Verlag: DUMONT Buchverlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Der Freund der Toten E-Book

Jess Kidd  

4.47826086956522 (92)

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E-Book-Beschreibung Der Freund der Toten - Jess Kidd

Ein kleines Dorf, sein dunkles Geheimnis und eine gefährliche Begegnung mit der Vergangenheit Der charmante Gelegenheitsdieb und Hippie Mahony glaubte immer, seine Mutter habe ihn aus Desinteresse 1950 in einem Waisenhaus in Dublin abgegeben. Sechsundzwanzig Jahre später erhält er einen Brief, der ein ganz anderes, ein brutales Licht auf die Geschichte seiner Mutter wirft. Mahony reist daraufhin in seinen Geburtsort, um herauszufinden, was damals wirklich geschah. Sein geradezu unheimlich vertrautes Gesicht beunruhigt die Bewohner von Anfang an. Mahony schürt Aufregung bei den Frauen, Neugierde bei den Männern und Misstrauen bei den Frommen. Bei der Aufklärung des mysteriösen Verschwindens seiner Mutter hilft ihm die alte Mrs Cauley, eine ehemalige Schauspielerin. Furchtlos, wie sie ist, macht die Alte nichts lieber, als in den Heimlichkeiten und Wunden anderer herumzustochern. Sie ist fest davon überzeugt, dass Mahonys Mutter ermordet wurde. Das ungleiche Paar heckt einen raffinierten Plan aus, um die Dorfbewohner zum Reden zu bringen. Auch wenn einige alles daran setzen, dass Mahony die Wahrheit nicht herausfindet, trifft er in dem Ort auf die eine oder andere exzentrische Person, die ihm hilft. Dass es sich dabei manchmal auch um einen Toten handelt, scheint Mahony nicht weiter zu stören … »Ein umwerfendes literarisches Debüt voll beißendem Humor« DAILY EXPRESS

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E-Book-Leseprobe Der Freund der Toten - Jess Kidd

Der charmante Gelegenheitsdieb und Hippie Mahony glaubte immer, seine Mutter habe ihn aus Desinteresse 1950 in einem Waisenhaus in Dublin abgegeben. Sechsundzwanzig Jahre später erhält er einen Brief, der ein ganz anderes, ein brutales Licht auf die Geschichte seiner Mutter wirft. Mahony reist daraufhin in seinen Geburtsort, um herauszufinden, was damals wirklich geschah. Sein geradezu unheimlich vertrautes Gesicht und seine freundliche Art beunruhigen die Bewohner von Anfang an. Mahony schürt Aufregung bei den Frauen, Neugierde bei den Männern und Misstrauen bei den Frommen. Bei der Aufklärung des Verschwindens seiner Mutter hilft ihm die alte MrsCauley, eine ausgesprochen anarchistische ehemalige Schauspielerin. Gebrechlich, furchtlos und unverblümt wie sie ist, macht die Alte nichts lieber, als in den Heimlichkeiten und Wunden anderer herumzustochern. Sie ist fest davon überzeugt, dass Mahonys Mutter ermordet wurde. Das ungleiche Paar heckt einen raffinierten Plan aus, um die Dorfbewohner zum Reden zu bringen. Auch wenn einige alles daran setzen, dass Mahony die Wahrheit nicht herausfindet, trifft er in dem Ort auf die eine oder andere Person, die ihm hilft. Dass es sich dabei manchmal auch um einen Toten handelt, scheint Mahony nicht weiter zu stören…

©Michael Farenden

Jess Kidd, 1973 in London geboren, hat ihre Kindheit teilweise in einem Dorf an der irischen Westküste verbracht. Sie hat Literatur an der St.Mary’s University in Twickenham studiert. Derzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. Die Autorin lebt mit ihrer Tochter in London.

Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide 1955 geboren, haben Anglistik in Düsseldorf studiert. Sie haben u.

Jess Kidd

DER FREUNDDER TOTEN

Roman

Aus dem Englischenvon Ulrike Wasel undKlaus Timmermann

eBook 2017

Die englische Originalausgabe erschien 2016

unter dem Titel ›Himself‹ bei Canongate, Edinburgh.

©Copyright Jess Kidd, 2016

©2017 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Ulrike Wasel, KlausTimmermann

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagillustration: ©gisela goppel c/o 2 agenten.com

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-8938-9

Für meinen Vater

Prolog

Mai 1950

Sein erster Schlag: Sie gab keinen Laut von sich, riss nur die dunklen Augen weit auf. Sie taumelte leicht, als sie sich bückte und das Baby hinlegte. Der Mann wartete.

Als sie sich aufrichtete, traf sie sein zweiter Schlag, der sie zu Boden streckte. Sie landete unglücklich, ein Bein abgewinkelt. Er fiel auf die Knie, seine Beine rechts und links von ihr, sodass sie kaum hätte sehen können, wie das Licht die Bäume grün färbte, falls sie nach oben geblickt hätte, aber sie blickte nicht nach oben. Sie wandte den Kopf, um ihr Baby auf dem Boden zu sehen, das blasse Gesicht zwischen den Falten der Decke. Der Kleine hatte einen winzigen Fuß frei gestrampelt, die Zehen aufgereiht wie Erbsen in der Schote. Weil sie ihren Sohn nicht in den Armen halten konnte, versuchte sie, ihn mit den Augen zu halten, wünschte mit aller Kraft, dass er still blieb, verschont blieb.

Sie sah nicht, wie die Hände des Mannes sich bewegten, aber sie spürte jede Erschütterung, jeden Schlag in ihrer dunklen kleinen Seele. Früher hatte sie mit tanzenden Fingern die Linien in seiner Hand gelesen. Seine Hände konnten Mauern bauen, Bäume fällen und einen Bullen zwingen, kehrtzumachen. Seine Hände konnten ihre Taille, ihren Arm, ihren Knöchel umfassen, um sanft ihre Schönheit nachzuzeichnen. Seine Finger konnten auf ihrer Wirbelsäule Melodien spielen oder ihr mit mütterlicher Zärtlichkeit eine Haarsträhne hinters Ohr streichen. Seine Finger hatten auf ihrem sich wölbenden Bauch komplizierte Liebesbotschaften geschrieben, die Streifen dort mit stiller Ehrfurcht gesalbt.

Sein nächster Schlag nahm ihr das Gehör, sodass sie nur an der Form des Mundes erkannte, dass ihr Kind schrie. Sie hörte bloß noch ein endloses Rauschen. Genau wie wenn sie im wilden Atlantik unter Wasser schwamm, einem Meer, von dessen Kälte dir das Herz stehen bleiben konnte.

Sein letzter Schlag nahm ihr die Sehkraft. Sie lag am Rande der Welt, wünschte sich endlich, es möge vorbei sein. Sie drehte das zertrümmerte Gesicht ihrem wunderschönen Jungen zu, meinte, ihn immer noch sehen zu können, sogar durch die Dunkelheit, eine matt schimmernde Rose des Waldes.

Sie konnte es nicht wissen, aber genau in dem Moment hörte ihr Baby auf zu schreien. Ohne den zärtlichen Halt ihrer Augen war ihr Sohn in eine unermessliche Leere gestürzt. Er lag so stumm da wie ein kleiner Pilz.

Der Mann hielt sie umfangen. Er sah mit stiller Andacht zu, wie jeder ihrer Atemzüge zu einem mühsamen Triumph wurde, der ihm die Brust mit hellroter Gischt besprenkelte. Er streichelte ihr Haar, strich es ihr manchmal aus der Stirn oder wickelte sich die nassen Strähnen um die Finger. Und lange Zeit wiegte er sie, klein in seinen Armen. Als sie die Welt verließ, hob sie die Hand wie ein träumendes Kind und berührte mit blind gespreizten Fingern seine Brust. Er küsste jeden einzelnen ihrer weißen Finger, sah die Mondsicheln schwarzer Erde unter ihren Nägeln.

Als sie sich nicht mehr regte, schor der Mann ihr die Haare und zog sie aus; er würde Haare und Kleidung später vergraben, an einem anderen Tag, zu einer anderen Zeit. Er konnte nicht alles hergeben, jetzt nicht, noch nicht.

Er sah auf sie herab; nackt und gesichtslos hätte sie irgendwer und niemand sein können.

Er wickelte sie in Sackleinen, drehte behutsam ihren Körper, krümmte vorsichtig ihre Gliedmaßen, zurrte sie fest.

Tiefe Stille breitete sich aus, während der Wald das finstere Werk des Mannes betrachtete. Die Bäume hörten auf zu wispern, und die Krähen flogen davon, sprachlos vor Entsetzen. Aber das Kind sah alles mit an, stumm wie ein Stein, die Augen groß und starr.

