Der Gesang der See - Trude Teige - E-Book

Der Gesang der See E-Book

Trude Teige

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Beschreibung

Atmosphärisch und eindringlich wie der nordische Wind: Der mitreißende Roman, der Trude Teige als Autorin bekannt machte. Auf der kleinen Fischer-Insel an der norwegischen Westküste ist das Leben hart, die Natur überwältigend. Die junge Kristiane verspricht ihrem Vater, den seit Generationen besetzten Lotsenposten in der Familie zu halten. Als Frau darf sie die Schiffe in den Schären nicht selbst geleiten. ​Doch als ihr Mann bei einem Sturm ums Leben kommt, steht ​die schwangere Kristiane ​allein da mit Mutter und Schwester; man will ihnen das Lotsenmandat entziehen. Auf der Suche nach jemandem, der ihnen eine Zukunft gewähren kann, gerät sie in tiefen Konflikt zwischen Pflicht und Leidenschaft. Sorgfältig recherchiert und inspiriert von ihrer eigenen Familienhistorie, zieht uns die außergewöhnliche Erzählerin Trude Teige in eine bewegende Geschichte um eine starke Frau in der rauen Männergesellschaft ​der nordischen Gestade. Der erste Roman von Trude Teige – jetzt zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht. Von der Autorin der bewegenden Generationen-Romane und Nr.1-SPIEGEL-Bestseller »Als Großmutter im Regen tanzte«, »Und Großvater atmete mit den Wellen«, »Wir sehen uns wieder am Meer«.

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EPUB
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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Trude Teige

Der Gesang der See

Roman

 

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob

 

Über dieses Buch

 

 

Sunnmøre an der Westküste Norwegens im 19. Jahrhundert: Die junge Kristiane verspricht ihrem Vater, dass seine Schiffslotsennummer nicht aus der Familie verschwinden wird. Als Frau kann sie die Verantwortung für das Los nicht übernehmen und muss einen Mann heiraten, der dazu in der Lage ist – zwischen Pflicht und Leidenschaft muss Kristiane ihre Wahl treffen.

 

Trude Teige über die Entstehung von »Der Gesang der See«:»Ich bin als Tochter eines Fischers auf einer kleinen Insel an der norwegischen Westküste aufgewachsen. Man erzählte sich von meiner Ururgroßmutter Gertrud, die sich ihren Platz in der traditionellen Männergesellschaft erkämpft hatte. Eigentlich wollte ich ein Sachbuch über sie schreiben, ich war ja Journalistin. Doch dann begegnete mir in Gedanken eine Romanfigur namens Kristiane. So entstand mein erster Roman, Der Gesang der See, eine Hommage an die Frauen.«

 

Zum ersten Mal auf Deutsch: Trude Teiges erster Roman – das Buch, das sie als Autorin bekannt machte.

»Mit sicherem Gespür für die Geschichte beschwört Trude Teige starke Stimmungen und Gefühle herauf und fängt die Atmosphäre der Zeit ein.« Bergens Tidende

 

»Trude Teige beherrscht die hohe Kunst des Erzählens beherrscht und schafft Vertrauen in die Geschichte durch die glaubwürdigen, detaillierten Beschreibungen von Leben, Arbeiten, Reisen und Traditionen in der westnorwegischen Küstenlandschaft.« Dagbladet

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Trude Teige ist eine der bekanntesten Autorinnen, TV-Moderatorinnen und Journalistinnen Norwegens. In ihren Romanen bietet sie einen bewegenden Einblick in unbekannte Stücke unserer Geschichte und zeigt, wie das Schicksal auch die folgenden Generationen prägt. Ihre Werke standen monatelang auf den SPIEGEL-Bestsellerlisten und werden in viele Sprachen übersetzt. Trude Teige hat drei erwachsene Kinder und lebt mit ihrer Familie am Oslofjord und in Grimstad in Südnorwegen. »Der Gesang der See« ist der Roman, der Trude Teige als Autorin bekannt machte – jetzt zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht.

 

Günther Frauenlob ist Übersetzer, Moderator und Literaturagent. Er überträgt erzählende Literatur und Sachbücher aus dem Norwegischen und Dänischen, unter anderem viele Werke von Jo Nesbø und Trude Teige. 

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die norwegische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Havet syng« zuerst 2002 im Verlag Samlaget, Oslo.

© 2015 Trude Teige

© 2015 H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Oslo

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Redaktion: Henrik Halbleib

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie, Werbeagentur, Zürich

Coverabbildung: Hermann Seeger / Christie's Images / Bridgeman Images

ISBN 978-3-10-492060-3

 

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Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Nachwort

Leseprobe

1. Kapitel

1

Es war Lars, der sie fand. Bei dem großen, schwarzen Felsen in der Mulevika, der weiten Bucht auf der anderen Seite der Insel. Sie kauerte am Boden, das Gesicht auf den Knien, die Arme um die Beine geschlungen. Ihre langen, nassen Haare und die dunklen Kleider hoben sich kaum vom Felsen ab.

