Der Katzenmann - Gianfranco Tober - E-Book

Der Katzenmann E-Book

Gianfranco Tober

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Beschreibung

Katzen, Korruption und der Kampf um Wahrheit! Bremen-Nord während der Pandemie: Die Welt steht still, doch in den Schatten formt sich eine Bedrohung. Ein introvertierter Mann, eine glamouröse Influencerin und eine widerstandsfähige Nachbarschaft geraten sie in das Visier eines skrupellosen Geheimbundes, der das Showbusiness kontrolliert - und ihr Leben bedroht. Doch sie sind nicht allein. Babo, Rippchen, Mimi, Findi und Arnuld, fünf einzigartiger Katzen, stehen ihnen treu zu Seite und werden in einer Zeit der Spaltung und Isolation zum Symbol für Hoffnung, Gemeinschaft und den Mut, sich der Dunkelheit zu stellen. Ein sozialkritischer Roman über das, was uns trennt, und das, was uns verbindet. Über Angst und Zusammenhalt, Macht und Widerstand, Liebe und Freundschaft und der wichtigsten Erkenntnis von allen: Niemand ist wirklich allein.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über den Autor:

Gianfranco Tober ist Schauspieler, Filmemacher und Musikproduzent aus Bremen. Bundesweite Bekanntschaft erreichte er mit seinen Dokumentarfilmen "Wahrheit oder Wahnsinn" und "Gangster GmbH", sowie mit seiner Serienfigur Onkel Fränk. 2021 veröffentlichte er seinen Debütroman "Hopeless City". Seit über 25 Jahren ist der Drehbuchautor und Regisseur auch in der Hip-Hop-Szene aktiv. Gianfranco engagiert sich für benachteiligte Jugendliche, u.a. in Bremen und Kalabrien, außerdem ist er in der Talentförderung tätig und hat bereits unzählige Künstler gefördert. Er kämpft seit vielen Jahren gegen Rassismus und die Spaltung der deutschen Gesellschaft. Zuletzt hat er eine Reihe von Kurzfilmen auf diversen Filmfestivals veröffentlicht, mehrere Webserien produziert und einige Rap-Battles absolviert. Der vielseitige und überaus umtriebige Bremer Künstler präsentiert mit "Der Katzenmann" seinen zweiten Roman der Öffentlichkeit.

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich freue mich unglaublich, dass du dieses Buch in deinen Händen hältst. Der Katzenmann ist nicht nur eine Erzählung von Ben und Lisa-Marie, sondern ein Spiegelbild unserer Welt – eine Geschichte über Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Verlust, und vor allem über die Frage, wie wir miteinander umgehen, wenn alles, was wir kennen, ins Wanken gerät.

Im Mittelpunkt steht Ben, ein Mann, der sich mit den Schatten seiner Vergangenheit auseinandersetzen muss. Doch der Weg, den er geht, ist nicht allein – er wird begleitet von den geheimnisvollen Katzen, die in diesem Block von Bremen-Nord mehr sind als nur Tiere. Babo, der weise und starke Anführer, Rippchen, der geschickt und schlau ist, Mimi, die zärtliche Begleiterin, Findi, der stets unruhige und neugierige Geist, und Arnuld, der geheimnisvolle, fast mystische Kater – jeder von ihnen hat eine Rolle zu spielen, die weit über das hinausgeht, was man von einem Haustier erwarten würde.

Doch es geht nicht nur um Ben und Lisa-Marie. Es geht auch um uns alle. Inmitten der Pandemie, des Lockdowns und der Verunsicherung, die über uns schwebt, spüren wir, wie leicht wir uns auseinanderleben.

Unsere Gesellschaft ist gespalten – politisch, sozial, zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die gehört werden, und denen, die schweigen müssen. Der Katzenmann möchte nicht nur diese Spaltung aufzeigen, sondern auch die Möglichkeit zur Versöhnung, zur Stärke im Miteinander, in einer Zeit, in der vieles verloren scheint.

Wir alle sollten uns die Hand zur Versöhnung reichen und gemeinsam eine neue Gesellschaft aufbauen.

Die Geschichte dieser Figuren, die auf ihren eigenen Wegen um Wahrheit, Freiheit und Liebe kämpfen, ist ein Aufruf. Ein Aufruf, den Blick nicht nur nach innen, sondern auch nach außen zu richten. In Ben und Lisa-Marie, aber auch in den Blockbewohnern, den Katzen und ihren Mitmenschen steckt so viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Und vielleicht, nur vielleicht, werden wir alle am Ende etwas erkennen, das wir bisher übersehen haben: Dass wir nicht allein sind. Dass wir uns gegenseitig brauchen, um nicht im Sturm der Zeit unterzugehen.

In einer Welt, die immer mehr von Spaltung und Isolation geprägt ist, möchte ich uns alle zu einem Moment des Innehaltens einladen. Diese Geschichte soll uns daran erinnern, dass jeder Mensch, jeder Kater, jede Entscheidung und jede Tat von Bedeutung sind. Dass wir, trotz aller Unterschiede, immer noch gemeinsam auf diese Welt blicken – und dass wir zusammen stärker sind als jeder Einzelne von uns.

Ich danke dir, dass du diesen Weg mit Ben, Lisa-Marie und den Katzen gehst. Ich hoffe, dass dieses Buch dir nicht nur eine spannende Lektüre bietet, sondern auch den Raum, über das nachzudenken, was wirklich zählt – für uns als Individuen und für die Gesellschaft, in der wir leben.

Denn eines ist sicher: Es ist noch nicht zu spät, etwas zu verändern.

Viel Spaß beim Lesen

28.02.2025 Gianfranco Tober

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 1

Der Regen prasselte leise gegen die trüben Fenster des Wohnblocks in Aumund. In einer dieser Ecken von Bremen-Nord, die einst so stolz und geschäftig gewesen waren, als Bremen noch eine reiche Hansestadt war und unzählige große Schiffe in den hiesigen Werften erbaut wurden.

Inzwischen war von ihnen kaum mehr etwas übrig. Das Stadtbild hatte sich verändert. So wie ganz Bremen-Nord, war auch Aumund kaum noch ein Schatten des Lichts alter Tage. Zu dieser Zeit bot es mehr Grau als Grün.

Trotzig schwankte Vegesack im Wandel der Zeit, wie die Boote auf der Weser. Alt-bremische Villen, die Grohner Düne, die Bauten der Arbeiter auf der einen Seite der Straßen und die Reihenhäuser der Angestellten auf der anderen, die alte Fußgängerzone, die sozialen Brennpunkte, die ehrwürdige, alte Hansestadt an ihrem nördlichen Ende. All das konnte mit zwei Worten beschrieben werden: Kaputte Schönheit.

Der Duft von feuchtem Beton mischte sich mit den fernen Klängen eines alten Radios, das eine Stimme aus längst vergangener Tage über den Flur trug. Es war das Radio einer älteren Dame, die auf ihrem Balkon im ersten Stock mürrisch den grauen Himmel inspizierte.

