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Erstmals werden bisher unveröffentlichte Privatpredigten von Papst Benedikt XVI., die er sowohl während seiner Amtszeit als Papst (2005–2013) als auch in den ersten Jahren nach seinem Rücktritt gehalten hat, gesammelt herausgegeben. Darunter sind hundert Sonntagspredigten aus den Jahren 2013 bis 2017, die der emeritierte Papst nach seinem Rücktritt in kleinem Kreis an seinem späteren Sitz, dem ehemaligen Kloster "Mater Ecclesiae" gehalten hat, aber auch 30 Predigten, die er als amtierender Papst in kleinem Kreis hielt. Federico Lombardi, einstiger Pressesprecher des Vatikan ist überzeugt: "Wer Ratzingers Spiritualität erleben will, der wird diese Predigten genießen. Es ist ein geistlicher Dienst, den Benedikt uns weiterhin leisten kann." Dieser Band enthält seine Predigten zur Fastenzeit, Ostern, Pfingsten bis zum Dreifaltigkeitssonntag
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2026
Benedikt XVI.
Der Herr hält unsere Hand
Unveröffentlichte PredigtenBand 1: Fasten- und OsterzeitAus dem Italienischen von Silvia Kritzenberger
Titel der italienischen Originalausgabe:“Il Signore ci tiene per Mano”.Avvento, Quaresima, Pasqua. Omelie inedite© 2025 – Dicastero per la Comunicazione – Libreria Editrice VaticanaHinweis:Die italienische Originalausgabe versammelt die Predigten für Advent, Weihnachten, Fastenzeit, Ostern sowie die besonderen Festtage in einem Band.Die deutsche Ausgabe erscheint in zwei Bänden:Band 1: Fasten- und OsterzeitBand 2: Advent und Weihnachten
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2026Alle Rechte vorbehaltenHermann-Herder-Str. 4, D-79104 Freiburg i. [email protected]: ZeroMedia GmbH, MünchenE-Book-Konvertierung: SatzWeise, Bad WünnenbergISBN Print 978-3-451-03667-5ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-84087-6ISBN E-Book (PDF) 978-3-451-84088-3
Vorwort
Erzbischof Georg Gänswein
Einleitung
Federico Lombardi SJ
Fastenzeit
Was muss der Retter der Welt tun?
Wenn wir die Welt verbessern wollen, müssen wir Gott anbeten
Das Licht der Verklärung
Hören, um herauszugehen und Segen zu sein
Die Verklärung: Auf Jesus hören, um den Weg zu lernen
Ins Licht eintreten, Licht werden
Die Samariterin und der Brunnen des lebendigen Wassers
Der Dekalog und die Erfüllung des Gesetzes
»Ich bin.« – Der Herr, der uns anschaut und den wir rufen können
Durch die Taufe zu Kindern des Lichts werden
Im Licht leben
Der Mensch lebt, wenn er Gott sieht
Der ältere Bruder: Von der Bitterkeit zur Freude
Die Freude, zu Hause beim Vater zu sein
Das ewige Leben: In der Hand des Herrn gehalten
Die Umkehr
Ostertriduum
Emmaus: Immer Karfreitag und immer Liebe
Osterzeit
Ostern: Neue Schöpfung, Vergebung und Sendung
Der Auferstandene und die neue Schöpfung
Die Vision des Johannes am Tag des Herrn
Emmaus: Immer Karfreitag und immer Ostern
Der Gute Hirte
Der Hirte, der führt und vor den Wölfen schützt
Die große Schar der Geretteten
Unsere königliche Priesterschaft
In der Liebe des Herrn bleiben, der alles weiß
Dank sagen, bitten, den Weg mit Freude gehen
Den Glauben im Herzen, das Zeugnis im Mund
Frucht tragen: Die Gabe des Weines
Die Stadt, in der Gott mit den Menschen wohnt
Die Kirche in Erwartung des Geistes
»Komm, Herr!«
Pfingsten
Das Geheimnis des Heiligen Geistes
Pfingsten: Universale Gemeinschaft, Liebe, die verwandelt, Wind, der reinigt
Pfingsten: Das Fest der Katholizität
Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit
Dreifaltigkeit: Freude über den Gott, der uns nah ist
Ein Gott, der so nah ist!
Auf dem Berg: Verheißung und Auftrag
»Wir danken Dir, denn groß ist Deine Herrlichkeit!«
Epilog
Christian Schaller
Über das Buch
»Christus trägt über keinen den Sieg davon, der es nicht will. Er siegt nur durch Überzeugen: Er ist das Wort Gottes.« In diesen Worten des Origenes, die Kardinal Joseph Ratzinger in der Rede anlässlich seiner Aufnahme in die Académie française zitierte, liegt der Schlüssel zu der besonderen Bedeutung, die der Tätigkeit des Predigers zukommt. Das Wort Gottes zu verkünden, bedeutet für Joseph Ratzinger, die Herrlichkeit der Wahrheit zu bezeugen, die im eingeborenen Sohn Gottes Fleisch geworden ist. Ja, die Verkündigung der Wahrheit ist für ihn zu einer Mission und einer Leidenschaft geworden.
Im Laufe seines Lebens hat er unzählige Predigten gehalten, die zum großen Teil in der Originalfassung der Opera omnia auf der Website des Vatikans und in anderen Veröffentlichungen zugänglich sind. Die vorliegende Ausgabe der bislang unveröffentlichten Predigten stellt eine Besonderheit dar: Diese Predigten wurden nämlich nicht öffentlich vor einem großen Publikum gehalten, sondern in einem kleinen »privaten« Kreis von nur wenigen Personen, und das sowohl während seines Pontifikats als auch in der Zeit nach seinem Amtsverzicht.
