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"Der Held der Zukunft" ist ein historischer Roman von Levin Schücking. Levin Schücking war ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Schücking hat ein vielseitiges und umfangreiches Werk hinterlassen, das fast alle literarische Gattungen einschließt, hinsichtlich der Bedeutung aber schwankt. Aus dem Buch: "Ein schönes, großes Hotel in einer der kleineren deutschen Residenzen ist mit dem Geräusch und der Unruhe erfüllt, welche die Vorbereitungen zu einem Feste verursachen. Reich galonirte Bediente laufen Trepp' auf, Trepp' ab; in den Küchen und Vorrathskammern zischt, flirrt und rasselt es, und die großen Salons beginnen ein Meer von Licht auszustrahlen, denn der Kammerdiener geht bereits umher und zündet die Gasflammen an. Der junge Chef des großen Bankhauses ›Habicht junior & Comp.‹ giebt das erste Fest nach seiner Verheirathung."
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein schönes, großes Hotel in einer der kleineren deutschen Residenzen ist mit dem Geräusch und der Unruhe erfüllt, welche die Vorbereitungen zu einem Feste verursachen. Reich galonirte Bediente laufen Trepp' auf, Trepp' ab; in den Küchen und Vorrathskammern zischt, flirrt und rasselt es, und die großen Salons beginnen ein Meer von Licht auszustrahlen, denn der Kammerdiener geht bereits umher und zündet die Gasflammen an. Der junge Chef des großen Bankhauses ›Habicht junior & Comp.‹ giebt das erste Fest nach seiner Verheirathung.
Nur in einem Theile des Gebäudes ist es heute still und dunkel geblieben – in den Cassen- und Geschäftszimmern, welche nach dem Hofe zu liegen, in einem niedern einstöckigen Bau. Die Schreiber und Buchhalter haben Feiertag und können den Abend im Theater zubringen oder ihrer weiteren weltmännischen Ausbildung durch den Verkehr mit gebildeten Stammgästen in Weinhause obliegen. Nur der erste Buchhalter ist anwesend, der die Procura hat, was in einem Bankhause ersten Ranges so viel heißen will, wie etwa in dem großen Bankhause England der first Lord of the treasury, die allmächtige und eigentlich herrschende Respects-Person. Denn die Einrichtung eines solchen kleinen Handelsstaates hat mitunter sehr ausgebildete constitutionelle Formen, oder besser, es ist sehr oft eine durch die Beschränktheit des Chefs beschränkte Monarchie. Der Chef ist in Wohlleben und Müßiggang auferzogen; Schmeichler und Verführer haben ihn früh umgeben; er hat nichts gelernt, ja, er verachtet vielleicht selber als ein echter Gentleman die schmutzige Wucherthätigkeit seiner Commis und hat nicht die mindeste Anlage zum Speculanten; er spielt den Cavalier, kurz, er ist kein Kaufmann. Aber solch ein ›Geschäft‹ mit seinem durch jahrelange Betriebsamkeit erreichten Organismus, mit den Tausenden von Fäden, welche in allen Weltgegenden angeknüpft sind und das große Netz bilden, womit der Kaufmann aus dem Strom des Lebens die Goldfische herausfängt – solch' ein ›Geschäft‹ ist ein viel zu gewaltiges, eigenwilliges, selbstbewußtes Ding, als daß es sich von seinem eigenen Herrn und Oberhaupt meistern ließe, wenn dieser es in's Verderben führen will. Es dringt ihm verantwortliche Minister auf – die Buchhalter, die Procuraführer – und nun geht Alles vortrefflich auf der gewiesenen Bahn, und am Ende jedes Jahres stellt sich die Bilanz um mehrere Tausende günstiger. Der moderne Staat, dem es mit der constitutionellen Entwicklung nicht glücken will, mag sich daran spiegeln. Er ist immer noch lange nicht genug Bankhaus und … Geldanstalt!
Herr Heinrich Ulrici, der erste Buchhalter der Firma, saß in dem hintersten der Geschäftszimmer auf einem Drehstuhl vor dem grünbeschlagenen großen Pulte, das vierfüßig war und breit wie ein Gebirge sich durch den Raum hinzog. Er war im Gesellschafts-Anzuge, in schwarzem Frack und weißseidener Weste; ein eben beendeter Brief lag vor ihm auf dem grünen Tuche, das die grüne Waldregion des Gebirges darstellte, in dessen Innerem alle möglichen Schätze und Kleinode verborgen waren, wie sie ein echter Berg im Märchen hat, ›Devisen‹, ›Fonds‹ und ›Valuten‹ aller Art. Auf der Höhe, wo die Schneeregion von dicken Schichten aufgestapelter Papiere begann, stand die Lampe. Herr Ulrici beobachtete beim Scheine derselben von seinem Platze aus ein ›ultramontanes‹ Wesen, dessen Haupt von Zeit zu Zeit jenseit des Bergrückens so weit auftauchte, daß eine hübsche Stirn sichtbar wurde, um welche ein sorgfältig gehandhabtes Brenneisen eine Profusion von Locken gekräuselt hatte und an der das Organ der Idealität sehr sichtbar ausgebildet hervortrat.
»Soll ich Dir helfen, Albert, mein Junge?« sagte der Buchhalter nach einer Weile in einem spöttischen Tone.
Der Angeredete antwortete mit einem Hm, in welchem eine, wenn auch unarticulirte, doch unsägliche Verachtung sich ausdrückte, kaute an seiner Feder, schrieb einige Zeilen, kaute wieder und hob den Kopf dabei gerade so hoch, daß seine sanften Augen eben über die Anhöhe vor ihm in das joviale und breite Gesicht seines Bruders blickten. Dieser mußte dabei, ohne sich Rechenschaft geben zu können, weßhalb, an die Mündungen zweier über ihre Schanzen blickenden Geschütze denken.
