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Ein vergessener Weg, der heute gebraucht wird! Dieses Buch ist eine Einladung zur stillen Reise nach innen. Nicht als klassischer Pilgerweg mit geografischem Ziel, sondern als tiefe spirituelle Bewegung der Seele. In einer Zeit, in der äußerer Lärm und innere Leere gleichzeitig wachsen, öffnet Der innere Pilgerweg einen neuen Zugang zu den spirituellen Weisheiten des Islam. Der Koran erscheint hier nicht als dogmatisches Regelwerk, sondern als lebendige Quelle innerer Erkenntnis, die sich erst dann offenbart, wenn der Mensch bereit ist. Das Buch richtet sich an Menschen, die spirituelle Tiefe suchen – unabhängig von religiöser Herkunft. Es spricht von innerem Frieden, seelischem Hunger und der leisen, aber kraftvollen Transformation, die beginnt, wenn wir nach innen lauschen. Ohne Belehrung, ohne Abgrenzung, dafür mit poetischer Klarheit und philosophischem Tiefgang lädt dieses Werk dazu ein, Spiritualität neu zu entdecken – als zeitlose Antwort auf die Fragen unserer Gegenwart.
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Seitenzahl: 567
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Einleitung
Wer nichts weiß, muss alles glauben
Der erste Tag nach dem Traum
Wissenschaft vs. Religion
Gottes Bücher sind zeitlos?
Noah
Der ewige Kampf: Evolution vs. Schöpfungstheorie
Das Jenseits
Werdet alle Muslime. Es gibt nur eine Religion
Das Gehirn sieht, was es sehen will
Weisheiten
Was ist die Seele genau?
Der Verstand
Ich soll nie glücklich sein
Der Separierte
No-Mind
Die Verkümmerung
Die Zurechtformung
Die 10 Weisheiten der Zurechtformung
Das permanente Bewerten
Das Vergleichen
Planen und Kontrollwahn
Langeweile
100 Energie-Einheiten
Der Tempel
Die Vergangenheit
Die Schwester der Vergangenheit
Das Hier & Jetzt
Warum ist das Jetzt ein Geschenk?
Nimm dir die Zeit für deine Liebsten…
Die Wahrheit über die Wahrheiten
Das Theater
Das wahre Glück
Der schlimmste Feind der Menschheit
Die Suche nach dem Steinwerfer
Wo lebt der Shaitan
Das zweite Virus
Ego
Die Steigerung des wahren Glückes
Welche Reise ist heilig?
Mangel
Ängste
Konflikte
Wenn
Mutter
Mein
Mehr
Erwartungen
Ehre & Stolz
Hochmut
Wünsche haben mit anderen Menschen zu tun
Stadion
Der Dämon in uns
Bahnungen & Neigungen
Die vier Bewusstseinszonen
Wissen
Die nächste Evolutionsstufe der Bahnungen
Auf der anderen Seite
Vehikel
Der Garten in deiner Seele
Die innere Quelle
Tanze durch den Dornenwald
Wertlose Werte
Was haben alle Menschen gemeinsam?
Das Leid mit Genuss abspeisen
Was ist das Leben wirklich?
Der Abschied
Und was kommt jetzt?
Literaturverzeichnis
Hör mir zu, hör mir bitte genau zu: Überlege Dir gut, ob du dieses Buch weiterliest. Du stehst jetzt vor zwei Wegen. Gehst du den Ersten, legst du das Buch wieder weg. Dann bleibt dein bisheriges Wissen unangetastet und nichts verändert sich in deinem Leben. Aber dafür behält auch dein Glück die gewohnte Tiefe.
Wählst du jedoch den zweiten Weg und liest weiter, wird vieles anders. Eine Menge deines Wissens wird auf den Kopf gestellt. Deine Wünsche und Gedanken unterziehen sich einer harten Prüfung. Nach dem Lesen wird deine Welt, mit hoher Wahrscheinlichkeit, nicht mehr die Gleiche sein wie vorher. Aber ich verspreche dir auch eins: Dafür entdeckst du etwas, das dir den Atem rauben wird.
Ein Geheimnis verrate ich dir jetzt schon: Im Buddhismus heißt es, die „Erleuchtung“ sei der Gipfel des Glücks. Aber was ich entdeckte: Nach der Erleuchtung geht es weiter. Sie hat eine Steigerung. Jedoch fand sie bisher keiner, weil die Menschen, die sie erlangten, nicht weitergingen.
Ich lernte, dass die Erleuchtung eine andere Aufgabe besitzt. Sie zu finden, ist nur der erste Schritt. Ihr eigentlicher Sinn liegt darin, dass wir in ihrem Lichtkegel etwas Unglaubliches erblicken sollen. Wenn die Erleuchtung ein Freudensprung ist, entspricht meine Entdeckung der Fähigkeit zu fliegen.
Dahin führte mich ein unentdeckter Pilgerweg. Das Überraschende: Ich fand ihn dort, wo ich ihn nie vermutet hätte. In einem Buch, was ich niemals lesen wollte: Im Koran.
Aber diesen Weg kennen nicht mal die Muslime. Dieser neue spirituelle Pfad öffnet sich jetzt auch nicht nur ihnen. Sondern uns allen; denen, die sich trauen, den Islam neu zu entdecken. Denn spirituelle Wege gibt es nicht nur in fernöstlichen Weisheiten, sondern auch dort, wo man sie nicht vermutet hätte.
Um diesen Weg zu finden, musste ich mich jedoch erst als würdig erweisen. Ich reiste um die Welt, denn die Weisheiten dafür lagen überall auf der Erde verstreut. Wie ein Puzzle setzte ich sie zusammen. Dafür löste ich mystische Rätsel und bestand schwierige Prüfungen. Meine Suche führte mich zu Bergklostern, die abgeschottet von der Außenweltlagen. Ich durfte uralte Bücher lesen, für die ich mich erst beweisen musste. Die Weisheiten darin waren an Schönheit nicht zu übertreffen. Ich sprach mit Menschen, deren Erleuchtung so hell schien, dass sich selbst wilde Tiere vor ihnen verbeugten. Diese Meister erzählten mir ihre Geheimnisse, die noch in keinem Buch standen; bis jetzt.
Und am Ende dieses Pilgerweges wartete etwas Episches auf mich. Es stellte das Licht der Erleuchtung in den Schatten.
Entscheide dich nun, ob du dieses Buch lesen möchtest.
Respekt, du liest also weiter? Dann lass uns loslegen.
Mein Name ist Arcanus und ich komme aus Deutschland. Der Rest ergibt sich später. Denn wer ich genau bin, ist unwichtig. Wichtiger ist, was ich fand. Hier geht es nicht um den Mann hinter der Entdeckung, sondern um die Entdeckung hinter dem Mann.
Mein Psychiater holte tief Luft, um das Unaussprechliche auszusprechen. Doch er konnte es nicht. Ich starrte ihn an und wagte nicht einmal zu atmen. Nach einigen Sekunden öffnete er wieder seinen Mund. Sagt er es jetzt? Doch er schloss ihn wieder und seufzte. Dann musste es aber raus: „Burnout!“
Als ich das hörte, rieben Eiswürfel auf meinem Rücken. Ich konnte für eine Sekunde nicht atmen – wieder mal. Mein Leidensweg der letzten Monate bekam endlich einen Namen: Burnout.
Und das mit nur 31 Jahren. Klar, mein Job als Architekt war anstrengend, besonders seit der Beförderung. Aber ich hatte doch ein tolles Privatleben als Ausgleich; oder doch nicht? Ich meine, ich machte viel Sport, kümmerte mich liebevoll um meine Katze Ismena und traf mich häufig mit Freunden. Sie luden mich zu jeder Party ein. Wegen meiner Lebensfreude stand ich dort oft sogar im Mittelpunkt. Ich war ständig umringt von Männern und Frauen, die mir begeistert zuhörten. Bei meinen Witzen lachten sie am lautesten und meine Gesellschaft war am begehrtesten. Wobei mir erst jetzt auffiel, dass die letzte Einladung schon lange her war.
Der Psychiater holte mich aus meinen Gedanken. „Ich kann Ihnen nur raten, nehmen Sie sich mehr Zeit für sich, gehen sie zur Kur, machen Sie Entspannungsübungen, treten sie kürzer. Ich schreibe Ihnen zusätzlich ein paar Medikamente auf.“
Ich streckte meine Hand aus und blickte durch ihn hindurch. Mir fiel nicht auf, dass ich meinen Arm nur einige Zentimeter nach vorn hielt. Er musste sich über den Schreibtisch lehnen, um mir das Rezept in die Hand zu legen. In Gedanken verloren stand ich auf und ging dann.
„Auf Wiedersehen und gute Besserung“, sagte der Psychiater zum Abschied.
Abwesend und verloren in mir selbst stammelte ich: „Ja, das wünsche ich Ihnen auch.“
Draußen zerknüllte ich das Rezept und schmiss es in den nächsten Mülleimer. Ich nehme auf keinen Fall Psychopharmaka. Und außerdem kann ich jetzt nicht zur Kur oder kürzertreten. Was soll aus meiner Arbeit werden und was werden die Kollegen wohl dazu sagen? Einige würden sich sicherlich freuen, wenn ich mental am Boden läge.
