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Die Beziehungen zu seiner Weggefährtin Annette von Droste-Hülshoff sind für Schückings Entwicklung von großer Bedeutung gewesen. Wenig schmeichelhaft ist das Bild, das er in dem Roman "Die Ritterbürtigen" in der Figur der intriganten Stiftsdame Allgunde Gräfin von Quernheim von ihr zeichnet. Diese bewusst karikierende Darstellung führte zum endgültigen Bruch mit der Freundin.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Der Landmann hatte seine reifen Saaten niedergemäht, wie einen gelben Teppich breitend für die nahenden Schritte des Herbstes; der Himmel aber spannte noch sein sommerlichstes Blau über eine stille Landschaft aus, welche in anmuthiger Abwechselung von Eichenwäldern, umzäunten Aeckern und kleinen Haidestrecken gebildet wurde. Der Boden war hügelicht und übersäet mit einzelnen Gehöften, die sich an den schützenden Rückhalt eines Waldes oder einer Hügelwand lehnten. Zur Linken in einem Thalgrunde sah man die spitzen Thürme einer kleinen Stadt aus Obsthainen und reicher grüner Vegetation emporragen und rechts in größerer Ferne, ebenso warm umwaldet und von dichten Wipfeln beschützt, die Essen und Dächer eines ansehnlichen herrschaftlichen Gutes. Die Stelle, von der man diese Punkte der freundlichen Landschaft übersah, war am Saume eines Gehölzes, das eine ziemlich bedeutende Höhe bedeckte und durch welches die Landstraße nach dem Städtchen sich hinzog.
In diesem Gehölze saß auf einem gefällten Baumstamme, nahe an jener Straße, ein hausirender Jude, eine lange, dürre und gebeugte Gestalt. Sein weißer Pudel lag zwischen seinen Füßen und zerrte spielend an den Lederriemen eines Bündels, während der Jude mit der Spitze seines Wanderstockes das gelbe Laub aufspießte, das zu seinen Füßen lag.
Der Hund schlug an, dann wurden Hufschläge vernehmbar und das Schnauben von Pferden, die zur Rechten des Juden, am Saume des Gehölzes her, sich nahten; bald ließen die immer breiter werdenden lichten Zwischenräume der Stämme erkennen, daß es zwei leicht und anmuthig sich bewegende Thiere waren und daß eine stattliche junge Dame auf dem ersten Pferde herankam.
Nachdem sie leicht und sicher über den Graben weggesetzt hatte, der sie von dem Heerwege trennte, hielt sie an und gab ihrem Diener einen Befehl, worauf dieser sehr langsam ihr voraus den Hügel hinunterritt, in der Richtung nach dem vorhin erwähnten Gute. Sie selbst schien sich noch eine Weile allein an dem Anblicke der ausgedehnten Landschaft weiden zu wollen, welche im hellen Abendsonnenscheine vor ihr lag.
Der jüdische Krämer betrachtete sie mit Wohlgefallen. Und in der That bildete sie, von seinem Standpunkte aus gesehen, eine liebliche und malerische Erscheinung. Sie hielt am Eingange des Waldes, wo über die einlaufende Chaussee eine Art Thorwölbung von den laubreichen Aesten geschlagen worden, und während sich so ein dunkler Rahmen aus Zweigen und Blätterfülle um sie zog, legte die Sonne volle, farbige Gluten auf den Horizont, die den Hintergrund des Bildes füllten. Auf diesem Grunde zeichnete sich scharf und klar die Gestalt ab, die voll Anmuth über dem Sattel schwebte, das Haupt mit stolzer Nackenbewegung hebend, die rechte Hand mit der Gerte auf die Mähnen des Thieres legend, ruhig und sicher, wie die Ariadne Danecker's auf ihrem Leoparden ruht. Von ihrem Gesichte war, wegen des blendenden Sonnenscheins, nichts sichtbar als das Profil, welches, regelmäßig und fein geschnitten, eine längliche Form des Antlitzes andeutete. In ihrer Haltung und in ihrem Wesen lag etwas Muthiges, ja fast Hochmütiges; sie sandte ihre Blicke über das Land vor ihr aus, als ob diese Blicke ebenso viele Zauber seien, welche das ganze Gefilde ihrer Schönheit unterwerfen oder ihrer Intelligenz dienstbar machen müßten. Wäre der schöne Goldfuchs arabischen Bluts, der ungeduldig ins Gebiß schäumte, nur der unerläßliche weiße Zelter gewesen – man hätte sie für die holde Fee Romantik halten können, welche aus der Verborgenheit ihrer dunkeln Waldgründe hervorgekommen, um in stiller, abendlicher Stunde die ihrem Zauber untreu gewordenen Sterblichen aufs neue durch ihre Erscheinung zu verführen.
Sie wandte ihr Pferd und ritt, vergessend, daß sie ihren Diener, seines unruhigen Thieres wegen, hatte vorausreiten lassen und daß sie allein sei, in das Gehölz, um an der andern Seite desselben, da wo die Heerstraße es verließ, ebenfalls das warme Glühen der Landschaft, die voll und tief gefärbten Gründe, die duftigen Tinten der fernen Höhen zu bewundern. Denn sie fühlte sich gefesselt von ihnen und in poetischer Schwelgerei, in der Sucht ihres jungen Herzens, im Idealen zu schwärmen, liebte sie es zu vergessen, daß sie Wirklichkeit sehe, und dachte sich Bildern unendlich schöner Träumerei gegenüber.
Der Jude rief ihr halblaut und unterwürfig einen Gruß zu, als sie neben ihm war. Sie stutzte und hielt.
Seid Ihr es, Isaak Koppel?
Ja, ich bin es, gnädiges Fräulein, antwortete er, und sich erhebend, um der Dame so nahe zu treten, als seine Scheu vor ihrem Thiere es erlaubte, setzte er hinzu: Wenn Sie mir wollen erlauben, nebenher zu traben – ich hätte etwas Wichtiges dem gnädigen Fräulein zu erzählen!
Was habt Ihr mir zu sagen, Isaak? Ich danke Euch für Euere Gesellschaft, da ich allein bleiben will. So sprecht!
Man kann es nicht brechen übers Knie wie einen dürren Zweig.
Brecht es immerhin! Was wollt Ihr?
Der Jude zog mit einem eigenthümlichen, greinenden Verziehen seiner gelben, tiefgefurchten Gesichtszüge vier Goldstücke aus seiner Westentasche hervor und, indem er sie auf die flache Hand legte, die er der Reiterin entgegenstreckte, sagte er:
Nun so will ich's übers Knie brechen und sagen kurz: Geben Sie mir das Doppelte von dem und ich erzähle Ihnen, weshalb die Frau Gräfin von Quernheim in Ihrem Schlosse ist und was sie vorhat und was das gnädige Fräulein davon angeht. Es ist nicht Habsucht von mir, daß ich so spreche; ich möchte nicht sein ein Spion! Und Sie wissen selbst, ob der Isaak ist ein Ohrenbläser! Aber als ich Sie habe gesehen so fröhlich und so stolz auf dem schönen Goldfuchs halten, da ist mir's warm geworden ums Herz und ich habe gesagt: Isaak, sprich erst mit dem Fräulein und sieh, was sich machen läßt mit ihr! Der Mensch muß leben, Fräulein, und das Geld ist das Ende von jedem Dinge und von jedem Geschäft. Wollen Sie mir zahlen die acht Louisd'or? Bei Gott, es ist mehr für Sie werth, was ich Ihnen sagen kann, als lumpige acht Louisd'or.
Die Dame sah den Juden erstaunt an und hörte ihm mit großer Spannung zu; als er aber geendigt, wandte sie sich mit kalter Verachtung ab und mit den Worten: »Ihr seid ein Schuft, Isaak!« ritt sie langsam weiter in den Wald hinein.
Der Jude warf sein Bündel auf den Rücken und sah ihr mit einem schielen, grimmigen Blicke nach, während er murmelte: Nun, so reit', stolze Isabel, reit' in dein Verderben: ich hab's gut mir dir gemeint, aber es ist nicht meine Schuld, wenn dir's an Hals und Kragen geht. »Ihr seid ein Schuft, Isaak,« hat sie gesagt; o, das hat mir schon Mancher gesagt, aber Niemand ist so dafür bestraft worden, wie du es sein wirst!
Die Reiterin schien im nächsten Augenblicke den Juden und seinen unwürdigen Antrag vergessen und nur noch Sinne zu haben für das stille Leben des Waldes, das sie jetzt umgab. In träumerischer Versunkenheit gab sie diesem Reize sich hin. Die Sonnenstrahlen, denen es gelang, durch das Laubdach zu dringen, legten helle Flecken auf das Moos, dessen saftiges Grün den Boden überzog, oder spielten mit den noch dunkleren Epheublättern, welche Stämme und Aeste umrankten; hie und da sank ein gelbes Blatt mit leisem Gesurre nieder, eine Drossel pfiff mit hastigem Flügelschlage davon, den Zweig der Stechpalme zurückschnellend, der sie getragen hatte. Dies und das tiefe Gurren der Ringeltaube, das sachte Knarren der Aeste im Abendwinde, oder das Schwirren einer verspäteten Phaläne mit silberglänzenden Flügeln waren die einzigen Laute, welche die Stille zuweilen unterbrachen und wie Töne eines versteckten und unsichtbaren Webens der Natur hinter den grünen Hüllen des Sichtbaren hervordrangen.
