Die Katze und die Leiche in der Scheune - Kate High - E-Book
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Die Katze und die Leiche in der Scheune E-Book

Kate High

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Beschreibung

Clarice Beech setzt sich mit Leidenschaft für Tiere ein. Als der von der charmanten Lady Vita Fayerpoynt adoptierte dreibeinige Kater Walter vom heimischen Anwesen Weatherby Hall verschwindet, soll Clarice ihn suchen. Sie findet ihn in einer alten Scheune, wohlauf und unbeschadet - was man von der Frau, die neben dem Kater liegt, nicht behaupten kann: Rose Miller, Bewohnerin des Alten Pfarrhauses, ist mausetot. Nun ist Clarices ganzer Spürsinn gefragt, um den Mord aufzuklären, der das beschauliche Dorf in Lincolnshire in Aufruhr versetzt ...

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Seitenzahl: 444

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Danksagung

Über dieses Buch

Band 1 der Reihe »Clarice Beech«

Übersetzt von Rainer Schumacher

Clarice Beech setzt sich mit Leidenschaft für Tiere ein. Als der von der charmanten Lady Vita Fayerpoynt adoptierte dreibeinige Kater Walter vom heimischen Anwesen Weatherby Hall verschwindet, soll Clarice ihn suchen. Sie findet ihn in einer alten Scheune, wohlauf und unbeschadet – was man von der Frau, die neben dem Kater liegt, nicht behaupten kann: Rose Miller, Bewohnerin des Alten Pfarrhauses, ist mausetot. Nun ist Clarices ganzer Spürsinn gefragt, um den Mord aufzuklären, der das beschauliche Dorf in Lincolnshire in Aufruhr versetzt …

Über die Autorin

Kate High hat Bildende Kunst an der Faber Academy studiert. Ihre Arbeiten wurden bereits international ausgestellt und verkauft. Sie engagierte sich für die RSPCA, die Königliche Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten an Tieren, eine Tierschutzorganisation in England und Wales, und sie ist Mitbegründerin einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um ältere Tiere kümmert. Kate High lebt in der Nähe von Boston, Lincolnshire.

Kriminalroman

Aus dem Englischen übersetzt vonRainer Schumacher

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2020 by Kate High

Titel der englischen Originalausgabe:»The Cat and the Corpse in the Old Barn«

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung von Motiven von© shutterstock: Kmannn | VikaSuh | Yeti studio | Pavlo S | lookus | Nikiparonak | Steve Heap | © Andrew Roland | Photographee.eu | Jones M | Alesikka | eryvall | yarmrtsnk | Jan Martin Will | Galina Grebenyuk | Elenamiv

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0360-4

luebbe.de

lesejury.de

Kapitel 1

Der erste Hund schoss wie Limonade aus einer frisch geschüttelten Flasche zur Tür hinaus, noch bevor sie ganz geöffnet war. Ein zweiter, wesentlich größerer folgte ihm dichtauf, und dann, deutlich gemesseneren Schrittes, kam Clarice.

Es war halb sieben in der Früh, und nach nächtlichen Temperaturen von bis zu vier Grad minus war der Garten noch immer weiß. Der gefrorene Boden knirschte unter ihren Füßen, als Clarice die Grenzen des zwei Morgen großen Grundstücks abging.

Der erste Hund, Jazz, war braun und weiß, eine langhaarige Hündin, die man keiner Rasse zuordnen konnte. Ihre Beine waren kurz, ihre Ohren groß, und ihr Schwanz, der sich aufgeregt im Kreis drehte, wirkte viel zu lang für ihren Körper. Hinter ihr versuchte Blue, ein kräftiger schwarzer Labradormischling mit einem weißen Fleck auf der Brust, mit ihr mitzuhalten, fest entschlossen, bloß nicht den roten Gummiknochen fallen zu lassen, den er zwischen den Zähnen hielt.

Clarice kam hinter ihnen. Schlank und größer als eins achtzig marschierte sie zielstrebig vorwärts. Ihre langen, behandschuhten Finger hatte sie tief in die Jackentaschen gesteckt und das rotbraune Haar in einen beigefarbenen Wollhut gestopft, der mit seiner Farbe gut zu den fellbesetzten Stiefeln passte. Trotz des dicken Schals, den sie um Hals und Kinn geschlungen hatte, war ihr Atem deutlich zu sehen.

Die Geschichte des Anwesens reichte bis ins Jahr 1885 zurück, und im Laufe der Jahre war es von den unterschiedlichen Eigentümern immer weiter vergrößert worden. Inzwischen war ein Großteil des Gartens verwildert. Dazu kamen Bäume und Hecken sowie ein Gemüse- und ein Kräutergarten nah beim Haus. Dahinter lagen die Nebengebäude: Clarices Werkstatt, die wie ein kleiner Bungalow aussah; eine alte Scheune, die man in eine Garage verwandelt hatte; eine weitere alte, allerdings recht heruntergekommene Scheune und ein langes, niedriges Gebäude, das von einem Gehege umgeben war, das vorübergehend wilden Katzen als Heim diente.

Vor einem Jahr war Clarice die Grenzen des Gartens noch mit Rick abgegangen. Sie waren erst drei Wochen miteinander ausgegangen, als er zum ersten Mal fürs Wochenende zu Besuch gekommen war, und nachdem sie dann geheiratet hatten, war er für dreizehn Jahre hiergeblieben. Rick war Clarices Vertrauter gewesen, ihr Ehemann und ihr Liebhaber. Gespräche begannen, kaum dass einer von ihnen einen Raum betrat, wo der andere schon war. Konsequent hangelten sie sich an einem endlosen Faden entlang, denn sie wollten, dass nichts zwischen sie kam. Und dann, vor einem Jahr, hatte sich alles verändert. Dass Clarice, die eigentlich für ihre Aufmerksamkeit und Intuition bekannt war, nicht sofort erkannt hatte, was los war und wie schnell das alles vonstattenging, das verwirrte sie noch heute. Sie waren zu einer sich entwickelnden Spezies geworden, einem lebenden Organismus, der irgendwann giftig wurde und sich teilen musste, um zu überleben. Seit sechs Monaten hatten sie sich nun immer mehr entfremdet.

Die Hunde rannten verspielt hin und her. Nachdem sie das Grundstück dreimal abgegangen war, stapfte Clarice in ihre Werkstatt, um die Heizung aufzudrehen. Dann ging sie wieder hinaus, ließ die Hunde in der Werkstatt zurück und marschierte zu dem Gehege.

Auf halber Strecke blieb sie stehen, um sich die alte Weide anzuschauen. Einsam und von den Wintergöttern ihres Laubs entkleidet streckte sie flehentlich die kahlen Arme aus. Die Schönheit des Baums verstärkte Clarices Kummer noch. Für den Bruchteil einer Sekunde verzerrte sich ihr Gesicht, und sie zog die schwere Regenjacke enger um den Leib, als wollte sie die Wärme festhalten und könne den Kummer so vertreiben.

Als Clarice das Gehege erreichte, schloss sie auf und nahm das Sicherheitsschloss ab, um durch das erste Tor zu gehen, einen Holzrahmen mit einer Gitterfüllung. Das zweite folgte keine fünf Fuß entfernt. Dieses Doppeltorsystem stellte eine Barriere dar, durch die die wilden Katzen nicht entkommen konnten. Das niedrige Ziegelgebäude wiederum befand sich gut dreißig Fuß vom zweiten Tor entfernt, sodass das Gehege wie ein kleiner, mit Draht abgesperrter Garten wirkte. Als Clarice die Tür öffnete, wurde sie von einem Zischen begrüßt.

»Guten Morgen, Lucy.«

Die rote Schildpattkatze schlenderte langsam an ihr vorbei nach draußen. Die Beziehung zwischen Frau und Katze wurde von Kompromissen bestimmt: Clarice fütterte Lucy und ihren Wurf, und Lucy hatte im Gegenzug aufgehört zu knurren. Sie erlaubte es Clarice sogar, ihre Jungen anzufassen. Clarice wartete, bis Lucy kehrtmachte, um wieder reinzugehen. Sie wusste, dass der Instinkt der Katze es ihr noch nicht erlaubte, jemanden mit ihrem Wurf allein zu lassen.

