Der Hexer - Edgar Wallace - E-Book
Beschreibung

Gwenda Milton, die Sekretärin des Rechtsanwaltes Messer, wird tot in der Themse aufgefunden. Was wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich als Mord. Die Obduktion ergibt, dass sie nicht ertrunken ist, sondern erwürgt wurde. Sie war die Schwester von Arthur Milton, dem sogenannten „Hexer“. Dieser hatte einige Gauner dazu gezwungen, Suizid zu begehen, weshalb er aus England ausgewiesen wurde und seitdem in Australien lebt. Der Mord an Gwenda ruft also nicht nur Scotland Yard, sondern auch den „Hexer“ auf den Plan, der den Mord an seiner Schwester nicht ungesühnt lassen dürfte. Sir John und Inspektor Higgins von Scotland Yard stehen vor der schwierigen Aufgabe, den Mörder Gwenda Miltons zu finden, bevor der „Hexer“ die Täter bestraft. Inspektor Higgins ist erfreut darüber, dass der pensionierte Scotland-Yard-Inspektor Warren, der als einziger den „Hexer“ gesehen hat, sich bei Sir John meldet und seine Hilfe bei der Jagd anbietet. Der „Hexer“ ist ein Meister der Tarnung und versteht es, sein Aussehen zu verändern.

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Edgar Wallace

Der Hexer

Edgar Wallace

Der Hexer

idb

ISBN 9783963751332

Inhaltsverzeichnis

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1

Der Kommissar drückte auf den Klingelknopf und sagte zur Ordonnanz, die einige Augenblicke später eintrat: »Bitten Sie Herrn Inspektor Wembury, zu mir zu kommen!«

Der Kommissar legte das Dokument, das er soeben gelesen hatte, in eine Mappe. Nicht nur als Polizeibeamter, sondern auch als Soldat hatte Alan Wembury eine ausgezeichnete Laufbahn hinter sich. Er war während des Krieges zum Offizier befördert worden und hatte den Rang eines Majors erreicht.

Die Tür öffnete sich, und ein Mann in mittleren Jahren trat ein.

»Guten Morgen, Wembury!«

»Guten Morgen, Sir.«

Alan Wembury war ein Mann Anfang der Dreißiger, ein Sportsmann, dem man sofort ansah, dass er an das Leben im Freien gewöhnt war.

»Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich Ihnen eine angenehme Mitteilung zu machen habe«, sagte der Kommissar, der eine aufrichtige Freundschaft für seinen Untergebenen empfand.

»Jede Mitteilung ist mir angenehm«, lachte Alan.

Er stand stramm vor dem Kommissar, der ihm mit einer Handbewegung einen Stuhl anbot.

»Sie sind zum Bezirksinspektor befördert worden und übernehmen am Montag in acht Tagen den ›R‹-Bezirk«, fuhr der Vorgesetzte fort. Alans Augen leuchteten auf.

»Das kommt sehr überraschend, Sir«, bemerkte er endlich.

»Ich bin dafür sehr dankbar, aber ich glaube doch, dass vielen anderen vor mir diese Auszeichnung zusteht, bevor ich …«

Oberst Walford schüttelte den Kopf.

»Ich freue mich Ihretwegen, doch kann ich Ihnen nicht zustimmen«, entgegnete er lebhaft, »wir nehmen bedeutende Veränderungen in Scotland Yard vor. Bliss, der bei der Gesandtschaft in Washington arbeitete, kehrt zurück. Sie kennen ihn doch?«

Alan schüttelte den Kopf. Er hatte von dem gefürchteten Bliss gehört, wusste aber nur, dass er ein fähiger Polizeibeamter war und von beinahe jedem Mann im Yard sehr ungern gesehen wurde.

»Der ›R‹-Bezirk ist nicht mehr so aufregend, wie es in den früheren Jahren der Fall war«, äußerte der Kommissar mit einem Blinzeln. »Sie sollten sich aber darüber freuen!« »War es wirklich ein aufregender Bezirk?« fragte Alan, dem Deptford ein neues Gebiet war.

Oberst Walford nickte.

»Ich dachte an den ›Hexer‹ und habe oft an der Wahrheit des Berichtes über seinen Tod gezweifelt. Die australische Polizei behauptete, dass der Mann, der aus dem Hafen von Sydney aufgefischt wurde, dieser Schuft war.«

Alan Wembury nickte langsam.

»Der Hexer!«

Wer hatte nicht von dem »Hexer« gehört? Seine Taten hatten London erschreckt. Wenn es sich um eine persönliche Rache handelte, hatte er Leute unbarmherzig getötet. Männer, die Grund hatten, ihn zu hassen und zu fürchten, hatten sich gesund und munter schlafen gelegt und über die Gefahr gelacht, die sie bedrohte, da sie sich von der Polizei bewacht wussten; am nächsten Morgen aber fand man sie tot vor.

»Obgleich der Hexer nicht mehr in Ihrem Bezirk haust, möchte ich Sie doch vor einem Mann in Deptford warnen«, sagte Oberst Walford, »und das ist …«

»Maurice Messer!« unterbrach ihn Alan, und der Kommissar hob erstaunt die Augenbrauen.