Aber so schlimm kann doch mein Zustand nicht sein, oder doch? Ich stieg ins Auto und fuhr nach Hause. Währenddessen dachte ich die ganze Zeit über das Wort „Burnout“ nach. Und jedes Mal saugte es mein Leben etwas mehr aus. An der Ampel hupte plötzlich mein Hintermann.
„Was, schon grün?“ Ich bekam nichts mit. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal Burnout bekomme.
Zuhause stampfte ich die Treppen hoch in meine Wohnung. Ich ging rein und meine Katze Ismena kam langsam auf mich zu. Sie war schon eine Diva. Bei ihrer Gangart wusste man sofort, warum Models auf einem „Catwalk“ gehen. Ich hob sie hoch und streichelte sie. Doch länger als drei Sekunden ließ sie das nie zu. Ismena verhandelte nicht über Streicheleinheiten. Sie sprang von meinem Arm runter und machte es sich wieder auf der Fensterbank gemütlich, ihrem Stammplatz.
Ich kochte mir einen Tee und setzte mich an meinen Schreibtisch, der vor dem Fenster stand. Der Ausblick auf die große Kastanie beruhigte mich schon oft. Ich liebe die Natur. Darum war auch die Platte meines Schreibtisches ein hochkant geschnittener Baumstamm. Ich genoss es, die raue Oberfläche zu berühren, wenn ich nachdachte oder mich unsicher fühlte. Doch das Highlight des Raumes war die rechte Wand. Sie bestand komplett aus Moos. Man hatte hier schnell den Eindruck, in einem Hotel auf Bali zu sein, woher auch die restlichen Möbel kamen.
Ich liebte mein Arbeitszimmer. Es war mein Rückzugsort. Aber nach der Diagnose erkannte ich erst jetzt, dass es eher meine Höhle war, in der ich mich vor der Welt verkroch.
Ich blickte hinaus. Von wegen Bali: Das deutsche, graue Herbstwetter spiegelte meine Gefühle. Die Autos fuhren den ganzen Tag schon mit Licht und die letzten Blätter der Kastanie wurden durch die nasse Straße geweht.
Ich fragte mich: Was wird jetzt aus mir? Wie konnte es zum Burnout kommen? „Burnout.“ Immer wieder sprach ich dieses Wort aus. Und jedes Mal bekam ich Gänsehaut. Ich machte mir einen neuen Tee, der Erste war mittlerweile kalt. Dann setzte ich mich wieder an den Schreibtisch.
In diesem Moment rief mich mein bester Freund Gabriel an. Ich erzählte ihm von der Diagnose. Komisch, er war nicht überrascht.
„Arcanus, was hast du erwartet? Seit du am 1. Januar zum Teamleiter befördert wurdest, haben wir dich kaum noch gesehen. Es hieß immer nur: ‚Sorry, muss arbeiten! Tut mir leid, habe noch was vorzubereiten! Keine Zeit!‘“
„Aber ich wollte aufsteigen, etwas aus mir machen, erfolgreicher werden.“
„Noch erfolgreicher?! Niemand in deinem Unternehmen hatte mit 31 diese Position. Du bist erfolgreich und hast mehr geschafft als wir alle. Wieso willst du mehr?“
„Weißt du, wie schwer es für mich war, so weit zu kommen? Für dich ist das einfach. Du heißt Gabriel, bist groß, blond und blauäugig. Ich habe einen Migrationshintergrund und obwohl ich in Deutschland geboren bin, sehen viele nur den Fremden in mir.“
„Aber du siehst doch gut aus.“
„Hier geht es nicht um gut, sondern darum, anders auszusehen. Schon in der Schule bekam ich allein deshalb schlechte Noten, weil meine Lehrerin nicht wahrhaben wollte, dass ein ‚Ausländer‘ einen besseren Deutschaufsatz schrieb als ein Thomas. Selbst Thomas aus meiner Klasse wunderte sich, dass sein Aufsatz besser benotet wurde. Auch wenn ich eine Wohnung suche, ist sie angeblich schon weg, nachdem ich meinen Namen sage, aber nächste Woche steht sie immer noch im Internet. Und wenn ich mich für einen Job bewarb, dachten viele, ich könnte kaum Deutsch. Diese Stiche sind nicht mal das Schlimmste, sondern dass ich nichts dagegen tun kann und mit dieser Stigmatisierung leben muss.
Dann stellte mich plötzlich meine jetzige Firma ein und gibt mir auch noch die Chance, Karriere zu machen. Kein Wunder, dass ich alles gebe.“
Ich fragte mich jetzt aber leise: Habe ich deshalb niemandem in meiner Firma von meinem Stress erzählt? Aber diesen Gedanken behielt ich für mich und sagte Gabriel: „Außerdem, so viel Erfolg habe ich auch wieder nicht.“
„Du siehst das nur so. Außerdem gibst du nicht alles, was du hast, sondern mehr als du kannst.“
„Ach, hör auf.“ So was wollte ich jetzt nicht hören. Vielleicht, weil ich auch tief in mir spürte, dass er Recht hatte? Ich streichelte die Oberfläche meines Schreibtisches.
„Arcanus, schau dir die Tatsachen an: Du erledigst die Arbeit deiner Mitarbeiter, wenn sie zu langsam sind. Du verzichtest auf deinen Urlaub, damit sie reisen können. Du beschwerst dich die ganze Zeit, dass du zu wenig Mitarbeiter hast, um die Projekte fristgerecht zu erledigen. Um das zu kompensieren, arbeitest du bis tief in die Nacht.“
Jetzt sagte Gabriel traurig: „Mein Freund, deshalb verließ dich auch vor zwei Monaten Alina.“
Ich fragte mich jetzt: Lag das wirklich auch am Burnout? Verdammt, es machte Sinn. Gabriel hatte recht, aber ich wollte es nicht zugeben. Oh Mann, ein wahrer Freund sagt auch Dinge, die weh tun.
Ich atmete tief durch und sagte: „Können wir das Gespräch auf ein anderes Mal verschieben?“
Gabriel hörte meinen Seufzer und wohl auch, dass ich jetzt keine weiteren Vorwürfe oder Wahrheiten hören wollte.
„Klar, kein Problem.“
Ich legte auf, schmiss das Handy auf die Couch und blickte wieder hinaus in den grauen Tag.
Ich grübelte noch viele Stunden. Ich begriff: Der Psychiater erreichte mich erst jetzt so richtig. Es lag am Wort „Burnout“. Ich brauchte wohl einen Namen für mein Leid, um es richtig zu begreifen. Das war der Game-Changer.
Nachmittags klingelte Tom an meiner Tür. Wir kannten uns schon von Kindesbeinen an und trainierten dreimal die Woche zusammen im Fitnessstudio.
„Gabriel rief mich an und hat mir alles erzählt. Da bin ich schnell vorbeigekommen. Wie geht es dir?“
Habe ich solche Freunde verdient?
Bevor ich antworten konnte, fragte er: „Stimmt es? Burnout?“
„Ja. Komm rein.“
„Nein, lass uns gehen. Ein Walk and Talk wird dir jetzt guttun. In Bewegung kann man sich besser unterhalten.“
War ja klar. Tom war ständig in Bewegung. Statt in Ruhe einen Kaffee zu trinken, wollte er lieber Kaffee to-go. Statt entspannten Urlaub am Strand, musste es bei ihm immer eine Städtereise sein. Egal, was er tat, es musste immer etwas Aktives sein. Manchmal scherzten wir, ob er statt Blut Espresso in seinen Venen hatte.
Ich sagte: „Warum nicht. Frische Luft hilft bestimmt.“
Wir gingen durch den nahegelegenen Wald. Herrlich hier, es roch nach Pinien, Moos und feuchter Erde. Ich liebe die Natur.
Tom fragte: „Hast du eine Idee, wie es zum Burnout kam?“
Nach dem letzten Gespräch mit dem Psychiater fiel es mir jetzt leichter, darüber zu reden und auch die Dinge zu durchschauen: „Ich dachte immer, mir kann sowas nicht passieren. Stress habe ich nicht und so schlimm ist alles doch eh nicht! Jetzt habe ich aber das Gefühl, dass irgendwann ein schwarzes Loch in meiner Seele entstand, das immer größer wurde. Ohne dass ich es merkte, zog es jedes Gefühl der Freude und des Glücks in sich hinein und löste es auf, bis zum letzten Atom. Bis ich schließlich gar nichts mehr spürte und mir alles egal wurde.“
„Das ist ja furchtbar.“ Sein Verständnis tat gut und machte es mir noch leichter, darüber zu reden.
„In letzter Zeit wurde mir einfach alles zu viel. Im Job musste ich ständig mehr erledigen. Meine Aufgaben wurden komplexer. Es musste auch immer schneller gehen. Irgendwann überforderte mich dann auch das Tempo des ganzen Lebens. Meine Auffassungsgabe und meine innere Uhr liefen in Zeitlupe im Gegensatz zur realen Welt. Ich hatte den Eindruck, dass ich andauernd sprinten musste, nur um mithalten zu können.“
Wow! Woher kamen diese Einsichten? Diese Selbstkritik kannte ich nicht von mir. Anscheinend war die letzte Sitzung mit dem Psychiater ein größerer Durchbruch als ich dachte.