Jenseits der Lichtung, durch die Bäume hindurch, sah der Mann die Stelle, wo er sie vergraben würde: eine Insel im Fluss, die nur alle paar Jahre bei Niedrigwasser zu sehen war. Das konnte kein Zufall sein; das war ein Segen. Er hob die Tote auf und trug sie hinüber.

Er legte sie in ein tief ausgehobenes Grab in der Mitte der Insel. Sie war kaum größer als ein tot geborenes Kalb, aber er beschwerte sie dennoch, denn die Flut kam bereits.

Er badete, reinigte sich ein letztes Mal von ihr, während das Tageslicht schwand. Dann fiel ihm ein, dass er auch ihr gemeinsames Kind holen musste, sonst wäre sein Werk nicht vollendet. Er musste noch eine letzte Grube graben, seinen Sohn in eine Decke wickeln und ihn in die Erde senken. Das Erdreich würde seinen Mund füllen und seine Schreie ersticken. Er nahm wieder seinen Spaten.

Doch während der Mann sich wusch, hatte der Wald das Kind verborgen.

Große Farne hatten sich rings um den Jungen entrollt, Baumwurzeln hatten ihn umschlossen, und Efeu hatte ihn geschwind eingehüllt. Äste hatten sich tief über seinen winzigen Kopf gebeugt und einen Blättersegen über ihn geschüttelt. Maulwürfe hatten sich blind und entschlossen durch den Boden gegraben und mit ihren kräftigen Krallen um ihn herum Erde aufgehäuft.

1

April 1976

Mahony schultert seinen Rucksack, steigt aus dem Bus und steht genau in der Mitte des Dorfes Mulderrig.

Heute ist Mulderrig nur ein freundliches Fleckchen Erde, entspannt und lässig in der Sonne ausgestreckt. Scheinbar harmlos.

Könnte Mahony sich an das Dorf erinnern, was er natürlich nicht kann, würde er feststellen, dass sich seit seinem Fortgang nicht viel verändert hat. Mulderrig verändert sich nicht, weder schnell noch langsam. Sechsundzwanzig Jahre machen da keinen Unterschied.

Mulderrig ist ein Dorf wie kein anderes. Hier sind die Farben ein kleines bisschen leuchtender, und der Himmel ist ein kleines bisschen weiter. Hier sind die Bäume so alt wie die Berge, und ein klarer Fluss fließt ins Meer. Seine Einwohner bleiben von Geburt an hier, bis sie sterben. Sie wollen nicht weg. Wieso sollten sie auch, wo doch alle Straßen, die nach Mulderrig führen, bergab gehen, sodass das Fortgehen anstrengend und mühsam wäre?

Um diese Tageszeit sind die wenigen Geschäfte verrammelt und verriegelt, die Ladenschilder pendeln in einem munteren Feierabend-Rhythmus, und die Reklamen über den von der Sonne erwärmten Schaufenstern leuchten auf und verblassen. Auf der ganzen Hauptstraße, von Adairs Apotheke bis zu Farrs Bekleidungsgeschäft, von der Rechtsanwaltskanzlei Gibbons & McGrath bis zum Gemischtwarenladen mit Postschalter rührt sich nichts.

Zwei Alte sitzen an der bemalten Wasserpumpe mitten auf dem Dorfplatz. Heute ist kein Wort aus ihnen herauszubekommen: Das Wetter hat ihnen die Sprache verschlagen, denn es hat seit Tagen und Tagen und Tagen nicht geregnet. Es ist der heißeste April seit Menschengedenken. So heiß, dass den Krähen beim Fliegen die Zunge raushängt.

Der Busfahrer nickt Mahony zu. »Es ist, als würde das Dorf hundert Sommer gleichzeitig erleben, und dabei schüttet es gerade mal eine Meile von hier an der Küste wie aus Kübeln, und es pfeift ein Wind, von dem einem der Hintern abfriert. Wenn Sie mich fragen«, sagt der Fahrer, »verheißt das einen Riesenhaufen Ärger.«

Mahony sieht dem Bus hinterher, der in einer brütend heißen Sandwolke vom Dorfplatz rollt. Er fährt ohne Passagiere zurück über die schmale Steinbrücke, die einen apathischen Fluss überspannt. Bei diesem Wetter wird alles, was sich bewegt, mit einer feinen Membran aus Staub überzogen. Aber im Moment bewegt sich bloß eine Schar Kinder, die verspätet nach Hause rennen und deren helle Rufe ihnen nachhallen. Die Mammys sind drinnen und machen Abendessen, und die Daddys sind drinnen und können es nicht erwarten, auf ein Bier in den Pub zu gehen. Somit ist Tadhg Kerrigan die erste lebende Seele im Dorf, die Mahonys Rückkehr mitbekommt.

Tadhg macht gerade die Tür zu Kerrigan’s Bar auf, nachdem er ein schweres Fass ausgetauscht und eine Kellerratte mit messerscharfer Zunge bedroht hat. Er hält sein rotes Gesicht hoch, um ein wenig Sonne zu tanken, und kratzt sich derweil konzentriert am Hintern. In Gedanken ist er bei der Witwe Farelly, ihrem neuen Bungalow, ihren wunderbar weißen Gardinen und ihrem verlockend fülligen Busen.

Tadhg beäugt Mahony, der über den Dorfplatz auf den Pub zusteuert. So, wie der aussieht, denkt Tadhg, ist er entweder ein Dichter oder ein Großmaul, mit den langen Haaren und der Lederjacke und diesem Gang, als könnte ihm keiner was.

»Alles klar?«

»Bestens«, sagt Mahony, stellt seinen Rucksack ab und lächelt durch seine Haare hindurch, die ungewaschen aussehen und ihm ein ganzes Stück über die Ohren gewachsen sind.

Tadhg befindet, dass der Bursche ganz sicher ein Großmaul ist.

Ob die Toten von Mulderrig derselben Meinung sind oder nicht, ist schwer zu sagen, aber sie werfen erste vorsichtige Blicke aus Schlafzimmerfenstern oder schweben zaghaft aus kleinen Gassen hervor, verharren jäh und gaffen.

In einem Leben wie dem von Mahony sind die Toten nämlich stets ganz in der Nähe. Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Ungeschriebenen, den Beschädigten und Gebrochenen, zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihren Geschichten, die die Toten furchtbar gern füllen würden. Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest.

Aber die Toten können beobachten. Und sie können warten.

Denn Mahony sieht sie jetzt nicht.

Er sieht sie schon lange nicht mehr.

Jetzt sind die Toten darauf beschränkt, kurz durch den Raum zu huschen, wenn das Licht ausgeschaltet ist, oder mitunter am Rande seines Gesichtsfeldes zu flattern. Jetzt kann Mahony sie ausblenden, etwa so, wie du das Ticken einer überlauten Standuhr ausblenden würdest.

Daher übersieht Mahony die tote alte Frau, die neben Tadhgs rechtem Ellbogen den Kopf durch die Wand steckt. Und auch Tadhg übersieht sie, weil er wie die meisten von uns mit einem beruhigenden Mangel an Visionen gesegnet ist.

Die tote alte Frau öffnet ein Paar fahle Augen, so rund wie Soleier, und sieht Mahony an, und Mahony schaut weg und lächelt Tadhg voll ins breite Gesicht. »Kann man hier im Ort irgendwo ein Zimmer mieten, Kumpel?«

»Hier gibt’s keine Arbeit.« Tadhg verschränkt die Arme hoch auf der Brust und schnieft traurig.

Mahony holt eine halb volle Packung Zigaretten aus seiner Jackentasche, und Tadhg nimmt eine. Sie stehen eine Weile da und rauchen, Tadhg in die Sonne blinzelnd, Mahony mit dem Anflug eines Lächelns im Gesicht. Die tote Alte gleitet ein paar Zentimeter oberhalb des Bürgersteigs aus der Wand und deutet rätselhafterweise nach unten Richtung Keller, brabbelt dabei undeutlich vor sich hin.

Mahony intensiviert sein Lächeln, und sein Gesichtsausdruck ist so natürlich offen und liebenswert, dass er selbst den härtesten Kerl der Welt bezaubern könnte. »Tja, Arbeit ist das Letzte, was ich brauche. Ich will mich bloß ein Weilchen von der Großstadt erholen.«

»Aus der Großstadt also, was?«

Die tote Alte rückt Mahony dicht auf die Pelle und flüstert ihm etwas ins Ohr.

Mahony zieht an seiner Zigarette und pustet den Rauch aus. »Genau. Mit dem Krach und den Autos und den Ratten.«

»Da gibt’s Ratten?« Tadhg kneift die Augen zusammen.