»Kennen Sie ihn?« fragte er. »Ich wusste nicht, dass Messers guter Ruf als Rechtsanwalt so bekannt ist.«

Alan Wembury zögerte mit der Antwort.

»Ich kenne ihn nur als Anwalt der Familie Lenley«, meinte er endlich.

Der Kommissar schüttelte den Kopf.

»Ich kenne die Lenleys nicht.« Dann aber fügte er hinzu: »Meinen Sie etwa den alten George Lenley in Hertford, der vor einigen Monaten gestorben ist?«

Alan nickte.

»Ich bin mit ihm öfters zur Jagd geritten«, sagte der Kommissar nachdenklich. »Er gehörte zu jenen alten englischen Landherren, die tüchtige Reiter und Trinker waren. Es ist mir erzählt worden, dass er vermögenslos starb. Hatte er Kinder?«

»Zwei, Sir«, erwiderte Alan ruhig.

»Und Messer ist ihr Anwalt?« Der Kommissar lachte kurz auf. »Man hat sie nicht gut beraten, ihr Vermögen in die Hand des Maurice Messer zu legen.« Er dachte nicht an Messer, sondern an die Kinder, die sich in dessen Obhut befanden.

»Messer kannte den Hexer«, sagte er ganz unerwartet, und Wemburys Augen wurden groß vor Erstaunen.

»Den Hexer?« wiederholte er.

Walford nickte. »Ich weiß nicht, wie gut er ihn kannte, aber ich glaube, zu gut — zu gut, um, wenn er noch am Leben wäre, Ruhe zu finden. Der Hexer hatte seine Schwester Gwenda Milton in Messers Obhut gelassen. Vor sechs Monaten ist ihr Leichnam aus der Themse gezogen worden.« Alan nickte, da er sich des unglücklichen Vorfalles erinnerte. »Sie war Messers Sekretärin. Wenn Sie dieser Tage nichts zu tun haben, gehen Sie in das Aktenzimmer hinauf vieles wurde bei den gerichtlichen Verhandlungen nicht erwähnt.«

»Ober Messer?«

Oberst Walford nickte.

»Wenn der Hexer tot ist, hat es nichts weiter zu sagen, aber wenn er noch lebt« — er zuckte seine breiten Achseln und schaute bedeutungsvoll unter seinen buschigen Augenbrauen auf den jungen Detektiv — »wenn er noch lebt, so weiß ich, dass etwas ihn nach Deptford und zu Messer zurückbringen wird.«

»Was ist das, Sir?« fragte Wembury.

Wieder lächelte Walford bedeutungsvoll.

»Lesen Sie die Akten durch, und Sie werden eins der ältesten Dramen der Welt lesen — die Geschichte einer vertrauensvollen Frau und eines ehrlosen Mannes.«

Mit einer Handbewegung gab er zu verstehen, dass er über den Hexer nicht mehr sprechen wollte.

»Montag über acht Tage treten Sie Ihren neuen Dienst an. Haben Sie vielleicht Lust, sich schon vorher mit der Arbeit im neuen Bezirk bekannt zu machen?«

Alan zögerte.

»Wenn möglich, Sir, möchte ich eine Woche Urlaub nehmen« sagte er, und sein Gesicht rötete sich leicht.

»Urlaub? Aber selbstverständlich. Wollen Sie die gute Botschaft Ihrem Mädel verkünden?« Walford zwinkerte gutmütig.

»Nein, Sir.« Seine Verlegenheit strafte seine Worte Lügen. »Ich möchte einer Dame über meine Beförderung berichten«, fuhr er fort. »Es ist Miss Mary Lenley.«

»Oh, Sie kennen also Miss Lenley so gut?« bemerkte der Kommissar.

»Nicht so, Sir, sie ist mir nur immer eine gute Freundin gewesen«, antwortete Wembury. »Ich habe mein Leben in einem Häuschen auf dem Gut der Lenleys begonnen. Mein Vater war der Obergärtner des Mr. Lenley, und ich kenne die Familie, soweit mein Gedächtnis zurückreicht, und …« »Nehmen Sie Ihren Urlaub, mein Junge, und gehen Sie, wohin Sie wollen! Wenn Miss Mary Lenley ebenso weise wie schön ist — ich kann mich ihrer als Kind erinnern —, so wird sie vergessen, dass sie eine Lenley von Lenley-Court und Sie ein Wembury aus dem Häuschen des Gärtners sind! Wembury, in unserem demokratischen Zeitalter« — seine Stimme klang ernst — »ist der Mann, was er selbst ist, und nicht, was sein Vater war. Ich hoffe, dass Sie sich niemals unterschätzen werden!«

2

Als Alan vom Bahnhof her in das Dorf Lenley kam, sah er hinter den hohen Pappeln das Dach von Lenley-Court, dem alten, grauen Herrenhaus, aufleuchten.

Die Nachricht von seiner Beförderung war vor ihm eingetroffen. Der kahlköpfige Wirt des Gasthauses »Zum Roten Löwen« kam ihm mit frohem Lächeln auf dem roten Gesicht entgegengelaufen.

»Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Alan«, sagte er. »Wir haben von Ihrer Beförderung gehört und sind stolz auf Sie. Demnächst werden Sie Polizeipräsident sein. Gehen Sie nach dem Herrenhaus hinauf, um Miss Mary aufzusuchen?« Als Alan die Frage bejahte, schüttelte der Wirt den Kopf. »Dort steht es sehr schlecht, Alan. Man sagt, dass von dem ganzen Vermögen weder für Mr. Johnny noch für Miss Mary etwas übrigbleibt. Für Mr. Johnny ist es gleichgültig, denn er ist ein Mann, der sich in der Welt zurechtfinden kann — aber ich wünschte, er hätte einen besseren Weg eingeschlagen, als es der Fall ist.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Alan schnell.

Der Wirt schien sich plötzlich zu erinnern, dass er zu einem Polizeibeamten sprach, und wurde zurückhaltender.

»Man erzählt, dass er zum Teufel geht. Sie wissen doch, wie die Leute reden, aber etwas Wahres muss dahinter sein. Der junge Mann kann die Armut nicht leicht verwinden.« »Warum bleiben sie denn auf Lenley-Court, wenn es so schlecht steht? Der Unterhalt des Besitztums muss ziemlich teuer sein. Warum verkauft es Johnny Lenley nicht?« »Verkaufen!« spottete der Wirt. »Es ist bis zum letzten Blatt auf dem höchsten Zweig jedes Baumes mit Hypotheken belastet! Soweit ich gehört habe, bleiben die Lenleys hier, bis ihr Londoner Rechtsanwalt die Erbschaftsangelegenheit geregelt hat, und ziehen in der nächsten Woche nach London.«

Der Londoner Rechtsanwalt! Alans Stirn legte sich in Falten. Das musste Maurice Messer sein, und er wurde neugierig, den Mann kennenzulernen, über den so viele seltsame Gerüchte im Umlauf waren. Man flüsterte sich in Scotland Yard über Maurice Messer Dinge zu, die, wenn sie laut gesagt oder niedergeschrieben worden wären, Verleumdungen oder Beleidigungen sein konnten.

»Wollen Sie mir ein Zimmer reservieren, Mr. Griggs! Der Dienstmann wird mein Gepäck vom Bahnhof bringen. Ich will nach dem Herrenhaus hinaufgehen und sehen, ob ich Johnny Lenley sprechen kann.«

Er sagte »Johnny«, aber sein Herz meinte Mary.

Als er den breiten von Eichen umschatteten Fahrweg entlangging, traten ihm überall die Anzeichen der Armut entgegen. Auf dem mit Kies bestreuten Weg wuchs Gras; die wunderschönen Eibenhecken des Tudorgartens waren von einer ungeübten Hand zurechtgestutzt worden; der Rasen vor dem Haus sah ungepflegt aus. Als das Herrenhaus selbst sichtbar wurde, erbebte sein Herz beim Anblick der allgemeinen Vernachlässigung. Die Fenster des Ostflügels waren schmutzig, viele Scheiben waren zerbrochen und nicht erneuert worden.

Als er sich dem Haus näherte, trat eine Gestalt aus dem schmutzigen Säulengang hervor. Sobald sie ihn erkannte, lief sie ihm entgegen.

»O Alan!«

Im nächsten Augenblick hielt er ihre beiden Hände in den seinen und sah auf das emporgehobene Gesicht hinab. Er hatte sie zwölf Monate nicht gesehen. Ihre feine, bleiche Schönheit berührte das Innerste seines Herzens. Er hatte ein reizendes Kind gekannt und schaute jetzt in die kristallklaren Augen eines vollerblühten Weibes. Die schlanke, kindliche Gestalt, die er gekannt hatte, hatte eine Verwandlung durchgemacht, und das hübsche Gesicht erglühte in neuer, seltener Schönheit.

»Alan, wie freue ich mich, Sie zu sehen!« rief sie, und in ihren traurigen Augen leuchtete ein Lächeln. »Sie haben viel Neues zu erzählen, Alan! Wir haben es schon in der Morgenzeitung gelesen.«

»Ich wusste nicht, dass meine Beförderung so welterschütternd ist«, sagte er.

»Sie müssen mir jetzt alles erzählen.«

Sie nahm ihn unter den Arm, wie sie es in ihren Kindertagen getan hatte, als er der Sohn des Gärtners und ihr Spielgefährte gewesen war. Damals war er der schüchterne Knabe, der ihren Drachen steigen ließ, und der ihr den Ball zuwarf, als sie den Kricketschläger schwang, der beinahe so groß war wie sie selbst.

»Da gibt es nicht viel mehr zu erzählen«, äußerte Alan. »Bei der Beförderung sind bessere Männer übersprungen worden, und ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll oder nicht!«

»Unsinn!« bemerkte sie überzeugt. »Sie sind befördert worden, weil Sie es verdienten!«

Sie beobachtete ihn, sah, wie seine Augen über das Haus schweiften, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich und nahm einen ungewohnten Ernst an.

»Armer, alter Lenley-Court!« sagte sie nachdenklich. »Alan, haben Sie es schon gehört? In der nächsten Woche verlassen wir unser Haus.« Sie seufzte tief. »Man darf kaum darüber nachdenken! Johnny will eine Wohnung in der Stadt nehmen, und Maurice hat mir Arbeit versprochen.«

»Arbeit?« fragte Alan erstaunt. »Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen müssen?«

Sie lachte.

