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Persönlich und gesellschaftlich Glücks-Kompetenz entwickeln durch den "Glücks-Standard" der glücklichsten Nation der Welt. Doch gibt es denn so etwas wie einen Glücks-Standard? Was zeichnet glückliche Menschen aus? Ha Vinh Tho war in Bhutan viele Jahre zuständig für die Umsetzung des sog. "Bruttonational-Glücks". Bhutan ist nämlich der einzige Staat auf der Welt, der das "Glück" seiner Bürger nicht am Bruttoinnlandsprodukt misst. Im dortigen "Glücks-Ministerium" zählen andere Qualitäten. Jetzt können wir mit Ha Vinh Thos Praxisbuch - Selbstreflexion - Achtsamkeit - Sozialkompetenzen für ein liebevolles Miteinander - verantwortungsvollen Umgang mit der Natur entwickeln, um ein sinnvolles und freudvolles Leben zu führen. Der Glücks-Standard bietet hier tiefe Einsichten und jede Menge Übungen zur Umsetzung sowohl auf der persönlichen Ebene als auch in Unternehmen und Schulen. Das Thema "Achtsamkeit" wird in diesem mit vielen interessanten und nützlichen Sachinformationen angereicherten Ratgeber auf eine neue und authentische Weise umgesetzt. Er hilft zu einer wirklich nachhaltigen Klärung des eigenen Lebens und zu einer Haltung, bei der man auch im modernen Alltag glücklich sein kann.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2019
Dr. Ha Vinh Tho
Wie wir Bhutans Bruttonationalglück praktisch umsetzen können
Aus dem Englischen von Horst Kappen
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Persönlich und gesellschaftlich Glückskompetenz entwickeln durch den »Glücksstandard« der glücklichsten Nation der Welt.
Was zeichnet glückliche Menschen aus? Ha Vinh Tho war in Bhutan viele Jahre zuständig für die Umsetzung des sog. »Bruttonationalglücks«. Bhutan ist nämlich der einzige Staat auf der Welt, der das »Glück« seiner Bürger nicht am Bruttoinnlandsprodukt misst. Im dortigen »Glücksministerium« zählen andere Qualitäten.
Jetzt können wir mit Ha Vinh Tho Selbstreflexion und Achtsamkeit, Sozialkompetenzen für ein liebevolles Miteinander und den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur entwickeln, um ein sinnvolles und freudvolles Leben zu führen. Der Glücksstandard bietet hier tiefe Einsichten und jede Menge Übungen zur Umsetzung sowohl auf der persönlichen Ebene als auch in Unternehmen und Schulen. Das Thema »Achtsamkeit« wird in diesem mit vielen interessanten und nützlichen Sachinformationen angereicherten Ratgeber auf eine neue und authentische Weise umgesetzt. Er hilft zu einer wirklich nachhaltigen Klärung des eigenen Lebens und zu einer Haltung, bei der man auch im modernen Alltag glücklich sein kann.
Vorwort
Teil 1 – Wozu brauchen wir ein Bruttonationalglück?
Einführung: Mein Weg nach Bhutan
Das Zeitalter des Anthropozäns
Was ist echtes Glück?
Im Kontakt mit unserem wahren Selbst
Was ist Achtsamkeit?
Wozu die Übung der Achtsamkeit?
Wieder in Kontakt mit dem Körper kommen
Eine prägende Erfahrung der Verbindung mit dem Selbst
Emotionen als Samen im Bewusstsein: Der Affenbrotbaum und die Rose
Die Kultivierung positiver Gefühle: Einige praktische Übungen
Die Verwandlung von Hass und Gewalt in Mitgefühl und liebende Güte
Die gegenseitige Abhängigkeit der Fürsorge für andere und der Fürsorge für den Planeten
Wasser ist Leben
Zufriedenheit versus Habgier: Von der Selbstfürsorge zur Fürsorge für den Planeten
Das Natur-Defizit-Syndrom bedarf der Heilung
Von der inneren Verwandlung zum gesellschaftlichen Wandel
Teil 2 – Das Bruttonationalglück als ein neues Entwicklungsparadigma
Vom Bruttonationalprodukt (BNP) zum Bruttonationalglück (BNG)
Entstehung und Konzept des BNG
Das BNG außerhalb Bhutans
Das Grundkonzept des Bruttonationalglücks
Die vier Säulen des BNG
Die neun Domänen des BNG
1. Psychisches Wohlbefinden
2. Gesundheit
3. Gebrauch der Zeit
4. Bildung
5. Kulturelle Vielfalt und Identität
6. Lebendige Gemeinschaft
7. Qualität der Führungsstrukturen
8. Ökologische Vielfalt und ihre Bewahrung
9. Lebensstandard
Zusammenfassung: Die neun Domänen und 33 Indikatoren der BNG-Erhebung in Bhutan
Das BNG-Analyse-Instrument für verantwortliche Entscheidungsfindung
Teil 3 – Die praktische Umsetzung des Bruttonationalglücks
Das Bruttoindividualglück
Das Bruttofamilienglück
Achtsame Elternschaft
Ein »Neubeginn« für Familien
Das BNG im Bildungswesen: Glückliche Schulen
Wozu brauchen wir Glückliche Schulen?
Mein Weg zu den Glücklichen Schulen
Die »Happy Schools!« in Vietnam
Selbstfürsorge
Die Fürsorge für andere und die Gesellschaft
Bilanz
Fürsorge für die Umwelt und den Planeten
Tiefenökologie und »The Work That Reconnects«
Fazit
Das BNG in der Wirtschaft
Die Umsetzung des BNG im Unternehmen
Vision und Mission
Messen, worauf es ankommt
Das Grundkonzept
Systemanpassung und Entscheidungsinstrument
Ein Wandel im Bewusstsein
Das Happy-Biti’s-Projekt
Von glücklichen Mitarbeitern zum glücklichen Unternehmen
Ausblick – Auf dem Weg in eine bessere Zukunft
Eine neue Geschichte
Strategien für ein gutes Morgen
Epilog – Rückblick auf meine Begegnungen in Bhutan
Anhang
Verzeichnis der Übungen und Meditationen
Zitatnachweise
Es könnte wie ein Märchen klingen für Ohren, die seit Langem an den Trommelschlag einer Welt ohne Visionen gewöhnt sind, einer Welt, die zwischen dem unstillbaren Verlangen der Sinne und der tiefsten Sehnsucht des Geistes hin- und hergerissen ist. Für jene aber, die auf der Suche nach einer Vision sind, die »den Zahn, der an der Seele nagt, zu besänftigen weiß«, ist die innere Stimme der Menschlichkeit, von wie fern auch immer, weiterhin vernehmbar, um sie auf ihrem Weg zu führen.
Es bedurfte der seltenen Weisheit eines jungen Königs, um einzusehen, dass das leidenschaftlichste Verlangen aller Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten darin besteht, glücklich zu sein. Als Seine Majestät Jigme Singye Wangchuck, der vierte König von Bhutan, verkündete, das »Bruttonationalglück« (BNG) sei wichtiger als das »Bruttonationalprodukt«, hat er damit eine neue Vision von Entwicklung ins Leben gerufen, die um eine Aussöhnung zwischen den materiellen und immateriellen Bedürfnissen des Menschen bemüht ist. Es ist die Vision von einem Weg größerer Nachhaltigkeit und Erfüllung, der die ethischen und planetarischen Grenzen, in denen alle Wesen ihre Lebensgrundlage haben, wahrhaftig respektiert.