Die Musik drang in eine ansonsten lautlose Wohnung im dritten Obergeschoss. Dort versank ein schlaksiger Mann auf einem durchgesessenen Sofa und starrte ins Nichts. Leere Bierflaschen und Tassen mit kaltem, abgestandenem Kaffee standen in seinem Blickfeld. Das wirre Haar und die tiefen Augenringe verrieten offensichtlich, dass Ben einige schlaflose Nächte hinter sich hatte.

In diesem Moment schaffte er es nicht, sich für irgendetwas aufzuraffen. Er ging nicht mal mehr zur Arbeit. Ursprünglich hatte Ben seinen eigentlichen Job als Buchhalter in einer Marketingagentur geliebt, trotz Mitarbeitenden, die ihm das Leben mehr oder weniger absichtlich schwer machten.

Bereitwillig nahm er Überstunden in Kauf, wodurch ein unverhältnismäßig großer Anteil seiner Zeit blockiert war. So viel, dass sein Privatleben immer mehr darunter gelitten hatte. Seine Freunde luden ihn nach unzähligen vergeblichen Versuchen nicht mehr ein. Selbst seine Freundin sah er jeden Tag weniger und eine merkliche Distanz hatte sich zwischen Ihnen aufgebaut.

Letzte Woche war es dann so weit. Sein schwarzer Kater, Babo, fing den energielosen Ben an der Eingangstür ab. Die goldenen Augen des gewaltigen Tieres wirkten auf ihn vom ersten Blick an traurig. Der langhaarige Vierbeiner schritt ruhig ins Schlafzimmer.

Ben war ihm mit pochendem Herzen und einer leisen Vorahnung gefolgt. Unterwegs stellte er bereits fest, dass einige Dinge fehlten. Zwei Leinwände an der Wand, ein paar Tassen im Regal und die Pantoffeln seiner Freundin waren nicht an ihrem Stammplatz.

Im Schlafzimmer eingetroffen, empfing ihn ein halbgeöffneter Kleiderschrank. Die leeren Fächer konnte man nicht falsch interpretieren. Tina hatte ihn verlassen.

Alles was er noch von ihr gefunden hatte, war ein Zettel auf dem Bett:

„Es ist, wie es ist: Ich wünsche dir alles Gute, Ben.“

Diese Worte hatten ihn endgültig gebrochen. Er konnte nicht mehr. Sein Puls raste. Er bekam kaum noch Luft. Nichts hatte er mehr. Mit seiner Familie hatte er keinen Kontakt. Seine Freunde waren weg. Seine Arbeit entzog ihm jegliche Energie und jetzt hatte ihn auch noch seine Freundin verlassen.

Seine Gedanken kreisten um die Hoffnungslosigkeit, um die Einsamkeit und um die Schwere, die ihn gänzlich zu erdrücken und gleichzeitig zu zerreißen schien. Bens Augen brannten und sein Hals wurde eng.

Irgendwann hatte die Panikattacke aufgehört, statt ihr keimte eine dumpfe Taubheit in ihm auf, die er seitdem nicht mehr gänzlich abschütteln konnte. Er as kaum, bewegte sich wenig und pflegte sich nicht mehr. Das Einzige, um das er sich noch kümmerte, waren seine Katzen.

Ein bunter Schatten huschte über die Rückenlehne und sprang auf die Sitzfläche. Der flinke Findi stupste mit seiner Stirn gegen Bens Ellbogen, bis dieser aus seiner Lethargie erwachte und den schnurrenden Kater in die Arme schloss.

Findi klang immer wie ein kaputter Traktor, was sein Herrchen nahezu jedes Mal zum Schmunzeln brachte. Genau wie an diesem Tag. Es half. Ben schöpfte langsam die Kraft, um sich aufzurappeln. Er stand auf und begann träge den Wohnzimmertisch abzuräumen.

Kaum weniger missmutig ging es in den darüber liegenden Wohnräumen zu. Eine junge, zurecht gemachte Frau stand am bodentiefen Fenster und schaute mit einem Glas in der Hand in den verwahrlosten Hof des Blocks.

Das Alles hatte sie sich ganz anders ausgemalt. Ihr ursprüngliches Ziel war es, diesen Block zu kaufen und etwas Schönes daraus zu machen. Sie sah auf die anderen beiden Mehrfamilienhäuser herab. Die rot verklinkerten Wände sahen alles andere als neu aus. Überall fehlten Ecken, sie waren verfärbt und schmutzig. Leider waren das noch die unbedeutendsten Mängel, die ganz weit unten auf der Prioritätenliste standen.

Sie wollte ursprünglich die Heizungen erneuern, die Bäder renovieren und die Fenster austauschen lassen. Mit den Abflüssen gab es auch immer wieder Schwierigkeiten. Und wenn das alles gemacht worden wäre, hätte sie diesen schäbigen Hof auf Vordermann gebracht, der jetzt nur lockere Pflastersteine und vertrocknete Rasenflächen aufwies. Hier sollten sich die Nachbarn gemeinschaftlich die Zeit vertreiben können.

Lisa-Marie hatte eine klare Vorstellung von der Sitzgruppe im Schatten zwei großer Bäume, einem kleinen Beet für Gemüse oder Blumen und einem Platz, an dem man sicher einen Grill oder ein Lagerfeuer platzieren könnte. Der aktuell überwucherte Sandkasten, in dem sie selbst als Kind so viel Zeit verbracht hatte, sollte vergrößert werden und ein Klettergerüst mit Rutsche bekommen.

Das war ihr ursprünglicher Plan. Sie wollte den Block kaufen und ihn für seine Bewohner verbessern und zu einem Vorbild für die Nachbarschaft machen. Sie hatte davon geträumt, dass die umliegenden Wohnanlagen diesem Beispiel folgen und überholt werden würden.

All das, was der Ort ihr einst gegeben hatte, wollte sie ihm wieder zurück geben und dafür sorgen, dass die Zukunft der hier lebenden Menschen besser wird.

Ihr Großvater hatte immer gesagt, dass die hier Wohnenden nette Menschen mit zu viel Pech und zu wenigen Chancen seien. Er war der Letzte, der das Hausmeisterhaus in diesem Block bewohnt hatte. Es bestand aus einem kleinen Büro und einer Vier-Zimmer-Wohnung und stand gleich neben einer der zwei Reihen aus sechs Garagen.

Lisa-Marie dachte an ihren Großvater, ihre Erinnerungen und die ganzen Pläne, die sie erst dazu motiviert hatten, ihre Karriere anzutreten.

Sie war zu dieser Zeit eine der bekanntesten Persönlichkeiten Deutschlands. Sie begann als Influencerin, doch ehe man sich versah, war sie in aller Munde und bekam Rollen in internationalen Produktionen. Sie war in unzähligen TV-Shows zu Gast. Dubai, Miami, Tokyo, Sidney, Los Angeles waren für andere Urlaubsziele. Für Lisa-Marie waren es Orte, an denen sie arbeitete und eine Menge Geld verdiente. Dieses Geld investierte sie in Kleidung, Restaurants, Partys und in den Kauf diesen Blocks, in welchem sie sich zwei Wohnungen zu einem Luxusapartment umbauen und entsprechend einrichten lies.