»Aber selbstverständlich, mein lieber — mein lieber Alan! Ich versuche jetzt schon in die Geheimnisse der Stenographie und des Maschinenschreibens einzudringen. Ich soll Sekretärin von Maurice werden.«

›Messers Sekretärin!‹

Die Worte kamen ihm bekannt vor. Er erinnerte sich plötzlich an eine andere Sekretärin, deren Leichnam man an einem nebligen Morgen aus dem Fluss gezogen hatte, und die bedeutungsvollen Worte des Obersten Walford klangen ihm in den Ohren.

»Warum sind Sie so ernst, Alan? Gefällt Ihnen der Gedanke nicht, dass ich meinen Lebensunterhalt verdienen werde?« fragte sie mit zuckenden Lippen.

»Nein«, antwortete Alan. »Es wird doch etwas aus dem Zusammenbruch gerettet werden können?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nichts — auch gar nichts! Von meinem mütterlichen Erbe beziehe ich ein kleines Einkommen, das mich vor dem Verhungern schützen wird. Dann ist Johnny auch ganz tüchtig. Er hat in der letzten Zeit viel Geld verdient — das klingt doch seltsam? Niemand hat gedacht, dass Johnny ein guter Kaufmann ist, und doch ist es der Fall. Er hofft, in wenigen Jahren Lenley-Court zurückkaufen zu können.«

Die Worte verrieten Mut, aber Alan ließ sich nicht täuschen.

3

Er bemerkte, wie sie über seine Schulter hinwegschaute, und als er sich umdrehte, sah er zwei Männer auf sie zukommen.

Trotz des warmen Frühlingswetters trug Mr. Messer doch die seit alten Zeiten herkömmliche Kleidung eines erfolgreichen Rechtsanwaltes. Der langschößige Gehrock saß tadellos auf seiner schlanken Gestalt, und in der schwarzen Krawatte steckte ein schimmernder Opal. Er trug einen Zylinderhut, und seine gelben Handschuhe waren einwandfrei. Sein mageres, etwas gelbliches Gesicht, seine dunklen, unergründlichen Augen und seine Sprache gaben ihm etwas Aristokratisches. »Er sieht aus wie ein Herzog, spricht wie ein spanischer Edelmann und denkt wie der Teufel«, war nicht das am wenigsten Schmeichelhafte, was über Messer je gesagt worden war.

Sein Begleiter war ein großer junger Mann, nicht viel älter als zwanzig Jahre. Als er den Besucher erblickte, zogen sich seine Augenbrauen finster zusammen.

»Hallo!« rief er mürrisch aus und wandte sich dann an seinen Begleiter: »Sie kennen doch Wembury, Maurice, er ist Oberwachtmeister oder etwas Ähnliches bei der Polizei.« Maurice Messer lächelte.

»Bezirkskriminalinspektor, glaube ich«, erklärte er und streckte seine lange, dünne Hand aus. »Soweit ich gehört habe, kommen sie in meine Nachbarschaft, um meinen unglückseligen Klienten neuen Schrecken einzuflößen!« »Ich hoffe, wir werden in der Lage sein, sie auf bessere Wege zu bringen«, entgegnete Alan. »Dazu sind wir ja da!« Johnny Lenley hatte Alan schon als Knabe nicht leiden können, und jetzt, aus irgendeinem Grund, flackerte bei der Anwesenheit des Detektivs sein Groll wieder auf.

»Was führt sie nach Lenley?« fragte er mürrisch. »Ich wusste nicht, dass Sie Verwandte hier haben.«

»Ich habe hier wenig Freunde«, sagte Alan ernst.

»Selbstverständlich hat er welche«, warf Mary ein. »Natürlich ist er gekommen, um mich aufzusuchen, nicht wahr, Alan? Es tut mir leid, dass wir Sie nicht bitten können, bei uns zu wohnen, aber es sind so gut wie gar keine Möbel übriggeblieben.«

»Es ist doch nicht nötig, unsere Armut im ganzen Land zu verkünden«, rief Johnny Lenley schroff. »Ich glaube kaum, dass Wembury sich für unser Missgeschick interessiert, und wenn …«

»Das Missgeschick auf Lenley-Court ist der Öffentlichkeit bekannt, mein lieber Johnny«, unterbrach ihn Messer besänftigend. »Seien Sie nicht unnötig empfindlich! Ich meinerseits freue mich, die Gelegenheit zu haben, einen so ausgezeichneten Polizeibeamten wie Alan Wembury kennenzulernen. Augenblicklich werden Sie Ihren Bezirk sehr ruhig finden, Mr. Wembury. Wir haben nicht mehr die Aufregungen wie damals, als ich von Lincoln’s Inn Fields nach Deptford zog.«

Alan nickte.

»Sie meinen, dass der Hexer Sie nicht mehr belästigt?« fragte er.

Die Bemerkung war ganz harmlos gemeint, und er war gar nicht auf die Veränderung vorbereitet, die in Messers Gesicht vorging. Seine Augen blinzelten plötzlich, als wenn ein helles Licht aufleuchtete. Der gebogene Mund wurde eine gerade, harte Linie.

