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Die geheimnisvolle Cassandra rettet dem, bei einem gescheiterten Bankraub in Dullyville verwundeten Gesetzlosen, Colby (Cold) Young, vor dem sicheren Tod. Der innerlich zerrissene und von Zweifeln geplagte Glücksritter wollte, mit zwei alten Freunden, dem Schicksal auf den Straßen New Yorks entgehen und machte sich mit ihnen auf den großen Treck gen Westen. Mit Cassandra zieht er weiter in Richtung Hopeless City. Dort herrscht Vlado, der gierige Betreiber einiger Silberminen in der Umgebung der Stadt, die durch verzweigte Katakomben miteinander verbunden sind. Noch weiß Colby nicht, dass er einen epischen Kampf gegen dunkle Mächte anführen wird, um ein Dasein der gesamten Menschheit in Knechtschaft zu verhindern.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Über den Autor:
Gianfranco Tober arbeitet als freischaffender Künstler, ist geprüfter Drehbuchautor, gelernter Schauspieler und Veranstalter. Gianfranco hat bisher ein sehr bewegtes, man kann tatsächlich sagen, sehr abwechslungsreiches, oftmals ziemlich spannendes und ungewöhnliches Leben geführt, dabei ist er sehr gereist. Immer lernte er dabei die Menschen, Milieus, Kulturen und Subkulturen kennen, beschäftigte sich mit den dazu gehörigen Zusammenhängen. Tober ist bereits seit zwei Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen der deutschen Unterhaltungsindustrie aktiv. So war er unter anderem Aktivist und Produzent, Veranstalter und Bindeglied in der deutschen Hip Hop und R‘nB Kultur, gleichzeitig trat er auch in unzähligen Stücken als Schauspieler in teilweise renommierten Theatern auf. Später sammelte er dann als Filmschauspieler wichtige Erfahrungen vor der Kamera. Er ist mit der Entwicklung von Drehbüchern für Filme Serien beschäftigt und lebt in einer Kleinstadt bei Hamburg. Der Roman Hopeless City ist das Literaturdebüt von Gianfranco Tober.
Berufe dich bei all deinem Handeln, was immer du auch tust, niemals auf das Recht des Stärkeren, denn es kommt gewiss irgendwann ein Stärkerer, der dich zum Schwächeren macht.
(Gianfranco Tober)
Ich mache aus dem
Heute
mit dem Wissen und der Erfahrung
von
Gestern
ein besseres
Morgen.
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Der äußere mittlere Westen in den vereinigten Staaten von Amerika, 1871. Das kleine Dorf des Stammes der Coyothe liegt in der Lichtung eines dichten Waldes, der sich über sanfte Hügel in der Umgebung zieht, die nur gelegentlich von recht steilen Felsen unterbrochen werden. Ein kleiner aber ziemlich wilder Strom, von den höheren Bergen am Ende des langen Tals kommend, fließt am Indianerdorf vorbei. Das Dorf der Coyotheindianer, einem der ältesten Stämme mit einer seit schon Jahrtausenden bestehenden, sehr mythischen Tradition, beherbergt den gesamten Stamm, etwa 500 Männer, Frauen und Kinder. Eine Reihe von Zelten steht entlang des ungestümen Baches, aus dem an anderer Stelle ein breiter Fluss wird. Etwas weiter steht, parallel daneben, noch eine weitere Reihe von Zelten. Am Kopfende dieser beiden Zeltreihen befindet sich ein viel größeres Zelt, hier wohnt der Häuptling der Coyothe Pontijack, der Vater der Kriegerin Ananda und des Kriegers Early Bird. In der Nähe steht ein Marterpfahl, dahinter das Zelt des Schamanen der Coyothe, Amaru. Pontijack, Amaru und Early Bird unterhalten sich vor Häuptling Pontijacks Zelt. Igasho, einer der berühmtesten Krieger der Coyothe steht neben dem hohen Marterpfahl, der allerhand Verzierungen aufweist. In der rot-gelben Dämmerung des Tagesanbruchs bilden alle Krieger des Stammes ein Spalier.
