Heilige und andere Tote - Jess Kidd - E-Book
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Heilige und andere Tote E-Book

Jess Kidd

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Beschreibung

Bridlemere – ein herrschaftliches Anwesen im Westen Londons, das seine besten Tage bereits gesehen hat. Hier haust mutterseelenallein Cathal Flood. Einst Antiquitäten- und Kuriositätenhändler, ist er längst zu einem Messie verkommen. Sein Sohn hofft, ihn auf Dauer in ein Altenheim verfrachten zu können. Die Neueste in der endlosen Reihe erfolgloser und unterbezahlter Sozialarbeiter, die Cathal nun zur Räson bringen soll, ist Maud Drennan. Unter den wüsten Beschimpfungen des Alten zieht sie beherzt gegen Dreck und Müll zu Felde. Doch trotz aller Unerschrockenheit ist ihr Bridlemere unheimlich. Überall im Haus scheinen verschlüsselte Botschaften zu warten. Wie das Foto von zwei Kindern, auf dem das Gesicht des Mädchens weggebrannt ist. Hat Flood eine Tochter? Wieso weiß niemand von ihr? Und warum hasst er seinen Sohn so sehr? Auch der Tod seiner Frau gibt Fragen über Fragen auf. Maud würde am liebsten alle bedrückenden Hinweise ignorieren. Doch ihre leicht bizarre Vermieterin Renata, die für ihr Leben gern Detektivin spielt, und eine Horde marodierender Heiliger, die nur Maud sehen kann, wittern längst ein Verbrechen.

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Seit dem Tod seiner Frau und den ewigen Streitereien mit seinem Sohn vertreibt Cathal Flood jeden, der sich ihm nähern will. Einst Antiquitäten- und Kuriositätenhändler ist er längst zum Messie verkommen. Sein Sohn hofft, ihn auf Dauer in ein Altenheim verfrachten zu können. Die Neueste in der Riege erfolgloser und unterbezahlter Sozialbetreuer, die Cathal zur Räson bringen soll, ist Maud Drennan. Unter den wüsten Beschimpfungen des Alten zieht sie beherzt gegen Dreck und Müll zu Felde. Doch trotz aller Unerschrockenheit ist ihr Bridlemere unheimlich. Überall im Haus scheinen verschlüsselte Botschaften zu warten. Wie das Foto von zwei Kindern, auf dem das Gesicht des Mädchens ausgebrannt ist. Hat Flood eine Tochter? Wieso weiß niemand von ihr? Und warum hasst er seinen Sohn so sehr? Auch der Tod seiner Frau löst Fragen über Fragen aus.

Maud würde am liebsten alle erdrückenden Hinweise ignorieren. Doch ihre leicht bizarre Vermieterin Renata, die für ihr Leben gern Detektiv spielt, und eine Horde marodierender Heiliger, die nur Maud sehen kann, wittern längst ein Verbrechen.

© Travis McBride

Jess Kidd, 1973 in London geboren, hat einen Großteil ihrer Kindheit an der irischen Westküste verbracht. Sie hat Literatur an der St.Mary’s University in Twickenham studiert. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Der Freund der Toten‹, der auf der Krimibestenliste stand. Die Autorin lebt mit ihrer Tochter in West London.

Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide 1955 geboren, haben Anglistik in Düsseldorf studiert. Seither arbeiten sie als Übersetzerteam und haben u.a. Dave Eggers, Tana French, Andre Dubus III., Harper Lee, Jeanette Walls und Zadie Smith ins Deutsche übertragen.

Jess Kidd

HEILIGE UND ANDERE TOTE

Roman

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

eBook 2018

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel ›The Hoarder‹ bei Canongate, Edinburgh.

© Copyright Jess Kidd, 2018

© 2018 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagillustration: © gisela goppel c/o 2 agenten.com

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-8431-5

www.dumont-buchverlag.de

Kapitel 1

Es ist faszinierend, wie er sich durch sein Gerümpel bewegt. Er lehnt sich richtig hinein, schlingert die Korridore entlang wie ein furchtloser Radfahrer in einer Haarnadelkurve. Er hoppelt und springt über die Täler und Hügel, trabt und hüpft zwischen den Ausläufern und Schluchten seiner unglaublichen Ansammlungen hindurch. Dann und wann stoppt er, um über ein Hindernis zu klettern, und klappt dabei seine langen Beine wie Picknickstühle zusammen. Und die ganze Zeit ragt sein Kinn hoch und nach vorne, und sein Körper hängt darunter, als wäre seine grau gestoppelte Kinnlade über Fäden mit einem unsichtbaren Puppenspieler verbunden. Gleichzeitig streift er mit der Rückseite seiner breiten knorrigen Hände über die unterschiedlichen Oberflächen. Für einen großen Mann und für einen alten Mann ist er recht wendig, wenn er will.

Ich bewege mich ganz anders. Ich stakse, stolpere über Kisten und Berge von angeschimmelten Vorhängen, verheddere mich in Kabeln, bleibe an Hutständern hängen und werde von brünstigen Bügelbrettern attackiert. Ich strauchele über Schallplatten, Bücher, fleckige Decken, speckige Sammlungen von Plastiktüten, Mistgabeln, museumsreife Wäschemangeln, einen Damenlackschuh und einen noch unausgepackten Küchenmixer, der auch raspeln und schälen kann. Und Katzen, Katzen, Katzen.

Alle möglichen Katzen: rotbraun, schwarz, getigert und gescheckt. Katzen, die schlafen, wachen, sich kratzen und sich auf geschundenen Kissen den Hintern lecken, unter umgedrehten Kisten rammeln und auf große Zeitungshaufen kacken.

Ich versuche, nicht allzu genau hinzusehen, aber dauernd springen mir irgendwelche Kleinigkeiten ins Auge. Die zusammengerollte tote Maus in einer Teetasse, das kopflose Zugpferd aus Keramik, das abgetrennte rosa Bein einer Schaufensterpuppe, so was eben. Ich habe nun mal einen Hang zum Morbiden.

Heute Morgen beschäftige ich mich mit Ausgrabungen in der Nordwestecke der Küche. Nach dem Entfernen des neuzeitlichen Oberbodens, bestehend aus einem Stapel Lokalzeitungen von September 2015, trage ich eine historische Schicht nach der anderen ab. Als ich auf ein paar Wettscheine (März 1990) stoße, die am Linoleum pappen, kann ich abschätzen, dass dieses Drecksloch seit mindestens fünfundzwanzig Jahren nicht ausgemistet worden ist. Nach dem Anlegen etlicher Suchgräben habe ich einen Herd ausfindig gemacht und putze jetzt unverzagt dessen Kochfeld.

Ich zähle (bitte mitsingen):

Sieben verdorrte Asseln

Sechs verschrumpelte Spinnen

Fünf Müllsäcke

Vier Rollen Küchenpapier

Drei Spüllappen

Zwei Topfkratzer

Und hochkonzentrierten Haushaltsreiniger.

Ich trage eine Wegwerfschürze, extra feste Gummihandschuhe und eine Gesichtsmaske gegen den Geruch und gegen die Sporen.

Er starrt mich von der Küchentür aus an, MrCathal Flood, einen halben Meter größer als sonst, weil er auf einem Berg ausrangierter Teppichfliesen steht. Das macht ihn zum Riesen, denn er weist ohnehin schon eine stattliche Körpergröße auf: zu einem langen, dünnen, knochigen, schadstoffverseuchten Riesen. Das Augenpaar, das er unverwandt auf mich gerichtet hat, liegt tief in den Höhlen und ist beunruhigend hell: das sehr, sehr helle arktische Blau eines Polarwolfes.

»Sie hatten kein Recht, die Kartons und so weiter wegzuwerfen.« Er spricht langsam und übertrieben laut, als würde er seine Stimme testen. »Meine ganzen Sachen sind weg, und ich hätte sie noch gebraucht.«

Ich drehe mich zu ihm um, atme durch meine Maske wie Darth Vader und zucke mit den Achseln. Ich hoffe, mein Achselzucken vermittelt einen tiefen Respekt vor seinen entsorgten Besitztümern (zwanzig Müllsäcke mit leeren Sardinenbüchsen) sowie das bedauerliche Bedürfnis nach einem praktikablen Leben.

Er kneift seine durchdringenden Augen zusammen. »Sie sind ein kleines Arschloch, was?«

Ich ziehe meine Maske vom Gesicht. »Ich habe Ihren Herd gesucht, MrFlood. Ich dachte, wir könnten mal was Neues ausprobieren, der Mikrowelle eine Pause gönnen.«

Er mustert mich, den Mund vor Boshaftigkeit zusammengepresst. »Ich könnte Sie verfluchen«, sagt er mit einem leicht weinerlichen Unterton in seinem schnodderigen irischen Akzent. »Ich könnte Sie zur Hölle wünschen.«

Tu dir bloß keinen Zwang an, sage ich zu meinem Topfkratzer.

Ich male mit Haushaltsreiniger Herzchen auf die verdreckte Herdplatte und fange wieder an zu schrubben. MrFlood brabbelt auf der anderen Seite der Küche in gebrochenem Irisch vor sich hin.

»Wie nett«, murmele ich. »Sie haben die Stimme eines Dichters, MrFlood. Voll düsterer Vorahnungen und Unheil.«

Ich stoße den Spüllappen unbekümmert in die Ecken des Grills, während MrFlood wieder ins Englische wechselt. Er wünscht mir einen unfruchtbaren Schoß (also in der Hinsicht nichts Neues), dass ich esse, ohne je kacken zu können, Sodomie durch sämtliche Dämonen der Hölle (gleichzeitig und nacheinander), extreme Verengung der Kehle, immerwährende Furunkel in der Leistengegend und eine Ewigkeit in der Hölle mit brennenden Augen.