»Der Hexer«, seine Stimme klang heiser. »Eine alte Geschichte! Der arme Teufel ist tot!«

Er sagte dies mit besonderem Nachdruck. Alan schien es, als wenn der Mann sich selbst überzeugen wollte, dass dieser berüchtigte Verbrecher nicht mehr lebte.

»Tot … in Australien ertrunken!«

Das Mädchen schaute ihn verwundert an.

»Wer ist der Hexer?« fragte sie.

»Niemand, den Sie kennen, und den Sie auch nicht kennen sollten«, versetzte Messer barsch. Dann fuhr er lächelnd fort: »Jetzt fachsimpeln wir aber, und eine Unterhaltung über das Verbrechertum passt am wenigsten für die Ohren einer jungen Dame.«

»Ich wünschte, Sie fänden einen anderen Gesprächsstoff«, brummte Johnny Lenley und wollte sich schon umdrehen, als Maurice fragte:

»Sie sind doch jetzt im Westend-Bezirk, Wembury? Was war Ihr letzter Fall? Ich kann mich nicht erinnern, Ihren Namen in der Zeitung gelesen zu haben.«

Alan verzog das Gesicht.

»Wir verkünden unsere Fehlschläge niemals«, entgegnete er. »Meine letzte Arbeit waren die Nachforschungen über eine Perlenkette, die der Lady Darnleigh in Park-Lane gestohlen wurde, als sie den großen Botschafterball gab.«

Während er sprach, schaute er Mary an. Er bemerkte nicht, wie Johnny Lenley sich bemühte, einen unwillkürlichen Ausruf zu unterdrücken, noch sah er den schnellen, warnenden Blick, den Messer dem jungen Mann zuwarf. Es entstand eine kurze Pause.

»Lady Darnleigh?« fragte Messer in gezogenem Ton. »O ja, ich glaube mich erinnern zu können … Waren Sie nicht auf jenem Ball, Johnny?«

Er blickte Johnny an, der ungeduldig die Achseln zuckte. »Selbstverständlich war ich dort … Ich habe aber erst lange nachher etwas darüber gehört. Habt ihr denn nichts anderes, als über Verbrechen, Diebstähle und Morde zu sprechen?« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging langsam über den Rasen.

Mary schaute ihm mit einem besorgten Gesicht nach. »Ich möchte wissen, was Johnny in den letzten Tagen so mürrisch macht. — Wissen Sie es, Maurice?«

Maurice Messer betrachtete die glimmende Zigarette in seiner Bernsteinspitze.

»Johnny ist jung, und dann dürfen Sie nicht vergessen, meine Liebe, dass er in der letzten Zeit viel Aufregung hatte!«

»Ich auch«, erwiderte sie ruhig. »Oder glauben Sie, dass es für mich nichts zu bedeuten hat, Lenley-Court zu verlassen?« Einen Augenblick zitterte ihre Stimme, doch mit großer Willenskraft zwang sie sich zu lächeln. »Ich werde sehr pathetisch, und wenn ich mich nicht zusammennehme, werde ich noch an Alans Schulter weinen. Kommen Sie, Alan, und schauen Sie sich den alten Rosengarten an! Vielleicht sehen wir ihn zum letzten mal.«

4

Johnny Lenley blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Sein Gesicht war blass, und seine Lippen zitterten. »Was führt diesen Kerl hierher?« fragte er.

Maurice Messer, der ihm gefolgt war, sah ihn seltsam an. »Mein lieber Johnny, Sie sind noch sehr jung und sehr unreif. Sie haben die Erziehung eines Gentleman genossen, Sie benehmen sich aber wie ein Bauer!«

»Was erwarten Sie denn, das ich tun soll? Soll ich ihm herzlich die Hand drücken und ihn auf Lenley-Court willkommen heißen? Der Kerl ist aus der Gosse hervorgegangen. Sein Vater war unser Gärtner …«

»Sie sind sehr eingebildet, Johnny! Das schadet nichts«, unterbrach ihn Messer, »wenn Sie nur lernten, Ihre Gefühle zu verbergen.«

»Ich sage, was ich meine«, erklärte Johnny kurz.

»Das macht auch der Hund, wenn man ihm auf den Schwanz tritt«, entgegnete Maurice. »Sie Esel!« fuhr er ihn mit unerwarteter Heftigkeit an. »Sie Idiot! Bei der Erwähnung der Darnleigh-Perlen haben Sie sich beinahe selbst verraten. Haben Sie sich vergegenwärtigt, mit wem Sie sprachen, und wer Sie wahrscheinlich beobachtete? Der gefährlichste Detektiv der Kriminalabteilung! Der Mann, der Hersey abfasste, der Gostein an den Galgen brachte, der die Flackbande auflöste!«

»Er hat nichts gemerkt«, sagte der andere verdrießlich und versuchte das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken: »Sie haben heute Morgen einen Brief erhalten. Stand etwas über die Perlen darin — sind sie verkauft?«

»Glauben Sie wirklich, dass man Perlen im Werte von fünfzehntausend Pfund in einer Woche verkaufen kann? Wie denken Sie sich eigentlich den Vorgang — dass man sie etwa zu Christie zur Versteigerung gibt?«

Johnny Lenley biss die Lippen zusammen.

