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This MA thesis is analyzing the relationship between religion and politics influenced by Islam in 21st century Europe, following more than a decade of troubles, assassinations, rampages and also confusion, irritation and misunderstanding of the nature of the incidents. It is hereby argued first that in most occasions, starting with Samuel P. Huntington's "Clash of Civilizations", the focus point still lies on a conflict between a democratic and modern West being Judeo-Christian in origin and an old-fashioned Islamic East, even though the fault lines rather seem to be set between an enlightened, humanist and universal conception on one hand and mostly conservative religious traditions on the other, therefore pointing out that Judaism, Christianity and Islam are much more closer related to each other than generally perceived. It is secondly argued that it is not enough to simply call in a more liberal approach to theological exegesis, but to rather apply far more fundamental alternatives, e.g. the evolutionary humanist perspective, emphasized by Dr. Michael Schmidt Salomon. Aus dem Inhalt: - Aufklärung - Demokratie - Religionsfreiheit - Kulturgeschichte - Werteverständnis - Glaubensvorstellungen
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Inhaltsverzeichnis
Abstract
1. Einleitung
2. Religiöses Europa, säkulares Europa
2.1 Das judeo-christliche Erbe
2.2 Wider religiöse Gesellschaftsordnung: Die Aufklärung
2.3 Zu Demokratie und „westlichen“ Werten
3. Zum Islam
3.1 Historischer Überblick
3.2 Struktur, Ausprägungen und Selbstverständnis
3.3 Der Islam und die Aufklärung
3.4 Der Islam und Demokratie
4. Clash of Civilizations?
4.1 Bewertung der Ausgangssituation
4.2 Kollektivismus versus Individualismus
4.2.1 Bilderverbot und Karikaturenstreit
4.2.2 Religionsfreiheit
4.2.3 Scharia
4.3 Fundamentalismus versus liberalen „Euro-Islam“
4.4 Die halbierte Moderne
4.5 Vom humanistischen Werteverständnis und einer notwendigen Konversion des Religiösen
5. Konklusion und Ausblick
Literaturverzeichnis
This MA thesis is analyzing the relationship between religion and politics influenced by Islam in 21st century Europe, following more than a decade of troubles, assassinations, rampages and also confusion, irritation and misunderstanding of the nature of the incidents. It is hereby argued first that in most occasions, starting with Samuel P. Huntington's „Clash of Civilizations”, the focus point still lies on a conflict between a democratic and modern West being Judeo-Christian in origin and an old-fashioned Islamic East, even though the fault lines rather seem to be set between an enlightened, humanist and universal conception on one hand and mostly conservative religious traditions on the other, therefore pointing out that Judaism, Christianity and Islam are much more closer related to each other than generally perceived. It is secondly argued that it is not enough to simply call in a more liberal approach to theological exegesis, but to rather apply far more fundamental alternatives, e.g. the evolutionary humanist perspective, emphasized by Dr. Michael Schmidt Salomon.
Wir leben in einer „Zeit der Ungleichzeitigkeit“[1], die von Gegensätzen und Widersprüchlichkeiten geprägt ist, welche sich unmittelbar auf die Gesellschaftsordnung und das Alltagsleben (nicht nur) der Europäer im 21. Jahrhundert auswirken. Der von Samuel Huntington ab 1993 vorausgesagte Zusammenprall der Zivilisationen verwandelte sich in den darauf folgenden Jahren zu teilweise erstaunlich präziser und äußerst bitterer Realität, obwohl Huntington für sein Werk zugleich viel Kritik erntete und heute als extrem umstritten gilt.[2]