An dieser Stelle muss betont werden, dass weder die Memores Domini noch der Verfasser dieses Vorworts Benedikt XVI. gebeten haben, bei den Eucharistiefeiern zu predigen. Es war seine eigene Initiative, die für uns wenige zu einem ebenso unerwarteten wie kostbaren Geschenk geworden ist. Gerade nach seinem Amtsverzicht haben wir uns oft gefragt, warum sich der emeritierte Papst die Mühe macht, in einer so kleinen Runde zu predigen, obwohl seine Kräfte immer mehr schwanden. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Benedikt XVI. der kleinen päpstlichen Familie auf diese Weise ein diskretes Zeichen der Dankbarkeit dafür geben wollte, dass sie ihn auf der »letzten Etappe seines irdischen Lebens« begleitet hat – wie er es selbst am Abend des 28. Februar 2013 auf dem Balkon der Päpstlichen Villa in Castel Gandolfo ausdrückte.
Für Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. war die Verkündigung des Evangeliums die unverzichtbare Aufgabe des Priesters, Bischofs, Kardinals und des Papstes, ja auch des emeritierten Papstes. Das hat er in den letzten Jahren seines irdischen Lebensweges unmissverständlich unter Beweis gestellt. Wie sein ganzes Leben, basiert auch jede der hier veröffentlichten Predigten auf der Heiligen Schrift in ihrer Einheit von Altem und Neuem Testament, steht in der Tradition der Väter und der kirchlichen Lehre – und schließt mit einem einfachen Gebet an den Herrn, dass seine Gnade unser Leben verwandeln und uns das Heil schenken möge.
Seine aufmerksame Lektüre und gründliche Auslegung der biblischen Texte, die nicht mit dem distanzierten Blick eines Exegeten, sondern mit lebendiger Anteilnahme erfolgt, ist beeindruckend. Man spürt, dass ihn die Meditation der Schrift, von der er sich hinterfragen ließ und die er auch selbst hinterfragte, sein ganzes langes Leben hindurch begleitet hat. Ja, in gewisser Weise war sie sein Leben selbst, nicht nur als Theologe, sondern auch als Glaubender und Priester in der Gemeinschaft der Kirche. Es ist das, was er immer getan hat, aber im Laufe der Zeit ist es gewissermaßen noch dominanter geworden, als andere Verpflichtungen und Tätigkeiten abnahmen. Man spürt, dass er vor Gott lebte – in Gemeinschaft mit dem Geheimnis Gottes –, immer mehr das Antlitz Jesu erkennen wollte und die Last, ja manchmal auch die Schwere des Wortes des Herrn spürte.
Ich schließe mich den Worten von Pater Federico Lombardi an, der in seiner ausführlichen und prägnanten Einleitung zu den hier gesammelten Predigten schreibt: »Die kohärente und harmonische Synthese zwischen dem vertieften Hören der Schrift, der Reflexion über den Glauben und seinen von der Kirche überlieferten ›Inhalt‹ sowie der gelebten christlichen Tradition ist ein beeindruckendes und faszinierendes Merkmal der Predigttätigkeit Joseph Ratzingers – Benedikts XVI. Exegese, Theologie, Katechese und Spiritualität verflechten sich und verschmelzen zu einer Einheit, die den Zuhörer ins Herz des Geheimnisses Christi eintreten lässt. Und das geht weit über eine rein intellektuelle oder konzeptuelle Übung hinaus – man wird hineingenommen in eine persönliche Beziehung zu Gott in ihrer ganzen Tiefe und Intensität.«
Die letzten Jahre Benedikts XVI. waren ein Beispiel für ein fortschreitendes Schwinden der menschlichen Kräfte, das vor Gott in Gemeinschaft mit der Kirche und in immer vollkommenerer Hingabe an den Herrn gelebt wird. Das sieht man auch daran, dass seine Predigten immer mit einem kurzen Gebet enden, was viel über die Authentizität und Demut seines Lebens als an Christus Glaubender verrät. Gebet und Glaube sind niemals selbstverständlich, auch nicht für jemanden, der Papst war. Beim Lesen dieser Predigten beeindruckt die Kontinuität des Geistes und die Methode, die die Predigttätigkeit Joseph Ratzingers – Benedikts XVI. von Anfang an geprägt haben. Die veröffentlichten Predigten sind ein wertvolles Zeugnis des geistlichen Lehramts nicht nur eines außergewöhnlichen Theologen, sondern auch eines großen Predigers.
Erzbischof Georg Gänswein
Die tägliche Feier der Heiligen Messe, vor allem an Sonn- und Feiertagen, war immer ein zentraler Bestandteil des priesterlichen Lebens von Joseph Ratzinger. Er konnte sich seinen Dienst am Tag des Herrn nicht vorstellen, ohne dem Hören und Verkünden des Wortes Gottes den gebührenden Platz einzuräumen – auch wenn die Feier umständehalber manchmal in einer sehr kleinen Runde stattfand, und nicht in einer Kirche oder an einem öffentlichen Ort, sondern in einer »privaten« Kapelle. Das war für ihn immer so.
Deshalb hat Benedikt XVI. auch während seines Pontifikats – wenn er nicht gerade öffentlich in Rom (in Sankt Peter oder in den Pfarreien) oder an den Orten seiner Apostolischen Reisen die Heilige Messe zelebrierte – sonntags in seiner Privatkapelle immer eine Messe gefeiert und eine sorgfältig vorbereitete Predigt über die Lesungen der Liturgie gehalten, auch wenn nur wenige Personen anwesend waren.
Zu der kleinen Versammlung gehörten normalerweise seine Sekretäre, Mons. Georg Gänswein und Mons. Alfred Xuereb (zwischen 2007 und 2013), die treue Sekretärin Schwester Birgit Wansing, die vier Memores Domini – Carmela, Cristina, Loredana, Manuela und (nach deren Tod) Rossella – sowie eventuelle Konzelebranten oder Gäste.