Lisa-Marie trank einen Schluck viel zu teuren Wassers und wandte sich ihrer Behausung zu. Die riesige Wohnküche war perfekt. Offen, hell, mit viel Tageslicht und mit viel zu wenig Persönlichkeit. Was brachte ihr diese tolle Wohnung, wenn sie sich kalt und unpersönlich anfühlte? Lisa-Marie selbst empfand hier jedenfalls kein Gefühl von Heimat.

Das, was man mit ihrer Person in Verbindung bringen konnte, waren die Auszeichnungen auf einer Kommode. Unter anderem ein goldenes Mikrofon, ein Preis für die „Influencerin des Jahres“ und ein paar eingerahmte Fotos, die sie mit bekannten Persönlichkeiten Deutschlands zeigten.

Sie schritt heran und betrachtete ihr eigenes Gesicht genauer. Damals glaubte sie, glücklich zu sein, doch das Lächeln, dass sie hier wieder erkannte, wirkte falsch. Die Frau in diesen Abbildungen legte Wert auf Luxus, auf Schein und auf Statussymbole.

Erst als ihr Manager nachgefragt hatte, wann sie sich denn nun ihren Traum erfüllen wollen würde, erinnerte sie sich wieder an diesen Block. Sie hatten ihn schlicht vergessen.

Vielleicht hatte sie aus Scham darüber, das ihr Wichtigste aus den Augen verloren zu haben, den Kauf des Blocks so überstürzte. Wohlmöglich hätte sie dann bemerkt, wie intensiv sie dazu gedrängt worden war.

Wie eine Stimme im Hinterkopf hatte ihr Manager, Brian, ihr in den Ohren gelegen, jetzt den Schritt machen zu müssen. Weil es seien könne, dass sie sonst zu spät sei.

Lisa-Marie hatte ihn nicht in Frage gestellt. Sie hatte ihm blind vertraut und sich mehr darauf konzentriert, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie sich nicht verloren habe.

Aber das hatte sie. Inzwischen war sie sich dessen bewusst.

Ein leises Ping ließ Lisa-Marie hochschrecken. Sie ging zur Kücheninsel und beugte sich leicht über ihr darauf liegendes Smartphone. Es war nur eine weitere der Nachrichten, die sie heute unbeantwortet lassen würde. Erinnerungen von ihrem Steuerberater, aufgebrachte Nachrichten ihrer Mieter und ein verpasster Anruf ihrer Mutter.

Heute konnte sie sich nicht mit dem auseinander setzen. Sie wollte wirklich, aber ihr fehlte die Kraft dazu. Es war ihr alles einfach zu viel. Sie hätte nicht mal gewusst, wo sie anfangen sollte, geschweige denn, wie sie die Probleme lösen konnte.

Schuldbewusst beäugte sie ihr Handy. Das Display ging aus, um gleich wieder aufzuleuchten. Ein Mann mit einnehmendem Lächeln, einem makellosem Erscheinungsbild und einem wie inszenierten, verschwommenen Hintergrund schaute aus dem Telefon heraus. Auf seiner Brust prangte die Buchstaben:

„Manager: Brian Taylor“

Wie darauf gedrillt, griff Lisa-Marie ansonsten völlig gelähmt nach ihrem Handy und nahm den Anruf entgegen. Sie spürte den kalten Schweiß zu erst in ihren Händen.

Ihr Atem beschleunigte sich und sie presste mühselig zwei Worte hervor: „Hallo Brian.“

„Lisa, ich habe dir gesagt, dass du dich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen darfst“, begann Brian geschäftsmäßig ohne eine Begrüßung. „Du hast dir das eingebrockt und du musst die Suppe nun auch wieder auslöffeln. Die Steuerschulden sind dein ganz persönliches Problem und du kannst es dir nicht leisten, sie nicht zu begleichen. Ich biete dir lediglich nur einen Ausweg.“

Lisa-Marie biss die Zähne zusammen, versuchte, das Zittern nicht in ihre Stimme geraten zu lassen. „Ich arbeite daran, Brian. Ich schaffe das“, beteuerte sie und nahm tief Luft. „Du hast gesagt, ich kann den Block bedenkenlos kaufen. Wir könnten so vieles abschreiben. Das waren deine Worte, Brian.“ Leise und vor Enttäuschung bebend schob sie nach: „Hättest du das nicht gesagt, dann hätte ich den Block noch nicht gekauft.“

„Du klingst, als hätte ich dich gezwungen. Meine Erinnerungen spiegeln eine ganz andere Wahrheit. Du hast so viel Geld ausgegeben, dass man davon ausgehen musste, dass du finanziell absolut abgesichert wärst“, sprach Brian affektiert.

Fast schon höhnisch fuhr er genüsslich fort: „Selbst ich habe mich von dir täuschen lassen. Andernfalls hätte ich dir doch niemals dazu geraten.“

Lisa-Marie verschlug es die Sprache. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Wollte er sie einfach nur ruinieren, um seine Machtspielchen auszukosten oder hatte er wenigstens noch weitere Gründe? Es gab sogar eine kurze Zeit, in der sie geglaubt hatte, in ihn verliebt zu sein. Jetzt mit dieser boshaften Stimme im Ohr, wurde ihr schlecht bei dem Gedanken.

Gelangweilt brach Brian das Schweigen: „Du hast diese Wohnanlage gekauft. Du hast mit Geld gezahlt, das dir nicht gehörte. Du hast fehlerhafte Formulare unterschrieben. Also sind diese Ungereimtheiten dein persönliches Verschulden.“

Er, als hervorragender Rhetoriker, ließ seine Sätze für einen Moment im Raum schweben, ehe er gelobte: „Ich reiche dir die Hand. Ich kann dir da heraus helfen. Ich habe die Macht, all diese Probleme verschwinden zu lassen. Alles, was ich. Dafür erwarte, ist eine winzig kleine Gegenleistung von dir. Überschreibe mir den Block, der dir dein Leben doch nur noch mehr unnötig schwer macht. In den letzten Jahren hat er dir doch auch nicht gefehlt.“

Das saß. Er hatte recht. In den letzten Jahren hatte sie nicht mal mehr an den Block gedacht. Und die Last war erdrückend. Sie war so erdrückend, dass Lisa-Maries Brustkorb sich anfühlte, als sei er in einem engen Korsett fest zusammen geschnürt. Vielleicht war Brian ihre letzte Möglichkeit, aus dem ganzen Ärger einfach heraus zu brechen.

Sie füllte ihre Lungen mit Luft, wollte gerade „Okay.“ sagen und hörte dann ein Schaben. Sie drehte sich zum Balkon. Eine der Katzen des Mieters unter ihr saß vor der Glastür und kratzte daran. Irritiert - Wie war die Katze nur dahin gekommen? - entwich ihr: „Ich muss darüber nachdenken, Brian. Ich melde mich.“

Lisa-Marie legte auf, ging zum Balkon und die Katze war weg. Jetzt wurde ihr erst bewusst, dass sie Brian vertröstet und einfach abgewürgt hatte. So gingen sie normaler Weise nicht mit einander um. Zumindest Lisa-Marie nicht mit Brian. Sie stellte sich darauf ein, bei den nächsten Gesprächen dafür abgestraft zu werden.