»So groß wie Schafe.«

Tadhg bleibt äußerlich ungerührt, obwohl er tief in seiner Seele mitfühlt. »Ratten sind ein Riesenproblem weltweit«, sagt er weise.

»Auf jeden Fall in Dublin.«

»Und was führt dich hierher?«

»Ich wollte mal ein bisschen Ruhe und Frieden. Weißt du, dass auf der Landkarte um euch herum nichts ist?«

»Du willst also zum Arsch der Welt?«

Mahony blickt nachdenklich. »Ganz ehrlich? Ich glaube, ja.«

»Glückwunsch, du hast ihn gefunden. Bist du hier im Wilden Westen auf der Flucht?«

»Könnte man so sagen.«

»Vor einer Lady oder vor der Polizei?«

Mahony nimmt seine Kippe aus dem Mund und schnippt sie in Richtung der toten Alten, die ihm einen zutiefst angewiderten Blick zuwirft. Sie hebt ihren schattenhaften Rock und huscht zurück durch die Wand des Pubs.

»Eine Lady war sie nicht.«

Tadhgs Gesicht zuckt, als er sich ein Lächeln verkneift. »Wie ist denn der Name?«

»Mahony.«

Tadhg registriert einen guten, festen Händedruck. »Na dann, Mahony.«

»Also, finde ich heute Abend noch irgendwo ein Bett oder muss ich mich zu den alten Herrschaften da auf die Bank legen?«

Tadhg hält einen Furz zurück, aber nur solange er nachdenkt. »Shauna Burke vermietet Zimmer an zahlende Gäste im Rathmore House oben im Wald. Das wär’s auch schon so ziemlich.«

»Würde mir reichen.«

Tadhg mustert Mahony eingehend. Er muss zugeben, der Mann macht was her. Stattliche Größe, und er sieht kräftig aus, wie einer, der zupacken kann. Er ist keine zwanzig mehr, wird aber auch mit dreißig noch jungenhaft wirken, weil er so ein Gesicht hat, das irgendwie jung bleibt. Aber er müsste sich dringend mal waschen; sein Kinn hat seit Tagen keinen Rasierer mehr gesehen. Und die Hose, die er da anhat, ist lächerlich: eng im Schritt und unten so weit, dass er damit die Hauptstraße fegen könnte.

Tadhg deutet mit dem Kinn darauf. »Sind die jetzt in Mode?«

»Sind sie, ja.«

»Kommst du dir nicht ein bisschen bescheuert vor, so rumzulaufen?«

Mahony schmunzelt. »In der Stadt laufen alle so rum. Es gibt welche, die sind noch weiter.«

Tadhg zieht leicht die Augenbrauen hoch. »Tatsächlich? Aber ein kräftiger Windstoß könnte dir glatt die Beine wegziehen.«

Tadhg ist sicher, dass die jungen Frauen hin und weg wären, wenn dieser Bursche sich mal rasieren oder ein Stück Seife in die Hand nehmen würde. Und Mahony weiß das auch. Das verraten die Art, wie er lächelt, und das Licht in seinen dunklen Augen. Und die Art, wie er sich bewegt, als wäre er völlig mit sich im Reinen.

Tadhg zieht die Mundwinkel hoch. »Du solltest dich vor dem anderen Gast im Rathmore House in Acht nehmen, MrsCauley. Die Frau hat es in sich.«

»Nach dem, was ich hinter mir habe, werd ich garantiert auch mit ihr fertig.« Und Mahony richtet seine lachenden Augen auf Tadhg.

Nun ist Tadhg wahrlich kein Mann, der zu tiefen Einsichten neigt, aber plötzlich ist er sich in zwei Dingen ganz sicher.

Erstens: Er hat diese Augen schon mal gesehen.

Zweitens: Ihn trifft sehr wahrscheinlich gerade der Schlag.

Denn schlagartig strömt Tadhgs Blut zum ersten Mal seit sehr langer Zeit rasend schnell durch seinen Körper, und er weiß, dass es nicht gut sein kann, einen Kreislauf, der auf ein behagliches Schneckentempo eingerostet ist, derart in Wallung zu bringen. Tadhg legt die Hände aufs Gesicht und lehnt sich schwer gegen die Pub-Tür. Er kann förmlich spüren, wie ein dicker, fetter Blutpfropfen Richtung Gehirn saust, um ihn geradewegs aus der Welt der Lebenden hinauszukatapultieren.

»Alles in Ordnung, Kumpel?«

Tadhg öffnet die Augen. Der Bursche, der sich hier von Dublin erholen will, betrachtet ihn stirnrunzelnd. Tadhg rattert ein stummes Gebet gegen die dunkelsten von Mulderrigs dunklen Träumen herunter. Er zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischt sich die Stirn. Und als sich die Haare in seinem Nacken wieder legen, redet er sich ein, dass dieser junge Mann wirklich bloß ein Fremder ist.

Was immer er meinte, in seinem Gesicht gesehen zu haben, es ist verschwunden.

Vor ihm steht ein Dubliner Hippie, der am Arsch der Welt auf der Durchreise ist.

»Alles in Ordnung?«

Tadhg nickt. »Ja, klar.«

Der Fremde lächelt. »Hast du auf? Ich könnte ein Bier gebrauchen.«

»Dann mal rein mit dir«, sagt Tadhg und nimmt sich fest vor, künftig auf Sonnenbäder zu verzichten.

Zum Glück muss die Sonne sich mächtig abquälen, um durch die Fenster von Kerrigan’s Bar zu dringen, aber wenn sie es doch mal durch die verqualmten Vorhänge schafft, kann sie auf den klebrigen dunklen Holztischen landen. Oder sie kann einen matten Glanz auf das Pferdegeschirr neben dem Kamin werfen, der nicht angezündet und mit Chips-Tüten vollgemüllt ist. Oder sie kann dem Glas Stout in Sergeant Jack Brophys Hand einen noch satteren, wärmeren Farbton verleihen.

»Jack, das ist Mahony.«

Mahony stellt seinen Rucksack an der Tür ab.

Jack dreht sich zu ihm um. Er nickt. »Gib dem Mann ein Bier, Tadhg. Kommen Sie, Mahony, setzen Sie sich zu mir.«

Mahony setzt sich neben Jack, einen kräftigen, untersetzten Schrank von Mann, und wie alle Sterblichen fühlt er sich gleich ruhiger. Mahony kann nicht wissen, dass Jack, ob er nun im Dienst ist oder nicht, diese Wirkung auf die Verrückten hat, die Schlechten, die Fantasievollen und auf verschreckte Pferde. Ganz gleich, wen man fragt, alle sind der Meinung, dass genau das Jack zu einem guten Polizisten macht. Denn er schafft es, sich die Bösen, die Verkannten und die Verleumdeten im Küstengebiet von Ennismore bis Belmullet zur Brust zu nehmen, ohne auch nur einmal laut werden zu müssen.

Tadhg stellt Mahony ein Bier hin.

»So, dann erzählen Sie mal«, sagt Jack, fast ohne die Lippen zu bewegen.

Mahony könnte ihm allerhand erzählen. Mahony könnte Jack als Erstes erzählen, was letzten Dienstag passiert ist.

Letzten Dienstag kam Father Gerard McNamara in die Bridge Tavern spaziert, in der Hand eine schwarze Ledermappe, in der ein Briefumschlag steckte. Er war auf der Suche nach einem der berüchtigtsten Ehemaligen von St Martha und hatte begonnen, in jedem Pub nachzusehen, der sich im Umkreis von einer Meile rund um das Waisenhaus befand. Denn Father McNamara hielt sich zum einen an den Rat der örtlichen Polizei, zum anderen an das Prinzip, dass ein fauler Apfel nicht weit vom Stamm fällt; er landet und verrottet für gewöhnlich gleich daneben.

Mahony kam gerade mit einer Zigarette im Mund vom Klo, als Father McNamara um die Theke bog.

»Ich muss kurz mit dir reden, Mahony.«

Mahony nahm die Zigarette aus dem Mund und blickte den Priester aus zusammengekniffenen Augen an. »Setzen Sie sich, trinken Sie ein Glas mit mir, Father?«

Der Priester warf Mahony einen giftigen Blick zu, legte die Mappe auf die Theke und öffnete den Reißverschluss.

Mahony hievte sich wieder auf seinen Barhocker und umfasste sein Bierglas mit ernster Hingabe. »Ach, entschuldigen Sie, ich hab Ihnen ja gar nicht die Hand geschüttelt, Father. Aber wissen Sie, ich hab gerade etwas angefasst, das alles andere als göttlich ist, aber ebenso imstande, große Seligkeit zu bescheren.«

Jim hinter der Bar grinste.