Mystische, schöne, aber auch manchmal aggressive Gesänge erklingen aus den Kehlen der Krieger, woraufhin der versammelte Stamm auf diese Gesänge einstimmt. Zwei sehr starke Krieger, beide im Fell von Kojoten gewandet, schlagen einen kräftigen Rhythmus auf große Trommeln. Eine auf eigenartig schöne Weise, jedoch auch furchterregende Atmosphäre ist am heutigen morgen im Stammessitz spürbar. Die Kriegerin Ananda verlässt mit Cassandra ein Zelt. Sie laufen durch das breite Spalier aus Kriegern der Coyotheindianer. Die Gesänge werden nun intensiver, sie erklingen in einer sehr seltsamen, melodischen Schönheit. Cassandra, eine junge, sehr aufgeweckte und hübsche Frau, die von Siedlern abstammt, schaut sich mit großen Augen um. Seit sie bei den Coyothe lebt, hat sie so etwas noch nicht erlebt. Ananda nimmt Cassandra an die Hand, „Mach dir keine Sorgen, Cassy, du bist für eine größere Aufgabe vorgesehen“. Cassandras Blick scheint ein einziges großes Fragezeichen zu sein, als sie Ananda ansieht. Cassandra Miller ist Anfang 20 und hat ihre Familie verloren.
Vor vier Jahren wurde sie von Ananda in sehr schlechtem Zustand, verletzt und bald verhungert, in der nahen Prärie gefunden. Cassandra lebte zuvor bei ihrem Vater, dem ehemaligen Bürgermeister von Hopeless City, Herrn William F. Miller. Ihre Mutter verstarb bereits in Cassandras Kindheit an einem schweren Fieber. Bevor Cassandra in die endlose weite der großen Prärie flüchtete, zog ein Silberminenbetreiber namens Vlado, mit seinen skrupellosen Gefolgsleuten, einer Schar von Kriminellen, durch Hopeless City. Alle die für Vlado, der fast die gesamte Umgebung der Stadt aufkaufte, eine Gefahr darstellten, wurden entweder getötet oder vertrieben. So wurde in der weiteren Umgebung dann so manche Farm gebrandschatzt. In der Regel, weil die Besitzer der Farmen sich beharrlich weigerten, ihr eigenes Land zu verkaufen. Manchen dieser Menschen gelang noch rechtzeitig die Flucht aus Hopeless City. Bürgermeister Miller erkannte damals sofort, dass dieser Mann, der gerissene Vlado, mehr als nur gefährlich ist, dass dieser von einer abgrundtiefen Bösartigkeit, von einer tief in sich verwurzelten Gier nach Macht getrieben ist. Und vor allem, dass ihm absolut jedes Mittel Recht ist, diese Macht nicht nur zu erhalten, sondern immer weiter zu vergrößern.
Viele der Bürger glauben aber bis heute, dass Vlado die wirtschaftliche Situation dieser Kleinstadt verbessert, die etwas abgelegen, etwa 50 Meilen vom großen Trecks entfernt, keine besonders vorteilhafte Lage besitzt. Die Farmer, welche ihr Land freiwillig verkauften, wurden von Vlado hervorragend dafür ausbezahlt. Die Stadtbewohner können nun bessere Geschäfte machen, weil Vlado auch einen Handelsstützpunkt für das Hinterland genehmigte. Unter reisenden Händlern hat die Gegend aber keinen guten Ruf, in den letzten Jahren sind immer wieder Durchreisende spurlos verschwunden.
