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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Der rote Schulbus mit der Aufschrift »Kinderheim Sophienlust« hielt vor dem Gymnasium in der Kreisstadt, um die Kinder abzuholen. Heute saß Wolfgang Rennert selbst am Steuer, weil er einige dringende Besorgungen in der Stadt zu machen gehabt hatte. Es regnete in Strömen. Dennoch verharrte ein kleines Mädchen in einem dunkelblauen Lackmantel mit gleichfarbigem Hütchen am Straßenrand und starrte den Kleinbus unverwandt an. Wolfgang Rennert sah, dass sich ihre Lippen bewegten und ihre Augen einen sehnsüchtigen Ausdruck hatten. Daran gewöhnt, um die Gesundheit von Kindern besorgt zu sein, kurbelte er das Fenster herunter und fragte: »He, du Kleine, willst du nicht lieber heimgehen? Du wirst ja patschnass!« Tiefblaue Augen blickten ihn bittend an. »Ich möchte Sie gern etwas fragen«, sagte das Mädchen schüchtern. »Darf ich?« »Natürlich darfst du. Aber dann komm lieber herein. Hier ist es trocken.« Das Kind kletterte in den Bus. Fürsorglich half ihm Wolfgang Rennert dabei. Vom Mantel rannen kleine Bäche auf Sitz und Boden, aber was machte das schon! »Nun, was willst du fragen?«, erinnerte er die Kleine.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Der rote Schulbus mit der Aufschrift »Kinderheim Sophienlust« hielt vor dem Gymnasium in der Kreisstadt, um die Kinder abzuholen. Heute saß Wolfgang Rennert selbst am Steuer, weil er einige dringende Besorgungen in der Stadt zu machen gehabt hatte.
Es regnete in Strömen. Dennoch verharrte ein kleines Mädchen in einem dunkelblauen Lackmantel mit gleichfarbigem Hütchen am Straßenrand und starrte den Kleinbus unverwandt an. Wolfgang Rennert sah, dass sich ihre Lippen bewegten und ihre Augen einen sehnsüchtigen Ausdruck hatten. Daran gewöhnt, um die Gesundheit von Kindern besorgt zu sein, kurbelte er das Fenster herunter und fragte: »He, du Kleine, willst du nicht lieber heimgehen? Du wirst ja patschnass!«
Tiefblaue Augen blickten ihn bittend an.
»Ich möchte Sie gern etwas fragen«, sagte das Mädchen schüchtern. »Darf ich?«
»Natürlich darfst du. Aber dann komm lieber herein. Hier ist es trocken.«
Das Kind kletterte in den Bus. Fürsorglich half ihm Wolfgang Rennert dabei. Vom Mantel rannen kleine Bäche auf Sitz und Boden, aber was machte das schon!
»Nun, was willst du fragen?«, erinnerte er die Kleine.
»Da steht doch Kinderheim Sophienlust drauf«, flüsterte sie. »Ist es denn schön dort? Sind da auch nette Kinder?«
Das Mädchen war klein und zierlich. Wolfgang Rennert wunderte sich, dass sie schon lesen konnte. Das sagte er ihr auch.
»Ich gehe ja schon zur Schule«, erklärte sie. »Ich habe den Bus schon oft gesehen. Es steigen immer nette Kinder ein. Ich heiße Monika«, fügte sie dann schnell hinzu.
»Dann kommst du jetzt wohl aus der Schule?«, fragte er. »Man wartet daheim sicher auf dich.«
Das Gesicht des Kindes überschattete sich. »Ach, Mutti wartet jetzt nur noch auf das Baby«, erwiderte sie. »Ich bin nicht mehr wichtig.«
Wolfgang Rennert hatte, seit er in Sophienlust lebte, schon viel Kinderschmerz kennengelernt. In Sophienlust hatten es sich alle zur Aufgabe gemacht, Kinder über ihren Kummer hinwegzutrösten. Behutsam nahm er die kleine Hand.