Es ist ein Mysterium, ein verhülltes Allerheiligstes in jedem Walde, ein innerer Punkt, wo die webende und schaffende Macht sich birgt, der solch ein grüner Tempel über den grauen und moosigen Säulen auferbaut ist.
Unsere einsame Dame war bald an die Stelle gelangt, wo die Landstraße rechts ab aus dem Walde hinausbog, um in sanftem Abhange durch Wiesen- und Gartengründe in das tief unten liegende Städtchen zu führen. Hier wollte sie um- und heimkehren, als plötzlich etwas ihre Blicke fesselte und sie an die Stelle bannte. Sie sah aus dem Thore des Ortes einen Reiter in gestreckter Carrière des Weges nach dem Walde zu daher sprengen. Eine Weile darauf kamen zwei andere Reiter, welche den ersten zu verfolgen schienen; es waren berittene Gendarmen, die ihre Thiere zur äußersten Anstrengung spornten. War nun das Pferd des Verfolgten ermüdet, oder war es ein schlechter Läufer – es verlor immer mehr Raum, die Häscher gewannen mit jedem Augenblick. Sie kamen näher und näher. Die Zuschauerin erkannte in dem Verfolgten einen großgebauten und elegant gekleideten jungen Mann. Ihr Herz schlug hörbar aus Theilnahme an dem spannenden Schauspiel – da, fast im selben Augenblick, waren Verfolger und Verfolgter hinter einem Gebüsch verschwunden, das am Wege stand und den freien Ueberblick über denselben unterbrach.
Sie haben ihn eingeholt, er ist verloren! rief die Dame athemlos. Nein – da ist der Kopf seines Pferdes wieder – er gewinnt Terrain – brav, brav!
Dieser letztere Ausruf bezog sich auf einen Satz, den der Verfolgte sein Pferd über den Weggraben machen ließ, in der Absicht, in gerader Richtung über eine Wiese zu sprengen, um welche der Weg in einer bedeutenden Krümmung herumlief. Die Gendarmen schienen diesen Satz nicht zu wagen oder dazu weniger taugliche Pferde zu haben. Sie mußten den Umweg machen und dadurch gelang es dem Verfolgten mit einem Vorsprung von etwa drei bis vier Minuten oben am Walde anzukommen; hier strauchelte aber sein Pferd, sank ermattet ins Knie und erhob sich nur mit Mühe und heftigem Keuchen wieder.
Die Dame warf einen prüfenden Blick auf den Flüchtling: sein großes Auge sah mit einer gewissen stolzen Heiterkeit nach seinen Verfolgern um; das heftig geröthete Gesicht hatte edle Züge und einen Ausdruck von ungetrübter Jugendlichkeit. Er trug einen Reitanzug von feinem grünen Tuch und modernstem Schnitt. Nach dem ersten Blick auf ihn war der Entschluß der Dame gefaßt; sie sprang mit großer Leichtigkeit von ihrem Goldfuchs und rief:
Nehmen Sie dies Pferd, es wird sie aus dem Bereich ihrer Verfolger bringen. Folgen Sie diesem Wege, bis Sie an ein Gut kommen. Es ist das meinige, dort sind sie sicher.
Der Fremde blickte erstaunt die schöne Unbekannte an, die ihm mit so hochherzigem Entschluß in den Weg trat, um ihm Rettung und Schutz zu bieten. Er schien einige Augenblicke zu zögern; dann, als in der Ferne die Stimmen der Verfolger laut wurden, glitt er rasch von seinem ermüdeten Thiere, war im nächsten Augenblicke in dem Damensattel auf dem Goldfuchs und nach einem anmuthigen Gruße ließ er diesen den Sporn fühlen.
Mein Leben für Sie, edle Dame! rief er aus, indem er einen innigen Blick des Dankes zurücksandte. Im nächsten Augenblick war das kräftige Pferd, wie ein vom Bogen abgeschossener Pfeil dahinfliegend, hinter den Bäumen des Waldes verschwunden.
Als die Dame sich wandte, um die lange Schleppe ihres Reitkleides, die sie am Gehen hinderte, aufzunehmen, stand der Jude hinter ihr und schlich mit seinem schielen Blicke an ihr vorüber.
Fünfzig Schritte weiter traf er mit den Gendarmen zusammen; sie sah ihn mit denselben sprechen, worauf diese sich damit begnügten, das hinterlassene Pferd des Flüchtlings aufzufangen, und mit demselben dann wieder der Stadt zu ritten. Sie selbst ging durch den Wald zurück mit einem höchst gemischten Gefühl von Beklommenheit und von Zufriedenheit mit einer Handlung, welche aus der ersten ungeprüften Eingebung eines vielleicht zu rasch vertrauenden Herzens entsprungen war.
Du bist eine Thörin, sagte sie sich, deinen treuen Ali einem wildfremden, von Gendarmen verfolgten Menschen anvertraut zu haben, dessen nächstes Interesse es sein muß, so weit zu fliehen, wie ihn nur irgend die vier unermüdlichen Füße deines Pferdes tragen.
Aber trotz des hohen Grades von Wahrscheinlichkeit, den diese Befürchtung hatte, konnte unsre Dame eine Art inneren Bewußtseins nicht unterdrücken, das ihr sagte, der Fremde sei nicht im Stande, ihr Vertrauen zu täuschen.
Als sie die Stelle erreicht hatte, wo der Jude sie angeredet, kam der Reitknecht, der Peggy hieß und ein Irländer war, in tödtlicher Bestürzung ihr entgegengaloppirt. Da er den Goldfuchs unter einem fremden Reiter in Carrière an sich hatte vorübersausen sehen, hatte er natürlich seine Herrin beraubt, vielleicht mishandelt glauben müssen.
O Mylady, rief er aus, athemlos und vor Bewegung zitternd, da sind Sie ja! Gottes Gnade ist groß! Der Spitzbube – der Strauchdieb – der –
Still! sagte das Fräulein unwillig, glaubst du, es nähme mir Jemand mein Pferd, dem ich es nicht übergäbe? Ali ist ein gutes Thier und seine Reiterin, denk' ich, setzte sie lachend hinzu, macht ihm keine Schande.
Gott sei's geklagt, wenn das Thier nicht noch zuweilen die Vernunft hätte und einen Graben zu breit und eine Hecke zu hoch fände, Sie thäten's gewiß nicht!
Komm, sagte das Fräulein und schritt auf ihrem Heimweg weiter. Peggy folgte in ehrerbietiger Entfernung, mit der Frage beschäftigt, wer der fremde Mensch sein könne, dem seine Gebieterin den kostbaren Goldfuchs anvertraut habe.
Wir folgen dem Juden auf seiner Wanderung. Langsam wandelnd hatte er den Ort im Thale nach einer Viertelstunde erreicht. Er schritt, ohne sich aufzuhalten, durch das ganze Städtchen, von dem Geschrei der Gassenbuben begrüßt, denen er Knallerbsen zu verhandeln pflegte und die sich das Vergnügen machten, nach ihm und seinem Pudel zu werfen, ohne daß Isaak Koppel sich viel darum gekümmert hätte. Als er das entgegengesetzte Thor erreicht hatte, war es Abend geworden und die Sterne traten am klaren Himmel hervor. Isaak wandte sich links durch Gärten, bis er an einen freien Rasenplatz kam, auf dessen Mitte ein großes steinernes Crucifix und vor demselben einige Bänke zum Knieen für Betende standen. Hier ließ er den Sack von seinem Rücken gleiten, setzte sich und begann den Inhalt seiner Bürde zu durchwühlen. Nach einer Weile schien er gefunden zu haben, was er suchte; es waren zwei gläserne Phiolen, beide mit farbigen Flüssigkeiten gefüllt. Der Jude schüttelte sie und hob sie empor, um nach dem Inhalte zu sehen; dann barg er sie in der Brusttasche und stützte nachdenklich die Stirn auf seine flache Hand.
Der Mond hatte sich erhoben und übergoß mit einem weißbläulichen Licht das Crucifix, welches gespenstische Arme zum Abendhimmel ausstreckte, während der Körper des gemordeten Dulders in dem kalten Lichte Leben bekommen zu haben schien. Der Jude, der unten kauerte, die dürftige, langgestreckte Gestalt im erhandelten Frack, welcher Handgelenk und Hände in unmäßiger Lange hervortreten ließ, saß dagegen so regungslos da, als sei er eine aus Stein gebildete Gestalt.