Clarice stand in der Mitte des Raums und schaute sich um. Regale und Schränke standen an kahlen Ziegelwänden, dazu noch ein Abtropfständer, ein Kessel neben einer Dose mit Instantkaffee und ein kleiner Kühlschrank. Auf dem Fliesenboden waren Holzkisten verteilt, die den Tieren als Versteck dienten, jede mit einem runden Loch, durch das die Katzen hineinklettern und sich sicher fühlen konnten. Ein Radio, ein wichtiger Teil für den Lernprozess der kleinen Kätzchen, um sie mit den unterschiedlichsten Geräuschen vertraut zu machen, war an die Wand geschraubt, damit die Tiere es nicht umwerfen konnten. Clarice drückte einen Schalter, und das Radio erwachte mit dem Piepen zum Leben, das die Sieben-Uhr-Nachrichten ankündigte.

Als Clarice sich auf einen Plastikstuhl am Tisch setzte, wurde sie sofort angesprungen. Die vier Kätzchen waren jetzt fünf Wochen alt, und da sie spielerisch von einem Menschen sozialisiert worden waren, waren sie bis auf eines nun selbstbewusst genug, um demnächst adoptiert zu werden.

»Hallo, Lula, was für ein aufdringliches Mädchen du doch bist«, gurrte Clarice zu der kleinen Kreatur, während sie ihr mit den Fingern über den Rücken strich. Lärm aus einer der Kisten erregte Clarices Aufmerksamkeit, und kurz darauf stürmte ein rotes Fellknäuel heraus, dicht gefolgt von einem zweiten. Das waren Larry und Lenny, Zwillinge, die kaum voneinander zu unterscheiden waren. Obwohl sie natürlich wusste, dass die neuen Besitzer die Kätzchen vermutlich umbenennen würden, hatte Clarice die Angewohnheit, jedes Mitglied einer Familiengruppe zu taufen, wobei sie dem Alphabet folgte. So bestand diese Familie hier aus Lucy, der Mutter, und ihren Kätzchen Lula, Larry, Lenny und Liza – Letztere auch bekannt als Miss Shy Boots.

Eine halbe Stunde lang plauderte und spielte Clarice mit den Kleinen, bevor sie sich auf die Suche nach dem vermissten Kätzchen machte. Sie fand es hinter einer Kiste, nahm es auf den Arm, setzte sich wieder und streichelte es, bis die Stille einem Schnurren wich. Und die ganze Zeit über hatte Lucy Clarice verfolgt. Jetzt saß das Muttertier in der Nähe und ließ die Frau keine Sekunde aus den Augen.

Lucy war mithilfe einer Katzenfalle gefangen worden und zu Jonathan Royal in der örtlichen Tierarztpraxis gebracht worden. Clarice mochte Jonathan. Er hatte einen guten Sinn für Humor und liebte Gerüchte. Oft versah er sie mit einem eigenen cleveren Spin, bevor er sie weitererzählte. Er war ein kantiger Mann, klein, aber breit, und sein auffälligstes Merkmal war ein Wust an schneeweißem Haar. Und er hatte die peinliche Angewohnheit, nur hinter vorgehaltener Hand mit Clarice zu sprechen, als hätte er Angst, belauscht zu werden. »Ich kenne ja deinen Ruf als Spürhund«, pflegte er stets zu sagen, wenn er ihr wieder einmal ein Gerücht erzählt hatte, das er für besonders reizvoll hielt. »Geh der Sache auf den Grund!«

Als er Clarice gebeten hatte, Lucy aufzunehmen, da hatte er die Katze als ›ein wenig frech‹ bezeichnet. Clarice kannte ihn allerdings gut genug, um solche Bezeichnungen deuten zu können. ›Frech‹ hieß in diesem Fall ›asozial‹ und ›grantig‹. Und das Hinzufügen von ›ein wenig‹, während er gleichzeitig die Arme vor der Brust verschränkte und dramatisch die Augenbrauen hob, bedeutete, dass das Tier ihm eine Heidenangst einjagte. Lucy war im wahrsten Sinne des Wortes eine wilde Katze. Im Laufe der letzten Wochen hatte Clarice jedoch Fortschritte bei ihr gemacht, aber auch wenn Lucy nicht länger die fauchende Bestie war, die Clarice aus Jonathans Praxis geholt hatte, so würde sie doch nie ein echtes Haustier werden. Nachdem sie kastriert worden war, würde sie ein neues Leben als Hofkatze beginnen.

Clarice setzte sich mitten zwischen die Kätzchen auf den Boden. Während sie gedankenverloren Tischtennisbälle hierhin und dorthin rollen ließ, damit die Tierchen sie jagen konnten, schaute sie zu den Kisten hinüber und rief sich das Wochenende ins Gedächtnis zurück, als Rick sie gebaut hatte. Es war just das Wochenende gewesen, da sie erkannt hatte, dass ihre Beziehung in Schwierigkeiten steckte. Eine feindselige Atmosphäre hatte zwischen ihnen geherrscht, und anstatt Rick zu helfen, hatte Clarice sich in ihre Werkstatt zurückgezogen. Später an diesem Abend hatten sie sich dann gestritten. Die unterschwelligen Probleme in ihrer Beziehung waren wie eine eitrige Wunde gewesen. Sie hatten jede noch so kleine Kleinigkeit ihres Lebens infiziert. Clarice hatte sich über seine arbeitsbedingte Unzuverlässigkeit beschwert, und dass er mehr Zeit mit seinen Freunden und mit Sport als mit ihr verbrachte. Rick wiederum hatte seinem Ärger darüber Luft gemacht, dass ihre Töpferei für sie immer als Erstes kam und dass sie sich mehr um das Retten von Tieren sorgte, statt ihre Zeit mit ihm zu teilen. »Ich stehe ganz unten in der Nahrungskette«, hatte er sich beschwert. Clarice wiederum hatte daraufhin übertriebene und boshafte Dinge gesagt, und Rick hatte dementsprechend reagiert.

Anschließend war die Beziehung noch mehrere Monate so dahingesiecht, während sie sich gegenseitig kritisch beäugt hatten. Sie hatten immer weniger miteinander gesprochen, und wenn, dann übertrieben höflich, um jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Auch die körperliche Seite ihrer Beziehung war in dieser Zeit immer mehr zum Erliegen gekommen, bis schließlich gar nichts mehr gelaufen war. Infolge Tausender Nadelstiche und beiderseitiger Nachlässigkeit war ihre Ehe einen langsamen Tod gestorben. Jetzt hatte Rick sich ein kleines, modernes Haus in Castlewick gemietet. Da er sechs Monate im Voraus bezahlt hatte, nahm Clarice an, dass er es entweder renovieren wollte oder es nur als Übergang betrachtete, bis er etwas Neues gefunden hätte. In jedem Fall wartete da eine Entscheidung am Horizont.

Jetzt dachte Clarice mit schlechtem Gewissen an die plötzliche Erkenntnis zurück, die sie kurz nach seinem Weggang gehabt hatte, nämlich wie sehr er sie immer bei der Tierrettung unterstützt hatte. In den letzten sechs Monaten hatte sie immer wieder Freiwillige suchen müssen, um einige ihrer Aufgaben abgeben zu können. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, das alles allein schaffen zu können? Und, tadelte sie sich selbst, Rick war von Anfang an Polizist gewesen. Sie hatte gewusst, was das in Bezug auf seine Arbeitszeiten bedeutete, und ihr war auch klar gewesen, dass es just diese unchristlichen Arbeitszeiten waren, die viele Ehen von Polizisten in die Brüche gehen ließen. Also … was hatte sich verändert?

Ein Tischtennisball, der klappernd über den Boden rollte, verriet Clarice, dass Liza sich ihrer Geschwisterbande angeschlossen hatte und mit ihnen im Zimmer Amok lief.

Clarice kehrte zu ihrer Werkstatt zurück, ließ die Hunde raus, und gemeinsam gingen sie wieder zum Haus. Am Nachmittag würden sich Sandra und Bob um die Kätzchen kümmern, Clarices alte Freunde. Bis dahin war sie allein.

Es war schon spät am Morgen, als Clarice einen Anruf von Rex erhielt, einem Bekannten, der in der Nähe der Stadt lebte.