Dann verstummt er, und ich blicke auf. Er schiebt eine Hand durch die gesponnene Seide seines Haars (weißer Lichtkranz, Magnet für Spinnweben, statisch aufgeladen), klopft es glatt, als wollte er sich präsentabel machen. Dann zieht er seine noch immer dunklen Raupen von Augenbrauen minimal hoch und neigt den Kopf zur Seite. Der Anblick wirkt seltsam charmant; er hat etwas von einem steinalten misanthropischen Eichhörnchen. Sein Mund beginnt zu mahlen, verzieht sich in verkniffenen Verrenkungen, wie ein Bauchredner mit Schluckauf.

»Alles in Ordnung, MrFlood?«

Er holt tief Luft und bleckt seine gelbliche Zahnprothese. Ich begreife, dass er lächelt.

Ich riskiere ebenfalls ein zaghaftes Lächeln.

»Verlieren Sie eigentlich nie die Beherrschung?«, fragt er.

Ich suche in seinem Gesicht nach Anzeichen für einen drohenden Angriff. »Nein, MrFlood, ich hab ein sonniges Gemüt.«

»Ist das nicht großartig für uns beide, Drennan?«, sagt er, steigt mit einem kurzen Klaps gegen die Wand von den Teppichfliesen und schwimmt zurück durch die Diele.

Ich starre auf den feuchten Fleck an seinem Hosenboden.

Ich arbeite seit etwas über einer Woche in MrFloods Haus, und er hat endlich meinen Namen gesagt.

Ich halte das für einen beachtlichen Erfolg.

Sam Hebden, ein Altenflüsterer, der unter großen Kosten von einer besseren Agentur als der unseren hinzugezogen worden war, hat gerade mal drei Tage durchgehalten, ehe MrFlood ihn mit einem Hurling-Schläger vom Grundstück jagte. Ich hatte nicht das Vergnügen, aber soviel ich weiß, war Sam danach ein nervliches Wrack.

Vielleicht hat Biba Morel, die Agenturleiterin, ja doch gut daran getan, uns beide zusammenzubringen: Cathal Flood und Maud Drennan. Bibas kuchensatte Stimme triefte vor Schadenfreude, als sie mich an dem Tag anrief. Ich konnte sie mir lebhaft vorstellen, eingezwängt hinter ihrem Schreibtisch, an einem Eclair nuckelnd. Die Hängebacken wabbelten vermutlich vor Entzücken, während sie ihre Akten durchblätterte und den alchemistischen Zauber wirkte, für den sie bekannt war: geriatrische Nervensägen mit Personal auf Mindestlohn zu paaren. Biba, der Sozialdienst-Amor, in einem Hosenanzug mit Stretchbund und geblümtem Halstuch. Ihre Stimme klang honigsüß vor Freude darüber, wieder einmal eine fabelhafte Beziehung zwischen Klient und Sozialbetreuerin zu vermitteln.

Ich hörte kaum zu, doch hätte ich richtig aufgepasst, hätte ich folgende Worte mitbekommen: wird besser bezahlt, anspruchsvoll, übergriffig, Messie und Gemeinsamkeiten. Ich hätte durchaus eingeräumt, dass MrFlood und ich, beide aus Irland, nicht nur die Liebe zu Fiddle-Musik und gemütlichen Abenden am Kamin teilen, sondern auch den unerschütterlichen Glauben an die Böswilligkeit von Feen. Ganz zu schweigen von der angeborenen nationalen Fähigkeit, jeden unter den Tisch zu trinken, während wir in sanfter Melancholie von der verlorenen wilden Schönheit unserer Heimat träumen.

Jetzt jedoch, beim Anblick der Szene vor mir, gerät mein Optimismus ins Wanken.

Sogar die Toilette in MrFloods imposanter, bröckelnder, schauriger Müllhalde ist bombastisch. Halb Ballsaal, halb Höhle, mit einer prächtigen Pferdetränke von Waschbecken aus schwarzem Marmor und gut einen Meter hohen Wandleuchtern mit flackernden Flammen aus Glas. Ein altertümlicher Blechspülkasten hängt hoch über einem monumentalen Klosett – ein Meisterwerk aus geriffelter Keramik. Die Farbpalette dieses Raums ist gnadenlos unverträglich: Die Wände sind in einem grässlichen Torfton gestrichen, und die Fliesen sind blau-schwarz-grün geädert wie ein überreifer Schimmelkäse. Dort, wo ich den Boden gefegt habe, ist das Linoleum mit braunen Rauten gemustert, die an uralte akkurate Blutflecken erinnern.

In einer Ecke treibt eine arm- und beinlose Barbiepuppe auf einem Ozean aus Imbisspackungen. Ihr Lächeln ist ein Bild heiterer Standhaftigkeit. Ich frage mich, ob sie zu einer Art Kunstinstallation gehört, wie die abstrakte expressionistische Scheiße, mit der die Wand ebenso bespritzt ist wie der Tassenständer, der in der Kloschüssel steckt.

Vielleicht sollte ich diese Arbeit auf einen anderen Tag verschieben. Vielleicht auf niemals.

Ein leises Grummeln verrät mir, dass MrFlood draußen auf dem Flur herumgeistert. Er beobachtet mich schon den ganzen Nachmittag, versteckt hinter gestapelten Kisten und ausgeweideten Kleiderschränken, während ich in meiner Plastikwegwerfschürze durchs Haus knistere.

Ich bin sicher, er heckt irgendwas aus.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er einen Aktenschrank vor die offene Tür zieht. Er macht es sich darauf bequem, bringt dabei seine aus zahlreichen Schichten bestehende Kleidung durcheinander und klappt die langen Gliedmaßen zusammen wie ein alter verächtlicher Kranich.

Dann: »Ich habe nachgedacht, Drennan.«

»Wie schön für Sie, MrFlood.«

Dann: nichts.

Ich werfe einen Blick in seine Richtung und warte. Er starrt nach unten auf seine Hände, die auf den Knien liegen, also betrachte auch ich sie. Handteller so groß, dass sie eine Melone umfassen können, Finger, die schlank und geschickt aussehen: die Finger eines Pianisten oder Chirurgen. Verschmierte Farbe am Knöchel eines Handgelenks und lange, gebogene Nägel, dick wie Horn. Er trägt etliche karierte Hemden übereinander, jedes mit vollgestopften, aufgesetzten Taschen, sodass es aussieht, als hätte er gleich mehrere schiefe Brüste. Ein Wollschal ist nachlässig um seinen Kopf gewickelt. An den Füßen trägt er ein Paar spitze Schuhe mit Kordel als Schnürsenkel. Allein die Schuhspitzen sind einen Meter lang. Sie biegen sich vorne hoch, mit all der angespannten Bedrohlichkeit eines Skorpionschwanzes.

Ich setze meine Schutzbrille auf und wende mich wieder der Toilette zu, ziehe hastig den Tassenständer aus der Schüssel. Ich halte die Luft an, während ich ihn in drei Müllbeutel packe, verknote dann die Tragegriffe miteinander und mache mich bereit für die Reinigungsoffensive.

»Maud Drennan.« Er sagt meinen Namen langsam, als würde er ihn kosten, auf der Zunge zergehen lassen. »Da stecken Sie also mit dem Kopf im Klo. Würden Sie wohl da rauskommen, damit ich mit Ihnen reden kann?«

Das ist doch mal ein Anfang: Er will reden.

Ich ziehe an der Kette des altmodischen Spülkastens. Rostfarbenes Wasser kommt herausgerauscht.

»Worüber möchten Sie denn reden, MrFlood?«

»Das Haus: Wie finden Sie es?«

Ich schiele zu ihm hoch. Er hat einen pervers verspielten Ausdruck im Gesicht, als hätte er einer Spinne die Beine auf einer Seite rausgerupft und würde jetzt zusehen, wie sie im Kreis krabbelt.

»Das Haus ist prächtig.«

Er kneift die Augen zusammen. »Es verunsichert Sie, genau wie ich Sie verunsichere. Das merke ich Ihrem verkniffenen kleinen Gesicht an.«

»Mein Gesicht ist weder verunsichert noch verkniffen, MrFlood.«

»Ich mache Sie nervös.« Seine Stimme wird sanft. »Lügen Sie mich nicht an, Drennan. Ich kann es in Ihren Augen sehen.«

»Bilden Sie sich bloß nichts ein«, knurre ich in die Kloschüssel.

Er sitzt eine Weile schweigend da, dann, noch sanfter: »Sie haben schöne Augen. So braun wie eine frisch aufgeplatzte Kastanie.«

Ich spritze WC-Reiniger unter den Rand.

»Oder ein polierter Walnussholztisch.«

Ich schrubbe los.

»Im Licht haben sie einen bernsteinfarbenen Schimmer, wie edler Cognac.«

Ich schrubbe fester.

»Ich hatte eine jüngere Schwester mit Augen genau wie Ihre«, sagt er. »Auf zehn Schritt Entfernung ließen sie das Herz eines Burschen schneller schlagen, und auf fünf hatten sie es erobert. Augen, in denen ein Mann ertrinken konnte. Wie warmer Sirup.«

Ich richte mich auf und werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Er schaut mich bloß ernst an und lutscht andächtig an seiner Prothese, ohne den geringsten Anflug eines Grinsens.

»Natürlich war es ein Wunder, dass sie überhaupt Augen hatte«, sagt er. »Wenn man bedenkt –«

»Wenn man was bedenkt?«

Er holt Zigarettenpapier und einen Beutel Tabak aus einer der Brusttaschen und legt sich beides auf die Knie. Er mustert mich durchtrieben. »Wollen Sie wissen, was die Augen meiner Schwester mit einem Wunder zu tun haben?«

Ich zucke halbherzig mit den Achseln, was nicht unbedingt bedeutet, wende mich wieder dem Spülkasten zu und ziehe an der Kette, um irgendwas zu tun. Aber es ist zu früh: Der Mechanismus scheppert, und nichts passiert. Ich muss noch warten.