Sheriff Kane in Dullyville und sogar State Marshall Illroy nahmen Ermittlungen wegen der verschollenen Menschen auf, die jedoch völlig ergebnislos blieben. Insgesamt stieß Vlado, ein wohlhabender Investor aus New York, von ungarischem Adel abstammend, auf großen Zuspruch in der Bevölkerung. Dies trotz der vielen unglaublich brutalen Ereignisse. Der skrupellose Geschäftsmann half dann öfters mal Bewohnern mit Krediten und anderen Gefälligkeiten. In der Tat sind praktisch alle Einwohner in der Umgebung von Hopeless City, einer kleinen Gemeinde, zum 1848 gegründeten Silver Creek County gehörend, auf irgendeine Art und Weise auf Vlado angewiesen. Viele werden zu etwas von ihm gezwungen. Überall in den Bergen der Umgebung legte Vlado reichhaltige Silberminen an, die durch viele geheime Gänge sehr verwinkelt miteinander verbunden sind. In Vlados innerstes Reich hatten bisher nur sehr wenige Fremde Einblick. Die Minenarbeiter aus der Gegend bekommen scheinbar nicht mit, was der berechnende Machtmensch in seiner Gier so alles an furchtbaren Taten begeht. Vor Evilynn, Rufus sowie anderen engen Verbündeten aus Vlados Truppe haben jedenfalls sehr viele Menschen Angst. Es kam auch, kurz nach dem auftauchen Vlados in der Stadt, zu einem aufsehenerregenden Überfall auf das Büro des damaligen Bürgermeisters Miller. Im Verlauf dieser Attacke kam es zu mehreren Toten. Niemand besitzt verlässliche Informationen darüber, was mit Bürgermeister Miller geschah. Ob ihm die Flucht gelang und er am Leben ist, oder er von Vlados Leuten gefangen genommen wurde, ob er gar getötet wurde, es ist unbekannt. Bevor Vlado die Gegend aufkaufte, war hatte Miller es geschafft, das kleine, weit abgelegene Nest zumindest zu einem friedlichen Ort zu machen, in dem alle ihr Auskommen hatten.
Das Schicksal ihres Vaters ist völlig ungewiss für Cassandra, die während des Überfalls auf den Bürgermeister mit ihrem über alles geliebten Hengst Yesterday einen Ausritt unternahm. Als sie später in die Stadt zurückkehrte, sah sie die Verwüstung, Vlado und seine Handlanger hatten einige Bewohner aufgesucht, die sich gegen ihren Einfluss wehrten. Nach diesem ersten schweren Angriff auf Bürger von Hopeless City zog Vlado ungeniert im Wiegeschritt durch die Stadt, mehrere Woche folgte dann der blanke Terror, manche wurden auf dem Hauptplatz der Stadt gepfählt.
Als Cassandra am Nightmare Saloon vorbeiritt, riefen der mexikanische Wirt Gonzalez und seine Bardame, die alternde ehemalige Tänzerin Samantha, nach Cassandra und erzählten ihr, was geschehen war. Das ihr Vater vielleicht geflüchtet ist, vielleicht gefangen genommen wurde. Gonzalez und seine nette Bardame, beide gute Freunde ihres Vaters machten Cassandra deutlich, dass es aber auf jeden Fall wichtig für sie ist, sofort aus der Stadt zu verschwinden, da man hier nach ihr suchte. Cassandra flüchtete in die Prärie. Zunächst konnte sie sich von den Vorräten ernähren, die Gonzalez ihr mitgab. Sie hatte kein Ziel, sondern wollte sich solange durchschlagen, bis sich die Lage beruhigt. Dabei war sie sich sicher, dass ihr Vater zurückkehren wird, womöglich mit dem Sheriff aus Dullyville und vielen Männern. In dieser Zeit war Cassandra viel in der Umgebung von Hopeless City unterwegs, oft wurde sie beinahe von Vlados Männer aufgegriffen, in deren Sicht sie geriet. Sie konnte immer entkommen, zog sich dann aber weiter in die große Prärie zurück.
Vlado setzte den ewigen Feind und Kontrahenten von Bürgermeister Miller, den zwielichtigen Politiker Wesley Goodnight, als neuen Bürgermeister von Hopeless City ein und lies diesen dann von den Einwohnern durch eine Wahl bestätigen, bei welcher Goodnight eine deutliche Mehrheit an Stimmen erzielte. Wobei es auch einen Gegenkandidaten gab, den der Kandidat Goodnight selbst auswählte, nämlich den viel belächelten Dorftrottel Clumsy Jerkhead, einer arg bemitleidenswerten Person. Clumsy, der das Herz auf dem rechten Fleck trägt, ist wirklich nicht dumm, aber sehr tollpatschig. Er redet aus Verlegenheit und Nervosität ständig. Am Wahltag wurde Clumsy einmal mehr vor der ganzen Stadt bloß gestellt. Cassandra hielt sich fast zwei Wochen alleine in die weiten Prärie auf. Die wenigen Vorräte, die ihr Gonzalez mitgab, reichten nicht lange. Tausend Fragen, ihren Vater und die Umstände in ihrer Heimatstadt betreffend, schossen ihr ständig durch den Kopf.