Diese Gewohnheit wurde auch nach seinem Verzicht auf das Papstamt beibehalten. Ja, diese Feiern der Heiligen Messe wurden sogar häufiger und regelmäßiger praktiziert, da ja alle öffentlichen Feierlichkeiten wegfielen – und wurden so lange fortgesetzt, wie es die Kräfte und vor allem die Stimme des emeritierten Papstes zuließen, seine Sonntags-Predigt zu halten. Danach beschränkte er sich darauf, zu konzelebrieren, bat jedoch einen der anwesenden Priester, das Wort an die Anwesenden zu richten.
Es hat nie einen handschriftlichen Text Benedikts XVI. zu diesen Predigten gegeben. Wie mehrfach von seinem Sekretär, S.E. Mons. Georg Gänswein – und manchmal auch von Benedikt selbst – erklärt wurde, pflegte er die Sonntagspredigt während der gesamten Vorwoche vorzubereiten, indem er die liturgischen Texte las und studierte, sie zum Gegenstand seiner Reflexion und seines Gebets machte und in einem Heft Notizen dazu anfertigte. Für die öffentlichen Feiern während seines Pontifikats hatte er immer einen vollständigen Text vorbereitet, der jedes Mal veröffentlicht wurde. Bei »privaten« Anlässen tat er dies jedoch nicht, da er über ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und eine bewundernswert klare Ausdrucksweise verfügte. Die Art und Sorgfalt der Vorbereitung waren jedoch im Wesentlichen gleich.
Die Memores Domini, treue und aufmerksame Zeuginnen dieses wertvollen geistlichen Dienstes Benedikts XVI., erkannten den großen Wert dieser »privaten Predigten« und wollten diesen Reichtum für sich selbst – und möglicherweise auch für andere – bewahren. Und so haben sie die Initiative ergriffen, die Predigten diskret aufzuzeichnen und eine erste, zusammenfassende Abschrift der meisten davon anzufertigen.
Nach dem Tod Benedikts XVI. hat sein Testamentsvollstrecker, S.E. Erzbischof Gänswein, diese Predigten und die Existenz des entsprechenden aufgezeichneten Materials mehrfach erwähnt, und es schließlich der Vatikanischen Stiftung »Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.« und dem Verlag »Libreria Editrice Vaticana« zur eventuellen Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. So entstand diese Sammlung, die in zwei Bänden erscheinen wird und deren Texte von mir in geschätzter Zusammenarbeit mit Mons. Riccardo Bollati und Dr. Luca Caruso zusammengestellt wurden.
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Nach sorgfältiger Arbeit, bei der bereits vorhandene Transkriptionen überprüft und Predigten, von denen nur Audioaufnahmen vorlagen, transkribiert wurden, konnten insgesamt etwa 135 Predigten, die den Zeitraum vom Pontifikatsbeginn im Jahr 2005 bis 2017 abdecken, für die Veröffentlichung vorbereitet werden.
All diese Predigten wurden von Benedikt XVI. auf Italienisch gehalten. Benedikt XVI. beherrschte diese Sprache perfekt, wenn sich natürlich manchmal auch der ein oder andere Germanismus einschlich, da Italienisch ja nicht seine Muttersprache war.
Die Messfeiern fanden fast ausschließlich an drei Orten statt: bis zum Ende des Pontifikats hauptsächlich in der Privatkapelle der päpstlichen Gemächer im Apostolischen Palast; dann, in den ersten Monaten nach dem Amtsverzicht, in der Privatkapelle des Palastes von Castel Gandolfo; und schließlich in der Kapelle des Klosters Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten, dem Alterswohnsitz von Benedikt XVI.
Bei der Vorbereitung der Veröffentlichung der italienischen Originaltexte hat man sich so genau wie möglich an den tatsächlich gesprochenen Text gehalten, wobei der Stil des mündlichen Vortrags und der vom Prediger üblicherweise verwendete Wortschatz beibehalten wurden. Es ging hauptsächlich darum, die Zeichensetzung zu überarbeiten, um das Verständnis zu erleichtern und den Lesefluss zu verbessern, einige Wiederholungen zu streichen und die Satzstruktur dort dem italienischen Sprachgebrauch anzupassen, wo sie zu sehr von der deutschen Muttersprache des Predigers geprägt war.
Anders als im Originaltext wurde zu jeder Predigt ein Titel hinzugefügt, der daher nicht Benedikt XVI., sondern den Herausgebern dieser Veröffentlichung zuzuschreiben ist. Es wurden auch Verweise auf die von Benedikt XVI. in seinen Predigten zitierten Bibeltexte angefügt, sofern diese nicht bereits im Lektionar der von ihm kommentierten Lesungen enthalten sind. Solche Verweise sind zahlreich. Es ist anzumerken, dass Benedikt XVI. eine so tiefe Kenntnis und Vertrautheit mit der Heiligen Schrift besaß, dass er sie oft nur »sinngemäß« zitierte, ohne sich auf eine bestimmte italienische Bibelübersetzung zu stützen. Was das Neue Testament betrifft, benutzte er für die Vorbereitung seiner Predigten meist den griechischen Urtext, den er perfekt beherrschte, und machte gelegentlich auch kritische Anmerkungen zur im Lektionar verwendeten italienischen Übersetzung. Es wurde daher in keinem Fall versucht, an der Stelle der Bibelzitate in den Predigten die offiziellen italienischen Übersetzungen einzufügen; vielmehr wurde bewusst die persönliche und originelle Art und Weise beibehalten, in der der Prediger die biblischen Texte darlegt. Benedikt XVI. war bekanntlich auch ein profunder Kenner der Kirchenväter – vor allem des heiligen Augustinus, aber nicht nur –, weshalb auch diese häufig und meist sinngemäß zitiert wurden. Soweit möglich, wurde auch hier ein Quellenverweis angefügt.