Father McNamara zog den Briefumschlag aus der Ledermappe. »Schwester Veronica ist von uns gegangen. Sie hat mich gebeten, dir das hier zu geben.«

Mahony beäugte den Umschlag auf der Theke.

»Haben Sie wirklich den Richtigen, Father? Schwester Veronica war nicht gerade Vorsitzende meines Fanklubs, oder? Wieso sollte sie mir was hinterlassen? Gott sei ihrer reinen und fürsorglichen Seele gnädig.«

Father McNamara zuckte die Achseln. Es war ihm scheißegal. Er wollte bloß so schnell wie möglich wieder raus aus dem Pub.

Mahony sah zu, wie Father McNamara den Reißverschluss der Ledermappe zuzog, sie unter den Arm klemmte und durch die Pub-Tür in den schwachen Dubliner Sonnenschein verschwand. Mahony trank sein Bier aus, bestellte ein neues und betrachtete den Umschlag. Dann kam die Erinnerung.

Er war höchstens sechs Jahre alt.

Schwester Veronica sagte, dass kein Brief bei ihm gefunden worden sei. Wieso sollte sich jemand bei einem kleinen Bastard, den keiner haben wollte, die Mühe machen, einen Brief zu schreiben?

Schwester Veronica sagte, dass seine Mammy als Hafenhure zu beschäftigt gewesen sei, um zu schreiben.

Schwester Veronica sagte, dass seine Mammy ihn nur deshalb zu den Nonnen gebracht habe, weil sie keinen Eimer habe finden können, um ihn darin zu ertränken.

Aber Schwester Mary Margaret hatte Mahony eine andere Geschichte erzählt, während sie ihm beibrachte, einen Bleistift zu halten und Buchstaben zu malen und all die wichtigen Heiligen und viele von den weniger wichtigen zu erkennen.

Irgendwann einmal hatte Schwester Mary Margaret auf ein lautes Klopfen hin die Tür des Waisenhauses geöffnet. Es war sehr früh am Morgen gewesen, ehe die Stadt erwachte. Alle Tauben hatten die Köpfe noch unter den Flügeln stecken und alle Ratten lagen klein zusammengerollt hinter Mülltonnen. Alle Autos und Lastwagen schliefen in ihren Garagen und auf Betriebshöfen und alle Züge schlummerten auf ihren Gleisen im Bahnhof Connolly. Alle Boote dümpelten sanft im Hafen und träumten von hoher See, und alle Fahrräder lehnten schlafend an den Zäunen. Selbst die Engel am Fuße des O’Connell-Denkmals schliefen, flatterten im Traum mit ihren Schwingen, hatten ganz vergessen, sich nicht zu rühren und so zu tun, als wären sie Statuen.

Die ganze große Stadt schlief, als Schwester Mary Margaret die Tür des Waisenhauses öffnete.

Und da auf den Stufen lag ein Baby.

Ja wirklich!

Ein Baby in einem Korb, mit einer Decke aus Laub und einem Kopfkissen aus Rosenblütenblättern.

Ein Baby in einem Korb, genau wie Moses!

Das Baby hatte mit leuchtenden Augen zu Schwester Mary Margaret aufgeschaut und sie angelächelt. Und sie hatte zurückgelächelt.

Mahony hielt sich an der Theke fest. Er konnte sich keine Zigarette anzünden oder sein Bierglas heben, er konnte sich nicht bewegen, war in Schweiß gebadet. Er schloss die Augen, und prompt fand er in seiner Erinnerung Schwester Mary Margaret, so wie sie gewesen war, als er sie das letzte Mal gesehen hatte.

Er war noch keine sieben. Zuerst hatte er sich gescheut, draufzuklettern, aus Angst, er könnte sie zerbrechen. Aber Schwester Mary Margaret hatte ihn angelächelt, daher bestieg er die arktische Landschaft des Bettes. Ohne das Lächeln hätte er sie nicht erkannt.

Schwester Mary Margaret hatte im Bauch einen Krebs, so groß wie ein Männerkopf, und war so gut wie tot und begraben. Das hatten sie ihm erzählt, aber er war gekommen, um sich selbst zu überzeugen.

Er saß neben Schwester Mary Margaret und ließ sich von ihr mit ihrem Taschentuch die Nase abwischen, obwohl er dafür doch schon zu alt war. Sie brauchte ewig, weil sie immer wieder einschlief. Er hatte zu Gott gebetet, dass ihm die Rotze bitte nicht in langen Fäden laufen würde. Aber Mahony war ständig erkältet, weil er oft blaue Fingerspitzen hatte und seine Socken nie ganz trocken waren.

Schwester Mary Margaret hatte ihn angesehen, den geschrumpften Kopf auf die Seite gelegt, und er hatte auf die knochige Kante über ihrem Auge geblickt.

»Als du damals hier vor die Tür gelegt wurdest, lag ein Brief mit im Korb«, flüsterte sie. »Schwester Veronica hat ihn genommen.«

Doch in dem Moment kam Schwester Dymphna herein und gab ihm einen kräftigen Klaps und führte ihn aus dem Krankenzimmer.

Mahony wischte sich die Augen und sah sich im Pub um; die anderen Biertrinker hingen ihren eigenen Gedanken nach, und der Barmann war ein neues Fass holen gegangen. Er war in Sicherheit.

Er schaute auf den Briefumschlag in seiner Hand.

Für das Kind, wenn es erwachsen ist.

Eine schöne, gediegene Oberlehrerhandschrift, genau an den richtigen Stellen geneigt.

Auf der Rückseite des Umschlags war eine Art Siegel. Eine kleine Wachsmedaille mit einem Stempel in Form einer alten Münze oder so. Das gefiel ihm: Schwester Veronica hatte ihm den Brief vorenthalten, aber nicht geöffnet.

Mahony brach das Siegel auf.

Bis an sein Lebensende wird Mahony schwören, dass er mit dem Hintern vom Barhocker rutschte, sobald er den Umschlag geöffnet hatte. Dann sackte der Barhocker durch den Fußboden, und die ganze Welt stellte sich auf den Kopf.

Aber als Mahony sich erneut umschaute, war alles genau wie vorher. Dieselben verschmierten Spiegel über denselben schmuddeligen Sitzen. Dieselben traurigen Gestalten stierten in ihre Gläser, und derselbe Geruch kroch aus der Herrentoilette.

In dem Umschlag war ein Foto von einem Mädchen, das mit einem leisen Lächeln im Gesicht ein verschwommenes Bündel in den Armen hielt, hoch und unbeholfen, wie einen gefundenen Schatz. Mahony drehte das Foto um, und die schöne, gediegene Oberlehrerhandschrift verpasste ihm einen linken Haken.

Dein Name ist Francis Sweeney. Deine Mammy war Orla Sweeney. Du bist aus Mulderrig, County Mayo. Das ist ein Foto von dir und ihr. Zu deiner Information: Deine Mammy war die Schande von Mulderrig, deshalb hat man sie dir genommen. Sie lügen alle, also sei auf der Hut und zweifele nicht daran, dass deine Mammy dich geliebt hat.

Seine Mammy hatte ihn geliebt. Vergangenheit. Mammy war Vergangenheit.

Man hatte sie ihm weggenommen. Wohin hatte man sie gebracht?

Mahony drehte das Foto um und betrachtete ihr Gesicht. Gott, wie jung sie aussah. Er hätte sie eher für seine Schwester gehalten. Sie konnte höchstens vierzehn gewesen sein.

Und sein Name war Francis. Das würde er für sich behalten.

Mahony steckte sich eine Zigarette an und wandte sich an seinen Thekennachbarn. »Paddy, warst du schon mal in Mayo?«

»Nee«, sagte Paddy und hob das Kinn von der Brust.

Mahony runzelte die Stirn. »Jim, was gibt’s in Mayo?«

Jim legte das Geschirrtuch weg. »Woher soll ich das wissen. Wieso?«

»Ich werde mal dahin fahren, die Lage peilen.«

»Ja, klar.«

Mahony stand mit weichen Knien auf und nahm sein Feuerzeug. »Ich mach das. Echt, Jim. Scheiß drauf. Was soll mich denn hier halten?« Er schloss den Pub mit einem Schwenk seiner Zigarette ein. »Nix. Oder? Fällt euch was ein?«

»Bewährung«, sagte Paddy zu seinem Nabel.

Mahony trinkt einen Schluck von seinem Bier und sieht zu, wie sich Jack Brophy geschickt mit einer Hand eine Zigarette dreht. Eine Hand, stark wie eine Baumwurzel, braun und schwielig mit großen, quadratischen, rissigen Nägeln und alten Narben wie tiefe Furchen. Mahony beobachtet Jack und spürt, wie sein Hirn ein wenig langsamer wird. Vom breiten Rücken des stillen Mannes atmet er Tabak ein, guten Boden, strömenden Regen, milde Sonne und frische Luft.