Auch MrFlood wartet. Mit ruhigen geübten Bewegungen fängt er an, sich auf seinem langen Oberschenkel eine Zigarette zu drehen. Seine großen Hände sind behutsam, geschickt. Ich versuche, nicht hinzuschauen. Er leckt flink den gummierten Streifen am Blättchen an, kneift den überschüssigen Tabak von der Spitze ab und klemmt sich die Zigarette zwischen die Lippen.

»Mit den Wespen hat alles angefangen.« Er zündet die Zigarette an und nimmt einen Zug.

»Wespen?«

Er pustet den Rauch aus. »Es ist eine tolle Geschichte. Wollen Sie sie hören?«

»Ist es eine lange Geschichte?«

»Überhaupt nicht.« Er lächelt mich listig an, seine blauen Augen leuchten. »Als kleiner Junge war ich für jede Mutprobe zu haben.«

»Was Sie nicht sagen.«

»Ich habe alles gemacht, wenn einer gewettet hat, dass ich mich nicht trauen würde. Ich habe einem toten Frosch in den Bauch gebissen, dem Priester vor die Haustür gekackt und eine Nacht auf dem Grab der unheimlichen MrsGillespie geschlafen.«

»Das haben Sie alles gemacht?« Ich überlasse den Spülkasten sich selbst, klappe den Klodeckel herunter und setze mich drauf.

»Oh ja. Ich war ein Satansbraten.«

Ich muss unwillkürlich lachen.

Auch er lacht entzückt. »Also, eines Tages haben die Kinder in der Nachbarschaft gewettet, dass ich es nicht wagen würde, auf den Baum in MrsClancys Garten zu klettern und auf das Wespennest einzudreschen, das da hing. Es war das größte Nest, das je einer gesehen hatte. Jahrelang war es ungestört immer größer geworden, eine dicke gewundene Beule.«

MrFlood macht eine Kunstpause und zieht wieder an seiner Zigarette. »MrClancy hatte MrsClancy schon ewig versprochen, sich um das Nest zu kümmern. Aber jeder wusste, dass er panische Angst vor Wespen hatte, weil er einmal beim Pinkeln an einer Hecke vorn in seinen Dödel gestochen worden war.« MrFlood spreizt die Beine und zeigt nachdrücklich auf den schlaffen Schritt seiner Hose.

»Ich weiß, was ein Dödel ist, MrFlood.«

Der Spülkasten gibt ein scheußliches Glucksen von sich, als würde er lachen.

MrFlood grinst. »Dann ist ja gut. Eines Tages sprach sich herum, dass Cathal Flood es mit den Wespen der Clancys aufnehmen würde. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als mit einem Strick und einem kräftigen Stock bewaffnet rüber zu den Clancys zu gehen.«

Einen langen Augenblick sitzt er da und lächelt seine Knie an. »Jedes Kind in der Nachbarschaft kam angelaufen, um zuzusehen, wie ich auf den Baum kletterte. Schwups war ich oben und konnte mir das Nest aus der Nähe anschauen.« Er runzelt die Stirn. »Da waren sie, diese fetten, langen Biester. Flogen rein und raus, krabbelten übereinander, die Ärsche prall vor Gift.«

Über mir läuft ein nervöses Rinnsal Wasser durch das Rohr nach unten.

»Aber ich blieb standhaft und stupste das Nest mit meinem Stock an. Die Kinder unten grölten und hüpften vor Aufregung, als die Wespen aufwachten und anfingen, aus dem Nest zu schwirren.«

Er beäugt mich angriffslustig. »Was ich dann tat, war todesmutig. Ich stellte mich aufrecht auf meinem Ast hin und verpasste dem Nest einen kräftigen Schlag. Es löste sich vom Stamm wie eine faulige Blase, fiel runter und landete auf der Erde mitten zwischen den Kindern, die in alle vier Ecken des Gartens flüchteten. Alle starrten wir verblüfft das Nest an.« MrFlood zögert, blickt mich erwartungsvoll an, wartet auf die Frage.

»Warum? Was war denn da?«, frage ich.

MrFlood beugt sich vor, die Augen weit aufgerissen. »Nichts.«

»Nichts?«

»Ganz genau«, sagt er. »Es passierte nichts. Das Nest lag einfach da. Eingedellt, aber intakt. Und still. Es gab keinen Pieps von sich. Also gingen die Kinder näher ran. Und nichts passierte. Also gingen sie noch näher ran. Und noch immer passierte nichts.«

»Waren die Wespen tot?«

Ein Lächeln umspielt seine Lippen. »Ich sprang aus dem Baum, und alle scharten sich um mich, und wir debattierten, ob ich auf das Nest treten oder es anzünden sollte. Und da hörte Ruth es.«

»Hörte was?«

Er sieht aus, als würde er es genießen. Er hat die Stimme dafür: klangvoll. »Während wir noch debattierten, war meine kleine Schwester zu dem Nest getapst und hatte sich auf die Erde gehockt. Sie hielt den Kopf ans Nest und lauschte. Wissen Sie, was sie gehört hat?«

Ich nicke langsam.

»Ein tiefes, wütendes Surren. Das Geräusch von unzähligen empörten Wespen«, sagt er. »Arglos, wie sie war, hob Ruth das Nest auf. Sie wiegte es in den Armen und fing an, ihm ein Schlaflied vorzusingen.«

Er zündet seine Selbstgedrehte wieder an, schnippt die Asche in eine kaputte Suppenschüssel. »Ich hatte natürlich nichts davon mitbekommen, denn inzwischen war ein Streit ausgebrochen. Ich war nicht bereit, mich noch weiter mit dem Nest zu befassen, aber die Kinder waren gekommen, um ein waghalsiges Spektakel zu sehen. Ich wollte mich gerade darauf einlassen, eine Wespe zu essen, ohne den Stachel natürlich, ich war ja schließlich kein Vollidiot, als eines der Kinder mich am Ärmel zupfte und entsetzt auf etwas im Garten zeigte.«

Ich hocke jetzt auf der Kante des Klodeckels. Auch der Spülkasten ist gebannt; er hält das Tröpfeln ein. »Worauf denn?«

MrFlood zieht die Stirn kraus. »Auf Ruth. Sie saß auf der Erde, nicht größer als ein Milcheimer. Ihr Gesicht eine einzige Maske aus wütenden Insekten.«

Ich schüttele den Kopf.

Er beugt sich vor, die Stimme gepresst vor Abscheu. »Sie schwärmten um sie herum. Kein Laut kam aus Ruths Mund, der wie im Schrei geöffnet war, nur Wespen krabbelten rein und raus.«

»Ach, du Scheiße«, flüstere ich.

»Die Wespen fingen an, sich auszubreiten, bedeckten sie hundertfach, wuselten, wimmelten über ihren Körper. Im Nu war von ihr nur noch ein kleiner ausgestreckter Finger zu sehen.« Er ahmt Ruths Pose mit einem alten Hornnagel-Finger nach.

Und da fällt mir auf, wie unglaublich überzeugend er ist, die hellen Augen voller Gefühl und einen bekümmerten Ausdruck um die Hängebacken.

»Dann, Gott steh mir bei, habe ich gehandelt, Drennan. Ich nahm meinen Stock und schlug die Viecher von ihr weg. Die anderen schauten entsetzt zu, waren hinter Mauern und Bäumen in Deckung gegangen. Aber ich wich nicht von der Stelle und drosch, einen Arm vor dem Gesicht, auf die Wespen ein, bis Ruth zur Seite kippte und die Clancys schreiend in den Garten gerannt kamen.«

Er streicht sich mit einer Hand über die tief gerunzelte Stirn. »MrClancy versuchte, mich wegzuziehen, und MrsClancy versuchte, eine Decke über Ruth zu werfen, aber ich schlug wieder und wieder mit meinem Stock zu.«

Ich merke, dass ich die Klobürste umklammere. Ich lege sie hin.

Er betrachtet mich mit ernster Miene. »Und dann, und das schwöre ich bei Gott, flogen die Biester auf einmal in einer großen wütenden Wolke auf und schwirrten davon, hinaus aufs Feld. Ich ließ den Stock fallen, warf mir Ruth über die Schulter und trug sie, ohne nachzudenken, zur heiligen Quelle.«

»Heilige Quelle?«

»Eine Pferdetränke an der Straße, die aus dem Ort führte, aber ihr wurde nachgesagt, besondere Kräfte zu haben.« Er sieht mich an. »Gott segne Irland, wie es früher war. Wenn sich Wasser in einer Teetasse sammelte, hieß es, es habe Heilkräfte. Unsere Quelle war bestens geeignet, Skrofulose zu heilen.«

»Skrofulose?«

»Fünf Meilen die Küste runter war ein Teich, der bei Rachenkatarrh Linderung verschaffte. Ich lief die Straße hoch, warf meine Schwester in die Tränke und drückte sie unter Wasser.« Er runzelt die Stirn. »Falls sie überhaupt noch Augen im Kopf hatte, so konnte ich sie nicht sehen. Ihr Gesicht war eine einzige aufgequollene Masse, vollgepumpt mit Gift. Ihr kleiner Arm trieb nach oben und aus dem Wasser, als würde sie mir zuwinken, obwohl ich sicher war, dass sie tot war.«

Er blickt auf den Zigarettenstummel, der vergessen zwischen seinen Fingern klemmt. Er holt sein Feuerzeug heraus. »Aber die Heiligen haben an dem Tag zugeschaut, und das Wasser in der Tränke war wahrhaft heilig. Als ich Ruth nämlich aus dem Wasser hob, holte sie tief Luft und brüllte los. Und ich sah, dass das Kind keinen Kratzer hatte. Keinen Stich. Keine Schwellung. Ich zog ihr die Kleidung aus und drehte sie im Kreis. Und bei Gott, sie drehte sich zitternd vor meinen Augen und war ein vollkommen unversehrtes kleines Mädchen.«

»St.Gobnait«, murmele ich.