Wie bereits erwähnt, handelt es sich um insgesamt etwa 135 bisher unveröffentlichte »private« Predigten, die in zwei Bänden herausgegeben werden. Dem Kriterium entsprechend, das bereits auf Band 14 der deutschen Ausgabe der Opera omnia angewandt wurde, folgt die Publikation keiner chronologischen Reihenfolge, sondern dem liturgischen Kalender. Im ersten Band sind daher die Predigten zur Fastenzeit, zu Ostern und Pfingsten sowie zum Dreifaltigkeitssonntag gesammelt; der zweite Band enthält die Predigten zu Advent und Weihnachten sowie für die Zeit im Jahreskreis. Obwohl die Sammlung äußerst umfangreich ist, stellt sie dennoch keineswegs einen vollständigen Kommentar zum dreijährigen Lesezyklus für die Sonn- und Festtage dar.
Neben dem Index, dem der liturgische Kalender zugrunde liegt und der die Struktur der beiden Bände getreu widerspiegelt, gibt es auch ein chronologisches Verzeichnis der Predigten sowie ein Bibelstellenregister. Letzteres wurde nicht nach dem Kriterium der analytischen Vollständigkeit aller Zitate erstellt, sondern nach dem Kriterium, alle Schriftstellen zu verzeichnen, zu denen Papst Benedikt in seiner Predigt tatsächlich einen Kommentar oder zumindest eine kurze Vertiefung anbietet.
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Natürlich darf man bei der Vorstellung einer neuen Sammlung von Predigten Benedikts XVI. nicht vergessen, dass es sich dabei nur um einen relativ kleinen Teil der immensen Predigttätigkeit handelt, die er als Antwort auf seine priesterliche Berufung zum Dienst der Verkündigung des Evangeliums an das Volk Gottes jahrzehntelang regelmäßig und mit Leidenschaft ausgeübt hat. Als Priester, Bischof und Papst hat Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. mehrere Tausend Predigten gehalten. Ein großer Teil davon wurde in verschiedenen Sprachen veröffentlicht und ist in verschiedenen Sammlungen zugänglich, die er selbst überarbeitet und ausdrücklich genehmigt hat. Denken wir nur an die drei umfangreichen Teile des 14. Bandes der deutschen Ausgabe der Opera omnia (Gesammelte Schriften) mit Hunderten von Predigten aus der Zeit vor seinem Pontifikat. Oder an die Website vatican.va, auf der alle während seines Pontifikats öffentlich gehaltenen Predigten zugänglich sind, auch zu allen großen Festen, zu denen wir in unserer Sammlung keine entsprechenden Predigten finden. Das gesamte Kirchenjahr, die Marien- und Heiligenfeste, die sakramentalen Feiern, unzählige Anlässe des gemeinschaftlichen und persönlichen christlichen Lebens wurden von den Predigten dieses großen Hirten theologisch und spirituell begleitet und erläutert.
Benedikt XVI. gilt zu Recht gemeinhin als einer der bedeutendsten katholischen Theologen der Gegenwart. Man darf aber nicht vergessen, dass er auch als einer der größten Prediger unserer Zeit betrachtet werden kann, vor allem im liturgischen und sakramentalen Bereich. Und beides gehört zusammen: Den Glauben zu lehren und zu predigen, war die Sendung seines ganzen Lebens.
Wenn man diese Predigten aus der letzten Etappe seines langen Lebens liest und meditiert, kann man nur beeindruckt sein von der Kontinuität des Geistes und der Methode, die die gesamte Predigttätigkeit Benedikts XVI. von Anfang an geprägt haben.
In einer seiner ersten Predigten, nach der Priesterweihe im Jahr 1954, schreibt der junge Ratzinger: »Wie oft habe ich mich als Student gefreut, den Menschen einmal predigen und das Wort Gottes sagen zu dürfen, die sich doch in der Hast eines oft so gottverlassenen Alltags nach dem Wort Gottes sehnen müssten; gefreut besonders in jenen Stunden, in denen mir ein Wort der Schrift oder ein Zusammenhang der Glaubenslehre neu aufgeleuchtet war und mich von Herzen froh gemacht hatte!« (Menschenfischer, S. 666, zit. in Gesammelte Schriften, Band 14/1, Vorwort, S. 34)
Und im Jahr 1973 schrieb Professor Ratzinger: »Die innere Spannung der Predigt hängt an dem objektiven Spannungsbogen Dogma–Schrift–Kirche–Heute – keiner seiner Pfeiler kann abgetragen werden, ohne dass schließlich das Ganze einstürzt.« (Vorwort zu Dogma und Verkündigung, S. 849, zit. in Gesammelte Schriften, Band 14/1, S. 33)
Wie er es sein ganzes Leben lang getan hat, geht Benedikt XVI. auch bei jeder der hier veröffentlichten Predigten von der Heiligen Schrift in ihrer Einheit von Altem und Neuem Testament aus, durchläuft und durchdringt die Tradition der Väter und die Lehre der Kirche, deren Glieder wir sind – und gelangt so zu den heutigen Fragen und Herausforderungen des Glaubens und des christlichen Lebens, die er klar und aufrichtig darlegt. Er schließt mit einem einfachen Gebet: einem demütigen, direkten und liebevollen Gespräch mit dem Herrn, dass seine Gnade unser Leben verwandeln und uns das Heil schenken möge. Der Ablauf ist immer derselbe: ausgehend vom aufmerksamen Hören auf das Wort Gottes, über den Glauben an Christus, der das Leben formt und verwandelt – bis hin zur Gemeinschaft in der Liebe mit seinem Leib, der die Kirche ist, und zu der demütigen abschließenden, voller Hoffnung und Liebe geäußerten Bitte, die er direkt an den Vater, den Spender alles Guten, richtet.