Nachdem Cassandra zusammenbrach wurden sie und Yesterday von der Coyothekriegerin Ananda aufgefunden. Ananda, die eine sehr fröhliche und freundliche Ausstrahlung hat, rettete Cassandra und nahm sie mit in das Dorf der Coyothe, wo die damals noch Jugendliche erstmal Kräfte sammeln konnte. Über die junge Ananda, eine sehr überlegt handelnde Frau, die mit Abstand die mutigste und beliebteste Kriegerin der Coyothe ist, gibt es schon sehr viele Geschichten. Einige neue und sehr unangenehme Eindringlinge, neue Banden aus anderen Counties, wurden zuletzt unter ihrer Führung vertrieben. Cassandra lebte nun vier Jahre bei den Coyothe und wurde in die Gebräuche und die Traditionen des Stammes eingeweiht, lernte jagen und fischen und das Leben im Einklang mit der Natur. Cassandra fühlt sich wie eine Indianerin, wie eine Coyothe, alle im Stamm sehen sie als Schwester an, Ananda wurde ihre beste Freundin. Der Stamm der Coyothe hat eine besondere Geschichte. Die Schamanen der Coyotheindianer haben schon immer eine einzigartige Verbindung in andere Welten, in die Reiche der guten Seelen und auch in die Welten der dunklen Geister von längst verstorbenen Indianern. Sie haben manchmal einen Zugang zu mysteriösen Portalen, zu den Orten der Toten, zu Informationen über dunkle, böse Mächte. Diese Mächte wollten schon mehrfach die Kontrolle über alle Menschen erlangen, was ihnen bisher immer misslang. Amaru, der Schamane der Coyothe, wird von den Schamanen fast aller anderen Indianerstämme respektiert. Schamane Amaru, der Freund des freundlichen Häuptlings der Coyothe, des legendären Pontijack, findet nicht immer offene Ohren bei Chief Jack, wie der Häuptling auch gerne genannt wird. Oft, möchte Pontijack nicht alles wissen, was Amaru bei seinen Ritualen aus der Geisterwelt erfährt. Pontijack, der aufgrund seiner liebenswerten Art, sicher einen Teil zur Lebensfreude seiner, trotz ihrer Kampferfahrung, fröhlichen Tochter Ananda beitrug, ist sehr Harmoniebedürftig. Kriege versucht er stets zu vermeiden. Dennoch schrieb er selbst als ruhmreicher Krieger Geschichte.