»Du denkst jetzt sicher nur, dass du nicht mehr wichtig bist«, tröstete er. »Viele Kinder denken das, wenn sie ein Geschwisterchen bekommen. Freust du dich denn nicht darauf?«
»Ich habe es mir sehr gewünscht«, erklärte Monika. »Ganz lange und immer wieder, aber nun freue ich mich nicht mehr. Mutti ist zu mir jetzt gar nicht mehr lieb. Deshalb möchte ich gern in euer Kinderheim kommen, weil da so liebe Kinder sind.«
In diesem Augenblick kamen die Sophienluster Kinder aus der Schule gestürmt. Allen voran Dominik von Wellentin-Schoenecker, der gleich die Augen aufriss, als er das kleine Mädchen gewahrte.
»Haben wir Zuwachs bekommen?«, fragte er erstaunt. »Davon weiß ich ja gar nichts. Guten Tag, wie heißt du denn?«, fuhr er, noch bevor Wolfgang Rennert etwas sagen konnte, fort.
»Monika. Monika Sanders. Ich bin sieben Jahre alt«, erwiderte die Kleine.
»Und du willst nach Sophienlust?«, fragte Dominik erstaunt.
»Ich möchte sehr gern, aber ich muss erst fragen, ob ich darf. Ich wollte mich mal erkundigen, ob dort liebe Kinder sind!«
Nun stieg auch Pünktchen in den Bus ein und betrachtete die Kleine nachdenklich. »Dich habe ich schon öfter gesehen«, stellte sie fest.
Monika nickte. »Ich habe mir den Bus jeden Tag angeschaut, und dich kenne ich auch schon. Dürfen alle Kinder nach Sophienlust kommen, die gern wollen?«
»Solange wir Platz haben«, antwortete Dominik.
»Habt ihr jetzt Platz?«, fragte Monika.
Ein wenig unsicher blickte Dominik Wolfgang Rennert an. »Platz haben wir schon, aber du hast doch sicher Eltern«, meinte er.
»Ja, ich habe Eltern, aber ich werde Vati bitten, dass er mich nach Sophienlust lässt«, erklärte Monika.
Inzwischen hatte sich der Bus gefüllt. Die Kinder schwatzten durcheinander. Jeder wollte natürlich wissen, wer Monika sei und ob sie mit nach Sophienlust komme, aber Wolfgang Rennert hatte sich inzwischen entschlossen, die Kleine heimzubringen. Zögernd nannte sie auf seine Frage ihre Adresse und versank danach in trübseliges Schweigen.
Vor einem modernen Mehrfamilienhaus hielt Wolfgang Rennert an.
»Nun kommst du wohl nicht allzu spät nach Hause«, murmelte er.
Monika warf ihm einen tieftraurigen Blick zu. »Ich würde euch gern mal besuchen«, sagte sie leise. »Darf ich das?«
»Das darfst du immer«, antwortete Dominik. »Deine Eltern werden es schon erlauben.«
»Monika«, rief eine Männerstimme, als das Kind aus dem Bus stieg. Betroffen blickte der schlanke Mann Wolfgang Rennert an, der der Kleinen beim Aussteigen half.
»Ist etwas passiert?«, fragte er bestürzt. »Ich wollte meine Tochter von der Schule abholen, aber sie war schon weg.«
»Es regnete so stark, da dachte ich, es sei besser, wenn wir sie heimbringen«, erklärte Wolfgang Rennert. Er fand, dass der Mann eigentlich recht passabel aussehe und nicht den Eindruck mache, als sei er ein nachlässiger Vater. Aber dennoch schien das Kind einen echten Kummer zu haben.
»Moni möchte uns gern mal besuchen«, mischte sich Dominik ein. »Würden Sie es bitte erlauben? Ich bin Dominik von Wellentin-Schoenecker«, stellte er sich höflich vor. »Uns gehört Sophienlust.«
Herr Sanders sah noch immer reichlich verwirrt aus. »Vielen Dank einstweilen für Ihre Hilfe«, sagte er zu Wolfgang Rennert. »Wenn es möglich ist, werde ich einmal mit Monika kommen. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte. Meine Frau wartet.«
Monika winkte schüchtern. »Vielen Dank«, rief sie über die Schulter zurück.