Die kohärente und harmonische Synthese zwischen dem vertieften Hören der Schrift, der Reflexion über den Glauben und seinem von der Kirche überlieferten »Inhalt« sowie der gelebten christlichen Tradition ist ein beeindruckendes und faszinierendes Merkmal der Predigttätigkeit Joseph Ratzingers – Benedikts XVI. Exegese, Theologie, Katechese und Spiritualität verflechten sich und verschmelzen zu einer Einheit, die den Zuhörer ins Herz des Geheimnisses Christi eintreten lässt. Und das geht weit über eine rein intellektuelle oder konzeptuelle Übung hinaus – man wird hineingenommen in eine persönliche Beziehung zu Gott in ihrer ganzen Tiefe und Intensität. Selbst dort, wo die biblischen Bilder den Gipfel der Tiefe und Schönheit erreichen – etwa wenn das Kreuz Jesu mit dem Feuerwagen in Verbindung gebracht wird, in dem der Prophet Elija in den Himmel auffährt –, wird deutlich, dass sich der Prediger nicht von ästhetischer Selbstgefälligkeit leiten lässt, sondern uns den Glanz der Wahrheit erahnen lassen will.
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Obwohl Struktur und Geist der Predigten Ratzingers im Laufe der Zeit im Wesentlichen gleich geblieben sind, stellt sich die berechtigte Frage, ob die hier veröffentlichten Predigten im Vergleich zu den bereits bekannten besondere Merkmale aufweisen. Diese Frage verdient eine eingehendere Untersuchung. Eine angemessene Antwort dürfte sich wohl im Rahmen einer umfassenden Neubetrachtung des bereits erwähnten immensen homiletischen Schaffens finden lassen, die vor allem die verschiedenen Etappen des langen Lebens des Predigers Ratzinger in den Blick nimmt. Einige Aspekte lassen sich jedoch bereits jetzt skizzieren.
Was diese während des Pontifikats und nach dem Amtsverzicht gehaltenen Predigten gemeinsam haben, ist vor allem der Umstand, dass sie in einem kleinen – um nicht zu sagen »winzig kleinen« – Kreis gehalten wurden, ohne besondere äußere Umstände, die sich aus der konkreten liturgischen Situation ergeben hätten. In anderen, öffentlichen Kontexten musste der Prediger natürlich angemessen auf das anwesende Publikum oder Themen eingehen, deren besondere Bedeutung oder Dringlichkeit er nicht außer Acht lassen konnte. Natürlich finden sich auch in diesen Predigten Verweise auf Ereignisse oder Umstände, aber das Wesentliche ist immer ein klarer Weg vom Hören der biblischen Texte im Licht des Geheimnisses Christi bis hin zu den grundlegenden Aspekten des persönlichen und gemeinschaftlichen christlichen Lebens. Abweichungen von diesem einfachen Leitfaden sind selten und begrenzt. Daher scheint uns die Lektüre dieser Texte fast wie selbstverständlich den charakteristischen Tonfall Ratzingers als Glaubendem und Glaubenslehrer zu vermitteln, mit seiner Intelligenz und seiner ehrlichen und tiefen Reflexion, seiner Liebe zu Jesus Christus und seiner Kirche, seiner Ausgeglichenheit und seinem seltenen Sinn für spirituelle Harmonie.
Wer mit der großen Jesus-von-Nazareth-Trilogie Papst Benedikts vertraut ist – wie auch mit vielen anderen seiner Schriften oder Predigten –, wird darin oft Gedanken, ja sogar Formulierungen wiederfinden, die ihm bereits bekannt sind. Doch nie wird man den Eindruck haben, nur rein Wiederholtes zu lesen. Im Übrigen hat der Prediger Ratzinger niemals auch nur entfernt den Wunsch verspürt, etwas »Eigenes«, »Neues« oder »Originelles« zu sagen. Er hat stets einzig und allein versucht, den Dienst seiner Stimme in das zu stellen, was er selbst das »Rauschen von Wassermassen« nennt – die Ströme der Heiligen Schrift, die von Christus sprechen und seine Stimme sind (vgl. Offb 1, 15). Tatsächlich spürt man auch im späten Ratzinger dieselbe Freude, von der der junge, gerade erst zum Priester geweihte Ratzinger sprach, wenn ihm in jedem Wort der Schrift ein neues, kleines großes Licht aufgeleuchtet war. Jedes Mal, wenn man ihm zuhört, nimmt man den Geschmack des Wassers wahr, das direkt an der Quelle geschöpft wurde. Und diese Quelle ist unerschöpflich. Dies zeigt sich auch in verschiedenen Predigten der hier vorliegenden Sammlung. Da das Sonntagslektionar einem Dreijahreszyklus folgt, fällt dem Prediger die Aufgabe zu, alle drei Jahre dieselben Bibeltexte zu kommentieren. Doch auch wenn er manchmal nicht umhinkann, dieselben Themen erneut anzusprechen, geht Benedikt doch jedes Mal aufs Neue den Weg der Vorbereitung im Gebet – und versteht sich darauf, jedes Mal neue Dinge zu sagen, neue Bezüge zu wecken, neue Lichter aufleuchten zu lassen.
Auch wenn die Predigten in dieser Veröffentlichung nach dem liturgischen Kalender geordnet sind, darf man nicht denken, sie seien alle zur selben Zeit oder unter denselben Umständen gehalten worden. Genau darin liegt die große Bedeutung des chronologischen Registers. Es zeigt uns, dass die Predigten auf einen Zeitraum von etwa zwölf Jahren verteilt sind. Die meisten stammen aus den Jahren 2013 und 2014, den ersten Jahren nach seinem Amtsverzicht. In den darauffolgenden Jahren waren sie weniger zahlreich, da seine Stimme immer schwächer wurde – bis zur letzten Predigt am 2. April 2017, kurz vor seinem 90. Geburtstag am 16. April. Fast alle stammen also aus der Zeit zwischen dem 80. und 90. Lebensjahr des Predigers, der sich seit März 2013 »auf den Berg zurückgezogen« hatte, um in Gebet und Besinnung die letzte Etappe seines Lebens zu gehen. Man hat fast den Eindruck, dass sich die exegetische Analyse der Texte mit der Zeit verkürzt und vereinfacht, sich die Aufmerksamkeit allmählich immer mehr auf die spirituelle Teilhabe am Kern des Geheimnisses Jesu richtet, der uns zum Vater führt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die letzte Predigt über das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus eine Meditation über den Dialog zwischen Jesus und Marta über das ewige Leben ist, und mit dem schönen Gebet endet, dass uns der Herr für immer an und in seiner Hand halten, niemals fallen lassen möge.
