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Sommer in den Lincolnshire Wolds. Als Clarice Beech den Hilferuf ihrer Freundin Louise erhält, kann sie nicht ablehnen: Sie soll sich um eine lebhafte Boxer-Hündin namens Susie kümmern, die Louises Sohn Guy gehört, einem Anwalt, der in einen spektakulären Fall verstrickt ist. Guy ist seit Tagen spurlos verschwunden. Zuletzt wurde er gesehen, wie er in den Wagen eines Unbekannten stieg. Von Anfang an verhält sich Susie merkwürdig. Immer wieder zieht es sie zu einem kleinen Wald hin, in dem sie oft mit ihrem Herrchen spazieren war. Hat das etwas mit dem Verschwinden von Guy zu tun? Clarice beschließt, der Sache nachzugehen ... und gerät wieder einmal selbst in größte Gefahr.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2022
Band 2 der Reihe »Clarice Beech«
Übersetzt von Frauke Meier
Sommer in den Lincolnshire Wolds. Als Clarice Beech den Hilferuf ihrer Freundin Louise erhält, kann sie nicht ablehnen: Sie soll sich um eine lebhafte Boxer-Hündin namens Susie kümmern, die Louises Sohn Guy gehört, einem Anwalt, der in einen spektakulären Fall verstrickt ist. Guy ist seit Tagen spurlos verschwunden. Zuletzt wurde er gesehen, wie er in den Wagen eines Unbekannten stieg. Von Anfang an verhält sich Susie merkwürdig. Immer wieder zieht es sie zu einem kleinen Wald hin, in dem sie oft mit ihrem Herrchen spazieren war. Hat das etwas mit dem Verschwinden von Guy zu tun? Clarice beschließt, der Sache nachzugehen … und gerät wieder einmal selbst in größte Gefahr.
Kate High hat Bildende Kunst an der Faber Academy studiert. Ihre Arbeiten wurden bereits international ausgestellt und verkauft. Sie engagierte sich für die RSPCA, die Königliche Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten an Tieren, eine Tierschutzorganisation in England und Wales, und sie ist Mitbegründerin einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um ältere Tiere kümmert. Kate High lebt in der Nähe von Boston, Lincolnshire.
Kriminalroman
Aus dem Englischen übersetzt vonFrauke Meier
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2021 by Kate High
Titel der englischen Originalausgabe:»The Man Who Vanished and the Dog Who Waited«
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum
Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung von Illustrationen von © Shutterstock: majeczka | Kmannn | VikaSuh | Pavlo S | H Athey | nienora | GoodStudio | Alex Rockheart | Gordon Bell | John Corry | derek oldfield | My Good Images | Peter Kolejak | Valeriya Popova 22 | 3drenderings | CarlsPix | ScottyJ3785 | Jones M; © gettyimages: Seth K. Hughes
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-2093-9
luebbe.de
lesejury.de
Für Steve, Edna, Margaret, Stephen und Michael
Der Morgen war ruhig. Von Fliegen und Bienen abgesehen, rührte sich nichts in dem alten, ummauerten Garten. Der Himmel strahlte in wolkenlosem Blau, und die Luft, drückend vor Hitze, war erfüllt von süßem Blumenduft.
Clarice Beech lag in einem alten, blau-weiß gestreiften Liegestuhl, die langen Beine in halblangen Jeans über den perfekt manikürten Rasen ausgestreckt. Ihr kastanienbraunes, zu einem kurzen Pagenschnitt frisiertes Haar war unter einem weichen Sonnenhut versteckt, der größte Teil ihres Gesichts hinter einer großen Sonnenbrille. Die nackten Arme, freigelassen von dem gelben T-Shirt, hatten die gleiche Farbe wie ihre sommersprossigen, gebräunten Beine.
Während sie darauf wartete, dass ihre Gastgeberin mit dem Kaffee zurückkehrte, schaute sich Clarice im Garten um. Hinter ihr befand sich die offen stehende, doppelflügelige Tür des Wintergartens, die zur Küche führte. Vor ihr zog sich eine lang gestreckte Rasenfläche dahin, die zu beiden Seiten von Blumenbeeten eingerahmt war und an einer niedrigen Hecke endete, hinter der sich eine Mauer mit verschlossenen Toren anschloss. Jenseits davon lag eine freie Fläche, die als Parkplatz diente.
Ein dermaßen großer Garten war in diesem Teil von Lincoln eine Seltenheit. Alford House, ein Grade-II-Anwesen, war samt der Mauern, die diesen privaten Zufluchtsort umschlossen, Mitte des achtzehnten Jahrhunderts für einen wohlhabenden Müller und seine Familie erbaut worden. Der Besitz hatte etliche Male den Eigentümer gewechselt, bis er zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von der Familie Montgomery erworben worden war. An den Wänden im Wohnzimmer hingen gerahmte Fotografien, die im Laufe dieser letzten hundert Jahre bei Familienereignissen und Gartenfesten aufgenommen worden waren. Auch wenn viele davon schwarz-weiß waren, unterschieden sich die Gartenbilder kaum von Clarices derzeitigem Ausblick. Die einzige Ausnahme bildeten die Bilder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, darunter ein gerahmter Zeitungsausschnitt, dessen Überschrift lautete: Die Montgomerys sind Vorreiter. Der Artikel selbst erklärte, wie die Familie ihren Rasen und die Blumenbeete umgegraben hatte, um als Beitrag zu den Kriegsanstrengungen Gemüse anzupflanzen. Die Zeitung zeigte zudem das Bild eines Mannes namens Sir Henry Montgomery, schick ausstaffiert in Tweedjackett und Knickerbocker, der mit seiner Pfeife auf die gleichmäßig angelegten Sämlingsreihen deutete. Das Foto hatte Clarice ein Lächeln entlockt; sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann von Sir Henrys Stand mitten im zwanzigsten Jahrhundert die Ärmel hochkrempelte, um einen Garten umzugraben und Kartoffeln zu pflanzen. Die alten reichen Familien hielten sich gewöhnlich eine Dienerschaft, der sie solche Aufgaben überlassen konnten, aber sie nahm an, dass der Artikel zeitgemäß und pflichtschuldig den Patriotismus der Montgomerys veranschaulichen sollte.
Sie ließ den Blick über die Staudenrabatten wandern, die sich von der Mauer bis zum Rasen zogen, und versuchte, sich an die Namen der einzelnen Bestandteile dieses riesigen Pflanzenheers zu erinnern, das sich dort aufrecht in kleinen Gruppen sammelte. Blau und weiß, Skabiosa, tiefblau, Aconitum, auch bekannt unter dem Namen Eisenhut, dann Alcea, landläufig Malve oder Stockrose genannt, und die gelbe, an Gänseblümchen erinnernde Blume Doronicum. Ihre Gastgeberin Lady Jayne Montgomery hatte sich offensichtlich einige Gedanken über die Pflanzung der diversen Sorten gemacht und ihre Wuchshöhe und den Anspruch an Sonnenlicht oder Schatten einbezogen. Lythrum mit seinen lanzenförmigen Blättern und den purpurroten Blüten, und Polygonatum mit den gebogenen Wedeln, unter denen Massen weißer Glöckchen blühten, standen im Schatten eines großen Loganbeerenstrauchs.
Weiter entfernt genossen leuchtend pinkfarbene und gelbe Potentilla und mauve- und purpurfarbene Phlox die pralle Sonne. Für einen Moment schloss Clarice halb die Augen und blickte durch die Wimpern; ein Spiel, das sie als Kind gespielt hatte, um die weiße Gypsophila wie eine wogende, treibende Wolke wahrzunehmen. Der Garten war Jaynes Leidenschaft, und ihn zu solch exzellenter Pracht zu bringen, musste beinahe ein Vollzeitjob sein.
Clarice wandte ihre Aufmerksamkeit den Ziegeln in der alten Mauer zu, die größtenteils hinter hoch aufragenden Pflanzen, Sträuchern und Kletterpflanzen verborgen waren, und stellte sich die Handwerker vor, die Tag um Tag schufteten, um jeden einzelnen Ziegelstein von Hand herzustellen, damit andere daraus die Mauer errichteten.
Jayne hatte Clarice den ummauerten Garten für eine Wohltätigkeitsveranstaltung angeboten, die am kommenden Sonntag stattfinden sollte. Es würde Chutneys geben, Konfitüren und Brot, einen Bücherstand und eine Tombola. Erfrischungen – Tee, Kaffee, selbst gemachte Limonade und Gebäck – würden von Freiwilligen an kleinen Tischen serviert werden. Clarice hatte die begünstigte Organisation, Castlewick Animal Welfare oder kurz CAW, gegründet, als sie angefangen hatte, Heimatlose und Streuner von der vierbeinigen Sorte aufzunehmen. Sämtliche Gelder sollten dafür benutzt werden, tierärztliche Behandlungen zu bezahlen und Futterkosten zu begleichen. Sollte das Wetter so bleiben wie jetzt, hoffte sie auf ein hervorragendes Ergebnis.