Trotzdem. Er wird Jack nichts davon erzählen, was letzten Dienstag passiert ist.

Mahony lächelt. »Die Wahrheit ist, ich bin hier, um mal von allem wegzukommen.«

Ein Collie kommt hinter der Bar hervorgetrottet.

Als er den Kopf dreht, sieht Mahony, dass der Hund nur ein gesundes Auge hat, das andere pappt ihm irgendwie auf der Wange. Seine Rippen sind gebrochen, bilden eine dunkle, klebrige Rinne. Ein Hund, der so verletzt ist, müsste eigentlich tot sein, und das ist er natürlich auch, Scheiße.

Mahony saugt Luft durch die Zähne ein und schaut rasch weg.

Der tote Hund wendet den Kopf, um Jack die Hand zu lecken, die er mit der Zigarette herabhängen lässt, doch die Schnauze geht geradewegs hindurch, und da der Hund keine Reaktion bewirkt, rollt er sich vor dem Barhocker seines Herrchens zusammen und legt die intakte Seite seines Gesichts auf die undeutlichen Pfoten.

Mahony starrt sein Bier an. »Was ich suche«, sagt er, »ist nur ein bisschen Ruhe und Frieden.«

Manchmal kann ein Mann alles andere als ehrlich sein.

»Klar«, sagt Jack. Das Wort ist kaum mehr als ein Luftausatmen. Er hebt sein Bierglas. »Das ist alles?«

Mahony spürt keine Ablehnung. Er könnte es ihnen erzählen, sie fragen, er könnte hier und jetzt anfangen.

Die beiden Männer sehen ihn an.

2

April 1976

Beim fünften Bier ist die Entscheidung gefallen. Tadhg wird Mahony zum Rathmore House bringen, um Shauna Burke zu fragen, ob sie ein Zimmer frei hat, denn er hat für die Witwe Farelly einen Korb Pfirsiche, die verderben, wenn er bis morgen wartet. Er hofft, dass sie ihm zur Belohnung ein Küsschen auf die Wange gibt oder die Hand drückt, ist sich dessen jedoch keineswegs sicher. Bislang hält die Witwe Farelly ihre zärtlicheren Gefühle gut verborgen. Aber Tadhg wusste ja von Anfang an, dass es länger dauern würde, einer anständigen Frau den Hof zu machen: Je höher die Moral, desto schwerer kommt man an die Wäsche.

Sie verlassen den Pub durch die Hintertür und gehen durch einen Flur, der von Kartons mit Chips-Tüten gesäumt wird. Sie bewegen sich vorsichtig, Mahony wegen seines Rucksacks und Tadhg aufgrund seiner Leibesfülle. An der Hintertür reicht Tadhg Mahony eine kleine Flasche Whiskey, um bei MrsCauley das Eis zu brechen. Der dunkeläugige Bursche wächst ihm nämlich ans Herz, obwohl er höchstwahrscheinlich ein Großmaul ist.

Tadhgs Auto, ein Vehikel, das gern selbst bestimmt, wann es anspringt oder stehen bleibt, rostet im Hof vor sich hin. Hier wächst nichts außer leeren Flaschen und kaputten Kisten. Tadhg dreht probeweise den Zündschlüssel. Nachdem er sich mühsam auf den Fahrersitz gezwängt hat, steht ihm Schweiß auf der Oberlippe. Der Motor hustet schwindsüchtig und geht wieder aus.

»O nein.«

Mahony steigt aus dem Wagen und schnippt seine Zigarette in eine Hofecke. Er greift auf den Rücksitz und zieht seinen Rucksack heraus.

»Mach mal die Motorhaube auf, Tadhg.«

Tadhg schiebt die Hand nach unten, um nach dem Hebel zu tasten, kommt aber nicht ran, weil sein Bauch im Weg ist. Er steigt aus, hält sich bei dem Versuch, in die Hocke zu gehen, an der offenen Tür fest und kneift die Backen zusammen, damit er sich nicht in die gute cremefarbene Hose macht oder ihm die Naht am Hintern platzt. Als er den Hebel findet, hat Mahony die Haube längst auf, kommt um den Wagen herum und wischt sich die Hände an einem alten Lappen ab.

»Versuch’s jetzt noch mal, Tadhg.«

Tadhg schiebt sich wieder auf den Sitz und startet den Motor. Perfekt. Er lässt ihn sicherheitshalber einmal aufheulen.

»So hat die Karre sich nicht mal angehört, als ich sie neu gekauft hab. Was bist du, so was wie ein Zauberer?«

Mahony lacht und wirft den Rucksack wieder auf die Rückbank, wo er mit einem metallischen Scheppern landet. Er steigt ein, ohne auf den Ausdruck in Tadhgs Gesicht zu achten.

»Du hast da ja allerhand drin.«

»Ach, ich nehm immer ein bisschen Werkzeug mit.«

»Ach ja?«

»Man weiß nie, wann man es vielleicht gebrauchen kann.«

»Verstehe – was hast du noch mal gesagt, was du in Dublin machst?«

»Ich hab gar nichts gesagt.« Mahony grinst. »Ich kaufe alte Kisten und verkaufe sie weiter. Pkw, Lieferwagen, alles Mögliche. Möbel sie wieder auf. Lackier sie sogar neu. So was eben.«

Tadhg wirkt beinahe überzeugt. »Ich hab einen himmelblauen 1956er Eldorado in der Garage stehen, sieht aus wie aus dem Ei gepellt, fein herausgeputzt wie ein Frollein im Abendkleid. Ich hatte schon immer gute Autos, aber keins war so hübsch wie das da. Hast du Lust, es dir mal anzusehen?«

»Gern.«

»Ich fahr es nicht oft, die Straßen hier würden es nur völlig ruinieren, aber wir könnten mal eine kleine Runde durchs Dorf drehen und zugucken, wie die Weiber uns anschmachten.«

»Ich bin dabei.« Mahony klopft aufs Armaturenbrett. »Aber jetzt fahren wir lieber los, oder? Solange der Motor schön schnurrt.«

Tadhg nickt und lässt den Wagen vom Hof rollen, entspannt sich ein wenig, als er um die Ecke auf die enge Straße biegt. »Wenn du jetzt auch noch das Radio ans Laufen kriegen könntest, hätten wir ein bisschen Rock'n'Roll während der Fahrt.«

»Mal schauen, was ich machen kann.«

Die Toten sind nirgends zu sehen, als Tadhg durchs Dorf fährt, aber die Lebenden haben jetzt gegessen und lassen sich nach und nach blicken. Tadhg fährt langsam. Er hat den Korb Pfirsiche zwischen die dicken Oberschenkel geklemmt, und er will nicht, dass sie Druckstellen bekommen. Er gesteht Mahony, dass er für die Liebe einer guten Frau wie Annie Farelly alles tun würde.

Mahony sieht ein paar junge Mädchen an einer Ecke stehen und plaudern. Sie drehen die Köpfe und sehen Tadhg vorbeifahren. Als Mahony sich aus dem Fenster lehnt, um ihnen ein Küsschen zuzuwerfen, lachen sie und schubsen sich gegenseitig.

Er macht das bloß aus Spaß, sagt er zu Tadhg. Mahony will keine Freundin. Er hatte noch nie eine, nicht mal annähernd. Er ist allein glücklicher – so war das schon immer. Er wird immer ungebunden bleiben. Er wird nie eine Frau und eine Schar Kinder am Hals haben, die ihm die Luft abschnüren.

Sie fahren aus dem Dorf und vorbei an von alten Steinmauern umfriedeten Weiden und weiß gestrichenen Häusern. Laken und Hemden hängen aufgereiht an Leinen in den Gärten, flattern in der Brise, die jetzt kräftiger vom Meer heranweht.

Tadhg stiert mit zusammengekniffenen Augen geradeaus auf die trockene, zerfurchte Straße und erzählt Mahony, dass Mulderrig ein Bild vom Paradies ist, eingerahmt von uralten Wäldern. Hat nicht sogar St Patrick höchstselbst Mulderrigs Bäume bewundert, während er hier in der Gegend lästige Schlangen verfolgte? Und hat er diesen Wald nicht gesegnet, während er sich durchs Gestrüpp schlug?

Aber gleichzeitig stand Mulderrigs Wald schon immer unter einem ganz eigenen starken Schutz. Eine unvergleichliche Kostbarkeit aus Moor, Seen und Bergen. All die Jahrhunderte der Veränderung hat dieser kleine Wald überstanden, unbehelligt von Siedlern oder Erde oder Wetter oder Gesamtlage.