Im Kreis der kleinen »Familie«, die ihn umgibt und sein Gebet begleitet, spürt man daher auch, wie er dem Ende seines Weges entgegengeht und seine Stimme immer schwächer wird. Und so werden diese Predigten zu einem wertvollen, gewissermaßen einzigartigen Zeugnis der Erfahrung und des geistlichen Lehramts eines großen Papstes, Theologen und Predigers – vor allem aber eines an Christus Glaubenden: »Mein Herr und mein Gott!«.
Federico Lombardi SJ
9. März 2014, Privatkapelle, Kloster Mater Ecclesiae
Erster Fastensonntag (Lesejahr A)
Lesungen: Gen 2, 7–9; 3, 1–7; Ps 50; Röm 5, 12–19
Evangelium: Mt 4, 1–11
Liebe Freunde,
mit seiner Taufe und der feierlichen Verkündigung, dass er der Sohn Gottes ist, hat Jesus offiziell seine Sendung als Messias begonnen. Die erste Aufgabe, die ihm der Heilige Geist aufträgt, ist, in die Wüste zu gehen, um versucht zu werden, oder – wie es im Tagesgebet heißt – in das Sakrament der Fastenzeit, das Sakrament der vierzig Tage, einzutreten.
Im Sprachgebrauch der frühen Kirche bezeichnet das Wort »Sakrament« nicht nur unsere sieben Sakramente; es ist eine Übersetzung des Wortes »Geheimnis«, und beschreibt damit die wesentlichen Strukturen der Heilsgeschichte. Ein Element dieser Strukturen ist das Geheimnis der vierzig Tage, beziehungsweise Jahre. Die Israeliten wandern vierzig Jahre lang durch die Wüste. Es ist eine Zeit der besonderen Nähe zu Gott, der zu seinem Volk spricht, mit seinem Volk handelt. Aber es ist auch eine Zeit der großen Versuchungen, in der sich Israel gegen Gott auflehnt und nicht mehr mit ihm gehen will. Es ist die Zeit der ersten Liebe und die Zeit der großen Versuchungen.
Dann bleibt Mose vierzig Tage lang auf dem Sinai, hoch oben und allein, fernab vom Alltag, in der geistigen Höhe des Gottesberges, in der Stille der Welt: Durch das große Fasten kann er so das Wort Gottes für alle Zeiten empfangen. Gestärkt durch das Brot, das ihm der Engel gegeben hat, begibt sich Elija schließlich auf eine vierzigtägige Wanderung – und muss nach dem Abfall Israels wieder zum Gottesberg zurückkehren und die Begegnung mit Gott erneuern.
Jesus selbst tritt in die Tradition der Fastenzeit ein, und mit ihm weist uns die Kirche jedes Jahr aufs Neue diesen Weg. Man darf nicht vergessen, dass das eigentlich Wesentliche dieser Zeit für Jesus gerade die Versuchung ist: das Eintreten in das Drama des menschlichen Daseins. Nur in der Wüste, in der Einsamkeit mit all ihren Schrecken, in der Not, im Elend des größten Hungers, im Ausgeliefertsein an die Mächte der Erde und im Alleinsein mit Gott erlebt er das menschliche Drama, versucht zu werden – sich also der Versuchung stellen zu müssen, nicht Gott zu wählen, sondern scheinbar bessere Lösungen, die in Wahrheit destruktiv sind. Wie es im Hebräerbrief heißt, gehört es zur Sendung Jesu, unsere Versuchungen auf sich zu nehmen und wie wir versucht zu werden – nur dass Jesus nicht sündigt und uns gerade dadurch hilft, den Versuchungen zu widerstehen (vgl. Hebr 4, 15–16).
Was aber sind die Versuchungen Jesu? Ich würde sagen: Es sind die Versuchungen des Messias, des Retters. Und hier stellt sich die Frage, was jemand tun muss, der der Retter der Welt sein will. Die Antworten, die dem Menschen offensichtlich erscheinen, sind in gewisser Weise genau die Vorschläge, die der Teufel Jesus macht: Es sind die großen Versuchungen.
Wer den Menschen erlösen will, muss zunächst einmal vor allem etwas gegen die Misere des Hungers und das Elend der Armut tun; wer dieses Elend nicht beendet, wer nicht allen zu essen gibt, wer nicht dafür sorgt, dass alle in Würde leben können, der erlöst die Welt nicht. Man könnte sagen: Solange es Hunger gibt und all das Leid, das wir täglich im Fernsehen sehen, solange dieses greifbare Elend die Welt beherrscht, ist der Mensch nicht erlöst.
Der zweite Vorschlag des Teufels lautet: Der Messias muss Gewissheit geben. Als würde man sagen: »Lieber Gott, wenn Du willst, dass wir an Dich glauben, dann musst Du Dich klar ausdrücken. Diese Wolke, in der Du Dich zeigst, reicht nicht aus. Wir brauchen Klarheit, Gewissheit.«
Und mit dem dritten Vorschlag an Jesus bekräftigt der Teufel: Du musst dem Guten Macht verleihen, das Gute darf nicht immer von der Überheblichkeit der Menschen besiegt und zerstört werden.
Kommen wir also wieder auf den ersten Punkt zurück: Um die Erlösung der Menschheit erleben zu können, musst du zuerst das Elend des Hungers, all diese Trübsal der Armut beenden. Das bietet der Teufel dem Herrn an. Der Herr aber sagt: Das ist nicht der Weg der Erlösung! Und er macht uns klar: Selbst wenn alle Menschen genug zu essen hätten und Wohlstand für alle herrschen würde, wäre der Mensch doch nicht erlöst.