»Hi, Rex«, sagte sie. »Alles okay bei dir?«

»Jaja. Alles gut«, antwortete er. »Ich habe Neuigkeiten für dich … gute, wie ich glaube.«

Clarice schwieg und wartete darauf, dass er fortfuhr.

»Dein Kater, der dreibeinige rote …«

»Jaaa«, sagte Clarice gedehnt und wagte zu hoffen.

»Ich hab ihn letzte Nacht gesehen. Ich bin auf dem Heimweg an ihm vorbeigefahren.«

»Schade, dass du nicht früher angerufen hast. Jetzt ist Walter vermutlich schon weg.«

»Tut mir leid, Clarice, ich wollte ja, aber die Zeit ist einfach so verflogen.«

Clarice nahm an, dass Rex bis spät am Abend trinken gewesen war. Vermutlich war er über Schleichwege gefahren, um nicht in eine Verkehrskontrolle zu geraten, wo er hätte pusten müssen. Wahrscheinlich war er jetzt gerade erst aufgewacht und hoffte, dass die Information ihm ein Pint bescheren würde. Rex machte nie etwas umsonst.

»Bist du sicher, dass er es war?«

»Ja. Wir hatten Vollmond. Ein roter Kater, drei Beine. Wie lange wird er schon vermisst?«

»Seit drei Wochen. Er gehört Vita in Winterby Hall.«

»Lady Vita! Du treibst dich wahrlich in feinen Kreisen rum. Aber er war doch von dir, oder?«

»Ja. Vita hat ihn aber vor Jahren schon adoptiert. Wo hast du ihn denn gesehen?«

»Vor der Galgenscheune. Weißt du, wo das ist?«

»Ja. Ich fahre sofort hin … und danke, Rex … Ich schulde dir ein Pint.«

»Toll! Das sind dann ja gute Neuigkeiten für uns beide.« Er lachte.

Lord Roland Fayrepoynt und seine Frau hatten Walter ein Heim gegeben. Clarice und Lady Vita verband das Interesse an der Töpferei, und Vita hatte gleich mehrere von Clarices Stücken in ihrer riesigen Sammlung.

Clarice legte auf und schrieb eine Nachricht für Sandra und Bob.

Für den Fall, dass ich noch nicht wieder zurück bin, wenn ihr kommt … Rex Cook hat Walter in der Nähe der Galgenscheune gesehen. JIPPIE! Ich fahre mal rüber, um ihn zu holen, solange er noch da ist. Unter der Tortenhaube ist Kirschkuchen. Bis später. Clarice.

Kapitel 2

Nachdem sie die klapperige Leiter hinaufgestiegen war, drückte Clarice mit den Händen fest zu, um den Balken zwischen den beiden Plattformen zu prüfen. Er fühlte sich fest an, aber gehen konnte man darüber nicht, egal ob stehend oder auf allen vieren. Was vom Dach übrig war, ragte nur drei Fuß höher als der Balken. Clarice schwang ihr Bein hinauf und zog sich in die Höhe. Erst dann schaute sie nach unten. Da ging es fünfzehn Fuß hinab.

Das verfallene Gebäude am Rande von Lincolnshire Wolds war gemeinhin als Galgenscheune bekannt. Allerdings war es zum letzten Mal im August 1752 zu diesem Zweck genutzt worden, als man einen gewissen William Thomas wegen Pferdediebstahls hier gehängt hatte. Davor hatte es noch zwei weitere Hinrichtungen im selben Jahrzehnt gegeben. Einen Mann hatte man als Schafsdieb aufgeknüpft, einen anderen wegen Einbruchs.

Der Geruch verschlug einem den Atem. Es war jedoch nicht nur der typische Gestank von Verfall. Clarice war das schon aufgefallen, als sie hereingekommen war, aber hier oben war es noch viel, viel schlimmer. Der Gestank erinnerte sie an ein tödlich verletztes Tier, das an diesen ruhigen Ort zum Sterben gekommen war und jetzt irgendwo im Heu verfaulte.

Die Scheune besaß noch drei Wände. Dort, wo die vierte hätte sein sollen, war schlicht nichts. Das Mauerwerk und die Hälfte des Dachs waren schon vor Urzeiten eingefallen. Alles hier war dreckig und faulte vor sich hin. Verrottende Paletten, einst vermutlich sorgfältig aufgestapelt, waren an der Ecke eingebrochen. Der Haufen erinnerte Clarice an eine Skulptur, eine unbesungene Hommage an die Vergänglichkeit.

Eisregen prasselte durch das Loch im Dach und die fehlende Wand. Aber auch, wenn das reichte, um alles zu durchnässen, den Gestank vertrieb es nicht. Äste einer riesigen Weide ragten nach unten und klapperten jedes Mal, wenn der Wind sie gegen das Gebäude schlug.

Auf dem Weg zu dem Balken hatte Clarice sich die Jeans an einem vorspringenden Nagel aufgerissen. Schmerz hatte ihr verraten, dass er seinen Weg bis in ihr Fleisch gefunden hatte. Kurz hielt sie inne und starrte den Kater an, der ihren Blick ohne zu blinzeln erwiderte.

»Walter, willst du wirklich, dass ich auch noch einen Splitter in den Arsch bekomme?« Auch wenn Clarice sich ärgerte, ihre Stimme klang beruhigend.

Der dürre rote Kater musterte sie trotzig, ohne seine Position zu verändern. Zehn Jahre zuvor war er als Streuner zu Clarice gekommen, nachdem er von einem Auto angefahren worden war. Sein linkes Hinterbein war amputiert worden. Nur ein kleiner Stumpf war davon übrig geblieben. Er bewegte sich zwar ganz geschickt auf den drei verbliebenen Beinen, aber mit seinen sechzehn Jahren und den fehlenden Vorderzähnen hatte niemand geglaubt, dass er lange überleben würde, nachdem er vor drei Wochen ausgerissen war. Doch jetzt verriet sein Blick, dass er sich keinesfalls verloren fühlte oder der Rettung bedurfte.

Vorsichtig kroch Clarice über den Balken, um näher an den Kater heranzukommen. Plötzlich hörte sie unter sich ein Geräusch wie ein Stöhnen. Sie kniff die Arschbacken zusammen, und sofort sah sie vor ihrem geistigen Auge das Bild von zwei großen, weichen Orangen, die versuchten, ein Stück Holz festzuhalten, und schließlich fielen. Einen Augenblick lang hing sie mitten in der Luft, dann krachte sie zusammen mit dem Balken nach unten.

Später, im Krankenhaus, stellte ihr jeder Arzt die gleiche Frage: War sie bewusstlos gewesen, und falls ja, wie lange? Und jedes Mal antwortete sie dasselbe: Sie wusste es nicht. In einem Augenblick hatte sie oben auf dem Heuboden noch mit dem Kater gesprochen, und im nächsten hatte sie unten auf dem Rücken im Heu gelegen.

Der Gestank war übel, nahezu überwältigend. Selbst in ihrem benommenen Zustand musste Clarice mit jedem Atemzug würgen. Irgendjemand stupste sie auf die Brust, und in der Ferne donnerte es. Mit geschlossenen Augen lag sie da und versuchte, sich daran zu erinnern, wo sie war. Als sie ihre Finger im Heu bewegte, wurde ihr klar, dass sie nicht in ihrem Bett lag.

Clarice öffnete die Augen. Walter saß auf ihrer Brust. Ein Silberfaden hing aus seinem Maul, der Kater schnurrte fröhlich, wobei ihm der Sabber aus dem zahnlosen Maul lief.

Clarice schaute an dem Kater vorbei in die Richtung, in die eine ausgestreckte Hand deutete. Die Hand war grau und hatte lange rote Fingernägel. Zwei Finger waren abgebrochen, hingen aber noch am Rest.

War das eine weggeworfene Schaufensterpuppe?

Clarices Kopf pochte vor Schmerz. Gleiches galt für ihren Rücken und den linken Knöchel. Mit aller Kraft versuchte sie, sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren.