St.Gobnait mit dem hellen Haar und dem gelassenen Gesicht, wunderschön in ihrem goldenen Gewand mit Diadem. Sie lächelt auf die freundliche Biene hinab, die auf ihrem Finger gelandet ist. Ich schaue mich um, erwarte fast, sie am Waschbecken lehnen zu sehen, aber sie ist natürlich nicht da. Kein vernünftiger Heiliger würde in dieses Haus kommen.

MrFlood runzelt die Stirn. »Was?«

»Eine von den Heiligen, die zugeschaut haben, dürfte St.Gobnait gewesen sein. Eigentlich ist sie die Schutzpatronin der Bienen, aber sie war bestimmt auch bei Wespenstichen eine große Hilfe.«

Er sieht verdutzt aus. Ich hab einen Stein in seine Geschichte geworfen, der Wellen geschlagen und das Bild getrübt hat.

»Ruth hat also überlebt?«, frage ich.

Er nickt. »Aber sie war nie wieder dieselbe. Sie hatte sich verändert. Sie fing an, mit sich selbst zu reden.« Er blickt mich mit einem schwachen, schiefen Lächeln an. »Sie sagte, sie würde mit den Toten sprechen.«

»Den Toten?«

Der Spülkasten gibt ein hohles Gluckern von sich.

MrFlood blickt zerstreut zu ihm hoch. »Mammy ging mit ihr zum Priester, und Daddy sagte, er würde ihr die Flausen schon austreiben, aber Ruth plapperte weiter vor sich hin. Bis ich ein ernstes Wort mit ihr sprach und ihr sagte, wenn sie ihre Kindheit überleben wollte, müsste sie ihre Fähigkeiten für sich behalten.«

»Und hat sie das?«

»Ja. Von da an ist Ruth jedes Mal, wenn der Drang sie überkam, nach draußen geschlichen und hat im Flüsterton mit dem Zaunpfahl gesprochen. In gewisser Weise ist also alles gut ausgegangen.«

»In gewisser Weise«, sage ich ausdruckslos.

»Aber die größte Veränderung lag in ihren Augen, und das konnte Ruth nicht verbergen.« Er lächelt mich an. »Die schimmerten irgendwie schwermütig, hatten eine Art tragischen Glanz, wie Perlen, verstehen Sie?«

Irgendetwas regt sich tief in meinem Herzen, so geschmeidig und unheilvoll wie eine alte Schlange, die sich im Sand windet. Mir stockt der Atem, meine Nerven spannen sich an.

Ich schlage einen bewusst heiteren Ton an. »Nicht wie Kastanien?«

Ein versonnener Ausdruck legt sich auf MrFloods Gesicht. »Wissen Sie, wie Perlen entstehen? Ein winziges Sandkorn dringt in die Muschel, nistet sich an der weichsten Stelle ein.« Er drückt die Fingerspitzen in die hohle Hand. »Die Auster umschließt den Störenfried, um ihn zu glätten, erträglich zu machen.«

Ich kann nichts sagen.

»Eine Perle ist eine ewige Träne«, flüstert er vor sich hin. »Ein umhüllter Schmerz.«

Ich starre ihn an.

»Desgleichen finden sich die hübschesten Augen in den Köpfen von Frauen, die gelitten haben.« Er lächelt. »In ihrem strahlenden Kern liegt eine Verletzung. Wie gesagt, Drennan, Sie haben schöne Augen.«

Der Spülkasten gurgelt nervös, und ich rufe mir in Erinnerung, dass dieser alte Mann keine Ahnung hat, welche Verletzung in meinem strahlenden Kern liegt. Schluss mit seinen Erinnerungen, den Fingerspitzen, die sich in die Handfläche bohren, dem gemurmelten Unsinn. Er hat keinen Schimmer, was er da sagt.

»Bleiben Sie bei der Geschichte, MrFlood«, sage ich.

Er kneift die Augen zusammen. »Aber Sie haben vielleicht eine bessere …?«

»Wenn ja, würde ich sie Ihnen nicht erzählen.«

»Gut gekontert.« Er lächelt. »Ich war also der Grund dafür, dass Ruth dem Tode nahekam, gerettet wurde, lernte, ihre Verrücktheiten für sich zu behalten, und schöner wurde.«

»Und Sie waren der Grund dafür, dass das Nest überhaupt aus dem Baum gefallen ist und die Wespen sie fast getötet haben.«

»Kann passieren. Übrigens, Ruth hat vorhergesagt, dass ich Mary heiraten würde.«

Der Spülkasten meldet sich mit einem fröhlichen Wasserschwappen. Ich schiele zu ihm hoch.

»Ihre Frau?«

Er nickt. »Obwohl meine Schwester kein Zweites Gesicht gebraucht hätte, um darauf zu kommen.«

»Wieso nicht?«

MrFlood zögert. »Mary hatte feuerrotes Haar, wie die Sonne, wenn sie im Herbst untergeht. Tochter eines Farmers, aber wie geschaffen für den Salon. Man wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie nicht schon immer eine Lady war, eine Königin, eine schöne Helena.«

»Sie müssen sie sehr geliebt haben.«

Sein Körper erstarrt. »Muss ich das?«

»Sie müssen sie vermissen.«

Brauen senken sich über funkelnden blauen Augen. »Muss ich das?«

»Sie sind jetzt schon länger allein, nicht wahr?«

»Haben Sie meinen Scheißbetreuungsplan überhaupt gelesen?« Er verfällt in einen wütenden Singsang. »MrCathal Flood, Künstler im Ruhestand, Maschinenbauingenieur und Kuriositätenhändler, lebt allein in seiner herrschaftlichen, denkmalgeschützten viktorianischen Villa.«

»Aber Sie haben einen Sohn. Der ist doch sicher ein Trost für Sie, oder?«

»Was wissen Sie über meinen Sohn?«

»Das, was ich im Betreuungsplan gelesen habe.«

Er stockt, das Gesicht ein Bild der Entrüstung. »Spucken Sie es aus.«

»Dr.Gabriel Flood, Dozent für Theaterwissenschaften und aktives Mitglied der West Ealing Choral Society.«

»Dr.Gabriel Flood ist ein Klugscheißer.«

Ich runzele die Stirn. »Der bis zu MrFloods Unterbringung in einem geeigneten Seniorenheim großen Wert darauf legt, dass sein Vater mit der bestmöglichen Betreuung in Bridlemere wohnen bleibt.«

MrFlood lächelt säuerlich. »Eine Unterbringung, die sich als schwierig erweisen wird, weil der alte Saubär mit Ärger biblischen Ausmaßes gedroht hat – Verschmieren von Exkrementen, Brandstiftung und Zerstörung –, falls er in ein Seniorenheim gesteckt wird.«

»Davon steht nichts in Ihrem Betreuungsplan. Dann haben Sie also nicht vor, in ein Seniorenheim zu ziehen, MrFlood?«

»Nicht, solange ich noch ein Loch im Arsch habe«, sagt er.

Er wirft mir einen angewiderten Blick zu, während er seine Gliedmaßen in einer Reihe von Zuckungen auseinanderfaltet. Er hievt sich auf die Beine, sortiert Knochen und Gelenke. Setzt seinen großen wackelnden Kopf obendrauf, Kinnlade vorgeschoben, die Brauen finster gesenkt.

Er ist schon halb den Korridor hinunter, als ich es ausspreche.

»Ich bin sicher, Ihr Sohn will nur das Beste für Sie, MrFlood.«

Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit, in einem einzigen wimpernschlagschnellen Satz, kommt er zurück durch die Tür und steht vor mir.

Voll aufgerichtet ist seine Größe beängstigend.

Er ist der Langbogen eines Riesen: Körper gestrafft, jede Sehne zittert vor Anspannung. Er zeigt zu mir runter, zielt mit dem Pfeil seines Zeigefingers zwischen meine Augen.

»Arschloch«, zischt er.

Er geht rückwärts aus dem Raum, den Finger noch immer auf mich gerichtet, senkt den Arm und verschwindet den Flur hinunter. Hinter ihm sacken Haufen von Gerümpel in sich zusammen und kippen um.

Ich überlege, ob ich mich aus dem Staub machen soll. Ich setze mich auf den Klodeckel, während ich darüber nachdenke, traue meinen Beinen noch nicht so ganz wieder. Über mir rauscht Wasser durch die Rohre, eine jähe Flut ergießt sich in den Spülkasten, als hätte sie mit angehaltenem Atem gewartet.

Dann passiert nacheinander Folgendes: Die Toilettentür knallt zu, ein leises Ächzen ertönt tief im Spülkasten, Klopapier entrollt sich selbst auf dem Boden.

Ich schaue zu der arm- und beinlosen Barbie hinüber. Sie blickt alarmiert, trotz des einnehmenden Lächelns.

Ich durchquere den Raum fast im Laufschritt, drücke die Klinke hinunter und stelle fest, dass die Tür abgeschlossen ist.

Die Wandlampen lassen plötzlich ihre Wolframfäden aufleuchten. Sie brennen hell, dimmen dann herunter.

Ich warte, halte noch immer mit flatterndem Herzen die Klinke umfasst, zähle rückwärts und dann in kleinen panischen Zahlenskalen wieder aufwärts.

Oben an der Wand beginnt die Abdeckung des alten Spülkastens zu hüpfen wie ein Deckel auf einem brodelnden Topf, und Wasser sprudelt über. Es folgt ein heftiges Zischen wie der Pfiff aus dem Druckkessel einer Dampflok. Wasserstrahlen spritzen schwallartig aus den Verbindungsstellen der Rohrleitungen. Ich presse mich gegen die Tür. Im hohen Bogen peitschen Wasserfontänen aus dem Spülkasten. Sie schleudern hoch und sacken zusammen, drehen sich und fallen herab wie losgelassene Springseile.

Das Wasser in der Kloschüssel fängt an, hin und her zu schwappen.

Die Hähne am Waschbecken machen mit, öffnen sich mit einem metallischen Knirschen, speien Wasser. Im Nu ist das Becken voll, läuft über und ergießt seinen Inhalt auf den Boden.