Und so sehen wir ja auch gerade in den Wohlstandsländern, dass der Mensch dort, wo es Wohlstand, Reichtum und Überfluss gibt, sich selbst zerstört, sich zugrunde richtet. Obwohl er genug zu essen und anzuziehen hat, ist der Mensch noch lange kein guter Mensch. Im Gegenteil: Er neigt zur Selbstzerstörung, weil er Gott vergisst und nur daran denkt, wie er sich bereichern kann. Das ist also nicht der richtige Ausgangspunkt, die Prioritäten müssen anders gesetzt werden.
Jesus ist diesem Problem dreimal begegnet: hier, bei den Versuchungen in der Wüste, dann bei der Brotvermehrung und schließlich bei der wahren Vermehrung des Brotes: beim Letzten Abendmahl, der Einsetzung der Eucharistie. In diesen drei Situationen, vor allem bei der Brotvermehrung, sagt Jesus zu seinen Jüngern – zu uns: »Gebt ihr ihnen zu essen!«
Das bedeutet, dass Gott zuerst allen Menschen ausreichend Nahrung gibt: Die Erde schenkt Nahrung für alle, Gott hat bereits alles geschenkt, aber ihr Menschen müsst euch in Gottes Fürsorge hineinnehmen lassen, ihr müsst teilhaben an Gottes Liebe, Teil des Netzwerks der Güte sein. Ihr müsst geben, und nur aus dieser Mitverantwortung mit dem Schöpfer erwächst der wahre Sieg über das Böse, über das Elend – und auch die Erlösung.
Bei der Brotvermehrung fällt auf, dass Jesus die Menschen auffordert, sich in Gruppen ins Gras zu setzen: Das setzt Liebe, Mut und Bereitschaft zum Teilen voraus, und nur in dieser Mitverantwortung des Menschen vollzieht sich das Wunder – und der Hunger wird besiegt. Das ist also ein erster Aspekt: Wir müssen uns auf diese Mitverantwortung einlassen. Und die Voraussetzung dafür ist die Gabe des neuen Brotes vom Himmel, des wahren Manna: Jesus Christus selbst. In Jesus macht Gott sich für uns zur Speise: Es ist die Speise, von der wir im eigentlichen Sinne leben, und genau diese Speise verwandelt, erneuert und erlöst die Welt. Der Herr lädt uns also ein, Verantwortung zu tragen, teilzuhaben an der Verantwortung Gottes, und er schenkt sich uns selbst, damit auch wir fähig werden, den anderen ein Stück von uns selbst zu geben.
Was bedeutet das für unsere Fastenzeit, für unser Leben im Licht des Geheimnisses der vierzig Tage? Das Brot Gottes ist Christus selbst, und eine erste Voraussetzung ist, dass wir uns dieser Größe wirklich öffnen müssen. Die andere Voraussetzung ist natürlich das Fasten, also die Selbstbeherrschung, die Fähigkeit zum Verzicht. Das Fasten ist Ausdruck aller Religionen, denn sie alle sagen uns: Um wirklich Mensch zu sein, brauche ich einen starken Willen, der mein Leben lenken kann. Ich muss die Fähigkeit haben zum Verzicht, zur Selbstbeherrschung.
Diese Entsagungen und diese Disziplin sind jedoch nie ein Selbstzweck. In der Tradition der Kirche gehen Fasten und Almosen, Fasten und Nächstenliebe, Fasten und verantwortete Liebe immer Hand in Hand. Fasten und Verzicht dienen der Mitverantwortung, dem Teilen, der Liebe. Das ist ein grundlegender Aspekt unserer Fastenzeit: Neben der Fähigkeit zum Verzicht müssen wir lernen, mit Christus zu lieben, uns gemeinsam mit Christus hinzugeben, der sich selbst für die Menschen hingibt.
Zweiter Punkt: Die Gewissheit. Jesus soll sich in die Tiefe stürzen, um zu beweisen, dass ihm der Schutz Gottes gewiss ist – also durch ein Experiment zeigen, dass Gott existiert. Aber genau das akzeptiert Gott nicht: Gott ist nicht Gegenstand unserer Experimente. In Psalm 95 sagt Gott in einem Rückblick auf die Zeit in der Wüste: »Ihr habt mein Tun gesehen, und wolltet mich doch auf die Probe stellen« (V. 9). Wir können das Handeln Gottes sehen, aber das reicht uns nicht, und so wollen wir ein Experiment machen; Gott soll sich unserem Experiment unterziehen, er soll in unser Labor kommen, damit wir überprüfen können, ob es ihn gibt oder nicht.
Doch Gott, der sich zwar in vielen Dingen tatsächlich zeigt und offenbart, lässt sich nicht zum Gegenstand unserer Experimente machen; er lässt sich nicht unseren Maßstäben und unserer Art und Weise unterwerfen, Gewissheit zu erlangen. Diese Art Gewissheit, die Gott kontrollieren will, ist nicht möglich, und wir alle leiden darunter, dass immer ein letzter »Nebel« bleibt. Beim Letzten Abendmahl hat der Apostel Judas Thaddäus genau das zum Ausdruck gebracht, was wir wohl alle sagen möchten. Er hat zum Herrn gesagt: »Herr, wie kommt es, dass du dich nur uns offenbaren willst und nicht der Welt?« (vgl. Joh 14, 22).