Tom sagte: „Oh Mann, dieses Tempo kenne ich. Ist das nicht ein Dauerzustand bei vielen?“
„Traurig, oder?“
Das Gespräch tat mir gut. Ich öffnete mich nun noch mehr und redete mir alles aus der Seele. „Aber ich denke, der Burnout hatte weitere Gründe. Seit Wochen schaue und lese ich keine Nachrichten mehr, weil sie mich deprimieren. Warum geht es in ihnen hauptsächlich um Dinge, die uns Angst machen, wie der nächste Krieg, Wirtschaftskrisen, unsichere Jobs, zu teures Wohnen? Kein Wunder, dass ein schwarzes Loch mein Leben von innen verdunkelte, wenn ich angeblich nur von Schlechtem umgeben bin. Wieso erhalten wir nicht zur Hälfte auch gute Nachrichten, die definitiv auch existieren?
Ich glaube, ich weiß jetzt auch, was das alles in mir bewirkte: Dieses Tempo und diese negativen Nachrichten erschufen in mir ein Ohnmachtsgefühl, Zukunftsängste, Verzweiflung, Depressionen und schlussendlich endete das alles im Burnout. Das begreife ich erst jetzt.“
Wir kamen am Gipfel eines Hügels an und setzten uns auf eine Bank. Von hier oben sahen wir über die ganze Stadt. Irgendwie machen Weitblick und eine untergehende Sonne melancholisch.
Ich redete weiter so offen, so heilend und Tom war ein toller Zuhörer: „Ich stand ständig unter Spannung, hetzte von einem Termin zum nächsten und dachte an zehn Dinge gleichzeitig. Deshalb konnte ich bald auch nicht mehr ruhig bleiben, stillsitzen oder mich ausruhen. Es dauerte nicht lange, bis ich Stille, Ruhe und Langsamkeit hasste. Weil ich mit dem Nichts-tun nichts anfangen konnte. Die Stille und Ruhe, die mir aber so gutgetan hätten, waren für mich wie ein kleiner Tod. Ich musste immer aktiv sein, immer etwas erledigen, nachschauen und immer denken. Unbewusst wurde mir das zu viel. Also zog ich mich zurück, sogar von euch.“
Ich atmete einmal kräftig durch. Endlich gelang es mir.
Wir standen dann nach einigen Minuten auf und gingen durch den Wald zurück. Währenddessen redeten wir weiter. Von Meter zu Meter fühlte ich mich ein wenig besser.
Als wir vor meiner Wohnung standen, sagte Tom: „Weiß du was? Wir gehen heute Abend trainieren.“
„Meinst du?“
„Aber natürlich, das wird dir guttun.“
Ich sagte: „Warum nicht?“ Denn schließlich trainiere ich gerne.
Ich war eine halbe Stunde früher im Fitnessstudio. An der Brustpresse stemmte ich schonmal Gewichte. Wie immer nahm ich in den Pausen mein Smartphone und surfte in den Sozialen Medien, bis meine Muskeln für den nächsten Satz ausgeruht waren.
Plötzlich fiel mir hier und jetzt noch etwas auf, was meinen Burnout befeuerte. Keine Ahnung, wie ich wieder zu dieser Einsicht kam. Ich erkannte, dass die Sozialen Medien auch zur Entstehung meines schwarzen Loches beitrugen. Denn ich hatte ständig Angst, dort etwas zu verpassen. Daher war ich nahezu pausenlos online.
Wie jetzt! Eine Influencerin postete gerade Bilder aus ihrem Urlaub. Seychellen, Insel La Digue. Traumhaft! Der Sand war papierweiß und das Meer ging vom Strand aus von hellblau zu dunkelblau über. Die gigantischen Felsen machten diesen Ort zu einem Paradies. Am Himmel gab es keine einzige Wolke. Die Influencerin lag allein am Strand. So sollte das Leben sein.
Ich blickte aus dem Fenster des Fitnessstudios und fühlte plötzlich etwas Ungewöhnliches: Ich spürte, wie das schwarze Loch in mir gerade wuchs. Ich begriff sofort, warum. Ich sah hier seit Tagen nur Regen, Grau und Kälte. Die Nemesis von La Digue.
Und wieder machte ich eine neue Entdeckung: Ich begriff, wer hier tatsächlich schuld am Wachsen des schwarzen Loches war. Nicht die Influencerin, sondern ich.
Warum? Ich googelte La Digue und sah, wie voll es dort sein konnte. Ich weiß doch, dass nahezu alle Bilder in den Sozialen Medien bearbeitet sind. Bei den traumhaften Orten werden die negativen Dinge wegretuschiert. Aber trotzdem wollte ich auch dorthin und glaubte den Influencern. Ich wollte ihnen glauben. Es soll wahr sein. Denn es muss etwas Besseres geben als das, was ich habe.
Wow, die Erkenntnisse gingen jetzt weiter: Ich wollte ebenso aussehen, wie einige männliche Influencer. Natürlich wusste ich auch hier, dass die meisten von ihnen nicht in echt so aussahen. Ihre Körper wurden durch Photoshop so bearbeitet, dass ich mich in Wahrheit mit Karikaturen verglich. Aber verdammt, ich wollte trotzdem so aussehen.
Obwohl ich das alles wusste, konnte ich nicht aufhören, nach diesem unrealistischen Aussehen und Erlebnissen zu dürsten. Ich folgte ihnen allen auf Social Media. In der Hoffnung, dass es mir gut tat, geschah aber das Gegenteil. Ein Ozean voller Möglichkeiten und ich trank das Salzwasser, um meinen Durst zu löschen.
Wie die Influencer aussahen und was sie erlebten, dadurch fühlte sich bald nichts mehr in meinem Leben richtig an. Verglichen mit ihrem war meins unspektakulär. Bald fühlte ich mich selbst unspektakulär und hässlich.
Tom kam an. Wir trainierten zusammen erst mal Rücken, machten etwas Kardio und gingen dann zum Bauchtraining. Wir legten uns auf die Matte und nach 60 Crunches schmiss Tom alle Viere von sich. Das war immer der Moment für mich, ab da noch weiterzumachen. Nach weiteren 20 Crunches brannten auch meine Bauchmuskeln. Ich trainierte aber weiter. Bald glühten 6 Kohlestücke unter meiner Haut. Ich hörte nicht auf. Aber nach ein paar Sekunden lag ich auch ausgestreckt auf der Matte.
In der Umkleidekabine schaute Tom mich an und sagte: „Endlich hast du deinen Six-Pack.“
Ich schaute runter und sagte: „Quatsch. Schau dir das mal an.“ Ich packte mit meinem Daumen und Zeigefinger die kleine Fettschicht an meinen unteren Bauchmuskeln. „Das muss noch weg.“
Tom schüttelte den Kopf. „Du bist verrückt! Viele Männer wären überglücklich, wenn sie deinen Körper hätten.“
Ich glaubte ihm nicht, ich glaubte ihm wirklich nicht. Ich gehörte nicht zu denen, die sagten: „Oh nein, so toll sehe ich doch nicht aus.“ Nur um andere anzutreiben, mir weitere Komplimente zu machen. Nein, ich meinte es ernst. Mein Körper reichte nicht, er war nicht genug; ich war nicht genug.
Plötzlich stockte ich, meine Augen rissen auf und ich hielt auch hier inne. Ich verstand auch diesen Moment tiefer: Das war auch ein Grund für meinen Burnout. Denn mein Schönheitsideal mutierte zum Schönheitswahn.
Denn ich hatte mal eine klare Vorstellung eines Idealkörpers. Tatsächlich erreichte ich ihn sogar. Aber erst jetzt verstand ich, warum das schwarze Loch auch wegen dieses Themas wuchs. Als ich diesen Top-Körper erhielt, war es für mich so, als ob ab diesem Tag ein kleiner Dämon in mein Ohr flüsterte: „Du musst noch besser aussehen! Noch mehr erreichen!“ Egal, was ich ab da erlebte, schaffte oder wie ich aussah, es war nie genug; nicht nur beim Training.
Erst jetzt begriff ich, wie das ehrlichste Wort hierfür hieß: Minderwertigkeitskomplexe. Sie trieben mich permanent an.
Ich kam wieder zu mir, zog mich an und verabschiedete mich von Tom.
Während ich durch die leeren Straßen ging, kamen weitere Erkenntnisse: Wollte ich wegen dieses Minderwertigkeitsgefühls auch wertvolle Dinge besitzen? Aber natürlich. Damit ich mich besonders fühlte, musste ich besondere Gegenstände besitzen. Deshalb kaufte ich mir auch die exklusive Uhr zu meiner Beförderung. Sie kostete ein Monatsgehalt.