Ihre Finger waren in dem eisigen Wind erstarrt, die Lippen blau, das Gesicht blass und farblos. Lars zog seinen dicken Pullover aus und legte ihn ihr um die Schultern, zog sie vorsichtig hoch und drückte sie wie ein Kind an sich. Es war lange her, dass er ihr so nah gewesen war. Für einen Moment blieb er so stehen und atmete schwer, mit geschlossenen Augen, ihr Gesicht an seinem Hals.

Als Kinder waren sie oft hierher in die Mulevika gekommen. Kristiane liebte es, wenn sie über die rund geschliffenen Steine um die Wette liefen, von Muleneset am einen Ende der Bucht bis nach Skorpeneset auf der anderen Seite. Sie flog in Windeseile über die Steine, fast ohne den Boden zu berühren, und ihre schwarzen Locken hüpften auf ihrem Rücken auf und ab.

Einmal war sie hier an dem großen, schwarzen Felsen stehen geblieben.

»Das ist meiner«, sagte sie.

»Dein Fels? Wohl kaum«, antwortete er.

Sie sah ihn trotzig an. Herausfordernd.

»Wie meinst du das, dein Fels?«, fragte er, versöhnlich wie immer.

»Ich kann es dir erzählen, du musst mir aber versprechen, es niemandem weiterzusagen«, flüsterte sie.

»Ehrenwort«, antwortete er leise und bekreuzigte sich.

»Ich komme immer hierher, wenn ich allein sein will.«

Er sah sie verwundert an.

»Hast du keinen solchen Ort?«, fragte sie voller Ernst. »Den sollte jeder haben.«

»Was für einen Ort?«

»Einen geheimen, von dem niemand weiß.« Sie lächelte. »Am besten ist es hier, wenn es stürmt und regnet. Dann werden die schwarzen Gedanken wieder reingewaschen.« Sie strich mit der Hand vorsichtig über den Felsen, als streichelte sie einen Hund.

»Bei schlechtem Wetter? Aber da geht doch niemand hier runter?«

»Das ist es ja.«

Sie warf ihm zwinkernd ihr schiefes Lächeln zu, und er fühlte sich, wie immer, wenn sie das tat, ganz seltsam.

»Dann hast du die See noch nie singen gehört?«, fragte sie und sah ihn nachdenklich an.

»Singen?« Er musste lachen, sie aber blieb vollkommen ernst.

»Das wirst du schon noch verstehen, wenn du erst lernst, richtig hinzuhören.«

Er hatte ihr darauf nichts geantwortet. Was sollte man zu so etwas auch sagen? Sie hatte ihm verboten, anderen von dem Felsen zu erzählen; das Wissen darum war ein Geheimnis zwischen ihnen beiden.

Aber er fühlte sich auserwählt, er war etwas Besonderes für sie.

Sie hatte den Felsen nie wieder erwähnt, im Sommer aber war Lars ihr einmal gefolgt. Das Meer war an diesem Tag ganz blank, und lange sanfte Wellen waren mit einem zufriedenen Seufzer an Land gerollt.

Er hatte sie aus dem Meer steigen sehen – fast nackt. Und dann war sie auf den Felsen geklettert, wo sie sich der Länge nach ausgestreckt hatte. Mit den Armen über dem Kopf. Wie ein Strich. So etwas Schönes hatte er sein Lebtag noch nicht gesehen, und er war lange hinter einem Felsen ein Stückchen entfernt stehen geblieben, um sie zu beobachten. Er wusste ja, dass sie einen schönen Körper besaß, schlank und hochgewachsen. Aber das … das war … All die Wettläufe bei Ebbe am Strand mussten diesen Körper geformt haben, all die Netze und Langleinen, die sie eingeholt hatte, das Wettrudern und Segeln, all das Herumgerenne hinter den Schafen, die es im Herbst aus den Bergen heimzutreiben galt.

Es war aber nicht nur ihr Körper, es war das ganze Bild, das sich ihm darbot: der goldene, muskulöse Körper auf dem dunklen Felsen unter dem blauen Himmel. Das Licht des ruhig auf und ab wogenden Meeres, das Glitzern der Wellen und das Blaugrün des Wassers – und dazu der Geruch des Tangs und das Lied der Wellen, die den Strand liebkosten.

An diesem Tag hatte er die See zum ersten Male singen gehört.

 

Er hielt an diesem Bild fest, sah es deutlich vor sich, als er sich auf den glatten Steinen vorwärtskämpfte, das wütende Meer im Rücken. Manchmal zwang ihn die Kraft des Windes auf die Knie, während die Wellen sich haushoch auftürmten und ihre Krallen wie wilde Tiere in das Land schlugen. Eiskalte Gischt mischte sich mit dem Regen und durchnässte ihn bis auf die Knochen, während seine Finger sich kalt und steif um die junge Frau klammerten. Seine Oberschenkel zitterten vor Anstrengung.

