Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In dem Buch "Der Fremde am Ufer" werden ausgewählte, in den Heiligen Schriften dokumentierte Geschichten aus Palästina vor zwei Jahrtausenden, zum besseren Verständnis, in lyrischer Weise nacherzählt und zur möglichen Meditation reflektiert. In den Geschichten geht es um Gerechtigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Goldene Regel, Integration Außenstehender, Sinnlosigkeit und neue Lebensperspektiven.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Fremde am Ufer
Die Fischer am See
Der Hirte und sein Schaf
Die Silbermünze ist weg
Erbstreitigkeiten
Orientalisches vom Verlorenen
Ein Skandal im angesehenen Hause
Ein wissbegieriger Gelehrter
Die Goldene Regel
Ein Nachfolger-Kandidat auf dem Prüfstand
Ein Nachwort
Anhang
Eine Gruppe enttäuschter Männer sitzt am Ufer des Sees. Keiner spricht, alle starren in das sich seicht bewegende Wasser. Hin und wieder kreischt ein Vogel auf – Stille – absolute Stille – nur das Gurgeln des sich im Sande verlierenden Wassers ist in dem periodischen Auf und Ab des Meeresstromes kaum wahrnehmbar zu hören.
Was bewegt diese Männer? Was machen sie hier am Rande des großen Binnenmeeres?
– Stille – Es ist später Nachmittag. Die sengende Sonne verliert an Kraft. Die Intensität der stechend heißen Strahlen lässt nach. Es wird erträglicher am Ufer. Ein kleiner Windzug wird bemerkbar. Ein Vogel flattert auf.
Plötzlich regt sich einer der Männer. – Nach langem Schweigen sagt er: ich geh‘ fischen. Verdutzt schauen die anderen zu ihm auf. Fischen? Ja, ich geh‘ jetzt fischen, wiederholt er mürrisch. Die von dieser Idee überrumpelten Männer blicken einander an, nicken und murmeln teilnahmslos vor sich hin: wir gehen mit.
Seitlich, etwa hundert Meter von ihnen entfernt, schaukelt im Wasser ein altes Fischerboot hin und her. Peter, der Initiator, der selbst Fischer ist, hat längst die Hosen hochgekrempelt und stapft im Wasser in Richtung des Schiffes davon; eine Schar von sieben, acht Männern folgt ihm.
Die am Ufer zu beobachtende Lethargie unter den Männern scheint auf dem Boot einer routinierten Beschäftigung zu weichen. Es geht rund an Bord. Vorbereitung für den nächtlichen Fischfang. Doch nicht alle sind so geschickt wie Peter. Jene scheinen das Fischereihandwerk nicht zu beherrschen und bedürfen wiederholter Instruktionen des Fachmannes. Doch dann ist es so weit, es geht hinaus, auf hoher See. Seemanns Heil!
Es wird eine harte, enttäuschende Nacht. Trotz bester Bedingungen, unter Einsatz seemännischer Erfahrungen, die ausgeworfenen Netze bleiben leer. Kein Fisch verfängt sich im Netzwerk linksseitig des Fischerbootes. Das ist dem erfahrenen Fischer Peter selten passiert, ohne Fang heimkehren zu müssen.
Der Horizont beginnt sich aufzuhellen, die Gemütsverfassung der Männer im Boot hingegen verfinstert sich zusehends. Diametral zum Naturschauspiel des sich langsam erhellenden Tages verändert sich ihre Laune erneut in dem Zustand des pessimistischen Daseins vor dem Aufbruch in See. Sie hatten erhofft, durch Aufnahme von Arbeit wieder Sinn in ihrem Leben erlangen zu können, wie einst. Doch das Scheitern ihrer Arbeit versetzt sie zurück in tiefer Nacht, in den Zustand der Sinnlosigkeit menschlicher Existenz. Die Männer fahren zurück in die Nacht ihres Lebens, gleichzeitig mit ihrem Boot hinein in die Morgenröte eines anbrechenden neuen, hellen Tages. Trostlos rudern sie heimwärts.
Aus der Ferne sehen die Männer im Boot, einen Mann am Rande des Sees stehen. Sie ankern und erkennen: es ist ein Fremder, ein Fremder am Ufer. Sie befestigen das Schiff und steigen aus. Die Gruppe will zu ihrem Lagerplatz gehen, doch der ihnen fremde Mann spricht sie an: Habt ihr nichts zu essen? Die von der harten Nacht müden und hungrigen sowie von ihrem Misserfolg enttäuschten Männer wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. Peter, der Fischer, stöhnt grimmig als sein Magen laut knurrt. Habt ihr nichts zu essen? Dass ich nicht lache! Aber, irgendwie instinktiv, sagen alle: Nein, nein, wir haben nichts zu essen. Die Gruppe der Männer steht wie verdattert am Ufer des Binnenmeeres diesem Fremden gegenüber und es scheint, als ob die Schar der Enttäuschten mit dem ‚Nein‘ all‘ ihren Frust von der Seele schreien wollte. Völlig ruhig und gelassen sagt der Fremde zu Ihnen: Werfet das Netz rechtseitig des Schiffes aus, dann werdet ihr erfolgreich sein.