Ich schaue zu, wie eine Milchflasche (jawohl, eine Milchflasche) aus der Tiefe des Waschbeckens auftaucht. Sie kreiselt träge auf der Stelle, als wollte sie, im vollen Bewusstsein ihres unerklärlichen Erscheinens auf der Bühne, dem Publikum Zeit lassen, sich an sie zu gewöhnen. Dann stürzt sie sich entschlossen in einer Wasserkaskade über den Beckenrand, schlittert über das nasse Linoleum und stupst sachte seitlich gegen meinen Sportschuh.

Die Sturzbäche kommen so plötzlich zum Stillstand, wie sie begonnen haben. Der letzte Wasserstrahl aus dem Spülkasten, der mitten in der Luft verharrt hat, fällt herab, besprenkelt das Linoleum mit kleinen Tropfen. Das Waschbecken läuft leer.

Der Raum ist still bis auf gelegentliches verschämtes Tröpfeln und zerknirschtes Glucksen und verlegenes Plätschern. Als wäre den Rohrleitungen ihr Ausbruch peinlich.

Hinter mir öffnet sich die Tür der Toilette.

Die Milchflasche ist altmodisch, oben behelfsmäßig mit Alufolie zugeklebt. Darin ist nur ein Foto. Ich trockne meine Hände und die Flasche und nestele das Foto heraus.

Zwei Kinder stehen Hand in Hand neben einem kunstvollen Springbrunnen. Die Steinnymphe in der Mitte des Brunnens beobachtet sie mit träger Neugier, während sie so tut, als würde sie der Muschel lauschen, die sie sich ans Ohr hält. Das Wasser im Becken sieht fest aus, dunkel. Eiszapfen hängen an der abgestuften Umrandung. Die kahlen Zweige der Büsche im Hintergrund sind mit Frost überzogen.

Der Junge starrt mürrisch in die Kamera. Höchstens vier, das Gesicht durchscheinend blass und die Haare leuchtend rotbraun.

Das Mädchen ist größer, etwa sieben, und hat kein Gesicht. An der Stelle ist ein Loch durch das Foto gebrannt worden. Die Ränder geschmolzen, wulstig, wie von einer Zigarette.

Eine Armee von Spinnen marschiert über meine Kopfhaut. Ich fühle mich verflucht, nur weil ich das Foto in der Hand halte. Tu’s weg, sage ich mir.

Aber das mache ich nicht. Ich betrachte das krause Haar, das die Stelle umgibt, wo ihr Gesicht sein müsste: gelbbraunes Haar, unnatürlich hell im Gegenlicht der untergehenden Wintersonne. Ich betrachte die Lackschuhe der Kleinen und ihre Beine in einer roten gemusterten Strumpfhose und ihren dunkelblauen Mantel. Ihre Fußspitzen sind nach innen gedreht, berühren einander.

Ich drehe das Foto um. Auf der Rückseite steht etwas. Das erste Wort ist durchgestrichen, eine Reihe von tief eingedrückten Kreuzen. Lesbar ist:

Xxxxxxxxxx und Gabriel, Bridlemere, 1977.

Ein Artefakt wurde an mein Ufer gespült, hat sich bemerkbar gemacht.

Wieso mein Ufer?

Mein Ufer ist ein fremdes, unwirtliches Terrain. Es ist von Felsen umzingelt und abweisend und beherrscht von sonderbaren, unergründlichen Gezeiten.

Ein anderer Mensch, in einer anderen Zeit, hat sein Vertrauen in das Unbekannte gesetzt – in mein unsichtbares Ich. Er hat seine Nachricht aufgerollt und in eine Flasche gesteckt und gehofft, dass sie ankommt. Jemand hat gesendet: Ich habe empfangen.

Wäre es respektlos, sie wieder zum Strandgut zurückzuwerfen und von jemand anderem finden zu lassen?

Würde ich das wagen? Bei all der irrwitzigen Masse an Schrott hat das Haus mir ausgerechnet das hier zukommen lassen.

Das Foto liegt auf meiner flachen Hand, biegt sich an den Seiten hoch wie ein Wahrsagefisch. Es sagt mir etwas Schlimmes voraus, da bin ich mir sicher.

Kapitel 2

Ich haue nicht ab, ganz im Gegenteil. Ich gehe in die Küche, schließe die Tür, klemme einen Stuhl unter die Klinke und suche mir eine schwere Eisenpfanne aus. Ich teste ihr Gewicht in der Hand und stelle sie griffbereit auf den Resopaltisch.

Ich bin von Berufswegen verpflichtet, MrFlood ein nahrhaftes Abendessen zuzubereiten. Dann kann ich abhauen.

Heute mache ich ihm eine Pastete aus Rindfleisch, Nieren und Kartoffeln. Zum Nachtisch gibt es Götterspeise mit Mandarinen. Meine Vermieterin Renata Sparks meint, ich sollte MrFloods Geld einstecken und ihm Hundefutter und Cracker servieren. Ich erkläre ihr, dass ich einen gewissen beruflichen Stolz daraus beziehe, jeden Morgen einen leer gegessenen Teller vorzufinden. Außerdem sieht der alte Mann schon deutlich weniger kränklich aus, zwar immer noch ausgemergelt, aber um die Augenhöhlen herum schon ein bisschen voller. Renata lacht schnaubend über mich.

Überdies muss ich sein Katzenrudel füttern, bevor ich verschwinde.

Ich habe sie alle nach großen Schriftstellern benannt. Hemingway hat ein halbes Ohr und miaut aufreizend, Dame Cartland ist eine umgängliche Perserkatze mit verfilztem Hinterteil, und Burroughs, mürrisch und hinterhältig, faucht argwöhnisch in den Ecken. So allmählich kommen sie, wenn ich sie rufe. Sie streichen mir um die Beine und verpassen mir beulige Sternbilder aus Flohbissen.

Das eine oder andere Mal verharre ich, weil ich etwas an der Tür höre: ein schwaches Rufen, ein Kratzen, vielleicht nicht von den Katzen. Das eine oder andere Mal greift meine Hand nach der Pfanne. Doch letztlich ist es falscher Alarm. Jetzt, wo ich der Toilette unten entflohen bin, rufe ich mir Folgendes in Erinnerung:

1. Bekanntlich gibt es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde usw. usw., aber selten sind ihre Methoden so unmittelbar oder verständlich.

2. Ich habe Biba Morels Haftungsklausel nur überflogen, aber wenn ich sie genauer studiert hätte, wären mir die Formulierungen amtliche Durchsuchung, Sprengfallen, raffinierte Mechanismen, polizeiliche Warnung aufgefallen.

3. Schnelle Reflexe und schweres Kochgeschirr können das Blatt in nahezu allen verzweifelten Situationen wenden.

Ich erledige den Abwasch in einem ruhigen, gleichmäßigen Tempo, ziehe meine Jacke an und schließe den hinteren Eingang hinter mir ab. Ich unterdrücke das Verlangen loszurennen und schreite bedächtig den Gartenweg hinunter. Ich beglückwünsche mich selbst, als ich das Tor in einer gelassenen und beherrschten Gangart erreiche, und trete hinaus auf die Straße.

Und hole tief Luft.

Hier fühlt sich der Bürgersteig unter meinen Füßen sicher an, nichts schwankt oder rutscht weg. Hier sind die Gerüche einfach, unkompliziert: Busabgase, der schwindende Hauch einer Zigarette. Nicht der starke, strenge, überwältigende, ekelerregende Gestank von jahrzehntelang gehortetem Abfall, einem ungewaschenen alten Mann, einhundert Katzen, der Scheiße von einhundert Katzen und den gedeihlichen Überresten eines verrotteten Gartens.

Es ist komisch, wie Menschen und Sozialbetreuer sich anpassen. An meinem ersten Tag dachte ich, der Mief in MrFloods Haus würde mir den Rest geben. Am Ende meiner Schicht konnte ich ein Feigenröllchen essen, solange ich durch den Mund atmete.

Aber ich habe mich nicht an die Beklommenheit gewöhnt, die mich befällt, wenn ich in den Bus zur Arbeit steige, oder an die Bangigkeit, die mit jedem Schritt auf dem Weg von der Haltestelle zu MrFlood wächst, oder an das Grauen, das mich erfasst, wenn ich über die Schwelle seines Hauses trete.

Ich blicke durchs Tor zurück auf Bridlemere. Von der Straße aus ist es eine dunkelgrüne Wand, ein Wald aus Leyland-Zypressen, die um Dornröschens Schloss herum in die Höhe ragen.

Der einzige Weg hinein führt jetzt durch das hintere Tor, vorbei an Schuppen und anderen halb verfallenen Nebengebäuden. Einen Pfad entlang, der gesäumt wird von Fahrradwracks, zerfetzten Matratzen und ausgebauten Autobatterien. Verlässt du den Pfad, kommst du angeblich in einen ummauerten Garten mit einem Eishaus, einem alten Ziehbrunnen und einem Torhaus mit Bogenfenstern. Bleibst du auf dem Pfad, gelangst du zur Rückseite des Hauses mit dem Wintergarten rechter Hand. Eine Miniatur-Glaskathedrale voller Spitztürme und Bogen, die Scheiben weiß von Tünche-Wirbeln und grün bemoost. Die unteren Fenster des Hauses sind blickdicht gemacht worden: mannshoch mit Zeitungen zugeklebt oder die Klappläden geschlossen. Eine Eisentreppe führt zur hinteren Tür, zur Küche, zum Wirtschaftsraum und zur Vorratskammer.

Das Haus hat vier Stockwerke, und das oberste ist ein Belvedere, eine lange verglaste Galerie, die mir, sollte ich sie je betreten, Aussicht auf ganz London bieten würde. Von da oben würde ich die Tragflächenspitzen der Flugzeuge sehen, die in Heathrow landen, oder die Masten der Schiffe in Greenwich. Von da oben würde ich den Wachwechsel vor dem Buckingham Palace sehen können oder wie eine Taube auf die Nelsonsäule kackt.