Seit der ersten Formulierung dieses zutiefst ganzheitlichen Entwicklungskonzepts vor nun vierzig Jahren haben einige der klügsten Köpfe auf der ganzen Welt diesen Weckruf als ein Mittel verstanden und aufgegriffen, um einem besinnungslosen Konsumdenken entgegenzuwirken, das dem Planeten und seinen Lebewesen so namenloses Leid zugefügt hat. Eine dieser erleuchteten Seelen ist Dr. Ha Vinh Tho, der sich sein Leben lang dafür eingesetzt hat, Positives zu bewirken, wo immer es ihm bestimmt war, seine Aufgabe zu erfüllen.
Als er nach Bhutan kam, fand die hehre Botschaft eines Bruttonationalglücks sowohl in Bhutan selbst als auch im Ausland bereits weithin Anklang, und Dr. Tho nahm unverzüglich seine Arbeit als Programmdirektor des neu gegründeten BNG-Zentrums von Bhutan auf, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Erbe des erleuchteten Königs aktiv zu bewahren. In den folgenden sieben Jahren widmete sich Dr. Tho der Umsetzung des BNG mit demselben Engagement, mit dem er sich zuvor so intensiv der humanitären Notlagen auf der ganzen Welt angenommen hatte. Die Bedeutung des neuen Entwicklungsweges konnte so nicht nur im Bewusstsein der Bevölkerung von Bhutan, sondern der Menschen in aller Welt eine Erweiterung und Vertiefung erfahren.
Der Glücksstandard verdankt seine Entstehung den Erweckungserlebnissen eines ganz besonderen Menschen, der das Leben kennt, der die unzähligen Signale von Mutter Erde empfangen hat und mit liebender Güte und tiefer Anteilnahme darauf zu antworten weiß. In diesem Buch wirft er einen Blick auf die großen Weisheitstraditionen der ganzen Welt, die von jeher bestrebt waren, eine Antwort auf die tiefsten Fragen des Lebens und das menschliche Ringen nach Orientierung und Sinn zu finden. Um Parallelen mit den Kernthesen des BNG aufzuzeigen, werden die Einsichten der großen Weisen aus Ost und West herangezogen und den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung spirituelle Erkenntnisse zur Seite gestellt.
Seine besondere Kraft bezieht das Buch dabei nicht allein aus den bewegenden Berichten vom Leben in Kriegsgebieten, vom durchdringenden Uringestank in Gefängniszellen oder aus den ergreifenden Geschichten, die sich der Autor von Menschen hat erzählen lassen, deren Lebenssituation völlig außer Kontrolle geraten war, sondern ebenso aus berührenden Erzählungen von zutiefst heilsamen Gängen über grüne Wiesen und verschneite Alpenkämme, von fröhlichem Gelächter auf Familienzusammenkünften und vielem anderem mehr. Nicht zu vergessen die optimistisch stimmenden Berichte über lebendige Erfahrungen, wie sie aus der aktiven Hilfe für Notleidende erwachsen, dem Setzen lebensverändernder Impulse und der Verwandlung unternehmerischer und institutioneller Kulturen, um unser aller Wohl zu mehren.
Das schrittweise praktische Vorgehen, um das Glück auf individueller, institutioneller, gesellschaftlicher und nationaler Ebene zu begründen und zu steigern, ist ein hervorragender Anreiz zu einem sinnvollen Engagement sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Die neun Domänen und Erhebungsmittel werden auf diese Weise fassbarer, nicht anders als die Einsichten wohlbekannter Namen.
Seit im Jahre 2009 die Initiative zu einer landesweiten Bildungsreform namens Bildung für Bruttonationalglück durch das Konzept der Grünen Schulen ins Leben gerufen wurde, war ich unablässig auf der Suche nach einem umfassenden, gezielten und praxisorientierten Ansatz, in dem die nationale Vision unseres Landes ihre Umsetzung finden würde. Im Glücksstandard habe ich ihn gefunden. Das Buch enthält eine tiefgründige Botschaft, verfasst in einer verständlichen und überzeugenden Sprache und in einem ebenso gewinnenden wie wachrüttelnden Stil, in dem die Seele die Welt zur Besinnung auf sich selbst aufruft.
Es zeigt, dass das Bruttonationalglück nicht nur ein erstrebenswertes, sondern auch erreichbares Ziel ist, wie sich anhand der vielen realen Lebenssituationen belegen lässt, in denen es sich auf so stringente und konkrete Weise bewährt hat. Ich glaube fest daran, dass jede Nation ihren Leitstern braucht, so, wie jeder Einzelne einen Traum braucht, dem er folgen kann. Ich bin Ha Vinh Tho zutiefst dankbar dafür, dass er uns nicht nur diesen Ausblick auf unsere nationale Vision von einer ganzheitlichen Entwicklung eröffnet, sondern mit seinem Buch auch einen Einblick in das Wesen des edlen Fachs gewährt, das die Erziehung für mich noch immer darstellt.
Auch wenn das Leid und die Tragik des menschlichen Daseins in ihm niemals fern sind, so ist das Buch doch durchgängig vom Geist der Hoffnung, des Vertrauens und der heiteren Zuversicht getragen. Es geht um das Bruttonationalglück. Es geht um Glück. Es ist Glück. Aber lesen Sie selbst …
Thakur S. Powdyel
Minister für Bildung und Forschung in der ersten demokratisch gewählten Regierung von Bhutan sowie Präsident des Royal Thimphu College
Im Mai 2012 landete ich zum ersten Mal auf dem internationalen Flughafen von Paro, es war mein erster Besuch in Bhutan. Schon der Landeanflug auf Paro ist ein Abenteuer für sich. Nachdem man an einigen der höchsten Berge des Himalaja – einschließlich des Mount Everest – vorbeigekommen ist, schlängelt sich das Flugzeug zwischen hohen Gipfeln hindurch, und wenn man aus dem Fenster sieht, scheinen die Berge fast zum Greifen nah zu sein. Man fragt sich, warum der Pilot das Flugzeug so dicht an der Bergflanke hält, aber wenn man zur anderen Seite hinausschaut, erkennt man, dass es dort genauso knapp ist! Dann steuert das Flugzeug direkt auf einen weiteren Berggipfel zu und macht erst im letzten Moment eine 180-Grad-Wende, um schließlich zur Landung anzusetzen. Dieses Erlebnis ist nichts für Menschen mit Flugangst – oder vielleicht auch gerade eine gute Möglichkeit, um sich davon zu kurieren, denn bis jetzt hat es hier noch keine Unfälle gegeben.
Da ich zum ersten Mal in Bhutan war, kannte ich hier keine Menschenseele. Ich war gekommen, um meine Stelle als Programmdirektor des BNG-Zentrums in der Hauptstadt Thimphu anzutreten, und sah meiner neuen Aufgabe teils mit Aufregung, teils mit Neugier entgegen. Nur ein paar Wochen zuvor hatte ich über Skype ein Bewerbungsgespräch mit einem Gremium aus bhutanischen und internationalen Experten geführt, und schon kurz darauf flog ich nach New York zu einer Konferenz mit hochrangigen Vertretern, zu der die Königliche Regierung von Bhutan an den Sitz der Vereinten Nationen eingeladen hatte.