Die Hauptattraktion für die neugierigen Besucher der privaten Residenz an der Straße Steep Hill in Lincoln wäre der ummauerte Garten selbst. Clarice war bewusst, dass die glanzvolleren Häuser weiter oben am Hügel in der Nähe von Minster Yard standen. Aber die Schönheit dieses Hauses würde den im Vergleich zu der gehobeneren Nachbarschaft nicht ganz so exaltierten Status mühelos wettmachen. Die dreimal verheiratete Jayne, die inzwischen Mitte achtzig war, machte ihre private Domäne nur selten für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie war, wie sie Clarice erklärt hatte, für den Rest ihres Lebens die Hüterin dieses erlesenen Anwesens. Nach ihrem Tod sollte es der älteste Sohn aus der ersten Ehe ihres verstorbenen Mannes erben.
Jayne und Clarice hatten sich vor fünf Jahren durch Amanda Jenkins, eine gemeinsame Freundin, kennengelernt. Jaynes dritter Ehemann, der pensionierte Amtsrichter Sir James Montgomery, war ganz plötzlich einem Herzanfall erlegen. Sechs Monate nach seinem Tod musste Lady Jaynes einziger verbliebener Gefährte, der Zwergpudel Libby, eingeschläfert werden. Sie war, wie Amanda gesagt hatte, untröstlich; ob CAW vielleicht einen kleinen älteren Hund habe, den sie aufnehmen könne, um die Lücke zu füllen?
Clarice hatte Jayne Basil vorgestellt, einen achtjährigen Terrier-Springer-Spaniel-Mischling, der kürzlich seine Herrin verloren hatte, nachdem sie in ein Pflegeheim hatte gebracht werden müssen. Als sie die beiden bei ihrem ersten Zusammentreffen beobachtete, hatte Clarice gewusst, dass das, was sie da sah, Liebe auf den ersten Blick war – die zwei Oldies waren wie füreinander geschaffen, das perfekte Paar. Nach seiner Adoption war Basil ein liebenswerter Freund für Jayne geworden, und sie hatte es ihm mit einem üppigen Schoß samt Ohrkratzdienst gedankt.
Insgeheim hatte sich Clarice über Basils gesellschaftlichen Aufstieg amüsiert. Den neuen Besitzern wurde nie erzählt, wer das Tier zur Adoption freigegeben hatte, aber Clarice wusste, dass Basil aus einem Zuhause in einer belebten, aber heruntergekommenen Wohnsiedlung in einer Stadt an der Ostküste in diese piekfeine Gegend unterhalb des Steep Hill in Lincoln gekommen war. Die Konstante in seinem Leben war die Liebe, die er an beiden Orten erfuhr. Nun, mit dreizehn, inzwischen recht beleibt und behäbig, passte seine Gangart wunderbar zu der seines Frauchens. Der Garten war ihre Leidenschaft, und während sie damit beschäftigt war, zu pflanzen oder Unkraut zu jäten, blieb Basil stets in ihrer Nähe.
Clarice hatte Georgie Lowe, die Leiterin des Fundraising-Komitees, gebeten, sie heute zu begleiten, sich den Garten anzusehen und die bevorstehende Veranstaltung mit Jayne durchzusprechen: Ablauf, Aufbau, wie viele kleine Tische und Stühle nötig sein mochten. Georgie, die nicht nur neugierig, sondern auch klatschsüchtig war, hatte sich über diese Gelegenheit, Jaynes Heim und Garten kennenzulernen, gefreut. Aber heute früh hatte sie angerufen und in enttäuschtem Tonfall erklärt, dass Jessica, ihre elfjährige Tochter, sich eine Magen-Darm-Grippe eingefangen habe und sie daher nicht imstande sei, Clarice zu begleiten.
Als Clarice gleich nach dem Eintreffen Georgies Abwesenheit erklärt hatte, musste sie feststellen, dass Jayne keineswegs geknickt, sondern vielmehr erfreut war, dass sie nur zu zweit sein würden, und sie begriff sogleich den Grund dafür. Zwar wäre Jayne empört, würde jemand dergleichen auch nur andeuten, doch sie teilte Georgies Hang zu Klatsch und Tratsch, und sie hatte keine Gelegenheit mehr zu einem richtigen Plausch mit Clarice bekommen, seit Letztere wieder mit ihrem Ehemann Rick zusammen war.
»Kaffee!« Jayne kam mit einem runden Tablett mit Blumenmuster in den Garten. Sie war eine kleine Frau mit breiten Hüften und einer mächtigen Brust, die einem Gesims gleich über das Geschirr auf dem Tablett ragte. Trotz ihres Alters war ihre Haut glatt und weich. Ihre fahlblauen Mandelaugen hätten kalt wirken können, wären da nicht all die Lachfältchen gewesen, und wenn sie sprach, strahlte ihr ganzes Gesicht vor Gutmütigkeit. Gleich hinter ihr watschelte Basil einher.
Auf dem Tablett standen nicht nur Tassen mit Kaffee, Milchkännchen und Zuckerdose, da war auch noch etwas, das aussah wie Haferriegel.
»Haben Sie gebacken?«, fragte Clarice und musterte die Haferriegel mit gefräßigem Blick.
»Ja, die sind mit Sultaninen und Aprikose«, entgegnete Jayne strahlend. »Wir können sie essen, während Sie mir von Ihrem traumhaften Mann erzählen. Ich will alle Einzelheiten hören.«
»Es sind jetzt schon sechs Monate«, antwortete Clarice und ergriff die Porzellantasse mit dem pinkfarbenen Muster, die mit schwarzem Filterkaffee gefüllt war. »Das sind schon alte Kamellen.«
»Nicht für mich«, protestierte Jayne. »Wie Sie sich diesen großen Mann überhaupt je durch die Lappen gehen lassen konnten, werde ich nie verstehen.«
Clarice lachte. Obwohl sie selbst tatsächlich eins dreiundachtzig war, behauptete sie stets, sie sei nur eins achtzig. Rick überragte sie mit seinen eins dreiundneunzig um ganze zehn Zentimeter.
»Wenn Sie den ziehen lassen, werden Sie sich mit einem Winzling zufriedengeben müssen«, fuhr Jayne fort. »Ich meine jemanden, der nach Ihren Maßstäben ziemlich klein wäre.«
»Darauf lasse ich mich nicht ein, vielen Dank auch.« Clarice lächelte. »Wie auch immer, Rick verbringt immer noch eine Menge Zeit in dem Haus, das er in Castlewick gemietet hat. In der Neubausiedlung. Er nennt es stets Nummer vierundzwanzig. Der richtige Moment, wieder zu mir in das Landhaus zu ziehen, ist bisher noch nicht so ganz gekommen.«
»Warum hat er das Haus denn nicht aufgegeben, als Sie beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen?«, fragte Jayne mit verständnisloser Miene.
»Wir wollten es beide so«, entgegnete Clarice versonnen. »Wir wollten wieder ein Paar sein, es aber langsam angehen, um uns gegenseitig wiederzuentdecken.«
»Klingt vernünftig.«
»Ja, es fühlt sich an wie zweite Flitterwochen.«
»Das ist perfekt.« Jayne schien sich wirklich für sie zu freuen.
»Und Rick hat wahnsinnig viel um die Ohren – er hat gerade erst einen schwierigen Fall abgeschlossen und sitzt schon am nächsten. Da ist es einfacher für ihn, das Haus noch eine Weile zu behalten; es liegt so günstig für sein Büro in der Dienststelle.«
»Na ja, wenn Sie beide damit zurechtkommen …«
»Dabei geht es nicht darum, was wir gern hätten«, erklärte Clarice. »Aber dazu kommen wir noch, wenn er erst einmal etwas weniger zu tun hat.«
»Woran arbeitet er zur Zeit?«, erkundigte sich Jayne. »Falls Sie mir das erzählen dürfen.«
»Ein verdächtiger Todesfall; ein Mann ist in einer Druckerei gestorben. Er wurde in der Presse zerquetscht.« Rick hatte gerade erst mit den Ermittlungen in dem Fall angefangen, und Clarice hoffte, sie würde später an diesem Tag noch mehr darüber erfahren.
»Der Ben-Abott-Fall? Davon habe ich gelesen«, sagte Jayne interessiert. »Der Lincoln Herald hat ihn diese Woche als Unglücksfall gemeldet. Abbots Druckerei ist schon seit Jahren in North Hykeham ansässig. Bens Vater ist erst vor ein paar Wochen gestorben. Und da gibt es noch einen Bruder.« Nachdenklich musterte sie Clarice. »Wenn Rick daran arbeitet, muss wohl der Verdacht auf Mord bestehen.«
»Dazu kann ich unmöglich etwas sagen«, erwiderte Clarice, lächelte aber dabei.
Jayne nickte. Sie verstand, dass ihre Freundin das Thema nicht weiter vertiefen wollte. »Kommt er am Sonntag auch?«, fragte sie hoffnungsfroh. Trotz ihres Alters konnte sie einem Flirt nicht widerstehen.