Trotz ihrer seltsamen grauen Farbe wirkte die Hand sehr authentisch, und es dauerte ein paar Minuten, bis Clarice verstand. Der Geruch kam von unter ihr, und die Hand gehörte zu einem Arm, der wiederum mit einem Körper verbunden war. Sie lag auf einer verrottenden Leiche.

Kapitel 3

Clarice lag auf einer Trage in einer mit Vorhängen abgetrennten Kabine. Ihren Knöchel hatte man geschient und auf ein Stützkissen gelegt. Sie wartete darauf, auf eine Station verlegt zu werden, doch das dauerte, denn offenbar war noch kein Platz frei, und sie fühlte sich wie ein ungewolltes Paket, das niemand haben wollte.

Schritte waren zu hören, Stimmen, Telefone, Maschinen und das Schreien eines Kindes. Am meisten störte Clarice jedoch der typische Krankenhausgeruch nach Desinfektionsmittel, Urin, Schweiß und Angst. Für sie war das immer mit dem Tod verbunden.

In der Scheune, nach dem Sturz, als der Nebel in ihrem Kopf sich weit genug verzogen hatte, da hatte sie ihr Handy benutzt. Sandra und Bob konnte sie nicht erreichen, und so rief sie Georgie Lowe an, eine Freundin und Nachbarin. Ihr zweiter Anruf galt der Polizei. Georgie war zu Clarices Haus gefahren, um den Katzenkorb, eine Jogginghose, ein T-Shirt und einen Pullover zu holen, damit sie sich umziehen konnte. Sie hatte auch darauf bestanden, Clarice ins Krankenhaus zu begleiten, aber die hatte entschieden abgelehnt, denn sie wusste, dass ihre Freundin eigentlich ihre Kinder von der Schule holen musste. Als man ihr in den Krankenwagen half, den die Polizisten gerufen hatten, hatte sie Georgie versichert, sie würde auch allein zurechtkommen. Widerwillig fuhr Georgie also mit Walter wieder weg, nachdem sie versprochen hatte, den Kater zu füttern, sollten Sandra und Bob noch nicht eingetroffen sein.

Clarice kämpfte mit der Versuchung, ihr Haar glatt zu streichen. Es war schulterlang, rotbraun, stets gut frisiert und glänzte für gewöhnlich. Jetzt war es nur noch ein Gestrüpp. Clarice hatte versucht, es zu waschen, doch sie hatte sich nicht über das Waschbecken beugen können. Tatsächlich konnte sie noch nicht einmal aufrecht stehen. Die Krankenschwester, die anfangs bei ihr gewesen war – blond, klein und brüsk –, hatte sie nachdrücklich ermahnt, sich als Erstes um ihre Gesundheit zu sorgen. Die Frau ist der reinste Terrier, klein, aber bissig, dachte Clarice. In der Notaufnahme sei es viel zu hektisch, als dass ihr wirklich jemand helfen könne, hatte die Krankenschwester erklärt, aber später, auf der Station, würde das anders aussehen. Clarice war sich auch deutlich bewusst, dass sie einen üblen Gestank aus der Scheune mitgebracht hatte, den Gestank der Leiche. Tatsächlich, so erkannte sie, hatten sie sogar Teile des Kadavers begleitet. Winzige Stücke Fleisch, Blut und Knochen der Frau hingen noch in ihren Haaren. Clarice schauderte und versuchte, die Erinnerung an das zerstörte Gesicht zu verdrängen.

Ihr Kopf pochte. Widerwillig dachte sie erneut an das tote Fleisch und die graue Hand mit den rot lackierten Fingernägeln, die an Klauen erinnerten … Wie hatte sie nur glauben können, das wäre kein Mensch? Und warum war sie nicht sofort durchgedreht? Hatte sie so dämlich reagiert, weil sie auf den Kopf gefallen war?

»Dieser verdammte Walter!«, flüsterte sie und lächelte.

»Du hättest dich umbringen können!«

Clarice hob den Blick. Rick, ihr Mann, stand über ihr. Sein Gesicht war knallrot. Er funkelte sie wütend an und deckte sie mit einer Flut von Vorwürfen ein.

»Wie dämlich kann man eigentlich sein? Du bist nicht mehr so jung, wie du mal warst. Du bist nicht mehr so agil und mit Sicherheit nicht fit. Ganz zu schweigen davon … Was, wenn du Walter wirklich erreicht hättest und er einfach runtergesprungen wäre? Weg von dir? Er mag ja nur drei Beine haben, aber die weiß er zu benutzen. Was hast du dir nur dabei gedacht?«

Rick war groß, 1,98 m, fast zwanzig Zentimeter größer als sie; ein ehemaliger Rugbyspieler, der sowohl für das County als auch in der Polizeiauswahl gespielt hatte. Mit seiner Größe und Breite war er wahrlich imposant. Tatsächlich war das eines der Dinge, warum Clarice sich zu ihm hingezogen gefühlt hatte. Rick war der größte Mann, mit dem sie je ausgegangen war. Ihre eigene Größe gab sie anderen gegenüber nur ungern zu. Maximal sprach sie von 1,75 m.

Wie immer war Clarices erster Instinkt, sich zu korrigieren. Rick war nicht ihr Mann; er war ihr entfremdeter Mann.

»Alles gut«, sagte sie in dem Versuch, ihn zu besänftigen.

»Sprich nicht mit mir wie mit einer deiner verdammten Katzen!«, schnappte Rick. »Eines der Viecher hat dich hierhergebracht, und du bist nicht okay. Du hast einen kaputten Knöchel und eine Gehirnerschütterung!«

»Jetzt beruhig dich mal und setz dich«, sagte Clarice. »Ich bin nicht ernsthaft verletzt. Zuerst haben sie geglaubt, ich hätte eine Hirnblutung, doch das hat sich nicht bestätigt. Natürlich habe ich immer noch ekelhafte Kopfschmerzen, und ich bin richtig angepisst, weil ich die Nacht hier verbringen muss. Aber das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme.«

»Du warst bewusstlos.« Rick sprach schon ruhiger. Er war wie ein Ballon, aus dem man die Luft herausgelassen hatte, und er setzte sich. »Das ist ernst, und …«, fügte er hinzu, »… du hast dich erst um die verdammte Katze gekümmert, bevor du die Polizei gerufen hast.«

»Ich musste Georgie anrufen, damit sie Walter abholt. Immerhin habe ich mir solche Mühe gegeben, ihn zu fangen. Ich wette, deine Freundin, Sergeant ›die Ratte‹ Daisy, hat dir nur Geschichten erzählt.«

»Daisy mag dich. Sie mag dich zumindest genug, um mir Bescheid zu geben, wenn du auf den Kopf gefallen bist.« Rick hatte die Stimme gesenkt.

»Und ich mag Daisy auch.« Clarice lächelte ihn an. »Detective Inspector Beech, man könnte fast glauben, du wärst immer noch mit mir verheiratet«, neckte sie Rick.

Rick beugte sich zu ihr. »Wie es der Zufall will, bin ich das auch – wenn auch nur auf dem Papier.«

Aber er denkt das Gleiche wie ich, dachte Clarice und schaute ihn an. Beide hatten sie für sich beschlossen, sich nicht in diesem Kreislauf gegenseitiger Schuldzuweisungen gefangen halten zu lassen. Kein ›dein Job, meine Katzen‹, ›wir wären noch zusammen, wenn‹, ›getrennt ist besser …‹ und so weiter.

»So …«, sagte Clarice. »War es Rose Miller?«

»Daisy hat mir erzählt, dass du ihr das gesagt hättest … natürlich, nachdem du den Tatort durcheinandergebracht hast. Und das war gut geraten. Ihr Gesicht war immerhin nur noch ein Klumpen Fleisch, und du hast sie kaum gekannt.«

»Ich bin doch nicht absichtlich auf ihr gelandet. Das war ein Unfall.« Clarice lenkte das Gespräch wieder auf die Identität der Toten. »Diese Fingernägel hätte ich überall wiedererkannt.«

»Da muss doch noch was anderes gewesen sein.«

»Ich habe also recht.«

Rick erwiderte nichts darauf.