Zuletzt beim äußerst brutalen Landraub durch Gesetzlose, von denen seit Jahrzehnten immer mehr ins Stammesgebiet der Coyotheindianer vordringen, seit es den großen Treck gen Westen gibt. Nach dem Ende des Bürgerkriegs war wieder mehr Bewegung auf den staubigen und den oft, aus den verschiedensten Gründen, gefährlichen Wegen in Richtung Westen und Südwesten. Etliche Glücksritter aus dem Osten, viele Siedler und Suchende, so mancher Schurke aber auch ganze Familien, viele Migranten aus Europa, die ersten machten sich schon vor 30-40 Jahren auf den Weg. Die ersten Pioniere begegneten der Indianern noch freundlich, ihnen aber folgten Siedler, die sich dass Land nahmen, welches ihnen Seiten des Staats zustand. Die Ureinwohner wurden dabei in vielen Fällen in diese Rechnung nicht einbezogen, oder sehr oft auch blutig bekämpft. Der endlose Weg Richtung Westen ist kein einfacher. Es ist ein Weg, auf dem einige scheiterten, viele als Siedler unterwegs einen Ort zum Bleiben fanden. Es ist ein Weg, auf dem auch einige starben. Ständig gab es Neuigkeiten entlang des endlosen Trecks, von fruchtbarem Land, von Gold und Silber, von den Taten berüchtigter Gesetzloser, aber auch von den angeblich bösen Wilden. Zwar ist der glorreiche Häuptling Pontijack ein berühmter Krieger und ein ausgezeichneter Stammesführer, jedoch ist sein Ziel immer Frieden und Einklang mit anderen, selbst mit den unfreundlichen fremden Eindringlingen. Dies ist seinem Sohn, dem starken und schönen Krieger Early Bird, ein Dorn im Auge. Er möchte lieber die Eindringlinge massiv bekämpfen, sie dann kontrollieren und Geschäfte mit ihnen tätigen, derweil aber alle Stämme unter der Führung der Coyothe gegen die weisen neuen Eindringlinge vereinen. Dieser tiefe Konflikt zwischen Pontijack und Early Bird, seinem Sohn und potentiellen Nachfolger, wird nicht offen ausgetragen. Dennoch ist der Streit präsent und einige wenige Krieger des Stammes lauschen manchmal den heimlichen Ansprachen, oder eher den Tira-den, des jungen Early Birds, in denen er gegen Feinde wettert. Für ihn sind alle Menschen, die keine Coyotheindianer sind, Feinde. Während der Stamm ansonsten ein friedliches und sehr freundliches, sehr offenes Weltbild verbreitet, alleine schon aus seiner eigenen Tradition heraus, will Early Bird irgendwann ein Zeichen setzen und sich allen Feinden gegenüberstellen, sie nach und nach den Coyothe unterwerfen.
Nur wenige glauben den Worten Early Birds, doch diese wenigen wären bereit, mit ihm in den Kampf zu ziehen, um die Coyothe, einen eigentlich relativ kleinen Stamm, zum Stamm aller Stämme zu machen. Der Coyothestamm soll, nach Early Birds Ansicht, endlich die exzellenten Verbindungen und besonderen Möglichkeiten ihres Schamanen nutzen, um selbst in eine machtvollere Zukunft zu starten. Ananda sieht die Eskapaden ihres Bruders noch relativ gelassen. Weiß doch jeder im Stamm, dass er ein ausgezeichneter und mutiger Krieger ist, aber ansonsten ein loses Mundwerk hat, nicht der intelligenteste ist und keine wirklichen Führungsqualitäten besitzt. Besonders aber die mangelnde Intelligenz seines Sohns besorgt Häuptling Pontijack zutiefst, denn im Grunde genommen ist es ja sicher, dass Early Bird eines Tages sein Nachfolger und somit er neue Häuptling der Coyothe sein wird. Außer, Häuptling Pontijack bestimmt zu Lebzeiten seine Tochter Ananda, oder jemand völlig anderes dazu.
Die Gesänge der Indianer im Coyothedorf verstummen in diesem Morgengrauen, als Ananda und Cassandra das Zelt von Häuptling Pontijack erreichen, der neben Amarau, dem Schamanen steht und die beiden jungen Frauen freundlich begrüßt. Hinter dem Häuptling stehen die Krieger Early Bird und Igasho. Igasho und Ananda verbindet eine sehr tiefe Freundschaft seit ihrer Kindheit. Igasho verspürt eine große Abneigung gegen Early Bird. Der gesamte Stamm versammelt sich nun um die Gruppe. „Cassandra, auch wenn du keine von unserem Blut bist, du bist eine von uns, du gehörst zu unserem Stamm“, so Pontijack und fährt fort, „Aber heute musst du uns zunächst für einige Zeit verlassen, weil du hier nicht sicher bist, ja weil du wirklich in Gefahr bist hier bei uns“. Totale Stille herrscht im Dorf, alle hören ihm gespannt zu. „Cheyevo und Matwau suchen dich Cassandra, sehr böse Geister aus der Welt der Ahnen“, versucht ihr Amaru eindringlich zu erklären, „Sie wollen dich gefangen nehmen und dann in die Welt des dunklen Herrschers bringen, um dich dort zu töten“, berichtet der Schamane, „Denn du Cassandra bist die unschuldige Seele Lakota“. „Wer bin ich?