Schaute ich auch wegen dieses Minderwertigkeitsgefühls manchmal schönen Autos hinterher? Aber erst jetzt begriff ich: Ich wollte sowas niemals kaufen. Weil mir Geld nie wichtig war. Ich verdiente gut, fast doppelt so viel, wie vor meiner Beförderung. Aber es machte mich nicht doppelt so glücklich. Aber der Dämon in mir und auch die Gesellschaft zwangen mir diese Ziele auf. Damit ich das Minderwertigkeitsgefühl loswurde, war ich somit hin und hergerissen. Denn das, was ich nicht wollte, musste ich wollen. Jeden Tag strebte ich also unbewusst danach, die Wünsche der Gesellschaft zu befriedigen, wie exklusive Dinge zu kaufen oder ein bestimmtes Aussehen zu haben. Mein Glück und die Erwartungen der Gesellschaft standen aber in Opposition zueinander, begriff ich erst jetzt. Denn schließlich endete ich trotz Erfolg, Geld und Sixpack im Burnout. Ich hatte also ständig das Gefühl, einen Kampf darüber zu führen, ob mein Glück gewinnt oder die Gesellschaft. Traurig musste ich jetzt zugeben, dass ich jeden Abend das Gefühl empfand, die Gesellschaft hat schon wieder gewonnen.
Am nächsten Morgen saß ich in der Küche, während die Kaffeemaschine lief. Ismena sprang auf den Tisch. Sie stand nur 30 Zentimeter vor meinem Gesicht und blickte mir in die Augen. Ich streichelte ihren Kopf; natürlich nur einmal. Mehr wollte sie auch heute nicht. Ich dachte nun über die Gespräche mit meinem Psychiater, mit Gabriel, Tom und über die Erkenntnisse von gestern nach. Ich atmete wieder tief durch. Wie schön das war.
Plötzlich verspürte ich auch Stolz. Dieses Gefühl empfand ich lange nicht mehr. Ich empfand es, weil ich so viele und befreiende Einsichten erhielt. Das kannte ich nicht von mir. Sie brachten mich endlich weiter. Anscheinend trug meine Psyche den ganzen Müll der letzten Monate raus.
Ich haute jetzt mit der Faust auf den Küchentisch! Ich sagte zu mir: Es reicht! Wenn ich in einem Loch sitze, hör als erstes mit dem Graben auf. Ich musste mich ändern. So konnte es nicht weiter gehen. Das Atmen fiel mir in den letzten Wochen noch schwerer und durch das Herzrasen war ich permanent unruhig. Der gestrige Tag und heute waren schön, aber auch nur eine kurze Pause von meinem Burnout. Bevor es wieder finster in meinem Leben würde, musste ich meine restliche Energie nutzen, um aus der Dunkelheit herauszukommen. Wenn es Dinge gibt, die das schwarze Loch wachsen lassen, dann muss es auch etwas geben, das es wieder schließt. Es muss aber etwas anderes sein als Medikamente. So was wie kluge Weisheiten, lebenserfreuende Erkenntnisse, oder sogar neue Entdeckungen in der Psychologie, die Licht in mein Leben bringen.
Ich wollte so gern wie früher hemmungslos und laut auf der Straße lachen, so dass sich die Leute nach mir umdrehten. Ich wollte auf Partys wieder Witze erzählen und von Freunden umringt sein. Ich möchte das Glas nicht mehr halbleer sehen, sondern halb voll, und das mit einem süßen Cocktail. Ich will wieder lieben und geliebt werden.
Solch ein Leben schien mir so weit entfernt zu sein. Etwas in meinem Leben und Gehirn musste daher definitiv umprogrammiert werden. Aber was?
Es war Sonntagmorgen und herbstkühl, aber die Sonne schien. Endlich mal. Ich zog meine Jacke an und setzte mich mit einer Tasse Kaffee auf die Strandliege auf meinem Balkon. Ich blickte in den blauen Himmel und überlegte: Was will ich wirklich? Ja, ich will keinen Burnout. Aber was will ich stattdessen? Ich grübelte und viele Wolken flogen vorbei. Dann fiel mir etwas ein. Als ob jemand diesen Gedanken in mich einpflanzte. Wieder keine Ahnung, woher die Erkenntnis kam, aber auf einmal wusste ich, was ich suchte: das wahre Glück!
Ich setzte mich auf einen Schlag aufrecht und sagte: „Aber natürlich!“ Was für ein Geistesblitz. Es ging mir nicht um das einfache Glück, wozu ich auch Spaß und Freude zählte. Denn das erlebte ich oft in meinem Leben und ich endete trotzdem im Burnout. Ich brauchte die Steigerung des Glückes, das wahre Glück. Das geht tiefer.
Als ich das begriff, änderte sich auf einmal etwas in mir. Endlich bekam ich eine positive Einstellung zum Leben. Allein die Tatsache, dass ich nun wusste, wonach ich suchen musste, erhellte meine Stimmung. Das schwarze Loch hörte plötzlich auf zu wachsen. Unglaublich, was gerade hier geschah. Als ob etwas in mir sagte: „Arcanus, mach dich auf den Weg, das wahre Glück zu finden!“
Okay, dann man los! Oh man, ich war so aufgeregt.
Am nächsten Tag brachte ich schnell die Arbeit hinter mir und fuhr zur Buchhandlung in der Innenstadt. Dort kaufte ich mir alle Bücher, die sie über Glück hatten. Zwanzig Stück. Ganz bestimmt finde ich in einem das, was ich suchte: kluge Weisheiten, lebenserfreuende Erkenntnisse, neue Entdeckungen aus der Psychologie, eine erhellende Einstellung zum Leben und zum Schluss das wahre Glück.
Ich kam zuhause an und schmiss meine Jacke auf den Boden. Ich fing sofort mit dem Lesen an. Ab nun las ich jeden Abend. Ich erfuhr, was die Buddhisten über Glück sagten, was Wissenschaftler auf der ganzen Welt darüber herausfanden. Ich las afrikanische Weisheiten und orientalische Geschichten. Ich erhielt Erkenntnisse von nord- und südamerikanischen Indianern, von Aborigines und indischen Gurus. Aber auch, was gewöhnliche Menschen schrieben und sogar Promis.
Nach etwa zwei Wochen musste ich aber zugeben: Es funktionierte nicht! Das Problem waren nicht immer die Bücher, sondern, dass ich nichts in meinen Kopf hineinbekam. Ich las abends zum Beispiel eine inspirierende Weisheit, wie: „Wer glaubt zu sein, hört auf zu werden.“ Um am nächsten Abend wieder in die Geschichte reinzukommen, las ich den letzten Absatz nochmal. Dann wunderte ich mich wieder über diese tolle Weisheit. Aber ich kannte sie doch! Ich vergaß sie. Ich konnte sie mir nicht mal einen Tag merken.
Am nächsten Abend kam ich wieder von der Arbeit und setzte mich an meinen Schreibtisch. Nach zehn Minuten stand ich wieder auf, ich musste mich bewegen. Ich ging zur Mooswand und glitt mit meiner Hand über die Oberfläche. Dies beruhigte mich oft, wenn ich durcheinander war. Wieso konnte ich mir nichts merken?
Nach ein paar Minuten kam ich selbst wieder auf die Antwort. Ich konnte die Bücher nur nach Feierabend lesen. Ja, ich war motiviert und las viel. Aber abends, nach einem harten Arbeitstag noch was lesen, was mein Leben verändern soll? Das funktionierte nicht.
Aber ich musste das wahre Glück finden. Denn mit meinem Burnout konnte es nicht so weiter gehen. Wo würde ich enden? Als Zombie, der nicht mehr schlief, nichts fühlte und nicht atmen konnte? So sah ich meine Zukunft. Nichts Geringeres als mein Leben stand hier auf dem Spiel.
Am nächsten Morgen stand ich wieder völlig erschöpft auf. Ja, ich schlief schon länger nicht mehr durch, aber die letzte Nacht war besonders schlimm. Ich hatte kein Auge zu gemacht und ständig über mein Problem gegrübelt. Ich blickte im Bad in den Spiegel. Mein Gesicht sah aus wie ein Bild von Picasso: Die Augen waren irgendwie auf der Stirn und der Mund an der Wange.
Zum Glück war heute Samstag und ich musste nicht arbeiten. Ich machte mir einen doppelten Espresso und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch.
Nach ein paar Stunden des Nachdenkens hatte ich endlich die Idee, die alles verändern sollte. Ich erkannte nun meinen Fehler: Ich ging zu halbherzig an die Sache ran. Bücher nebenbei lesen, um mein Leben zu retten?
Die ganzen Bücher lagen gerade vor mir auf meinem Schreibtisch. Aus irgendeinem Grund spürte ich: Öffne eins. Keine Ahnung, woher das Gefühl kam, aber ich folgte. Ich griff in die Menge, nahm eins und schlug eine willkürliche Seite auf. Hier stand eine Weisheit von Albert Einstein. Komisch, dass ich sie ausgerechnet jetzt entdeckte. Als ob das Schicksal eben meine Hand führte. Denn diese Weisheit passte perfekt zu meiner jetzigen Situation.
Einstein wurde gefragt: „Was ist die beste Definition für Dummheit?“
Nach kurzer Überlegung sagte er: „Immer das Gleiche tun und jedes Mal ein anderes Ergebnis erwarten!“
Wie bei mir! Nach einem anstrengten Tag lesen und sich wundern, dass ich mir nichts merken konnte. Verblüfft sein, dass ich immer das Gleiche tat und nichts in meinem Leben änderte. Ich musste etwas anderes tun. Dafür fragte ich mich: Was steht mir wirklich im Weg, um das wahre Glück zu finden? Die Antwort war sofort klar: Mein Job!