Isaak Koppel, der lange, dürre Jude von Wehm, wie man ihn auch nach seinem Geburtsort nannte, hätte übrigens nicht erst im Mondschein sich unter einem Crucifix hinzukauern gebraucht, um auf Manche einen unheimlichen Eindruck zu machen. Er war gefürchtet und gehaßt. Die Landleute schrieben ihm gewisse räthselhafte Kenntnisse zu: er war ein gesuchter Vieharzt, er verstand aus den Linien der Hand wahrzusagen und wenn die Genauigkeit und Unfehlbarkeit seiner Prophezeihungen auch Gegenstand großen Streites in der Gegend blieb, so hatte er desto unläugbarer zwei andere ungewöhnliche Eigenschaften. Isaak besaß nämlich ein fabelhaftes Gedächtniß, sodaß er jeden Vers des alten Testamentes herzusagen wußte, sobald man ihm das erste Wort nannte; und dann einen noch unbegreiflicheren Zahlensinn. Man konnte eine Handvoll Bohnen vor ihm auf den Tisch legen und im nächsten Augenblicke hatte Isaak Koppel ihre richtige Zahl gesagt. Uebrigens liebte Isaak es, einen unheimlichen Eindruck zu machen. Er umgab sich gern mit Geheimnissen, schon aus angeborner Neigung, oder aus Eitelkeit, wenn es ihm auch nicht bei seinem Erwerbszweige von wesentlichem Förderniß gewesen wäre; und jedes Ding mit viel größerer Wichtigkeit und Feierlichkeit zu beginnen, als sich am Ende nöthig zeigte, besonders wenn es dienen konnte, Andere zu ängstigen, lag in seinem Charakter.
Die Glocken schlugen im Städtchen und der Jude fuhr empor; er wanderte nun längs des halbverschütteten Stadtgrabens her, bis er die hintere Umzäunung eines Gartens erreichte, an dessen jenseitigem Ende ein einstöckiges Haus sein rothes Ziegeldach aus den Wipfeln der Obstbäume emporhob, die es gegen Südwest hin dicht umstanden. Der Jude übersprang den Zaun, schritt durch die Gartenpfade und näherte sich vorsichtig einem der Fenster, aus dem Licht schimmerte. Leise bog er die üppigen Weinreben zur Seite, welche die untern Scheiben übersponnen hatten, und versuchte trotz der Gardinen, die im Innern niedergelassen waren, einen Blick in das Zimmer zu gewinnen.
Es gelang ihm; eine Ecke des weißen Musselinvorhangs hatte sich in eine große Falte umgeschlagen und gab den spähenden Blicken Isaaks Raum. In dem Zimmer waren zwei Männer, ein älterer und ein junger, der in der Mitte der Zwanziger stehen mochte; dieser stürmte mit verzweiflungsvollen Geberden in dem Gemache auf und ab, rang die Hände, stierte eine Weile einen Fleck auf dem Boden an und warf sich dann plötzlich mit dem Ausdruck völliger Vernichtung an die Brust des andern, des ältern Mannes; dieser aber schien für ihn keinen Trost zu haben; er saß wie theilnahmlos in einem Lehnstuhl, aber seine Rechte fuhr von Zeit zu Zeit mit einem Tuche nach seinen Wimpern.
Der Jude schien sich eine Zeit lang am Anblicke der beiden von Gram und Schmerz niedergedrückten Männer zu weiden. Dann schritt er um das Haus, bis er an die der Straße zugekehrte Seite desselben kam und zog die Klingel.
Ich muß den Herrn Physikus sprechen, sagte er der öffnenden Magd und drängte sich ihr nach in das Zimmer, in welches sie eintrat, um ihn zu melden. Ohne abzuwarten, ob er willkommen geheißen werde oder nicht, sagte er:
Hier bin ich schon, Herr Physikus; guten Abend! Der Isaak Koppel ist's, der kommt; guten Abend, Herr Doctor, wie geht es, Herr Doctor?
Was wollt Ihr? sagte der Physikus, ihm entgegengehend, während der jüngere Mann, den Isaak als Doctor begrüßt hatte, sich in die Nische des Fensters zurückzog, durch welches er vorhin von schielen und spähenden Blicken beobachtet worden war.
Was ich will? nun, ich will fragen wie's geht mit der jungen Frau! Ich habe gehört, wie sie ist so krank geworden mit einem Mal, und da hab' ich gedacht, der Herr Physikus ist ein freundlicher Mann und ein gelehrter Mann, daß die Kranken zu ihm kommen von nah und fern; jetzt ist seine leibliche Tochter krank und liegt auf den Tod, wie die Leute sagen, und da sollst du hingehen, Isaak, habe ich gedacht, und helfen dem hochgelehrten Herrn Physikus mit einem kleinen Mittelchen!
Es lag ein gewisser Hohn in diesen Worten, der den Physikus reizte und ihn kurz und trocken antworten ließ: Ich brauche Eure Mittelchen nicht, Isaak. Geht und laßt uns in Ruhe.
Der Jude war unterdeß in einen Alkoven getreten, welcher sich neben dem Zimmer befand, durch einen grünen Vorhang davon getrennt. Die Tochter des Arztes, des jüngeren Mannes neuvermählte Frau, lag hier, im letzten Stadium einer allem Anschein nach tödtlichen Krankheit.
Sie lag mit halbgeschlossenen Augen, wie besinnungslos: das feingeschnittene Gesicht war tief eingefallen und die langen, schwarzen Wimpern der Augenlider hoben sich auf der leichenhaften Blässe der Haut doppelt stark hervor; die Stirn netzten dicke Tropfen Schweißes und die auf der Decke ruhenden Hände waren brennend heiß.
Isaak wollte eine dieser Hände ergreifen und nach dem Puls fühlen, als der jüngere Mann, der Gatte der Kranken und des Gerichtsarztes Assistent, rasch zwischen ihn und das Bett trat mit dem Ausruf: Rührt sie nicht an! geht fort von hier!
Ihr stört uns, Isaak Koppel; geht Eures Weges, sagte der Vater.
Mein, mein, komm' ich doch, um zu helfen und zu retten!
Es ist nichts mehr zu retten, sagte mit düsterer Resignation der Gerichtsarzt. Laßt uns allein!
Herr Physikus, so wahr ich Isaak heiße, ich will Ihre Tochter heilen von der Krankheit, wenn es ist die Krankheit, welche ich im vergangenen Winter geheilt habe mit meinem Tranke. Sie wissen, wie krank die Margareth Holling war!
Der Arzt zuckte die Achseln.
Der Jude zog seine Phiolen heraus und hielt sie gegen das Licht.
In einem dieser Gläschen ist Leben für Ihr Kind, Herr Physikus. Mein Vater hat das Mittel mit sich gebracht, als er gekommen ist aus Smyrna, mit 'nem englischen Schiff nach Triest und so ins Land hinein; und er hat mir das Mittel vermacht und hat zu mir gesprochen auf seinem Todesbett: ich hinterlasse dir kein Gold, Isaak, hat er gesagt, und keine Schätze, aber ich hinterlasse dir die Mittel, so sich ererbt haben in unserm Stamm seit undenklichen Jahren; eines gegen das heiße Fieber und das andere gegen die Zehrung, Jetzt, Herr Physikus, soll ich Ihre Tochter heilen mit dem Mittelchen gegen das Fieber?
Der Arzt schüttelte den Kopf, der jüngere Mann, der die unerklärliche Heilung eines Mädchens beobachtet hatte, welche von ihm und seinem Schwiegervater vollständig aufgegeben war, und auf die sich der Jude vorhin berufen hatte, griff dagegen jetzt begierig den letzten Schimmer von Hoffnung auf, der sich ihm zeigte.
Es ist nichts zu verlieren! sagte er; wäre es Gift, das Mittel des Juden, es könnte nichts schlimmer machen. Darüber sind wir Beide einig.
Der Arzt zuckte nochmals die Achseln, ließ sich die Phiolen Isaak's reichen und prüfte sie mit ungläubigen Mienen.
Herr Doctor, sagte Isaak, gehen Sie einen Augenblick hinaus, ich habe ein Wort im Geheim zu reden mit dem Herrn Physikus.
Ich erlaube Euch, Euer Mittel zu versuchen, Isaak, sagte der Doctor und ging.
Herr Physikus, hob nun der Jude an, Sie glauben nicht an mein Mittel, daß es wirkt: ich selber will auch nicht mein Leben und meine Seele darauf verwetten. Habe ich doch noch nicht einmal den Puls der Kranken fühlen dürfen! Nun will ich Ihnen machen einen Vorschlag: ich will versuchen meinen Trank; hilft er nicht, so will ich haben keine Bezahlung, keinen Heller sollen Sie mir geben dürfen, Herr! Will's aber Gott, daß er hilft, mein Trank, so soll der Herr Physikus gehen mit mir diese Nacht und soll mir folgen, wohin ich ihn führe, und soll da thun, was man verlangt von ihm und schwören auf sein Bibelbuch, daß er kein Wort will sagen von Allem, was er sieht, in keines Menschen Ohr, so da lebt oder noch leben wird!
Jude! was verlangst du von mir? für wen hältst du mich? fuhr der Arzt auf.
Mein, mein, ich will dem Herrn Physikus die kranke Tochter heilen, dafür soll er mir auch heilen einen Kranken: was kann billiger sein? Aug' um Aug'! Soll ich mich verschwören, daß ihm nichts Uebles wird geschehen? daß man nichts wird verlangen, was er nicht leicht und ohne Müh' thun könnte? Soll ich mich verschwören?
Der Arzt schlug seine beiden Hände vor die Stirn und schien sich zu sammeln nach der ersten äußersten Ueberraschung, in welche ihn ein solcher Vorschlag versetzt hatte.