Als er endlich den Grashang oberhalb des Strands erreichte, musste er sie absetzen, um neue Kraft für den weiteren Aufstieg zu sammeln. Er beugte sich über sie, legte die steif gefrorenen Finger an ihren Hals und spürte die Angst wie eine Klaue an seinem Rücken. Doch, da war noch ein schwacher Puls.

Er dachte an ihre Kindheit, an all die guten Erinnerungen, die mit ihr verbunden waren. Sie war seine Spielkameradin gewesen, seine beste Freundin, bis seine Mutter ihn irgendwann von Kopf bis Fuß gemustert und gesagt hatte, es sei an der Zeit, dass er wisse, wo sein Platz im Leben sei. Er hatte sie nur angestarrt und kein Wort verstanden.

»Nun, da der Lotse keine Söhne hat«, sagte sie, »steht zu erwarten, dass seine älteste Tochter einen Mann heiratet, der den Posten ihres Vaters übernehmen kann. Und so weit kannst du es niemals bringen. Schließlich bist du nur der Sohn eines Häuslers.«

Nein, er wollte sich nicht lächerlich machen, niemand sollte über ihn sagen können, dass er glaubte, etwas Besseres zu sein, als er war. Von diesem Tag an war er nicht mehr zum Lotsenhof gegangen. Aber trotzdem hatte sie all die Jahre jeden seiner Schritte verfolgt. Und als sie verstand, dass er ihr aus dem Weg ging, hatte er in ihren Augen etwas aufblitzen sehen, das er nicht in Worte fassen konnte.

 

Er drückte sie noch fester an sich, presste seine Lippen auf ihre Stirn und flüsterte sanft: »Gut, dass du mir von deinem Felsen erzählt hast, so wusste ich, wo ich suchen musste. Du bist jetzt in Sicherheit, hier bei mir, ich schaffe das.«

Er kämpfte sich Schritt für Schritt voran und sprach sich Mut zu, bis er irgendwann den Hang erklommen und den Weg erreicht hatte. Am ersten Haus versagten seine Kräfte, er schaffte es gerade noch, die Tür zu öffnen, dann gaben seine Knie nach und die Frau glitt ihm aus den Armen. Im gleichen Moment flog die Küchentür auf und ein älterer Mann tauchte auf, um nachzusehen, was vor sich ging. Hinter ihm stand seine Frau, streckte den Hals und machte große Augen.

Der alte Mann hob die Frau vom Boden auf und trug sie in die Kammer neben der Küche. Seine Frau zog ihr die nassen Kleider aus und breitete ein Schafsfell über das Bett, auf das sie die völlig Durchgefrorene legten. Vorsichtig drehte die Alte die junge Frau auf die Seite, sodass sie mit dem Gesicht zur Wand lag, bevor sie ebenfalls ihr Kleid auszog und zu ihr ins Bett kroch, die Brust fest auf den kalten Rücken gepresst, den Unterleib an das Gesäß und die Knie in die Kniekehlen. Dann begann sie ihr die Arme, den Rücken und die Beine zu massieren.

Lars bekam trockene Kleider und einen Platz am Küchenofen, um sich aufzuwärmen. Der Mann im Haus, Olav, machte Milch heiß, die Lars mit gierigen Schlucken trank. Doch ansonsten saß er nur still da und starrte vor sich hin. Olav blickte ihn immer wieder neugierig an, sagte aber nichts. Lange war Lars’ Schlürfen das einzige Geräusch im Haus.

Schließlich konnte Olav sich nicht mehr zurückhalten und fragte: »Wo hast du sie gefunden?«

»In der Mulevika.«

»Mulevika? Was hatte sie denn da verloren?« Olav sah ihn erschrocken an. Lars antwortete nicht, sondern starrte nur stumm in seine Tasse.

»Woher wusstest du, dass sie da ist?«, wollte Olav wissen. »Kein normaler Mensch geht da in einer solchen Nacht runter.«

»Nein, wohl nicht«, murmelte Lars ausweichend und ohne den Blick zu heben. »Hast du gehört, ob sie jemanden gefunden haben?«, fragte er, um das Thema zu wechseln.

»Nur zwei von der Mannschaft der Brigg, sie haben es auf die Landzunge geschafft, es aber nicht überlebt. Vom Lotsenboot gibt es nichts Neues.«

Der Regen schlug an das Küchenfenster, und das Haus ächzte im Sturm. Die beiden Männer blieben eine ganze Weile schweigend sitzen.

»Ich sollte dann wohl mal runter zum Lotsenhof«, sagte Lars schließlich mit einem langen Seufzen.

»Ja, das ist sicher das Beste«, brummte Olav.

Ehe er das Haus verließ, trat Lars noch einmal leise in die Tür der Kammer und betrachtete die beiden Frauen auf dem Bett. Olavs Frau, Jensine, wandte sich zu ihm um und sagte, der Puls sei noch immer schwach. »Schon ein komischer Gedanke«, sagte die Alte.