Seither habe ich in Bhutan und vielen anderen Ländern etliche Workshops zum Bruttonationalglück abgehalten. Auch an Universitäten, in Unternehmen, vor Nichtregierungsorganisationen und in anderen Kontexten habe ich – vor einem großen Publikum oder auch einem kleinen Zuhörerkreis – Dutzende von Präsentationen zum BNG durchgeführt. Häufig werden dabei Fragen gestellt wie zum Beispiel: »Wie sind Sie überhaupt nach Bhutan gekommen?« Und: »Auf welchem Weg sind Sie dorthin gelangt?«
Bevor ich nach Bhutan ging, hatte ich für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gearbeitet, und auch wenn ich dabei eigentlich an dessen Hauptsitz in Genf tätig war, reiste ich doch regelmäßig in Kriegsgebiete. Im Laufe dieser Jahre besuchte ich viele Krisenregionen wie Darfur, Afghanistan, Palästina, die Elfenbeinküste und andere. Zwar war ich in dieser humanitären Arbeit sehr engagiert, aber sie hatte für mich auch etwas Frustrierendes, da wir uns immer nur mit den Folgen der Krisen und Konflikte befassten und uns niemals wirklich mit ihren tieferen Ursachen auseinandersetzten, mit ihren strukturellen und systembedingten Voraussetzungen.
Dieser Art waren einige der Gründe, warum ich mich für das neue Entwicklungsparadigma des Bruttonationalglücks zu interessieren begann. Ich hegte die Hoffnung, dass ein anderes Verständnis von Fortschritt und Entwicklung – eine andere Auffassung von Wirtschaft – Lösungen für die Probleme bieten könnte, mit denen ich mich in meiner humanitären Arbeit konfrontiert sah. Zu jener Zeit allerdings dachte ich nicht einmal im Traum daran, dass ich später einmal in Bhutan leben und arbeiten würde. Eines Morgens jedoch, als ich dabei war, meine E-Mails zu öffnen (ich muss an jenem Tag wohl etwas Luft gehabt haben, da ich nicht wie sonst alle E-Mails unbekannter Absender sofort löschte), und den Newsletter eines akademischen Netzwerks las, stieß ich auf die Stellenausschreibung für die Position des Programmdirektors des BNG-Zentrums in Bhutan. Beim Durchlesen der Aufgabenbeschreibung wurde mir klar, dass diese Arbeit perfekt zu all dem passte, was ich bis dahin erfahren und getan, zu den Fähigkeiten, die ich entwickelt hatte, und dem, was ich mir zutiefst erhoffte. Aber das eine war, die Übereinstimmungen zwischen der Aufgabe und meiner persönlichen Eignung wahrzunehmen, und etwas ganz anderes, auch diejenigen davon zu überzeugen, die die Bewerberauswahl zu treffen hatten. Jedenfalls setzte ich sofort ein Bewerbungsschreiben auf, in dem ich darlegte, inwiefern meine Erfahrungen und Kompetenzen vollständig den Anforderungen der Stelle entsprachen, und sandte es zusammen mit meinem Lebenslauf ab.
Einige Wochen nachdem ich meine Bewerbung abgeschickt hatte, war noch immer keine Antwort aus Bhutan gekommen, und ich hatte das Ganze über meiner Arbeit für das IKRK, die mich vollkommen in Anspruch nahm, schon fast wieder vergessen. Dann erhielt ich eines Morgens eine E-Mail, in der es hieß, dass ich unter mehr als 150 Bewerbern in die engere Auswahl gekommen sei. Man bat mich, in einem kurzen Essay zu beschreiben, wie ich mir meine Arbeit als Programmdirektor konkret vorstellte. Also schrieb ich den kurzen Essay und schickte ihn ab – und wieder hörte ich wochenlang nichts. Ich wollte die Hoffnung schon aufgeben, als ich abermals eine E-Mail erhielt, in der es hieß, dass ich mich mit fünf anderen Bewerbern in der Endauswahl befände und für die kommende Woche ein Bewerbungsgespräch via Skype mit einem Gremium aus Bhutan geplant sei, das anschließend über die Stellenvergabe entscheiden würde.
Die Nachricht wurde offenbar gleichlautend an alle sechs Bewerber in der Endauswahl verschickt, wobei ich die Namen meiner Mitbewerber sehen und mich somit im Internet über sie erkundigen konnte. Als ich dann ihre Lebensläufe und Biografien las, wurde es mir doch sehr mulmig, da die meisten von ihnen – im Unterschied zu mir – namhafte Wissenschaftler waren, Experten, die schon zu wiederholten Malen nach Bhutan gereist waren und gute Verbindungen zu dem Land unterhielten. Ich hatte das Gefühl, dass meine Aussichten, die Stelle zu bekommen, sehr gering waren. Dennoch war ich am Tag des Interviews aus unerfindlichen Gründen guter Dinge, und als die Unterhaltung mit dem Bewerbungsgremium begann, fühlte ich mich sogar noch zuversichtlicher. Es war eine sehr konstruktive, freundliche und warmherzige Gesprächsatmosphäre, ganz und gar nicht wie bei einem normalen Bewerbungsgespräch, vielmehr war es ein intensiver und offener Austausch. Am Ende des Interviews hatte ich ein gutes Gefühl, da meine Gesprächspartner offenbar mit meinen Antworten auf ihre Fragen zufrieden waren und ich Gelegenheit hatte darzulegen, warum die Position so vollständig mit meinen Erfahrungen, Fähigkeiten und größten Hoffnungen in Übereinstimmung war.
Am Ende der Woche, nachdem alle Interviews geführt worden waren, erhielt ich eine Nachricht aus Thimphu, die besagte, dass man sich für mich entschieden habe und dass ich, falls ich wolle, die Position haben könne.
Es ist schwer zu beschreiben, mit welcher Freude, Begeisterung und Aufregung ich diese Nachricht aufnahm. Ich rief sofort meine Frau an, um ihr die unglaubliche Neuigkeit mitzuteilen: Wir würden nach Bhutan gehen.
Meine erste Amtshandlung bestand darin, den Sitz der Vereinten Nationen in New York aufzusuchen, wo die Königliche Regierung von Bhutan eine Konferenz auf höchster Ebene veranstaltete: »Glück und Wohlbefinden: Die Definition eines neuen ökonomischen Paradigmas«.1
Wie eingangs schon erwähnt, war ich nie zuvor in Bhutan gewesen und kannte dort niemanden. Als ich auf der Konferenz in New York eintraf, fühlte ich mich daher etwas verloren und wusste nicht recht, an wen ich mich wenden sollte. In einer Pause gelang es mir, mit dem damaligen Ministerpräsidenten von Bhutan, Jigme Yoser Thinley, ins Gespräch zu kommen, und ich sagte zu ihm: »Eure Exzellenz, Sie kennen mich zwar nicht, aber ich arbeite für Sie.«
Er sah mich an, lächelte und meinte: »Aber natürlich kenne ich Sie. Bei der Stellenvergabe war ich am Auswahlverfahren beteiligt, und ich will hoffen, dass Sie eine gute Arbeit machen, denn ein Freund von mir, der sich ebenfalls beworben hatte, hat den Posten nicht bekommen, und zwar offenbar Ihretwegen.«
So also nahm meine Reise nach Bhutan und damit ins Land des Bruttonationalglücks ihren Anfang.