*
Bernd Sanders umschloss die Kinderhand mit festem Griff. »Du sollst doch nicht mit fremden Menschen mitgehen, Monika«, erinnerte er mahnend.
»Das sind keine fremden Menschen. Das ist das Kinderheim Sophienlust, Vati«, versicherte sie. »Ich möchte auch gern dorthin.«
Betroffen blickte er sie an. »Hast du uns denn nicht mehr lieb, Moni?«
»Mutti will doch jetzt nur noch das Baby. Ich störe sie bloß«, erwiderte das Kind mit erstickter Stimme.
Der Mann seufzte in sich hinein. Er machte sich auch seine Gedanken um seine Frau. Seit Wochen war sie völlig verändert, launisch und oft ungerecht, nicht nur dem Kind gegenüber, sondern auch in anderen Dingen und sogar was ihn betraf.
»Mutti fühlt sich nicht ganz wohl«, erklärte er begütigend. »Wir müssen ein wenig Rücksicht auf sie nehmen, mein Kleines.«
Monika sagte nichts mehr. Sie presste die Lippen fest aufeinander, als sie zusammen mit ihrem Vater die Wohnung betrat.
»Da seid ihr ja endlich«, wurden die beiden von Christel Sanders vorwurfsvoll begrüßt. »Das Essen ist schon lange fertig.«
Den Kuss ihres Mannes nahm die junge Frau gleichgültig hin. Monika bekam zu hören, dass sie patschnass sei und sich sofort umziehen solle. Die Kleine verschwand auch gleich in ihrem Zimmer, das reizend und mit viel Liebe eingerichtet war. Es fehlte an nichts. Finanzielle Sorgen hatten die Sanders nicht. Bernd Sanders war Prokurist, sodass sich die Familie eigentlich alles leisten konnte. Doch daran dachte das Kind nicht. Es dachte daran, dass früher alles viel schöner gewesen war. Als das Baby noch nicht unterwegs gewesen war, hatte Monika eine liebe, besorgte Mutti gehabt, die immer Zeit für sie gehabt hatte und fröhlich gewesen war.
Ganz konnte sich Bernd Sanders auch nicht erklären, warum seine Frau gar so verändert war. Ihre erste Schwangerschaft war ohne jede Komplikation verlaufen. Sie hatten sich gemeinsam auf das Kind gefreut und waren selig gewesen, dass Monika ein so reizendes kleines Mädchen geworden war. Und sie hatten sich auch mehrere Kinder gewünscht. Doch lange hatten sie darauf warten müssen. Fast sieben Jahre lang. Aber die Freude darüber war rasch verflogen, denn mit Christel Sanders war nach kurzer Zeit eine unbegreifliche Veränderung vor sich gegangen.
Heute sah sie wieder einmal besonders elend aus.
»Du solltest wieder einmal zum Arzt gehen, Liebes«, meinte Bernd Sanders besorgt.
»Er sagt, es wird sicher besser werden, sobald der sechste Monat vorbei ist«, erwiderte sie. »Es wird mir auch zu viel«, fuhr sie unwillig fort. »Monika ist so lebhaft, und in letzter Zeit kommt sie immer später nach Hause. Ich weiß gar nicht, was in das Kind gefahren ist.«
»Vielleicht fühlt sie sich zurückgesetzt«, bemerkte er vorsichtig. »Du musst bedenken, dass sie sieben Jahre allein war und wir sie ziemlich verwöhnt haben.«
»Sie hat sich doch Geschwister gewünscht«, erklärte Christel unwillig. »Aber wenn ich gewusst hätte, dass es mir diesmal so schlecht geht, hätte ich kein Kind mehr haben wollen. Ja, ich würde liebend gern darauf verzichten«, brauste sie auf.
Ich muss einmal mit Ricky sprechen, dachte der Mann. Vielleicht vertraut sich Christel ihrer Schwester eher an.
Ricarda, genannt Ricky, war fünf Jahre jünger als seine Frau. Sie war Chefsekretärin bei einem Bankdirektor. Leider war sie beruflich sehr in Anspruch genommen, seit sie diese Stellung angenommen hatte. Früher war sie oft bei ihnen gewesen. Vielleicht fehlte Christel auch die Gesellschaft der temperamentvollen tüchtigen Schwester, die immer Leben in die Wohnung brachte, wenn sie kam.