Können Sie doch leicht sagen ja, wenn Sie glauben, mein Mittel ist unnütz, fuhr Isaak fort. Und wenn Sie durch einen bloßen Gang, nur ein Stündchen weit, ihre Tochter vom Tode retten können und thun es nicht, Herr Amtsphysikus, sind Sie dann ein guter Vater, ein rechtlicher Mann, ein frommer Christ, Herr Amtsphysikus Pauli! Ich sage Ihnen, wenn mein Mittel nicht schleunig zu Hülfe kommt und Sie mir nicht sind zu Willen, so stirbt Ihre Tochter und Ihr Schwiegersohn grämt sich dahin, wie ein welkes Blatt, bis der Herbstwind es fortweht, und ihr Haus wird verödet stehen, die Trübsal wird Sie heimsuchen, wie sie heimsuchte Job, und Sie sind ein geschlagener Mann, Herr Amtsphysikus Johann Wilhelm Pauli!
Der Arzt sprang auf, sah den Juden mit durchbohrendem Blick an und trat dann an das Bett seines sterbenden Kindes; er fühlte nach dem Puls, legte die Hand auf das fiebernd klopfende Herz der Kranken, dann drückte er einen Kuß auf ihre blauen Lippen, wandte sich und sagte: Zahlt dir das Mittel, das du hast, kein Geld?
Der Jude hatte unterdeß aufmerksam die Kranke beobachtet. Jetzt, als der Arzt die Vorhänge des Alkovens wieder hatte zufallen lassen, schien er bei sich zu überlegen. Es war ein Augenblick fürchterlicher Spannung für den Gerichtsarzt.
Geld? versetzte darauf Isaak. Hättet Ihr mich aufgenommen wie Einen, der da kommt, das Heil zu bringen, und geglaubt an mein Mittel, so wäre ich vielleicht zufrieden gewesen mit Geld; so aber habt ihr mich hinausgewiesen, »geh!« hat der Eine gesagt, »scher dich hinaus!« der Andere: das will ich mir nicht bezahlen lassen mit Geld, sondern ich will für meine Hülfe nichts Anderes mehr, als die Gewogenheit und Freundschaft des Herrn Amtsphysikus Johann Wilhelm Pauli in Birkenheim und daß er mir soll nie mehr in seinem Leben sagen dürfen: Geh hinaus, Jude, scher dich fort, Isaak! wie man sagt zu einem Pudel.
Jude, sag, was soll ich thun!?
Mir folgen in jeder Nacht, wann ich es verlange, und wenn's auch nur wäre, um meinen Hund zu curiren. Was nehmen Sie Anstand? Glauben Sie doch nicht an meine Mittel? – Es ist acht Uhr jetzt, ich will das Elixir der Kranken eingeben: wenn sie nach drei Stunden besser ist und hat die Krisis überstanden, sind Sie mir pflichtig zu folgen; doch will ich warten eine Stunde länger bis um zwölf, daß Sie sehen können, wie mein Trank wirkt und daß Sie sicher sind, Ihre Tochter ist in der Besserung. Nun? sagen Sie ja oder nein – die Zeit drängt – soll ich oder nicht?
Du bist wie die Schlange, aus der der Satan spricht! flüsterte der Arzt unschlüssig.
Es geht um Leben und Tod! sagte der Jude.
Ja, ja, um Leben und Tod, schrie der junge Mann, der in diesem Augenblick wieder ins Zimmer stürzte und sich vor dem Bett seiner sterbenden Frau auf die Knie warf – o Vater, Vater, um Ihrer Seligkeit willen, lassen Sie den Juden sein Mittel versuchen!
Nun, so mag es um meine Seligkeit gehen, versetzte düster der Gerichtsarzt.
In Isaak's Auge blitzte ein Strahl boshafter Freude, dann sagte er trocken: Doctor, ein Glas Wasser!
Der junge Mann eilte hinaus. Isaak ergriff schnell die Bibel, die auf dem Nachttisch vor dem Bett der Kranken lag, schlug sie auf und, indem er sie dem Arzt hinhielt, sagte er leise: Schwören Sie mir, wenn ich Ihr Kind heile, mir zu folgen, wann ich will, wohin ich will, und zu thun, was man von Ihnen verlangt und was Sie thun können, ohne Gefahr und ohne eignen Schaden? Schwören Sie, zu schweigen gegen Freund und Kind, gegen Weib oder Mann, über Alles, was Sie werden sehen oder hören?
Der Arzt legte die Rechte auf das Buch und sagte erbebend: Ich schwöre dir das, Isaak, wenn du mein Kind rettest!
Der junge Mann kam mit dem Wasser; Isaak warf schnell das Buch zur Seite und trat ans Bett der Kranken, deren Puls er fühlte. Dann begann er ihre Schläfe und ihre Fußsohlen zu reiben, wobei er mystische Worte murmelte, und als die junge Frau darauf tiefer zu athmen und mit den Augenlidern zu zwinkern begann, flößte er ihr zwei Eßlöffel voll von seinem Elixir ein.
Zehn Minuten vergingen, wahrend deren der Jude gespannt fortwährend den Puls der Kranken gefaßt hielt. Dann wandte er sich zum Arzte und sagte: Herr Amtsphysikus, fühlen Sie ihr den Puls. Wie geht der Puls?
Die Kranke ward unruhig; sie warf sich auf die andere Seite, öffnete und schloß die Augen und mit zurückkehrendem Bewußtsein verlangte sie zu trinken.
Isaak wusch ihre Stirn mit Wasser, aber er verbot, ihr zu trinken zu geben.
Wie geht der Puls, Herr Amtsphysikus?
Dieser antwortete nicht, sein Schwiegersohn aber trat hinzu und sagte nach kurzer Untersuchung: schneller und unruhiger, aber stärker.
Nach einer halben Stunde ließ die Unruhe der Kranken nach; sie dehnte sich lang aus, athmete tief aus der Brust, als ob sie eine Art Wohlbehagens fühle, und mit dem Worte: Bist du da, Eugen? machte sie eine Armbewegung, um ihrem Manne die Hand zu reichen, ließ diese darauf müde niedersinken, wandte den Kopf und schlummerte ein.
Der Schlummer wurde tiefer und ruhiger mit jeder Minute.
Nach Verlauf von zwei Stunden, die den drei Männern in ihrer ängstlichen Spannung unbeachtet verflogen, sagte der junge Arzt, der von Zeit zu Zeit ging, um die Athemzüge seiner Frau zu beobachten und ihren Herzschlag zu prüfen, mit einer lauten Aufwallung von Freude, die er nicht mehr unterdrücken konnte: Die Krisis geht vorüber, sie übersteht's!
Die Züge des älteren Mannes belebten sich einen Augenblick und seine Blicke glänzten freudig; dann blieben sie, mit eigenthümlichem Ausdruck, in dem Verwunderung und Angst die Freude dämpfte, auf dem Juden haften.
Herr Amtsphysikus, sagte dieser, mit Verlaub, was hat Ihnen wol das Studiren gekostet? Ich habe einen Buben, den will ich nicht studiren lassen, darum möcht' ich wissen, was es mag kosten, daß ich auch weiß, wie viel ich erspare an dem Jungen. Gewiß wol zweitausend Thaler, Herr Amtsphysikus. Hab ich Recht? Zweitausend Thaler! und ebenso viel hat's dort dem Doctor gekostet, also zusammen viertausend Thaler; mein, mein, wie viel Geld! aber es ist auch schön, wenn man ein berühmter Mann ist und kann curiren alle Krankheiten auf Erden, wie der Herr Amtsphysikus Johann Wilhelm Pauli in Birkenheim!
Der Arzt antwortete auf den Hohn des Juden nicht und dieser fuhr fort: Jetzt ist's beinahe eilf Uhr und ich habe mein Wort gelöst; mit Verlaub will ich gehen in die Küche und lassen mir zu essen geben, denn mich hungert. Wenn die Frau Doctorin erwacht, muß sie noch einen Eßlöffel voll von der Medicin nehmen. Um zwölf Uhr frag' ich wieder zu, Herr Amtsphysikus.
Isaak ging. Nach einer halben Stunde erwachte die Kranke, sie war bei völligem Bewußtsein.
Eugen, Eugen, wie ist mir wohl! sagte sie. Ich habe wilde, wüste Träume gehabt; ich bin matt davon, aber meine Brust ist frei
Man gab ihr von dem Tranke; dann nahm sie die Hand ihres Vaters, küßte sie und flüsterte: Wärst du nicht bei mir gewesen mit deiner Kunst, lieb Väterchen, ich wäre gewiß gestorben, so weh und schlimm war mir! – Eugen wird eifersüchtig, setzte sie lächelnd hinzu: Eugen, bist du eifersüchtig auf des Vaters Heiltränke, die mich gerettet haben?
Eugen beugte sich mit freudeglänzenden Augen über sie und verwies ihr das Sprechen, während der Physikus sich schmerzlich getroffen abwandte. Sie fiel, nachdem sie einige Augenblicke lang mit den Fingern ihres jungen Mannes getändelt hatte, wieder in einen Schlaf, der nach und nach so ruhig wurde, daß den beiden Aerzten kein Zweifel mehr blieb: die junge Frau war gerettet durch das Geheimmittel des Hebräers.