Nach diversen Terrorangriffen auf westliche Botschaften und Symbolbauten der Ökonomie seit den 1990er Jahren kam es mit den Anschlägen von New York und Washington am 11. September 2001 zu einer Zäsur, die viele Kritiker an Huntingtons Thesen aufhorchen ließ. In den vierzehn Jahren danach folgten militärische Interventionen – „Kriege gegen den Terror“ – und damit verbundene Flüchtlingsströme nicht nur in die unmittelbaren Nachbarländer, sondern auch in die Frieden und Wohlstand versprechende westliche Welt: in die Vereinigten Staaten und ein stetig weiter zusammenwachsendes Europa. Den sich mittlerweile häufenden terroristischen Anschlägen islamischer Fundamentalisten – etwa auf Synagogen in Djerba, Tunesien (2002) und Istanbul, Türkei (2003), einen vor allem von westlichen Touristen besuchten Nachtclub auf Bali, Indonesien (2002) sowie auf jüdische Einrichtungen und solche westlichen Lebensstils in Casablanca, Marokko (2003)[3] – folgten schließlich Attentate auf westeuropäische Städte. Hier seien u.a. die Anschläge auf Personenzüge nahe Madrid im März 2004 sowie auf die Londoner Tube vom Juli 2005 erwähnt; weitere versuchte Terroranschläge in London und Glasgow im Sommer 2007 konnten verhindert werden. Im Juli 2011 geriet Norwegen in die Schlagzeilen, als ein rechtsextremer christlicher Fundamentalist[4] mit einem Bombenanschlag zunächst die Hauptstadt Oslo zum Erliegen brachte und im Anschluss daran auf der nahe liegenden Insel Utøya bei einem Amoklauf 69 Menschen tötete, darunter ausschließlich Mitglieder und Sympathisanten der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet Norwegens. Bei der Gerichtsverhandlung gab der Täter islamfeindliche Motive an und forderte seine „sofortige Freilassung“, da er „in Notwehr im Namen meines Volkes, meiner Kultur, meiner Religion, meiner Stadt und meines Landes gehandelt habe“ und die Angriffe gegen das Regierungsviertel sowie die Arbeiterpartei seien „vorbeugend gegen diese Landesverräter“[5] geschehen; zudem erkenne er norwegische Gerichte nicht an, da diese „den Multikulturalismus unterstützen.“[6]
Zu einem vorläufigen Höhepunkt des ideologischen Terrors auf europäischem Boden kam es schließlich zu Beginn des Jahres 2015, als zwei Islamisten die Pariser Redaktionsräume der gesellschafts- wie religionskritischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ stürmten und dabei zwölf Mitarbeiter und Polizisten erschossen. Ein dritter Täter, der sich zum sogenannten Islamischen Staat[7] bekannte, attackierte am Folgetag einen jüdischen Supermarkt und tötete vier Geiseln. Während sich die große Mehrheit der Europäer (und anderer „Westler“, etwa in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Neuseeland) mit den ermordeten Zeichnern solidarisierte, um ausdrücklich sogenannte „westliche“ Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit zu verteidigen, war die Reaktion unter vielen Muslimen (in Europa und weltweit) sowie Vertretern christlich-fundamentalistischer und rechtspopulistischer Parteien eine andere: Während der türkische Premierminister Davutoglu die angebliche Pressefreiheit attackierte (diese bedeute „nicht die Freiheit zur Beleidigung […]. In diesem Land erlauben wir keine Beleidigung des heiligen Propheten. Das ist eine sehr klare und grundsätzliche Haltung“), weitere muslimische Staaten wie der Senegal die Satirezeitung komplett verboten[8] und es in anderen muslimisch dominierten Regionen wie Tschetschenien zu Massendemonstrationen gegen die Beleidigung der islamischen Religion kam[9], propagierte Jean-Marie Le Pen, ehemaliger Vorsitzender der rechtsextremen französischen Partei Front National, medienwirksam: „Je ne suis pas Charlie.“[10]
Schließlich wurde in den ersten Wochen nach den Anschlägen von Paris in den Medien erneut die Frage diskutiert, ob und wenn ja, inwiefern „der Islam“ mit den Terroranschlägen verbunden sei. Giovanni di Lorenzo etwa äußerte in der Zeit Verwunderung über die stete Forderung,
„die Muslime in unseren westlichen Gesellschaften nicht unter Generalverdacht [zu] stellen. […] Als ob es einen vernünftigen Muslim geben könnte, der die Mordtaten […] gutheißen würde. Schon die Forderung, sich davon zu distanzieren [hätte] etwas Beleidigendes.“[11]