Brian Taylor war vor den Kopf gestoßen. Er starrte auf das dunkle Display seines Smartphones, als hätte es ihn persönlich beleidigt. Hatte sie eben einfach das Gespräch beendet? Einfach so? Ohne sein explizites Einverständnis?

Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Seine Finger trommelten langsam auf die polierte Tischplatte vor ihm. Brian ließ den Blick durch den Raum über die Kombination aus modernen Möbeln und Vintage-Luxusstücken schweifen und blieb an den Regalen hängen, in denen keine Bücher standen, sondern Trophäen und gerahmte Fotos.

Eines zeigte seinen Vater. Der einst auch ein Gewinnertyp war. Der legendäre Boxer, Max Taylor, der einen Titel nach dem anderen nachhause brachte. Zu dieser Zeit heiratete er auch Brians Mutter, deren hübsches Gesicht damals Millionen in den Abendnachrichten bewundert hatten.

Brian nahm einen Schluck Whiskey. Der Geschmack war bitter, fast brennend. Er dachte an die Partys seiner Kindheit, an die blendenden Lichter und die illustre Gesellschaft, die sich im Haus seiner Eltern die Klinke in die Hand gab. Stars, Politiker, Unternehmer. All die Gesichter, die ihm damals wie Halbgötter vorkamen.

Und dann ging alles den Bach herunter. Sein Vater ertrug es nicht, zu alt für den Sport zu werden, und seine Mutter verfiel dem Alkohol. Der Absturz schien mit der Insolvenz zu beginnen und in einem ewig währenden Rosenkrieg zu münden. Die Erinnerung daran war wie eine Narbe, die nie ganz verblasste.

Das durfte ihm niemals passieren und er war sich sicher, dass er sich vor solch einem Schicksal bewahren könne. Das Kontaktportfolio von Brian reichte von den größten internationalen Top-Stars, über angesagte Hollywood-Größen, deutschen TV-Legenden und Politikern zu südamerikanischen Narcos-Händlern. Immer, wenn seine eigene Laufbahn am Wendepunkt war oder es ein größeres Stück vom Kuchen abzugreifen gab, setzte er unlautere, illegale und schwer verbrecherische Mittel ein. Insbesondere erhielt er dabei zuletzt auch Schutz und Unterstützung von russischen und italienischen Kriminellen, denen er im Gegenzug sowohl in Deutschland als auch international Türen öffnete, sowie bei der Geldwäsche im Showgeschäft behilflich war. Er, der sich öffentlich zurück hielt, ließ seine Künstler beschatten und unterwanderte ihr privates Umfeld. Viel mehr versuchte er sie, absolut zu kontrollieren, um sie auszubeuten.

Brian, der Vorsitzender einer der bedeutendsten Sportstiftungen war und etliche Wohnungen sein eigen nannte, welche er vornehmlich an einfache und gerne auch an arme Menschen vermietete, galt als sehr prominenter und wohltätiger Multi-Millionär, dem man seinen Erfolg gönnte.

Fast zu fest pochte der Boden seines Glases auf die Tischplatte. Brian würde nie wieder so hilflos sein, wie in vergangenen Tagen. Niemand würde ihm je wieder seine Macht nehmen. Nicht die Regierung. Keiner seiner Schützlinge. Und vor allem nicht eine Lisa-Marie.

Brian war niemand, den man ignorierte. Schon gar nicht, wenn man in seiner Schuld stand. Und Lisa-Marie stand nicht nur in seiner Schuld. Sie war ihm gänzlich ausgeliefert, auch wenn sie das offenbar noch nicht begriffen hatte.

Er war ein Mann, der Kontrolle ausübte, der die Schwächen anderer mit der Präzision eines Chirurgen erkannte und ausnutzte. Die naive Influencerin war damals ein leichtes Ziel gewesen, als sie ihn bat, ihrer Karriere auf die Sprünge zu helfen. Sie war ehrgeizig und unsicher gewesen. Aus Brians Sicht die perfekte Kombination. Er hatte sie aufgebaut, auf ein Podest gehoben, auf dem sie strahlte. Und jetzt saß sie darauf, aber es wackelte. Brian hatte die Macht, es entweder zu stabilisieren oder komplett zu kippen.

„Bald begreifst auch du das“, knurrte er und schaltete den Bildschirm seines Laptops ein. Er loggte sich in das Überwachungssystem ein, das er diskret in ihrem Wohnblock installieren lassen hatte und von dem Lisa-Marie nichts wusste. Der Laptop zeigte Live-Bilder aus verschiedenen Kameras an: Der triste Innenhof, die Flure, die Balkone.

Er konnte keine helfenden Erkenntnisse aus diesen Aufnahmen erzielen, aber wieder an Machtgefühl gewinnen. Er erinnerte sich daran, wie er Lisa-Marie manipuliert hatte, den Block zu kaufen. Es war ein lukratives Projekt. Der Block war strategisch günstig gelegen, ein potenzielles Goldstück, sobald die lästigen Bewohner weg waren. Und Lisa-Marie war nur ein Mittel zum Zweck.

Sie war schwach gewesen und somit leicht zu führen. Er hatte sie aufgebaut, kontrolliert und dann in eine Situation gebracht, aus der sie keinen Ausweg mehr fand. Denn der einzige Ausweg lag in Brians Händen.

Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von einem Journalisten, der ihn wegen des verschwundenen Rappers befragen wollte. Brian ignorierte sie. Es gab keine Skandale um ihn, weil er keine Skandale zuließ. Er hatte dafür gesorgt, dass all seine Verbindungen, von den Top-Stars bis zu den russischen Oligarchen, ihn abschirmten.

„Ich muss darüber nachdenken“, wiederholte Brian Lisa-Maries letzte Worte an ihn.

Das würde sie nicht lange müssen. Bald würde sie an den Punkt kommen, an dem sie gar nicht mehr nachdenken konnte. An dem sie nur noch sah, was er ihr erlaubte zu sehen. Brian war ein Meister darin, Menschen zu kontrollieren. Lisa-Marie würde gewiss keine Ausnahme sein.

Seine Finger glitten über die Tastatur, als er eine Nachricht an seinen Handlanger verfasste: „Erhöht den Druck!“

Mit einem Klick verschickte er die Nachricht, lehnte sich zurück und ließ seine Gedanken schweifen. Er würde Lisa-Marie in die Knie zwingen. Er würde sie dorthin treiben, wo sie hingehörte: Unter seine Kontrolle. Und wenn sie sich wehrte, würde er ihr klar machen, dass sie gegen ihn keine Chance hatte.