»Es ist seltsam, dass Wembury den Fall zur Behandlung hatte — anscheinend hat man jede Hoffnung aufgegeben, den Dieb noch zu fangen. Selbstverständlich hatte die alte Lady Darnleigh keinen Verdacht …«

»Seien Sie nicht allzu sicher!« warnte Messer. »Jeder Gast, der in jener Nacht in Nr. 304 von Park-Lane war, ist verdächtig. Sie mehr als jeder andere, da jedermann weiß, dass Sie arm sind. Außerdem hat Sie ein Diener gesehen, wie Sie kurz vor Ihrem Weggang die Haupttreppe hinaufgingen.« »Ich sagte ihm, dass ich meinen Mantel holen wollte«, warf Johnny Lenley ein. »Warum haben Sie vor Wembury erwähnt, dass ich dort war?«

Maurice lachte.

»Weil er es wusste, denn ich habe ihn beim Sprechen beobachtet. Ein schwaches Schimmern in seinen Augen verriet es mir. Aber ich will Sie beruhigen. Die Person, die man augenblicklich in Verdacht hat, ist Lady Darnleighs Kellermeister. Glauben Sie aber ja nicht, dass alles vorbei ist, das ist nicht der Fall. Die Polizei ist noch viel zu rührig in der Sache, als dass wir daran denken könnten, die Perlen loszuwerden, und wir müssen eine günstige Gelegenheit abwarten, um sie in Antwerpen unterzubringen.«

Er zog ein goldenes Etui hervor und suchte sich sorgsam eine Zigarette aus, die er anzündete. Johnny beobachtete ihn neidisch.

»Sie sind ein kaltblütiger Teufel. Sie sind sich doch im Klaren, dass, wenn die Wahrheit über die Perlen herauskommen sollte, auch für Sie Zuchthaus in Aussicht steht?« Der Anwalt stieß einen Rauchring in die Luft.

»Ich bin mir vollständig im Klaren, dass Ihnen, mein lieber Freund, Zuchthaus in Aussicht stünde. Ich glaube, es wäre ziemlich schwer, mich mit in die Sache hineinzuziehen. Wenn Sie zu Ihrem Vergnügen ein Räuberbaron werden und sich in hochstaplerische Abenteuer stürzen, kann das nur Ihr Leichenbegängnis sein. Weil ich Ihren Vater und Sie schon von Kindheit an kenne, laufe ich diese Gefahr. Vielleicht finde ich an dem Abenteuerlichen Geschmack …«

»Blödsinn!« unterbrach ihn Johnny Lenley grob. »Sie sind, seitdem Sie gehen können, ein Schwindler gewesen. Sie kennen jeden Dieb in London und sind ein Hehler.«

»Gebrauchen Sie dieses Wort nicht!«

Maurice Messers Stimme klang plötzlich sehr schroff. »Wie ich Ihnen schon sagte, sind sie noch sehr unreif. Habe ich den Diebstahl von Lady Darnleighs Perlen angestiftet? Habe ich Ihnen in den Kopf gesetzt, dass Diebstahl mehr abwirft als Arbeit und dass Ihre Erziehung und Beziehungen zu den besten Familien Ihnen Gelegenheiten geben, die einem gemeinen — Dieb versagt bleiben?«

Dieses Wort reizte Johnny Lenley ebenso sehr wie das Wort »Hehler« den Rechtsanwalt.

»Wir befinden uns beide in demselben Boot«, betonte er. »Sie könnten mich nicht verraten, ohne sich selbst zu ruinieren. Ich behaupte nicht, dass Sie irgendetwas angestiftet haben, Maurice, aber Sie haben tüchtig mitgeholfen. Eines Tages werde ich Sie zum reichen Mann machen.«

Messers schwarze Augen wandten sich langsam Johnny Lenley zu. Zu jeder anderen Zeit hätte er über die gönnerhafte Sprache des jungen Mannes gelacht, jetzt aber war er gereizt.

»Mein lieber Freund«, sagte er steif, »Sie sind etwas zu zuversichtlich. Raub mit oder ohne Gewalt ist nicht so einfach, wie Sie es sich vorstellen. Sie glauben, dass Sie gewandt sind …«

»Ich bin etwas tüchtiger als Wembury«, unterbrach ihn Johnny selbstzufrieden.

Maurice Messer unterdrückte ein Lächeln.

Mary führte ihren Besucher nicht in den Rosengarten, sondern nach dem Garten mit den sonderbaren, verwitterten Steinfiguren. Dort stand an einem kleinen Teich eine Marmorbank, Mary setzte sich und bat auch ihren Gast, Platz zu nehmen.

»Alan, ich möchte Ihnen etwas sagen. Ich spreche jetzt zu Alan Wembury und nicht zum Inspektor Wembury«, begann sie.

»Aber selbstverständlich!« Er stockte, beinahe hätte er sie mit dem Vornamen angesprochen. »Ich habe niemals den Mut gehabt, Sie Mary zu nennen, aber ich fühle mich alt genug dazu!«

»Tun Sie es nur! ›Miss Mary‹ klingt so schrecklich unnatürlich. Von Ihnen klingt es beinahe unfreundlich.«

»Was gibt es also?« fragte er, indem er sich neben sie setzte.

Sie zögerte einen Augenblick.