»Aber es ist kein Pulver dahinter!« sagte er sich, während Albert ihn starr, aber zerstreut fixirte … »der arme Junge …!«
Der ›arme Junge‹ war ein Poet und machte Verse. Seinem Bruder ging die Geduld darüber aus, und während der Dichter sich dem Fluge seiner Phantasie hingab, ahnte er nicht, welche boshafte und schonungslose Kritik mit ihm am selben Pulte saß. In der That war Albert kein großes Licht; er machte zwar recht hübsche Verse, aber er gehörte zu den zahlreichen Leuten, welche den Besitz eines Talentes, das sie vor Anderen voraus haben, damit büßen müssen, daß sie in allen übrigen Dingen unendlich einfältig und ungenießbar sind. Leben und Lieben ging ihm in seinen Versen unter. Seine Liebe wurde von den dicken, schön geschriebenen Heften seiner Poesieen, sein Haß von den namhaften Verlagshandlungen, welche sie ihm ›dankend‹ zurückgesandt, und von den zahlreichen Journal-Redactionen, welche sie nicht einmal zurückgesandt, absorbirt. Was darüber hinaus lag, kümmerte ihn nicht und zwang seiner wider ›das Alltagsgetriebe‹ geharnischten Seele keine Theilnahme ab.
Er war seines Zeichens Jurist und Referendar an irgend einem der vielen Gerichtshöfe der Landes-Hauptstadt. Aber er machte Verstöße über Verstöße in seinen Acten, er kam auf seiner Laufbahn nicht weiter, er wurde als unpractischer, unthätiger Mensch von seinen Chefs zurückgesetzt; sein kleines Einkommen erlaubte ihm nicht, sich eine Familie zu gründen … Das Alles drückte ihn nicht – nein, es erfüllte sein Poeten-Bewußtsein mit einem desto höheren Stolze. Ein Verweis des Justiz-Directors war für ihn ein höchst gleichgültiges Ereigniß; die Actenmenschen haben nie den Poeten zu schätzen gewußt; und nun gar eine Nase des Präsidenten – von ihr fühlte er sich den Stempel des Genie's aufgedrückt, und mit dem stolzen Wort: anch' io sono pittore! legte er sie zu den ziemlich angeschwollenen Personalacten dieser Art.
»Nun – Feuer!« rief der Buchhalter seinem Bruder zu, als dieser ihn eine Weile zerstreut angestarrt hatte. Albert verstand ihn nicht, achtete auch nicht auf ihn, sondern begann wieder einige Worte niederzuschreiben.
»Für wen ist's?« fuhr der unruhige Procurist fort.
»Für Gräfin Constanze Merwing!«
»Da nimm Dich zusammen! Gräfin Constanze ist schwer zu befriedigen – Deine mondschein-blaue Lyrik thut's da nicht; es muß etwas so recht Frappantes, Kometarisches, Dämonisches hinein – so 'ne kleine Rakete muß es werden, die emporzischt in stolzem majestätischem Bogen und dann plötzlich explodirt – Puff – Puff! und dann: Ach! wie sich die schönsten farbig glühenden Sterne sanft auf die Göttin niederlassen und ihr huldigen … so etwas mußt Du machen. Bei Gott, ich kaufe mir nächstens ein Reim-Lexikon, und ich mache bessere Verse als Du. – Pariren? – Einen Korb Champagner!«
»Störe mich nicht,« antwortete Albert Ulrici, ohne diesen vermessenen Antrag einer Beachtung zu würdigen, schrieb noch ein paar Worte und erhob sich dann, um seines Bruders verwegenes Selbstvertrauen durch das Vorlesen der folgenden Verse niederzuschmettern:
»Pomeranze? um Gottes willen – Du wirst doch nicht in einer Damen-Gesellschaft von alten Pomeranzen reden? Orange – Goldorange muß es heißen!«
»Sei still und höre zu!
›Es glüht im dunklen Laub die Pomeranze,
Die Nachtigall singt ihr die Sehnsuchtsweise –‹«
»Die Nachtigall?« unterbrach wieder der Buchhalter, »das geht nicht – ich habe mir sagen lassen, es gäbe keine Nachtigallen in dem Lande, wo ›die Pomeranzen blühn.‹«
»Mit Deinen einfältigen Bemerkungen – wer wird denn, wenn er Gedichte lies't, Raff's Naturgeschichte nachschlagen!
›Der Gondolier …«
»Meiner Seele, jetzt werden wir die Nachtigallen auf dem Markusplatze schlagen hören. Auch gut! Nur weiter!«
Albert hub noch einmal von vorn an:
›Es glüht im dunklen Laub die Pomeranze,
Die Nachtigal singt ihr die Sehnsuchtsweise;
Der Gondolier singt Tasso's holde Stanze
Vor seines Liebchens Fenster leise:
So zieht die Schönheit überall, Constanze,
Ton, Dichtung, Herzen nach in ihre Kreise;
Darum nimm freundlich an, was Du erzwungen,
Des Geistes, Herzens ew'ge Huldigungen!‹«
Der Dichter sah triumphirend auf, um seines Bruders Glückwünsche in Empfang zu nehmen. Der Buchhalter jedoch machte ein außerordentlich sarkastisches Gesicht, sprang auf und lief mit dem Ausruf: »Donner und Doria!« laut lachend im Zimmer umher, indem er fortwährend, um seine Heiterkeit noch deutlicher auszudrücken, mit der flachen Hand seinen unschuldigen rechten Schenkel züchtigte.