Aber was sollte ich tun? Wieder spürte ich: Öffne ein anderes Buch. Ich tat es und fand nochmal eine Geschichte, die zu meiner Situation passte: Der Konquistador Hernan Cortes lebte im 16. Jahrhundert. Er sollte mit seiner Armee eine Schlacht gegen ein feindliches Heer führen. Das Problem: Die Gegner waren zahlenmäßig überlegen. Daher musste er sich für die Motivation seiner Krieger etwas Besonderes einfallen lassen. Der Tag der Schlacht kam und sie segelten mit ihren Schiffen zum Ort des Kampfes. Dort fiel Cortes etwas ein: Er ließ die Beiboote ins Wasser und die Soldaten an Land rudern. Doch auf jedem Schiff blieb ein Soldat zurück mit dem Befehl: „Bohrt ein Loch in das Schiff und setzt es in Brand!“
Als die anderen Kameraden an Land kamen, drehten sie sich um und sahen, wie ihre Schiffe brennend untergingen.
Geschockt riefen sie: „Kapitän, Kapitän, wie sollen wir jetzt wieder zurück?“
Cortes sagte mit fester Stimme: „Es gibt kein Zurück mehr!“
Mit dem Mut der Alternativlosigkeit gewannen sie die Schlacht.
Ich begriff: Wer weiß, dass es kein Zurück mehr gibt, der kämpft entschlossener. Für mich war die Antwort jetzt auch klar. Ich musste mein „Schiff“ versenken, um meinen Kampf gegen den Burnout zu gewinnen. Jetzt sollte sich zeigen, aus was für einem Holz meine Entschlossenheit geschnitzt war. Ich musste den nächsten Schritt gehen. Meine Suche nach dem wahren Glück musste ohne Kompromisse sein; ohne einen Weg zurück: Ich musste kündigen, damit ich endlich Zeit und Kraft für das Lesen fand!
Mein Job war das Schiff, das mir zu viel Sicherheit gab, um mich auf die Suche nach dem wahren Glück richtig einzulassen. Aber konnte ich kündigen? War mein psychischer Zustand so stabil, dass ich auch mit finanziellem Druck zurechtkommen würde? Ja, ich konnte gut mit Geld umgehen. Ich hatte auch einiges zur Seite gelegt, da ich mir eine Wohnung kaufen wollte. Aber meine Ersparnisse werden irgendwann aufgebraucht sein.
Ich hatte eine schwierige Entscheidung zu treffen, bei der es kein Zurück mehr gab. Entweder fällt bald mein ganzes Leben in das schwarze Loch, oder ich nehme meinen Mut zusammen für das Abenteuer, das wahre Glück zu suchen.
Am nächsten Tag geschah dann etwas, das alle Zweifel zerstörte und mich zu meinem Schicksal führte. Eine Sache musste ich noch erleben, damit mein Mut und meine Entschlossenheit stark genug wurden: Eine Demütigung musste noch kommen.
Während der Mittagspause mit meinen Kolleginnen und Kollegen erzählte ich ihnen dann von meinen psychischen Problemen. Als ich alles von der Seele sprach, sagte ich zum Schluss: „Leute, deshalb überlege ich zu kündigen. Ich will mehr Zeit für mich, um das wahre Glück zu finden.“
Doch statt Verständnis erntete ich das Gegenteil! Zwei ihrer Aussagen trafen mich besonders. Die erste kam von Maria. Sie wollte um jeden Preis Karriere machen. Nicht selten hinterging sie uns dafür. Deshalb nannten wir sie auch „Messer“, das oft in unseren Rücken landete.
Sie sagte: „Du suchst das ‚wahre Glück‘? Was soll das ein? Und außerdem: Was glaubst du, was du finden wirst, was Experten nicht fanden? Arcanus, versteh mich nicht falsch, aber wer glaubst du zu sein?“
Michaels Ratschlag tat aber am meisten weh. Ein Typ, der seit Jahrzehnten den gleichen Kleiderstil trug und immer dasselbe in der Kantine aß: „Arcanus, du nimmst dir zu viel vor. Nimm dir nichts vor, dann kann auch nie etwas im Leben schief gehen!“
Dieser Satz war für die anderen die wichtigste Aussage der ganzen Unterhaltung; und anscheinend auch ihr Lebensmotto! Alle gratulierten Michael zu dieser „Weisheit“.
Dann lachten sie mich sogar aus! Es war kein lautes Lachen, sondern nur ein einziger Ton aus der Nase, der von einem hochgezogenen Mundwinkel begleitet wurde.
Als ich das sah, veränderte sich plötzlich etwas in mir. Denn wenn ich Michaels Ratschlag folgte, würde ich komplett im schwarzen Loch verschwinden. Daher überlegte ich mir meine nächsten Worte sehr gut. Denn sie werden die letzten sein, die ich diesen Menschen sagen werde. Ich war jetzt genauso entschlossen wie Cortes. „Ja, ich nehme mir viel vor, vielleicht auch zu viel. Aber dafür bin ich mein Leben lang ein Wachsender und ein Werdender. Und wenn ich am Ende meines Lebens von meiner Suche nach dem wahren Glück nur zehn Prozent schaffen sollte, dann gehe ich trotzdem lieber diesen Weg, als mir nichts vorzunehmen, wie ihr, und davon hundert Prozent zu schaffen.“
Ich stand auf und sie schauten mich mit offenen Mündern an. Sie lachten eben über mich, weil ich anders war. Ich lachte über sie, weil sie alle gleich waren.
Wer wäre ich, wenn ich jetzt noch bleiben würde? Ich schrieb meine Kündigung und legte sie meiner Chefin vor. Sie las nur die Überschrift, warf ihre Brille von der Nase auf den Tisch und schaute mich an. Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten, verließ ich ihr Büro. Es gab nichts mehr zu sagen, mein Entschluss stand fest! Es gab kein Zurück mehr. Ich versenkte mein Schiff.
Als ich mich danach in mein Auto setzte, konnte ich wieder nicht atmen. Aber dieses Mal fühlte es sich gut an. Nach langer Zeit empfand ich tatsächlich wieder etwas Glück! Das raubte mir den Atem!
Ich sagte laut zu mir: „Gut gemacht!“ und klopfte mir auf die Schulter. Damit lernte ich auch meine erste Weisheit über das wahre Glück: Im Leben kommt es nicht immer auf die Momente an, in denen wir atmen, sondern auch mal auf die, die uns den Atem rauben.
Das Abenteuer, das wahre Glück zu finden, begann. Ob meine Ersparnisse nun viel sind oder wenig: Ich ziehe die Suche so lange durch, wie ich kann.
In den nächsten Wochen las ich alle Bücher. Endlich konnte ich auch die Weisheiten und Erkenntnisse verinnerlichen. Dann kaufte ich noch mehr, es wurden hunderte Bücher. Zusätzlich recherchierte ich im Internet, schaute Videos und hörte Podcasts. Ich lernte vieles und höchst Interessantes über das Glück. Shakespeare sagte zum Beispiel: „Es gibt Gezeiten im Leben des Menschen, und weiß er die Flut zu nutzen; dann hebt sie ihn empor zum Glück.“ Der Burnout war also nur die Ebbe meines Lebens. Jetzt ist es Zeit für die Flut.
Nach einigen weiteren Wochen wurde mir aber bewusst: Egal wie viel ich las, das wahre Glück fand ich nicht in den Büchern. Die Weisheiten und Ratschläge gingen nicht tief genug. Bald musste ich mir eingestehen, dass das wahre Glück nicht in diesen Büchern existierte. Wo dann?
Die Antwortet wartete schon auf mich. Eines Abends lief eine interessante Dokumentation im Fernsehen, die ich beim Zappen „zufällig“ entdeckte. Forscher sichteten vor der Küste von Mexiko eine neue Walart, den „Rice-Brydewal“. Unglaublich! Doch damit nicht genug: Ärzte fanden ein neues Organ im menschlichen Körper! Die „Tubarius-Drüse“. Ich konnte nicht glauben, was ich da gerade erfuhr! Eine neue Walart und ein neues Organ? Und das im 21. Jahrhundert? Wie faszinierend! Und da heißt es, wir würden alles kennen.
Dann zitierten sie Charles H. Duell, eine leitende Person im US-Patentamt: „Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist erfunden worden. Wir sollten das Patentamt schließen!“ Das war im Jahr 1899.
Diese drei Dinge ließen eine fantastische Idee in mir aufflammen. Ich musste jetzt plötzlich von der Couch aufstehen und dachte mir: Was ist, wenn auch das wahre Glück, so wie ich es sehe, noch nicht entdeckt wurde? Was ist, wenn diese Bücher nichts davon wissen können, wie in den bisherigen Büchern auch nichts über den Rice-Brydewal und die Tubarius-Drüse stehen konnte? Was ist, wenn das wahre Glück draußen noch auf seine Entdeckung wartet? Wartet es gar auf mich?
Diese Wale und die Drüse fanden Menschen, die weiter gingen, als die gängigen Bücher sie brachten. Ich war mir nun sicher, dass auch ich die bekannten Theorien über das Glück verlassen musste, um ihre Steigerung zu finden.
„Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken“
(Ferdinand Magellan)
In den nächsten Tagen recherchierte ich, was ich für meine Suche brauchte. Dafür fragte ich mich: Wo suchen die meisten Menschen ihr Glück? Ich erinnerte mich an die Bücher, die ich las. In ihnen konnte ich drei Hauptgebiete herausfiltern: die Wissenschaft, wozu ich auch die Psychologie zählte, die Spiritualität, wie der Buddhismus, und die Religionen.
Schaffe ich es, in diesen drei Wegen etwas Neues zu finden, was uns heute zum wahren Glück führt?
Ich las wieder viele Bücher, diesmal gezielt über die jeweiligen drei Wege. Bald erkannte ich ein Problem in ihnen. Wissenschaftler, Religionsführer, Weise und wir gewöhnlichen Menschen betrachteten diese drei Wege oft getrennt. Die Experten in den jeweiligen Bereichen sagten auch, dass man diese drei Felder kaum oder gar nicht miteinander kombinieren kann. Oft schlossen sie sich sogar gegenseitig aus, wenn man zum Beispiel Religion und Wissenschaft nahm.
So kam ich auf eine interessante Idee: Ist es möglich, dass vieles in unserem Leben nicht harmoniert oder sich nicht weiterentwickelt, weil einiges nicht zusammen gesehen wird? Muss man, um etwas Neues zu finden, mehrere bekannte Wege vielleicht sogar zusammenführen? Kreiert man womöglich damit einen neuen Pfad? Muss ich auch für das wahre Glück eine neue Kombination dieser drei Wege zusammenstellen?
Als mir das bewusst wurde, dachte ich wieder an Einstein, dessen Erkenntnis ich leicht abwandelte: Wenn ich etwas Neues entdecken will, kann ich nicht immer das Gleiche tun, was andere bisher taten. Sonst erhalte ich auch nur das, was sie bis jetzt fanden.
Also muss ich diese drei Wege zusammenzufügen. Auch wenn die jeweiligen Experten sagen, dass das nicht funktioniert. Wenn ich etwas Neues entdecken möchte, muss ich auch unbekannte Dinge ausprobieren.
Aber genau jetzt dachte ich an den Satz meiner ehemaligen Kollegin Maria: „Du suchst das ‚wahre Glück‘? Was soll das ein? Und außerdem: Was glaubst du, was du finden wirst, was Experten nicht fanden? Arcanus, versteh mich nicht falsch, aber wer glaubst du zu sein?“
Ich musste zugeben, immer wenn ich an diese Worte dachte, würgten sie mir die Luft meiner Motivation zu.
Aber zum Glück hatte ich meine Freunde. Ich traf mich mit Isabelle, Gabriels Frau. Sie zog für ihn extra von Paris nach Deutschland. Ihr französischer Akzent war bezaubernd und zum Glück hat sie ihn nie verloren. Isabelle, Gabriel, Tom und ich waren schon eine tolle Truppe. Das wurde mir jetzt immer bewusster.
Wir gingen einen Kaffee trinken. Sie stand von vornherein hinter mir. Ich erzählte ihr von der Idee, dass ich in der Kombination von Wissenschaft, Spiritualität und Religion etwas Neues finden will. Ich gab aber auch zu, dass die Sätze meiner Kollegen Zweifel in mir weckten.
Dann sagte Isabelle aber etwas, das diesen Aussagen endgültig die Kraft nahm und mich enorm motivierte, mich auf den Weg zu machen, diese drei Wege zusammenzufügen.
Sie sagte mit ihrem Akzent: „Arcanus, hör auf zu zweifeln! Sicherlich verstehe ich deine Ängste. Aber glaube mir! Deine Idee hört sich wirklich gut an!“
„Ja, aber wer bin ich schon? Ich bin ein Laie und die Experten behaupten, dass man diese drei Wege nicht kombinieren kann.“
Sie überlegte und fand die richtigen Worte: „Es gibt Menschen, die Musik studierten, richtig?“
„Ja.“
„Diese Experten können aus einem Orchester jedes Instrument heraushören. Sie sind wahrscheinlich sogar in der Lage, jeden Ton zu erkennen.“
„Ganz bestimmt.“
„Aber Arcanus, wie viele von diesen Experten haben einen Nummer Eins Song geschrieben? Wie viele von ihnen komponierten ein Liebeslied, das uns zum Weinen bringt? Oder uns vor Freude tanzen und laut mitsingen lässt? Vielleicht liegt es daran, dass ihnen zwei wichtige Dinge fehlen: ein gewisses Talent und eine ganz besondere Leidenschaft, die man nicht studieren kann. Musikstudierte sind sicherlich großartig in ihrem Job. Doch Musikgeschichte wird von anderen geschrieben. Natürlich bist du kein Experte, aber das, was dich ausmacht, ist vielleicht genau die Tatsache, dass du kein gängiger Experte bist, sondern das, was du durch deinen Burnout erleben musstest.
Arcanus, wessen Herz einmal gebrochen wurde, weiß, wie ein Liebessong sein soll. Nur wer sich eingeengt fühlt, weiß, wovon ein Lied über Freiheit handeln muss. Du hast gelitten und weißt, wie es ist, unglücklich zu sein. Du hast sogar für deine Suche deinen Job gekündigt. Glaube mir, mon ami, dein Erlebtes und die daraus geborene Leidenschaft werden dir das schenken, was du brauchst, um aus diesen drei Wegen etwas Neues zu erschaffen und darin das wahre Glück zu finden!“
Das war genau das, was ich hören musste.
Ich fing mit dem ersten Weg an: Wissenschaft. Nun tat ich mehr, als nur Bücher lesen. Ich ging jetzt auch zu Vorträgen und sprach mit Professoren. Sie erzählten mir höchst Interessantes. Wie, dass Dopamin die Leistung unseres Gehirns steigert. Dopamin ist ein Botenstoff des Glücks. Mit Glück lernen wir also besser. Selbst für jemanden, der klüger werden möchte, ist also das wahre Glück von Bedeutung.
Durch viele weitere Antworten erhielt ich noch tiefere Einblicke in diesen Weg. Doch das reichte mir nicht. Ich belegte sogar einen fünfmonatigen Fernkurs in Psychologie.
Es war kein Studium, aber trotzdem sehr intensiv. Ich lernte viel über allgemeine psychologische Konzepte und wie sie in unserem Leben wirkten. Zum Beispiel, dass es am Herdentrieb liegt, dass wir mit der Gesellschaft und ihren Wünschen konform sein wollen. Deshalb kaufen wir uns auch teure Uhren, exklusive Taschen und begehren Autos. Ich erhielt einen großen Fundus an Wissen. Überraschenderweise half mir der Kurs auch ein wenig bei meinem Burnout. Hier erfuhr ich nämlich, dass Essgewohnheiten auch ausschlaggebend für unseren Schlaf sind. Spätabends Essen lässt uns schlechter schlafen. Es ist sogar besser, mit etwas Hunger ins Bett zu gehen als mit einem vollen Magen. Leider tat ich oft das Gegenteil.
Nach dem Abschluss fühlte ich mich so fit in der Psychologie, dass ich mich dem nächsten Weg widmete: der Spiritualität.
Doch schon damals, als ich die ersten Bücher über das wahre Glück las, bemerkte ich, dass ich gegenüber der Spiritualität Vorurteile hatte. Ich konnte mich ihr nicht so öffnen wie der Wissenschaft. In diesen Büchern ging es um „Energien“ und „Sein Inneres berühren“. Wenn mir einer sowas erzählte, dachte ich mir: „Wie naiv!“ Für mich war Spiritualität etwas für Weltfremde, die in einer Scheinwelt lebten. In Yogakursen die eigene Mitte finden? Was für ein Unsinn.
Aber zum Glück entdeckte ich in einem Buch eine Geschichte, die das ändern sollte: Es gab einen Professor, der von einem buddhistischen Meister hoch oben auf einem Bergkloster hörte. Der Professor machte sich auf den Weg, um von dem Meister zu lernen. Über Stock und Stein stieg er den Berg hoch. Wind, Wetter und Schmerzen besiegte er, um nach drei Tagen vor dem Tor des Klosters zu stehen. Er stieß die zwei mächtigen Türen auf und sah, wie der Meister in der riesigen Halle meditierte. Dieser öffnete seine Augen und schaute den Besucher an. Der Professor stellte sich mit all seinen akademischen Titeln, seinen Forschungserfolgen und Auszeichnungen vor. Dann meinte er: „Oh Meister, bringen Sie mir was bei.“
Der Meister überlegte und fragte: „Magst du einen Tee?“
„Gerne“, antwortete der Professor überrascht.
Der Meister stand auf, nahm den Professor mit in die Küche und sie setzten sich an den Tisch. Auf ihn stellte der Meister eine Tasse und schüttete den Tee ein. Die Tasse füllte sich, doch der Meister hörte nicht auf zu gießen. Der Tee schwappte über den Tassenrand. Der Meister hörte auch jetzt nicht auf. Dann lief der Tee über den Tisch. Der Meister hörte nicht auf. Nun floss der Tee auf den Boden; der Meister hörte nicht auf. Der Professor sprang auf und rief: „Halt! Die Tasse ist voll, da passt nichts mehr rein!“ Endlich hörte der Meister auf. Er lächelte zufrieden und sagte: „Genau wie bei dir. Wie soll ich ein Gefäß füllen, das schon voll ist?“
Auch ich lernte von dieser Geschichte: Ich leerte mich von meinen Vorurteilen gegenüber der Spiritualität, um durch meine neue Offenheit die Erfüllung zu erhalten. Nur wer leer ist, ist auch bereit für neue Erkenntnisse. Neuer Tee schmeckt außerdem besser als abgestandener.