»Was?«, fragte Lars.

»Dass ich jetzt hier mit ihr liege, ausgerechnet mit ihr!«

»Hm.«

»Ich mag sie nicht einmal.«

»Was hast du denn gegen Kristiane?«, fragte er vorsichtig.

»Na ja. So, wie sie sich aufführt, macht sie es einem schon schwer, sie zu mögen.«

Lars antwortete nicht, blieb aber stehen und spürte sein Herz schwer werden.

 

Der Doktor kam am Abend des nächsten Tages. Vorher hatten sie des Wetters halber nicht nach ihm schicken können. Er ging allein zu Kristiane in die Kammer, während ihre Mutter Ingrid und ihre Schwester Eline gemeinsam mit Olav und Jensine in der Küche warteten.

»Wird sie es schaffen?« Ingrid erhob sich leicht vom Küchenstuhl, als der Arzt aus der Kammer trat.

Er zögerte, meinte, es sei noch zu früh, um etwas zu sagen.

»Ihr müsst bei ihr wachen und versuchen, ihr etwas Wasser einzuflößen. Und legt ihr kalte Umschläge auf die Stirn. Darüber hinaus könnt ihr nur zu unserem Herrgott beten«, fügte er hinzu, ohne sie anzusehen.

Eline half ihrer Mutter in die Kammer, wo sie sich schwerfällig an das Bett ihrer Tochter setzte. Kristianes Oberkörper wurde von Kissen gestützt, sodass sie mehr saß als lag. Ihr Atem ging keuchend. Um den Mund herum war sie ganz weiß, Speichel rann aus einem ihrer Mundwinkel. Ihre Mutter beugte sich über sie.

»Mein Mädchen. Mein Mädchen …« Wieder und wieder raunte sie die Worte, die sie so lange schon nicht mehr über die Lippen gebracht hatte. »Jetzt musst du zeigen, wie stark du bist.« Sie legte ihren Kopf vorsichtig auf das Kissen, ganz dicht neben das Gesicht ihrer Tochter, und fuhr ihr mit den Fingern zärtlich über die Wange. Eline saß regungslos mit verweinten Augen da und knetete ein Taschentuch. »Ich kann bei ihr wachen«, sagte sie. »Das geht über deine Kräfte, Mutter.«

Ingrid antwortete, ohne sie anzusehen. Ihre Stimme war mild und sanft wie immer, aber fest und klar und ohne jeden Raum für Widerspruch:

»Ich bleibe.«

 

Gegen Abend begann Kristiane sich unruhig im Bett hin und her zu werfen.

»Anders … Anders …« Anfänglich kam der Name nur leise geflüstert über ihre Lippen. Doch dann schlug sie die Augen auf, sah ihre Mutter mit wilden Blicken an, beugte sich vor und packte sie.

»Anders!«, schrie sie. »Anders!« Dem letzten Schrei folgte eine Hustenattacke. Der Körper der Kranken spannte sich zu einem Bogen, und sie rang nach Atem, bevor sie sich plötzlich übergeben musste. Dann sackte sie schwer zurück in die Kissen.

»Sie atmet nicht mehr!«, rief Eline panisch und griff nach der Hand ihrer Mutter. Beide hielten den Atem an. Dann erklang ein Röcheln in Kristianes Brust, und ein neuer Hustenanfall überkam sie.

»Danke, guter Gott«, flüsterte Ingrid.

Kristiane rief weiter nach Anders, hin und wieder riss sie dabei die Augen auf und sah ihre Mutter verwirrt an. Zwischendurch beruhigte sie sich, und dann kamen die Worte wie ein leises Jammern über ihre Lippen. So ging es den ganzen Abend. Erst im Laufe der Nacht wurde sie ruhiger, wobei sie noch immer sehr kurzatmig war. Schwester und Mutter verfolgten jeden Atemzug, immer in der Angst, es könnte der letzte sein. Ingrid legte ihre gefalteten Hände auf die ihrer Tochter und senkte den Kopf. Ihre Lippen bewegten sich stumm.

 

»Mutter …«

Ingrid, die vornübergebeugt, mit dem Oberkörper auf dem Bett eingeschlafen war, richtete sich abrupt auf. Zwei fiebrige Augen, die sie nun jedoch zu erkennen schienen, blickten sie an.

Sie streichelte ihrer Tochter über die Wange und rang sich ein Lächeln ab. »Ja, mein Mädchen!« Ihre Stimme war schwach und brüchig, sie wusste, was kommen würde.

»Anders?«

Nur dieses eine Wort.

Ingrid fuhr mit ihrer Hand stumm über Kristianes Haare. »Liebes, du bist sehr krank«, sagte sie schließlich. »Du musst schlafen und darfst an nichts anderes denken. Du musst gesund werden!«

»Anders … Anders!« Kristianes Schrei zerriss die Luft und erfüllte den gesamten Raum mit Schmerz.