Bevor wir uns jedoch dem Bruttonationalglück selbst zuwenden, lassen Sie uns noch besser zu verstehen versuchen, warum solch ein neues Entwicklungsparadigma in unserer Zeit so wichtig ist.
Das Bestreben, über diese unkontrollierbaren Kräfte die Oberhand zu gewinnen, bedurfte vieler Jahrhunderte, um Erfolge zu zeitigen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten jedoch hat sich diese Situation nach und nach gewandelt. Heute hängt umgekehrt das Überleben und Wohlergehen des Planeten mit all seinen Lebensformen vom Menschen ab. Trotzdem verhalten wir uns noch immer so wie unsere Vorfahren, ohne zu erkennen, dass heute wir es sind, die für die weitere Entwicklung des Lebens auf der Erde die Verantwortung tragen. In früheren Epochen galt die größte Sorge dem Wohlergehen unserer eigenen Spezies, die wie gesagt der ständigen Bedrohung durch Naturgewalten ausgesetzt war, denen der Mensch ohnmächtig gegenüberstand. Heute befinden wir uns in der umgekehrten Situation: Unser Planet mit all seinen Lebewesen ist von uns abhängig, aber bisher waren wir nicht in der Lage, die neue Verantwortung gänzlich zu erfassen, die uns damit auferlegt wurde oder die wir uns selbst auferlegt haben. Unsere anthropozentrische Weltsicht erweist sich als zerstörerisch für die Umwelt und alle Lebewesen. Damit nicht genug, wird sie schließlich zur Bedrohung für unsere eigene Zukunft, wenn wir nicht aufwachen und uns unserer heiligen Pflicht stellen, für das Wohlergehen aller Lebensformen Sorge zu tragen.
Im Großen und Ganzen sind all unsere sozialen Systeme und Strukturen Überbleibsel aus einer Zeit, als wir uns ganz auf unsere eigenen Bedürfnisse konzentriert haben, ohne Rücksicht auf andere Spezies und die Natur zu nehmen. Wenn wir aber die Realität des aktuellen Erdzeitalters namens Anthropozän2 nicht anerkennen, mit dem uns die Verantwortung für den Planeten übertragen ist, werden diese Strukturen und Systeme unsere eigene Vernichtung bewirken. Indem wir die Natur zerstören, stellen wir unser eigenes Überleben infrage.
Aus diesem Grund darf sich kein neues Entwicklungsparadigma wie das Bruttonationalglück allein auf das Glück aller Menschen konzentrieren, sondern muss auch das Wohlergehen aller anderen Lebensformen miteinbeziehen.
Die meisten alten Kulturen wussten um das enge Verwobensein und die gegenseitige Abhängigkeit aller Lebensformen, einschließlich des Menschen, und waren sich ebenso der Heiligkeit der Elemente bewusst. In ihren Augen bestanden diese nicht nur aus Atomen und Molekülen oder waren lediglich Ressourcen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, sondern lebendige Wesen mit einem eigenen Recht auf Leben und Entfaltung. Diese Verbundenheit mit der Natur und dem Planeten muss dringend zu neuem Leben erwachen, wenn wir eine glückliche Gesellschaft mit glücklichen Menschen erschaffen wollen. Wir können es uns nicht mehr leisten, unser Augenmerk allein auf die menschlichen Bedürfnisse zu richten, sondern müssen lernen, diese Bedürfnisse als eine Teilmenge in der Gesamtheit der Bedürfnisse aller Lebewesen zu begreifen.
Wie ich schon in der Einführung erwähnt habe, war ein wesentlicher Grund, warum ich meine Arbeit beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zugunsten des Umzugs nach Bhutan aufgab, die Einsicht, dass meine humanitäre Arbeit niemals die tieferen Ursachen der Probleme in Angriff nahm, deren Zeuge ich in den Konflikt- und Kriegsgebieten wurde. Die Krisen und die Art, wie sie sich zeigten, waren nur die Spitze des Eisbergs. Sie waren lediglich Symptome tiefer liegender kollektiver oder sozialer Übel, die bei dem Versuch einer Konfliktlösung im Allgemeinen unberücksichtigt blieben. Diese tieferen Ursachen lassen sich vor allem auf einer strukturellen und systemischen Ebene ausmachen, in der Art, wie wir uns in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftlich, wirtschaftlich und in unseren internationalen Beziehungen organisiert haben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lagen Europa und ein großer Teil der restlichen Welt in Schutt und Asche. Die Infrastrukturen waren weitgehend zerstört, die Wirtschaft lag am Boden, und die politischen Systeme versuchten, sich eine neue Basis in einer Welt zu schaffen, die nun in zwei miteinander konkurrierende Systeme gespalten war: die kommunistische Welt mit der Sowjetunion und China auf der einen Seite – und die sogenannte »freie Welt« mit den USA und Westeuropa auf der anderen. Die materiellen Bedürfnisse auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs waren immens, und die Notwendigkeit zum Wiederaufbau führte zwangsläufig zu einer starken Konzentration auf das wirtschaftliche Wachstum.
Im Jahr 1989 trat die Welt in eine neue Ära ein. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion eröffneten sich neue Möglichkeiten. Offenbar waren wir damals aber nicht in der Lage, nachhaltige und innovative Lösungen zu finden, die sich in diesem entscheidenden Augenblick der Geschichte hätten zeigen können. Zu viele Ökonomen und Politiker interpretierten den Untergang des Sowjetimperiums als einen Sieg des kapitalistischen Systems, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass es die Selbstzerstörung dieses konsumorientierten kapitalistischen Systems bedeutet, wenn es sich weltweit ausdehnt. Der Grund dafür liegt in dem fundamentalen Widerspruch zwischen der Vorstellung von einem unbegrenzten Wirtschaftswachstum und einem begrenzten Planeten. Die Krise, die wir gegenwärtig in vielen Bereichen erleben – ob in Wirtschaft, Ökologie und Politik oder in Form von Kriegen und Hungersnöten, um nur einige zu nennen –, ist aus meiner Sicht daher symptomatisch für ein System, das sich selbst überlebt hat und in eine Sackgasse geraten ist.
Bevor ich jedoch auf die Analyse der Probleme zu sprechen komme, die sich uns auf der Systemebene darstellen, möchte ich auf eine noch tiefere Ursache der Probleme eingehen, die wir gegenwärtig erleben, nämlich die Denkweise, der diese Systeme ihre Entstehung verdanken. All die gesellschaftlichen Systeme, in denen wir leben, wurden von uns Menschen als Manifestationen unseres eigenen Bewusstseins geschaffen: Sie sind Ausdruck der Art, wie wir denken, fühlen, handeln, miteinander umgehen, wie wir die uns umgebende Welt interpretieren, und der Geschichten, die wir uns selbst und anderen erzählen, um die Realität, in der wir leben, zu erklären. Gesellschaftliche Systeme sind weder gottgegeben, noch beruhen sie auf Naturgesetzen; sie sind menschengemacht und können daher verändert und transformiert werden. Um aber irgendein System nachhaltig verwandeln zu können, müssen wir zuerst unsere Denkweise, unser Bewusstsein transformieren. Um Einsteins berühmten Ausspruch zu zitieren:
»Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.«
Die ersten beiden Fragen, denen ich mich zuwenden möchte, lauten also: Welche Denkweise ist es, die diese Probleme geschaffen hat? Und noch wichtiger: Wie können wir unsere Art zu denken verändern?