Ich ließ mich auf das Experiment ein und betrachtete die Spiritualität mit einem vorurteilslosen Geist, um diesen Weg besser kennenzulernen.
Auch hier las ich zuerst weitere Bücher. Als ich mit ihnen fertig war, besuchte ich sogar einen Yogakurs. Ich spürte danach keinen Muskelkater, sondern Muskeltiger. Und das an Stellen, von denen ich nicht mal wusste, dass ich dort Muskeln hatte; obwohl ich so viel Sport machte. Es überraschte mich, wie gut mir Yoga tat. Natürlich dehnte ich mich auch im Fitnessstudio, aber hier sagte die Trainerin immer wieder: „Atmet ein und aus.“ Durch so etwas Einfaches entspannten sich nicht nur meine Muskeln, sondern auch mein Inneres. So erhielt Yoga einen spirituelleren Touch gegenüber den Dehnübungen.
Dann las ich von einem buddhistischen Tempel, der nur 30 Kilometer von meinem Wohnort entfernt lag. Es war Zeit für einen weiteren Schritt. Ich schrieb dem Meister per Mail meine Fragen über das wahre Glück und verabredete mich mit ihm.
Der Tempel sah nicht aus wie ein buddhistischer Tempel. Es war eine kleine, alte Fabrikhalle aus Backsteinen. Die großen Fenster waren alt und der Putz der Fensterrahmen blätterte schon ab. Hier wurde seit Jahrzehnten nichts mehr produziert. Schön, dass der Tempel dem Gebäude ein neues Leben gab.
Ich wartete draußen und nach etwa 10 Minuten war die Zeremonie drinnen vorbei. Die „Gläubigen“ kamen in den großen Vorhof, der aussah wie ein Schulhof, und redeten miteinander.
Dann kam der Meister. Er war ein Mönch namens Peter. Kein glatzköpfiger Asiate, sondern ein Deutscher mit Haarkranz, etwa Mitte 60 und mit einer winzigen Nase. Er sah trotz seines orangen Gewandes eher aus wie ein Mathelehrer. Sein Lächeln fiel mir sofort ins Auge. Ich ging zu ihm und sagte: „Hallo, ich bin Arcanus, wir haben gemailt.“
„Arcanus, schön dich zu sehen.“ Wir schlenderten durch die Menschenmenge.
Dabei sagte er: „Viele Menschen im Westen finden ihr wahres Glück im Buddhismus oder in anderen fernöstlichen Weisheiten. Schau mal, das sind zum Beispiel Mareike und Willem.“ Das Pärchen kam gerade an uns vorbei.
Peter stellte uns vor und ohne Vorwarnung umarmten die beiden mich. Oh man, sowas hatte ich noch nie, eine Dreier-Umarmung. Das irritierte mich anfangs, aber dann tat es sogar gut. Ich konnte mich nicht erinnern, wann mich zuletzt jemand so liebevoll umarmte. Dann ließen sie los und sagten im Chor: „Willkommen.“
Peter erklärte: „Arcanus ist heute unser Gast. Er sucht eine Möglichkeit, wie man Wissenschaft, Spiritualität und Religion in Einklang bringen kann, um so das wahre Glück zu finden.“
Mareike schüttelte lächelnd den Kopf und meinte: „Ich glaube, das wird nicht klappen.“
Willem sagte aber: „Moment mal. Mir fällt gerade ein, dass es schon Bereiche gibt, in denen es geht, zumindest einen Teil der Wissenschaft und Spiritualität zu verbinden: bei dem Ayurveda.“
Mareike ging ein Licht auf. „Stimmt! Forschungen zeigen sogar, dass eine Kombination von Medizin und Ayurveda um ein Mehrfaches erfolgreicher ist als jedes für sich allein.“
Das freute mich. Endlich fand ich einen Beweis, dass diese zwei Wege schon mal funktionierten.
Draußen vor dem Tor hupte jemand.
Willem und Mareike sagten: „Oh, unsere Freunde sind da. Wir müssen los.“ Während sie zum Auto liefen, drehten sie sich noch zu mir um: „Viel Erfolg bei der Suche. War toll, dich kennenzulernen.“
Ich verabschiedete mich jetzt auch von Peter, denn ich kam einen wichtigen Schritt weiter.
In den nächsten Wochen besuchte ich weitere buddhistische Tempel, hinduistische Feiern und Zen-Klöster. Überall lernte ich durch meine neue Offenheit so vieles in der Spiritualität. Zum Beispiel, dass Buddha immer gesagt hat, dass er kein Gott sei. Der Buddhismus ist auch keine „klassische“ Religion, sondern eher eine Lebenseinstellung oder eine Philosophie. Mein neuer Tee schmeckte großartig. Bald fühlte ich mich auch hier so reif, den nächsten Weg kennenzulernen: die Religion.
Hier wurde es aber nun richtig schwer! Denn gegenüber Religionen hatte ich schon immer die größten Vorurteile. Ich erinnerte mich zwar an den Professor und den Tee, aber ich ahnte: Egal, was ich hier entdecke, dieser Tee wird bitter schmecken!
Religion und Gott spielten nie eine Rolle in meinem Leben. Erstens, mein Verstand hinderte mich daran, denn die Religionen widersprachen einfach der Logik. Zweitens fand ich es altmodisch, an sowas zu glauben. Doch am meisten störte mich, dass so viele Kriege im Namen Gottes geführt wurden und sogar noch werden. Früher waren es die Kreuzzüge und heute sind es die „Halbmondzüge“ einiger Muslime gegen Andersgläubige.
Außerdem war ich mir sicher, dass ich in den Büchern aller Religionen nicht das wahre Glück finden würde. Denn vielleicht waren die Bibel, die Tora oder der Koran vor Jahrhunderten und Jahrtausenden eine gute Hilfe. Aber wie sollen sie mir im Zeitalter der Digitalisierung, des Klimawandels, der künstlichen Intelligenz, Biotechnologie und des Burnouts helfen?
Doch ich erinnerte mich wieder an die Worte von Einstein und übertrug sie auf meine Situation: Wenn ich immer so denke wie jetzt, werde ich immer da ankommen, wo ich schon bin! Ich muss also auch den Religionen mit einem vorurteilslosen Geist gegenübertreten.
Okay! Aber welche Religion sollte es sein? Da ich in Deutschland lebte, kannte ich das Christentum, Judentum und den Islam. Daher lernte ich mehr über diese drei.
Wieder fing ich mit dem üblichen Weg an: Ich las Bücher, hörte Podcasts und schaute Videos. Danach ging ich zu katholischen Messen und jüdischen Festen. Nachdem ich einiges über das Christentum und Judentum lernte, war nun der Islam dran.
Oh Mann! Wieso glaubte ich, dass ich in dieser Religion nicht bitteren Tee finden werde, sondern eher Gift? Von allen Religionen besaß ich dieser gegenüber die meisten Vorurteile, ehrlich gesagt auch eine Abneigung.
Eines Mittags rief meine Mutter an. Es ging ihr wieder schlecht. Die Dialyse schlug seit Wochen nicht mehr so an, wie erhofft. Sie fühlte sich heute schwach. Zum Glück wohnte sie nur 10 Minuten entfernt. Ich fuhr sofort hin. Sie lag auf der Couch und sah Fernsehen als ich kam. Seit mein Vater vor drei Jahren viel zu früh starb, war sie allein.
Ich erschrak als ich sie sah. So blass war sie seit langem nicht mehr. Doch ihre Laune trübte das nie. Sie lächelte immer und suchte ständig nach dem Guten in einer Sache. Sie sah die Trauer in meinen Augen und sagte: „Siehst du, würde es mir besser gehen, wärst du jetzt nicht bei mir, sondern erst morgen.“
Ich schmunzelte.
Ich kochte uns Bohnen mit Putenschinken und machte einen großen Salat. Wir aßen und sie bekam mehr Farbe. Nach dem Essen war es draußen schon dunkel und meine Mutter legte sich ins Bett. Ich setzte mich auf den Stuhl vor ihrem Bett und hielt ihre Hand. Wir unterhielten uns und ich erzählte ihr, wo ich bei meiner Suche nach dem wahren Glück angekommen bin.
Ich sagte: „Jetzt bin ich bei den Religionen und will sie besser kennenlernen. Aber ich weiß nicht, welche es sein soll.“
„Nimm doch unseren Glauben, den Islam.“
„Mama, es ist deine Religion, nicht meine.“ Sie wusste, dass ich nicht offen gegenüber dem Islam stand. Für meine Eltern war das schweren Herzens okay. Sie zwangen mir nie etwas auf.
