ein schreckliches Ereignis stattfand, das mich veranlasste, die untere Stube zu schließen, und doch verfolgt mich der Schrecken noch immer in einem Grade, dass mir bei dem Gedanken daran der Kopf springen möchte. Sollte ich während meiner Lebzeiten nicht enthüllen, was vorgefallen ist, so wird doch dieser Schlüssel nötig sein, um nach meinem Tode das Zimmer zu öffnen. Als ich aus demselben fortstürzte, eilte ich die Treppe hinauf und blieb jene Nacht bei meinem Kinde. Am andern Morgen nahm ich allen meinen Muth zusammen, um hinunterzugehen, den Schlüssel umzudrehen und ihn nach meinem Gemache zu bringen. Jene Stube soll verschlossen bleiben, bis ich meine Augen im Tode schließe. Keine Noth, keine Entbehrung soll mich veranlassen, sie je wieder zu öffnen, obgleich in der Eisenkiste unten im Schranke, der am weitesten vom Fenster absteht, Geld genug für alle meine Bedürfnisse liegt. Jenes Geld soll dort bleiben für mein Kind, dem ich vielleicht das verhängnisvolle Geheimnis nicht mittheilen kann; es wird jedoch hieraus die Überzeugung gewinnen, dass es ein Geheimnis ist, welches besser verborgen bleibt, da es schrecklich genug war, mich zu derartigen Schritten zu veranlassen. Die Schlüssel zu der Kiste und zu den Schränken lagen, glaube ich, auf dem Tische oder in meinem Arbeitskörbchen, als ich das Zimmer verließ. Auch befindet sich auf dem Tisch ein Brief – wenigstens meine ich so. Er ist versiegelt. Niemand soll das Siegel erbrechen, als mein Sohn, und auch dieser nicht, wenn er nicht bereits von dem Geheimnisse Kunde hat. Der Priester möge ihn verbrennen – denn er ist verflucht; – und selbst wenn mein Sohn Alles wissen sollte – was mir bekannt ist – oh! So möge er inne halten und sich wohl bedenken, ehe er das Siegel öffnet, denn es wäre besser, dass er nichts Weiteres erführe!«

»Nichts Weiteres?« dachte Philipp, während seine Augen immer noch auf dem Papiere hafteten. »Ja, aber ich muss und will mehr erfahren! Verzeih' mir daher, teuerste Mutter, wenn ich keine Zeit mit Erwägungen verschwende; es wäre doch nur vergeblich, wenn man so entschlossen ist, wie ich.« Philipp presste die Unterschrift seiner Mutter an die Lippen, legte das Papier zusammen und steckte es in seine Tasche; dann ergriff er den Schlüssel und begab sich die Treppe hinunter.

Es war gegen Mittag, als Philipp sich anschickte, das Gemach zu öffnen. Die Sonne schien hell, der Himmel war klar und Alles in der Natur draußen atmete Frohsinn und Leben. Die Haustür war verschlossen, folglich nicht viel Licht in der Flur, als Philipp den Schlüssel in das Schloss steckte und ihn mit einiger Mühe umdrehte. Es wäre unrichtig, wenn ich sagen wollte, dass er nicht Unruhe fühlte, als er die Tür öffnete. Sein Herz klopfte, aber seine Entschlossenheit war kräftig genug, um das Bangen seines Innern zu überwältigen und auch weitere Bewegungen zu besiegen, die aus dem, was ihm bevorstand, entspringen mochten. Er trat nicht augenblicklich in das Gemach, sondern blieb eine Weile auf der Schwelle stehen, denn es war ihm, als dränge er in den Aufenthaltsort eines körperlichen Geistes, dessen Schattengestalt mit jedem Momente vor seinen Blicken auftauchen könnte. Nachdem er eine Minute gewartet hatte, um sich zu sammeln, da ihm das Öffnen der Tür den Atem benommen hatte, blickte er hinein.