Zugleich stellt di Lorenzo aber auch fest, dass es in Deutschland „sehr wohl ein Problem [gäbe] mit einer kleinen, brandgefährlichen Gruppe von Menschen, die sich zum Islam bekennen“, dabei zumeist mit Migrationshintergrund, ob mit oder ohne deutschen Pass, „nie Personen […] etwa aus der sorbischen Minderheit in Sachsen oder aus der dänischen in Schleswig-Holstein.“ Weiterhin gäbe es „eine größere Gruppe Muslime, die die Gewalt nicht gutheißt, aber Verständnis für die Motive der Mörder aufbringt, weil die Opfer mit den Karikaturen provoziert hätten.“ In der gleichen Ausgabe der Zeit schreibt eine muslimische Journalistin von „Resignation, Frustration und Wut angesichts dessen, was [sie] an Reaktionen befürchtete“, etwaige „Endlosdebatten“ über die „Terrorreligion Islam“, um sich schließlich zufrieden auf Thomas Oppermann[12] zu berufen, der politisch korrekt verlauten ließ, dass das, was in Paris geschehen sei, nichts mit dem Islam zu tun habe, denn „das seien Killer.“ Auch die Taten des oben erwähnten norwegischen Massenmörders werden von ihr angesprochen; so zitiert sie Claus Kleber[13] mit den Worten: „Meine muslimischen Kollegen haben von mir auch nicht verlangt, dass ich mich von Anders Breivik distanziere.“[14]
Trotz aller Harmonie-Beteuerungen stellt sich nach wie vor (oder jetzt umso dringlicher) die Frage nach der Kompatibilität „des Islams“ zum einen mit der Demokratie in seinen europäischen Heimatländern, zum anderen mit den in Europa gelebten sogenannten „westlichen“ (oder vielmehr: „universellen“) Werten. Diese Problematik ist dabei nicht neu und wurde bereits in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten analysiert und bewertet, allerdings beinahe ausschließlich aus zwei Perspektiven: Zum einen von dem judeo-christlichen Standpunkt heraus, dass die in Europa gelebten Werte aus der (jüdischen wie christlichen) Religion selbst entstammten bzw. von dieser entscheidend geprägt wurden. Zum anderen vom Blickwinkel eines betont liberal-modernen Islams wie er (in Deutschland) etwa von Lamya Kaddor oder (in Ägypten) von Sayyid Al-Qemany und auch von Prof. Abdullahi Ahmed An-Na’im von der Emory University in Atlanta, Georgia vertreten wird. Beide Perspektiven halte ich jedoch für problematisch, werde sie daher im Laufe dieser Arbeit näher erläutern und stelle zugleich die These auf, dass letztlich nur ein weiterer, ein dritter Weg, aus dem Dilemma führt, aus dem die weiter oben beschriebenen Schreckenstaten resultieren. Deren Zusammenhänge gilt es aufzuzeigen und anhand einer kulturgeschichtlichen Analyse sollen einerseits die anfangs erwähnte „Ungleichzeitigkeit“ erläutert und andererseits historische Parallelen zum europäischen Christentum zur Zeit der Aufklärung (im 17. bis 19. Jahrhundert) gezogen werden.
Bei diesem dritten Weg handelt es sich um die Erörterung einer humanistisch-aufgeklärten Sichtweise, die insbesondere vom Philosophen und Autoren Dr. Michael Schmidt-Salomon vertreten wird. Nach jener sei es zwar unabdingbar, Kritik dort zu äußern, wo sie notwendig ist, allerdings sollte sich dabei nicht auf die eigene „christlich-jüdische Tradition“ berufen werden, da die zuvor angesprochenen „universellen“ Werte mit Beginn der Reformation im 16. Jahrhundert und schließlich vor allem im 18. Jahrhundert auch gegen den Widerstand der (christlichen) Kirchen in Europa erfolgten. Des Weiteren reiche es nicht aus, theologische Grundkonstanten (wie bspw. Koran-Suren) schlicht neu zu interpretieren – selbst dann nicht, wenn diese liberal und zeitgemäß ausfallen – vielmehr sei die Errichtung einer von jeglichen Religionen unabhängige säkularisierte Werteinstanz vonnöten.
Ziel dieser Arbeit ist es, eine historische Verbindung zwischen der judeo-christlichen Perspektive des 18. Jahrhunderts und der islamischen Sichtweise des 21. Jahrhunderts aufzuzeigen, die „weit weniger als das europäische Christentum gezwungen war, durch die Dompteurschule der Aufklärung zu gehen.“[15] Es geht hierbei ausdrücklich um „den Islam“ als religiöses bzw. ideologisches System – es soll nicht argumentiert werden, dass Muslime (genauso wenig wie Christen oder Juden) nicht demokratiefähig seien bzw. diese ihr Leben nicht nach eben jenen „westlichen“ Werten ausrichteten.