“, fragt Cassandra erschrocken. „Du bist Lakota, die unschuldige Seele, der einzige Mensch, der den dunklen Herrscher und seine irdischen Helfer besiegen kann. Aber nur, wenn du Ahigo findest“, erklärt Amaru der von dieser Situation völlig überforderten Cassandra weiter, während Igasho ihr Pferd Yesterday herführt. Pontijack, der große Häuptling, versucht sie, zu beruhigen, „Wir dürfen dir noch nicht mehr sagen. Wir wissen nicht, wer Ahigo ist, selbst er selbst weiß es nicht. Er ist ein Gescheiterter, der sich ändern will. Du musst ihn unbedingt finden. Du wirst spüren, wenn du ihm begegnest, nur du kannst ihn finden“. Die Gesänge der Indianer beginnen erneut in all ihrer mystischen Intensität. „Mein Sohn hier wird dir zur Hilfe kommen, wenn du in Not geraten solltest“, teilt der Häuptling mit und zeigt auf Early Bird. Cassandra gefällt der Gedanken, ausgerechnet auf die Hilfe von Early Bird angewiesen sein, gar nicht. Ebenso wenig will sie überhaupt diesen Stamm verlassen.
„Warum bin ich denn jetzt auf einmal diese Lakota? Ich bin Cassandra und ja, ich gehöre zu euch, warum soll ich gehen?“, will sie weinend wissen. Die Gesänge werden noch melodischer, immer geheimnisvoller, aber auch etwas aggressiver und lauter. „Geh, jetzt besser, geh“, bittet Ananda, während sie Cassandra auf ihr Pferd hilft, dass mit einigen Nahrungsmitteln und diversen Hilfsmitteln zum überleben in der Wildnis beladen ist. „Du kamst zu uns als Cassandra, du kehrst als Lakota wieder, nur du kannst alle Menschen auf der Welt retten“, ruft Pontijack. „Finde Ahigo, und hüte Dich vor Cheyevo und Matwau“, schreit Amaru laut ihr hinter her, als Cassandra weinend auf Yesterday, unter aggressivem mystischen Gesang, aus dem vertrauten Dorf reitet. Cassandras Gedanken überschlagen sich ununterbrochen, sie reitet in den Sonnenaufgang, die Gesänge der Coyothe werden entfernter und leiser. „Lakota? Und warum haben sie mir das nie gesagt? Wo finde ich denn jetzt diesen Ahigo?“, spricht Cassandra zu ihrem geliebten Pferd Yesterday und streichelt es.
Die Stadt Dullyville, Haupstadt des Silver Creek Counties, am Rande der Prärie an eben jenem Fluss gelegen, der aus den Wäldern kommt, wo denen das Dorf der Coyothe liegt. Etwas breiter und gemächlicher fließt der Fluss an der Stadt vorbei. Zwischen den Bergen der Coyothe hinter Dullyville und dem Gebiet um Hopeless City, dass vor einem sehr hohen Bergmassiv gelegen ist, liegt eine recht große, flache Ebene, die sicher ein Durchmesser von 50 Meilen und eine Länge von 120 Meilen besitzt. Die gesamte Fläche ist von einer wilden, weitestgehend flachen Prärie bedeckt. Wildes Strauch- und Grasland, auch karger, felsiger und trockener Boden, dieses Gebiet ist rau, es birgt viele Gefahren in sich. Auf der einen Seite der Prärie liegt Dullyville am Rande einer hügeligen bis bergigen Landschaft, die von weiten Wäldern bedeckt ist. Bei Hopeless City beginnt hingegen ein sehr hohes Bergmassiv, mit reichen Silbervorkommen. Hinter diesen hohen Bergen liegt der sogenannte tote Sand, eine heimtückische Wüste. Eine endlose Sand- und Steinfläche, in deren Mitte ein trockener Salzsee liegt. Das alles, die Berge und Wälder und die fruchtbaren Flächen bei Dullyville, diese endlose Prärie, die hohen Bergmassive, die Wälder und die geheimnisvollen Täler auf der Seite von Hopeless City, auch der tote Sand, all diese Gebiete sind Stammesgebiet der Coyothe. Seit Jahrtausenden leben hier die Vorfahren von Pontijack, Amaru, Early Bird, Ananda und Igasho. Nur noch sehr wenige Menschen verirren sich durch die große Prärie nach Hopeless City, dessen Ruf in der Gegend furchtbar ist. Im Grunde genommen ist es allen egal, was dort geschieht.