Diese Wälder sind noch immer ein Bollwerk. Ihre Blätterdächer saugen jeden sanften grauen Himmel auf, und ihre Wurzeln pflügen sich tief in die dunkle Erde, umfangen uralte Knochen und befingern verlorene Goldmünzen. Sie werfen ihre Äste hoch wie wilde Tänzer, wenn von der Bucht ein Sturm aufzieht. Und der Wind fegt heulend mitten durch sie hindurch bis dahin, wo der Wald aufhört, die Wälder und Wiesen beginnen und die Berge aufragen. Hier ist der Ort, wo Sonne und Wolken an schönen Tagen ihre endlosen Schattenspiele vorführen.

Und aus dem tiefsten Innern der Berge kommt der Fluss Shand. In Windungen geboren, schlängelt er sich durch Stein, Land und Wald nach unten Richtung Dorf, wo er weiterfließt, bis er ins Meer mündet. An manchen Stellen hat der Fluss Uferböschungen und Furten, an anderen ist er wild und vergessen. An den meisten Stellen ist er kalt und den Gezeiten unterworfen. An allen Stellen fließt er nach eigenen Gesetzen. Der Shand ist nämlich ein Fluss mit unberechenbaren Biegungen und tückischen Unterströmungen, mit unermesslichen Tiefen und abwegigen Gewohnheiten, mit verwünschten Brücken und rachsüchtigen Weidenbäumen. Mit Denny’s Ait, einer versunkenen Insel, die nach einem Ertrunkenen benannt wurde, mit Edelsteinen übersät und nur sichtbar bei Niedrigwasser, und auch das nur selten.

Jetzt nähern sie sich einer Gabelung. Nach links windet sich die schmale Landstraße, gerade breit genug für ein Auto, weiter hinauf Richtung Rathmore House. Aber Tadhg biegt nach rechts auf eine lange, von mürrischen Regimentern Heidekraut gesäumte Schotterzufahrt.

»Jetzt sieh dir bloß den Bungalow an, den Annie Farelly sich hat bauen lassen. Ist das nicht ein Superteil, Mahony?«

»Ein Mordsding, Tadhg.«

Mit seinem grauen Anstrich und der kantigen Bauweise wirkt der Bungalow der Witwe ziemlich beängstigend. Auf beiden Seiten der beschlagenen Eichentür höhnen gereizte Steinpferde mit geblähten Nüstern. Die Zinnen vor den Dachfenstern sind nicht bloß rein dekorativ, und eine dicht gepflanzte Hecke umgibt das ganze Gebäude.

»Könnte glatt als Hexenhaus durchgehen. Wie im Märchen, was? Und guck dir die Gardinen an – wie weiß die sind. Sie ist eine wunderbare Hausfrau.«

Tadhg hängt sich den Obstkorb an einen dicken Finger und grinst entschuldigend. »Ich würde dich ja mit reinnehmen und vorstellen–«

»Ach nee, Tadhg, geh mal schön allein. Ich bleib hier sitzen und rauch mir eine.«

»Macht’s dir auch wirklich nichts aus? Ich krieg wahrscheinlich sowieso keine Umarmung.«

»Nein, geh ruhig. Viel Spaß. Ich komm hier prima klar.«

»Na schön, dann schau ich mal kurz rein.«

»Lass dir Zeit«, sagt Mahony lächelnd.

Tadhg schleppt seinen fetten Hintern, so höflich er kann, zur Haustür, wo er stehen bleibt, sich die Hand leckt und die Haare vorne mit Spucke glatt streicht.

Die Tür geht augenblicklich auf, und eine herb aussehende Frau tritt heraus. Ein paar Worte werden gewechselt, wobei Tadhg nervös von einem Bein aufs andere tritt wie ein Schuljunge, während sie zum Wagen hinüberschaut. Sie schüttelt den Kopf und kommt auf die Zufahrt gestiefelt. Mit jedem Schritt schiebt sich der Kopf auf ihrem gepolsterten Körper weiter nach vorne, und ihr Mund kaut lautlose Flüche.

Schnaufend bleibt sie neben dem Wagen stehen und wirft Dolchblicke durchs Autofenster. Sie beäugt Mahonys lange Haare, die Löcher in seiner Hose und den Schmutz unter seinen Fingernägeln.

»Das ist ein anständiges Dorf. Wir wollen hier keine versauten, verdreckten Hippies.«

Mahony beäugt die makellosen Reihen wippender Löckchen und die blauen Augen, die so freudlos sind wie ein Montagmorgen. Er lächelt. »Ich wasche mich auch.«

Würden sie in einem Kampf gegeneinander antreten, würde er sein Geld auf sie setzen. Die Beine, die unter ihrem Schottenrock zum Vorschein kommen, sind nämlich stämmig und muskulös, und ihr Bizeps hat eine ansehnliche Wölbung. Eine Krankenschwestertaschenuhr ist an ihrer drallen Brust befestigt, und an der Hüfte hat sie einen Ring mit Schlüsseln hängen wie eine Gefängniswärterin.

Die Witwe Farelly kneift die Augen zusammen. »Das bezweifele ich. Ich kenne eure Sorte. Mit euren Drogen und euren losen Sitten – also mach, dass du weiterkommst. Wir sind hier wachsam. Bei uns haben Unruhestifter keine Chance.«

»Das glaub ich gern. Ich wette, ihr zeigt ihnen, wo’s langgeht.«

Tadhg steht hilflos dabei, mit hängenden Schultern, die Pfirsiche vergessen. Fahle Gesichter sind an den leeren Fenstern des Bungalows aufgetaucht und schauen still zu. Geduldige tote alte Gesichter, die sich entschuldigend durch die Fensterscheiben drücken. Mahony übersieht sie entschlossen.

»Sie wohnen allein da drin?«

»Allerdings.« Sie runzelt die Stirn. »Wieso?«

Mahony schüttelt den Kopf.

Annie Farelly beugt sich zum Seitenfenster hinein und richtet den Zeigefinger auf Mahony. »Verschwinde, Freundchen, sonst wirst du’s bereuen.«

Sie wirft ihm einen Blick zu, der ein starkes Herz zum Stillstand bringen könnte, und geht zurück zum Haus. Tadhg folgt ihr durch die Tür, mit hängendem Kopf und der verlorenen Hoffnung auf eine kurze Fummelei.

Mahony klemmt sich die Zigarette in den Mundwinkel und fängt an, die Abdeckung des Radios abzuschrauben. Ein kleines blondes Mädchen kommt im Zickzack die Zufahrt heruntergehüpft und bleibt vor der Wagentür stehen.

»Hallo, Mister.«

»Hallo.«

»Spielst du mit mir Verstecken?«

Das Kind hat die Hände auf den Hüften und streckt zuerst einen Fuß vor, dann den anderen. Mahony bekommt die Bewegung nur halb mit: strecken, wechseln, strecken, wechseln.

»Nee, nicht jetzt.«

Mahony nimmt die Zigarette aus dem Mund, um von einem Draht die Plastikummantelung abzubeißen.

»Och, bitte, bitte. Der Wald ist gleich da drüben.«

Irgendetwas in ihrer Stimme, beunruhigend und vertraut zugleich, lässt Mahony aufblicken.

Und da ist sie.

Ein kleines, rundes Gesicht und ein breites Lächeln, das die Lücke da, wo einmal die Schneidezähne waren, zum Vorschein bringt. Sie schiebt die Zungenspitze durch die Lücke.

»Mach die Augen zu und zähl bis zehn«, flüstert sie. »Dann such mich.«

Als sie sich umdreht, sieht Mahony, dass ihr Hinterkopf einfach nicht da ist.

Mahony zittern die Hände, als er das Radio mit den raushängenden Drähten und so auf den Sitz legt. Damit hat er nicht gerechnet. Nicht jetzt. Er ist gerade mal fünf Minuten hier, reißt sich echt am Riemen, beherrscht sich, und dann das.

So hat er sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

Er reibt sich die Stirn. Wann hat er angefangen, wieder nach ihnen Ausschau zu halten? Als er in Dublin losgetrampt ist? Oder als er in einem Lkw durch Longford fuhr und in Castlerea unter freiem Himmel schlief? Oder als er in den Bus nach Mulderrig stieg? Oder in dem Moment, als er ausstieg und über den Dorfplatz ging?

Er hat’s nicht kommen sehen.

Er hat die Kleine nicht kommen sehen.

Ein totes Kind mit zertrümmertem Schädel und einem süßen kleinen Lächeln.

Und sie wird nicht die Einzige sein, o nein, sie wird alle ihre kleinen toten Freunde mitbringen.