Brian Taylor war kein Mensch, der sich die Hände schmutzig machte. Dafür hatte er andere. Aber er war ein Mensch, der das Schicksal anderer bestimmte. Und Lisa-Marie würde das bald in aller Deutlichkeit spüren.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Spannung. Einer von Brians Handlangern, ein glatzköpfiger Mann in einem teuren Anzug, trat ein.

„Die Loge hat bestätigt, dass sie die Überweisung erwartet. Also: Das Geschäft läuft.“

Brian nickte langsam. „Perfekt. Sag ihnen, sie bekommen, was sie wollen. Aber wir behalten die Kontrolle.“

Der Glatzkopf wollte den Raum verlassen. „Sag ihnen, das Geld kommt diesmal aus Dubai“, warf Brian ihm hinterher.

Im Hintergrund des großen Büros, hinter geschlossenen Türen, befand sich ein Raum, den nur wenige betreten durften. Dort saß auf einem einfachen Stuhl K-four, Deutschlands größter Rapstar, mit seinen Armen hinter dem Rücken gefesselt. Der junge Rapper hatte es durch Brians Hilfe geschafft, mit jedem seiner fünf jährlich erschienenen Alben den ersten Platz der deutschen Album-Charts einzunehmen. Dieser afrodeutsche Frauenschwarm hatte bisher mehr als zehn Single Hits. Der Star war unglaublich beliebt und reich. Der ganze Raum war dunkel, nur ein schwaches Licht fiel auf das erschöpfte Gesicht des Künstlers. Seine Augen wirkten leer und sein Körper war erschöpft, doch eine flackernde Wut glomm in seinem Inneren. Brian trat unverändert lächelnd ein.

„Du siehst echt müde aus, mein Freund. Vielleicht solltest du nachdenken, bevor du das nächste Mal versuchst, auszubrechen.“ K-four schnaubte, sprach aber nichts.

„Dein Schweigen beeindruckt mich. Aber denk daran, wer hier die Regeln macht.“

Brian legte ihm einen Stapel Papiere vor die Füße. „Dein Vertrag. Es wäre eine Schande, wenn deine Karriere enden würde … oder gar dein Leben.“

Kapitel 2

Die Uhr im Wohnzimmer zeigte 2:54 Uhr, als Ben durch ein ständiges Anstupsen geweckt wurde. Er öffnete schwerfällig die Augen und hatte einen kleinen, schwarzen Kater direkt vor seiner Nase. Rippchen gab ihm eine erneute Kopfnuss.

„Was? Es ist mitten in der Nacht. Ich fütter euch später“, stammelte Ben und drehte sich um.

Allerdings schienen die Katzen das anders zu sehen. Ein tiefes, brummendes Miauen erklang und Babo zog langsam die Bettdecke von dem gerade noch eingehüllten Mann. Ben ergab sich der höheren Gewalt, die gerade vier Beine hatte und einen ausgeprägten Kragen trug, und schaltete die Nachttischlampe ein. Ein kräftiger Kater mit stechenden grünen Augen saß daneben und wurde jetzt in seiner majestätischen Gänze angestrahlt. Die spitzen Ohren waren aufgerichtet und der bunt betupfte Schwanz zuckte nervös. Jetzt verstand auch Ben, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Was ist los, Arnuld?“, fragte er den hauptsächlich weißen Kater, der sofort das Schlafzimmer verließ und zur Eingangstür eilte.

Ben folgte ihm und jetzt merkte auch er, dass etwas fremd schien. Ein seltsamer Geruch schlich sich in seine Wahrnehmung. Es war scharf, beißend und roch nach verbranntem Plastik. Ben blinzelte, gab noch ein „Mist!“ von sich und handelte, ohne groß nachdenken zu müssen.

Er schlüpfte in seine Pantoffeln, riss die Tür auf und dichter Rauch kam ihm bereits entgegen. Ohne zu zögern, schoss er auf die gegenüberliegende Tür zu, klingelte und klopfte so laut er nur konnte.

„Luigi! Wach auf, Luigi! Es brennt!“, schrie er durch sein Tshirt atmend.

Kaum hatte er ausgesprochen, stand sein Nachbar schon vor ihm. Die Fragen waren ihm noch ins Gesicht geschrieben, bevor auch er einen Wimpernschlag später begriff, was vor sich ging.

„Wir müssen alle anderen wecken und raus schaffen! Du gehst runter und holst Karim aus dem Bett! Wir werden seine Hilfe brauchen“, dirigierte Ben wie selbst verständlich. „Ich komme, sobald ich oben nachgesehen habe, ob Frau Schäfer da ist.“

„Alles klar. Pass auf dich auf!“, rief Luigi ihm nach und machte sich ohne Umwege davon.

„Du auch!“, antwortete Ben, ebenfalls schon auf den Stufen nach oben.

An der obersten Wohnungstür wiederholte er sein Spiel. Er schellte und schrie den Namen seiner Vermieterin: „Frau Schäfer! Es brennt! Wenn Sie da sind, machen Sie bitte auf!“

Hier oben war der Rauch noch dicker und Ben schaffte es kaum mehr Luft zu nehmen. Er hustete und klopfte, bis er zu der Erkenntnis gekommen war, dass niemand zuhause sei.

Möglichst flach atmend und den Mund bedeckend lief er die Stufen hinab. Es war jetzt lauter im Flur. Ben hörte seine zwei Nachbarn brüllen und gegen Holz schlagen.

Im ersten Obergeschoss holte er Luigi ein, der gerade an der rechten Wohnung Sturm klingelte und seine flache Hand immer wieder gegen die Tür schmetterte.

„Wo ist Karim?“, wollte Ben im Vorbeilaufen wissen.

„Amina“, hielt sein Nachbar sich pragmatisch kurz.

Anerkennend nickte Ben einmal. Amina lebte im Erdgeschoss zusammen mit ihren zwei Kindern. Ben rechnete es Karim an, dass er in so einem kritischen Moment gleich an die Kleinsten dachte.

Clara hatte schon geöffnet, bevor Ben läuten konnte. Gerötete Augen mit dunklen Ränder darunter sahen irritiert zu ihm hinauf.

„Was ist denn hier los?“, wisperte die Dame mittleren Alters und rümpfte die Nase. „Was riecht hier so?“

Ehe sie ihre Sätze beenden konnte, führte Ben sie mit leichtem Druck in Richtung der Stufen und meinte beherrscht: „Es scheint zu brennen. Gehen Sie schon mal auf den Hof. Wir holen noch die Anderen.“

Verunsichert gehorchte Frau Ziegler, die vor dem Tod ihres Mannes immer darauf bestanden hatte, Clara genannt zu werden. Ben folgte ihr eine Etage tiefer.

Inzwischen hatte auch endlich die Dame von gegenüber in ihrem pink geblümten Bademantel geöffnet.

„Ja, ja, ist ja schon gut. Ich habe Sie doch längst gehört“, meckerte sie wie gewohnt und drückte dem verdutzten Luigi einen Stapel Decken und zwei Flaschen Wasser in die Arme. „Glaubst du, ich setze mich da einfach unvorbereitet in die Kälte? Los, Junge! Guck, dass du Land gewinnst! Auf den Feuertod kann ich gut verzichten.“

Luigi, der ziemlich kantig für einen angeblichen Jungen war, tat, was die ältere Frau von ihm verlangte, und nahm den Weg nach unten. Dennoch achtete er darauf, dass Frau Hartmann die Stufen sicher herunter gelang.