»Johnny«, erzählte sie, »spricht in mancher Beziehung so seltsam. Alan, es ist schwer, so etwas zu sagen, aber manchmal scheint es, als wenn er den Unterschied zwischen mein und dein vergessen hat. Oft denke ich, dass er so etwas nur aus Eigensinn sagt, und dann fühle ich wieder, dass er es wirklich ernst meint. Auch über unseren armen Vater spricht er sehr abfällig. Das kann ich nur schwer verzeihen. Vater war sehr leichtsinnig und verschwenderisch, aber er ist Johnny — und mir ein guter Vater gewesen«, setzte sie mit zitternder Stimme hinzu.

»Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass er in mancher Beziehung seltsam spricht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht das einzige; er hat auch so eigenartige Bekannte. Vorige Woche war ein Mann hier — ich habe ihn nur gesehen und nicht gesprochen — namens Hackitt. Kennen Sie ihn?«

»Hackitt? Sam Hackitt?« fragte Wembury erstaunt. »Aber selbstverständlich! Sam und ich sind alte Bekannte!« »Was ist er?« fragte sie.

»Einbrecher!« war die ruhige Antwort. »Wahrscheinlich interessierte sich Johnny für ihn und ließ ihn herkommen …«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, das war nicht der Grund.« Sie biss sich auf die Lippen. »Johnny hat mich angelogen. Er sagte, dass der Mann ein Handwerker sei, der nach Australien fahren wollte. Sind Sie sicher, dass es derselbe Hackitt ist?« Alan gab eine sehr wahrheitsgetreue, wenn auch kurze Beschreibung des Mannes. — »Das ist er!« nickte sie. »Alan, glauben Sie, dass Johnny — schlecht ist?«

»Selbstverständlich nicht!«

»Aber seine eigenartigen Freunde …«

Diese Gelegenheit durfte er nicht ungenützt vorbeigehen lassen. — »Ich befürchte, Mary, dass Sie eine ganze Menge Leute wie Hackitt und noch schlimmere Leute als Hackitt treffen werden.«

»Warum?« fragte sie erstaunt.

»Sie beabsichtigen, als Messers Sekretärin zu arbeiten Mary, ich wünschte, Sie würden nicht zu dem Anwalt gehen.«

»Warum in aller Welt, Alan …? Ich verstehe allerdings, was Sie meinen. Maurice hat eine große Anzahl von Klienten, und ich werde sicher mit ihnen zusammenkommen, aber ich habe doch nur geschäftlich mit ihnen zu tun.« »Wegen der Klienten bin ich nicht besorgt«, erwiderte Alan ruhig. »Besorgt bin ich wegen — Maurice Messer.«

»Besorgt wegen Maurice?« Sie mochte kaum ihren Ohren trauen. »Aber Maurice ist doch ein so lieber Mann! Er ist die Freundlichkeit selbst zu Johnny und mir gewesen, und wir kennen ihn unser ganzes Leben lang.«

»Ich kenne Sie auch so lange, Mary«, meinte Alan ruhig, aber sie unterbrach ihn.

»Aber sagen Sie mir, warum? Was könnten Sie gegen Maurice haben?«

Jetzt wurde er einer direkten Frage gegenübergestellt, und er fühlte sich unsicher.

»Ich weiß nichts von ihm«, gab er freimütig zu. »Ich weiß nur, dass Scotland Yard ihn nicht ›gern‹ hat.«

Sie lachte heiter.

»Weil er es fertigbringt, diese armen, elenden Verbrecher vor dem Gefängnis zu bewahren! Das ist Neid von Berufs wegen. O Alan!« neckte sie ihn. »Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht!«

Es wäre unnütz gewesen, wenn er die Warnung wiederholt hätte. Eine Beruhigung hatte er: Wenn sie bei Messer arbeitete, würde sie auch in seinem Bezirk wohnen.

5

Maurice Messer stand hinter einer Eibenhecke und beobachtete sie. Es schien ihm, dass er niemals vorher die Schönheit Mary Lenleys gewahr geworden war. Er musste sich eingestehen, dass es der augenscheinlichen Bewunderung eines Polizeibeamten bedurfte, um sein Interesse an dem Mädchen zu erwecken, das er, im Augenblick eines später bereuten Impulses, anzustellen versprochen hatte. Er bewunderte den Umriss ihrer Wangen, die Haltung ihres dunklen Kopfes, die geschmeidige Gestalt, als sie mit Alan Wembury sprach. Mr. Messer befeuchtete seine trockenen Lippen. Es war merkwürdig, dass er so blind gewesen war. Er liebte blonde Frauen. Gwenda Milton hatte einen goldblonden Kopf. Ein einfältiges Mädchen, das langweilig geworden war und das in einer Tragödie ihr Ende gefunden hatte. Maurice schauderte, als er sich des trüben Tages während der gerichtlichen Vernehmung erinnerte, wie er vor dem Zeugentisch gestanden und gelogen, gelogen und abermals gelogen hatte.

Als Mary den Kopf umwandte, sah sie ihn und winkte ihm zu. Langsam näherte er sich ihnen.

»Wo ist Johnny?« fragte sie.