Sie ist dahinten, bei den Bäumen, mausetot. Sie läuft ein Stückchen weiter, bleibt dann stehen und dreht sich um wie eine Ballerina, auf der hellen Spitze eines verschrammten Schuhs.

»Ich hab ein Jo-Jo gehabt, aber ich hab’s verloren.«

Mit gespieltem Schmollmund und aufgesetzter Fußspitze dreht sie Pirouetten, bis sie wieder bei Mahony ist, und flüstert dramatisch: »Ich glaube, der Wald hat’s gestohlen. Der stiehlt alles, was hübsch ist.«

Ihr Gesicht ist vollkommen; von vorne ist es unversehrt, nur blass. Aber von hinten sieht es nicht gut aus. Nein, gar nicht gut. Ihr Kopf ist zerstört, seltsam abgeflacht auf der linken Seite, mit einer tiefvioletten Furche über die ganze Länge. Die Furche glänzt innen dunkel, wirkt irgendwie widerlich weich. Umringt ist dieser tiefe Riss von einem Lichtkranz aus feinen, hellen Haaren, die mit mattem Blut verklebt sind.

Mahony hatte vergessen, dass es so sein kann. Dass die Einzelheiten manchmal bildhaft zurückkommen und sich ihm einbrennen. Der schwache Glanz auf einer Haarlocke im Nacken eines bis auf die Sehnen durchtrennten Halses. Oder der matte Schwung einer blutleeren Wange über vor Gift bitteren Lippen oder der bleiche Halbmond eines Fingernagels an einer ertrunkenen und aufgedunsenen Hand.

Und wenn du wieder hinschaust, nichts.

Flüchtige Eindrücke, wenn du es am wenigsten erwartest, wenn du ganz und gar nicht bereit bist. Der plötzliche Schock beim Anblick eines deutlichen Details, dann ein verwischter Fleck, der allmählich verblasst. Bilder zurücklässt wie die Sonne auf der Netzhaut.

Mahony schaut weg und lauscht; das ist irgendwie einfacher. Ihre Stimme ist hoch, blechern: wie eine schlechte Verbindung bei einem Ferngespräch. Er erinnert sich, dass sie so klingen.

Die Toten klingen so.

»Magst du mein Kleid?«

Er gibt sich einen Ruck. »Ja. Du siehst aus wie eine Prinzessin.«

»Hat meine Mammy gemacht.«

»Ah, da hast du aber Glück. Wie heißt du?« Mahony zwingt sich, hinzusehen und das tote Mädchen anzulächeln.

Sie bleibt stehen und steht völlig reglos da, blickt ernst auf ihre zarten Hände.

»Woher soll ich das wissen?«, sagt sie und dreht sich um und hüpft durch einen Baumstamm.

Tadhg hat von der Witwe nicht viel mehr als ihre scharfe Zunge zu spüren bekommen, doch er ist trotzdem bester Laune, als er wieder ins Auto steigt, ein guter Mann lässt sich nämlich nicht unterkriegen. Er sitzt vorgebeugt, die Nase an der Windschutzscheibe, als sie hoch zum Rathmore House fahren. Er ist zu eitel, um eine Brille zu tragen, weil er im Kopf noch immer das gestandene Mannsbild ist, das auf den Tanzabenden im Dorf Herzen brach. Tadhg Kerrigan, mit dem Auto und den feinen Anzügen. Tadhg Kerrigan, mit vollem Haar und noch allen Zähnen im Mund, mit feuriger Triebkraft und einem Auge für die Frauen. Hatte er nicht an jedem Finger eine gehabt? Er erinnert sich noch gut an sie, in seiner Blütezeit. Wie sie alle in einer Reihe saßen, bei den Dorftänzen, die Hände im Schoß gefaltet, und zu ihm hochlächelten, mit ihren Söckchen und Pferdeschwänzen. Obwohl er nichts gegen die Miniröcke hat, die jetzt in Mode sind.

»Zeigen die Frauen in Dublin, was sie haben, Mahony?«

»Man kriegt schon das ein oder andere Paar hübsche Beine zu sehen.«

»Was du nicht sagst. Dann muss ich der Stadt wohl mal einen Besuch abstatten. Wie sieht’s da aus mit freier Liebe?«

»Ist nicht so verbreitet, wie man meinen würde.«

»Nein? Was ist mit der ganzen Flower-Power? Sind die Blumen etwa schon verwelkt?«

Mahony zuckt die Achseln.

»Egal, ich komm trotzdem mal auf Besuch.«

»Du wärst willkommen.«

Tadhg stiert auf die Straße. »Ich liebe üppige Frauen. Hast du Annie gesehen? Sie hat sich gerade Dauerwelle machen lassen. So viele kleine Löckchen, ihr Kopf sah aus wie eine Pusteblume. War sie grob zu dir?«

»Ich lass mir die Haare schneiden, dann liebt sie mich wie einen Sohn.«

Tadhg lacht und trommelt zu Bill Haley aufs Lenkrad. »Mensch, du hast ein Wunder vollbracht, Mahony. Gott, ich liebe Rock'n'Roll. Und mit Annie Farelly würde ich liebend gern einen Rock'n'Roll hinlegen. Menschenskind, liebend gern.«

»Dann bist du ein mutiger Mann.«

Tadhg sieht ihn an. »Alles in Ordnung? Du bist ein bisschen blass um die Nase.«

»Mir geht’s bestens.«

3

April 1976

Rathmore House ist das höchstgelegene bewohnte Gebäude von Mulderrig. An einem klaren Tag kannst du dich aus einem Fenster im Obergeschoss lehnen und meilenweit gucken. Über die Bäume hinweg bis zu dem Flickenteppich aus Feldern und Weiden in der Ferne, gespickt mit kleinen, weiß leuchtenden Häusern. An einem klaren Tag kannst du die Bucht sehen und die ein- und auslaufenden Fischerboote und die Hummerkörbe auf dem Kai und die Möwen, die über ihnen am glasigen Himmel kreisen.

Shauna Burke steht in der großen Höhle von Küche und hat einen Fuß aufs Abtropfbrett gestellt, um sich an der Spüle mit dem Rasierer ihres Daddys die Beine zu rasieren. Sie kann es nicht erklären, aber als sie MrsCauley ins Bett brachte, hat sie eindeutig eine Veränderung in der Luft gespürt. MrsCauley hat es auch gemerkt, und sie war abscheulich. Es dauerte Stunden, bis sie endlich Ruhe gab, nachdem sie ein Glas Pernod nach dem anderen verlangt und Shauna gebeten hatte, ihre gute Perücke auszukämmen und ihr die wunden Beine dick einzucremen.

Shauna trägt kaum mehr als ihren Schlüpfer, weshalb ihr der Anblick von Tadhgs breitem Gesicht direkt an der Fensterscheibe einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie schnappt sich ein Tischtuch, um sich zu bedecken.

»He, Shauna, ich hab einen Gast für dich«, brüllt Tadhg durch die geschlossene Tür.

»Ich hab zu.«

»Ach komm, sei nicht so. Du hast Platz, und der Mann ist hundemüde.«

Shauna würde Tadhg am liebsten mit dem Brotmesser erstechen. Sie öffnet die Tür, hält sich das Tischtuch vor den Busen und schaut Mahony finster an.

»Ist das mein Gast?«

»Ja, ist er«, sagt Tadhg mit einem begeisterten Nicken.

»Können Sie bezahlen?«

»Ja, kann er.« Tadhg schiebt Mahony in die Küche. »Setz Teewasser auf, Shauneen. Er ist von der Reise erledigt. Was macht MrsCauley?«

»Die nervt.«

»Ach, die Arme ist leidend.«

»Wem sagst du das.«

Shauna hat etwas von einem Kaninchen an sich, weich und kompakt, mit hellbraunem Haar und rosa geränderten Augen. Sie bewegt sich auch wie eines, mit raschen Bewegungen und kurzen, benommenen Pausen. Mahony findet es angenehm, sie zu beobachten, und sein dunkler Blick folgt ihr durch die unordentliche Küche. Shauna ist jung, etwa Anfang zwanzig, aber von ihrem Verhalten her könnte sie deutlich älter sein. Sie hantiert hektisch und brummelnd vor sich hin und gibt bei allem, was sie tut, spitze Bemerkungen von sich oder stöhnt plötzlich auf. Sie hat das Tischtuch gegen ein Kleid ausgetauscht, und sie hat sich die Haare hochgesteckt. Ihr Gesicht wirkt sauber geschrubbt. Ein praktisches Gesicht: verantwortungsvoll, gehetzt und sehr, sehr müde. Sie stellt mit einem vielsagenden Blick einen Aschenbecher neben Tadhgs Ellbogen. Tadhg achtet nicht auf sie, er hat es sich am Ende des Tischs mit der Whiskeyflasche bequem gemacht. Mahony sitzt am anderen Ende mit einer Tasse in der Hand. Mitten auf dem Tisch, zwischen leeren Marmeladengläsern und Stapeln verstaubtem Porzellan, leckt sich eine rot getigerte Katze unbekümmert den Hintern.