»Das waren mehr Krallen als Nägel«, bemerkte Clarice nachdenklich. »Diese Form ist längst aus der Mode. Heute geht der Trend mehr in Richtung eckig. Sie war die Einzige, die ich kannte, die sie noch so trug. Sie war zwar erst Ende vierzig, aber sie liebte die Fünfziger-Jahre. Damals haben die Frauen sie gerne lang und spitz getragen. Und sie mochte auch die Kleidung aus den Fünfzigern. Keine Ahnung warum. Stilistisch gesehen war das ein furchtbar langweiliges Jahrzehnt. Da sind die Sechziger viel interessanter.«

Rick schwieg weiter.

»Du hast recht«, fuhr Clarice fort. »Ihr Gesicht war nicht mehr zu erkennen, aber der blaue Bleistiftrock war ein weiteres Indiz. Manchmal nennt man die Dinger auch ›Humpelrock‹, weil sie das Gehen erschweren. Wenn man die trägt, watschelt man so durch die Gegend. Früher einmal – also noch weit vor den Fünfzigern – galt das als elegant für die reife Frau.«

»Du kannst mich tatsächlich noch immer zum Staunen bringen. Wem, bitte schön, fällt denn so etwas auf wie die Form der Fingernägel?« Rick lächelte zum ersten Mal seit seiner Ankunft. »Und noch dazu bei einer Person, die diejenige nur ein-, zweimal getroffen hat?«

»Viermal.« Clarice erwiderte sein Lächeln. »Aber ich nehm das mal als Kompliment.«

»Bis jetzt hat man noch nicht offiziell bekannt gegeben, dass es sich bei dem Opfer um Rose Miller handelt. Sie muss erst von einem nahen Verwandten identifiziert werden, bevor man Einzelheiten veröffentlicht«, erklärte Rick. »Daisy ist mit Rob zu ihrem Haus gefahren. Irgendjemand ist dort gewesen und hat alles auseinandergenommen.«

»DC Rob Stanley?«

»Ja. Er gehört zum Team.«

»Wisst ihr auch, wonach der Eindringling gesucht hat?«

»Noch nicht, aber das war kein gewöhnlicher Einbruch. Da lag jede Menge Schmuck herum, und der Einbrecher hat ihn nicht angerührt.«

»Ist sie da oder in der Scheune umgebracht worden?«

Rick hob die Augenbrauen. »Diese Information ist noch nicht für die Öffentlichkeit freigegeben. Außerdem wäre das alles in diesem Stadium ohnehin nur Spekulation.«

»Ich bin aber nicht die Öffentlichkeit. Ich bin deine Frau.«

»Meine entfremdete und bald Ex-Frau.«

Bei dem Zusatz ›Ex‹ zuckte Clarice unwillkürlich zusammen, doch sie fuhr fort: »Du bist Profi, Rick. Du hast an diesem Punkt der Ermittlungen schon immer eine gute Vorstellung von den Ereignissen gehabt, auch wenn noch nicht alles bestätigt war. In der Scheune war nicht viel Blut. Also nehme ich an, dass sie nicht dort gestorben ist. Und …«

»Na gut, na gut …« Rick hob die Hand, um sie zu unterbrechen. »Aber vergiss nicht: kein Wort zu irgendjemandem.«

»Das musst du mir nicht extra sagen.«

»Ich weiß ja, dass du mich ohnehin bequatschen würdest, bis ich es dir sagte.«

Clarice war beleidigt. »Ich bequatsche niemanden!«

»Ja, ja. Schon gut. Ich weiß. Tut mir leid.«

Clarice nickte. Wie sind wir nur so geworden?, fragte sie sich. Sie waren gute Freunde gewesen, und jetzt waren sie Gegner, Erzfeinde sogar, die alle Stärken und Schwächen des Gegenübers kannten.

»Sie wurde weder in der Scheune noch in ihrem Haus getötet, sondern irgendwo anders. Wir arbeiten daran.«

Clarice dachte darüber nach.

»Du darfst dich da nicht einmischen. Das weißt du doch, oder?« Rick schaute sie eindringlich an.

»Ja, natürlich«, antwortete Clarice wohlwissend, dass sie das nicht so meinte. Und Rick wusste das auch.

»Was hast du von ihr gehalten? Hast du sie gemocht?« Rick verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich auf dem harten Plastikstuhl zurück.

»Nein«, erklärte Clarice deutlich. »Sie war nicht sonderlich sympathisch. Ein schwieriger Mensch. Ich bezweifle, dass sie enge Freunde hatte. Rose war eine dieser Typen, die ich auch nicht besser kennen würde, wenn ich sie jahrelang jeden Tag gesehen hätte. Wirklich warm geworden wäre ich nie mit ihr. Als ich jung war, da habe ich bei solchen Leuten immer gedacht, das liege nur an mangelnder Kommunikation oder wäre gar meine Schuld. Jetzt, da ich älter bin, weiß ich, dass da einfach nichts ist, was sich kennenzulernen lohnt.«

»Dann hatte sie auch keine Freunde in der Stadt, oder?«

Clarice dachte an Castlewick. Das hier war eine ländliche Kleinstadt. Oft dachte sie bei sich, der Ort wäre in den Vierzigern stehen geblieben. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, wie Castlewick in ihrer Kindheit gewesen war, und Clarice erkannte die Beschreibungen der Vergangenheit in der Gegenwart wieder. Es schien, als würde hier jeder jeden kennen und wäre übertrieben interessiert an den Angelegenheiten und dem Privatleben seiner Nachbarn. Positiv war allerdings, dass es in Castlewick noch viele kleine, unabhängige Geschäfte gab, einschließlich einer Fischhandlung und zwei altmodischen Eisenwarenläden, wo man noch immer nur ein paar Nägel oder Schrauben kaufen konnte und nicht gleich zwanzig nehmen musste. Und wenn Clarice über den Samstags- oder Mittwochsmarkt im Stadtzentrum ging, nickten ihr selbst flüchtige Bekannte zu oder sagten Hallo.

»Zumindest keine echten Freunde, würde ich sagen«, erwiderte Clarice. »Sie ist vor gut zwei Jahren nach Castlewick gezogen. Sie ist auch zu meinen beiden ersten Sechswochenkursen für Töpferei gekommen. Sie war gerade erst in die Stadt gezogen und hat überall mitgemacht. Allerdings habe ich sofort gesehen, dass das nicht ihr Ding war. Aber das macht man halt so, um neue Leute kennenzulernen. Sie hat nicht wirklich was zustande gebracht, sondern einfach nur mit den anderen geplaudert.«

»Und sie vom Arbeiten abgehalten.« Rick lächelte.

»Ja, genau.« Clarice nickte. »Ich habe sie auch bei Jane Masons Morgenkaffee getroffen und als Clare Robbins jede Menge Leute zum Lunch eingeladen hat. Bei beiden Gelegenheiten und bei meinen Kursen habe ich die Leute sagen hören, dass Rose im alten Pfarrhaus lebt. Offenbar hat sie richtig damit angegeben. Schließlich ist es ein großes Haus, und sie hat es komplett modernisieren lassen. Ständig hat sie gestöhnt, wie teuer die Handwerker seien. Es war, als müsste sie den Leuten unter die Nase reiben, dass sie sich das leisten könne. Dass sie reich und wichtig war. Menschen, die schon immer Geld hatten, tun so was nicht. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass sie zu den Neureichen gehört. Es hieß, ihr Mann sei gestorben und habe gut für sie gesorgt. Trotzdem hat sie zwar stets jede Einladung angenommen, sich aber nie revanchiert.«

»Sonst noch was?«

»Sie hat mich immer an Brenda Prescott erinnert. Weißt du noch?«

»Vage. Ist die nicht nach Norfolk gezogen?«

»Ja, genau. Brenda hat andauernd aus allem einen Wettbewerb gemacht, und das auf üble Art.«

Rick nickte.