»Johnny schmollt. Fragen Sie mich aber nicht, warum, denn ich weiß es nicht.«

Welch wunderbare Haut sie hatte! Wie bewundernswert waren die dunkelgrauen Augen mit den langen Wimpern! Seit ihrer Kindheit hatte er sie gekannt und hatte nun eine Woche lang unter demselben Dach mit ihr zugebracht, und doch hatte er ihren Wert bis jetzt nicht schätzen gelernt. »Unterbreche ich eine vertrauliche Unterredung?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Er fragte sich, worüber diese beiden gesprochen haben konnten. Hatte sie Alan Wembury gesagt, dass sie nach Deptford zu kommen beabsichtigte? Früher oder später würde sie es doch sagen, also war es besser, ihm diese Nachricht selbst zuerst mitzuteilen. »Wissen Sie schon, dass Miss Lenley mich beehren will, meine Sekretärin zu werden?«

»So höre ich«, versetzte Alan und schaute dem Rechtsanwalt in die Augen. »Ich habe Miss Lenley gesagt« — er sprach mit Überlegung, jedes Wort war von Bedeutung —, »dass sie in meinem Bezirk wohnen wird … sozusagen unter meiner väterlichen Obhut.«

Eine Warnung und eine Drohung klangen aus diesen Worten. Messer war zu klug, um eins von beiden zu überhören. Alan Wembury hatte sich zum Beschützer des Mädchens gemacht. Unter anderen Umständen hätte es ihn belustigt, sogar vor einer Stunde noch hätte er Alan Wemburys Bemerkung als einen Scherz aufgefasst. Aber jetzt …

Er schaute Mary an, und sein Puls fing an zu rasen. »Das ist sehr interessant!« Seine Stimme klang etwas heiser, und er räusperte sich. »Sehr interessant. Ist das eine der Pflichten Ihres Amtes?«

Alan bemerkte den leisen Spott, der aus Messers Stimme klang.

»Die Pflichten des Polizeibeamten«, entgegnete er ruhig, »werden ziemlich genau durch die Überschrift über dem Old Bailey, unserem ehrwürdigen Gerichtsgebäude, beschrieben.«

»Und was besagt die?« fragte Messer. »Ich habe mir noch nicht die Mühe genommen, sie zu lesen.«

»Beschützt die Kinder der Armen und bestraft die Übeltäter!« sagte Alan Wembury ernst.

»Ein edles Wort!« stimmte Maurice bei. »Das muss für mich sein«, fügte er hinzu und ging schnell einem Telegrafenboten entgegen, der am Gartenende erschien. »Ist Maurice auf Sie böse?« fragte Mary.

Alan lachte.

»Jeder wird früher oder später auf mich böse. Ich muss befürchten, dass meine Umgangsformen jämmerlich werden.« »Alan«, sagte sie halb belustigt und halb ernst, »ich glaube, ich werde niemals mit Ihnen böse sein. Sie sind der netteste Mann, den ich kenne.«

Einen Augenblick fanden sich ihre Hände, und dann sahen sie Maurice mit dem ungeöffneten Telegramm in der Hand zurückkommen.

»Für Sie!« rief er heiter. »Es muss doch schön sein, wenn man so eine wichtige Persönlichkeit ist, dass man das Amt nicht fünf Minuten verlassen kann, ohne dass man telegrafisch zurückgerufen wird.«

Alan nahm mit gerunzelter Stirn das Telegramm in Empfang. »Für mich?«

Er hatte nur wenige Freunde, und es war nicht anzunehmen, dass sein Urlaub vom Amt gekürzt werden würde. Er öffnete das Telegramm und las:

»Sehr eilig. Kommen Sie sofort zurück und melden Sie sich in Scotland Yard. Bereiten Sie sich vor, Ihren Bezirk morgen früh zu übernehmen. Australische Polizei berichtet, Hexer verließ vor vier Monaten Sydney. Es wird angenommen, dass er jetzt in London ist.«

Das Telegramm trug die Unterschrift »Walford«.

Alan schaute vom Telegramm auf das Mädchen, das ihn mit besorgtem Gesicht betrachtete.

»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte sie.

Er schüttelte langsam den Kopf.

Der Hexer war in England. Artur Milton, der schonungslose Mörder seiner Feinde, schlau, verwegen und furchtlos. Alan Wemburys Gedanken eilten nach Scotland Yard und zum Büro des Kommissars zurück. Gwenda Milton — war tot, ertrunken, eine Selbstmörderin!

Trug Maurice Messer die Verantwortung, dass diese junge Seele unaufgefordert vor den Richterstuhl Gottes getreten war? Wehe, Maurice Messer, wenn das wahr wäre, wenn das auf deinem Gewissen lastet!

6

Der Hexer hatte seinen Namen vom Volksmund erhalten. Er änderte seine Verkleidung so oft, dass die Polizei noch nie in der Lage gewesen war, eine Beschreibung des Mannes in Umlauf zu setzen. Er war ein Meister der Verkleidung und ein unbarmherziger Feind, der ohne Gnade den Mann erschlug, der seinen Hass heraufbeschworen hatte.

Der Hexer war in London! Und nur ein Grund konnte ihn nach England zurückgetrieben haben: Rache an Maurice Messer, dem er seine Schwester anvertraut hatte.

In welchem Winkel der Riesenstadt würde der Hexer unterzutauchen suchen?