Hierzu werden im zweiten Kapitel die für das Argument dieser Arbeit zentralen historischen Standpunkte vorgestellt. Erläutert werden soll, inwiefern das judeo-christliche Erbe Europas mit den Ideen der Aufklärung kollidierte und erst auf diese Weise die Demokratie der Neuzeit sowie aufgeklärte „westliche“ Werte entstehen konnten, was für den weiteren Verlauf dieser Arbeit essentiell ist. Im daran anschließenden dritten Kapitel wird der Islam selbst näher in den Fokus gerückt und auf besagte Parallelen zum historischen Christentum verwiesen. Dabei werden insbesondere der aktuelle Forschungsstand zur Kompatibilität des Islams mit Demokratie und „westlichen“ Werten skizziert. Relevant für dieses Kapitel ist das islamkritische Werk des deutsch-ägyptischen Politologen und Islamwissenschaftlers Hamed Abdel-Samad sowie jenes des britischen Historikers Philip Jenkins mit seiner umfassenden Analyse in „God's continent: Christianity, Islam, and Europe's Religious crisis“ aus dem Jahr 2008. Das vierte und komplexeste Kapitel dieser Arbeit stellt schließlich einen Überblick über den von Huntington postulierten „Zusammenprall der Zivilisationen“ dar und was dieser im Einzelfall bedeutet. Huntington selbst wird dabei zwar zitiert, soll aber explizit nicht im Mittelpunkt dieser Analyse stehen. Stattdessen werden bspw. die dem Grundtenor dieser Arbeit sehr nahe kommenden Einschätzungen des Historikers Heiko Heinisch und der Politikwissenschaftlerin Nina Scholz aufgegriffen und zu einer Deutung der gegenwärtigen Lage genutzt. Weiterhin wird Bezug genommen zu den Ausführungen des deutsch-syrischen Politikwissenschaftlers und Islamforschers Bassam Tibi, der nicht nur als Schöpfer der Begriffe „Leitkultur“ und „Multikulti“ gilt, sondern auch als Verfechter eines sogenannten „Euro-Islam.“ Tibi ist zudem in Erinnerung geblieben, weil er zwar die Grundhaltung Huntingtons teilt, dabei aber eine andere Interpretation heranzieht. Letztlich soll am Ende des vierten Kapitels das humanistische Werteverständnis Schmidt-Salomons näher beleuchtet werden, bevor im fünften und letzten Kapitel eine Zusammenfassung dieser kulturhistorischen Analyse sowie eine möglicherweise wegweisende Zukunftsperspektive auf Basis der Ideen Tibis, Schmidt-Salomons und Abdel-Samads erfolgt.
Das Europa des 21. Jahrhunderts, insbesondere West- und Mitteleuropa, wird bisweilen als geographische wie soziologische Ausnahme betrachtet, was Religion anbelangt.[16] So gehören nach Umfragen des EUREL-Projekts aus dem Jahr 2008 in 47 europäischen Staaten zwar 76,4% der Befragten einer religiösen Gemeinschaft an[17], nach Daten des Eurobarometers aus dem Jahr 2010 glaubt mit 51% jedoch nur jeder zweite Befragte an die Existenz eines Gottes („I believe there is a god“)[18]. Die Unterschiede zwischen den alten wie neuen EU-Mitgliedsstaaten sind dabei mitunter noch beträchtlich, obwohl es durchaus Ausnahmen gibt. Der Großteil der Welt allerdings gilt noch immer als ausgesprochen religiös und insbesondere die Vereinigten Staaten werden oft als Beispiel eines modernen, säkularisierten Staates mit einer zugleich hochreligiösen Bevölkerung herangezogen, obwohl auch hier spezielle Faktoren zu speziellen Ergebnissen führten. Hierbei sei etwa auf die besondere Stellung der USA als Einwanderungsland mit einem besonderen Bedürfnis nach Identitätsfindung hingewiesen; Max Weber verwies in einem Essay über amerikanischen Protestantismus auf die Rolle der Kirchen als sogenannte „Markers of Class.“[19] In gewisser Weise gilt dies auch für europäische Muslime, die in Europa einen wachsenden Anteil an der Gesamtbevölkerung stellen; nach Daten des Pew Research Centers wuchs die Anzahl der Muslime in Europa (nicht nur in der Europäischen Union (EU)) von 29,6 Millionen im Jahr 1990 (4,1% der Gesamtbevölkerung) auf 44,1 Millionen im Jahr 2010 (6%); Prognosen für 2030 sagen 58 Millionen bei 8% der Bevölkerung voraus. Und doch verbleibt der Anteil von Muslimen in Europa auf globaler Sicht klein: bei knapp 3% in 2030 im Vergleich zu 2,7% in 2010.