»Wenn die Arbeit es erlaubt.«
»Gut.« Sie bedachte Clarice mit einem listigen Lächeln. »Ich freue mich darauf. Ich nehme an, er begleitet Sie zu der Eröffnung Ihrer Ausstellung in London?«
»Ja«, sagte Clarice. »Es ist eine Gruppenausstellung mit drei anderen. Ich veranstalte jedes dritte Jahr eine in London. Nächstes Jahr ist dann Norwich dran, und im Jahr darauf haben wir eine Pause. Am Freitagmorgen geht es los – sie ist von achtzehn bis einundzwanzig Uhr geöffnet.«
»Dann haben Sie ja eine Menge vor, zusammen mit der Spendensammlung am Sonntag.«
»Glücklicherweise stellt die Galerie das Personal – ist in den Kosten inbegriffen, was nicht immer der Fall ist. Ich baue auf und bin während der Eröffnung dort, bleibe über Nacht und komme Samstag wieder nach Hause.«
»Und die anderen Aussteller, sind das alles Keramiker?«, erkundigte sich Jayne.
»Ja, aber wir konkurrieren nicht miteinander. Diese Gruppenausstellungen dienen eher dazu, die Unterschiede herauszustreichen. Jerry, einer der anderen, stellt Miniaturen her – Tassen und Untertassen, Teekannen, wirklich schrulliges Zeug. Ros macht flache Teller, und Johns Arbeiten haben seit den Sechzigern eine skandinavische Optik mit einem modernen Einschlag.«
»Das kontrastiert gut mit Ihren großen Vasen.«
Clarice nickte, während sie den Garten musterte. »Da wir gerade bei Sonntag waren: Kann einer unserer Freiwilligen am Freitag rüberkommen und ein paar Klapptische und -stühle herbringen?«
»Kein Problem, die können in der Garage lagern, bis wir sie brauchen. Sorgen Sie nur dafür, dass die vorher anrufen, damit ich auch wirklich da bin.« Jayne folgte Clarices Blickrichtung. »Tische für Tee und Gebäck auf dieser Seite in der Nähe der Küche?«
»Genau so habe ich es mir gedacht«, stimmte Clarice zu. »Dann müssen die Tabletts nicht so weit herumgetragen werden.«
Eine Stunde später war alles besprochen, Clarice umarmte sowohl Jayne als auch Basil und verabschiedete sich.
Auf dem Weg vom Haus zu ihrem Wagen dachte sie über das Gespräch nach. Sie fragte sich, ob ihre zuversichtlichen Antworten hinsichtlich ihrer Entfremdung von Rick irgendwann mehr als nur vorgespielt sein würden. Konnte sie je damit aufhören, an die Einsamkeit nach der Trennung zu denken, die sich für sie so quälend angefühlt hatte, als würde sich ihr ganzer Körper verkrampfen? Das war, so beschloss sie, als sie am Wagen angekommen war, nur eine Frage der Zeit.
Sie griff nach dem Mobiltelefon auf dem Beifahrersitz ihres dunklen Range Rovers. Drei verpasste Anrufe, alle von Louise Corkindale, einer alten Freundin, die in den Wolds außerhalb von Lincoln lebte.
Während ihrer Abwesenheit hatte sich der Wagen in der Sonne aufgeheizt. Sie kurbelte das Fenster runter, um frische Luft hereinzulassen. Einige Kinder jagten einander mit schrillem Geschrei den Hügel hinab und erinnerten sie daran, dass die Sommerferien begonnen hatten, woraufhin sie wieder an Georgie denken musste. Sie fragte sich, wie sie mit Jessica zurechtkam, und hoffte, dass Seth, der vier Jahre älter war als Jessica, der Infektion entgangen war.
Louise nahm beim zweiten Klingeln ab. »Hi, Louise!«, sagte Clarice. »Du hast versucht, mich zu erreichen?«
»Clarice, ja.« Louise hörte sich an, als wäre sie außer Atem. »Danke, dass du zurückrufst. Ich brauche deinen Rat. Es geht um Susie, Guys Hund.«
»Ach, die süße Susie, die Boxerhündin.« Clarice nahm einen ängstlichen Unterton in der gewöhnlich so ruhigen Stimme ihrer Freundin wahr. »Es gibt doch hoffentlich keine Probleme?«
»Na ja, doch, schon. Ich habe Susie hier bei mir, aber ich brauche deinen Rat wegen ihrer Unterbringung. Guys Frau Charlotte hat mich gebeten, sie bei mir zu behalten, aber Milo, mein Westie, ist jetzt fünfzehn; er wird keinen anderen Hund in seinem Territorium dulden. Und Susie hat eine schlimme Wunde auf der Rückseite eines Beins.«
»Wie ist das passiert?«, fragte Clarice, verdattert über die Richtung, die das Gespräch nahm.
»Ich weiß es nicht, sie ist ja gerade erst vor meiner Tür aufgetaucht. Sie ist weggelaufen, als Charlotte so beschäftigt war, dass sie gar nicht gemerkt hat, dass die Hündin fort ist.«
Clarice fragte sich, wie tief die Wunde wohl war und warum ihre Freundin den Hund nicht einfach zum Tierarzt gebracht hatte. »Louise, ich will gerade aus Lincoln abfahren; kann ich auf dem Heimweg vorbeikommen? Ich wäre in ungefähr einer halben Stunde bei dir.«
»Ja, danke, Clarice, wenn du das tun würdest.«
»Wo ist Guy?«, fragte Clarice. »Ist er wieder geschäftlich in London?«
»Das ist das Problem. Er ist weg.«
»Was meinst du mit weg? Wohin weg?«
»Keine Ahnung«, sagte Louise und klang plötzlich weinerlich. »Charlotte sagt, er hätte gestern Morgen gegen sieben das Haus verlassen und wäre mit jemandem, den er als Geschäftsfreund bezeichnete, weggegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Er ist einfach verschwunden.«
Während sie die Silver Street runter- und in die Monks Road hineinfuhr, konzentrierte Clarice sich auf den starken Verkehr, doch kaum war sie auf dem Weg aus Lincoln hinaus, fing sie an, sich zu entspannen. Der Sonnenschein, der sich zwischen den Gebäuden der Stadt blendend hell gespiegelt hatte, leuchtete nun auf die hügligen, wogenden Weizenfelder herab und überzog die Landschaft mit einem goldenen Schleier.
Die Angst, die sie in Louises Stimme wahrgenommen hatte, machte ihr Sorgen. Die Frau, mit der sie schon viele Jahre befreundet war, brachte normalerweise nichts so leicht aus der Ruhe. Wie war es möglich, dass ihr Sohn einfach verschwand? Wenn er in seiner Ehe mit Charlotte unglücklich gewesen wäre, dann hätte es doch Anzeichen geben müssen, ehe er seine Sachen packte. Oder steckte da was Schlimmeres hinter, vielleicht etwas, das mit seiner Arbeit zu tun hatte? Guy war Prozessanwalt und arbeitete in einer Kanzlei in Lincoln’s Inn in London.
Louise war Mitte siebzig und Witwe. Ihren Mann Martin, der starb, als Guy noch ein Kind gewesen war, hatte Clarice nie kennengelernt. Nach seinem Tod hatte Louise ihre Hobby-Kräuterzucht zu einem Gemüseanbaubetrieb ausgeweitet, und es hatte gut funktioniert: Sie konnte ihre geschäftlichen Verpflichtungen ihrem häuslichen Alltag anpassen und war während der Schulferien immer zu Hause. Das Geschäft florierte, und mittlerweile beschäftigte sie drei Vollzeitkräfte. Louises Situation erinnerte Clarice an ihre eigenen Eltern: Ihr Vater war überraschend gestorben, sodass ihre Mutter Mary sie allein hatte großziehen müssen. Beide Frauen hatten sich bewundernswert geschlagen.
Guy war nur ein Jahr jünger als Clarice, und ihre Pfade hatten sich in einem Pub in Castlewick gekreuzt, als sie beide noch keine zwanzig gewesen waren. Später war Guy nach London gezogen, um seine juristische Laufbahn zu beginnen, und allem Anschein nach hatte er es zu einem erfolgreichen Anwalt gebracht. Louise hatte unterdes begonnen, sich für Clarices Tierschutzorganisation zu interessieren, und jetzt hatten die beiden etliche gemeinsame Freunde, darunter Jonathan Royal, einen Veterinär aus Castlewick. Susies Bein kam ihr wieder in den Sinn, und sie fragte sich erneut, warum Louise den Hund nicht längst in Jonathans Praxis gebracht hatte.
Während sie hinter einem Traktor mit einem überbreiten Anhänger feststeckte, ging sie in Gedanken methodisch durch, was sie über die Corkindales wusste. Guy war einundvierzig, verheiratet mit Charlotte, die im gleichen Alter war. Ihr Hauptwohnsitz war in Lincolnshire. Außerdem hatten sie eine kleine Wohnung in London, die Guy nutzte, wenn er beruflich dort war. Die älteste Tochter Tara aus Charlottes erster Ehe war fünfzehn, und es gab zwei jüngere Geschwister, die achtjährige Angel und die sechsjährige Poppy.