Viele Denker und Philosophen, die in ihre Lehren eine spirituelle Dimension miteinbeziehen, beschreiben die Geschichte der Menschheit als eine Evolution des Bewusstseins. Auch wenn sie in unterschiedlichen Denktraditionen stehen und unterschiedliche Systeme entwickelt haben, stimmen Rudolf Steiner, C. G. Jung, Sri Aurobindo, Pierre Teilhard de Chardin, Jean Gebser und Ken Wilber doch in einem Punkt überein: dass die Menschheitsgeschichte eine Manifestation der Evolution des Bewusstseins ist.
Ich will nicht versuchen, hier ein umfassendes Bild dieser Evolution zu zeichnen. Auf eine Dimension jedoch, die eine zentrale Rolle spielt beim Verständnis der Situation, der wir uns heute als Menschheit gegenübersehen, möchte ich dabei hinweisen. Alle traditionellen Kulturen und Religionen haben eine bestimme Vision oder Vorstellung davon geschaffen, was es heißt, Mensch zu sein, ein Narrativ, das wir uns selbst und anderen – und über die Erziehung auch künftigen Generationen – erzählen und in dem es darum geht, wer wir sind und was es mit unserem Leben auf der Erde auf sich hat. Die verschiedenen Traditionen verwenden dabei unterschiedliche Worte, Bilder und Symbole und vertreten unterschiedliche Ideen, aber allen gemeinsam ist die Auffassung, dass der Mensch doppelten Wesens ist: Wir haben einen physischen Leib, der in der Welt der Materie verwurzelt ist, und wir haben eine spirituelle Dimension, die uns mit einer höheren Welt verbindet.
Innerhalb dieser Traditionen war man sich auch bewusst, dass Menschen einen inneren Verwandlungsprozess durchlaufen müssen, wenn sie Wissen und Weisheit erwerben wollen. Wissen wurde dabei niemals als etwas rein Rationales oder Intellektuelles betrachtet, sondern hatte immer auch eine ethische Dimension, zu der Herzensqualitäten gehörten wie Empathie, Mitgefühl, Selbstlosigkeit, Großzügigkeit und Fürsorglichkeit. Wissen und Weisheit waren nicht zweierlei. Ab dem Zeitalter der Aufklärung änderte sich diese Auffassung allmählich, bis die Einstellung gegenüber Wissen und Weisheit im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Vorherrschaft der Naturwissenschaften eine radikale Wendung erfuhr. Von nun an verlagerte sich die Zielrichtung beim Wissenserwerb von der inneren Verwandlung des Subjekts auf das Verständnis des Objekts. Mehr noch: Der Prozess des Wissenserwerbs musste von jeder Einmischung des Subjekts möglichst freigehalten werden – denn Subjektivität wurde nun als etwas angesehen, das im Widerspruch zu echtem Wissen stand, zu dem, was als objektiv galt. Zwar konnte die moderne Wissenschaft aufgrund dieser neuen und andersartigen Methodologie gewaltige Fortschritte und Erfolge erzielen, aber das hatte seinen Preis. Da ethische und humanistische Werte von wissenschaftlicher Erkenntnis ausgeschlossen waren, konnten die von der Wissenschaft erzielten Ergebnisse potenziell die größten Zerstörungen bewirken.
Die Grenzen und Gefahren einer ausschließlich rationalen Auffassung der Wirklichkeit zeigten sich anhand zweier geschichtlicher Ereignisse, die man als archetypisch betrachten kann, aus denen wir – als Menschheit – anscheinend aber nicht wirklich etwas gelernt haben.
Deutschland war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich das fortschrittlichste Land der Welt mit dem höchsten Bildungsniveau. Seine Universitäten, Wissenschaftler, Philosophen, Musiker, Künstler und Schriftsteller gehörten zu dem Besten, was die westliche Kultur je hervorgebracht hatte. Doch war all dies nicht hinreichend, um den Wahlerfolg der NSDAP und Hitlers Machtergreifung zu verhindern und damit die schlimmsten Zerstörungen, die die Welt je gesehen hat. Auschwitz und der Holocaust stehen für all die Gräuel des Nazi-Regimes und sind ein erschreckendes Beispiel dafür, wie moderne Bürokratie zusammen mit rationeller Organisation und Logistik für die abscheulichsten Zwecke eingesetzt werden kann.
Hiroshima und Nagasaki sind die ersten – und bislang einzigen – Städte, die von einer Atombombe zerstört wurden, und stehen als ein weiteres Symbol dafür, wie moderne Technologie, Wissen und Intelligenz dazu dienen können, um in beispielloser Weise Tod und Vernichtung zu bringen.
Mir ruft das ein herrliches und tiefsinniges Gedicht3 von T. S. Eliot in Erinnerung:
… Das Kreisen ohne Ende von Idee und Tat,
Das endlose Erfinden, endlose Versuchen
Führt uns zur Kenntnis der Bewegung, nicht des Stillstands;
Kenntnis der Sprache, nicht des Stillschweigens;
Kenntnis der Wörter, Unkenntnis des Worts.
All unsre Kenntnis führt uns näher an die Unkenntnis,
All unsere Unkenntnis führt uns näher an den Tod,
Doch Todesnähe nicht näher an G o t t.
Wo blieb das Leben, das im Leben uns entglitt?
Wo blieb die Weisheit, die uns in Beschlagenheit entglitt?
Wo ist die Beschlagenheit, die uns in Nachrichten entglitt?
Das sind fürwahr sehr tiefe Fragen:
Wo blieb die Weisheit, die uns in Beschlagenheit entglitt?
Wo ist die Beschlagenheit, die uns in Nachrichten entglitt?
Die Denkweise, die hinter diesem Dilemma steht, kann man als »materialistischen Reduktionismus« bezeichnen. Lange Zeit war dieses materialistische Verständnis des Menschen, der Erde und des Universums nicht mehr als eine Theorie. Im 20. Jahrhundert jedoch hat man die Theorie in die Praxis umgesetzt, was die unmenschliche Art und Weise zur Folge hatte, auf die wir einander und den Planeten seither behandeln. Menschliche Wesen wurden als rein materielle Wesen mit rein materiellen Bedürfnissen betrachtet, und die Gesellschaft als Ganzes war, gemeinsam mit Wirtschaft und Politik, einzig und allein auf die materielle Dimension des menschlichen Daseins ausgerichtet. Diese Vorstellung von menschlichem Verhalten, das rein aus instinktiven Antrieben zur Erfüllung unserer materiellen Bedürfnisse erklärt wird, hat zum Konzept des »Homo oeconomicus« geführt. In den meisten gängigen Theorien der Wirtschaftslehre wird der »Homo oeconomicus« oder der »Wirtschaftsmensch« als Modell (»rationaler Agent«) eingesetzt, um Voraussagen über menschliche Verhaltensweisen und Varianten der Marktentwicklung zu machen. Es beschreibt den Menschen als ein gänzlich rational orientiertes, allein auf den eigenen Vorteil bedachtes Wesen, das stets optimal im Sinne seiner selbstischen Interessen agiert. Generell ist der »Homo oeconomicus« bestrebt, als Konsument seinen Nutzen und als Produzent seinen Profit zu maximieren, während er den »negativen Nutzen«, den die Arbeit darstellen soll, zu minimieren sucht.