Die Glocken der Stadtthürme summten zwölf Uhr. Der Jude steckte den Kopf durch die Thüre; der Doctor flüsterte ihm in froher Hast entgegen: Isaak, sie ist viel, viel besser! Aber dieser achtete nicht darauf, sondern sagte:
Herr Amtsphysikus Johann Wilhelm Pauli, auf ein Wort!
Der Gerichtsarzt schauderte zusammen, als das lange, markirte Gesicht mit den schielenden Blicken wieder vor ihm auftauchte; doch sagte er gefaßt und entschlossen zu seinem Schwiegersohne: Mir thut Ruhe noth; wachen Sie, Eugen, bis ich komme und Sie ablöse. Dann verließ er sacht das Krankenzimmer.
Wohin nun? was willst du von mir? fragte er draußen den Juden.
Nehmen Sie Hut und Stock und nehmen Sie auch Ihr Amtssiegel und Stempelpapier, Herr Physikus. Vergessen Sie auch nicht den Mantel, daß sie sich nicht verkälten, denn es ist eine kühle Nacht!
Der Gerichtsarzt that, wie der Jude verlangte. Dann verließen Beide durch eine Hinterthür das Haus. Isaak Koppel schlug eilig einen Fußsteig ein, der von der Stadt wegführte. In seinen Mantel gehüllt folgte ihm der Arzt, eine kräftige Gestalt, von seinen Jahren noch ungebeugt. Beide gingen schweigend, wie ihre vom Mondlicht in riesigen Verhältnissen auf die Wiesengründe hingezeichneten Schatten. Aufquellende weiße Nebelbänke, durch welche sie der Fußweg führte, bildeten flatternd und ziehend ihre Begleiter.
Als der flüchtige Reiter, den wir vorhin davon sprengen sahen, eine Weile fortgeritten war, ohne daß seine Verfolger aus dem Walde auftauchten, den er längst hinter sich hatte, zog er die Zügel seines Pferdes an und ließ es verschnaufen, um zugleich selbst sich sammeln und über seine Lage nachdenken zu können.
Ein seltsamer Empfang in dem Lande, das meine Heimat werden soll! sagte er, die Schweißtropfen seiner Stirn trocknend. Was ist jetzt zu thun? Das Klügste wäre, ohne Bedenken gleich so weit zu reiten, bis ich außerhalb des Bereiches dieser heiligen Hermandad bin; aber ich befürchte, ich komme so wenig an dem Schlosse dieses seltsamen, bildschönen Mädchens oder dieser Frau vorüber, wie Rinald an den Gärten Armidens. Und wenn ich diesen fabelhaften Goldfuchs auch mit stummem Danke an das Gitterthor ihres Palastes bände und dann weiter wanderte, so würde sie doch schwerlich meinen braunen Reiseklepper, den ich in ihrem Besitze gelassen habe, als zartes Andenken zu behalten geneigt sein.
Der Flüchtling kam in der That nicht an dem Thore des Gutes vorüber, welches ihm die Dame als das ihrige bezeichnet hatte. Eine Allee von Eichen führte von dem Heerwege ab und zu dem Gebäude, das in großartigen Dimensionen vor ihm auftauchte. Es war ein dicht zusammengeschobenes Ganze, bestehend aus Thürmen und alten Bautheilen, die in der Kindheit der Maurerkunst aus unbehauenen Feldsteinen aufgeschichtet schienen, und aus einer neuern Partie, einem Flügel mit großen Spiegelfenstern, die umrahmt waren von reichen Steinmetzarbeiten im Geschmack der Zeit des Erbfolgekriegs. Ein breiter Wassergraben voll Schilf umgab das wettergraue Schloß, das nur einen Zugang zu haben schien und zwar über eine gemauerte Brücke, welche durch ein Gitterthor unmittelbar auf einen innern Hof führte. Die eine Seite dieses Hofes bildeten zwei Reihen übereinander gestellter rundbogiger Arkaden; ein zahlloser Reichthum von Hirschgeweihen zeichnete darunter sein krummes Geäst auf den frisch geweißten Wänden ab.
Der Hof war leer; der Fremde rief und pfiff, aber Niemand kam, mit Ausnahme eines Jagdhundes, der sich aus einer offnen Corridorthüre stürzte und dann schnuppernd um den Fremden herumschlich; außer ihm schienen nur die krächzend um die Schlöte fahrenden Dohlen das große Gebäude zu bewohnen.
Der Reiter band den Goldfuchs an einen Mauerring und trat durch eine Thür ins Innere; er sah einen breiten und niedern Gang vor sich, eine Art wüster Halle, in der die Dielen unter seinen Schritten aufklappten; rechts und links Thüren und dazwischen große Bilder in schwarzen Rahmen, wie es schien, denn um etwas deutlich zu erkennen herrschte zu tiefe Dämmerung, fast Nacht in dem Raume. Am entgegengesetzten Ende war ein Fenster; der Fremde schaute durch dasselbe hinaus und sah, daß es eine Glasthüre war, die auf einen Balkon führte. Er öffnete sie; der Balkon lief, von einem rostigen Eisengitter geschützt, den ganzen Flügel des Schlosses entlang und der Fremde schritt darauf an einer Reihe dunkler Fenster hin weiter, bis eine vorspringende Mauerecke kam und den Weg abschnitt. Vor ihm, jenseit des Grabens, lagen große Gärten mit Taxushecken und mythologischen Steinfiguren; drüben hinter den Gärten rauschte mit dunkeln Wipfeln der Wald, in den Alleen geschlagen waren und den große Rasenstücke, eine Art von Buchten bildend, von den Gärten trennten. Kaum noch erkennbar in der Dämmerung wurden auf diesen Gründen einzelne Hirsche sichtbar, die hier ungestört und unbefehdet schienen weiden zu können.
Ein Geräusch wurde hinter dem Fremden hörbar, er blickte um sich und sah ein Mädchen, eine Zofe schien's, mit einem Lichte in der Hand in dem Zimmer stehen, dessen Fenster unmittelbar hinter ihm lag. Als er sich umwandte, setzte sie das Licht auf einen Tisch, nahm einen Brief, der darauf lag, und indem sie das Fenster öffnete, sagte sie:
Sind Sie schon da, gnädiger Herr? Wie kommen Sie dahin? Sie sollen baldmöglichst wieder abreisen, die Gräfin kann Sie nicht sehen, aber hier ist ein Billet von ihr.
Der Fremde nahm das Billet, die Zofe schloß das Fenster und verschwand.
Also eine Gräfin! und schon so lange wieder hier, daß sie mir diese Zeilen hat schreiben können! Unbegreiflich!
Er erbrach das Billet, aber um zu lesen war es viel zu dunkel geworden. Deshalb tappte er den Weg, den er gekommen, zurück. Im Hofe fand er diesmal mindestens eine Art vernünftigen Wesens, nämlich einen Hausknecht, der die Laterne über der Eingangsthür ins Schloß anzuzünden beschäftigt war. Er hatte dazu eine Doppelleiter auf den Perron der Treppe gestellt, die in zwei Fluchten zur Thüre führte. Unser Fremdling erstieg, während der Knecht auf der einen Seite den Docht der Lampe schürte, die andere Seite der Leiter und las beim Scheine des Oelflämmchens die folgenden Worte:
»Lieber Baron Heydenreich,
verlassen Sie augenblicklich Blankenaar wieder, bis Sie neue Weisungen von mir erhalten. Es war Alles zur projectirten Entführung vorbereitet, in Arnstein war man darauf eingerichtet, Sie zu empfangen, auch der Pfarrer Lehmann ist dahin geschickt – da tritt mir das Unglück in Gestalt Finkenberg's mitten in den Kreis wohlgeordneter Maßregeln. Wie sieht dieser Mensch aus! er ist herunter, daß ich mich schäme, wenn ich an den Aufzug denke, in welchem er vor mich trat. Er muß erst fortgeschafft sein, damit wir die Hände frei haben, und keinenfalls darf er Sie in so später Stunde hier zu mir kommend sehen. Seien Sie darum nicht beunruhigt, ich lasse Ihre Zukünftige unterdeß nicht aus dem Auge, bis es Zeit ist, unsre energische Maßregel gegen sie durchzusetzen. Finkenberg ist krank, recht krank; ich will ihn jetzt ›todtmachen‹, daß wir für immer Ruhe vor ihm haben. Von B. sind die besten Nachrichten eingelaufen; Minister v. R. ist vollständig bekehrt und voll des besten Willens, nächstens einen entscheidenden Schritt zu sanctioniren.
Adieu,
A. Gr. zu Q.«
Das sind Hieroglyphen! sagte der Fremde; welches Misverständniß spielt das in meine Hände? Er wandte das Blatt: »An Baron Heydenreich von Tondern« lautete die Adresse.
Als er kopfschüttelnd das Billet in der Brusttasche barg, sah er ihm gegenüber eine Dame im Reitkleide die Treppe ersteigen; nachdem sie ein paar Stufen hinaufgekommen war und das Licht der Laterne ihr Gesicht erreicht hatte, erkannte er seine hülfreiche Gönnerin, die Besitzerin des schnellen Pferdes, das ihn hierher getragen hatte.