Erleichtert sah Clarice, dass der Traktor den Blinker setzte und nach links abbog, sodass sie wieder beschleunigen konnte. Die Landschaft veränderte sich, je tiefer sie in die Wolds vordrang; die Straße wurde schmaler und schlängelte sich um diverse Windungen und Kurven. Zwanzig Minuten später schaltete sie einen Gang runter, um den Wagen abzubremsen, als sie auf den einspurigen, unbefestigten Weg abbog, der zu Louises Haus führte. Sie öffnete die Fenster und genoss die warme Luft auf ihrer Haut, die einen irdenen Geruch nach Ackerboden, Gräsern und Weizen mit sich trug. Die schmale Trasse stellte während des größten Teils des Jahres kein Problem dar, aber im Winter, bei Regen, Eis und Schnee, wurde sie zu einer Gefahr. Auf beiden Seiten befanden sich tiefe, künstlich geschaffene Gräben zur Entwässerung des Landes, in denen derzeit sommerliches Gras wucherte. Louise selbst fuhr einen alten Land Rover, schwer und breit genug, um den rutschigen Pfützen und den Schlaglöchern auszuweichen, mit denen die Fahrer kleinerer Wagen sich herumschlagen mussten.
Aus der Ferne konnte Clarice säuberliche Reihen von Folientunneln für den Anbau von Kräutern erkennen, die vor dem landschaftlichen Hintergrund aussahen wie schimmernde Raumschiffe aus fernen Welten. Zu Louises drei Mitarbeitern zählte ein Paar in den Fünfzigern, Ian und Judith Roberts. Judith hatte vor fünfzehn Jahren zuerst angefangen, Robert war fünf Jahre später dazugekommen, nachdem sein vorheriger Arbeitsplatz wegrationalisiert worden war. Der dritte Angestellte war Gavin, ein junger Mann, der direkt nach seinem Schulabschluss engagiert worden war, als das Geschäft sich ausgeweitet hatte. Die Roberts’ wussten inzwischen genauso viel darüber, wie man ein Geschäft zu führen hatte wie Louise selbst. Sie sagte häufig, dass unter ihren wachsamen Augen alles genauso weiterlaufen würde wie sonst, wenn sie sich mal eine oder zwei Wochen freinehme. Judith hatte Louise gebeten, ihnen eine Art inoffizielles Vorkaufsrecht für Geschäft und Landhaus einzuräumen, sollte sie je beschließen, alles zu versilbern und wegzuziehen. Sie hatte zugestimmt, ihnen aber auch gesagt, dass sie ihr Zuhause liebe und immer noch gern arbeite, weshalb dieser Tag wohl Jahre auf sich würde warten lassen. Trotzdem waren Judith und Ian zufrieden mit ihrer Antwort gewesen.
Um das kleine bewaldete Gebiet herum, das zu Louises Garten gehörte, gelangte Clarice zur Vorderseite des idyllischen Landhauses aus dem achtzehnten Jahrhundert, das sich teilweise hinter großen Sträuchern und Floribundarosen versteckte. Als sie den Wagen in der Einfahrt stoppte, wo sich in der Luft der Geruch von frisch gemähtem Gras mit Blumenduft und dem Gesang der Gartenvögel mischte, musste sie an Jaynes Garten denken. Hier kamen noch das Aroma der Kräuter sowie aus den Tiefen des offenen Landes das unermüdliche, monotone Grummeln der Landmaschinen dazu.
»Clarice, ich bin ja so froh, dass du kommen konntest.«
Eine kleine, schlanke Frau mit klaren Zügen und kurzem grau-weißen Haar trat aus dem Landhaus und kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Die beiden Frauen umarmten sich, und Clarice folgte Louise ins Haus.
»Ich bin völlig fertig, Clarice«, erklärte Louise. »Das ist bestimmt albern. Ich bin sicher, es gibt eine vernünftige Erklärung, aber ich bin einfach furchtbar besorgt.«
»Hat er so etwas schon mal getan?«, fragte Clarice.
Louise hob die Schultern und verzog das Gesicht zu einem Ausdruck der Verzweiflung.
Sie gingen durch einen kurzen Hausflur ins Wohnzimmer. Zwei kleinere Räume waren zusammengelegt worden, um diesen weitläufigen Raum zu schaffen. Ein Torbogen verriet, wo einst die Trennwand gestanden hatte. Das Wohnzimmer mit seinen beige-grau verputzten Wänden und dem Eichenboden war das Zentrum des Hauses. Überall im Raum verteilt standen antike Stühle mit gobelinbezogenen Lehnen nebst einem dreisitzigen Sofa und passenden Sesseln mit Chintzbezug vor dem kalten Kaminofen. Auf einer Seite kauerte ein Eichensekretär in einer kleinen Nische, den Louise von ihren Eltern geerbt hatte.
Milo kam herbei, um sie zu begrüßen. Seine Rute bewegte sich eher ziellos, sein Fell war stumpf, die von einem schneeweißen Bart gekennzeichnete Nase feucht.
»Armer alter Mann.« Clarice kniete sich vor ihn und sprach mit ihm, während sie ihn streichelte. »Dir sieht man das Alter an, aber ich wette, du bekommst jede Menge Streicheleinheiten.« Der Hund saß aufrecht vor ihr, den Kopf zur Seite geneigt, und musterte sie aus seinen milchigen Augen. Aus einem anderen Teil des Hauses hallte Gebell herüber.
»Ja, er ist langsam und sehr arthritisch.« Louise beugte sich vor, um Milos Kopf zu tätscheln. »Taub ist er auch, ziemlich kurzsichtig und ein bisschen wackelig auf den Beinen, der Gute, aber ich gebe mir Mühe, ihn mit Liebe zu überschütten.«
»Mit fünfzehn darf er auch ein bisschen wackelig sein.« Clarice lächelte, als Milo sich abwandte, um auf einen der Lehnsessel zu klettern.
»Nur gut, dass die niedrig genug für ihn sind«, bemerkte Louise. »Der da ist sein Lieblingssessel.«
»Ich nehme an, der Hund, der da bellt, ist Susie?«, fragte Clarice, als das Gebell kurz verstummte und gleich wieder einsetzte.
Louise nickte. »Sie will einfach ein bisschen Aufmerksamkeit, aber ich kann sie hier nicht reinlassen – sie ist viel zu stürmisch für Milo. Ihre Rute peitscht richtig hin und her, wenn sie aufgeregt ist. Ich bin jedoch froh, dass sie eine richtige Rute hat. Weißt du, vor Jahren, da hat man die Schwänze der Boxer noch kupiert – furchtbar.«
Clarice folgte Louise zum Sofa und setzte sich neben sie. »Fang am Anfang an und erzähl mir, was passiert ist.«
Louise legte die Hände in den Schoß und ließ für einen Moment den Kopf hängen. Als sie wieder aufblickte, wirkte sie gefasst. »Ich weiß es wirklich nicht.«
Clarice stutzte, nickte aber.
»Die Familie benutzt oft den Weg von ihrem zu meinem Haus, um Susie Bewegung zu verschaffen – wir liegen nur zwei oder drei Meilen voneinander entfernt, und das ist ein netter Spaziergang für die Kinder und den Hund. Sie folgen dem Weg am Fluss entlang und nehmen die kleine Brücke bei Miles End. Susie ist ein kluges Mädchen – sie würde den Weg hierher mit verbundenen Augen finden.«
Clarice nickte wieder. Zwar war sie nie in Guys Haus gewesen, aber sie kannte den Verlauf des Flusses und den Weg, den Louise beschrieben hatte.
»Ich war im Garten, so gegen zehn Uhr heute Morgen, als ich Gebell hörte. Ich bin ums Haus herum zur Vorderseite gegangen, und da war Susie und kam auf mich zugehumpelt.«
»Eine Wunde im Hinterlauf?«, fragte Clarice.
»Ja«, bestätigte Louise. »Ich wusste, dass Guy am Wochenende zu Hause war – ich habe ihn am Samstag gesehen – und dass er früh gestern Morgen nach London zurückfahren sollte.«
»Aber er ist nicht gefahren?«
»Anscheinend nicht. Als ich Susie gefunden habe, rief ich bei ihm an. Laut Charlotte hat Guy gesagt, er müsse erst noch ein Problem mit einem Geschäftsfreund besprechen, ehe er fahren würde. Dieser Mann – Charles irgendwas; Charlotte kannte seinen Nachnamen nicht – ist gegen sieben am Morgen gekommen und hat ihn abgeholt.«
»Warum hat Guy ihn nicht einfach hereingebeten, um mit ihm zu reden?«
»Es sind Ferien«, sagte Louise. »Die Kinder sind zu Hause. Ich nehme an, wenn es um ein ernstes Geschäftstreffen geht, will er nicht von ihnen gestört werden. Aber er ist nicht zurückgekommen. Seine Reisetasche steht immer noch fertig gepackt im Flur.«
»Charlotte hat nicht angerufen, um dir davon zu erzählen?«, fragte Clarice. Sie war Charlotte ein- oder zweimal bei irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen in Louises Haus begegnet. Ihrem Eindruck nach war sie nett, aber nicht besonders interessiert an Small Talk. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass diese Frau zu unzähligen Gelegenheiten in das Haus ihrer Schwiegermutter eingeladen wurde und es für ihre Pflicht hielt, ein- oder zweimal im Jahr auch tatsächlich zu erscheinen.