»Sie hat mir einmal erzählt, jemand habe sie nach einem Rezept für einen Dattel- und Walnusskuchen gefragt, den sie auf dem Pfarrfest verkauft hat. Sie war als gute Bäckerin bekannt. Ich habe gesagt, das sei doch ein nettes Kompliment, und sie hat mir auf hysterisch-mädchenhafte Art geantwortet, dass sie nie ein komplettes Rezept herausgeben würde. Sie hielt immer ein paar Zutaten zurück oder veränderte die Menge von Mehl und Zucker, denn sie wollte nicht, dass jemand genauso gut backte wie sie.«

Rick schnaubte verächtlich. »Und was hast du darauf erwidert?«

»Ich habe ihr gesagt, es sei vielleicht besser, zu sagen, dass sie alte Familienrezepte nicht einfach so weitergeben könne, anstatt falsche rauszugeben. Und«, fuhr Clarice fort, »das konnte ich mir auch bei Rose vorstellen. Sie hat Lügen verbreitet, zwar nur kleine, dumme, aber sie haben meinen Eindruck von ihr bestimmt. Beim zweiten Kurs hat sie immer Parfüm getragen, einen Lilienduft. Eine andere Frau hat ihr deswegen ein Kompliment gemacht und sie gefragt, wie das heiße. In kindlichem Tonfall hat Rose geantwortet, das wisse sie gar nicht mehr, aber es sei von Estée Lauder.«

»Und?«

»Es war Diorissima, ein Parfüm von Dior, eingeführt in den Fünfzigern. Meine Mutter hat es eine Zeitlang benutzt. Deshalb wusste ich, dass Rose gelogen hatte.«

»Und hast du was gesagt?«

»Nein. Ich mische mich eigentlich nie in die Gespräche meiner Schüler ein. In meinen Kursen ist immer viel los. Dann, bei Clares Lunch, hat Rose gesagt, sie habe in St. Albans gelebt, in Hertfordshire, zusammen mit ihrem verstorbenen Mann.«

»Du kennst die Gegend doch gut, oder? Da wohnt doch deine Tante.«

»Stimmt.« Clarice nickte. »Das habe ich Rose auch gesagt und habe sie nach ihrer Meinung zu verschiedenen bekannten Orten gefragt. Einfach nur Smalltalk.«

»Und lass mich raten: Sie hat nicht da gelebt.«

»Keine Ahnung.« Clarice hielt kurz inne. »Rick, darf ich dich mal was fragen?«

»Und was?«

»Stinke ich?«, flüsterte Clarice.

»Äääh …«

»Also ja.«

»Du riechst nach der Scheune. Das ist mir schon aufgefallen, als ich reingekommen bin. Da wäre mir noch Katzenpisse lieber.« Rick lachte über seinen eigenen Scherz. Doch dann, als er Clarices verzweifelten Gesichtsausdruck sah, verstummte er sofort.

»Tut mir leid«, sagte er schließlich. »Das war dumm und gemein. Du stinkst nicht. Nie.«

Clarice schaute ihn an. Ihr standen die Tränen in den Augen.

»Ich weiß, ich weiß … Alles für eine kleine Stichelei.«

Sie nickte. »Meine verdammten Katzen, dein verdammter Job.«

Sie lächelten sich schwach an. Beide waren sich schmerzlich bewusst, dass sie einander noch immer zu verletzen vermochten.

»Ich wollte mir die Haare waschen, aber ich kann nicht richtig stehen«, sagte Clarice. »Die Krankenschwester sagt, sie sei zu beschäftigt, um mir zu helfen, und ich gehe davon aus, dass sie auch auf der Station nicht mehr Zeit haben werden.«

Rick nahm ihre Hand und drückte sie.

»Sei bloß nicht zu lieb.« Clarice zog die Hand weg. »Sonst muss ich noch weinen. Ich glaube immer noch, dass ich Teile von Roses Leiche im Haar habe, und allein bei dem Gedanken könnte ich kotzen.«

»Noch ungefähr eine Stunde, Clarry.« Eine Stimme ließ Clarice zusammenzucken. »Dann verlegen wir Sie in ein Bett auf Station 3.« Die Krankenschwester war klein, dunkelhaarig und rund. Sie schaute auf ihr Klemmbrett.

»Clarice«, korrigierte Rick sie, stand auf und baute sich vor der Schwester auf.

»Was?«

»Meine Frau heißt Clarice, nicht Clarry. Clarice Beech.«

Die Krankenschwester schaute in die Akte. »Entschuldigung. Ja. Clarice … Ein Name, an den man sich erinnert. Es gab da eine Clarice in diesem Film … Hannibal Lecter … der mit dem Serienkiller.«

»Der heißt Das Schweigen der Lämmer«, korrigierte Rick sie wieder. »Hannibal ist eine Figur da drin. Von 1991.«

»Ja, genau den meine ich.«

»Clarice war der Name der Lieblingstöpferin meiner Schwiegermutter. Haben Sie schon mal von ihr gehört? Clarice Cliff? Da kommt ihr Name her.« Rick sprach in freundlichem Tonfall. Clarice sah, wie die Frau ihn anstrahlte. Er wickelt sie mit seinem Charme um den kleinen Finger, dachte sie.

»Ursprünglich habe ich Clarence statt Clarice verstanden, sie also für einen Kerl gehalten. Ich habe Tassen und Teller in diesem Antiquitätenprogramm gesehen. Das kommt davon, wenn man nicht richtig zuhört. Beim nächsten Mal werde ich mich daran erinnern.« Die Krankenschwester lachte. »Aber jetzt habe ich ja eine echte Clarice kennengelernt.«

»Meine Frau ist auch Töpferin und Künstlerin, aber ihre Arbeiten sind eher zeitgenössisch, sehr modern.«

»Toll.« Die Krankenschwester lächelte Clarice an.

»Könnten Sie mir einen kleinen Gefallen tun?« Rick senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, und die Krankenschwester hob neugierig die Augenbrauen. »Es dauert ja noch eine Stunde … Könnten Sie mir einen Rollstuhl besorgen und den Weg zum Badezimmer zeigen?« Rick beugte sich zu der kleinen Frau hinunter. »Und kann man hier vielleicht auch Seife, Shampoo und Handtücher bekommen?«

Die Krankenschwester öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern, doch Rick kam ihr zuvor.

»Ich weiß, das entspricht nicht den Regeln, und ich weiß auch, wie beschäftigt Sie alle sind. Wir wollen auch niemanden von der Arbeit abhalten. Aber meine Frau muss sich wirklich mal waschen. Es dauert auch nicht lange. Es macht sie einfach verrückt, sich nach dem Unfall nicht säubern zu können. Da können wir doch sicher eine Lösung finden.« Er lächelte charmant.

Clarice schaute ihn an. Wie gesagt war Rick groß, breit und imposant. In seinem kurz geschorenen dunklen Haar waren erste graue Flecken zu sehen, und am Hinterkopf dünnte es bereits ein wenig aus. Er hatte einen Dreitagebart, und seine Rugbynase war platt und seltsam krumm. Er sprach mit dem Akzent von Süd-London. Alles in allem betrachtet entsprach Rick ganz dem Klischee aus einem Kriminalroman, und entweder war er der Bösewicht oder ein Cop. Aber für was auch immer sein Gegenüber sich entschied, er konnte sie mit seinem Charme bezirzen.

»Das darf ich eigentlich nicht«, sagte die Krankenschwester, verschränkte die Arme vor der Brust und straffte die Schultern. Dann lächelte sie. »Eigentlich ist das die Aufgabe des Stationspersonals.«

Rick legte die Finger auf die Lippen und lachte. Die Krankenschwester kicherte, als wäre Rick ein alter Freund.

Die Krankenschwester führte Rick zum Krankenhausladen, wo er Zitronenseife, Shampoo, eine Haarbürste, Zahnpasta und eine Zahnbürste kaufte. Zehn Minuten später wartete eine andere Krankenschwester auf seine Rückkehr. Ein junger Mann mit einem netten Lächeln beugte sich über einen Rollstuhl und plauderte freundlich mit Clarice. Auf dem Sitz lagen zwei Handtücher, viel benutzt und rau, aber groß, dazu ein frischer Krankenhauskittel.

Sie fuhren mit dem Aufzug in den dritten Stock, der sich in drei Stationen aufteilte, wo man sich um unterschiedliche medizinische Probleme kümmerte. Als die Krankenschwester sie vor dem Badezimmer verließ, erklärte sie ihnen, dass sie anschließend auf Station 3 gehen sollten, um dort vor dem Empfang zu warten.