»Was ist Dir denn, was hast Du? bist Du toll geworden?«
»Das soll Herr Habicht als Bonbon-Motto der Gräfin Merwing überreichen?! Weißt Du denn nicht, daß unsere schöne junge Principalin eifersüchtig ist, wie der Mohr in der Oper, und daß sie ihrem Gemal heute Abend die Augen auskratzen würde, wenn er der Gräfin Constanze eine solche Liebeserklärung machte? Du unschuldige Poeten-Seele! Des Herzens ewige Huldigungen! Allmächtiger Himmel, wenn das der Frau Habicht zu Gesicht kommt!«
»Meinst Du, das wäre zu viel gesagt?« fragte betroffen der Dichter.
»Setze Dich hin und ändere das auf der Stelle; und spute Dich, es ist Zeit, daß Du Herrn Habicht endlich die Verse bringst!«
Der Referendar folgte betroffen dem Rathe seines Bruders und änderte auf's Neue an der letzten der Strophen, um welche der Hausherr ihn gebeten hatte. Sie sollten, in Confettis von zierlichster Form versteckt, besondere Aufmerksamkeiten des Wirthes für einige seiner werthesten Gäste bilden.
»Alter Junge,« fuhr der Buchhalter fort, nach dem er von seinem Anfalle von Heiterkeit zurückgekommen war und sich wieder auf seinen Drehstuhl gesetzt hatte: »Du geräthst mir auf einen bedenklichen Weg mit Deiner Poesie – Du wirst zerstreut, Du bemerkst schon das Nächste nicht mehr, was alle Welt sieht! In der That, Albert, es wird Zeit, daß ich eine brüderliche Verwarnung erlasse. Es wird Zeit, daß Du die Allotria aufgiebst und an einen soliden Broderwerb denkst. Mach' doch endlich einmal die Augen auf in der Welt. Blick auf uns niedrig denkende, am Geld klebende Schmutzseelen: während Ihr Poeten Verse schmiedet und hungert, und stolz auf uns herabseht, schmieden wir uns ganz bescheiden und still den echten, wahren, goldenen Schlüssel zur Poesie des Lebens.«
Albert Ulrici antwortete auf diese Behauptung seines Bruders mit einem kurz abgebrochenen Lachen.
»Du lachst, mon cher frére, aber es ist doch so! Wir machen Geld! Was ist Geld? Geld ist gefrorene Poesie; der Inbegriff des Schönen auf seinen kürzesten Ausdruck gebracht; das ganze Reich des Erhabenen und des Komischen eingekocht und zu Bouillon-Tafeln verdichtet!«
»Nur weiter! Ich bin begierig auf die geistreiche Erklärung, die Du dieser Behauptung folgert lassen wirst.«
»Die sollst Du haben, mein Junge. Sieh, ich nenne Dir zuerst, was Euch Poeten am meisten beschäftigt, die Liebe. Was wißt Ihr denn von Liebe? Körbe bekommt Ihr, wo Ihr anzuklopfen wagt! Ihr armen Teufel! Ganz anders ist's mit uns. Weil wir Geld haben, dürfen wir uns in den ersten, besten himmlischen Engel verlieben …«
»Wie Herr Heinrich Ulrici in Fräulein Friederike Curtius, die heute Abend auf dem Balle erscheinen darf, welcher Umstand meinen Bruder in eine überaus heitere und mittheilsame Laune versetzt …«
»Dürfen uns verlieben, sage ich, dem Hange unseres Herzens folgen, heirathen den in Rede stehenden Engel, umringen den Gegenstand unserer Neigung mit allem Schönen …«
»Was zu kaufen ist, wie der erkaufte Engel!«
»Nun ja! und ich versichere Dich, das ist bessere Waare, als womit Ihr Eure Lustschlösser möblirt – denn Luftschlösser, das ist das Höchste, wozu Ihr jemals es bringt! Nun bitt' ich Dich – was habt Ihr von diesen kalten, zugigen, hohlen Nestern – kredenzt ein schönes Weib Euch einen Römer mit gutem Wein, wenn Ihr über Eure hohen Marmorstufen eintretet? oder findet Ihr dort einen Kreis fröhlicher Genossen um eine wohlbesetzte Tafel gereiht? Nichts von Allem dem! Ihr schleicht umher, wie arme Magenkranke, während wir uns am Gastmahl des Lebens sättigen. Ist das nicht Poesie: eine glänzende Häuslichkeit, ein schönes, liebes Weib darin, ein Stall mit muthigen Rennern, deren Kraft meine Kraft, deren windschnelle, schlanke Beine meine Beine …«
»Ich habe nicht gewußt, daß Deine Aehnlichkeit mit Mephistopheles so weit ginge!« fiel Albert ein, indem er spöttisch unter den Schreibpult blickte.