»Nein, sie sagte, sie hätte mich nicht beunruhigen wollen«, entgegnete Louise mit finsterem Blick. »Als würde ich nicht wissen wollen, wenn es ein Problem mit meinem eigenen Sohn gibt.«
»Bringt Charlotte ihn nicht für gewöhnlich zum Bahnhof?«
»Ja, das tut sie. Aber sie meinte, so etwas hätte er schon einmal gemacht, also wäre sie nicht besorgt gewesen.«
»Dann ist das also nicht ganz außergewöhnlich.«
»Nein, nicht ganz, nehme ich an.« Louise klang verunsichert. »Ich kann mich nicht genau erinnern, was passiert ist, aber vor einigen Jahren war da mal was. Es wurde viel gescherzt darüber, dass Guy die Zeit nicht im Auge behalte.«
»Aber beim letzten Mal ist er zurückgekommen.«
»Ja, und er war sehr spät dran, um in seine Kanzlei in London zu kommen, glaube ich. Zu spät für irgendwelche Meetings.«
»Und gestern ist er gar nicht zur Arbeit erschienen?«, hakte Clarice nach.
»Nein«, sagte Louise. »Er ist weder in der Kanzlei noch in seiner Wohnung aufgetaucht. Für Notfälle haben wir die Telefonnummer von Stuart, seinem Nachbarn; die beiden haben sich gegenseitig Schlüssel für ihre Wohnungen anvertraut. Stuart hat gesagt, er hätte am Freitagnachmittag mit Guy gesprochen, bevor er sich für das Wochenende auf den Weg nach Hause gemacht hat, aber seitdem wäre er nicht wieder dort gewesen.«
»Und was ist mit Susie?«, erkundigte sich Clarice. »Was hat sie mit Guys Verschwinden zu tun?«
»Charlotte dachte, irgendetwas hätte sie in Panik versetzt.«
»Geräusche oder Aktivitäten?«
»Das wusste sie nicht«, entgegnete Louise achselzuckend. »Sie sagte, die Kinder wären gestern Abend mit dem Hund im Garten gewesen. Die Mädchen sind reingekommen, als sie sie gerufen hat, aber Susie war verschwunden.«
»Das ist seltsam«, sinnierte Clarice. »Guy verschwindet am Morgen und der Hund am Abend.«
»Ja, das dachte ich auch – und wo um alles in der Welt war Susie in der Nacht?«
»Zumindest ist sie heute früh hergekommen. Was hast du wegen der Wunde an ihrem Bein getan?«
»Ich hab sie gesäubert, einen Verband angelegt und eine Socke drübergezogen, um das Bein vor Schmutz zu schützen. Aber Jonathan sollte sich Susie wirklich noch ansehen.« Louise wirkte verunsichert.
Clarice musterte die Fotos in den silbernen Rahmen, die Louise auf dem Sekretär aufgestellt hatte: Guy mit schüchterner Miene in seiner ersten Schuluniform; mit Doktorhut und Talar beim Abschluss seines Studiums; mit Perücke und Talar als Prozessanwalt. Außerdem gab es einige Fotos, die ihn mit Charlotte und den drei Kindern zeigten. Auf einem Ehrenplatz direkt in der Mitte stand sein neuestes Foto mit Louise im Garten, wo er den Arm um die Schultern seiner Mutter gelegt hatte.
Heute sah Louise unpässlich aus, wirkte kraftlos. Clarice erinnerte sich, wie hübsch und strahlend sie als jüngere Frau ausgesehen hatte. Nun vermittelte sie den Eindruck von etwas, das zu oft in der Waschmaschine gewesen war, lappig und farblos.
»Es hilft nichts, wenn du vor lauter Sorge noch ganz krank wirst«, sagte sie. »Lass uns durchgehen, was du bisher getan hast.« Sie warf einen Blick zur Uhr – beinahe Mittag; Guy war seit fast dreißig Stunden verschwunden. »Hast du die Polizei informiert?«
»Charlotte hat gesagt, wenn er bis zum frühen Abend nicht wieder da sei, würde sie dort anrufen. Anscheinend interessiert die das nicht, solange noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen sind.«
»Gibt es irgendetwas, das du mir nicht erzählt hast?«, fragte Clarice.
Louise zögerte, und in dieser kurzen Pause spürte Clarice, dass es in der Tat etwas gab, das zu bereden ihrer Freundin widerstrebte.
»Es ist besser, wenn du es gleich sagst, Louise. Die Polizei wird alles wissen wollen, wenn du dich dort meldest«, drängte Clarice.
»Ja, das verstehe ich. Aber was, wenn ich über ihn rede und Dinge sage, von denen er nicht möchte, dass jemand sie erfährt, und er dann auftaucht und sauer auf mich ist?«
Stille hing zwischen ihnen im Raum, während Clarices Geist von einem Gedanken zum anderen sprang und überlegte, was es sein mochte, was ihre Freundin ihr nicht erzählen konnte. »Wenn du nicht darüber reden möchtest, verstehe ich das«, sagte sie nach einer Weile. »Manche Dinge sind einfach zu persönlich.«
»Bevor du gekommen bist, habe ich noch darüber nachgedacht, wie altmodisch ich bin«, gestand Louise in verhaltenem Ton.
»In welcher Hinsicht?«
»Psychische Probleme.« Sie spuckte die Worte förmlich hervor. »Ich glaube, Guy leidet an Depressionen; er ist schon seit Wochen nicht er selbst.«
»Eine Krankheit ist kein Grund, sich zu schämen, ob sie nun physisch oder psychisch ist«, sagte Clarice. »Das kann jedem passieren; und Depressionen sind sehr verbreitet. Hat er mit seinem Hausarzt gesprochen?«
»Nein, er streitet beharrlich ab, dass es da irgendein Problem gibt. Ich mache mir Sorgen, dass es meine Schuld sein könnte. Anfangs war ich ausdrücklich der Meinung, dass er sich nur zusammenreißen müsste.«
»Du sagst, anfangs.«
»Irgendwann ist mir aufgegangen, dass es was Ernstes ist. Was immer das Problem auch sein mag, es ist nichts, das man einfach so abschütteln kann.«
»Was sagt Charlotte dazu? Hast du mit ihr gesprochen?«
»Sie denkt, es liegt an dem Fall, an dem er arbeitet. Guy gehört zum Verteidigerteam im Fall John Bream.«
»Den Namen kenne ich«, sagte Clarice nachdenklich. »Er wird der Geldwäsche beschuldigt – geht es da nicht um große Summen?« Sie sah Louise an, und die nickte.
»Millionen. Guy hält ihn für unschuldig; er meint, sein Geschäftspartner Mick Housman hätte ihm die Sache angehängt. Housman hat eine Spur zu Bream gelegt, die kaum zu übersehen war, und er ist derjenige, der davon profitieren würde, sollte Bream für schuldig befunden werden.«
»Louise«, sagte Clarice besorgt, »dadurch wird sein Verschwinden wirklich sehr beunruhigend. Du solltest sofort die Polizei hinzuziehen. Mich überrascht, dass das nicht längst jemand aus der Kanzlei getan hat.«
»Charlotte hat darum gebeten, dass wir noch ein paar Stunden warten, aber ich glaube, James Wright würde dir zustimmen. Er ist ein guter Freund von Guy und arbeitet in derselben Kanzlei. Ich habe ihn angerufen, ehe du gekommen bist. Er hat gesagt, der Fall Bream kommt nächste Woche vor Gericht, und wenn wir die Polizei nicht heute informieren, tut er es selbst.«
»Richtig so«, kommentierte Clarice.
»Aber Charlotte hat gesagt, wenn wir die Polizei da mit reinziehen, könnte das seine Karriere gefährden, falls die zu dem Schluss kommen, dass er nicht bei klarem Verstand ist. Er hat so schwer gearbeitet, um dahin zu kommen, wo er jetzt ist.«
Clarice musterte Louise einige Augenblicke lang. »Wenn er psychisch krank ist, solltest du ihm dann nicht helfen, damit er eine Therapie und Unterstützung bekommt?«
»Ja, aber womöglich ist es ja gar nicht so ernst – vielleicht reagieren wir einfach übertrieben. Er könnte immer noch auftauchen.«
»Es tut mir leid, aber ich denke, die Polizei sollte jetzt eingeschaltet werden.«
»Ich bin nicht sicher … Ich möchte ihm nicht die Karriere ruinieren. Lass mich erst mit Charlotte reden.« Noch während sie sprach, stand Louise hastig auf.
»Nein«, widersprach Clarice. »Ich habe eine bessere Idee.« Sie erhob sich ebenfalls und baute sich neben Louise auf. »Wenn ich ihn erreichen kann, dann lass mich erst mit Rick sprechen. Du kennst ihn seit Jahren und weißt, er würde dir nichts vormachen.«
Louise setzte eine zweifelnde Miene auf, nickte aber.
»Und wir werden seinen Rat befolgen«, konstatierte Clarice in stahlhartem Tonfall.
Wieder nickte Louise.