Im nächsten Augenblicke rief unter ihm eine helle heftige Stimme:
Ha, da ist er ja! wo ist der Fuchs, das Pferd? Der Rufende faßte mit heftigem Ungestüm die Leiter an, die der Hausknecht mit seinem Oelapparat soeben verlassen hatte.
Um Gottes willen, Peggy, Peggy! rief die junge Dame.
Der Warnungsruf war zu spät, die Heftigkeit des Irländers hatte die Leiter zum Gleiten gebracht, im nächsten Augenblicke schoß sie über die Stufen der Treppe fort, der junge Mann oben fuhr mit hinab und lag nach drei Sekunden, mit dem Kopfe auf die unterste Stufe schlagend, am Fuße der Treppe. Er war betäubt und sein Auge schloß sich, nachdem er einen leisen Schrei ausgestoßen.
Gott steh' uns bei! rief der Hausknecht, wer ist der Herr?
Tragt ihn hinein, Peggy, Ihr könnt morgen vom Rentmeister Euern Lohn holen und geht aus dem Dienst. Tragt ihn hinein! Die junge Dame sprach diese Worte mit einer aufwallenden Heftigkeit, die beide Diener ihres Hauses nie früher an ihr wahrgenommen. Peggy wurde leichenblaß und blickte in stummer Verzweiflung seine Gebieterin an. Diese deutete mit der Hand noch einmal auf den bewußtlos Daliegenden und die Knechte erhoben ihn und trugen ihn ins Innere des Gebäudes.
Die Dame ging voraus; nachdem sie eine Reihe hoher und düstrer Zimmer durchschritten, blieb sie in einem durch eine Astrallampe matt erhellten Gemache von weniger unheimlich großen Dimensionen, als die andern zeigten, stehen und ließ den Fremden auf ein Sopha legen.
Der Hausknecht ging, um das Kammermädchen zu rufen, Peggy blieb im Hintergrunde stehen und begann nach einer Weile leise zu schluchzen. Seine Gebieterin hörte es nicht, sie blickte gespannt und wie ganz absorbirt in die Züge des jungen Mannes, neben dem sie sich auf ein Tabouret gesetzt hatte. Diese Züge hatten durch die Blässe und die Unbeweglichkeit, welche jetzt darauf herrschten, wenig von ihrer anziehenden Kraft verloren; sie waren ausdrucksvoll und regelmäßigen, feinen Schnitts; und auch jetzt noch, ohne das belebende Feuer des Auges, erinnerten sie mehr an die marmorkalte Schönheit eines plastischen Kunstwerks, als an die Starrheit des Todes.
Peggy's Schluchzen wurde lauter. Die junge Dame mußte von andern Gedanken so eingenommen sein, daß sie den Grund dieser Trübsal vergessen hatte; wenigstens sagte sie mit ihrer gewöhnlichen Milde:
Geh' vor das Schloß, Peggy, und halte Wache; wenn Jemand Einlaß verlangt, wer es auch sei, soll es mir zuvor gemeldet werden.
Das Thor ist geschlossen, versetzte der Schuldbewußte greinend.
Aber die Gräfin hat auch Schlüssel und läßt oft öffnen. Geh' nur, geh'!
Peggy ging. Das Kammermädchen eilte herbei; sie mußte dem Fremden mit kölnischem Wasser die Schläfe reiben. Als sie seinen Kopf zu diesem Behuf wandte, zeigte sich das Sopha mit vielem Blut befleckt.
Die junge Dame stieß einen leisen Schrei bei diesem Anblick aus, und nachdem sie eilig Tücher geholt, versuchte sie die Wunde zu verbinden.
Der Fremde kam mit einigen tiefen Atemzügen wieder zum Bewußtsein; wenigstens erblickte er, mit einem gewissen Dämmern der Sinne, noch halb verschleiert und nebelhaft verhüllt, die Umrisse der Gegenstände, welche ihn umgaben. Er hatte die Augen halb geöffnet und richtete zuerst forschend seine Blicke auf den Raum, in dem er sich befand. Das Zimmer war reich mit Stuccatur verziert, in der Mitte hing die Astrallampe aus grüner Bronze, welche es beleuchtete; grünseidene Tapeten von veraltetem Geschmack bedeckten die Wände und Medaillons mit den Profilköpfen berühmter Musiker der guten alten Zeit, Gretry's, Rameau's u. s. w., umgeben von Abbildungen zierlich gruppirter Musikinstrumente, waren künstlich in jede Bahn des Seidenstoffes eingewebt. Ebenso zeugten die Formen der Möbeln von einer vergangenen Periode des Geschmacks. Vergoldungen, geschweifte Linien, Schnitzarbeit fehlte an keinem dieser Bestandtheile einer luxuriösen und kostbaren Einrichtung.
Länger als diese Gegenstände jedoch fesselte die Gestalt der Besitzerin die unsicher ausgesandten Blicke des Verwundeten. Er fühlte ihre weichen Hände sich kühlend und lindernd an eine Stelle seines Kopfes legen, die ihm heftige Schmerzen verursachte; es war ihm ein unbeschreiblich angenehmes Gefühl, als diese zarten Hände an seine Locken rührten und sie ordneten, um eine seidene Binde herumlegen zu können. Als er zu der Dame emporblickte, schwebte das rosige Oval ihres Gesichts vor seinen halbverschleierten Sinnen wie eine wunderbare Blume, die in einem Traume uns anzieht und verlockt. Sie hatte dunkles Haar, das in langen, von der Abendluft, aus der sie kam, feucht gewordenen und heruntergezogenen Locken neben den Wangen niederhing; ein schlichtes, schwarzsammtnes Häubchen mit schwarzen Blonden besetzt und von dem alterthümlichen Schnitt, wie ihn mittelalterliche Bilder sittsamer Burgfräulein zeigen, deckte ihre Scheitel; das faltige, langhin fließende Reitkleid war bis an eine kleine weiße Krause, die den Hals umschloß, zugeknöpft und legte sich eng an eine wie von Meisterhänden nach einem idealen Typus gezeichnete Büste.
So stand sie, wie ein schönes Traumbild, vor dem wunden Flüchtling, der sich scheute, eine Bewegung zu machen, um nicht aus einem Zustande zu erwachen, den er nicht für Wirklichkeit zu halten wagte.
Er dachte an Don Juan und an Haidee, die ebenso einen armen Flüchtling zurück zum Bewußtsein rief:
Diese Worte paßten fast auf die junge Gebieterin des Schlosses, als ob der Vers auf sie gedichtet sei. Nur sprachen sie das nicht aus, was neben diesem Ausdruck von glühender südlicher Leidenschaftlichkeit in ihren Zügen lag und ihn milderte, nämlich das Gepräge eines sinnigen, nach Innen gekehrten Gemüths, das doch seine eignen Tiefen nicht halb zu kennen und zu ahnen schien. – Ihre Augenbrauen waren ziemlich stark wie ihre Wimpern und wenn der Mund geschlossen, so trat die Oberlippe etwas über die untere hervor, was die Physiognomik als Zeichen der Gutmüthigkeit deutet.
Der Verwundete fühlte, daß seine Kräfte wiedergekehrt waren; im nächsten Augenblick stand er fest und strack auf seinen Füßen.
Seine Bewegung hatte die Dame einen Schritt zurücktreten lassen; Beide standen sich nun einen Augenblick gegenüber, ohne das Schweigen zu brechen.
Sie sind zweimal meine Retterin geworden, sagte der junge Mann darauf, wie soll ich Ihnen danken?
O, nennen Sie das nicht Rettung, versetzte sie mit einiger Kälte und Verlegenheit; ich habe Ihnen eine durch die Umstände gebotene Hülfe geleistet –
Aber einem Fremden, und noch mehr einem sehr Verdächtigen, wie ich Ihnen vorkommen muß – verwehren Sie mir nicht, Ihrer Wohlthat viel inniger dankbar zu sein, als irgend einer Hülfe, irgend einem wohlwollenden Entgegenkommen, das mir je im Leben zu Theil wurde.
Die Dame verbeugte sich mit einem erröthenden Lächeln, als ob sie den jungen Mann entlassen wolle. Es war eine Art Schüchternheit über sie gekommen, die ihr eine längere Unterhaltung peinlich machte. Sie fühlte in sich ein Verlangen, von dem Platze, wo sie stand, fortzueilen, und in der That, sie würde es gethan haben, wenn es der Anstand nur gelitten hätte.
Ich hoffe, es wird mir Gelegenheit geboten werden, Ihnen wiederholt und oft meine Dankbarkeit ausdrücken zu können, hob der Fremde wieder an, ohne Miene zum Gehen zu machen; ich denke, eine neue Heimat in Ihrer Nachbarschaft zu finden; es ist das Gut Schlettendorf.
Ah, sagte die Dame mit großer Lebhaftigkeit, Sie sind Valerian Schlettendorf? Ich hörte, daß man ihn erwarte.
Er verbeugte sich.