Dullyville zieht viel Nutzen aus dem großen Treck gen Westen, der durch die Stadt läuft. Innerhalb von wenigen Jahren wurde aus diesem kleinen aber ziemlich wilden Ort, ein sehr wichtiger Stützpunkt, ein Marktplatz und Behördenzentrum. Ein Ort, an dem Geschäfte gemacht werden, an dem man Entscheidungen trifft. In der näheren Umgebung gibt es viel fruchtbares Land und einige große und kleinere Farmen. In den Wäldern der Coyothe werden Bäume gefällt, das Holz in Dullyville gehandelt. An sich gefällt Pontijack und den Coyothe dies nicht. Aber nachdem es einige Konflikte gab, traf der angesehene Bürgermeister von Dullyville, John Lincester, ein Abkommen mit den Coyothe. Nur kranke und bestimmte von den Coyothe ausgewählte, Bäume dürfen abgeholzt werden, der Stamm wird dabei angemessen an den hohen Erlösen beteiligt. Mittlerweile leben die Bewohner von Dullyville und die Coyothe friedlich miteinander. Auf den Straßen der Stadt herrscht geschäftiges Treiben. Überall in der Stadt sind kleine Geschäfte, Büros, Bars oder Dienstleistungsunternehmen, in der ganzen Stadt wird gearbeitet. Eine sehr große Postkutsche fährt in den Ort ein und hält vor einem Postbüro an. Ein paar Cowboys bieten kräftige Rinder zum Verkauf an.
Ein kleiner Markt, Gruppen von Frauen und Männern stehen dort zusammen, andere Leute betrachten die Waren und verhandeln mit den Marktleuten, alles Farmer aus der Umgebung. Vor dem Saloon streiten sich zwei ältere Männer, die Wirtin tritt vor die Tür, ermahnt die beiden Streithähne zur Ruhe. Auch Kinder spielen auf dieser langen und staubigen Hauptstraße, die durch den Ort führt. Dullyville besteht aus einer einzigen langen Straße. Sie gehört zu eben jener tausende von Meilen langen Straße, die unter anderem aus New York in den Westen führt, welche man auch den großen Treck gen Westen nennt. An wenigen Stellen in Dullyville kreuzt diese, in der Stadt sehr breite Straße, weitere, etwas schmalere Wege. Die Nachmittagssonne liegt drückend über dem Ort. Ein dampfender Zug fährt in die Stadt ein. Unter lauten Geräuschen der Maschine und viel Dampf hält die Lokomotive an einem Bahnsteig. Einige Kofferträger stehen dort bereit, um den Passagieren zu helfen. Seit kurzem ist Dullyville an das Eisenbahnnetz angeschlossen, was der florierenden Stadt einen weiteren Auftrieb gab. Immer mehr entwickelt sich der ursprünglich relativ kleine Ort zu einem mittleren Zentrum mit gewisser überregionaler Bedeutung. Viele Trapper, die in entfernten Bergen und Tälern ihre Fallen aufstellen, bieten ihre Felle in Dullyville an. Es gibt hier gleich mehrere Hotels, Saloons, Bars, die verschiedensten Geschäfte, Bordelle und Vergnügungsstätten in der Stadt, praktisch eine hervorragende Infrastruktur. So kommen mit der Eisenbahn und mit Postkutschen neben den Fell- auch viele andere Händler in die Stadt.