Von einigen Denkern wie Rudolf Steiner und C. G. Jung wird die Evolution des Bewusstseins als ein Emanzipations- und Individualisierungsprozess beschrieben. Unsere Urahnen waren noch vollständig von Naturkräften abhängig, für die sie keine ausreichende Erklärung besaßen, und in ihren Handlungsweisen, Glaubenssätzen und Verhaltensregeln durch den Zufall der Geburt – beziehungsweise das Schicksal oder Karma, wenn man so will – festgelegt, was sich auf den sozialen Status, den Beruf und sogar die Form der Ernährung und Kleidung auswirkte. Erst mit der Entwicklung der Landwirtschaft, der Domestikation von Tieren und der Pflanzenzüchtung lernten unsere Vorfahren allmählich, ihre natürliche Umwelt zu beherrschen. Nun hat es zwischen Renaissance und Aufklärung zweifellos einen immensen Fortschritt im Sinne einer Befreiung des Individuums gegeben, der Errungenschaften wie Menschenrechte, Demokratie, Meinungsfreiheit und einen Zuwachs an Toleranz mit sich brachte; aber offenbar sind wir damit über das Ziel hinausgeschossen. Der Individualismus hat sich zum blanken Egoismus verkehrt, und die Emanzipation hat uns immer weiter in die Entfremdung geführt.
Bekanntlich hat sich die menschliche Evolution als eine Interaktion zwischen innerer Verwandlung (in Form mentaler Prozesse) und äußerem Wandel (in Form des Umweltgeschehens) abgespielt. Um nun den Sinn des Bruttonationalglücks zu verstehen, müssen wir unser Augenmerk sowohl auf die inneren Bedingungen des Glücks – also die Glücksfähigkeit – richten als auch auf die strukturellen und systemischen Veränderungen, mit deren Hilfe sich eine Umgebung schaffen lässt, die dem Glück aller Menschen und dem Wohlergehen aller Lebensformen dienlich ist.
Der erste Teil des Buches beschäftigt sich vor allem mit den inneren Dimensionen von Glück und Wohlbefinden und geht auch auf die äußeren Folgen ein, die mit diesem inneren Verwandlungsprozess einhergehen. Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den strukturellen und systemischen Veränderungen, die wir erreichen müssen, um eine Umwelt zu schaffen, die allen Menschen und allen anderen Lebewesen den optimalen Entfaltungsraum bietet. Schließlich folgen einige praktische Umsetzungsbeispiele im Bildungs- und Unternehmensbereich, um Schritte aufzuzeigen, die geeignet sind, unsere bisherigen Systeme in Umgebungen zu verwandeln, die vom Geist des Bruttonationalglücks getragen sind.
Wenn wir die tiefere Bedeutung von Glück verstehen wollen, müssen wir zwischen zwei sehr unterschiedlichen Erlebnisqualitäten unterscheiden, die gemeinhin beide als »Glück« bezeichnet werden. In der griechischen Philosophie des Altertums gab es zwei Begriffe, um sie zu beschreiben: hēdonḗ und eudaimonía.
Unter hēdonḗ versteht man angenehme Erfahrungen wie sinnliche Genüsse oder positive Stimmungen, die von Natur aus kurzlebig und unbeständig sind. Nehmen wir zum Beispiel ein gutes Essen, so besteht kein Zweifel daran, dass uns eine schmackhafte Mahlzeit angenehme Gefühle bescheren kann. Wenn wir jedoch nicht aufhören zu essen, und handele es sich um ein noch so erlesenes Gericht, hört der Genuss irgendwann auf, und die angenehme Erfahrung macht alsbald einem Unbehagen Platz, das sich womöglich bis zum Krankheitsempfinden steigert.
Das soll nicht heißen, dass es falsch sei, sich innerhalb vernünftiger Grenzen angenehme Erfahrungen zu wünschen, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie zwangsläufig von kurzer Dauer sind. Die Konsumgesellschaft beruht auf diesem unaufhörlichen Genussstreben, und wir alle haben schon die Erfahrung gemacht, wie unbefriedigend dieses Bestreben letztendlich bleibt.
Eudaimonía setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern eũ (»in Harmonie« oder »wohl, gut, schön, reich«) und daímōn, ein Wort, mit dem Plato unser höheres Sein, unser wahres Selbst bezeichnete. Eudaimonía besagt also im Wesentlichen, im Einklang mit seiner höheren Bestimmung oder seinem höchsten Potenzial zu sein. Bei jener Art von Glück, von dem im Zusammenhang mit dem Bruttonationalglück die Rede ist, steht nicht die hedonistische Befriedigung im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie wir die inneren und äußeren Bedingungen für ein sinnerfülltes Leben schaffen können, das uns in die Lage versetzt, im Einklang mit unseren tiefsten Sehnsüchten und unserem höchsten Potenzial zu leben. Um jedoch die tieferen Bedingungen echten Glücks im eudämonistischen Sinne des Wortes zu verstehen, müssen wir uns den Ursachen des Leidens zuwenden, die sich unserer Glücksfähigkeit in den Weg stellen.
Die moderne westliche Gesellschaft zielt vor allem darauf ab, die äußeren materiellen Bedingungen für leibliches Wohlergehen zu schaffen, und wir müssen die gewaltigen Fortschritte anerkennen, die in den letzten einhundert Jahren in dieser Hinsicht durch die Entwicklungen in Wissenschaft und Technik erzielt wurden. Viele einst tödliche Krankheiten sind heute ohne Weiteres heilbar, die Lebenserwartung und der allgemeine Lebensstandard sind immens gestiegen – wenn auch der Wohlstand noch immer sehr ungleich verteilt ist –, und Hunderte von Millionen Menschen führen heute ein Leben, das zweifellos weit komfortabler ist als das ihrer Vorfahren. Zusammen mit der wirtschaftlichen Entwicklung hat der technologische und wissenschaftliche Fortschritt für viele Menschen technische Errungenschaften zugänglich gemacht. Aber wenn dies auch eine enorme Weiterentwicklung bedeutet, müssen wir ebenso bekennen, dass nicht jeder daran teilhat und dass ein syrischer oder afghanischer Flüchtling heute wahrscheinlich ein schwereres Leben hat als seine Vorfahren. Ganz offensichtlich hat der materielle Fortschritt als unerwünschten Nebeneffekt ganz neue Probleme mit sich gebracht, und zwar auch in den am höchsten entwickelten Gesellschaften.