[20] Das europäische Christentum, laut einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2012 die mit 72% größte Religionsgemeinschaft des Kontinents[21], schrumpft hingegen kontinuierlich, am deutlichsten in Westeuropa und generell in den alten Mitgliedsstaaten. Während sich 2003 in Deutschland noch jeweils 31,3% der Befragten entweder zur protestantischen oder zur katholischen Kirche bekannten (bei 31,8% Konfessionsfreien und 3,9% Muslimen), sanken diese Werte zehn Jahre später auf 28,2% für Protestanten und 29,6% für Katholiken (bei 36,6% Konfessionsfreien und 4,2% Muslimen).[22] In Großbritannien (ohne Schottland) sank der Anteil von Christen von 72% in 2001 auf 59% in 2011 während jener der Muslime von 3% auf 5% anstieg.[23] In Polen, dem größten neuen Mitgliedsstaat der Erweiterungsrunde in 2004, ist die Zahl jener Christen, die die Sonntagsmesse besuchen, seit Jahrzehnten rückläufig: Lag sie in den 1990ern noch bei durchschnittlich 50%, wird die Zahl in 2014 mit nunmehr 39,1% angegeben.[24] Ähnliche Zahlen finden sich dabei in sämtlichen Mitgliedsländern der EU.
Der Grad an Säkularisierung im Europa des 21. Jahrhundert variiert stark von Region zu Region, aber auch von Land zu Land: Während Frankreich den Vereinigten Staaten zumindest an theoretischer Säkularisierung in nichts nachsteht, kann davon in Deutschland bei genauerer Betrachtung keine Rede sein. Während im Jahre 1905 in Frankreich das „Gesetz zur Trennung von Religion und Staat“ eingeführt wurde, was als Laïcité bezeichnet und nunmehr in Artikel 1 der Verfassung der Fünften Französischen Republik von 1958 festgehalten wird[25], gelten Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland als Körperschaften desöffentlichenRechts (in Frankreich hingegen sind sie privatrechtlicheVereine), die dennoch durch Konkordate und Verträge mit dem Staat verknüpft bleiben.[26] Was in Frankreich seitdem unmöglich ist, gilt in Deutschland als Normalität: Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, der Einzug einer offenen und einer versteckten Kirchensteuer sowie der Einfluss der Kirchen als gesellschaftspolitische Akteure im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in den Parlamenten und Landtagen, im deutschen Ethikrat und insbesondere als (nach dem öffentlichen Dienst) größte Arbeitgeber der Republik.[27] Jedoch gibt es auch in Frankreich bis heute bestehende Ausnahmen; so werden katholische Privatschulen etwa durch staatliche Investitionen unterstützt.[28] Wichtig ist, festzustellen, dass eine engere Verknüpfung des Staates mit einer Religion (in diesem Fall dem europäischen Christentum) nicht automatisch mit einer hohen Religiosität der Gesellschaft einhergeht, wichtiger sind stattdessen Faktoren wie die Häufigkeit des Kirchgangs. Ähnliches lässt sich über den Zusammenhang zwischen Religiosität (gemessen an der Kirchgangshäufigkeit) und dem Wahlverhalten der Bürger feststellen, der signifikanter erscheint als eine lediglich nominelle Religionszugehörigkeit.[29] Einher geht dies mit dem „belonging-without-believing“-Konzept von Grace Davie,[30] nach der etwa in Deutschland zahlreiche Menschen weiterhin nominell Mitglied einer der beiden großen Kirchen sind, obwohl sie mit den Lehren der Kirchen nichts anfangen bzw. die bekannten Gottesvorstellungen nicht teilen. Der Religionssoziologe José Casanova gibt verschiedene Gründe hierfür an, u.a. dass „[one] might need the church at some point in their lives“ oder auch das Verlangen nach „moral guidance for their children“ bzw. die Vorstellung der Kirche als „moral fabric of society.