Beim Wegfahren schaute Clarice in den Rückspiegel. Louise stand reglos in der Einfahrt und sah ihr hinterher. Clarice hatte gespürt, wie elend ihrer Freundin zumute war, gesehen, wie sie ihrem Blick ausgewichen war, gehört, wie ihre Stimme gezittert hatte. Die lebhafte, leutselige Frau, die sie kannte, hatte sich plötzlich in dieses hilflose, verlorene Wesen verwandelt, gefangen von der eigenen Unentschlossenheit. Als Rick ihr gesagt hatte, dass sie Guys Verschwinden melden und Ermittlungen aufgenommen werden mussten, war Louise erneut in tiefer Unsicherheit versunken.
Clarice hatte gespürt, wie sie selbst sich physisch verkrampft hatte. War es herzlos von ihr gewesen, dass sie Louise gedrängt hatte, eine Entscheidung zu fällen? Ihr Herz hatte ihr gesagt, sie solle sie nicht bedrängen, aber ihr Kopf hatte darauf beharrt, dass sie keine andere Wahl habe.
Im Heck des Wagens, durch ein Hundegitter von ihr getrennt, drehte Susie den Kopf hin und her, sah erst hinaus zu Louise und dann Clarices Hinterkopf an. Die erdfarbenen Streifen in ihrem gestromten Fell kamen vor der beigen Decke besonders deutlich heraus.
Nachdem sie einmal beschlossen hatten, Rick anzurufen, hatte Louise das Festnetztelefon genommen und Clarice in den Wintergarten auf der Rückseite des Hauses geführt. Susie hatte aufgehört zu bellen, als sie eingetreten waren, und sich vor lauter Freude über ihr Erscheinen erst an die eine und dann an die andere gepresst. Clarice hatte Glück; sie erwischte Rick in seinem Büro, erklärte ihm in knappen Worten, was passiert war, und reichte den Hörer an Louise weiter, damit sie ihm genauere Einzelheiten liefern konnte.
Während Louise mit Rick sprach, beobachtete Clarice die Hündin. Susie belastete das verletzte Bein nicht, auch wenn sie nach Aufmerksamkeit gierte und vor Begeisterung aus dem Häuschen war. Stattdessen schleuderte sie ihren ganzen Körper mit wilden, dreibeinigen Tanzschritten herum. »Susie … Susie … Susie.« Sanft streichelte Clarice den Hund und beruhigte ihn mit leiser Stimme.
Ehe sie losgefahren war, hatte sie Jonathan angerufen. Zwar hatte er offiziell derzeit keine Sprechstunde, aber er bot ihr an, gleich in seine Praxis zu kommen. Die Fahrt nach Castlewick dauerte kaum zwanzig Minuten.
Jonathan und Keith lebten an einer Nebenstraße, die vom Stadtplatz abzweigte, in einem dreistöckigen Haus mit weißer Fassade; eines von so vielen, die um das Jahr 1900 herum in der Stadt erbaut worden waren. Der kleine, gedrungene Anbau war in den Vierzigerjahren hinzugekommen und hatte als Apotheke gedient, ehe er zu einer Tierarztpraxis umgebaut worden war. Clarice parkte den Wagen hinter der Praxis, hob Susie heraus und ging zur Hintertür des Hauses.
»Hi, Jonathan!«, rief sie.
»Clarice, meine Liebste!« Jonathan tauchte so plötzlich auf, als würde er sich auf Sprungfedern fortbewegen, auf den Armen eine große Menge Hundefutterkartons, die ihm zu entgleiten drohten.
»Kann ich dir helfen?«, fragte Clarice.
»Nein, mein liebes Mädchen – das ist gar kein Problem.« Er kippte seine Last auf eine Küchenarbeitsfläche. »Gehen wir nach nebenan.« Dann, zu dem Hund: »Ich werde mir mal kurz dein armes Bein anschauen.«
Das Sprechzimmer war wie immer blitzsauber. Jonathan tippte rasch ein paar Daten am Computer ein, um Susies Akte aufzurufen. Eine halbe Stunde später, nachdem Clarice erklärt hatte, was passiert war, und er das Hinterbein des Hundes untersucht und verbunden hatte, lehnte sich Jonathan mit vor der Brust verschränkten Armen an den Behandlungstisch.
»Die arme Louise«, sagte er in verschwörerischem Flüsterton und beugte sich zu Clarice vor. Jonathan liebte Klatsch und Tratsch fast genauso wie Georgie Lowe, besonders, wenn er noch ganz frisch war.
»Vergiss nicht, Jonathan, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt«, wies Clarice ihn streng zurecht. Ihr war klar, dass Jonathan etwas, das ihm im Vertrauen erzählt wurde, lediglich seinem Partner und Anwalt Keith erzählen würde, und der wusste, wie man ein Geheimnis bewahrte.
»Aber Louise hat dir gesagt, dass du es mir sagen sollst?«
»Ja, sie wollte über das, was passiert ist, keine Lügen verbreiten. Und ihr ist klar, dass, sofern Guy nicht bald gefunden wird, so oder so alle Welt davon erfahren wird.«
Susie, die zwischen ihnen auf dem Boden lag, blickte auf, sah Clarice direkt in die Augen und wedelte unablässig mit dem Schwanz.
»Ja, das verstehe ich.«
Für Clarice ähnelte Jonathan von jeher einem zugeneigten Labrador. Er war Ende vierzig, klein, rundlich und freundlich. Seine Lesebrille balancierte zumeist mitten in dem üppigen schlohweißen Lockenschopf auf seinem Kopf. Er konnte im Handumdrehen von ernsten Angelegenheiten zu Neckereien umschalten und hatte einen schalkhaften Sinn für Humor. Aber die heutige Neuigkeit über Guy versetzte ihn in düstere Stimmung.
Er nickte. »Er war so ein ernsthafter kleiner Junge und hat sich zu einem wirklich entzückenden Burschen entwickelt«, bemerkte er nachdenklich.
»Ja«, stimmte Clarice zu.
»Rick dringt darauf, die Polizei einzuschalten?«
»Ja, wegen Guys Arbeit. Obwohl es da vermutlich keinen Zusammenhang gibt.« Darauf bedacht, den Informationsfluss auf das Nötigste zu beschränken, hatte Clarice ihm nicht von dem Fall Bream oder Louises Befürchtungen, ihr Sohn könnte unter Depressionen leiden, erzählt.
»Also«, sagte Jonathan und ging in die Knie, »lass den Verband dran, Susie, sonst musst du eine Halskrause tragen.« Er tätschelte den Hund liebevoll.
»Danke, Jonathan«, sagte Clarice. »Wenn sie anfängt, daran zu nagen, lege ich ihr den Plastikkragen an. Aber da es sich um das Hinterbein handelt, hoffe ich, sie lässt die Wunde in Ruhe.«
»Der Schnitt ist geradlinig und tief dazu. Ich kann nicht sagen, was ihn verursacht hat – ein Messer war es nicht, dafür ist er zu breit. Aber es könnte etwas gewesen sein, woran sie hängen geblieben ist, vielleicht ein scharfes Stück Metall. Ich habe ihr ein Antibiotikum gespritzt, und ich möchte mir das Bein Ende der Woche gern noch einmal ansehen.«
»Freitag?«
Jonathan nickte.
»Ich werde Bob bitten, sie am Freitagmorgen während der Sprechstunde herzubringen. Ich selbst muss sehr früh nach London.«
»Ja, natürlich«, entgegnete Jonathan in begeistertem Ton. »Da eröffnet deine neue Ausstellung – du musst furchtbar aufgeregt sein. Ich will haufenweise Bilder von diesem bedeutsamen Ereignis sehen! Und falls Bob es nicht schafft, sie herzubringen, dann komm einfach am Samstagnachmittag vorbei, wenn du aus London zurück bist. Ruf mich nur vorher an.«
»Danke«, sagte Clarice. »Du bist ein wahrer Freund.«
»Ich nehme an, das ist passiert, als sie über Nacht draußen war.« Nachdenklich musterte er Susie. »Ich frage mich, was sie so erschreckt hat, dass sie davongelaufen ist – sie ist ein typischer Boxer, lebt auf der Überholspur, läuft ständig auf Hochtouren und hat ein freundliches Naturell.«
»Darüber konnte Louise mir auch nichts erzählen.«
»Und Susie zieht jetzt zu dir und deiner Meute«, mutmaßte Jonathan.
»Du meinst meine vierbeinige Familie.« Clarice lachte. »Ich glaube, sie ist schon durcheinander genug, auch ohne den zusätzlichen Tumult einer Hundepension. Sie ist immer bei Louise geblieben, wenn Guy und seine Familie weg waren, nur nicht im letzten Jahr, wegen Milo.«
»Ich wette, Rick wird entzückt sein über den Neuzugang«, kommentierte Jonathan mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen.
»Er wird schon damit klarkommen«, sagte Clarice. »Das tut er eigentlich immer.«
Gemeinsam gingen sie zum Wagen, und Susie humpelte zwischen ihnen einher.