»Du machst Verse über den Frühling,« fuhr der Buchhalter, ohne sich stören zu lassen, fort, »ich kaufe mir den Wald, den Du besingst; auf wessen Seite ist die günstige Bilanz? Will ich die Poesie herrlicher Formen genießen: Tenerani überläßt mir für drei Tausend Scudi ein Exemplar seiner Flora … für einige weitere Tausend bekomme ich Kaulbach'sche, Lessing'sche Malereien, so viel ich will – so schmücke ich mein Haus und gebe Feste, daß ich mich in die Rosengärten der Alhambra versetzt wähne, ohne daß ich irgend nöthig hätte, wie Du, meine arme Phantasie abzuquälen. Goldene Hallen, Demantstrahlen, Rosendüfte, Mandolinen- und Harfenklänge umgeben mich wirklich wie es heute bei'm Herrn Habicht der Fall sein wird. Will ich die Poesie der Natur – ich reife, ich schwelge am Vierwaldstättersee, unter den Myrtengebüschen von Sorrent, ich lasse mich vom goldenen Horn nach Skutari hinüberrudern – ich habe Alles – Liebe und befriedigten Ehrgeiz und …«
»Den Commercienraths-Titel und den rothen Adlerorden vierter Classe …«
»Die Erde und das Meer, die östliche und die westliche Hemisphäre; kurz, ich thue das in der That, was Göthe im Faust vom Poeten fordert: ich commandire die Poesie!«
»Und mitten in Deinen Genüssen kommt der Courszettel mit der Meldung, daß die Eisenbahn-Actien um fünf ein halb Procent gesunken sind – wo bleibt dann Deine Poesie?«
»Da, wo die Deine bleibt, wenn ein Recensent Dich hudelt!« antwortete Herr Heinrich Ulrici und fuhr dann, sehr laut emphatisch declamirend, fort: »… Sprich, was ist Poesie? … Geld – das ist Poesie, doch wollt Ihr es nicht glauben!«
Die Poesie ist in uns! Sie ist nicht in Deinen Statuen, Bildern, Genüssen …«
»Noch in Deinen Versen! Aber in meinem Leben ist sie, wenn ich will; ich kann schaffen, bauen, Abenteuer aufsuchen …«
»Ich möchte Dich sehen auf einer Fahrt nach Abenteuern …«
»Ich brauche dazu nicht einmal eine Fahrt anzutreten die Romantik kommt auch zu uns in unsere Cassenzimmer.«
»Sie wird auch danach sein!«
»Echte geheimnißvolle, tragische Romantik und wenn Du nicht glauben willst, so komm her und wirf einen Blick in den Brief, den ich hier eben beantwortet habe, während Du dort vor mir den Duft der Pomeranzen einsogst und die Nachtigallen auf dem Markusplatze schlagen hörtest!«
Albert ließ sich den Brief herüberreichen und las:
›Mein Herr Ulrici!
Das Räthsel des doppelten Kreuzes wird sich mir lösen. Der 18. April 1850 ist der Tag. Wie gespannt ich darauf bin, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Um aber dem Tage der großen Rechenschaft ganz gerüstet entgegen zu gehen, bedarf ich Ihrer. Machen Sie mir eine Zusammenstellung all' der Summen, welche das geheimnißvolle Zeichen verschlungen hat und die mir zur Last geschrieben wurden. Dann wünsche ich ein Resumé der Theile meines Vermögens, welches in Werthpapieren Ihrem Hause anvertraut worden ist.
»In der That – ein Sonnenstäubchen Romantik, ein ganz klein wenig Mysterium, das sich unter Deine langweiligen Stahlfeder-Autographen verirrt hat,« bemerkte der Referendar … »Aber weßhalb zeigst Du mir das? … Ich darf voraussetzen, daß das von den Rosenfingern der erlauchten Constanze nicht für Uneingeweihte geschrieben wurde.«
»Sicherlich nicht, um Dich zu amusiren,« antwortete der Buchhalter, so wenig, wie ich eben Dein Versemacher-Handwerk verspottet habe, bloß um mich zu amusiren. Ich bin ein Kaufmann, also speculire ich; und meine Speculation hierbei ist keine andere, als Dir durch das geheimnißvolle Doppelkreuz, von dem in diesem Briefe die Rede ist, ein Sort zu machen.«
»Mir?!«
»Ja, Dir … Unsere ›Geschäftsfreundin‹ hat mir nämlich auch den Auftrag gegeben, einem tüchtigen, thätigen, verschwiegenen Rechtsgelehrten Eröffnungen zu machen, da es für einen solchen bei der Ordnung gewisser mysteriöser Angelegenheiten zu thun gebe und sie mit ihrem jetzigen Rechtsbeistande nicht ganz zufrieden ist.«
»Das ist ja prächtig!« rief Albert Ulrici aus, indem er aufgeregt noch einmal den Brief ergreifen wollte.
»Halt!« sagte sein Bruder und legte die Hand darauf, »meinst Du, das alte berühmte Haus Habicht & Compagnie würde sich einer so schauderhaften Gewissenlosigkeit schuldig machen, einen Poeten als tüchtigen, thätigen Rechtsbeistand zu empfehlen?! Nein, Brüderchen – erst eine Frage an Dein besseres Selbst. Forsagist tu diabole end allum diaboles werkum end wordum? Willst Du keine Verse mehr machen? Dann erhältst Du meine Empfehlung. Rechtfertigst Du das Vertrauen einer Clientin, wie die Gräfin, so ist Dein Glück gemacht: der Advocat des Hauses Merwing ist eine wichtige Person – die Gelegenheit liegt vor Dir, mit beiden Füssen flott in die Anwalt-Laufbahn zu springen! Also – hebe die Finger auf und schwöre!«
Albert stieß einen tiefen Seufzer aus und stützte, nachdem er seinen Platz wieder eingenommen, sein Haupt auf seinen Arm.