Im Erdgeschoss staute es sich. Karim half der Familie Joseph, indem er das kleinere der noch halb schlafenden Kindern, David, trug und Amina schützend einen Arm umgelegt hatte, um sie hinaus zu führen. Diese schob wiederum selbst ein kleines Mädchen sanft vor sich her und manövrierte um eine leicht bekleidete Frau herum. Ben hielt die Haustür für alle auf.

Draußen angekommen hatte Herr Inan, der Rentner aus dem Erdgeschoss, längst den Notruf informiert und Ben blickte sich um. Alle hatten es heil hinaus geschafft. Sowohl Menschen als auch Katzen. Sein tunesischer Nachbar Karim stritt sich gerade abseits mit der unbekannten Frau und wurde kritisch aus leuchtenden Augen beäugt, während alle anderen zusammen waren.

Frau Hartmanns Decken hüllten bereits sämtliche Hausbewohner ein und irgendwie hatte sie es geschafft, unbemerkt eine Dose Kekse mitzunehmen, an welchen sich Aminas Kinder nun gütlich taten, während die Übrigen bei ihnen auf den stark beanspruchten Bänken saßen und leise sprachen. Der Augenblick war nahezu idyllisch, wenn man den verwahrlosten Hof, die lauten Stimmen der Streitenden und das Feuer ausblenden hätte können.

Nur irgendetwas stimmte noch nicht. Arnuld tauchte wie ein Geist an seiner Seite auf und jankte, wie er es nur selten tat, wenn ein besonders lockender Vogel vorbei kam. Ben hob den Kopf und dann fiel es ihm auf.

Ganz oben in der Wohnung brannte ein Licht. Frau Schäfer war im Bezug auf ihre Pflichten als Vermieterin vielleicht unzuverlässig, aber sie hatte noch nie das Licht angelassen. Konnte heute tatsächlich zufällig das erste Mal sein?

Arnuld jammerte erneut und fungierte somit als Startschuss für Ben, der so gleich die Beine in die Hand nahm und jedes Zurufen der Anderen ignorierte. Beim Hinaufrennen zog er den Kragen seines Tshirts hoch und drückte es sich fest auf Mund und Nase. Die letzten Stockwerke ließ er sich vom Geländer führen, während er immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Mit all seiner Kraft hämmerte Ben gegen die Tür. Er wollte Sie rufen, doch begann beim tiefen Einatmen gleich zu husten. Es war an der Zeit, das anzuwenden, was er schon so häufig im Fernsehen gesehen hatte.

Ben trat gegen das Schloss, einmal, zweimal und ein drittes Mal mit seinem gesamten Körpergewicht. Der Eingang sprang endlich auf und Ben stürzte hustend und keuchend in die Wohnung.

Der Rauch war bereits in die Wohnung eingedrungen, wo durch es einen Moment dauerte, ehe Ben seine Vermieterin fand. Lisa-Marie lag regungslos inmitten großer Kissen zugedeckt auf einem weichen, dicken Teppich.

Eine halbleere Weinflasche stand auf dem Tisch daneben, der Geruch von Alkohol mischte sich mit dem Rauch, als Ben sich vor sie kniete.

„Frau Schäfer! Wachen Sie auf! Sie müssen hier raus!“, brüllte Ben, doch alles, was er als Antwort bekam, war ein widerwilliges Stöhnen.

Lisa-Marie war völlig betrunken. Ben warf einen kurzen Blick zur offenen Tür. Der Rauch wurde langsam dichter. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Er schlang seinen Arm um ihren Rücken und den anderen unter ihre Knie. Sie war überraschend leicht für ihre Größe.

Er nahm nochmal möglichst tief Luft und kämpfte sich dann mit der jungen Frau zurück ins Treppenhaus. Der Rauch brannte in seinen Augen und raubte ihm so auch die letzte Möglichkeit noch etwas zu sehen.

Den Arm am Handlauf langführend wuchtet er sich und Lisa-Marie Stufe um Stufe hinab, bis er selbst an den Armen gepackt und Lisa-Marie ihm abgenommen wurde.

Die Notkräfte waren inzwischen eingetroffen. Feuerwehrleute waren schon dabei den Brandherd zu löschen, während Sanitäter sich Ben und seiner Vermieterin widmeten.

Der Krankenwagen raste mit Blaulicht durch die Straßen. Das Dröhnen der Sirenen durchschnitt die Nacht. Ben saß erschöpft, mit durch Ruß geschwärztem Gesicht, auf einem an der Wand befestigten, ausklappbaren Sitzfläche, während ein Sanitäter eifrig seine Vitalzeichen kontrollierte. Sauerstoff strömte durch die Maske über Bens Nase und Mund, was das Brennen in seiner Lunge leicht linderte.

Mit unangenehm rauer Stimme krächzte er, „Wie geht es ihr?“, und deutete dabei auf Lisa-Marie, die ohne jede Bewegung auf einer Trage lag.

„Sie atmet selbstständig, aber der Rauch hat ihre Lunge gereizt“, erklärte der Sanitäter ruhig, während er eine Infusion legte. „Wir haben sie stabilisiert, aber sie ist stark alkoholisiert. Im Krankenhaus werden genauere Tests gemacht.“

Ben nickte schwach und ließ seinen Kopf zurücksinken. Er fühlte sich ausgelaugt, seine Muskeln zitterten von der Anstrengung. Die Sauerstoffmaske schien das Einzige zu sein, was ihn davon abhielt, das Bewusstsein zu verlieren.

Der andere Sanitäter kontrollierte Lisa-Maries Pupillen mit einer kleinen Taschenlampe und murmelte in sein Funkgerät: „Bewusstlos, vermutlich Rauchgasvergiftung. Bitte Arzt bereitstellen.“

Als der Krankenwagen anhielt, ging alles sehr schnell. Das Team zog die Trage routiniert präzise aus dem Fahrzeug, verlagerte Ben in einen bereitstehenden Rollstuhl und schob beide direkt in die Notaufnahme. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Das Piepen von Monitoren, eilige Schritte auf dem Fliesenboden und Stimmen, die Befehle gaben, ließen keinen Platz für Stille.

Ben wurde in einen separaten Bereich geschoben, wo ihm eine Krankenschwester behutsam die Sauerstoffmaske abnahm und begann, sein Gesicht mit einem feuchten Tuch zu reinigen.

„Haben Sie Schmerzen?“, erkundigte sie sich und überprüfte seine Atemfrequenz.

Ben schüttelte den Kopf und antwortete heiser: „Meine Lunge brennt nur ein bisschen.“

„Das ist normal nach einer Rauchgasexposition“, begründete sie beruhigend. „Wir werden auch noch ein Röntgenbild machen, um sicherzustellen, dass Ihre Lunge keinen bleibenden Schaden erlitten hat.“

Auf der anderen Seite des Raums arbeiteten mehrere Ärzte und Schwestern an Lisa-Marie. Sie legten ihr Sauerstoff zu, überprüften ihre Werte und nahmen Blut ab.