Damit stellt sich die Frage, ob die alleinige Ausrichtung auf wirtschaftliche Entwicklung die inneren Dimensionen von Glück und Wohlbefinden in Vergessenheit geraten ließ. Mit anderen Worten: Ist das Resultat dieser einseitigen Entwicklung eine zunehmende Entfremdung von sehr wichtigen Aspekten des menschlichen Lebens?
Um nochmals T. S. Eliot zu zitieren:
Das endlose Erfinden, endlose Versuchen
Führt uns zur Kenntnis der Bewegung, nicht des Stillstands;
Kenntnis der Sprache, nicht des Stillschweigens;
Kenntnis der Wörter, Unkenntnis des Worts.
Aus der Forschung wissen wir, dass es in den frühen Stadien der ökonomischen Entwicklung eines Landes eine enge Korrelation zwischen steigendem Lebensstandard, Glück und Wohlbefinden gibt – eine Korrelation, die tendenziell gegen null geht, sobald die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse abgedeckt sind. Jenseits eines bestimmten Lebensstandards ist ein erheblicher Zuwachs an materiellen Mitteln nicht mehr gleichbedeutend mit einem erheblichen Zuwachs an Glück und Wohlbefinden. Während sich zum Beispiel das Bruttosozialprodukt der USA in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht hat, ist das subjektive Wohlbefinden auf demselben Stand geblieben. Zudem sind aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung zahlreiche neue Probleme aufgetaucht. So versprach beispielsweise die zunehmende Mobilität in Form des Autobesitzes eine größere persönliche Freiheit und Unabhängigkeit für alle, und anfänglich war dies offenbar auch der Fall. Ab einem bestimmten Punkt in dieser Entwicklung jedoch – als nämlich die Zahl privater Pkws in Relation zur Bevölkerungszahl und Infrastruktur einer bestimmten Region immer weiter anwuchs – nahm die Mobilität wieder ab, da die Menschen nun stundenlang im Stau standen, wie wir es heute in den Großstädten auf der ganzen Welt beobachten können. Abgesehen davon führt die Zunahme des Individualverkehrs zu zwischenmenschlicher Entfremdung. Beobachtet man den Straßenverkehr in einer beliebigen Großstadt, so kann man sehen, dass die meisten Autos von nur einer Person besetzt sind – woraus sich das Bild vieler einsamer Individuen in schweren Metallkisten ergibt, die von ihren Mitmenschen isoliert sind, wobei aufgrund der angespannten Verkehrssituation, die sich aus dieser Tatsache ergibt, alle einander als Ärgernis wahrnehmen.
Vor Kurzem war ich in Bangkok, einer Stadt, die für ihre endlosen Verkehrsstaus berüchtigt ist. Als ich in einem Kino saß, wurden vor dem Hauptfilm einige Werbespots gezeigt, in denen schnittige, teure Autos angepriesen wurden. Beim Betrachten dieser perfekt inszenierten Werbefilme, in denen schöne junge Menschen in schicken Autos durch weite Landschaften brausen, musste ich lächeln: Denn so schnell und komfortabel diese Wagen auch sein mochten, die Realität sah so aus, dass ihre Besitzer in Bangkok auf dem Weg zur Arbeit und zurück im Schnitt gerade mal dreißig Stundenkilometer fahren können, Stoßstange an Stoßstange, tagein, tagaus. Um sich ihr Traumauto leisten zu können, müssen sie sich überdies hoch verschulden, was oft bedeutet, dass sie Überstunden leisten müssen, um die Bankkredite zurückzahlen zu können.
Und das ist nur ein Aspekt der paradoxen Situation, wie sie im Stadtleben inzwischen zur Regel geworden ist. Laut Statistik werden etwa 50 Prozent der Wohnungen in den großen europäischen Städten von nur einer Person bewohnt – ein weiteres Symptom für die wachsende Isolation, die das moderne Leben mit sich bringt.
Wenn man bedenkt, dass sich die Persönlichkeit des Menschen durch soziale Interaktion entwickelt, dann müssen wir uns fragen, was diese zunehmende Isolation in jedem Einzelnen bewirkt. Auf der Suche nach dem eigenen Lebenssinn erkennen wir, dass wir uns vor allem durch soziale Interaktion des Beitrags bewusst werden, den wir für die Gemeinschaft leisten können, indem wir Verständnis für die Bedürfnisse anderer entwickeln. Ein Leben in Isolation läuft daher fast immer Gefahr, seinen Sinn zu verlieren.
In den fortgeschrittenen Ländern sind psychosomatische Erkrankungen wie Stress, Depressionen, Schlaf- und Essstörungen sowie chronische Erschöpfung inzwischen führend in den Krankheitsstatistiken. Es sind reiche und im Frieden lebende Länder, die mit allem nur erdenklichen Komfort, den besten Versorgungseinrichtungen und den höchsten Lebensstandards aufzuwarten haben – und doch sehen wir hier auf persönlicher Ebene ein großes Ausmaß an Leid.
Wie lässt sich dieses Paradox verstehen? Kehren wir zum Begriff der eudaimonía zurück, also einem Leben im Einklang mit den eigenen tiefsten Sehnsüchten oder dem eigenen höchsten Potenzial, dann erkennen wir, dass die primäre Ursache des Leidens das Gefühl der Selbstentfremdung ist. In allen alten Kulturen des griechischen und orientalischen Raums war der Begriff der Selbsterkenntnis zentrales Element eines sinnerfüllten Lebens. Das entspricht auch der Sichtweise der buddhistischen Psychologie, in der als erste Ursache des Leidens die Unwissenheit gilt oder ávidyā, was auf Sanskrit so viel bedeutet wie »Abwesenheit von Licht«. In diesem Kontext bedeutet Unwissenheit jedoch nicht einen Mangel an Bildung oder wissenschaftlichen Kenntnissen, sondern die Entfremdung vom eigenen wahren Sein.
Mit ihrer einseitigen Ausrichtung auf die Außenwelt und der Vernachlässigung der inneren Dimension des Lebens hat die moderne Kultur des Materialismus jedoch ganz erheblich zu diesem Mangel an Selbstkenntnis beigetragen. Bei näherem Hinsehen begegnet uns ebenjene Bevorzugung der Außenwelt auf Kosten der Innenwelt auf Schritt und Tritt. Um objektive Informationen zu gewinnen, sieht zum Beispiel die wissenschaftliche Forschung zugunsten der Objektkenntnis vom Subjekt als einer sogenannten Fehlerquelle ab. In den meisten Familien, Schulen und Betrieben ist es üblich, sich auf äußere Erfolge zu konzentrieren, anstatt den Reichtum der Innenwelt zu würdigen. Kümmern wir uns aber vor allem um die äußeren Dimensionen des Daseins, indem wir Glück und Erfolg mit materiellem Wohlstand und der gesellschaftlichen Stellung gleichsetzen, dann verstärken wir damit das Gefühl der Entfremdung von uns selbst, und das ist weniger ein Problem von Einzelnen als ein gesellschaftliches und kulturelles Dilemma, mit dem sich viele Menschen konfrontiert sehen. Das Traurige daran ist, dass vielen Menschen erst dann, wenn das Leben eine unerwartete Wendung nimmt – durch plötzliche Krankheit, Arbeitslosigkeit oder den Tod eines Angehörigen –, bewusst wird, dass angesichts existenzieller Bewährungsproben äußere Errungenschaften von geringer Bedeutung sind.