Mein entfernter Vetter also! Sein Sie herzlich willkommen. Die Schlettendorf sind mit uns nach den hiesigen Begriffen sogar ziemlich nahe verwandt –
So weiß ich Sie doch wenigstens mit einem: »meine gnädigste Cousine!« anzureden.
Ich verstehe Ihren Wink, ich heiße Theophanie von Blankenaar, versetzte sie lächelnd.
Der junge Mann machte wieder eine tiefe Verbeugung.
Das Wesen der Dame schien von nun an wie umgewandelt worden zu sein. Nachdem der Fremde durch Nennung seines Namens eine Art Gewährschaft für sich hatte aufführen können, wurde sie ebenso freundlich und liebenswürdig lebhaft, als sie früher kalt abgemessen gewesen.
Um Gottes willen, Graf Valerian, was hetzt denn die Gendarmerie hinter Sie, sagte sie lachend – aber kommen Sie in das Kabinet hier, Sie werden zum Stehen noch zu angegriffen sein. Wie fühlen Sie sich?
Ganz gut wieder, es war nur eine augenblickliche Betäubung; ich fühle nichts mehr, als einige Müdigkeit.
Sie schritt in ihr Boudoir voraus; Valerian folgte ihr und ließ sich in einem Fauteuil nieder, während sie einen Stuhl auf einer Erhöhung am Fenster einnahm. Das Kammermädchen entfernte sich und der junge Mann zauderte nicht, einen Umstand aufzuklären, der ein zweifelhaftes Licht auf ihn hatte werfen müssen. Doch war er zerstreut, denn das Fräulein fesselte seine Sinne. Trotz ihres erhöhten Sitzes ragte nur der obere Theil ihrer Gestalt über dem reichbesetzten Blumentisch empor, der zwischen ihr und Valerian stand. So saß sie, sie selbst die blühendste unter diesen Blumen, wie eine Rosenkönigin auf ihrem Thron, über dem sich zur Umrahmung des lieblichen Bildes die goldbefransten Falten der schweren seidenen Vorhänge des Fensters drapirten. Sie hörte ihm voll Spannung zu.
Es ist nichts weiter als irgend ein seltsames Misverständniß, sagte er, was mich mit der Gerechtigkeit auf einen gespannten Fuß gesetzt hat. Ich habe die vorige Nacht in dem Städtchen Wellern zugebracht; am heutigen Morgen fand ich die Wege, die mich von dort nach Schlettendorf bringen sollten, in Folge von Gewitterregen so grundlos, daß ich vorzog, die weitere Reise zu Pferde zu machen; ich ließ demnach meinen Wagen und meine Leute in Wellern mit der Weisung zurück, so rasch als möglich nachzukommen, und ritt allein voraus. Ich will nicht verhehlen, daß die Ungeduld, meine künftige Residenz zu sehen, das ihrige gethan, um mich so eilen zu lassen; für einen nachgeborenen Sohn, der sich früher die Herrlichkeit nicht träumen ließ, welche ihn jetzt erwartet, werden Sie das natürlich finden. Wohlbehalten bringt mich nun mein brauner Reiseklepper bis nach dem nahen Birkenheim; als ich hier über den Marktplatz reite und mich nach dem Wege erkundige, stürzen zwei Gendarmen aus einem Wirthshause und, indem sie die Zügel meines Pferdes ergreifen, verlangen sie meinen Paß zu sehen. Um ihnen zu willfahren, nehme ich mein Portefeuille, durchsuche es – seltsamer Weise ist mein Paß daraus verschwunden. Ich nenne nun den Menschen meinen Namen, um sie zu beruhigen, aber zu meiner großen Ueberraschung fährt mich der Eine an: »Das ist eine Lüge, mein Herr, Sie sind ein flüchtiger Hochverräther, ein Mensch, der Bücher gegen unsern König schreibt und nun über die Grenze will!« »Sie sind arretirt!« fällt der Andere ein und ergreift mich beim Beine.
Im ersten Augenblick mußte ich lachen über die staatsgefährliche Rolle, die mir, wie es schien, mit äußerster Ueberzeugung von der Richtigkeit der Behauptung, zugeschoben wurde. Dann fiel mir ein, daß das Gefängniß des guten Städtchens Birkenheim ein sehr unangenehmer Aufenthalt sein könne und daß ein paar darin zugebrachte Nächte zu den Situationen im Leben gehören könnten, denen man besser aus dem Wege geht, da später die glänzendste Ehrenerklärung sie nicht ungeschehen macht. Ich warf deshalb mein Pferd mit einer Heftigkeit herum, die mich frei machte und ließ es im nächsten Augenblick alle Kräfte seiner Sehnen anstrengen. Weil meine Verfolger erst zu ihren eignen Thieren laufen und aufsteigen mußten, hatte ich einen hübschen Vorsprung; zu meinem Schrecken aber sah ich den Berg vor dem Städtchen, der mein von der Reise ermüdetes Thier um den Sieg gebracht hätte, wenn Sie nicht, mein gnädiges Fräulein, so hochherzig mich aus der Noth gezogen und hier in Ihrem Schlosse ein Asyl hätten finden lassen.
Ich hoffe allerdings, daß Sie sicher sind vor einer so verdrießlichen Unannehmlichkeit, wie darin liegt, mit den nicht immer sehr rücksichtsvollen Behörden in Collision zu kommen, obwol ich befürchte, daß Ihr Aufenthalt hier denselben verrathen wurde durch Jemanden, der uns heute belauschte. Aber da ich Sie bewußtlos und verwundet sah, beschloß ich Sie wenigstens für diese Nacht sicher zu stellen; es wird Sie heute Niemand mehr stören und wären Sie die polizeiwidrigste Literaturgröße unserer Epoche.
Das Seltsamste ist, sagte der Graf, mein Paß scheint mir von einem Menschen gestohlen, der unmöglich Gebrauch davon machen kann: es ist ein langer, hagerer Jude, mit dem ich mir schmeichle, nicht die geringste Ähnlichkeit zu haben.
Ein Jude?
Ja, ein Gedächtniß- und Zahlengenie, das mich vor einigen Tagen, auf einem Gute eines Freundes in der Nähe von Wellern, wo ich eine Rast von einigen Tagen machte und wo er seine Künste zeigte, um mein Portefeuille bat; er schrieb ein Multiplicationsungeheuer hinein, das mich im Grunde sehr wenig interessirte. Niemand anders kann mein Portefeuille berührt haben.
Seltsam! sagte nachdenklich werdend die junge Dame; gehörte nicht auch zu den Kunststücken dieses Menschen, nach dem ersten raschesten Ueberblick zu sagen, wie viel Geldstücke oder andere Gegenstände vor ihm auf den Tisch gelegt werden?
Allerdings!
Die Dame schien darin Veranlassung zu angestrengtem Nachsinnen zu finden. Graf Valerian lenkte ihre Gedanken ab, indem er sagte: Damit ist jedoch das Ende meiner Abenteuer von heute noch nicht gekommen –
Leider, versetzte theilnahmvoll Theophanie; Sie mußten noch den argen Fall thun! Fühlen Sie gar nichts mehr von Ihrem Schmerz?
In der That, ich habe ihn vergessen; aber ich muß Ihnen mittheilen, was mich auf jene Unglücksleiter brachte, Sie könnten mich sonst des Versuchs einer Escalade ihres Schlosses bei nächtlicher Weile verdächtig halten. Ihr vortreffliches Pferd brachte mich vor Ihnen hierher; ich betrat das Schloß, tappte in der Dämmerung, die zu herrschen begann, darin ohne Führer umher, und als ich über einen Balkon an einer Fensterreihe schreite, wird mir aus einem der Zimmer durch einen dienenden Geist dies Billet hier gereicht. Da ich, freilich mit einiger Verwunderung, wie Sie so schnell hier angekommen, mich erdreistete anzunehmen, die Zeilen kamen von Ihnen, so drängte es mich zu sehr, ihren Inhalt kennen zu lernen, um nicht den ersten Lichtstrahl, den ich entdeckte, dazu benutzen zu wollen.
Der Graf überreichte das Billet, welches er erhalten, der jungen Dame.
Sie las. Die Worte, welche das Papier enthielt, entlockten ihr einen Ausruf des Schreckens; sie ließ das Papier auf den Boden fallen und barg ihr von Leichenblässe überzogenes Gesicht in ihren Händen.
Um Gottes willen! rief Graf Valerian aus – was ist das – warum machen diese Zeilen einen so unheilvollen Eindruck auf Sie? Kann in irgend einer Lage ein Mann, der Ihretwegen jeder Gefahr trotzen würde, der mit Gut und Blut sich in Ihre Dienste stellt, etwas für Sie thun, so sprechen Sie!
Theophanie wies ihn mit der Hand ab, stand auf und eilte, nachdem sie das Billet vom Boden aufgerafft hatte, in ein anderes Zimmer fort.
Valerian wagte nicht ihr zu folgen; er war aufs tiefste erschüttert und nur das tröstete ihn für den Schmerz oder den Schrecken, den er, ohne es zu wollen, der Dame mit seinem Billet gemacht hatte, daß letzteres vielleicht eine Nachricht und Warnung enthalten habe, die von äußerster Wichtigkeit für sie sei.