»Rick und ich freuen uns auf das Essen morgen. Wer kocht?«, fragte Clarice, als sie die Heckklappe öffnete. »Ich weiß, dass du nach Keiths Hüftoperation allein für das Kochen zuständig warst, aber inzwischen wechselt ihr euch doch wieder ab, oder?«
»Keith ist an der Reihe.« Jonathan rümpfte die Nase. Er und Keith konkurrierten gnadenlos miteinander, und jeder hielt sich für den besseren Koch. »Die OP ist fünf Monate her, Clarice. Ich bin schon lange nicht mehr allein zuständig. Immerhin, mehr Gelegenheit für mich, etwas zu trinken. Wir werden einen blauen Gin verkosten.«
»Blau!«
»Er kommt aus Südafrika; das Blau stammt von einem Extrakt aus Blüten der Blauen Klitorie und wird zu Pink, wenn man Tonic dazugibt.«
Erheitert zog Clarice eine Braue hoch. »Ich werde es Rick sagen. Ich bin dran mit Fahren.«
»Du Arme«, sagte Jonathan mit gespielter Aufrichtigkeit.
Rick Beech lehnte sich in einem Sessel im Wohnzimmer zurück, während Clarice sich auf dem Sofa gegenüber ausstreckte. Seine Lieblingskatze Muddy, gescheckt und fünf Jahre alt, hatte sich auf eine Weise über seinen Schoß ausgebreitet, die sicherstellte, dass kein Platz mehr für irgendeinen Eindringling blieb. Neben seinem Fuß saß Big Bill, ein großer roter Kater, auf dem Boden und beäugte die Artgenossin verächtlich.
Clarice folgte Ricks Blick zu der Stelle, an der Susie eingeschlafen war. Neben ihr hatten sich die beiden Familienhunde ebenfalls dem Schlummer ergeben. Jazz, ein kleiner, langhaariger braun-weißer Mischling mit kurzen Beinen und einer ungemein langen Rute, schnarchte geräuschvoll, den Kopf auf dem Rücken von Blue, einem schwarzen Labradormix mit einem großen weißen Fleck auf der Brust. Beide Hunde waren als Nothunde zu Clarice gekommen, um in Pflege zu bleiben, bis ein neues Zuhause für sie gefunden würde, und hatten jeweils eine Geschichte von Vernachlässigung und Misshandlung hinter sich. Doch während sie sie aufgepäppelt hatte, hatte sie eine emotionale Bindung zu beiden entwickelt, und als sich für die Hunde, die beide nicht gerade hübsch oder fotogen waren, kein passendes Heim fand, hatte sie sie einfach behalten.
»Es ist nur vorübergehend«, sagte sie, wohl wissend, dass Rick nicht gerade glücklich über den Zuwachs in ihrem Haushalt war. »Und ich bin sicher, Louise versteht, warum du es für nötig hältst, die Polizei wegen Guys Verschwinden sofort zu kontaktieren.«
»Du solltest Susie in einer Hundepension unterbringen; daran herrscht in dieser Gegend schließlich kein Mangel.«
»Während der Sommerferien?«, fragte Clarice.
»Ach, ja.« Er unterbrach sich und dachte nach. »Aber ich mache mir Sorgen, dass du dir zu viel auflädst – vor allem die Probleme anderer Leute. Du hast achtzehn Katzen in der Katzenpension, wenn man die Jungtiere mitzählt, dann ist da noch die Spendensammlung bei Jayne und die Eröffnung der Keramikausstellung am Freitag.«
Clarice schenkte ihm ihr liebstes Lächeln. »Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin gern beschäftigt.«
Sie sah ihren Mann an. Er war eine imposante Gestalt, groß und breit mit grau meliertem braunen Haar, das er extrem kurz geschnitten trug, und einem dauerhaften Dreitagebart im Gesicht. Sie konnte sich gut vorstellen, dass er schon rein optisch auf andere häufig einschüchternd wirkte, was bei seinem Beruf als Detective Inspector der Polizei von Lincoln vermutlich einen Pluspunkt darstellte.
»Du siehst müde aus«, bemerkte sie mit sanfter Stimme. »Kannst du nicht über Nacht bleiben?«
»Heute Nacht nicht. Ich gehe zurück zu Nummer vierundzwanzig – ich muss morgen vor dem ersten Spatzenfurz auf dem Revier sein.« Er legte den Kopf in den Nacken und gähnte. »Wenn ich ausreichend weiterkomme, kann ich hierbleiben, wenn wir morgen Abend von Jonathan und Keith zurückkommen. Am Sonntag arbeite ich nicht, da kann ich dir beim Spendensammeln helfen. Und ich habe Urlaub eingereicht, um dich am Freitag nach London zu begleiten.«
»Toll.« Clarice klang begeistert. »Zwei Nächte und ein Sonntagnachmittag.«
»In der Wochenmitte ist es immer schwer – ich meine, zum Abendessen zu Jonathan und Keith zu gehen.«
»Es ist jedes Mal schwer«, entgegnete Clarice und fügte dann, um nicht allzu kritisch zu klingen, hinzu: »Besonders, wenn du einen großen Fall hast.«
»Na ja, irgendwas ist stets los. Wir schließen nie bloß einen Fall ab, ziehen einen Schlussstrich und fangen mit dem nächsten an; es läuft einfach immer weiter, anders als in diesen Fernsehserien, wo alles immer so sauber zu einem Abschluss kommt.«
»Der, mit dem du jetzt anfängst – Ben Abbot? Jayne hat erwähnt, dass der in der Lokalpresse als Unfall eingestuft worden ist.«
»Es hat ausgesehen wie ein Unfall – und das sollte es wohl. Aber die Tatortspezialisten haben ihren Job gemacht, und der Pathologe hat es auch als Mord gewertet.«
»Ich dachte, der Leichnam wäre zu schlimm zugerichtet, um das zu erkennen?«
Rick nickte. »Er sah schlimm aus, ja, aber zu unserem Glück ist der Schädel fast intakt geblieben, und es wurden Spuren eines Traumas gefunden. Er wurde mit einem Hammer geschlagen.« Geistesabwesend strich er mit den Fingern über Muddys Rückgrat, während er sprach.
»Dann ist das also ziemlich eindeutig.«
»Jupp.« Er streckte sich und gähnte erneut. »Dem Vernehmen nach ein anständiger Kerl, fleißig, und laut dem Nachbarn seines verstorbenen Vaters hat er sich auch immer um seinen alten Herrn gekümmert.«
»Jayne sagte, der Vater wäre erst vor ein paar Wochen gestorben.«
»Er war Witwer; die Mutter ist schon vor Jahren verstorben. Der Vater hat das Geschäft in den Sechzigerjahren gegründet.«
»Du hast so viel um die Ohren, es tut mir leid, dass ich dich auch noch mit Guys Verschwinden belastet habe.«
»Das ist wohl kaum deine Schuld.« Rick rümpfte die Nase. »Ich wäre wütend geworden, hättest du Louise nicht überzeugt, mich anzurufen.«
»Sie hat dir doch erzählt, dass Guy so etwas Ähnliches schon mal gemacht hat?«
»Das war etwas anderes«, entgegnete Rick. »Es ist offenbar schon Jahre her, und da hat er einfach die Zeit aus den Augen verloren, ist jedoch später am gleichen Tag wieder aufgetaucht.«
»Aber das ist nicht so ganz deine Abteilung – Vermisstenfälle.«
»Nein, dafür ist Tony Simpson zuständig. Aber das würde sich natürlich ändern, sollte es zu einer Mordermittlung werden.«
»Hoffen wir, dass das nicht passiert«, sagte Clarice und zog dabei unwillkürlich wie zur Abwehr die Knie an die Brust und wickelte die Arme um die Beine. Sie hatte die Möglichkeit, dass Guy tot sein könnte, gar nicht ins Auge fassen wollen, aber der Gedanke hatte schon wie ein dunkler Schatten im Hintergrund gelauert.
»Ja, hoffen wir es. Du weißt doch, dass Leute, die verschwinden, normalerweise innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder auftauchen?«
»Ja, aber die sind inzwischen um.«
»Bei zweiundsiebzig Stunden ist Panik angesagt. Je länger es dauert, desto mehr Grund zur Sorge gibt es.« Rick klang ernst. »Aber Guy ist kein vermisstes Kind, und laut Charlotte kannte er die Person, die er treffen wollte.«
»Wie ist der Besuch bei Charlotte gelaufen?«
»Tony hat gesagt, sie wäre verständlicherweise durcheinander gewesen, und er hatte das Gefühl, dass sie versuchte, sich der Kinder wegen nichts anmerken zu lassen. Du kennst sie; was hältst du von ihr?«
»Intelligent«, sagte Clarice, doch die Silben kamen ihr nur langsam über die Lippen. »Fleißig und erfolgreich. Ich glaube, ihr ist wahnsinnig wichtig, welchen Eindruck sie nach außen vermittelt.«
Rick musterte sie ein wenig ratlos.
»Ein erfolgsverwöhntes Paar mit perfekter Familie«, fuhr Clarice fort. »Ich denke an einen dieser Werbespots im Fernsehen, wo alle immer so fröhlich und manierlich sind. In der Realität wissen wir, dass das nur eine Marketingstrategie ist; perfekte Familien gibt es nicht.«
»Du magst sie nicht besonders?«
»Ich habe sie nicht nicht gemocht«, sagte Clarice und klang ein wenig defensiv. »Sie war nicht unfreundlich; eher … spröde. Sie kam mir vor, als wäre sie sehr fokussiert – auf ihre Karriere, auf die Karriere ihres Mannes, ihr Zuhause, die Kinder –, nicht der Typ, der Zeit mit Leuten verschwendet, die keinen Nutzen für sie haben.«
»Also Leute wie du?«, fragte Rick mit einem schiefen, sardonischen Grinsen.