* * *

»Sie haben Anders gefunden.«

Ingrid setzte sich auf die Bettkante, streichelte Kristianes Schulter und biss sich auf die Lippe, um nicht in Tränen auszubrechen. Seit Kristiane zurück auf den Lotsenhof gebracht worden war, hatte sie wortlos im Bett gelegen und keine einzige Träne verdrückt. Auch jetzt antwortete sie nicht, sie schloss lediglich die Augen und blieb eine Weile stumm liegen. Dann schlug sie die Decke zur Seite und stand auf.

»Du darfst nicht aufstehen. Du bist noch nicht gesund«, sagte ihre Mutter erschrocken.

Kristiane antwortete nicht, sondern nahm die große Wolldecke, die über der Bettkante lag, schlug sie um sich und ging nach draußen.

Der Sturm hatte sich gelegt, die Landschaft lag still und kalt im klaren Novemberlicht, die Felder weiß von Raureif.

Unten vom Meer näherten sich vier Männer, sie trugen Anders in einem Segel. Lars war einer von ihnen. Die Männer blieben stehen, als Kristiane auf sie zukam.

»Legt ihn hin«, sagte Lars leise zu den anderen.

Sie setzten das Segel mit dem Toten auf dem nassen Gras ab, und Lars ging Kristiane entgegen.

»Kristiane … ich glaube, es ist besser, du wartest«, sagte er zögerlich.

Aber sie ließ ihn einfach wortlos stehen, als nähme sie ihn gar nicht wahr, ging zu dem Segel, kniete sich in das steif gefrorene Gras und blieb lange mit gesenktem Kopf sitzen. Die Männer standen mit hängenden Armen da.

Nach einer Ewigkeit erhob Kristiane sich und ging zurück in Richtung Haus. Als sie an Lars vorbeikam, blieb sie stehen und legte die Hand auf seinen Arm, ohne ihn anzusehen.

»Danke, Lars …«

Lars sah sie schweigend an.

»Könnt ihr ihn hoch zum Haus tragen? Ich kümmere mich dann um den Rest«, sagte sie und ging vor ihnen her.

»Glaubst du nicht, dass es besser wäre, wenn wir …«, wandte Lars ein, aber sie marschierte einfach weiter.

 

Am Tag der Beerdigung war es beißend kalt, aber windstill und klar. Die Herbstsonne warf lange Schatten, als hätten die Wettergötter sich entschieden, wenigstens für eine Weile in Gnade auf die Trauernden zu schauen.

Auf dem Lotsenhof herrschte reges Treiben, viele Trauergäste waren von weit her gekommen und würden über Nacht bleiben.

Anders’ Eltern und Brüder waren aus dem Romsdal gekommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Kristiane zog es fast die Beine unter dem Leib weg, als sie das blasse, verweinte Gesicht ihres Schwiegervaters und seinen mitfühlenden Blick sah. Seine Fürsorge. Sie lehnte sich an ihn und spürte, dass er wie ein Vater für sie war. Er sagte nichts, legte nur seine Arme um sie und atmete schwer. Auch ihre Schwiegermutter, Antonie, umarmte sie kurz. Sie weinte laut und trocknete sich immer wieder mit einem Taschentuch die Augen. »Was für ein schrecklicher Verlust!«, schluchzte sie klagend. »Er war immer so gut zu uns. Eine Mutter sollte ihr Kind nicht verlieren! Warum müssen die Guten immer zuerst gehen?« Trotz all der Trauer spürte Kristiane erneut, wie sehr diese Frau sie irritierte.

Sämtliche Lotsen von den Inseln nördlich und südlich von Ålesund standen draußen auf dem Hof, sogar der Aldermann war gekommen. Einer nach dem anderen hatten sie den Weg in die gute Stube gefunden, wo der Sarg aufgebahrt war. Verschlossen, wie auch sonst, wo doch das halbe Gesicht fort war. Sie hatten Anders auf der Südseite von Runde gefunden, wo die Klippen aus großer Höhe beinahe senkrecht ins Meer abfielen. Wieder und wieder hatte die raue See seinen wehrlosen Körper gegen die zerklüfteten Felsen geschmettert. Kristiane hatte jede Hilfe mit dem Toten abgelehnt, das sei ganz allein ihre Sache, meinte sie. Sie hatte ihm seinen besten Anzug angezogen, wobei sie den Stoff im Rücken auftrennen musste, um ihn dem Leichnam überstreifen zu können. Ihre Mutter hatte sie davon abzubringen versucht. Sie meinte, Kristiane würde den Anblick nie mehr loswerden, aber alle Einwände waren vergebens gewesen.