Beim Betreten des Badezimmers kam Clarice sich vollkommen hilflos vor, und das war ihr schier unendlich peinlich. Zehn Minuten später saß sie nackt auf einem Plastikhocker in der Dusche. Ihr verletzter Knöchel steckte in dem wasserdichten Plastikbeutel, in dem Rick die Einkäufe transportiert hatte, und das Bein lag ausgestreckt auf einem weiteren Hocker. Rick zog seine Krawatte aus und faltete sie, um sie wegzustecken. Dann zog er das Jackett aus, hing es hinter die Tür und krempelte die Hemdsärmel hoch. Unter warmem Wasser aus der Dusche rieb er von oben das Shampoo in Clarices Haare, und während sie es einmassierte – vielleicht, um sich von ihrer Verlegenheit abzulenken –, begann er, über Blutspritzer zu reden.

Einiges davon wusste Clarice bereits. Sie hatten schon ähnliche Gespräche geführt, aber vieles war ihr auch unbekannt. Rick sprach über die Analyse solcher Spritzer, ihre Größe, Form und Verteilung. Er erzählte von der Physik, der Blutzusammensetzung in den verschiedenen Adern und der Geschwindigkeit solcher Tropfen. Er erklärte Clarice, wie man mit Hilfe von Mathematik – oder genauer Geometrie, um Entfernung und Winkel zu bestimmen – die Richtung herausfinden konnte, aus der die Spritzer gekommen waren. So ließ sich ermitteln, wie die Wunde verursacht worden war. Daraus wiederum ließ sich schließen, wie Opfer und Täter zueinander gestanden hatten und wie sie sich bewegt hatten, nachdem das Blut vergossen worden war. Er hatte gerade begonnen, die drei Grundtypen eines Flecks zu erklären – passiv, übertragen und durch Aufprall verursacht –, als Clarice erkannte, dass sie auf Autopilot lief. Mit Ricks Hilfe wusch sie sich und trocknete sich ab. Dann half er ihr in den Krankenhauskittel und zog schließlich die Tüte ab, in der ihr Fuß steckte. Zu guter Letzt half er ihr in den Rollstuhl.

Nichts von alledem hatte einen sexuellen Unterton gehabt. Für eine kurze Zeit hatten sie sich wieder genauso verhalten wie früher: entspannt und die besten Freunde. Rick hatte kein Wort über die Verletzungen an Clarices Beinen und Rücken verloren oder die blauen Flecken am ganzen Leib. Allerdings hatte Clarice deutlich gesehen, wie er die Lippen zusammengepresst und welche Willenskraft es ihn gekostet hatte, das nicht zu kommentieren. Und sie war ihm dankbar dafür. Außerdem hatte er ihr ja schon die Meinung gesagt, als er in die Notaufnahme gekommen war. Sie verstand auch, wie er sich fühlte. Auch sie hatte sich die eine oder andere vorwurfsvolle Bemerkung verkniffen: Warum siehst du schon wieder so müde aus? Wie ernährst du dich eigentlich? Clarice nahm an, dass Rick größtenteils Burger und Pommes aß. Sein Hemd war zerknittert, und die Hose hatte anscheinend länger keine Waschmaschine mehr gesehen. Aber sie waren kein Paar mehr. Es war nicht an ihr, das zu kommentieren.

Nachdem er sich das Jackett wieder an- und die Krawatte festgezogen hatte, hockte Rick sich hin, um mit Clarice auf Augenhöhe zu sein.

»Danke, Rick«, sagte Clarice in schüchternem Ton. »Das hättest du nicht tun müssen.«

»Wir beide waren mal ein gutes Team«, erwiderte er. »Stimmt doch, oder?«

»Ja«, antwortete Clarice. »Ja, das waren wir.«

Kapitel 4

Die abendliche Besuchszeit hatte um sechs begonnen. Jede der drei Frauen, die in den Betten lagen, hatten einen oder mehrere Besucher, und mit so vielen Leuten wurde es allmählich eng. Als sie hereinkamen, senkte sich Schweigen über den Raum. Die Krankenschwester ging voraus, gefolgt von Clarice, deren Rollstuhl von Rick geschoben wurde. Alle drehten sich zu den Neuankömmlingen um, und alle nickten sie zur Begrüßung oder lächelten, bevor sie sich wieder ihren eigenen Gesprächen zuwandten.

Als Clarice sich ins Bett gelegt hatte, setzte Rick sich neben sie. »Ich schaue morgen wieder vorbei«, sagte er.

»Ich vertraue darauf, dass ich morgen wieder nach Hause komme!« Clarice hoffte es zumindest. Sie hatte viel zu tun.

»Wir werden sehen. Morgen reden wir weiter.« Rick beugte sich vor und küsste sie auf die Wange.

»Es gibt da noch etwas, das mir einfach nicht aus dem Kopf gehen will.«

»Ja?«

»Walter.« Clarice sprach so leise wie möglich. »Allein wegen seines Alters ist er ziemlich dünn, aber er sah richtig gut aus, wenn man bedenkt, dass er sich gut drei Wochen lang selbst hat versorgen müssen. Vorne hat er zwar keine Zähne mehr, hinten und an der Seite aber schon.«

»Daran habe ich auch schon gedacht.« Rick verzog das Gesicht zu einer hämischen Maske. »Seine eigene Speisekammer mit jeder Menge rohem Fleisch.«

Clarice nickte.

»Mach dir keine Sorgen. Schlaf jetzt erst einmal.« Rick gab ihr noch einen Wangenkuss. Dann war er weg.

Clarice legte sich auf das Kissen. Rick war über zwei Stunden bei ihr gewesen. Das war eine verdammt lange Zeit, besonders, wenn man bedachte, dass er gerade in einem Mord ermittelte. Sie hatte auch sein Handy nicht klingeln hören, und ihr kam der Gedanke, dass er es ausgeschaltet hatte. Normalerweise tat er das nicht.

Zwanzig Minuten später kam Georgina Louise Lowe, Georgie für ihre Freunde.

»Ich habe ewig gebraucht, um dich zu finden. Ich weiß, ich weiß … Du hast gesagt, ich soll nicht kommen.« Georgie setzte sich an den Fuß des Betts und hielt eine Reisetasche hoch, die Clarice als die ihre erkannte. »Toilettenartikel, eine Jeans, ein Top, ein Bademantel und ein Schlafanzug. Slipper habe ich nicht gefunden. Aber die trägst du auch nicht, oder? Im Haus läufst du doch immer barfuß rum.«

Wie es ihre Art war, sprach Georgie, ohne Luft zu holen. Sie war fünfundvierzig Jahre alt, sah aber bedeutend jünger aus. Sie war klein, hatte braunes, jungenhaft geschnittenes Haar und genug Sommersprossen in ihrem herzförmigen Gesicht, um selbst Clarice zu übertreffen.

Doch schließlich gingen Georgie die Worte aus, und sie sagte: »In jedem Fall siehst du schon besser aus. Ich habe mir große Sorgen gemacht.«

»Ich fühle mich auch viel besser.«

»Ich kann nicht so ganz lange bleiben, aber wenn du morgen noch hier bist, komme ich noch mal.«

»Es ist wirklich schön, dass du überhaupt gekommen bist.«

»Tatsächlich«, Georgie lächelte, »muss ich sagen, dass Alan mal nicht so grummelig war wie sonst. Ich soll dir sogar ›Gute Besserung‹ von ihm ausrichten, und er hat sich freiwillig dazu bereit erklärt, sich um die Kinder zu kümmern. Vielleicht ist ja der Pub abgebrannt, und ich habe nur nichts davon mitbekommen.« Sie warf den Kopf zurück und lachte, ein lautes, unerwartetes Geräusch in einem Raum voller Flüstern. »Ich habe Rick auf dem Parkplatz gesehen, er mich aber nicht. War er lange bei dir?«

»Ungefähr zwei Stunden.«

»Oooh, zwei Stunden?« Georgie schaute ihre Freundin mit wissendem Blick an.

Clarice spielte die Überraschte. »Jetzt fahr aber mal heim.« Sie drohte mit dem Finger.