Er konnte die Gegenstände in dem Gemach nur unvollkommen unterscheiden; durch die Ladenritzen drangen jedoch drei helle Sonnenstrahlen herein, die ihn anfangs veranlassten, wie vor etwas Übernatürlichem zurückzugeben. Nach kurzer Erwägung ermannte er sich jedoch wieder. Er verweilte eine Minute, ging dann in die Küche, zündete ein Licht an, seufzte einige Mal schwer, um sein Herz zu erleichtern, und kehrte dann entschlossener nach der verhängnisvollen Stube zurück. Auf der Schwelle stehen bleibend, musterte er zuerst beim Scheine des Lichtes das Innere. Alles war still. Den Tisch, auf welchem der Brief liegen sollte, konnte er nicht sehen, da er hinter der Tür stand. »Es muss geschehen,« dachte Philipp: »und warum dann nicht schnell?« fuhr er fort, indem er, allen seinen Muth zusammennehmend, in's Zimmer trat und auf das Fenster zuging, um die Läden zu öffnen. Dass seine Hand dabei ein wenig zitterte, wenn er sich in's Gedächtnis rief, wie übernatürlich sie sich früher aufgetan hatten, darf wohl nicht überraschen. Wir sind nur sterbliche Geschöpfe und schrecken zurück vor einem Zusammentreffen mit Allem, was einem anderen Leben angehört. Nachdem die Riegel zurückgeschoben und die Läden aufgeworfen waren, strömte ein so lebhaftes Licht in das Gemach, dass Philipps Augen geblendet wurden. Seltsamerweise erschütterte der Anblick des hellen Tages seine Entschlossenheit mehr, als das frühere Dunkel, und, die Kerze in der Hand, kehrte er hastig wieder in die Küche zurück, um seinen Muth zu sammeln. Dort weilte er einige Minuten in tiefen Gedanken, das Gesicht mit seinen Händen bedeckend.

Es ist seltsam, dass seine Träumereien zuletzt zu Mynheer Poot's schöner Tochter und ihrem ersten Erscheinen an dem Fenster zurückkehrten; es war ihm, als ob der Lichtstrom, der ihn eben erst verscheucht hatte, nicht nachdrücklicher und ergreifender sei, als jene bezaubernde Gestalt. Die Vergegenwärtigung jenes Gesichtes schien Philipps Entschlossenheit wiederherzustellen. Er erhob sich und schritt keck in das Gemach. Wir wollen nicht die Gegenstände schildern, wie sie Philipps Augen entgegentraten, sondern sie dem Leser in klarer Ordnung vorzuführen versuchen.

Die Stube hatte etwa zwölf oder vierzehn Fuß im Geviert und nur ein einziges Fenster. Der Tür gegenüber stand der Kamin und zu jeder Seite desselben ein hoher Glasschrank von dunklem Holze. Der Boden des Gemaches war nicht schmutzig, obgleich an den Decken die Spinnen allenthalben ihre Gewebe ausgebreitet hatten. In der Mitte hing eine Quecksilberkugel herunter, eine gewöhnliche Zierde in jenen Tagen; sie hatte jedoch ihren Glanz großenteils verloren, und Spinnengewebe hüllten sie wie ein Leichentuch ein. Über dem Kaminmantel hingen einige Zeichnungen in Glas und Rahmen, aber ein staubiger Mehltau befleckte das Glas, so dass sich die Gegenstände nicht gut unterscheiden ließen. In der Mitte des Kaminsimses stand ein Bild der Maria von reinem Silber in einem Tabernakel von dem gleichen Metalle, das aber eine Bronze- oder Eisenfarbe angenommen hatte; zu beiden Seiten befanden sich einige indianische Figuren. Die Glastürn der Schränke neben dem Kamin waren gleichfalls getrübt, so dass sich das Innere nicht erkennen ließ; das Licht und die Hitze, welche nur erst seit so kurzer Zeit in das Gemach strömten, hatten bereits die Dünste vieler Jahre aufgejagt und bildeten mit dem Staube auf den Glasscheiben einen matten Duft, der nur hin und wieder das Blinken silberner Gefäße unterscheiden ließ. Letztere waren durch den Verschluss der Schreine gegen Schwärzung geschützt worden, obgleich auch sie viel von ihrem Glanze verloren hatten.