»Wo bleibst du denn, Moni?«, rief Christel nun ungeduldig. »Wir wollen essen. Liebe Güte, dauernd muss man dich ermahnen.«
Verschüchtert kam Monika herein. Sie hatte sich umgekleidet und gekämmt. Nachdem sie ihrem Vati einen flehenden Blick zugeworfen hatte, den er nicht richtig zu deuten wusste, setzte sie sich an den Tisch.
»Nun iss doch endlich!«, wurde sie von ihrer Mutter ermahnt. »Was hast du denn heute wieder?«
»Sie macht doch gar nichts«, meinte Bernd Sanders begütigend. »Wenn sie lebhaft ist, passt es dir auch nicht.«
Das war schon zu viel. Christel Sanders warf ihre Serviette hin und lief weinend aus dem Zimmer.
So kann es nicht weitergehen, dachte er. Auch ihm war der Appetit vergangen, und Monika schien erst recht keinen zu haben.
»Es ist bestimmt besser, wenn ich in das Kinderheim gehe«, sagte sie leise.
In gereizter Stimmung missverstand er diesen Einwurf gründlich. »Du bildest dir jetzt etwas ein und willst nur deinen Kopf durchsetzen«, erwiderte er unbeherrscht. »Zum Teufel, was ist denn bloß in euch gefahren! Man hat ja schon keine Lust mehr, nach Hause zu kommen.«
Gleich darauf schämte er sich dieses Ausbruchs, aber seine Nerven waren einfach bis zum Äußersten gespannt. Überstürzt verließ er das Zimmer, um seine Frau zu beruhigen, die weinend auf ihrem Bett lag.
»Ich kann doch nichts dafür. Ich habe so entsetzliche Kopfschmerzen«, jammerte sie. »Und jetzt, wo ich Ricky einmal brauchte, hat sie keine Zeit. Alles hat sich gegen mich verschworen.«
Ich muss mit dem Arzt sprechen, dachte er. Diese Kopfschmerzen kann sie sich doch nicht nur einbilden.
Ein Angstgefühl lähmte ihn. Sollte es nun immer so bleiben, würde es nie mehr eine fröhliche Christel geben, um die ihn alle beneidet hatten?
»Sei brav«, ermahnte er Monika, als er wieder ins Geschäft fahren musste. »Ich rufe Tante Ricky an. Vielleicht kann sie heute mal kommen.«
Aber auch das war kein Trost für Monika. Sie dachte an die fröhlichen Kinder, die gleich so nett zu ihr gewesen waren, und sie dachte auch an das Baby, das sie aus dem Herzen ihrer Mutti verdrängte. Sie wollte dieses Geschwisterchen nicht mehr haben. Sie verstand jetzt auch nicht mehr, dass sie es sich so sehr gewünscht hatte.
*
In Sophienlust saßen die Kinder am Mittagstisch. Hier wurde mit großem Appetit gegessen. Und die Plappermäulchen standen keinen Moment still.
»Mir hat die Kleine richtig leidgetan«, meinte Pünktchen zu Malu. »Sie wäre zu gern mit nach Sophienlust gekommen. Richtig traurig hat sie ausgeschaut.«
»Welche Kleine?«, erkundigte sich Vicky, die noch in die Grundschule ging und so nichts von Monika wusste.
»Monika heißt sie. Sie steht mittags immer bei unserem Bus. Sicher hat sie keine liebe Mutti, die auf sie wartet«, antwortete Pünktchen nachdenklich.
»Vielleicht hat sie auch bloß was ausgefressen gehabt«, überlegte Malu.
»So hat sie aber nicht ausgesehen«, mischte sich Dominik ein, der an diesem Tag mal wieder in Sophienlust aß, weil seine Eltern mit dem kleinen Henrik in der Stadt waren. »Ganz nass war sie. Hoffentlich hat sie sich nicht erkältet.«
»Ihr Vati wollte sie ja abholen. So böse ist er bestimmt nicht«, überlegte Pünktchen weiter.