Eine weitere unbeabsichtigte Konsequenz der Modernisierung ist unsere Entfremdung von den natürlichen Abläufen. Die Rhythmen unseres Planeten – Jahreszeiten, der Wechsel von Nacht und Tag, die Zyklen des Mondes und der Sonne und ebenso unser eigener innerer Rhythmus von Schlaf und Wachen – haben sich im Laufe von Jahrtausenden nicht wesentlich verändert. Im Gegensatz dazu hat unsere Lebensweise einen dramatischen Wandlungsprozess durchgemacht, der mit der industriellen Zivilisation einsetzte. Lebten die meisten Menschen bis dahin mit den Kreisläufen der Natur, so mussten sie nun vom Land in die wachsenden Städte ziehen, um sich als Arbeiter in den Fabriken zu verdingen. Eine berühmte Szene aus Charlie Chaplins Film »Moderne Zeiten« ist eine aufschlussreiche Metapher für diesen Wandel: Darin steht er am Fließband und versucht, mit dessen rasantem Tempo mitzuhalten, bis er schließlich von der Maschinerie verschlungen wird.
Unsere inneren Rhythmen befinden sich in vollkommenem Einklang mit den Zyklen der Natur. Unser Herzschlag und unsere Atmung sind lebendige Rhythmen, die für das harmonische Zusammenwirken all unserer Organe entscheidend sind und sich ständig an unsere körperlichen und seelischen Vorgänge und Befindlichkeiten anpassen. Der Takt der Maschinen hingegen läuft unseren organischen Rhythmen komplett zuwider und zwingt uns ein mechanisch vorgegebenes Tempo auf, das die natürlichen Abläufe des Lebens missachtet. Dieser Konflikt zwischen unseren inneren Rhythmen und den äußeren Erfordernissen der Arbeitswelt schafft eine Spannung, die sich schließlich als Stress und Burn-out manifestiert.
Einen noch viel radikaleren Wandel hat das Aufkommen der Computertechnologie bewirkt, die nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch unser Privatleben durchdrungen hat. Wenn sich Fabrikarbeiter im vergangenen Jahrhundert am Fließband einem unmenschlichen Arbeitstempo beugen mussten, so entkamen sie ihm wenigstens am Ende des Arbeitstages. Die heutigen elektronischen Gerätschaften dagegen dringen in jeden Augenblick unseres wachen Daseins ein.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, als die ersten Computer auf meiner Arbeitsstelle eingeführt wurden. Damals lautete das Argument, dass wir so dieselbe Arbeit in viel weniger Zeit erledigen könnten. Aber das Versprechen der Zeitersparnis hat sich nie erfüllt, im Gegenteil: Seit E-Mails und die sozialen Medien in unser Leben Einzug gehalten haben, hat es eine dramatische Beschleunigung erfahren. Vorbei sind die Zeiten, als ich noch mit einem schönen Füllfederhalter auf einem edlen Bogen Papier einen Brief verfasste und mir dabei die Zeit nahm, wohlformulierte Sätze zu Papier zu bringen, indem ich mir den Empfänger vor Augen führte, bevor ich das Blatt zusammenfaltete, in einen Umschlag steckte, diesen sodann mit Adresse und Briefmarke versah, zur Post trug, um der Antwort entgegenzusehen, die nach Tagen oder Wochen eintraf, wobei ich der Zeit ihren natürlichen Gang ließ. Wenn ich dagegen heute meinen Computer am Morgen hochfahre, habe ich vielleicht Dutzende von Mails im Posteingang, und viele der Absender werden ungeduldig, wenn ich nicht innerhalb von Stunden antworte.
Aber selbst E-Mails gehören mittlerweile schon der Vergangenheit an, und viele junge Menschen bedienen sich ihrer kaum noch, sondern bevorzugen das noch schnellere Instant-Messaging auf ihren Smartphones. Ich glaube, dass nichts auf so dramatische Weise das menschliche Verhalten verändert hat wie der weltweite Siegeszug des Smartphones. Und das Paradoxe daran: Die Tatsache, dass wir permanent miteinander in Verbindung stehen, hat ein gewaltiges Ausmaß an Beziehungslosigkeit bewirkt. Zum Beispiel gab es einmal eine Zeit, als ein paar Dutzend Freunde als ein großes soziales Umfeld galten. Als ich kürzlich auf meinem Facebook-Account nachsah, stellte ich fest, dass ich dort fünftausend Freunde habe. Aber wie viele davon kenne ich wirklich? Und wie viel Zeit kostet mich der Austausch mit diesen virtuellen »Freunden« – Zeit, die mir für den Umgang mit meinen realen Freunden verloren geht?
Wir alle kennen das typische Bild in öffentlichen Verkehrsmitteln, sei es Bus oder Bahn: Praktisch alle sind mit ihrem Handy oder Tablet beschäftigt, sodass eine reale Unterhaltung mit anderen Fahrgästen inzwischen eher die Ausnahme als die Regel ist. Eine ähnliche Szene bietet sich häufig in Restaurants, wenn Paare oder Familien an einem Tisch sitzen und jeder nur noch auf sein Display starrt, anstatt miteinander zu kommunizieren. Eine Konsequenz dieses radikalen Wandels im menschlichen Verhalten besteht in unserer veränderten Einstellung zur Zeit. Während es sich nämlich beim organischen Ablauf der Zeit um ein rhythmisches Fließen handelt, ist die elektronische Zeit ein punktuelles Jetzt.
Eines der häufigsten Phänomene im Zusammenhang mit Stress ist das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben, unter ständigem Druck zu stehen. Eine der Ursachen dafür liegt in der Diskrepanz zwischen unserem organischen Zeiterleben, das auf dem Atem und dem Herzschlag beruht (der immer noch derjenige unserer Ahnen ist), und der Beschleunigung unseres Alltags, dessen Tempo immer mehr außer Kontrolle gerät. Die erste und wichtigste Maßnahme, um wieder mit uns selbst in Kontakt zu kommen, besteht deshalb darin, uns bewusst Momente zu schaffen, in denen wir entschleunigen und innehalten. Die Achtsamkeitsbewegung zum Beispiel hat sich denn auch in Kontexten etablieren können, die man auf den ersten Blick am wenigsten mit ihr in Verbindung bringen würde: vom Weltwirtschaftsforum in Davos über die Google-Büroetagen bis hin zum britischen Parlament. Wie wir aber noch sehen werden, ist diese Popularität gar nicht so überraschend.
»Achtsamkeit ist die Energie, mit der man des gegenwärtigen Augenblicks gewahr und ihm wach zugewandt ist. Sie ist die beständige Übung, in jedem Moment des Alltags das Leben auf tiefe Weise zu berühren. Achtsam zu sein heißt, wahrhaft lebendig, präsent und im Einklang mit den Menschen um sich herum und dem eigenen Tun zu sein.«
Thich Nhat Hanh
Achtsam zu sein bedeutet, in einer besonderen Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und nicht wertend. Es bedeutet, von Augenblick zu Augenblick unserer Gedanken, Gefühle, körperlichen Empfindungen und unserer Umgebung gewahr zu sein.