›Es wirkt!‹ dachte der Buchhalter, ›man muß eben den Teufel mit dem Teufel austreiben – die Poesie mit einer romanhaften Geschichte.‹
»Was das Dichten angeht,« fuhr er dann fort, »so muß ich Dir noch eine statistische Berechnung mittheilen, die ich gemacht habe. Unter Hundert Menschen in Deutschland ist einer, der diese Seuche hat, diesen geistigen Ausschlag, welcher heut zu Tage an die Stelle des Leprosenthums im Mittelalter getreten ist – damals war es eine krankhafte Thätigkeit der Haut, jetzt ist es eine krankhafte Thätigkeit des Gehirns, das Wasser ausschwitzt. Unter fünfundvierzig Millionen Menschen macht das 450 000 Poeten. Rechnen wir 400 000. Ich darf annehmen, daß diese 400 000 Menschen ein Viertel mindestens von allen ihren Kräften und ihrer Zeit dem Laster opfern; das ist gleich 100 000, die ihre ganze Arbeitskraft dem Versemachen widmen. Nun denke Dir diese Bösewichter gebessert – ihre Arbeitskraft irgend einem nützlichen Zwecke zugewandt. Denke Dir, daß sie, wie sie ohne Lohn Verse schmieden, Eisen schmiedeten: welche Wirkung würde das auf den Stand unserer Eisen-Production hervorbringen! Welcher Zuwachs des National-Reichthums! Wir hätten alle unsere Eisenbahnen mit deutschen Schienen bauen können … ja, diese verfluchten Versemacher ruiniren Deutschland, sie tragen die Schuld, wenn noch ein Theil Deutscher dem Protectionisten-System huldigt, wenn es darüber zum Bruderkrieg zwischen dem Süden und Norden kommt, wenn Deutschland zu Grunde geht.«
Albert lachte laut auf und endete dann seine Arbeit.
Heinrich Ulrici siegelte unterdeß seelenfroh, daß ihm endlich die Heilung seines Bruders gelungen, den Brief, schrieb die Adresse und warf ihn in den kleinen, an der Wand befestigten Kasten, aus welchem die Briefe für die Post und die Stadt abgeholt wurden.
»Nun – schlag ein!« sagte er dann, seinem Bruder die Hand hinstreckend.
Aber Albert schien das gar nicht zu beachten.
»Lieber Heinrich,« sagte er, »da wir doch einmal von meiner Poesie geredet haben, so laß mich Dir sagen, daß ich Dich nicht länger mit meiner Bitte verschonen kann; Du mußt mir nämlich durchaus zwei Hundert Thaler vorstrecken, oder ich bin gezwungen, mich an Herrn Habicht zu wenden.«
»Und wozu?« fragte der Buchführer erstaunt.
»Ich habe mich entschlossen, meine Gedichte, für die ich keinen Verleger finde – mit diesen Sosiern ist einmal nichts anzufangen – auf eigene Kosten drucken zu lassen. Sie werden, sie müssen Erfolg haben – jedenfalls kann ich Dir die Summe vom Honorar einer späteren zweiten Sammlung erstatten.«
Der Buchführer blickte eine Zeit lang stumm vor Erstaunen seinen Bruder an. Dann rief er aus:
»An Dir ist Hopfen und Malz verloren – nun meinetwegen! renne in Dein Verderben – verhungere!« und wandte dem Unheilbaren verzweiflungsvoll den Rücken.
Albert schrieb ruhig seine noch einmal durchfeilte Poesie auf ein Blättchen feinen rosenrothen Papiers ab, und dann verließen beide Brüder das Zimmer, welches Heinrich sorgfältig abschloß. Der Buchführer begab sich in die Empfangssäle, der Dichter in das Wohnzimmer des Herrn Habicht, um demselben seine Arbeit abzuliefern.
Begeben wir uns jetzt in die eigentlichen Wohngemächer des Herrn Habicht. In dem eleganten Raume, in welchem der junge Kaufherr seine vertrauten Freunde empfing, war nichts zu sehen, was an sein ›Geschäft‹ erinnerte. In dieses Asyl drang nicht der Klang plebejischer Geldstücke, hier wurde nicht der Jargon der Börsensprache vernommen, hier störte Nichts die Illusion des Herrn Habicht, wenn er sich Edelfalke träumte – Cavalier! Die Wände waren braun getäfelt, die Flügelthüren von demselben dunkeln Holze, die Trumeaux, die Möbel paßten vortrefflich dazu; denn Alles hatte dieselben reichen Sculpturen, die Medaillons, die Karyatiden, die Schnörkelformen des Renaissance-Styls. Ein Glasschrank zeigte eine kleine Sammlung vortrefflicher Waffen, Büchsen, Pistolen, Doppelflinten von Lütticher, Pariser, englischer Arbeit. Ueber dem Sopha hing außerdem eine Trophäe von orientalischen Waffen, Dolce, Kris mit edelsteinbesetzten Griffen, Yatagane, türkische Säbel in Scheiden vom schönsten getriebenen Silber oder von goldbeschlagenem Sammt; daneben waren Rauch-Apparate geordnet, vom geschnitzten ungarischen Meerschaum bis zum Nargyle und Tschibuk; in der Ecke deutete eine kleine Sammlung von Reit- und Hetzpeitschen auf eine andere noble Passion, in Uebereinstimmung mit den Bildern an den Wänden, die Adam'sche Pferde und Landseer'sche Hunde mitten zwischen Grevedon'schen Weibern darstellten. Dem Spiegel gegenüber auf einer reichverzierten Console stand ein Abguß der Venus von Arles, eine ›gebannte Seele‹ in dieser Region, eine Iphigenie in Tauris, ›das Land der Griechen mit der Seele suchend‹, und wohl nur darum so starr in den Spiegel vor ihr blickend, um nur nichts Anderes als einen Strahl des Griechenthums, ihr eigenes ›holdes Selbst‹ in dieser ›Cavalier-Perspective‹ vor ihr zu sehen!
Auf dem runden Tische in der Mitte des Zimmers enthielt eine silberne Platte einen Haufen Confituren in ihren Hüllen von vergoldetem gepreßtem Papier mit Figürchen und Bouquetchen darauf. Herr Habicht, der, seit er im Gesellschafts-Anzuge war, seine Cigarre hatte wegwerfen müssen, vertrieb sich die Zeit damit, diese Enveloppen zu öffnen, und erwartete ungeduldig den Poeten mit den Versen, welche hineingewickelt werden sollten.
Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, schlank, von untadeliger Haltung und Toilette, mit einem hübschen Gesicht und einem allerliebsten Schnurrbart, den sein glücklicher Besitzer nicht um viele Tausende hergegeben hätte; denn an diesen Schnurrbart knüpfte sich für ihn die Erinnerung eines kühnen und genialen Entschlusses. Jahrelang hatte er mit Neid im Herzen die stolze Lippenzier auf den Gesichtern seiner militärischen oder bureaukratischen Freunde betrachtet; sie alle durften Bärte tragen – nur er, der Kaufmann, durfte es nicht! Der ärmste Schlucker, der Sattler, der Briefträger, der Logenschließer trugen einen Bart – o, er kannte sie alle, er hätte sie zeichnen können, alle Schnurrbärte in der Stadt! Auf seiner Oberlippe sproßte das rabenschwarze Haar in wahrhaft boshafter Fülle, und doch – er, der Erbe von Millionen, durfte keinen Bart tragen, sein Name in der Handelswelt wäre dahin, sein Credit ruinirt gewesen – seine Buchhalter, seine Commis, das ganze Haus Habicht jun. & Comp. hätte sich empört wider einen Chef mit einem Schnurrbart! In seiner Wuth machte Herr Habicht allen Bärten den Krieg, die sich in den Kreis seiner Macht begaben; wehe dem Diener, dem Jockey, dem Lieferanten, der sich mit einem Schnurrbart sehen ließ!
Endlich verlobte sich Herr Habicht: er warb um die Hand eines adeligen Fräuleins und erhielt sie.
»Warum lässest Du Dir keinen Bart wachsen, Arnold?« fragte seine Braut am Tage nach der Verlobung; »es ist so unendlich viel hübscher!«
Der Bräutigam wurde feuerroth bei dieser naiven Frage der jungen Aristokratin. Er war so verlegen, daß er nichts zu antworten wußte, als:
»Wenn Du meinst, Helene, so will ich ihn mir stehen lassen.«
»Thu' das!« sagte das Fräulein Braut so leichthin, als wenn es sich darum gehandelt hätte, eine Stricknadel vom Boden aufzuheben.
Nachdem das Wort gesprochen, erschrack er über seinen Leichtsinn; aber Habicht blieb seinem Worte treu. ›Und wenn ich darüber bankerott würde!‹ schwor er sich und hielt seinen Schwur. Kein Messer berührte mehr seine Lippe; der Schatten ober dem Munde wurde dunkler und dunkler; Herr Habicht wagte nicht mehr, die Börse zu besuchen; in seine Comptoirs trat er nur noch um die Zeit der Dämmerung. Aber auch die Dämmerung verhüllte endlich nicht mehr die immer höher wachsenden Zeugen seiner eitlen Verwegenheit; Alle bemerkten sie, doch keiner unternahm es, das erste Wort darüber fallen zu lassen; aber fallen mußte es einmal, dieses Wort, und ein naseweiser Commis war es, der es endlich laut und unverhohlen aussprach: ›Herr Habicht trägt einen Schnurrbart!‹ –
Von diesem Tage an sank der Einfluß des Chefs auf sein eigenes Geschäft um 50 Procent. Im Aerger darüber nahm der junge Kaufherr nun weiter auch keine Rücksichten. Er kaufte sich eine Meute Jagdhunde und ließ sich ein neues Petschaft stechen, ein Alliance-Wappen, auf dem sich sein bürgerlicher Raubvogel mit großer Hingabe an die drei Nestelhaken seiner Gemalin lehnte; beide Wappen krönte eine und dieselbe Krone, die siebenspitzige Freiherrnkrone seiner Helene. Abermaliges Sinken seines Einflusses um 25 Procent … und der Rest? Nun, der war denn allmählich auch dahin gegangen, wohin die 75 andern Procent gewandert!
Helene war so eben in das Zimmer ihres Gatten getreten, um von ihm ihre Toilette mustern, gutheißen, respective bewundern zu lassen. Sie war in jener Aufregung und Spannung, mit der eine junge Hausfrau ihrer ersten Gesellschaft entgegensieht, und sah in der That reizend aus. Ihre feine Taille wurde von einem Kleide von silbergrauem, sehr schwerem Atlas umspannt, über dessen bauschige Rockfalten Spitzen-Volants niederfielen, während eine breite, kostbare Spitzenborte die Büste umschloß.
»Du siehst charmant aus, Helene,« sagte der junge Mann, ihre Fingerspitzen küssend. »Aber weßhalb hast Du nicht rosenrothe Schleifen genommen, statt dieser farblosen, denen man bei Licht nicht recht ansieht, ob sie blau oder grün sind?«
»Ich dachte, es sei mauvais goût, zu auffallend für die Frau vom Hause. Liebst Du rothe Schleifen?«
»O ja.«
»So, Du liebst rothe Schleifen …«, antwortete die junge Frau, indem sie ihren kleinen Mund zum Schmollen spitzte; ich weiß schon, weßhalb Du Roth so liebst, und …«
»Weßhalb? weßhalb denn?«
»Ich bitte Dich, thu nicht so unschuldig! und darum soll ich nichts als dunkelrothe Schleifen tragen; das mag nun für eine helle Blondine, die so wenig Farbe hat wie ich, passen oder nicht …«
»Du bist einmal wieder komisch, Helene, ich habe ja rosenroth gesagt.«
Albert Ulrici trat ein, ehe der Streit über die rosenrothe und die dunkelrothe Schleife entschieden war, und brachte die Verse. Habicht dankte ihm herzlich und begann eifrig die farbigen Blättchen zu falten und um die Bonbons zu wickeln, die dann wieder in ihre Hüllen geschlossen wurden. Die meisten Verse hatte er schon früher gelesen und genehmigt, nur einige überblickte er vorher.