Was für ein Besserwisser, dieser Fremde, hat doch keine Ahnung von den Künsten des Fischfanges. Zum erfolgreichen Fischfang werden traditionsgemäß die Netze linkseitig des Schiffes ausgelassen, in der Nacht und nicht am Tage. In den Köpfen der erfahrenen Fischer kreisen diese und andere Gedanken.
Die Männer sehen sich einander an und erahnen die Gedanken des jeweils anderen: diese Überzeugtheit in den Worten des Fremden, seine Autorität. Die Ausstrahlung des Fremden überwältigt sie, sie kehren um, klettern in ihr Schiff und fahren los. Entgegen ihrer Gewohnheit und Erfahrung werfen sie das Netz zur rechten Seite des Schiffes aus. - Und sie fangen!
Innerlich aufgewühlt, kehren sie zurück an Land. Im seichten Wasser der Ufernähe lässt sich das mit so vielen Fischen gefüllte Netz kaum mehr ziehen ohne Gefahr zu reißen.
Hannes, einer der Männer auf dem Schiff, der neben Peter, dem Fischer, steht, sagt zu diesem: hör mal, der Fremde am Ufer, ist unser Meister! Nee, meinst du es wirklich? Ja, bestätigt Hannes: äußerlich, von Gestalt ist er nicht so erkennbar, aber schau doch sein ganzes Verhalten an, seinen Ratschlag und der ungewöhnliche Fischfang, wie damals, seine Gesten, so typisch - es ist der Meister! Kaum hat der gefühlsbetonte, emotional handelnde Peter die Aussage verinnerlicht, springt er spontan über Bord ins Wasser und schwimmt ans Ufer, um als erster bei seinem Mentor zu sein. Unterdessen zieht die gesamte Bootsmannschaft den Beutefang unter großer Anstrengung an Land.
Der Fremde am Ufer lächelt, als er Peter wild um sich schlagend, den Wellen des Meeres trotzend, ans Ufer schwimmen sieht. Am Ufer lodert bereits ein Lagerfeuer; auf heißen Steinen liegen gebratene Fische und gebackenes Brot, das der Fremd-Vertraute zwischenzeitlich zubereitet hat. Er wendet sich der Männergruppe zu und ermuntert sie: Bringt her von den Fischen, die ihr gefangen habt!
Der vertraute Fremde beziehungsweise fremde Vertraute breitet seine Arme aus und lädt die Gruppe der irritiert-frustrierten Männer, mit aufkeimendem Hoffnungsschimmer in ihrem Gemüt, zum Essen ein - zum Essen, das er für sie zubereitet hat.
Gedanken –
Der Fremde am Ufer
Die Protagonisten dieser Geschichte sind die enttäuschten Männer, die sich an ihrer vertrauten Stelle des Sees versammeln (Es ist der See der Fischer, es ist ihr See. Hier ist ihr Arbeitsplatz.) sowie der Fremde am Ufer dieses Sees, der sich für die Gruppe der Männer als ein fremder Vertrauter offenbart.
Zum Verständnis der Geschichte ist zu fragen: Was bewegt diese Männer? Was sind die Gründe ihres Enttäuscht-Seins?
Was machen sie hier am Rande des großen Binnenmeeres?
Was veranlasst den Fremden am Ufer, die Gruppe der enttäuschten Männer zu kontaktieren?
Die Geschichte Der Fremde am Ufer ist nachempfunden einer überlieferten Erzählung aus der Zeitenwende der Menschheitsgeschichte:
Der Auferstandene am See von Tiberias
Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:
Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See.
Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot.
Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!
Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr.
Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch.
Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.
Johannes 21, 2-14 www.die-bibel.de
Die Originalgeschichte lässt erkennen, dass die Protagonisten (Gruppe enttäuschter Männer) und der Fremde am Ufer bekannt und miteinander vertraut waren: Jesus offenbart sich seinen Jüngern.1 Der Fremde am Ufer ist Jesus, die enttäuschten Männer sind die Jünger Jesu. Die eigenartige Begegnungs-Situation ist die, dass die Männer ihren Meister an seinem äußeren Erscheinungsbild (Phänotypus) nicht erkennen. Der dem Meister nahestehende Schüler erkennt seinen Lehrmeister an seinem Sprachausdruck [-duktus]: Kinder, habt ihr nichts zu essen?2, an seinen Gesten sowie an seinen erfolgreichen wie erfolgsgewohnten Handlungsanweisungen: werfet das Netz zur Rechten des Schiffs, so werdet ihr finden3.
Die Ausgangsfragen: Was bewegt diese Männer? Was sind die Gründe ihres Enttäuscht-Seins? Was machen sie am Rande des großen Binnenmeeres? Was veranlasst den Fremden am Ufer, die Gruppe der enttäuschten Männer zu kontaktieren? werden aufgelöst, sobald das Verhältnis der Protagonisten zueinander geklärt und ihr (scheinbares) Zerwürfnis aufgeklärt sind.
Jesus ist ein jüdischer Gelehrter (Rabbi)4, der mit einer Gefolgschaft (Jünger, Schüler, interessierte Nachfolger) seine Botschaft über das Reich Gottes, in Worten und Taten, verkündet. Dabei zieht er mit seinem Gefolge von Ort zu Ort.
Die enttäuschten Männer in der Geschichte sind Jünger des Wanderpredigers. Interessanterweise lernen sie ihren Meister an dieser Stelle des Sees, an der sie sich gerade aufhalten, vor einigen Jahren kennen.5