Mit anderen Worten: Der Auferstandene hätte sich nicht nur einem kleinen Kreis von Auserwählten zeigen sollen – er hätte auch zu Pilatus gehen sollen, zu den Hohepriestern, zum Hohen Rat. Mit seiner machtvollen Gegenwart hätte er allen eindeutig beweisen können, dass er wirklich der Auferstandene ist – gerade durch die Kraft seiner Erscheinung hätte er jeden Zweifel ausgeräumt. Wenn Thaddäus sagt: »Was ist geschehen? Du solltest dich nicht nur uns zeigen, du solltest auch zu den anderen gehen!«, sind wir versucht, dasselbe zu sagen. Aber Gott ist anders, Gott lässt uns die Freiheit und erwartet uns auf einem Weg der Suche. Auf diesem Weg bietet er uns einen Ort an, an dem er sich zeigt, damit wir Gewissheit haben können. Bitten wir den Herrn, dass er uns hilft, mit ihm zu gehen, um ihn so zu schauen und Gewissheit zu haben.
Damit sind wir beim zweiten Punkt unserer Fastenzeit angelangt. Wir haben über das Fasten und die Nächstenliebe gesprochen. Der Weg des Gebets ist Teil des Geheimnisses der Fastenzeit. Das heutige Tagesgebet sagt uns, dass der Sinn der Fastenzeit darin besteht, das Geheimnis Christi zu verstehen, in dieses Geheimnis einzutreten, das unsere Herzen erhebt, sodass wir sein Geheimnis wirklich erkennen und wahre Gewissheit finden. Das können wir nur auf dem Weg des Gebets erreichen, in dieser ständigen Beziehung zum Herrn, in der wir ihn suchen und finden. Der heilige Johannes Chrysostomos sagt: »Das Gebet ist im Grunde nichts anderes als die Pflege der Sehnsucht nach Gott; das Verlangen danach, sein Antlitz zu erkennen.«1 Lassen wir uns in dieser Fastenzeit von dem Verlangen erfüllen, sein Antlitz zu suchen und zu beten: »Herr, zeige dich!«
Dritte Versuchung, die Macht: Nur wer Macht hat, kann auch eine gute Welt schaffen. Das scheint allen ganz offensichtlich, aber auch hier sagt Jesus: »Nein!« Wie die beiden anderen Versuchungen, die sein ganzes Leben begleiten, taucht auch diese immer wieder auf. Denken wir zum Beispiel an den Moment in Caesarea Philippi, als Petrus erkannt und bekannt hat: »Du bist der Messias.« Jesus lobt ihn und sagt: »Das hast nicht du selbst erkannt, mein Vater im Himmel hat es dir offenbart.« Doch dann fährt er fort: »Du hast noch nicht verstanden, was der Messias wirklich ist; der Messias muss leiden, er wird verraten und den Heiden ausgeliefert werden, und man wird ihn kreuzigen.« Da nimmt Petrus Jesus beiseite und sagt zu ihm: »Aber nein! Du bist der Messias, und ein Messias leidet nicht!« In diesem Moment fühlt sich Jesus wie damals in der Wüste, als der Teufel an ihn herantrat, und sagt: »Weg mit dir, Satan!« (vgl. Mt 16, 13–28).
Genau diese Versuchung ist noch immer gegenwärtig, auch in der Geschichte der Kirche. Wie oft haben wir mit den christlichen Imperien versucht, Jesus die Macht zu geben, die Schwachheit Gottes auszuschließen. Auch heute unternehmen wir viele Versuche in dieser Richtung, und Jesus sagt uns: »Nein! So kann ich nicht euer König sein. Ich kann nur auf einem ganz anderen Weg euer König sein, auf dem Weg des Leidens und der Liebe.« Mit anderen Worten: Jesus ist nicht gekommen, um uns vom Leiden zu befreien, sondern um uns durch das Leiden zu befreien, damit wir in dieses Geheimnis der Verwandlung eintreten können, das zum Wesen der Liebe gehört.
Für uns ist das nur schwer zu begreifen: Wir alle wünschen uns eine Welt ohne das Leid der Traurigkeit; wir wollen, dass Gott uns vom Leiden, und nicht durch das Leiden befreit. Doch der Herr sagt uns: »Komm mit mir, damit du verstehst und eintreten kannst in das wahre Geheimnis der Erlösung, das Geheimnis des Kampfes gegen das Böse.« Wenn also das frühe Christentum von der »Militia Christi« sprach – dem Krieg, den wir kämpfen sollen –, so können wir am Ende sagen: »Ja! Es ist der heilige Krieg der Liebe gegen die Kälte des Herzens, und nur so trägt Gott den Sieg davon.«
Beten wir, dass der Herr uns hilft, in das österliche Geheimnis der Fastenzeit einzutreten, wahre Christen zu werden und die wahre Erlösung zu lernen. Amen!
1Johannes Chrysostomos, Predigt 6 über das Gebet.
25. Februar 2007, Privatkapelle, Apostolischer Palast
Erster Fastensonntag (Lesejahr C)
Lesungen: Dtn 26, 4–10; Röm 10, 8–13
Evangelium: Lk 4, 1–13
Liebe Freunde,
heute zeigt sich der Herr als der zweite Adam, dessen Sendung es ist, die Menschheitsgeschichte, die schlecht begonnen hat, neu anfangen zu lassen. Und wenn heute auch nur wenig über die Erbsünde gesprochen wird, so sehen wir doch alle, dass die Menschheitsgeschichte tatsächlich einen schlechten Anfang genommen hat. Alle Politiker – ganz gleich, aus welchem Lager – sagen, dass sie die Welt verbessern, eine bessere Welt schaffen wollen; sie gehen alle davon aus, dass die jetzige Welt nicht in Ordnung ist. Alle spüren, dass sich in der Welt etwas ändern muss – denn so, wie sie ist, ist sie nicht auf dem richtigen Weg.
Wenn wir in der Welt Hunger, Gewalt, Drogen und Terrorismus sehen, zeigt das zweifellos, dass etwas in der Welt nicht stimmt, dass sich etwas ändern, die Geschichte von Grund auf neu beginnen muss. In der Sprache der Kirche heißt diese Notwendigkeit der Heilung »Erlösung«.