Linker Hand führt ein schmaler Pfad weiter zur Vorderseite des Hauses, wo sich zwischen wild wucherndem Gestrüpp und gärenden Müllsäcken noch immer eine Einfahrt erahnen lässt. Sie umschließt ein Wasserbecken mit einem Springbrunnen, wo eine Nymphe mit Moos in den Ritzen und Spalten verwittert.

Die Stelle, wo 1977 zwei Kinder standen, eines mit Gesicht und eines ohne. (Ich schaue in meiner Handtasche nach. Das Foto ist da, steckt fürs Erste wieder aufgerollt in der Flasche.)

Die Nymphe hält sich noch immer eine Muschel ans Ohr, tut so, als würde sie lauschen. Zu ihren Füßen tummeln sich Steinfische mit Glupschaugen, und unsägliche Teichgeschöpfe dümpeln im Wasser voller Algen, einer schlammigen Suppe. Sie blickt gelangweilt zur Veranda hinüber, als warte sie darauf, dass die Bewohner des Hauses herauskommen, was sie nicht tun, da die Tür mit Lackfarbe zugeklebt ist. Geh die breite, flache Treppe hinauf und späh durch den Briefschlitz – geht nicht: Er ist zugenagelt.

In Bridlemere hat das Licht einen Unterwassereffekt, einen grünlichen Schimmer von den hohen Bäumen rings um das Haus. Auch der Klang ist anders, Geräusche werden leiser, sodass der Verkehr draußen kaum zu hören ist. In Bridlemere gibt es nur den Müll, der langsam in sich zusammensinkt, das Schleichen von Katzen und, wenn er nicht aus vollem Halse brüllt, die leisen Bewegungen von MrFlood oder die Stille seiner Reglosigkeit. Manchmal auch eine Art gedämpftes Rascheln, eine Art Flüstern. Als würde ein Häufchen Blätter aufgeweht oder ein Gebet geraunt, hastig und verzweifelt, knapp außer Hörweite.

In Bridlemere zaudert die Zeit und weicht zurück, hustend und schlurfend. Hier verwest Geschichte lautlos, und Eleganz welkt höflich vor sich hin.

Trotz alledem wirkt das stille Haus nicht friedlich, denn immer ist da das ominöse Gefühl, beobachtet zu werden, ein unstetes zielloses Gefühl. Als würden nicht nur Katzen deine Bewegungen verfolgen, als würden namenlose Augen dir bei allem, was du tust, auf die Finger schauen.

In Bridlemere verschwinden Gegenstände und tauchen irgendwo anders wahllos wieder auf. Legst du deine Armbanduhr auf die Fensterbank, findest du sie an einem Haken der Anrichte wieder. Schau kurz weg, und die Teekanne, die du auf den Tisch gestellt hast, steht nun auf einem Regal in der Vorratskammer.

In Bridlemere erschrecken Katzen vor nichts und flüchten fauchend mit gesträubten Nackenhaaren und angelegten Ohren durch den Flur. Oder aber sie reiben sich schnurrend an leerer Luft.

In Bridlemere bauen Spinnen Netze wie barocke Kunstwerke. Sie hängen überall im Haus wie verschlüsselte Warnungen.

Doch es ist nicht ratsam, zu viel darüber nachzudenken.

Sam Hebden hat zweifellos zu viel darüber nachgedacht, und deshalb hat Bridlemere ihn nervlich zerrüttet. MrFloods versuchte Körperverletzung mit dem Hurling-Schläger hat ihm den Rest gegeben; das Haus wird Sam vorher schon fertiggemacht haben.

Sam Hebden war ein hochqualifizierter Sozialbetreuer mit Zusatzdiplom im Bereich »Konfliktbewältigung in der Altenpflege«. Er musste nicht eingearbeitet werden, warf lediglich einen Blick auf die Risikoanalyse. Er arbeitete allein. Manche sagten, Sam war ein großer Mann mit einem Haarknoten auf dem Kopf wie ein Samurai. Manche sagten, er fuhr eine Ducati und hatte eine Kobra auf den Hals tätowiert. In Wahrheit hatte nur Biba ihn je gesehen, und sie sprach seinen Namen leise und mit mühsam beherrschter Begeisterung aus. Sam war die menschliche Verkörperung eines erfolgreich umgesetzten Betreuungsplans. Er war unangreifbar.

Dann kam er nach Bridlemere.

Dann war er weg.

Vielleicht ist er auf sein Motorrad gestiegen und nach Hause gefahren. Vielleicht ist er mit Schaum vor dem Mund und von empfindungsfähigem Müll faselnd in eine psychiatrische Einrichtung eingeliefert worden.

Wer weiß?

Es ist nicht ratsam, Sam Hebdens Schicksal auf die leichte Schulter zu nehmen. Arbeitsbedingungen wie hier hat es zuletzt vor 150Jahren gegeben. Ganze Tage gefangen in einem Labyrinth aus Gerümpel, dazu ein gestörter alter Knacker, der jeden Augenblick einen Tobsuchtsanfall kriegen kann, mit klapperndem Gebiss und Speichel sprühenden Hängelippen und allem, was dazugehört. Dem heutigen Tag nach zu urteilen ist er mit seinen langen Beinen trotz seines Alters dermaßen flott unterwegs, dass ich ihm nicht entwischen könnte. Mein einziger Schutz sind ständige Wachsamkeit und die Bereitschaft, einem Achtzigjährigen kräftig in den Hintern zu treten.

Als ich das Tor schließe, nehme ich eine jähe Bewegung im Garten wahr. MrFlood taucht mit dem Kinn voran zwischen den Büschen auf. Er wirft einen lauernden Blick zur hinteren Tür und humpelt quer über den Pfad, in den Händen einen Strick und eine Saugglocke. Ich danke den Heiligen im Himmel, dass ich lebend da rausgekommen bin.

Ich danke nicht speziell St.Dymphna (Harmonie in der Familie, Wahnsinn und Ausreißer), obwohl sie matt schimmernd draußen vor dem Tor auf mich wartet wie an den meisten Tagen. Sie kaut auf dem Zopf herum, der unter ihrem Gesichtsschleier hängt. Das macht sie immer, wenn ihr langweilig ist. Es verleiht ihr einen nachdenklichen Ausdruck, und die Spitzen ihrer unsichtbaren Haare werden davon ganz borstig. Als St.Dymphna mich sieht, reißt sie in gespielter Überraschung die Augen auf und bekreuzigt sich leicht spöttisch. Vor dem grünen Hintergrund der Hecke von Bridlemere leuchtet sie und ist wunderschön. Sie wird immer mit blondem Haar gemalt, dabei ist sie dunkel. Sie hat Ähnlichkeit mit einer sehr jungen Kate O’Mara, bloß dass sie durchsichtig ist und lebensüberdrüssig wirkt (was sehr verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Dymphna sich mit vierzehn Christus weihte und mit fünfzehn starb).

Ich ignoriere sie in der Hoffnung, dass sie sich einfach auflöst, aber sie lüftet ihr Gewand ein wenig und folgt mir. Ich höre das leise Klatschen und Trotten ihrer Sandalen. Sie ist mal wieder in ihre lustlose Gangart verfallen, das erkenne ich am Geräusch.

St.Dymphna setzt keinen Fuß nach Bridlemere. Sie weigert sich, weiter als bis zum Tor zu kommen. Das einzige andere Mal, dass sie sich so vehement gegen etwas gesperrt hat, war auf einem Ausflug zum Wachsmuseum in Dublin. Sie meinte, das Museum wäre zu verdammt heidnisch für ihren Geschmack. Sie würde es auf keinen Fall betreten, obwohl sie furchtbar gern die Wachsfiguren von Wolfe Tone und de Valera gesehen hätte. Sie flog aufs Museumsdach und wartete da oben bei den Tauben, ließ zwischendurch unsichtbare Spucke auf die Köpfe von Besuchern fallen. Beim Anblick von Bridlemere kneift St.Dymphna die Augen zusammen und saugt zischend Luft durch die Zähne ein, wie ein Klempner, der einem erklärt, dass der Durchlauferhitzer nicht mehr zu retten ist.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle schaue ich über die Schulter zu ihr nach hinten. Sie schlendert durch Kinderwagen und Abfalleimer hindurch. Sie geht schnurgerade auf jeden Fußgänger zu und durch ihn hindurch. Ich sehe, wie die Leute frösteln und sich umschauen, als wäre ihnen ein Schauer über den Rücken gelaufen. Es ist kein angenehmes Gefühl. Ich habe es selbst erlebt.

An der Haltestelle holt St.Dymphna mich ein und schnippt ihren Schleier hoch. »Was hast du da?« Sie zeigt auf meine Handtasche. »Da drin?«

»Eine Flaschenpost, die in der Toilette im Erdgeschoss angespült worden ist. Unter seltsamen Umständen.«

St.Dymphna setzt eine finstere Miene auf. »Hör auf.«

»Fast wie ein Spuk.«

»Hör. Auf. Verdammt noch mal.«

St.Dymphna spuckt gern große Töne: dunkel blitzende Augen und strafende Sprüche, schmollend und aufbrausend und herausfordernd. Aber eigentlich hat sie panische Angst vor allem, was ungewöhnlich ist oder übermäßig profan oder anrührend oder unangenehm. Der Tod macht ihr Angst, ebenso Leute, die todkrank oder deprimiert sind oder laut weinen. Sie fürchtet sich vor der Dunkelheit und vor geschlossenen Räumen und traut sich höchstens mal in eine Nische. Außer Dudelsackmusik, Geschichten über sie selbst und unanständigen Limericks gibt es nur sehr wenig, was St.Dymphna mag.

»Ich hab das Gefühl, dieser Job bringt mich um«, sage ich mehr zu mir selbst als zu ihr.

»Jobs sind sehr gefährlich.« Sie schließt die Augen. »Enttäuschung, Lungenkrankheiten, Langeweile, Stress, Sinnlosigkeit, Selbstmord, Herzinsuffizienz, Desillusionierung, Diabetes, Schlaganfälle.«

»Und woher willst du das wissen?«

Sie zuckt mit den Schultern, hält die Augen geschlossen.