„Blutalkoholspiegel überprüfen und CO-Wert testen“, wies eine Ärztin knapp an. „Wir brauchen die Ergebnisse schnell.“

Ben beobachtete das Geschehen aus der Entfernung, während ein Arzthelfer ihm die Aufkleber für ein EKG an seinem Körper positionierte. Seine Gedanken taumelten zwischen Sorge und Erschöpfung. Schließlich trat ein Arzt an sein Bett heran.

„Herr …?“ Der Arzt blickte auf seine Unterlagen. „Herr Jäger?“

Ben nickte und mit kratzender Stimme erkundigte er sich, wie es seiner Nachbarin ging.

„Sie hatte Glück“, verriet der Mann im weißen Kittel nach einer kurzen Bedenkzeit. „Die Rauchgasvergiftung ist nicht so schwerwiegend, wie wir zunächst dachten. Aber der Alkohol macht es komplizierter. Wir werden sie überwachen und sicherstellen, dass sie keine bleibenden Schäden davonträgt. Und Sie, junger Mann, haben sich selbst ziemlich gefährdet. Wir werden Sie noch eine Weile hier behalten, um sicherzugehen, dass Ihre Lunge keine Verletzungen davonträgt.“

Ben nickte widerstandslos. Langsam fiel die Anspannung von ihm ab. Alle waren in Sicherheit. Die Müdigkeit und die Kraftlosigkeit kam schlagartig. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als ein zu schlafen. Seine Augen flackerten.

Das entging auch dem Arzt nicht, der Ben gleich vorschlug: „Wir sind für den Moment fertig und ihre Freundin wird auch gut versorgt. Das EKG braucht noch ein wenig Zeit. Wie wäre es, wenn sie sich so lange hinlegen und für ein Bisschen die Augen schließen?“

Er gab seinem Patienten eine Decke, welcher sie dankbar annahm und sofort einschlief.

Kapitel 3

Der Brandgeruch hing immer noch schwer in der Luft, als Hauptkommissarin Sandra Sander und ihre Kollegin Nadine Neumann aus ihrem Streifenwagen stiegen. Vor ihnen ragte der graue Wohnblock in den Himmel, die Fassade von Ruß geschwärzt, während sich die ersten neugierigen Bewohner vorsichtig in den Fenstern zeigten.

„Schönes Plätzchen“, säuselte Nadine und zog die Nase kraus. „Der Architekt hatte offenbar keine Lust auf Charme.“

„Dafür sind wir nicht hier“, ermahnte Sandra gelassen, während sie sich einen Überblick verschaffte. Sie deutete mit einem Kopfnicken in eine Richtig und sprach weiter: „Das müssen die Sachen sein, die sie aus dem Keller gerettet haben.“

Sie standen nun vor einigen Kisten, die von der Feuerwehr auf dem Hof aufgereiht worden waren. Ein paar davon waren geöffnet und der Inhalt lag in einem chaotischen Haufen daneben. Die beiden Polizistinnen schritten über die Pflastersteine. Der Ruß knirschte leise unter ihren Sohlen.

Ein Feuerwehrmann begrüßte sie mit einer kurzen Geste, wies auf die Kisten und erläuterte: „Die hier standen in der Nähe des Brandherdes. Alles andere ist größtenteils verkohlt oder nicht mehr zu retten.“

„Danke“, sagte Sandra.

Sie zog sich Einweghandschuhe über und begann vorsichtig, die Gegenstände zu durchsuchen. Die Kisten enthielten eine wilde Mischung aus alten Zeitschriften, Kabelresten und halbleeren Putzmitteln. Alles war vom Rauch geschwärzt, doch nichts schien auf den ersten Blick ungewöhnlich.

„Sieht nach dem üblichen Kram aus, den man in Kellern lagert“, bemerkte Nadine. „Die Frage ist nur, wie es zu dem Brand kam.“

„Dann lass uns das gleich mal heraus finden“, sprach Sandra und visierte schnellen Schrittes die Eingangstür an.

Ein kaum hörbares „So effizient wie eh und je.“ erklang hinter ihr, als sie schon fast im Gebäude war.

Das Kellerabteil war nur schwach beleuchtet und der beißende Gestank war noch deutlicher wahrzunehmen. Die Hauptkommissarin zog ihre Taschenlampe hervor. Der Lichtkegel tastete sich an den Brandspuren entlang. Schwarze Flecken zogen sich über die Wände und die verbrannten Reste eines alten Schranks ragte wie ein Skelett aus der Asche.

„Na, ein gemütlicher Ort für ein Lagerfeuer“, kommentierte ihre Kollegin und schob mit den Füßen einen verkohlten Pappkarton zur Seite. „Eventuell wäre es bei ein bisschen mehr Ordnung bei einem Feuerchen geblieben.“

„Vielleicht sollte dieses ‚Feuerchen‘ das ganze Chaos verschwinden lassen“, erwiderte Sandra und richtete ihre Aufmerksamkeit auf eine Ecke, in der ein verschmortes Elektrogerät lag. „Das könnte eine alte Kühlbox gewesen sein. Sieht aus, als wäre der Brand hier gestartet. Ein Kurzschluss?“

„Sieht zumindest so aus“, meinte Nadine.

Sie trat näher und bückte sich, um die Überreste genauer zu betrachten. Ihre Denkfalten traten wieder auf ihre Stirn, während sie mit einem Kugelschreiber in den verkohlten Res-ten stocherte.

„Siehst du das?“, fragte sie, „Das ist kein normales Schmelzen. Sieht das nicht aus wie … Wachsrückstände?“

Sandra richtete den Lichtstrahl darauf und nickte nachdenklich. „Das könnte tatsächlich ein Brandbeschleuniger gewesen sein. Kerzenwachs oder ähnliches. Aber wer würde sich die Mühe machen und das wie einen Unfall aussehen lassen?“

Beide schreckten auf, als ein Mauzen zu hören war. Nadine drehte sich um und entdeckte einen weiß-bunten Kater mit spitzen Ohren, der mit erhobenem Schwanz anmutig auf einem Stapel verkohlter Holzbretter balancierte.

„Wenn das nicht unser Detektiv auf vier Pfoten ist?“, äußerte Nadine trocken, „Oder bist du etwa der Komplize?“

Der Kater sprang geschickt von einigen Brettern vor sie und stolzierte zielstrebig zu einem Haufen halb verkohlter Kisten. Er begann mit seinen Pranken an einer davon zu kratzen, ehe er die Polizistinnen auffordernd an sah und sich würdevoll setzte.

„Okay, ich nehme alles zurück. Die Katze ist offensichtlich ein Genie“, stieß Nadine aus.

Dennoch räumte sie den Pappkarton frei. Angesenkte Aktenordner kamen darunter zum Vorschein.