»Wo ist das für Gräfin Constanze?« fragte er, während er ein besonders elegantes Bonbon aussuchte.
Ulrici zeigte ihm das Blatt. Habicht las es, seine Frau blickte über seine Schulter. Es schloß jetzt mit den Worten:
»Ich habe mir gedacht, daß Sie eine Enveloppe mit einem Bouquet, etwa Rosen oder dunkelrothe Camelien …«
»Dunkelrothe Camelien oder Rosen? auch wohl recht dunkelroth?« sagte die blonde junge Frau mit einem unbeschreiblich ironischen Tone, der Herrn Habicht veranlaßte, rasch dem Dichter mit den Worten die Hand zu geben:
»Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten, Herr Ulrici – Sie haben wohl noch zu thun – ich danke Ihnen nochmals von ganzer Seele, ich werde jetzt schon fertig.«
Der Referendar zog sich zurück. Als die Flügelthür sich hinter ihm geschlossen hatte, sah Habicht seine Frau mit einem imponirenden Blicke an.
»Helene!« sagte er sehr ernst, »wie kann man sich so gehen lassen?«
»Also ich soll ruhig dabei stehen, während Du Rosen-Bouquets und Liebes-Gedichte für Gräfin Constanze aussuchst! Du muthest mir in der That viel, sehr viel zu, Arnold!«
»Mit Deiner unseligen Eifersucht …«
»Zu der ich so gar, gar keinen Grund habe, nicht wahr?« sagte Helene mit unendlicher Bitterkeit.
»Nein, Du hast keinen Grund, ich schwöre Dir.«
»Schwöre nicht, Arnold,« fiel Helene ihrem Manne höchst ernsthaft und pathetisch in's Wort, »schwöre keinen falschen Eid – ich weiß ja – ja, ich weiß es, Arnold, daß Du im Geheimen Briefe mit Constanze Merwing wechselst!«
Ueber Herrn Habichts Züge flog etwas wie ein leises Erröthen, welches aber auch das des Erzürntseins sein konnte.
Er zuckte die Achseln, wandte sich ab und sagte: »Freilich! Geschäftsbriefe! Aber Du bist die thörichtste Frau auf Erden!« Dann nahm er die Verse an Constanze Merwing und zerriß sie.
»Du hast mir den ganzen Abend verdorben,« sagte er.
In diesem Augenblicke öffnete sich die Flügelthür noch einmal, ein Diener trat herein und meldete, daß eben eine Equipage vorfahre. Herr Habicht eilte, die anlangenden ersten Gäste an der Treppe zu empfangen, und seine Frau begab sich in gesteigerter Aufregung in die Gesellschaftssäle.
Der Hausherr kam gleich darauf mit einer jungen Dame am Arme zurück; es war Niemand anders als die vielbesprochene Gräfin Constanze Merwing selbst.
Freilich, wer sie sah, der mochte die Eifersucht begreifen, welche sie einflößte. Sie war von auffallender Schönheit, eine Gestalt, die sich hüten mußte, Malern in den Wurf zu kommen, um nicht ein Vierteljahr später wiedergeboren zu werden, nicht wie die Venus aus dem Schaum des Meeres, sondern als Ideal des betreffenden jugendlichen Künstlers aus Lack-Ultramarin, Ocker und andern Oelfarben und dann als ›Lurlei‹ oder als ›Judith‹ von Stadt zu Stadt zur Ausstellung zu wandern, oder endlich gar als Nietenblatt zu dienen! – Constanze war groß, sie gab beinahe dem jungen Hausherrn neben ihr an Höhe nichts nach; sie hatte ein ovales Gesicht von frischer und doch zarter Farbe mit großen dunklen Augen; aber obwohl diese Augen dunkel waren und das Haar vom tiefsten Schwarz, so lag doch etwas so Helles, Leuchtendes in ihren offenen Zügen, daß sich viele Leute Gräfin Constanze in der Erinnerung blond vorstellten und, so oft sie sie sahen, die Entdeckung auf's Neue machen mußten, das sie ja eigentlich blau-schwarze Locken habe. Constanze trug dunkelrothe Schleifen im Haar. Dunkelroth war ihre Lieblingsfarbe; das war es eben, was Helene so bitter hatte werden lassen über ihres Mannes verrathene Vorliebe für Schleifen von dieser Farbe und für Alles was dunkelroth!
Hinter ganz makellosen, vollendet schönen Gesichtern schlägt nur selten, nur ausnahmsweise der Geist seine Wohnung auf; dieses unberechenbare launenhafte Wesen scheint eifersüchtig nur da einzuziehen, wo es weiß, daß es allein herrscht und den Zoll der Bewunderung nicht zu theilen braucht mit der Stirn, hinter der es arbeitet, mit den Lippen, über welche es schlüpft; es ist zu stolz, in den Beifall der Welt sich mit seinen Thürhütern zu theilen, es ist kein Stutzer, der durch sein Kleid glänzen will. Aber, wie gesagt, es giebt Ausnahmen, und Constanze Merwing war eine solche.