»Okay, okay … Ich bin ja schon weg.« Georgie beugte sich vor, küsste Clarice und legte den Arm um sie. »Pass auf dich auf. Wir reden morgen weiter. Ich hab Bob erzählt, was passiert ist. Er und Sandra wollen noch länger bei dir bleiben und sich um die Viecher kümmern. Die Hunde nehmen sie über Nacht zu sich, und morgen Früh fahren sie wieder zurück, um die Katzen zu füttern. Sie wünschen dir alles Gute.«

»Danke. Vielen, vielen Dank.« Clarice erwiderte die Umarmung.

Als sie sicher war, dass Georgie verschwunden war, rollte Clarice sich auf ihrem Bett zu einem Ball zusammen. Sie hatte bemerkt, dass die anderen Patienten im Raum sie anschauten, um sie in ein Gespräch zu verwickeln. Aber sie wollte, wenn irgend möglich, vermeiden, Fragen darüber beantworten zu müssen, wie sie hierhergekommen war.

Später, nachdem sie sich den Schlafanzug übergezogen hatte, den Georgie ihr gebracht hatte, und das Licht im Zimmer ausgeschaltet worden war und ihre Mitpatienten schliefen, lag Clarice vollkommen regungslos auf dem Rücken. Sie lauschte den leisen Stimmen zweier Krankenschwestern im Stationszimmer nebenan sowie dem Geräusch von Türen, die geöffnet und geschlossen wurden, während das Pflegepersonal seinen Rundgang machte. Gelegentlich war auch ein Piepen zu hören, wenn ein Tropf erneuert werden musste. Dann folgten leise Schritte, und schließlich verstummte das Infusionsgerät wieder. Die Frau im Bett gegenüber schnarchte, was beinahe wie ein langgezogenes, gegrunztes Wort klang.

Das leise, aber unvertraute Geräusch machte Clarice geradezu schwindelig. Sie fühlte sich hier vollkommen fremd. Ihr Laken war leicht, dabei war sie eine schwere Wolldecke gewöhnt. Es gab auch nur ein Kissen, und es war viel zu heiß im Zimmer. Die Schwestern hatten Clarice Medikamente gegen ihre Kopfschmerzen gegeben, ihr ein Schlafmittel aber verweigert. Sie sagten, das würde sie nur verwirren und nervös machen. Verzweifelt versuchte Clarice, im Nichts zu versinken. Sie wollte, dass die Nacht vorüberginge, doch der Schlaf kam einfach nicht, und so grub sie sich tiefer in ihr Bett und drehte sich auf die Seite. Um sich abzulenken, füllte sie ihren Geist mit Gedanken.

Neben dem Englischen sprach Clarice noch Französisch und Italienisch. Sie konnte ihr eigenes Brot backen. Sie verstand sich darauf, eine Sicherung und einen Stecker auszutauschen, und war in der Lage dazu, ihre eigenen Regale zu bauen und anzupassen. Sie wusste, wie man eine Wand verputzte, strich oder tapezierte. Sie erschuf Dinge in Ton, abstrakte Stücke, groß und klein; die Art der Glasur war dabei ihr Markenzeichen. Sie beherrschte die Fiedel, zwar nicht besonders gut, aber gut genug, um Leute zu unterhalten. Sie war gut darin, ausgesetzte und wilde Katzen zu fangen und die fauchenden, um sich schlagenden Kreaturen in liebevolle, einmalige Wesen zu verwandeln und ihnen ein langes, besseres Leben zu bescheren. Sie konnte einen Hund aufnehmen, der an furchtbaren Erfahrungen zerbrochen war, und ihn wieder ganz machen.

Und Clarice verstand die menschliche Natur genauso gut wie das tierische Verhalten. Erstere faszinierte sie in gleichem Maße, wie sie sie abstieß. Als eifrige Beobachterin des Menschentiers konnte sie das Denkmuster einer Person genauso schnell entschlüsseln wie das einer vierbeinigen Kreatur. Und für gewöhnlich war ihre Einschätzung ausgesprochen akkurat. Der größte Unterschied zwischen Zwei- und Vierbeinern war, dass Letztere nicht zum Vergnügen töteten. Clarice hatte schon oft gehört, dass es grausam sei, wenn eine Katze mit ihrer Beute spielte, doch in Wahrheit war das nur Instinkt, ein wesentlicher Bestandteil ihres Überlebens. Dass eine domestizierte Katze einen vollen Bauch hatte, schaltete diesen Instinkt nicht einfach aus.

Und dann war da das, was Clarice nicht vermochte: Sie konnte ihre Ehe nicht flicken. Auf einem Regal in ihrer Werkstatt stand eine Clarice-Cliff-Vase, die ihrer Mutter gehört hatte. Einst war sie zerbrochen worden, aber nicht – wie viele Leute vermuteten – von einer Katze, sondern vom Kind einer Freundin. Clarice hatte sie professionell reparieren lassen, und aus der Ferne sah sie wieder durchaus akzeptabel aus. Nur war sie das nicht. Die Risse würden bleiben. Einmal entstandenen Schaden konnte man nicht ungeschehen machen. Wann immer sie sich nun die Vase ansah, grübelte Clarice über Leid und Tod ihrer Ehe. Dieser Gedanke hatte sich wie eine Made in ihrem Hirn festgesetzt, wo er weiter schwärte.

Clarice versuchte, sich abzulenken. So dachte sie stattdessen an Rose. Diese dumme Frau mit den schmalen Lippen. Warum war sie ermordet worden? Natürlich könnte es eine Zufallstat gewesen sein, doch das war eher unwahrscheinlich. Rose hatte keine Kinder gehabt. Ihr Mann war gestorben. Oder? Zurück zum Anfang … Rose war eine notorische Lügnerin gewesen. Clarice ging noch einmal all die kleinen, sinnlosen Unwahrheiten durch, die die Frau von sich gegeben hatte. Falls es wirklich einen Ehemann gegeben haben sollte, so war der vielleicht gar nicht tot. Und Rose könnte auch Kinder gehabt haben. Hatte sie es sich vielleicht mit einem Einheimischen verscherzt? Aber für einen Mord hätte da schon etwas wirklich Extremes passiert sein müssen.

Clarice erkannte, dass sie nach diesem blöden Tag noch nicht wieder klar denken konnte. Und da sie nicht daheim schlafen konnte, stellte sie sich das Meer vor, die Wellen, die Geräusche, den Geruch und den salzigen Geschmack. Sie dachte an Rick und wie sie beide als Frischvermählte Hand in Hand am Strand entlanggewandert waren. Es war der Erste Weihnachtstag gewesen, vor elf Jahren, der menschenleere Strand lag nur eine Autostunde von ihrem Haus entfernt. Möwen hatten über ihnen gekreischt. Der Himmel war fast vollkommen weiß gewesen, ebenso der Schaum der Wellen, die immer wieder an den Strand schwappten, immer und immer wieder …

»Wie du mir fehlst, Frau, wie du mich rufst, rufst nach mir.

Und sagst, dass du nicht mehr bist, wie du warst.«

Die Stimme war die von Rick, die Worte stammten von Thomas Hardy. Es war eine Elegie, die Hardy nach dem Tod seiner Frau verfasst hatte.

Nein, nein, nein … Emma, Hardys Frau, ist tot. Nicht ich. Die Verzweiflung brandete heran wie die Wellen und drohte, sie zu verschlingen. Warum denke ich das …?

»Als du zu einer wurdest, die so anders war, als was wir

einander waren, oder so, als du zuerst mich trafst.«

Clarice sah sich und Rick von hinten. Sie sah, wie sie stehen blieb und sich umdrehte, doch das war nicht ihr Gesicht. Es war so zerstört, dass es nicht mehr zu erkennen war. Das war Rose Miller.

»Nein, das bin ich nicht. Ich bin nicht tot.« Als sie das aussprach, wachte sie auf.

Es war noch immer Nacht. Draußen waren die Krankenschwestern nicht mehr zu hören. Die Frau auf der anderen Seite schnarchte nach wie vor. Clarice war klatschnass geschwitzt, der Schlafanzug klebte an ihrem Körper.

Beinahe sofort schlief Clarice wieder ein. Erst um sechs wachte sie wieder auf, als sie Bewegung um sich herum registrierte.

Kapitel 5

Über zehn Stunden später, um 16:45 Uhr, saß Clarice in ihrer eigenen Küche am Tisch, in der Hand einen Becher Tee.