»Leute wie ich und die anderen Landpomeranzen bei Louises Spendensammlungsveranstaltungen«, stimmte Clarice zu. »Ich stelle mir vor, dass sie ein bestimmtes Zeitkontingent bereithält, das sie für diese Gelegenheiten einsetzt, und dass sie nur aus Pflichtgefühl teilnimmt, nicht, weil es ihr Freude macht.«
»Kalt wie ein Fisch?«, hakte Rick nach.
»Nicht unbedingt kalt«, meinte Clarice. »Sie hat ziemlich lebhaft gewirkt im Umfeld der Leute, mit denen sie sich beschäftigte. Sie hat die Leute gewissermaßen unaufdringlich in ihren Bann gezogen; charmant, aber unverbindlich.«
»Okay.« Rick klang nachdenklich.
»Ich treffe sie übrigens morgen«, fügte Clarice hinzu.
»Clarice.« Rick starrte ihr direkt in die Augen. »Misch dich nicht in Polizeiangelegenheiten ein.«
»Tue ich nicht«, erwiderte Clarice in neutralem Ton. »Ich habe Louise nur gefragt, ob sie glaubt, die Kinder würden gern herkommen, um Susie zu besuchen. Schlimm genug, dass ihr Vater verschwunden ist – ich dachte, es könnte sie trösten, ihren Hund zu sehen.«
»Wenn Louise die drei Mädchen herbringt, warum musst du dann ihre Mutter treffen?«
»Zwei Mädchen. Louise hat Charlotte gefragt, ob sie für ein paar Stunden herkommen wollen, aber Tara, die Älteste, kommt wohl nicht.«
»Und du musst Charlotte treffen, weil …?«, hakte Rick in argwöhnischem Ton nach.
»Weil Grandma Louise einen Arzttermin hat und die Mädchen nicht nach Hause bringen kann. Also habe ich gesagt, dass ich das übernehme«, erklärte Clarice mit Unschuldsmiene.
»Steck deine Nase da nicht rein«, mahnte Rick und hielt ihrem Blick stand. »Und ich verstehe wirklich nicht, warum sich Charlotte nicht um ihren eigenen Hund kümmern kann!«
»Weil laut Louise ihre Fassade bröckelt. Charlotte verkraftet die Sache nicht.«
»Sie arbeitet von zu Hause aus?«, fragte Rick.
»Im Moment nicht. Sie ist freiberufliche Textildesignerin, aber sie hat alle Aufträge gekündigt.« Sie legte eine kurze Pause ein. »Was mich richtig beschäftigt, ist, warum Guy diesen Charles nicht ins Haus eingeladen hat.«
»Hast du nicht gesagt, Louise hätte dir erzählt, es wäre zu laut gewesen wegen der Kinder?«
»Hmm, das schlucke ich einfach nicht.«
»Weiter.« Rick verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich näher an sie heran.
»Ich bin sicher, sie hätten Tara bitten können, sich für eine Stunde im Obergeschoss um ihre Schwestern zu kümmern. Sie ist fünfzehn – alt genug, um ein bisschen den Babysitter zu spielen.«
»Du denkst also, Guy wollte Charles nicht in seinem Haus haben.«
»Du nicht?«
»Ich kann nicht behaupten, dass mir dieser Gedanke nicht durch den Kopf gegangen wäre.«
»Ich kenne Guy nicht besonders gut, aber nach allem, was ich gehört habe, ist er ein anständiger Mann«, reflektierte Clarice. »Das legt schon einen Zusammenhang mit dem Fall John Bream nahe. Guy war in letzter Zeit besorgt, wirkte depressiv, und dann wollte er diesen Besucher nicht ins Haus lassen, in die Nähe seiner Familie.«
Rick nickte und lehnte sich tief in Gedanken versunken zurück.
Den Punkt, an dem er sie erst vor ein paar Minuten gewarnt hatte, sie solle ihre Nase da nicht hineinstecken, hatte er, wie Clarice dachte, offenbar bereits hinter sich gelassen. Ein Schauder verhaltener Begeisterung ergriff Besitz von ihr – das Spiel hatte begonnen.
Später, nachdem Rick gegangen war, nahm Clarice Susie an die Leine und machte noch einen letzten Abendspaziergang mit den drei Hunden. Jonathan hatte sie angewiesen, Susie für ein paar Tage ruhig zu halten und ihr nicht zu erlauben, herumzuspringen oder zu laufen, bis der Heilungsprozess in Gang gekommen wäre. Angesichts der Persönlichkeit des Boxers war das eine gigantische Herausforderung. Blue rannte mit einem alten Gummiball von undefinierbarer Farbe um Jazz herum, während Clarice sich mit Susie am Rand des Gartens vorantastete.
Das Cottage, in dem Clarice ihre Kindheit verbracht hatte, war 1855 erbaut und über die Jahre unter diversen Eigentümern Stück um Stück erweitert worden. Eine Wildblumenwiese belegte einen großen Teil des Grunds, und es gab einen gepflegten Gemüse- und Kräutergarten. Die Sommerernte war zum Schutz vor Kaninchen mit Netzen abgedeckt. Weiter hinten befanden sich mehrere Nebengebäude: Clarices Keramikwerkstatt, die aussah wie ein kleiner Bungalow; eine Scheune, die zur Garage umgebaut worden war, und eine weitere halb verfallene Scheune. Auf einer Seite der Wildblumenwiese stand, erreichbar über einen kleinen Pflasterweg, ein langes, niedriges Gebäude, umgeben von einer Einfriedung, das temporäre Zuhause für ihre Katzen.
Als Clarice mit Ende zwanzig das Keramikhandwerk gelernt hatte, war bei ihrer Mutter Krebs im Endstadium diagnostiziert worden, und Clarice war nach Hause zurückgekehrt, um sie zu pflegen. Nach Marys Tod war sie in dem Landhaus geblieben, hatte an ihren Fähigkeiten gefeilt, sich einen Ruf als Keramikerin erarbeitet und ihre Werke über Galerien und Ausstellungen verkauft. Dann, vor beinahe zwölf Jahren, hatte sie Rick geheiratet, der damals noch Sergeant gewesen war, und es schien nur natürlich, dass sie als Paar weiterhin hier lebten. Es war ein Schock gewesen, als die Beziehung zerbrochen war. Rick hatte sich die Schuld gegeben, aber Clarice musste zugeben, dass es ebenso sehr an ihr wie an ihm gelegen hatte. Seine Arbeitszeiten waren oft zermürbend gewesen, aber ihr eigenes Leben war auch hektisch verlaufen.
Früher am Abend, als die Sonne gerade untergehen wollte, hatte sich der Himmel in unebenmäßige blaue und gelbe Linien aufgeteilt, über die sich eine blutrote Schramme zog, die am Horizont allmählich auslief. Nun verschwand das letzte Licht. Clarice blieb für einen Moment still stehen, um die Schönheit ihrer Umgebung zu genießen. Es wurde allmählich kühl, und die kalte Luft legte sich um ihre nackten Arme und Beine. Sie sah Blue und Jazz zu, die ausgelassen um die Werkstatt tollten, ehe sie ihr und Susie zu dem großen Weidenbaum folgten. Mit seinem Sommerlaub und den Blättermassen an seinen Zweigen wiegte er sich sacht in der nächtlichen Brise.
Ihre Gedanken kehrten zu Louise zurück und zu der Frage, wie sie sich wohl fühlen mochte. Dann, als sie wieder zum Haus hinüberging, kam ihr der Name James Wright in den Sinn: Louise hatte gesagt, er wäre ein guter Freund Guys. Morgen würde sie um seine Kontaktdaten bitten. Ihr Aufenthalt in London am Wochenende bot ihr, sofern es sich einrichten ließ, eine gute Gelegenheit, um sich mit ihm zu treffen und sich anzuhören, was er über Guys Verschwinden und den möglichen Grund dafür dachte. Hatte sie erst alle Vorbereitungen getroffen, würde sie Rick informieren, aber vielleicht erst, wenn sie bereits auf dem Weg nach London wären und es zu spät wäre, um die Sache rückgängig zu machen.
Am folgenden Morgen gegen sieben Uhr ging Clarice in das Katzenhaus, nachdem sie mit den Hunden draußen gewesen war und die eigenen Katzen gefüttert hatte. In dem Gebäude hatte es ursprünglich nur einen offenen Raum gegeben, bis einer der freiwilligen Helfer des Tierschutzvereins, Bauhandwerker von Beruf, ihn in drei Abteile aufgeteilt hatte. Der kleine Abschnitt am Ende, zu dem ein umzäunter Außenbereich gehörte, war völlig verwilderten Katzen vorbehalten. Sie fütterte die acht Tiere im mittleren Bereich des Katzenhauses und dann Elsie, die Wilde, ehe sie zu den säugenden Königinnen und ihren Würfen ging.