Freilich, ganz makellos war auch Constanzens Schönheit nicht. Die Gestalt, die biegsame Taille, die Büste, der Nacken, das alles war schön wie an Canova's Pauline Borghese; ihr Gesicht aber litt unter der großen Beweglichkeit ihrer Züge, die etwas Spöttisches annehmen konnten; dann verlängerten sich ihre Augen, sie wurden schmal und mandelförmig, und feine Falten zogen sich an den Schläfen zusammen. In solchen Augenblicken war der Charakter von stolzer Ruhe, der sonst auf ihren Zügen lag, verwischt. Ihr Antlitz athmete nicht mehr die Musik aus, welche Lord Byron von schönen Gesichtern entgegentönte; es war kein schwärmerisches Gedicht voll Ideal und Jenseits mehr; es wurde so modern, so schalkhaft und so reizend, wie ein spöttisches Märchen von Heinrich Heine.
»Ich bin die Erste von allen Ihren Gästen,« sagte Constanze, als sie die Frau vom Hause begrüßte; »zur Belohnung hat mir Ihr Mann diesen wundervollen Strauß überreicht.«
»Das ist schön von Ihnen, Gräfin,« antwortete Helene. Doch da Constanzens frühes Erscheinen nichts dazu beigetragen hatte, ihre Eifersucht zu vermindern, so setzte sie mit einiger Bosheit hinzu: »Aber auf die Aufmerksamkeiten meines galanten Gemals legen Sie keinen zu großen Werth – denken Sie, ich habe ihn eben ertappt, wie er mit dem Plane umging, Ihnen ein Gedicht zu überreichen, welches er nicht gemacht, sondern sich förmlich bestellt hatte! Heißt das nicht, sich mit fremden Federn schmücken? Er ist auch so beschämt gewesen, daß er es gleich zerrissen hat.«
»Das ist Schade,« lachte Gräfin Constanze; »Ihr Mann konnte sich ja mit Göthe entschuldigen, der sein Gedicht:
an zwei Damen zugleich gerichtet hat. Das war noch viel schlimmer, als ein abgeschriebenes Gedicht einer Dame zu geben, und besonders, wenn man sich die Verse ganz eigens bestellt hat.«
»Ja, einen Hauspoeten darauf hält,« fiel Habicht ein; »das ist ja noch viel feierlicher und verbindlicher, als wenn man der Dame zumuthet, sich mit dem Dilettantenwerk, das man selbst zu Stande bringt, zu begnügen.«
»Sehen Sie, so sind die Männer – er macht sich noch ein Verdienst aus seinem Plagiat,« fiel die junge Hausfrau ein.
»Ich bin eigentlich so früh gekommen,« sagte Gräfin Constanze, »weil ich Sie gern einen Augenblick allein sprechen wollte, liebe Helene, und Ihren Mann dazu. Sie wissen, seit dem Tode meines Vaters habe ich allerlei Angelegenheiten zu erledigen, so gut ich es mit meinem kindischen Verstande vermag, und nicht allein für mich zu sorgen, sondern noch obend'rein für Andere, die mir am Herzen liegen. Jetzt zum Beispiel für einen jungen Mann, den ich nie sah, der auch für's Erste keine Ahnung davon haben darf, daß es eine Gräfin Merwing giebt, die sich um ihn kümmert. Ihr Mann weiß darum, liebe Helene!«
»Mein Mann ist in Ihr Geheimniß eingeweiht?« fragte die junge Frau und riß sehr weit ihre hellblauen sanften Augen auf.
»Nur so weit man bei solchen Angelegenheiten eines Banquiers bedarf, bin ich eingeweiht,« sagte Habicht.
»Jetzt muß ich durchaus den jungen Mann selbst sprechen, mit ihm persönlich verkehren, und Sie begreifen, daß das eine sehr häklige unangenehme Aufgabe für ein junges Mädchen ist – es ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß das fragliche Individuum von der gewöhnlichen Männerfadheit besessen ist, und dann ist es gar nicht möglich, unbefangen wie ein vernünftiger Mensch zum anderen über ernste Gegenstände mit ihm zu reden.«
»Das ist wahr,« fiel Helene lächelnd ein; »sie sind unerträglich, die Männer. Durch das, was Sie sagen, erinnern Sie mich, daß ich einen berühmten Dichter kenne, der auf seinen Reisen dafür sorgt, daß das Gerücht, er sei verlobt, ihm vorhergehe aus Schonung für unser armes Geschlecht; so überzeugt ist er, daß sich alle beim ersten Anblick in ihn verlieben werden.«
Constanze verstand die kleine Bosheit nicht, welche Helene Habicht gegen sie in diese Anekdote legte, oder zeigte es wenigstens nicht, daß sie sie verstanden. Sie fuhr in heiterem Tone fort:
»Es freut mich, Helene, daß Sie dieses Männervolk nicht höher schätzen, als es verdient; um so weniger werden Sie etwas dagegen haben, solch einen Mann einmal auf ein Paar Tage auszuleihen.«
»Auszuleihen?!«
»Darum wollte ich Sie bitten,« antwortete Constanze lachend, »ich habe über einige Tage für ein Paar Stunden einen Mann nöthig; aber ich denke nicht daran, mir ein solches Möbel für immer anzuschaffen; bewahre mich der Himmel davor! nein, ich ziehe vor, es einer Freundin abzuleihen und dann an dem bestimmten Tage mit bestem Danke sauf et sam wieder zurückzugeben. Ich verspreche Ihnen, meine theure Helene, Sie sollen ihn wieder bekommen, wie er da ist, in seiner ganzen Pracht; kein Härchen seines eleganten Stutzbärtchens soll ihm gekrümmt sein, und wenn er irgend Schaden nimmt, so lasst' ich ihn glänzend neu poliren, bevor Sie ihn mit schönstem Danke wieder erhalten.«
»In der That,« antwortete Helene, die bei diesem sonderbaren Antrage aus aller Fassung gerieth, »Sie treiben den Scherz so weit, Comtesse Constanze, daß er …«