Auf beiden Seiten des Sarges standen Leuchter mit brennenden Kerzen. Kristiane saß am Fußende, gehüllt in ein schwarzes Kleid, die Haare zu einem straffen Knoten im Nacken gebunden. Ihre Hände waren gefaltet, der Blick starr auf den Sarg gerichtet. Sie hatte stumm dagesessen und all die Menschen, die kurz hereingekommen waren und mit gesenktem Kopf Abschied genommen hatten, kaum bemerkt. Niemand hatte es gewagt, die Stille zu brechen, als wäre schon das leiseste Flüstern unpassend.

Am liebsten wäre es ihr gewesen, in Frieden gelassen zu werden, allein mit Anders, und all die mitfühlenden Blicke nicht ertragen zu müssen. Zu guter Letzt hatte sie deshalb einfach die Augen geschlossen und war allem entflohen. Sie rief sich die Sehnsucht in Erinnerung, die sie immer verspürt hatte, wenn sie zu Hause auf ihn wartete, sah im Geiste seine vertraute, etwas o-beinige Gestalt den Hang vom Bootshaus hinaufstapfen, erkannte an seinen Bewegungen, dass er sich darauf freute, ins Haus zu kommen. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und wie er im Vorraum die Arbeitskleidung auszog, bevor er in die Küche trat und sie mit einem breiten Lächeln an sich zog.

 

»Wir müssen jetzt zum Friedhof aufbrechen«, Eline stand in der Tür. Kristiane sah vom Sarg auf und begegnete den großen, ängstlichen Augen ihrer Schwester. Die Hasenscharte leuchtete weiß, die vom Weinen verkrampften Lippen waren noch schmaler und ihre Nase wirkte noch flacher als sonst. Sie kam zu ihr und streichelte ihr über die Wange. Dann warf sie sich an Kristianes Hals, während ihr ganzer Körper zitterte. Aber Kristiane durfte jetzt nicht weinen, durfte sich keine Tränen erlauben, denn dann würde sie nie wieder damit aufhören.

Die Männer, die den Sarg hinunter zum Boot tragen sollten, betraten das Haus, und Kristiane ging hinter ihnen ins Freie. Der Leichenzug bewegte sich wie ein langsamer schwarzer Wurm hinab zum Meer.

Es war weit von Kvalsvika bis zur Kirche in Herøy an der inneren Fahrrinne vor dem Festland. Gerade im Herbst und Winter war es eine unvorstellbare Plackerei, die Toten in geweihten Boden zu betten. Aber an diesem Tag war das Wetter so klar, dass sie bis nach Stadlandet blicken konnten, als sie in die Meerenge zwischen Kvalsund und Igesund einfuhren.

Nur das heisere Geschrei der Möwen durchbrach die Stille. Das Meer war wie ein glänzender Teppich, und es klang wie ein tiefes Seufzen, wenn die Ruder die Wasseroberfläche durchbrachen.

Das letzte Boot des Leichenzugs wurde geschleppt und war voller Sand, Kies und Torf, mit dem das Grab bedeckt werden sollte. Der Friedhof war so flachgründig, dass der Hof des Pastors wegen des Leichengestanks auf eine der anderen Inseln verlegt worden war. Immer wieder kam es vor, dass einzelne Särge oder sogar Leichenteile nach starken Regengüssen zum Vorschein kamen.

Kristiane saß mit aufrechtem Rücken wie eine Galionsfigur im Bug des Bootes, das den Sarg transportierte. Ihr Blick ruhte auf all den anderen, die ihr in einer langen Reihe folgten.

Die Frauen begannen zu singen. »Befiehl du deine Wege, und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.«

Kristianes Blick ruhte auf dem Meer, sie hörte, wie das Lied über das Wasser hallte, stimmte aber nicht mit ein.

Der Pastor war bei der Beerdigung nicht zugegen, er würde das Grab, wie üblich, beim nächsten Gottesdienst segnen. Aber der Lotsenaldermann las aus der Bibel und hielt eine Grabrede. Wie aus weiter Ferne drangen die Worte an Kristianes Ohren, wie aus einer anderen Welt, als ginge sie das alles nichts an. »Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang …«

Als sich die Trauergemeinde nach der Zeremonie langsam hinunter zum Ufer bewegte, blieb Kristiane allein zurück. Der Friedhof lag auf einem Plateau oberhalb des Meeres, und die Wartenden in den Booten blieben wortlos sitzen und schauten hinauf zu ihrer Silhouette, die sich dunkel vor dem Himmel abzeichnete. Sie sahen, wie sie den Arm ausstreckte, als käme ihr jemand entgegen, bevor sie beide Arme um sich schlang und auf die Knie sackte.

2

Die Sonne stand tief, bald würde sie versinken. Über den hohen Himmel zogen weit hinten am Horizont ein paar leichte, weiße Wolken. Der Wind war schwach, aber eiskalt und kam vom Meer. Die dünne Eisschicht auf der kleinen Spritzwasserpfütze oben auf dem Felsen zerbrach, als sie mit dem Finger darauf drückte. Es waren keine Boote draußen, keine Spuren von Menschen oder Tieren, nur ein einsamer Reiher stand still auf einem Stein, als wäre auch er zu Eis gefroren. Es schien, als ob die Landschaft in dieser Jahreszeit mit einem Male alterte, blasser wurde – die Farben eingefroren zu dunklen Schatten, die tiefe Furchen bildeten, wie die Falten in den Gesichtern der Alten.