»Vergesst das Essen nicht«, wurden die Kinder von Carola Rennert ermahnt. Sie wusste schon, worum das Gespräch ging. Wolfgang, ihr Mann, hatte es ihr bereits erzählt. Da sie selbst ein Baby erwartete, knüpfte sie daran ihre eigenen Betrachtungen. Es war eben nicht gut, wenn eine zu große Pause zwischen zwei Kindern lag. Besser war es, wenn sie miteinander aufwuchsen. Carola dachte aber auch daran, dass ihr der Lärm der Kinder jetzt auch manchmal zu viel wurde. Eine Frau war eben doch viel empfindlicher, wenn sie ein Baby erwartete.
*
Monika machte keinen Lärm. Sie war sogar so still, dass man ihre Anwesenheit gar nicht bemerkte.
Das behagte Christel Sanders nun auch wieder nicht. Sie hatte eine Stunde geschlafen, fühlte sich etwas wohler und erinnerte sich nun ihrer Mutterpflichten. Doch Monika blickte nicht auf, als sie ins Kinderzimmer trat.
»Nun spiel nicht die Beleidigte und zeige mir deine Hausaufgaben«, sagte Christel.
»Ich mache sie gerade«, erwiderte Monika.
Christel blickte ihr über die Schulter und war zufrieden. Fein säuberlich hatte Monika ihre Wörter ins Heft gemalt.
»Das ist ja sehr schön«, lobte Christel, sodass Monikas blaue Augen aufleuchteten. Aber das Leuchten verschwand sogleich wieder, als ihre Mutter fortfuhr: »Da kannst du ja deinem Geschwisterchen sehr schön helfen, wenn es erst einmal so groß ist wie du.«
»Dann bin ich aber schon viel größer«, wandte Monika ein. »Da möchte ich schon etwas anderes tun. Helfen kannst du ihm ja. Du hast es doch viel lieber als mich.«
Christel hörte nicht den Aufschrei der kindlichen Seele. Sie sah die Bemerkung als Aggressivität an.
»Du bist nur noch eigensinnig und trotzig«, antwortete sie ungehalten. »So mag ich dich gar nicht.«
»Das weiß ich ja«, flüsterte Monika, »und deshalb will ich auch fort.«
»Du willst fort?«, rief Christel Sanders aus. »Ja, hast du denn nicht alles? Bekommst du noch immer nicht genug? Viel zu verwöhnt bist du! Du bleibst jetzt in deinem Zimmer und bockst dich aus.«
Nun war Monika wieder allein. Tapfer schluckte sie die Tränen hinunter. Und wenn sie mich nicht hinbringen, dann gehe ich allein nach Sophienlust, dachte sie. Aber dann komme ich nie mehr zurück. Wenn sie ihr Baby haben, brauchen sie mich sowieso nicht mehr.
Entschlossen klappte sie ihr Heft zu. Schularbeiten wollte sie auch nicht mehr machen. Wozu denn auch? Aber spielen durfte sie auch mit niemandem. Da regte sich Mutti nur auf. Monika wollte ja gern lieb sein, aber das begriff die Mutti eben nicht.
Früher hatten sie zusammen immer so schöne Spaziergänge gemacht, die Schwäne im Park gefüttert oder die Ponys besucht. Und wenn es, wie heute, geregnet hatte, dann hatten sie gespielt.
Monika ging zum Fenster und drückte ihr Näschen an die Scheibe. Der Regen rauschte herab. Was wohl die Kinder in Sophienlust an einem solchen Tag machten?
*
In Sophienlust ging es allerdings lebhaft zu. Die größeren Kinder spielten Tischtennis, die kleinen turnten an den neuen Geräten, die vor ein paar Tagen gekommen waren. Opa von Wellentin hatte ihnen eine Turnhalle bauen lassen, und nun fehlte es wirklich an gar nichts mehr. Der Regen machte ihnen deshalb nichts aus. Regnen musste es ja, damit die Natur gedeihen konnte.
Pünktchen hatte mal wieder eine Partie Tischtennis mit Dominik verloren. Aber das machte ihr nichts aus. Sie war eine gute Verliererin.