Er wollte gehen, aber es fesselte ihn etwas an den Raum, in dem er sich befand. War es die Hoffnung, Theophanie wieder eintreten zu sehen, oder war es die Frieden und Ruhe athmende Umgebung, dieses trauliche, kleine Zimmer von der geschmackvollsten, behaglichsten Einrichtung, oder das Widerstreben, ohne Adieu und Gruß abzuziehen, was ihn verweilen ließ: er legte sich, nachdem seine erste Aufregung vorüber, in einen Fauteuil zurück, schloß halb die Augen und beschäftigte sich damit, das Bild Theophaniens, wie sie eben noch vor ihm gestanden, sich auszumalen und mit seiner Einbildungskraft wieder an die Stelle zu zaubern, die sie vor wenig Augenblicken verlassen hatte. Daneben beschäftigte ihn ängstlich die Frage, wie es ihm gelingen könne, das Vertrauen der Dame zu gewinnen, der er mit allen Kräften und von ganzer Seele verlangte ein hülfreicher Beistand zu werden, wo irgend ein Uebel sie bedrohe. Graf Valerian saß eine Weile so; in dem großen Schlosse erstarb nach und nach jeder Ton, der letzte schlürfende Schritt eines dienstbaren Geistes in den langen, hallenden Corridoren war verstummt; draußen, jenseit der Schloßgräben, ließ sich das Rauschen der Eichenwipfel im nächtlichen Windhauch vernehmen und auf den Gräben selbst tönte leise das unarticulirte Stimmentauschen einiger Schwäne durch das Geflüster des Schilfs. Valerian, ermüdet und zerschlagen wie er war, nickte eine Weile und dann entschlummerte er.
Er mochte lange so in seinem Fauteuil gelegen haben, bis er über dem tiefen Schlag einer Pendule erwachte. Er sah die Wachskerzen auf dem Tisch tief abgebrannt. Valerian strich mit der Hand über die Augen, erhob sich und wollte gehen. Da hörte er Schritte nahen und sah einen ältlichen, wie es schien, von Kummer gebeugten Mann langsam herankommen.
Während Graf Valerian von Schlettendorf in dem Boudoir der jungen Gebieterin von Blankenaar eingeschlummert war, verfolgte der Gerichtsarzt von Birkenheim mit einem vor Erwartung und Spannung hochklopfenden Herzen den Weg, auf dem der Jude ihm als Führer voranschritt.
Isaak schien geflissentlich betretene Wege zu vermeiden, denn er wandelte Pfaden und Stegen nach, die der Arzt nicht kannte, so nahe sie auch seiner Heimat waren. Endlich, nach beinahe einer Stunde, betraten sie eine Waldallee, in welcher der Arzt sich zu orientiren wußte. Es war der Park, der zum Schlosse Blankenaar gehörte.
Nach kurzer Zeit sahen sie das altergraue Gebäude, im Mondschein doppelt groß und imponirend, sich mit seinen Giebeln und Thürmchen, mit weißen riesigen Essen am Nachthimmel abzeichnen. An den Gärten und darauf am Rande des Grabens herschreitend, erreichten sie bald die Seite des Schlosses, welche den einzigen Zugang über die gemauerte Brücke bot.
Als sie diese aber betreten hatten, wurden ihre Schritte gehemmt. Auf der Mitte der Brücke stand, auf einem vorspringenden Postament mit erbaulicher Legende, eine in Stein gehauene Gestalt, die den heiligen Johannes von Nepomuk vorstellte. Hinter derselben war eine kleine Bank angebracht und auf dieser hockte eine verklommene, zähneklappernde Figur, ein wahres Bild der Trübsal. Sie hatte sich in eine Stalldecke eingehüllt, aber die Gedanken, womit sie beschäftigt sein mochte, schienen, im Verein mit der Nachtluft, eine so erkältende Wirkung zu üben, daß sie sich dicht in die Ecke hinter dem steinernen Heiligen zusammengekauert hatte.
Der Jude stand still und maß sie mit scheuen Seitenblicken; sie schnellte empor, mit der Behendigkeit einer Schlange, die aus ihrer Verschlingung auffährt, und im nächsten Augenblicke stand sie vor dem Juden, um ihm den Weg zu vertreten.
He, Freund, wohin? Weshalb trittst du so vorsichtig auf, daß man deine Sohle nicht lauter hört, als träte sie auf Baumwolle?
Ah, Peggy, sagte Isaak, guten Abend, Herr Peggy! Ein Glück, daß Sie noch auf sind – da ist der Herr Amtsphysikus Pauli, der hat sich verspätet bei einem Kranken in der Gegend und ist müde geworden, der alte Mann, daß er ein Nachtquartier in Blankenaar sucht, wenn es könnte sein und nicht Alles schon zur Ruhe. Ei, daß Sie noch auf sind, Herr Peggy!
Der Physikus! rief Peggy aus – o Herr, Ihr kommt wie vom Himmel geschickt. Kommt nur herein, kommt schnell herein, schnell, Herr!
Peggy war plötzlich die Munterkeit selbst geworden. Er ergriff den Arzt beim Arme und indem er ihn hastig hinter sich her in das Schloß zog, rief er:
Ihr müßt ihm den Kopf verbinden, Herr, dann wird Alles wieder gut werden. Die Lady wird mir's Dank wissen, daß ich einen Doctor hergeschafft habe und darüber wird sie vergessen, daß sie mich aus dem Dienst gejagt hat, ich will meine Seele verwetten! Nur voran, nur voran, Herr!
Der Arzt folgte wie willenlos. Auch Isaak wollte folgen; aber Peggy stieß ihn zurück und schlug boshaft das Gitterthor am Ende der Brücke ihm vor der Nase zu, mit den Worten:
Geh' du nach Haus, Hebräer!
Herr Peggy, so hören Sie doch!
Herr Peggy hörte nichts, sondern stürmte über den Schloßhof fort.
Um Gottes willen, Peggy, rief mit vollständigster Seelenangst noch einmal der Jude, indem er heftig das Gitterthor schüttelte.
Peggy blieb taub; im nächsten Augenblick war er mit seiner Beute im Innern des Gebäudes verschwunden; der Jude hörte ihre eiligen Schritte drinnen auf den Steinplatten des Corridors verhallen, welcher zu den Gemächern Theophaniens führte.
Isaak stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus, dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche und machte mit demselben, indem er ihn an den Stangen des Gitters hin- und herstrich, das Geräusch des Feilens. Nach kurzer Zeit öffnete sich eine Seitenthür unter den Arkaden im Schloßhofe und eine weibliche Gestalt kam vorsichtig spähend auf ihn zugeschritten:
Seid Ihr's, Isaak?
Ja, macht auf!
Ihr kommt allein?
So öffnet nur und führt mich rasch zur Gräfin!
Das Gitter wurde geöffnet, Isaak schlüpfte in den Hof und folgte der Kammerjungfer, die ihn durch das Nebenpförtchen unter den Arkaden in das Innere des Schlosses führte.
Wir sehen uns indessen nach dem Arzte um. Peggy zog ihn durch den Corridor des Haupteingangs und öffnete ihm dann die Flügelthür, die zu den Gemächern seiner jungen Gebieterin führte. Am Ende der Enfilade schimmerte Licht, in dem Zimmer, in welchem Valerian von Schlettendorf so eben aus dem Schlummer erwacht war.
Der Arzt trat vor ihn und maß ihn mit bekümmerten, fragenden Blicken; Valerian schien eben so neugierig zu erfahren, wer so spät ihn suche.
Der Physikus, der Doctor, Herr! rief Peggy aus.
Der Arzt? Ach, Ihr habt einen Arzt für mich geholt? In der That, das war nicht der Mühe werth; mein Herr, ich bedaure auf's tiefste, daß man Sie um Ihre Nachtruhe gebracht hat!
Aber Eure Wunde, Herr, laßt ihn doch Eure Wunde sehen, rief Peggy.
Es ist Nichts, was den Namen Wunde verdiente, sagte Valerian zum Arzt gewendet; eine bloße Contusion, welche ich durch einen Sturz erhielt – das Schlimmste bei der Sache war der Schrecken.
Der Arzt, der durch die Vorgänge des Abends zu sehr aus allem gewohnten Gleise seiner Gedanken geworfen war, als daß er bis jetzt noch vermocht hätte sich ganz zu fassen, prüfte, mechanisch mit den Fingern tastend, die blutige Quetschung an Valerian's Kopf und flüsterte beklommen: Ja, ja, ein Sturz wird's gewesen sein.
Valerian lächelte.
Als ich am Fuß der Treppe lag, macht' ich dieselbe scharfsinnige Hypothese, sagte er; dann aber, das bekümmerte Gesicht des Mannes sehend, machte er sich Vorwürfe über diese Unart und fuhr im freundlichsten Tone fort: Nicht wahr, eine ärztliche Behandlung wird nicht nöthig sein?
Der Arzt wollte antworten, in seiner sanften Weise, die durch den Scherz Valerian's nicht im mindesten verändert worden, als die Thür zum Zimmer Theo's sich öffnete und plötzlich das Edelfräulein mit einem Lichte in der Hand auf die Schwelle trat; eine von der früheren durchaus veränderte Erscheinung und in der That ein seltsames, ja ein unheimliches Bild.