“ Mit anderen Worten: Man will mit der Kirche persönlich eigentlich nichts mehr zu tun haben, aber hält sie dennoch relevant für andere bzw. auch „for the society as a whole.“[31] Wichtige Beispiele hierfür sind die skandinavischen Staaten (Dänemark, Schweden, Norwegen und Island) und ihre Lutherischen Kirchen, die (mit Ausnahme Schwedens, das im Jahr 2000 mit dem Konzept brach) allesamt zwar offiziell den Status einer Staatskirche einnehmen. Die Region gilt (neben den neuen Bundesländern in Deutschland und auch Tschechien) allerdings als eine der am wenigsten religiösen auf dem Kontinent: Während in EU-Mitgliedsstaaten wie Frankreich und Deutschland die (wöchentliche) Kirchgangshäufigkeit bei knapp unter 10% liegt und in klassischen katholischen Staaten wie Spanien (21%), Portugal (29%), Italien (31%) und Irland (54%) generell relativ hoch ist, sind die Werte für Schweden (5%) und Dänemark (3%) traditionell sehr niedrig; gleichzeitig jedoch zeichnet sich Dänemark als das Land mit dem höchsten Vertrauen in seine religiösen Institutionen aus (74%).[32]
Dieser trivial erscheinende Fakt und verschiedene Ereignisse der letzten Jahre sind von einigen Soziologen vorsichtig als Zeichen einer Rückkehr der Religion in Europa interpretiert worden: Die Diskussion um die Einführung eines Gottesbezuges in der (letztlich gescheiterten) Europäischen Verfassung über die Debatten um ein Verschleierungsverbot in Schulen und im öffentlichen Raum (in Belgien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden), Minarette und Moscheeneubauten in der Schweiz, islamische Gebetsräume an deutschen und österreichischen Schulen bis hin zur Einführung von nationalen islamischen Feiertagen.[33] In Großbritannien, einem Land, das durch seine koloniale Vergangenheit hinreichend viele Einwanderer muslimischen Glaubens aufgenommen hat, existieren seit einigen Jahren sogenannte Sharia courts, die als eine Art religiöse Zivilgerichte fungieren, sich auf finanzielle, Erb- und Familienstreitigkeiten konzentrieren und dabei das islamische Recht (die Scharia[34]) anwenden; 2009 existierten bereits 85 von diesen eng mit Moscheen kooperierenden Ersatzgerichten.[35]
José Casanova ist einer der bekanntesten Vertreter der These einer Wiederkehr der Religion in die europäische Öffentlichkeit und spricht zugleich von einem „post-säkularen Europa“ als auch von einem „bezeichnenden Umschwung im europäischen Zeitgeist.“[36] Zwar sei seit den 09/11-Terroranschlägen die Anzahl an „interreligiösen Dialogen“ und die Errichtung von Forschungszentren über Religion und Politik nominal stark angestiegen, doch sei es ein Fehler, „diese neue Aufmerksamkeit ausschließlich oder hauptsächlich auf den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus […] zurückzuführen.“ Casanova stellt sich vielmehr die Frage nach einer generellen Einordnung und Definition Europas: „Was macht Europa aus? Wie und wo sollte man die territorialen Außengrenzen und die inneren kulturellen Grenzen ziehen?“[37] Die Europäer seien seiner Meinung nach weniger besorgt um „die Gefahr eines polnisch-katholischen Kreuzzuges zur Säkularisierung Europas“ als um eine mögliche Integration der (sich unter Premierminister und später Präsident Erdoğan stets weiter islamisierenden) Türkei. Casanova identifiziert hierbei folgenden scheinbaren Widerspruch: Ein Staat könne nicht zugleich modern und kulturell muslimisch geprägt sein, denn dies würde „die säkularen als auch die christlichen europäischen Vorstellungen von staatsbürgerlicher Identität durcheinander [bringen].“[38]