»Ich bin beim Frühjahrsputz, Tadhg.«

»Du solltest mal sehen, wie sauber es bei der Witwe ist, einfach göttlich.«

»Hör mir bloß mit der auf, Tadhg. Eine verbitterte alte Hexe reicht mir für heute.«

Tadhg lächelt milde und erzählt Mahony, dass MrsCauley sowohl Shaunas bester Gast als auch ihr größter Fluch ist. MrsCauley ist der festen Überzeugung, dass sie einmal die wunderbarste Schauspielerin war, die je die Bühne des Abbey Theatre beehrt hat. Und war sie nicht auch die Muse einer Vielzahl von kolossal talentierten Schriftstellern und Dichtern? Sie ist vor mehr als zwanzig Jahren im Rathmore House aufgetaucht, als Shaunas Mammy es als erstklassiges Hotel für Lachsfischer betrieb, und lebt seitdem hier. MrsCauley hat viele Jahre sehr gutes Geld bezahlt, dem es zu verdanken war, dass das Rathmore House noch immer ein dichtes Dach hat, ein Feuer im Kamin und Scheiben in den meisten Fenstern. MrsCauley war selbst dann geblieben, als der Qualitätsstandard des Hauses nachließ, nachdem Shaunas Mammy mit einem Gast nach England abhaute, woraufhin Shaunas Daddy sich vor Kummer wie ein Einsiedler in seine Werkstatt zurückzog, wo er Märchen liest und mit einem britischen Akzent mit sich selbst spricht.

»Hör auf zu lügen.« Shauna schlägt mit einem Geschirrtuch nach Tadhg. »Mammy ist in Coventry und hilft Tantchen, die an Angina leidet. Und an dem Qualitätsstandard hier ist nichts auszusetzen.«

Tadhg zwinkert, zieht sich ächzend an der Tischkante hoch und verabschiedet sich von den beiden.

»Kann er noch fahren? Er ist hackevoll.«

»Er wird überleben, wenn er bei Annie Farelly vorbeifährt und nicht noch versucht, auf einen Absacker bei ihr reinzuschauen. Der Ärmste, die Frau ist uneinnehmbar.«

Mahony grinst. »Schön, dann bringen Sie mich doch bitte zu Bett, Shauna.«

Shauna ermahnt Mahony, im Flur leise zu sein, damit MrsCauley, die in der Bibliothek residiert, nicht aufwacht. In seiner Glanzzeit war das Rathmore House sicherlich imposant; sein Knochenbau raunt noch immer von guter Herkunft. Die Decken sind hoch und die Räume elegant, aber das Haus ist von Feuchtigkeit und vom Schwamm befallen. Holzwürmer singen in den Fußbodenleisten und Motten lümmeln in den Vorhängen. Mäuse amüsieren sich in den Gästezimmern, wo sie die Bettwäsche zerfressen, in den Waschbecken Rutschpartien veranstalten und an der Seife knabbern.

Sie haben fast die Treppe erreicht, als eine Stimme in die Diele hallt und über den verblichenen Teppichboden rollt. Es ist eine Stimme, die daran gewöhnt ist, Talsohlen zu durchschreiten, Mauern zu überspringen und Türklinken zum Öffnen zu bewegen.

»Ist da jemand bei dir, Shauna?«

»Nein, MrsCauley.«

Shauna legt eine Hand auf Mahonys Arm, damit er nicht weitergeht, doch er ist bereits im Bann der Sprecherin gefangen. Es spielt fast keine Rolle, was die Stimme sagt; Mahony würde auf jeden Fall stehen bleiben und ihr lauschen.

»Bin ich etwa bescheuert?«

»Nein, MrsCauley.«

»Dann herein mit wem auch immer.«

»Hier ist keiner.«

»Wenn ich mich extra aus dem Bett quälen muss…«

»Schon gut, ich bring ihn rein.« Shauna sieht Mahony an. »Sagen Sie kurz Hallo, sonst lässt sie mir keine Ruhe.«

Mahony folgt Shauna durch eine schwere Tür, die mit einem Schirmständer voller Gehstöcke einen Spalt aufgehalten wird. Dahinter bilden geschickt gestapelte Bücher, Illustrierte, Fachzeitschriften und Zeitungen einen Korridor. Manche Stapel sind hüfthoch, andere hingegen erreichen gut drei Meter Höhe. Shauna bleibt stehen, um eine Verwehung von Broschüren aufzuheben. Sie stopft sie in die Ritzen zwischen den Stapeln.

»Das hier war mal ein schönes Zimmer, ehe sie daraus ihre Höhle gemacht hat.« Shauna deutet nach oben zu den dicken Spinnweben, die in den Lücken zwischen den Büchern hängen.

Der Geruch ist so stark, dass Mahony ihn schmecken kann; zäh und klamm kriecht er ihm in Nase und Mund, legt sich hinten auf die Zunge und fängt an, ihm die Kehle zuzukleben. Es ist der Geruch von einer Million angemoderter Druckseiten, von tausend halb zerfallenen Einbänden, von einem Universum toter Wörter.

»Sie nennt es ihr ›literarisches Labyrinth‹«, sagt Shauna und kickt eine Lawine Drehbücher beiseite. »Ich nenn es eine einzige große ›Stolperfalle‹.«

Sie kommen auf eine Lichtung. Ein Bett, umringt von einer niedrigen Büchermauer, steht vor vorhanglosen Verandatüren. Der Nachthimmel ist in den oberen Scheiben gefangen.

Das Bett aus dunklem Holz ist furchtbar überladen mit Schnitzereien. Am Kopfende steht ein toter Mann, der sich seinen Hut an die Brust hält. Der Tote schaut Mahony aus großen, schwerlidrigen Augen an. Mahony sieht die ausgehungerten hohlen Wangen und den traurig herabhängenden Schnurrbart. Der Tote hebt unmerklich die Brauen, dann senkt sich sein Blick wieder auf den Boden.

Eine Leselampe wirft ein Gespinst aus Licht über die Frau im Bett: Sie ist sehr alt und kahlköpfig und greift nach einer Perücke, die über dem Bettpfosten hängt. Sternbilder aus Altersflecken mustern den wächsernen Schädel.

»Warten Sie, bis ich präsentabel bin, Besucher. Ich präpariere eine ansehnliche Fassade.«

Sie rückt die Perücke mit einiger Mühe zurecht, und dann erklingt darunter eine übertrieben tönende Stimme. »Kommt.«

Mahony tritt näher und ist baff, dass ein solcher Körper eine solche Stimme beherbergen kann. Mit einem Seidenkimono bekleidet, die Beine halb verhüllt von der Bettdecke, ist die Achtung gebietende MrsCauley nicht größer als ein Kind. Im Gegensatz zu ihrem geblähten Bauch ist ihre Brust erschreckend eingefallen. Der gerundete Unterleib verleiht ihr zusammen mit den langen, sehr dünnen Armen das Aussehen einer harmlosen geriatrischen Spinne.

»Na, das nenn ich mal ein Gesicht«, flötet MrsCauley. »Nimm Platz, mein Hübscher.«

Sie schenkt Mahony ein beunruhigendes Lächeln, das Zähne zum Vorschein bringt, die an eine Reihe zerbombter Häuser erinnern. »Du bist ein gut aussehender Kerl.«

Shauna schiebt einen Stapel zerbröselnder Notenblätter von einem Schemel und reicht ihn Mahony. »Er bleibt aber nur ein paar Tage.«

»Er bleibt länger, Schätzchen. Los, geh und hol mir eine Scheibe Toast, leicht gebräunt mit einem Stückchen Butter.«

»Sie haben doch eben erst zu Abend gegessen.«

»Bin ich hier zahlender Gast, oder was? Mach schon, setz deine dicken Stampfer in Bewegung.«

Shauna schnalzt verärgert mit der Zunge und verschwindet in dem Labyrinth.

MrsCauley schiebt sich in eine sitzende Position. »So, jetzt können wir reden. Du kannst ihr nicht trauen, der falschen Schlange. Das Mädchen klaut dir glatt die Augen aus dem Kopf. Mir sind etliche persönliche Dinge abhandengekommen, seit ich hier bin. Smaragdbesetzter Schmuck und Geldscheine und dergleichen. Ich hatte eine entzückende Fuchsstola mit Glasaugen. Die ist auch weg.«

»Wieso ziehen Sie nicht aus?«

Mrs