»Dann bin ich in Bridlemere also in Gefahr?«

Sie öffnet die Augen. »Wie zum Teufel soll ich das wissen?«

Wir warten schweigend auf den Bus.

Als sie weiterspricht, ist ihre Stimme müde. »Beruflich oder spirituell?«

»Beides. Eins von beidem.«

»In dem Haus?« St.Dymphna spitzt die Lippen. »Was glaubst du denn wohl?«

»Dann sollte ich den Job besser schmeißen?«

»Tu, was du willst. Ich würde jedenfalls machen, dass ich wegkomme.«

»Wieso?«

Sie zögert.

»Was ist in dem Haus? Geister? Dämonen?«

Sie verdreht die Augen. »So was gibt’s nicht.«

»Bloß der verknöcherte alte MrFlood und seine Katzen?«

Sie sagt nichts.

»Na los, gib mir einen Tipp«, sage ich. Ich klopfe auf meine Handtasche. »Dieses Foto –«

»Frag bloß nicht.«

Wir stehen eine Weile schweigend da.

»Die zwei sehen aus wie Geschwister.« Sie deutet mit einem flattrigen Arm auf meine Handtasche.

»Und woher willst du das wissen? Eines hat gar kein Gesicht.«

St.Dymphna stellt sich einem Mann in den Weg, der einen billigen Anzug trägt und eine Einkaufstüte in der Hand hält. Er strauchelt leicht, als er durch sie hindurchgeht, als wäre er über ein Loch im Bürgersteig gestolpert. Er schaut sich um, sieht mich kurz mit gehetztem Blick an. Dann marschiert er weiter die Straße hinunter und hält seine Tüte ein bisschen fester umklammert.

St.Dymphna hat eine erfreute Miene aufgesetzt. »Es ist die Art, wie sie dastehen, meine ich, für das Foto posieren.«

»Wie stehen Geschwister denn?«

»Ach, keinen Schimmer.« Sie inspiziert die Spitze ihres zerkauten Zopfs. »Als wären sie Teile derselben Möbelgarnitur. Ohne sich irgendwie wahrzunehmen, wie ein Tisch und eine Lampe.«

»Im Betreuungsplan steht nur ein Kind, der Junge, Gabriel. Die Floods hatten nur den einen Sohn.«

»Und in dem Betreuungsplan steht jede verdammte Kleinigkeit? Was ist denn mit dem ganzen Mist, den eine Familie lieber weglässt?«

Autos fahren vorbei, aber es kommt kein Bus.

»Die vielen Leichen im Keller meinst du?«

»Ich hab dich gewarnt.« Sie rückt gereizt ihre Krone zurecht. Die sprüht Funken und leuchtet ein wenig heller an den Stellen, wo die Fingerspitzen sie berühren. St.Dymphna hat keinen sichtbaren Heiligenschein, aber bei Dämmerlicht sieht man manchmal, wenn ihr Schleier nach hinten rutscht, ein sanftes Leuchten, das von ihrem Mittelscheitel aus strahlt.

»Dann sollte ich also nicht wieder hingehen?«

St.Dymphna verdreht die Augen. »Herrje, ich hab doch gesagt: Tu, was du willst.«

Ich klopfe auf die Flasche in meiner Handtasche. »Was, wenn das hier ein Hilferuf ist?«

»Na wenn schon«, murmelt sie.

»Es ist schon seltsam, ein kleines Mädchen, dessen Gesicht aus einem Foto rausgebrannt wurde.«

Sie zieht sich ihren Schleier um die Ohren. »Ich will das nicht hören, klar?«

»Was, wenn es einen Grund dafür gibt, dass ich das Foto gefunden habe?«

»Was denn für einen Grund? Hör auf damit«, sagt sie. »Vergiss es.«

»Aber vielleicht braucht jemand meine Hilfe.«

»Du wirst bloß einen Haufen Ärger machen. Wie schon einmal.«

Ich starre sie an.

Kapitel 3

Es gibt ein Foto, das ganz vorne in einem Buch liegt, unter alten Mänteln und Schulzeugnissen, auf dem Boden des Koffers oben auf meinem Kleiderschrank. Zwei Mädchen in Sommerkleidern am Strand. Beide haben Gesichter und Namen. Dreh das Foto um, und es steht nichts auf der Rückseite, aber folgende Fakten sind mir bekannt:

Namen (von links nach rechts): Deirdre Drennan,Maud Drennan

Ort: Pearl Beach, County Donegal

Datum: Juli oder August 1989

Dieses Foto wurde nicht aufgerollt in einer Milchflasche in einem Waschbecken in der düsteren Höhle eines alten Messies in West London gefunden. Seine Auffindung war weit weniger ungewöhnlich, aber ebenso unerklärlich. Die Polizei entdeckte das Foto auf der Straße nach Ballyshannon in Jimmy O’Donnells Auto, unter dem Beifahrersitz.

Es ist so normal und kompliziert wie jeder Familienschnappschuss.

Ein junges Mädchen, gerade mal fünfzehn, steht auf einer von Sanddünen gesäumten Uferpromenade. Sie lehnt sich gegen das Geländer, die Hüfte vorgestreckt, ohne ein Lächeln auf den Lippen. Neben ihr steht ein kleineres Mädchen von mindestens sieben Jahren. Sie hat sich die Haare hinter die Ohren gestrichen, und sie lächelt unsicher. Beide haben braunes Haar, und sie tragen die gleichen weißen Sandalen. Ansonsten deutet vom Aussehen her kaum etwas auf ihre Verwandtschaft hin. Es ist ein warmer und windstiller Tag. Ich erkenne das daran, dass das Gras auf den Dünen um sie herum aufrecht steht, und sie haben nicht den spröden Gesichtsausdruck von Menschen, die bis auf die Knochen durchgefroren sind.

Ich habe keine Erinnerung daran, dass das Foto gemacht worden ist. Eigentlich könnte es gar nicht gemacht worden sein, weil wir an dem Strand den ganzen Sommer über sonst keine Menschenseele gesehen haben.

Er war ein wilder, leerer Ort, dieser Strand. Ein Ort, wo der Ozean den Himmel berührte und die Seevögel schrien und im unendlich weiten Blau ihre Kreise zogen. Die Dünen waren drei Stockwerke hoch oder nicht größer als ein Maulwurfshügel, gewaltige alte Wellenbrecher oder neue kleine Buckel. Es war ein Ort mit treibendem Sand, singendem Sand, sinkendem Sand, festgedrücktem Sand, wie geschaffen, um darauf zu rennen. Sand, der einen Glanz hatte, ein gewisses Schimmern im richtigen Licht (Mondlicht, Sternenlicht, Morgenlicht). Ein langer, halbmondförmiger, hinreißender Strand, sogar sein Name war magisch: Pearl Beach.

Meine Schwester sagte, bei Ebbe könnte man bis nach Amerika zu Fuß gehen, so weit zogen die Wellen sich zurück. So weit, dass die Seesterne vergaßen, dass es je einen Ozean gegeben hatte, und vor Schreck erstarrten. So weit, dass die Meeresalgen sich auf den Felsen vor Sehnsucht trocken weinten.

Pearl Beach war ein Ort großer Schönheit und großer Heimtücke.

Du musstest wissen, wo du hintratest, in welche Richtung es nach Hause ging und wo du Schutz suchen konntest, wenn der Wind peitschte. Die Gezeiten waren unbeständig, und das Wetter konnte urplötzlich umschlagen. Manchmal ließ der Wind nach und versteckte sich hinter den Dünen, manchmal trieb er den Sand verspielt in hüpfenden Wölkchen vor sich her. Manchmal entfachte er mächtige Stürme, die dir den ganzen Strand entlang den Hintern scheuerten. Wirbelnde helle Nadeln kratzten dir über Wangen und Arme und Beine. Verschlossen dir Augen und Ohren und Mund, stöpselten sie zu.

Du konntest dich in die Höhlen flüchten. Es waren keine freundlichen, einladenden Höhlen. Es waren schmallippige, finstere Spalten. Du musstest dich hineinzwängen und geduckt durch eiskalte Felstümpel platschen, über einen Boden, der gefährlich rutschig war oder so scharfkantig, dass du dir die Füße dran aufschneiden konntest. Du konntest Gängen mit wellenkammartigem Sand zu feuchten, geheimen Orten mit strengen, salzigen Gerüchen folgen – den Achselhöhlen des Meeres!

Manchmal fandest du den leeren Thronsaal einer Meerjungfrau mit Felsen, in denen der Fischschwanzhintern Mulden hinterlassen hatte, und einer Decke, die mit Napfschnecken wie mit Sternen besprenkelt war. Manchmal fandest du die salzige Speisekammer der Meerjungfrau, übersät mit zerstückelten Krebsen und ausgefransten Seilen und einmal einem gestrandeten Fisch ohne Augen.

Zehn Schritte weiter konnte sich die Höhle zur Größe einer Kathedrale weiten. Ein hallendes Meisterwerk, entstanden durch die wilde Liebe des Meeres, mit Felsvorsprüngen und Rillen und einem ganzjährigen mineralischen Winter.

Bloß, in dem Sommer war der Zutritt zu den Höhlen verboten, sagte Deirdre.

Kapitel 4

Ich schaffe es selten die Treppe rauf in meine zweckmäßige Wohnung in der falschen Gegend von Whitton, ohne dass meine Vermieterin wie ein New-Age-Schmetterling aus ihrem Kokon im Erdgeschoss auftaucht. Wobei, sie taucht eigentlich nicht richtig auf, sie saugt vielmehr mit ihrer dick gepuderten Rüsselnase durch einen Türspalt witternd die Luft ein.