Zum ersten Mal seit Anders’ Tod war Kristiane zurück bei ihrem Felsen. Sie saß genauso da wie beim letzten Mal, die Arme um die Beine geschlungen, das Kinn auf den Knien. Ihr Blick schweifte über das Meer. Wie lange das alles her war, dachte sie, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.

Sie hätte es früher erkennen müssen. Stattdessen hatte sie es auf den Druck geschoben, der auf ihr lastete – und der Trauer die Schuld daran gegeben, dass sie sich aus der Bahn geworfen fühlte. Doch das war bloß eine Lüge, dachte sie. Ich wusste es längst, wollte es aber nicht wahrhaben.

»Er bewahre dich vor allem Bösen.« Eine verfluchte Lüge, schrie es in ihr. Warum lastete dieser boshafte Gott ihr immer mehr auf, als sie tragen konnte? Glaubte er, irgendwann Abbitte leisten zu können für all das, was er ihr angetan hatte? Ich will das nicht! Hörst du, Gott! Ich will das nicht, ich will Anders!

Die Wellen rollten langsam und gleichmäßig an Land, der Tang klatschte träge auf die Ufersteine, aber das alles drang nicht bis zu ihr vor. All die vertrauten Laute waren nur noch eine Erinnerung an die Gefühle vergangener Tage, als sie wie eine Schwalbe von Stein zu Stein geflogen war und den Gesang der See hatte hören können.

 

Es wurde ein Mittsommerkind. Kristiane war draußen auf den Wiesen und rechte Heu, als sie einen Schmerz verspürte, wie sie ihn nie zuvor empfunden hatte. Sie hielt für einen kurzen Moment inne, bis er vorüber war, und fuhr dann mit ihrer Arbeit fort.

Ingrid hatte sich wegen ihrer Gicht von der Arbeit entschuldigen müssen. Sie saß an der Hauswand und sah dem geschäftigen Treiben zu. Dabei achtete sie genau darauf, wie lang die Zeit zwischen Kristianes Pausen war, und zählte die Sekunden im Stillen mit. Nach ein paar Stunden hatte sie den Eindruck, dass es genug war, und rief ihre Tochter zu sich.

»So, jetzt schicken wir nach der Hebamme«, sagte sie und folgte Kristiane ins Haus.

Dass es so schmerzhaft werden würde, hatte sie sich nicht im Traum vorgestellt. »Du hättest mir das sagen müssen, Mutter.«

»Ja, ja … nur noch einen Moment, dann ist es überstanden«, flüsterte Ingrid ihr aufmunternd zu und fuhr mit einem kalten Lappen über ihre Stirn.

Als Kristiane gegen Abend einen unbändigen Druck in ihrem Unterleib spürte, schien ihr Körper ganz von allein die Regie zu übernehmen, und als sie schließlich ihr Kind aus dem Leib presste, kam es ihr ganz kurz so vor, als glitte es ihr wie ein zappelnder Fisch aus den Händen.

Plötzlich waren die Schmerzen verschwunden, und sie stemmte sich auf die Ellenbogen hoch, atmete tief durch und wartete. Dann hörte sie den Schrei.

»Du hast einen hübschen kleinen Jungen bekommen«, sagte die Hebamme lächelnd. Sie wickelte ihn in eine Decke und reichte ihn ihr. Kristiane ließ sich zurück in die Kissen fallen, legte ihn an die Brust und spürte die Wärme des kleinen Körpers. Sie sog den Duft des Neugeborenen ein und betrachtete das kleine, rote, runzlige Gesicht. Der Kleine hörte auf zu schreien und sah sie an, und von dieser Sekunde an war alles verändert und nichts mehr gleichgültig. Mit einem Mal war die Freude wieder da, nicht weil sie sich daran erinnerte, sondern weil das Gefühl tief aus ihrem Inneren kam. Sie drückte das Kind an sich, hielt diesen Augenblick in den Händen und weinte still vor endloser Freude und bodenloser Trauer.

 

Kaum, dass sie sich nach der Geburt wieder stark genug fühlte, zog es sie in die Mulevika. Sie sehnte sich nach der weiten, offenen Landschaft, dem Geruch von Tang, dem hohen Himmel und dem endlosen Meer. Sie musste wissen, ob es wieder etwas in ihr anrührte, ob sie das Lied des Meeres wieder hören konnte.

Normalerweise spazierte sie nur von der einen Seite der Bucht zur anderen, doch an diesem Tag entschloss sie sich, weiter zu gehen und endlich wieder die Kraft ihres Körpers zu gebrauchen. Sie wollte am Skorpesund entlang bis nach Koparstad und von dort über das Fjell zurück.