Sandra griff nach einem Ordner. Der Deckel war beschädigt, die Papiere darin jedoch größtenteils unversehrt. Sie blätterte durch die Seiten, bis sie inne hielt.

„Schau dir das hier an“, forderte sie, „Sieht das für dich nach einer normalen Vereinbarung aus?“

Nadine trat näher, las über Sandras Schulter und meinte mit einer erhobenen Augenbraue: „Ein Vertrag zwischen Brian Taylor, nachfolgend Manager genannt, und Lisa-Marie Schäfer, nachfolgend Content Creator genannt, geschlossen… Das hier … nein, das sieht mir nicht nach einem gewöhnlichen Geschäft aus.“

„Das sehe ich auch so“, bestätigte Sandra und überflog die Seiten. „Imagekontrolle, Profitbeteiligung, horrende Rückzahlungen … Es scheint, als hätte Frau Schäfer mit diesem Vertrag eine ziemliche Last auf sich genommen. Vielleicht hat das jemandem nicht gepasst.“

„Oder es hat ihr selbst nicht gepasst“, entgegnete Nadine und deutet auf eine Stelle in den Papieren. „Siehst du das hier? ‚Nicht aufhebbare Pflichten bis …‘ Bla bla bla. Oder hier: 5 Millionen Vertragsstrafe bei Kündigung. Würde mich nicht wundern, wenn jemand wollte, dass diese Unterlagen ‚versehentlich‘ in Rauch aufgehen.“

Sandra stand auf und nickte in Richtung des Eingangs. „Ich würde sagen, wir haben genug für einen Besuch bei Frau Schäfer. Mal sehen, ob sie uns erklären kann, warum ihre Papiere hier gelandet sind.“

„Und warum sie einen Brand im Keller hat, der zufällig wie ein Unfall aussieht“, ergänzte Nadine trocken.

Der Kater miaute erneut und fixierte sie mit seinen grünen Augen, bevor er sich schnurrend um Nadines Beine wand.

„Was meinst du, Kollege? Glaubst du, sie ist schuldig?“, verhörte Nadine den Kater grinsend und richtete ihren Blick dann auf Sandra. „Ich sage es dir: Dieser Fall wird noch richtig schön hässlich.“

Sandra nickte und dachte laut: „Es fühlt sich definitiv nicht wie ein einfacher Unfall an. Komm, lass uns mit den Unterlagen ins Büro zurück und dann sprechen wir mit Frau Schäfer.“

Nadine griff nach ihrer Tasche und warf nach, „Ich wette, das wird ein wirklich interessantes Gespräch.“

Die Nacht im Krankenhaus verlief ereignislos. Ben schlief tief und traumlos, unterbrochen nur von gelegentlichen Kontrollen durch das Pflegepersonal. Lisa-Marie war ebenfalls stabil geblieben, auch wenn sie die meiste Zeit geschlafen hatte.

Als Ben am frühen Morgen die Augen öffnete, fühlte er sich trotz der Erschöpfung der letzten Stunden etwas erholter. Die Ruhe war jedoch nicht von Dauer.

„Herr Jäger?“ Eine Pflegekraft mit Atemschutzmaske trat an sein Bett und sprach ihn freundlich, aber bestimmt an: „Wir entlassen Sie heute. Die Behörden haben einen sofortigen Lockdown aufgrund der Pandemie verhängt. Das Krankenhaus muss so viele Patienten wie möglich entlassen, um Platz für Notfälle zu schaffen.“

Ben nickte träge und setzte sich vorsichtig auf. „Was ist mit Lisa-Marie Schäfer?“

„Sie wird auch entlassen. Sobald ein Arzt ihre Entlassungspapiere unterschrieben hat, bringen wir sie Ihnen und dann dürfen Sie gehen.“

Etwa eine halbe Stunde später stand Ben in der Eingangshalle des Krankenhauses und blickte kurz an sich herunter. Er trug immer noch die Kleidung vom Vorabend und dementsprechend war auch sein Duft. Jetzt wünschte er sich, er hätte in den letzten Tagen wenigstens geduscht, aber der Rauch schien seinen körpereigenen Geruch erfolgreich zu überdecken. Und seine Hausschuhe würden hiernach nur noch in die Mülltonne wandern.

Neben ihm stand Lisa-Marie, mit einem hochgerolltem Rollkragen und ins Gesicht gestrichenen Haaren, womit sie wohl verhindern wollte, dass man sie erkannte. Allerdings fragte sich Ben, ob das überhaupt möglich gewesen wäre, da ihre Augen stark gerötet und verquollen waren. Sie hatte nicht viel gesprochen, seit sie aufgewacht war.

„Ich habe eben mit Herrn Inan gesprochen“, begann Ben noch immer etwas heiser und schaute auf sein Handy. „Er will uns abholen und ist schon unterwegs.“

Lisa-Marie nickte nur ohne jegliche Regung ihrer Mimik. Als sie sich auf einen der Bänke vor dem Gebäude nieder ließ und ihre Strickjacke enger um sich zog, wirkte sie auf Ben verloren, zwischen den vereinzelten, hastigen Menschen, die größtenteils Masken trugen.

So sah er sie zum ersten Mal. Sonst kannte er sie nur mit hoch erhobenem Haupt, aufrecht und unnahbar. Doch jetzt schien sie schutzlos und am Ende ihrer Kräfte. Fast ein bisschen bemitleidenswert.

Da hielt schon ein silberner VW Golf vor ihnen. Der Kombi gehörte Herrn Ayhan Inan, der sogleich ausstieg und Lisa-Marie ins Auto half.

Mit einem mitfühlenden Lächeln bekundete er: „Ich bin so froh, dass es euch gut geht.“

Als Antwort erhielt er von seiner Vermieterin nur ein angestrengtes Heben der Mundwinkel, während Ben sich bedankte und sich nach den anderen erkundigte. Ansonsten war niemand zu Schaden gekommen.

Die Fahrt verlief in angespannter Stille. Lisa-Marie starrte aus dem Fenster. Ben und Herr Inan wechselten nur wenige Worte. Es war, als hätte der Schrecken der Nacht jedem die Sprache verschlagen.

Als sie vor dem Block ankamen, stiegen Ben und Lisa-Marie vor dem Eingang des größten Gebäudes aus und gingen gemächlich in Richtung des Eingangs. In dieser Zeit parkte der ältere Herr seinen Wagen in einer der angrenzenden Garagen.

Der Hof war verlassen, aber die Spuren des Feuers waren noch sichtbar: Ein paar angesengte Kartons standen auf dem lückenhaften Pflasterboden, dunkle Verfärbungen zierten die Kellerfenster und die Öffnungen zum Hausflur und ein beißender Geruch lag in der Luft.

Als sie die Haustür öffneten, stach ihnen ein Absperrband vor den Stufen zum Keller ins Auge und Ben kroch der Gestank von verbranntem Plastik und Rauch in die Nase. Aber auch ein Hauch von frisch gewaschener Wäsche. Seine Nachbarn schienen jetzt schon wieder in ihren Alltag zurück zu finden.