An dieser Stelle sei auf die grundlegende Neueinteilung der Welt in unterschiedliche Zivilisationen bzw. Kulturkreise verwiesen, wie sie Huntington nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung in den 1990er Jahren beschreibt; demnach käme es an den „fault lines“ bzw. Grenzlinien[39] zwischen dem christlich-orthodoxen Osten Europas und der islamischen Türkei zu einem Zusammenprall, der insbesondere auf kulturelle und religiöse Unterschiede in den Bevölkerungen zurückzuführen sei.[40] In den letzten Jahren kam es verstärkt zu einer Forcierung von Debatten über den Islam. In Deutschland wurde 2006 schließlich eine „Islamkonferenz“ gebildet, deren Ziel es sein soll, „eine bessere religions- und gesellschaftspolitische Integration der muslimischen Bevölkerung und ein gutes Miteinander aller Menschen in Deutschland, gleich welchen Glaubens“ voranzutreiben.[41] In einer mittlerweile legendären Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zum deutschen Nationalfeiertag am 3. Oktober 2010 betont dieser, dass auch der Islam inzwischen zu Deutschland gehöre[42], was den Auftakt zu emotional wie kontrovers geführten Debatten bildete. Tatsächlich scheint unter Europas gegenwärtiger politischer Elite die Meinung weit verbreitet, dass Demokratie und sogenannte „westliche“ Werte auf der judeo-christlichen Tradition des Kontinents fußen. So spricht Bundeskanzlerin Merkel von deren „prägender Kraft“ und der ehemalige deutsche Außenminister Westerwelle identifiziert sie als „kulturelle Wurzel“[43]. Andere, insbesondere konservative Politiker wie der britische Premierminister David Cameron wiederholen unentwegt ihr „commitment to Christian values“[44] und auch sein ungarischer Amtskollege Viktor Orbán fordert eine Rückkehr zu christlichen Wurzeln und Werten; diese seien „the driving force that allowed European cohesion, family, work and credit [and] the old continental economic power.“[45]
In diesem zweiten Kapitel soll also die kulturgeschichtliche Relevanz des judeo-christlichen Erbes in Europa herausgestellt und auf Schlüssigkeit untersucht werden, bevor im Anschluss erörtert wird, welchen Einfluss die europäischen Aufklärer sowie die humanistische Idee auf die Säkularisierungsprozesse hatten, welche maßgeblich zu einem Wiederaufleben der Demokratie, wie wir sie heute kennen, und schließlich zu den sogenannten „westlichen“ Werten führten, auf die sich gegenwärtig von Historikern, Politikern und Medienvertretern unentwegt berufen wird.
Falls es den historischen Jesus von Nazareth, die zentrale Figur der christlichen Religion, wirklich gegeben haben sollte[46], kann er zumindest nicht als Begründer des Christentums gezählt werden. Diese Rolle nimmt für einige Historiker vielmehr der frühe Missionar Paulus ein, denn zu Jesu Tod galt dessen Wirken vielmehr als rein jüdische Affäre; erst Paulus öffnete diese neue Religion für potenziell jeden und begann mit der Missionierung von Nichtjuden.[47] Zwar wird der christliche Glaube bereits im Jahre 313 unter Kaiser Konstantin als religio licitita anerkannt, was zu ersten Verbindungen von frühchristlichen rituellen Feiern und römisch-kaiserlichem Hofzeremoniell führte[48], allerdings wird das Christentum erst 381 zur Staatsreligion des Römischen Reiches; durch ein Dekret des oströmischen Kaisers Theodosius I. verbanden sich damals jüdisch-christliche Wurzeln aus dem Nahen Osten mit der antiken griechisch-römischen Kultur.[49] Jahrzehnte zuvor bereits endeten die Christenverfolgungen durch das von Kaiser Konstantin einberufene
Konzil von Nicäa, das ursprünglich nur eine Stabilisierung des Römischen Reiches zum Ziel hatte, stattdessen aber die Symbiose aus Antike und Christentum vorantrieb; nicht Juden und Christen wurden seit jeher verfolgt, sondern Andersgläubige und Heiden. Ähnlich dem Voranschreiten der Kämpfer des Islamischen Staats (ISIS) und der einhergehenden Zerstörung nicht-glaubenskonformer antiker Kulturstätten und Statuen[50]