»Was stellen Kinder eigentlich an, wenn sie den ganzen Tag allein sind?«, bemerkte sie sinnend.
»Bei uns ist ja nie jemand allein«, entgegnete Nick. »Hast wohl mal wieder deinen Moralischen, Pünktchen?« Gutmütig legte er seine Hand auf ihre Schulter. »Ich weiß schon, du denkst an die Kleine. Ich kenne dich doch.«
Ja, ihr Nick kannte sie. Da brauchte sie gar nicht viel zu sagen.
»Muss ja auch traurig sein«, murmelte sie. »Da sitzt sie vielleicht am Fenster und starrt auf die trostlose Straße, sieht bloß blöde Autos und keine Bäume, die sich freuen, wenn sie abgespült und erfrischt werden. In der Stadt ist es ja auch schrecklich. Ich bin immer froh, wenn ich wieder draußen bin. Hörst du mir Vokabeln ab, Nick?«, bat sie dann.
»Wenn es sein muss«, seufzte er. Gern tat er es nicht, aber Pünktchen konnte er keinen Wunsch abschlagen.
»Ich möchte doch eine gute Note schreiben«, meinte sie.
»Wenn du nur nicht so verflixt ehrgeizig wärest«, stöhnte er.
»Ich lerne ja von eurem Geld. Da muss ich auch fleißig sein«, erklärte sie.
»Das mag ich schon gar nicht hören«, begehrte er auf. »Du mit deiner ewigen Dankbarkeit!«
»Ich muss doch dankbar sein. Wo wäre ich denn, wenn du mich nicht nach Sophienlust gebracht hättest? Glaubst du, das könnte ich jemals vergessen? Früher habe ich noch nicht so viel darüber nachgedacht, aber jetzt, wo ich alles schon viel besser verstehe, begreife ich erst richtig, was ihr für mich getan habt. Es wäre sehr schlimm, wenn ich mich nicht dankbar erweisen würde.«
»Und was hätten wir ohne dich gemacht?«, meinte er.
Sie errötete heiß. Es machte sie glücklich, wenn Nick so etwas zu ihr sagte. Ihr feines Näschen krauste sich, als sie lächelte, und das Grübchen in ihrer Wange vertiefte sich. Süß sah sie aus.
»Du hast dich gar nicht verändert, Nick«, äußerte sie mit einem kleinen glucksenden Lachen. »Du bist größer und gescheiter geworden, aber verändert hast du dich nicht. Du bist noch genauso lieb wie damals und gar kein Lümmel.«
»Das wäre auch noch schöner. Mutti würde mir schön die Leviten lesen, wenn ich ein Lümmel wäre. Und über das Flegelalter bin ich nun schon hinaus«, behauptete er.
»Du warst doch nie richtig drin«, versicherte sie. »Die Buben in meiner Klasse, wenigstens die meisten, sind manchmal ganz abscheulich frech.«
Er runzelte die Stirn. »Wenn dir einer was tut, sag es mir. Der kann was erleben!«
»Ich kann mich schon selbst wehren«, erklärte Pünktchen stolz. »Meinetwegen brauchst du nicht zu raufen.«
*
Ricarda Löhr ließ vor Schreck beinahe den Telefonhörer fallen, als ihr Chef in das Vorzimmer trat. »Entschuldige bitte«, sagte sie rasch in die Muschel, »ich muss Schluss machen. Gut, ich werde versuchen, heute etwas früher wegzukommen. Bis dann.« Verlegen wandte sie sich an ihren Chef. »Verzeihung, Herr Doktor, es war mein Schwager.«
Dr. Opitz verzog den Mund. Es sollte wohl ein Lächeln sein, aber Ricky fasste es als ein sehr sarkastisches auf.
»Meinen Sie, dass Sie noch zwei Briefe für mich schreiben können, auch wenn Sie es eilig haben?«, fragte er höflich, aber in ihren Ohren klang auch das ironisch.
»Selbstverständlich«, erwiderte sie stockend. »Ich würde Sie auch nicht bitten, mir etwas früher freizugeben, aber meiner Schwester geht es nicht gut.«