Ich sagte: „Du kennst meine Einstellung: Der Islam ist für konservative und intolerante Menschen. Verschlossene Männer mit Bärten, die geistige Burkas tragen. Frauen mit Kopftüchern und verachtenden Blicken, wie damals, als ich lange Haare hatte und sie mich auf der Straße böse anschauten.“
„Mein lieber Junge, ich bin doch eine Muslimin. Bin ich etwa intolerant?“
Ich strich über ihre Haare und sagte: „Niemals!“
„Wir schickten dich sogar in eine katholische Grundschule, damit wir uns nicht gegen andere Religionen verschließen. Also sind nicht alle Muslime intolerant. Und du weißt, Krieg und Terror kommen nicht von Gott, sondern von bösen Menschen. Wer heute noch glaubt, dass Terror zum Islam gehört, der glaubt auch, dass der Ku-Klux-Klan ein Teil des Christentums ist.“
Wie wahr!
„Mama, aber in allen Religionen habe ich zumindest etwas Spirituelles gefunden. Nur nicht im Islam!“
„Mein Sohn, vielleicht liegt im Islam etwas verborgen, was noch keiner entdeckte. Vielleicht sind viele Menschen wie du. Sie suchen das wahre Glück und keiner kommt auf die Idee, es im Islam zu suchen. Vielleicht wurde es deshalb darin noch nicht gefunden.“
Nun strich sie über meine Haare und sagte: „Mein Lieber, es wäre so schön, wenn du dich dem Islam mehr öffnen würdest.“
Sie schloss langsam ihre Augen, um zu schlafen. Müde sagte sie noch: „Es würde mir so viel bedeuten, wenn du mehr über den Islam lernst. Versprichst du mir das?“
Um sie in Ruhe einschlafen zu lassen, sagte ich: „Okay, Mama.“ Doch das akzeptierte sie nicht.
Sie öffnete wieder ihre Augen, schaute mich ernst an und sagte: „Sag das nicht nebenbei. Versprich es mir!“
Ich atmete durch und ignorierte den Widerstand in mir. „Na gut, ich verspreche es dir vom ganzen Herzen.“
„Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt habe ich dich!“ Sie lächelte. „Nun musst du mir diesen Wunsch erfüllen.“ Glücklich schloss sie nun ihre Augen und schlief ein.
Ich fuhr nach Hause und legte mich ins Bett. Das Gespräch mit meiner Mutter machte mich nachdenklich. Dann fragte ich mich: Sind Religionen denn wirklich so wichtig für meine Suche? Könnte ich nicht einfach nur Wissenschaft und Spiritualität kombinieren? Verdammt, wieso konnte ich diese Frage nicht verneinen? Denn bei allem, was gerade in der Welt geschah, was wir uns gegenseitig antaten, dachte ich, dass es noch nie so wichtig war, an etwas zu glauben.
Außerdem versprach ich es meiner Mutter und Versprechen muss man halten, ganz besonders die, die man Müttern gibt!
Es war, als ob das Universum nur darauf wartete, dass ich an diesem Punkt meiner Suche ankam. Denn in der folgenden Nacht erlebte ich etwas, das mein ganzes Leben verändern sollte. Ich war nun bereit für etwas Traumhaftes – im wahrsten Sinne des Wortes.
In meinem Traum lief ich auf einem Waldweg. Riesige Bäume standen links und rechts. Der Weg führte immer höher und er ähnelte einem Wanderpfad. Die Sonne schien hell und wärmte nicht nur mein Gesicht, sondern ich spürte ihre Wärme bis tief in mein Inneres. Erst jetzt sah ich einen alten Mann, der mich führte. Er ging etwa zwei Meter vor mir und sah aus wie Gandalf der Weiße. Sein langes Gewand strahlte auch hell. Sein Gesicht sah ich jedoch nicht. Interessanterweise empfand ich aber, dass ich ihm vollkommen vertrauen konnte. Daher folgte ich ihm.
Wir gingen eine Weile durch den Wald höher hinauf, ohne etwas zu sagen. Es gab auch nichts zu sagen. Denn ich spürte, dass es wichtiger war, wohin wir gingen.
Unser Ziel war eine kleine Moschee mitten im Wald auf einer Lichtung. Sie sah nicht wie eine klassische Moschee aus. Es war eine alte Holzhütte, einfach, schlicht – aber trotzdem wundervoll. Die Wände waren etwas schief und die Furchen in den Planken ähnelten Falten eines uralten Gesichts.
Wir traten auf die Veranda, sie knarrte. Mein Begleiter öffnete die quietschende Tür. Wir gingen hinein. Drinnen beteten etwa ein Dutzend Menschen. In ihren Gesichtern sah ich die vollkommene Zufriedenheit. Keine Anstrengung, kein Zwang. Sie waren so vertieft in ihre Gebete, dass sie nicht mal zu uns aufschauten. Ihr Lächeln, ihre entspannte Haltung und ihre Atmung ähnelten einer Meditation. In dieser Moschee und bei diesen Muslimen fühlte ich mich wohl und geborgen.
Dann blickte ich in die Richtung, in die sich diese Muslime verbeugten, also in Richtung Mekka. Was war das? Dort, wo der Altar stehen sollte, klaffte ein etwa zwei Meter großes Loch in der Wand. Es führte in eine Höhle. Aus ihr wehte ein wundervoller Wind in das Gotteshaus. War diese Luft der Grund für die Zufriedenheit dieser Menschen? Sie war so schön warm und besaß einen bezaubernden Duft. Als ob sie die Essenz aller Blumendüfte in sich trug. Jasmin, Rosen, Tulpen und sogar Weihrauch. Alles zusammen in einer perfekten Mischung der absoluten Harmonie. Dieser Wind erfüllte die Moschee mit so viel Gutem und Positivem!
Dann geschah es: Der Wind berührte mich ganz kurz an meinem linken Arm. Plötzlich riss ich meine Augen auf und konnte so tief einatmen wie noch nie in meinem Leben! Oh mein Gott, es war fantastisch!
Ich fragte den alten Mann: „Was ist das?“
Mit jeder Antwort hätte ich gerechnet, aber nicht mit dieser: „Dies ist der Atem Gottes.“
Das raubte mir den Atem! „Heißt das, es gibt wirklich einen Gott?!“
Er schwieg.
Aus einem unerklärlichen Grund wollte ich jetzt tiefer in die Moschee hinein gehen. Ein Impuls führte mich dazu. Schritt für Schritt trat ich in die Mitte. Dann drehte ich mich zur Höhle. Und dann traf mich der Atem vollständig. Ich atmete diesen Wind ein und spürte das sagenhafteste Gefühl, was ich je in meinem Leben empfand. Der Atem versetzte mich in einen Trancezustand der höchsten Glückseligkeit! Ich spürte noch nie so eine Zufriedenheit und so ein unerschütterliches Glück! Ich fand keine Worte dafür, atmete es einfach nur ein und aus. Mit jedem Atemzug wurde das Gefühl stärker. Es raubte mir jetzt auch meine Sinne! Es war überwältigend! Wie ein Dimmschalter eine Lampe heller strahlen ließ, drehte sich dieses Gefühl in mir weiter auf. Mein Herz raste. Es war das Beste, was mir je im Leben passierte. Kein Wort der Welt konnte dieses Gefühl beschreiben, was mir gerade eingehaucht wurde. Ich ließ mich darin hineinfallen, schloss meine Augen und weinte.
Plötzlich wachte ich aus dem Traum auf und war wieder zuhause. Aber ich spürte noch die Nachwirkungen dieses Gefühls, das sich aber bald langsam abebbte.
So wach war ich noch nie um 3:02 Uhr. Was für ein traumhafter Traum. Er war so real wie kein anderer in meinem Leben.
Plötzlich machte mein Herz einen kräftigen Schlag. Boom!
Dann flüsterte jemand meinen Namen: „Arcanus!“
Ich sprang aus dem Bett! „Wer ist da?!“ Ich lief zum Lichtschalter und knipste es an. Ich schaute um mich. Mein Herz raste. Niemand da! Dann wieder, ganz leise: „Arcanus!“ Dieses Mal erkannte ich, woher die Stimme kam: Aus mir selbst.
„Arcanus.“ Panik überkam mich und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Was geschieht hier? Wurde ich etwa verrückt?
Aber als ob jemand in mir einen Knopf drückte, verschwand plötzlich die Angst. Als wenn jemand einen direkten Draht zu meinen Empfindungen hatte, stieg nun sogar Vertrauen in mir auf.
Die Stimme hörte ich jetzt deutlicher. Sie war tief und trug viel Weisheit in sich. „Arcanus, fürchte dich nicht. Ich wurde während deines Traums mit dem Windzug in dich eingehaucht.“
„Wer bist du?“ Ich konnte nicht glauben, dass ich ein Selbstgespräch führte.
„Ich bin dein innerer Mentor. Jetzt bist du endlich reif für mich.“ Aus irgendeinem Grund vertraute ich nun der ganzen Situation und der Stimme.
Sie fuhr fort: „Ich war immer schon in dir. Aber erst durch den Atem in der Moschee kann ich nun mit dir unmittelbar reden. Ich kommunizierte schon vorher mit dir, allerdings nicht so direkt. Denn zu mehr warst du bisher nicht in der Lage.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Zu viele Fragen schossen durch meinen Kopf.
Daher redete mein innerer Mentor weiter: „Weißt du noch, als du dich wundertest, woher die tiefen Einsichten zu deinen Problemen kamen, als du mit Gabriel und Tom sprachst? Als du im Fitnessstudio warst und danach spazieren gingst?“
„Ja.“