Es war am Skorpesund, wo sie ihn fand. Ein Baum voller grüner, unreifer Früchte. Er war nicht groß, konnte also noch nicht alt sein. Vorsichtig pflückte sie eine kleine Frucht, hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und studierte sie. Was das wohl werden würde? Und woher der Baum kam? Es war ein Mysterium. Ansonsten fand sich auf der gesamten Insel kein einziger Obstbaum, das wusste sie ganz bestimmt. Er war noch so klein, so zerbrechlich und doch voller Energie und Zuversicht. Dieser Baum wollte leben. Sie ging ein Stück den Hang hinauf, blieb stehen und sah noch einmal zu ihm zurück. Es war ein Wunder, wie er in dem kargen Boden sein Auskommen fand und seine Äste in den Himmel reckte. Sie steckte die grüne Frucht in die Tasche und kletterte leichtfüßig weiter, dachte aber noch auf dem ganzen Weg zurück über das Fjell an den Baum, von dem niemand außer ihr wusste.

* * *

Es war der wärmste Sommer seit mindestens zwanzig Jahren. Tag für Tag schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, das Meer war ruhig und glatt und der Wind nur eine kühle Liebkosung. An solchen Tagen war alles so viel klarer, die Farben waren stärker, die Kontraste schärfer und die Landschaft viel wärmer und freundlicher. Die Sonne tauchte Himmel und Meer, Äcker und Felsen in ihr warmes Licht, und auch die Menschen verloren ihr graues Aussehen. Nicht nur weil die Sonne ihre Haut goldbraun färbte, auch ihre Blicke wurden offener, auf ihren Lippen zeichnete sich öfter ein Lächeln ab, und mitunter hörte man sie auf den Feldern lachen und singen.

Auch die Stimmung im Haus hatte sich nach der Geburt von Lisje-Anders geändert. Die Trauer und die düstere Stille, die zuvor jeden Winkel erfüllt hatte, war verschwunden, ebenso all die unausgesprochenen Worte. Jetzt gab es etwas, über das sie reden konnten, das Haus war erfüllt vom Brabbeln und Weinen des Kindes, vom Lachen der Frauen und von ihren Liedern und ihrem Flüstern, wenn der Kleine schlief. Und kaum merkbar schlich sich auch der Vater allmählich wieder in die Gespräche der drei Frauen. Kristiane hatte seinen Namen seit seinem Tod kaum mehr in den Mund genommen, doch jetzt erwähnte sie immer wieder Dinge, die Anders gesagt oder getan hatte.

Sie nahm Lisje-Anders überallhin mit. Auch bei der Arbeit war er bei ihr. Er war wie eine Rettungsleine für sie, denn eigentlich war er es, der sie durch die Tage und Nächte trug und ihr aus ihrer Verzweiflung und ihrem Schmerz über all das Unbestreitbare half: Anders sollte nie mehr lächelnd auf sie zukommen und sie in der Nacht in den Armen halten. Sie würde seinen Atem nicht mehr auf ihrer Haut spüren oder seine Hand auf ihren Haaren. Und seine Stimme, die sie allein durch das Aussprechen ihres Namens zur Besinnung bringen konnte, wenn sie voller Wut war, würde sie nie mehr hören. Jetzt war es Lisje-Anders, der ihr half, den Blick nach vorn zu richten und den Mut zu haben weiterzumachen.

Die Stunden, wenn sie allein mit ihm war und er an ihrer Brust lag, waren kostbar, ganz besonders in der Nacht, wenn sie ihn aus der Wiege nahm und anlegte und seinen Atem auf ihrer Haut spürte, seine Hände an ihrer Brust, oder wenn sich seine kleine Hand fest um einen ihrer Finger legte, als wollte er sagen: Pass auf mich auf! Oft lag sie noch lange wach, wenn er schon längst wieder satt in seiner Wiege schlief. Sie konnte ihn stundenlang ansehen, ihn halten und ihm über das daunenweiche Haar streichen. Nicht selten verwunderte es sie dann, dass dieser kleine, hilflose Mensch, der noch nicht denken konnte, der seine Gefühle nur durch Weinen ausdrückte und in dessen Leben vorerst nur Schlafen und Essen zählte, doch ganz genau zu wissen schien, dass sie seine Mutter war. Wenn sie ihn auf den Schoß nahm und er ihr den Kopf zuwandte und den Mund in Richtung Brust öffnete, fand er wie bei niemandem sonst zur Ruhe. Dass es eine solche Liebe gab, erstaunte sie, sie war so bedingungslos, so unvoreingenommen, so frei von jedem Anspruch. Ich werde geliebt, nur weil es mich gibt, dachte sie erfüllt von Freude, ich habe Bedeutung, ich mache den Unterschied.

»Mama hat dich sehr, sehr lieb und wird auf dich aufpassen«, flüsterte sie in der Nacht und küsste ihn auf die Stirn.