Ich habe den Versuch, mich an ihr vorbeizuschleichen, längst aufgegeben. Das absichtlich rostig belassene Gartentor kündigt meine Rückkehr mit durchdringendem Lärm an. Was dann folgt, ist ein gut einstudierter Tanz. Ich gehe den Weg entlang. Sie klopft mit einem Finger voller Ringe ans Küchenfenster. Ich nicke höflich, aber gedankenverloren, oder ich senke den Kopf und haste weiter. Das Ergebnis ist immer gleich: Das Küchenfenster wird aufgerissen, und Renatas Stimme ertönt mit samtener Autorität.

»Maud, Darling, komm doch rein.«

Jedes einzelne Wort gleitet in Plüsch gehüllt über ihre Lippen. Ausgesprochen in dem präzise modulierten, perfekt intonierten Akzent, der normalerweise nur noch in den Archiven der BBC zu finden ist. Die Sprache, mit der »Rule, Britannia« bei der Last Night of the Proms angestimmt wird: eine geschliffene, kanonendonnernde, die Wellen beherrschende, sonore Nachdrücklichkeit. Eine Nachdrücklichkeit, die Renata bei Streitigkeiten mit dem Stromableser einsetzt. Ich habe schon gesehen, wie er zurückwich, das Gesicht verzog und sich mit instinktiver Standesunterwürfigkeit verbeugte.

Man sollte es nicht für möglich halten, dass sie aus Rotherhithe stammt.

Während ich um das Haus herumgehe, sehe ich Renata hinter der Milchglasscheibe des Badezimmerfensters auf und ab hüpfen. Wenn ich die Haustür erreiche, steht sie schon da, mit betrübter Miene und in einen Kaftan gehüllt.

»Maud, Darling, komm doch rein.«

Ich habe nichts dagegen. Renatas Heim liefert das Gegenmittel zu MrFloods apokalyptischer Verwahrlosung, das meine eigene Wohnung nicht bietet. Bei Renata ist das Geschirrtuch gebügelt und der Teppich in geraden Linien geharkt. Renata hat mir einmal erzählt, dass ihre Schwester Lillian nur durch Hausarbeit ihre Liebe zum Ausdruck bringen kann. Lillian kommt zweimal die Woche, um ihre Zuneigung zu demonstrieren, und dann streiten sie sich so lange, bis Lillian angewidert die Tür hinter sich zuknallt und die Wäsche mitnimmt.

Ich folge Renata in die Diele. Die Straßenschuhe, die sie nie wieder tragen wird, stehen aufgereiht auf einem Regal. Die zwei Kultfiguren ihres Lebens, Jesus Christus und Johnny Cash, schauen von der Wand herab und spenden ihren zweifelhaften Segen.

Jesus Christus offenbart sein heiliges Herz: eine klar gespülte Kugel aus sakralem Licht. Seine Augen sind gnädig und sanft, und seine hellen Locken fallen weich auf die gewandeten Schultern.

Johnny Cash offenbart nichts: Sein Gesicht ist übellaunig. Er spitzt die Lippen gegen die Achterbahnfahrt des Lebens mit ihrer moralischen Unbeständigkeit, Verdammnis und der schwindenden Hoffnung auf Erlösung.

Wir glauben an Cash.

»Ich habe Teewasser aufgesetzt. Kommst du auf eine Tasse herein?« Renata macht ihre Augen, die ohnehin schon theatralisch groß sind, mit einem katzenhaften Strich Eyeliner entlang der oberen Wimpern noch größer.

Renata bevorzugt die »Mehr ist mehr«-Haltung, wenn es um Make-up geht, das aber kunstvoll aufgelegt ist. Es ist das Make-up, das sie während ihres gesamten Arbeitslebens trug, lediglich abgewandelt, um eine Art Freizeit-Filmdiva-Look zu erzeugen. Es ist nicht natürlich, aber es steigt eine Haltestelle vor der Endstation Dragqueen aus, wie sie sich ausdrückt. Renatas größte Angst unter all ihren anderen großen Ängsten ist, ohne Make-up im Gesicht zu sterben. Sollte sie je einen Unfall haben oder einen Herzinfarkt erleiden, soll ich sie schminken, noch bevor ich den Krankenwagen rufe, obwohl Renata fürchtet, dass das Endprodukt eher an Pablo Picasso denn an Vivien Leigh erinnern wird.

Sie zieht einen Ärmel hoch und zeigt auf die Stelle, wo ihre Armbanduhr wäre, wenn sie eine praktische Existenz führen würde, die von etwas anderem als vom Mond und von ihren Launen beherrscht wird. »Hast du ein bisschen Zeit?«

Ich habe immer Zeit. »Setz dich schon mal. Ich gieß den Tee auf.« Ich streife meine Sportschuhe ab und nicke Johnny Cash respektvoll zu.

Sie runzelt die Stirn. »Was ist mit den fuchsroten Zwillingen? Ich meine, wenn du den Tee aufgießt, den jemand anders vorbereitet hat? Das Risiko, rothaarige Babys zu bekommen?«

Ich habe ihr jeden Aberglauben der Iren beigebracht, den ich kenne. Sie liebt jeden einzelnen, hat ihn ihrer eigenen Sammlung an skurrilen Überzeugungen hinzugefügt, und jetzt ist das Universum noch launischer und absurder geworden.

Ich nicke weise. »Ein Risiko besteht immer. Hast du die Teeblätter schon in die Kanne getan?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Dann dürfte nichts passieren. Außerdem hab ich schon seit Jahren keinen Mann mehr im Bett gehabt.«

»Und ich hatte noch nie einen Uterus«, sagt sie mit einem übertriebenen Zwinkern und lässt einen Frangipaniduft zurück, als sie durch die Diele davontänzelt.

»Schön für dich.«

Renata hat das Tablett in der Küche vorbereitet. Mir gefällt, dass sie dabei an alles denkt, an das Milchkännchen und die Zuckerzange, obwohl wir beide keinen Zucker nehmen. Als ich mit dem Tablett ins Wohnzimmer komme, lächelt sie mich vom Sofa aus an.

Selbst wenn sie lächelt, strahlt Renata etwas Respekteinflößendes aus, trotz ihrer Wassermann-Seele. Ihre Wagenknochen sind kantig, und ihre dunklen Augen, ein unerwartetes Geschenk von einem portugiesischen Seemann an ihre Mutter, haben eine schwelende teerige Tiefe. In Renatas Augen liegen das Knarren und Schwanken von tausend Schiffen und der Mond auf dem Wasser und das Lied eines traurigen betrunkenen Matrosen.

Unter Freunden zeigt Renata üblicherweise ein schwaches ironisches Lächeln und nicht selten ein freimütiges Grinsen. Bei Fremden erinnert Renatas Miene eher an die eines Henkers oder Vertretungsarztes: wissend, mürrisch und irgendwie verbittert. Ich habe schon so manches zaghafte Lächeln gesehen, das an ihrem düsteren Gesichtsausdruck zerschellte und unterging, denn Renata lächelt nur, wenn sie will, und niemals, um jemanden für sich einzunehmen.

Renata malt ihre Augenbrauen auf, verleiht ihnen den hinreißenden Schwung einer überzeugten Femme fatale. Sie trägt ein Kopftuch straff um die Stirn, die Zipfel am Hinterkopf so verschlungen, dass sie wie der Dutt einer Tänzerin aussehen. Manchmal tauscht sie das Kopftuch gegen einen Filzturban. Gelegentlich setzt sie auch eine Baskenmütze oder einen Fedora auf. Im Gästezimmer hocken drei Perücken auf körperlosen Styroporköpfen. Sie heißen Liza, Rita und Lauren und sind schwarz, rot und blond. Sie werden selten getragen und nur dann, wenn Renata Gäste hat. Ihre Alltagskleidung besteht aus Kaftanen oder Kimonos, weil sie deren legeren Bohemien-Glamour mag. Sie tendiert zu fantastischen Mustern und auffälligen Farben.

Obwohl sie laut Reisepass sechzig ist, gibt Renata höchstens ein Alter von fünfundvierzig zu. Als Lemuel Sewell geboren, arbeitete sie auf dem Bau und trug in ihrer Freizeit Kleider, bis sie 1972 Bernie Sparks in einem Pub in Catford kennenlernte. Sie verbrachte die letzten Jahre von Bernies Leben als dessen Frau, Gespielin und Magier-Assistentin, je nachdem, was gerade verlangt wurde. Für Bernie rasierte sie sich dreimal täglich und gab Freunde, Familie und ihren Namen auf. Bernies Zaubershow garantierte eine lukrative Sommersaison in Ferienlagern und Seebädern. Im Winter hatte Bernie eine Schwäche für Wettbüros. Er soff ganzjährig.

Für einen feingliedrigen Jungen aus Rotherhithe boten Straußenfedern und goldene Stöckelschuhe und zweimal am Abend zersägt werden einen reizvollen Ausgleich. Aber Renata hatte sich ein anderes Leben gewünscht, als Geologin oder holistische Privatdetektivin. Oder gar ein Leben, das beides miteinander verband, in dem sie Vergehen, die mit Edelsteinen zu tun hatten, ganzheitlich lösen durfte.

Renata sagt, dass sie diesen Berufsweg heute einschlagen würde, wenn sie nach draußen gehen könnte. Für einen Freigeist ist Renata arg ans Haus gefesselt.

Ihre Ängste sind in aufsteigender Reihenfolge:

Das Schamhaar von Fremden

Brücken

Tuberkulose an Türklinken

Tollwütige Hunde

Heliumballons

Aufgrund der extrem hohen Wahrscheinlichkeit, mit einem oder allen diesen Faktoren vor ihrer Haustür konfrontiert zu werden, ist es unratsam, nach draußen zu gehen. Denn Renatas Universum beruht wie das Universum der meisten Menschen auf dem Prinzip, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird.

Ich stelle das Tablett auf den kleinen Tisch neben ihr und setze mich auf die Plastikfolie, die sie für Besucher auf dem Sofa ausbreitet.

Renata hebt den Deckel von der Teekanne und stupst die Teeblätter argwöhnisch an. »Na? Wie war Flood heute?«