Einige Schüsse peitschen laut durch den Ort. In einem sehr hohen Tempo reitet Cold Young in Richtung Ortsausgang. Das friedliche Leben auf den Straßen ist schlagartig vorbei. Der Ort wurde durch Sheriff Kane, der von State Marshall Illroy und seinen eigenen Deputies unterstützt wird, zu einer Stadt, an dem es nur wenig Verbrechen gibt. Kane hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Kriminalität hier im Silver Creek County, hier in der westlichsten Gegend des mittleren Westens, deutlich weniger wurde. Umso erschrockener sind die Leute, als nach langer Zeit wieder Schüsse fallen. Sheriff Kane und zwei Deputies sind hinter Cold Young her, der grade versucht hat, in Dullyville eine Bank zu überfallen. Der Überfall misslang, weil ein Deputy ihn zufällig mit bekam und das Feuer auf Cold Young eröffnete, der von einer Kugel in der hinteren Schulter getroffen wurde. Daraufhin stürmte der Räuber aus der Bank. Er schaffte es, auf seinem Pferd zu flüchten. Nun wird er von Sheriff Kane und zwei seiner Hilfssheriffs gejagt. Cold Young reitet immer schneller, erreicht den Ortsausgang. Sheriff Kane ist vielleicht 20 Meter hinter ihm. Die beiden anderen Verfolger hat er mittlerweile weit abgehängt. Jetzt reitet der verwundete Räuber in das tiefe Buschland der Prärie, versucht den hartnäckigen Sheriff abzuhängen. Die Schmerzen in seiner Schulter werden immer stärker, er verliert Blut und schreit laut, als sein Pferd einen Sprung über einen quer liegenden toten Baumstamm wagt. Genau an diesem Baumstamm wirft Sheriff Kanes Pferd den Gesetzeshüter ab, so das der Sheriff hart auf dem sandigen Boden auf-prallt. Cold Young bekommt dies mit und stoppt den wilden Ritt. Er steigt von seinem Pferd und geht langsam auf den Sheriff zu, der nach seinem Revolver sucht, der irgendwo liegen muss.
Mit seinen Blicken sucht der nervöse Kane die Umgebung ab, fragt sich, wo bloß seine Waffe liegt. Cold Young und Sheriff Kane bekommen mit, dass die beiden Deputies, etwa 200-300 Meter entfernt, in eine völlig andere Richtung reiten. Die beiden stellen also für Cold Young keine Gefahr mehr dar. Der Gesetzlose zieht seinen Revolver, steht dann breitbeinig vor dem sich unter Schmerzen am Boden krümmenden Sheriff. Ein Stich, ein gewaltiger Schmerz, fährt brutal durch Cold Youngs verletzte Schulter. Dieser steckt seinen Revolver wieder ein und hilft dann dem verwunderten Sheriff Kane auf, anstatt ihn zu töten. „Ich könnte sie einfach erschießen und dann diese beiden Trottel jagen, aber ich bin kein Feigling Sheriff“, gibt der Räuber Kane zu verstehen. „Ich werde dich trotzdem kriegen und dem Gericht zuführen, gib lieber auf, so kannst du dem Galgen vielleicht noch mal entgehen“, erwidert der im ganzen County für seine Erfolge bekannte Polizist. Cold Young schleppt sich zu seinem Pferd und steigt auf, „Wie wollen sie das schaffen? Wenn sie mich nicht mal in ihrer eigenen Stadt fassen können, wie dann im restlichen County, oder sogar woanders?“. Cold Youngs Pferd bäumt sich auf, schnell reitet der Outlaw in Richtung der nahen Hügel.
Etwa eine halbe Stunde später verlassen Cold Young immer mehr seine Kräfte. Etwas in der Ferne sieht er das Ufer des Coyotheflusses, er beschließt, sich dort zu erholen. Der Schmerz seiner Wunde steigt, während seine Energien schwinden. Beim reiten fallen ihm öfters die Augen zu. Er erinnert sich an eine Situation, die geschah, als er 11 Jahre alt war. Sein Vater war Schuster in New York. Das Geschäft lief sehr gut und er wuchs in relativ sicheren Verhältnissen auf. So achtete seine Mutter sehr darauf, dass der junge Colby Young, wie sein tatsächlicher Name lautet, regelmäßig zur Schule ging. Colby war in der Küche des kleinen, sehr gemütlichen Hauses der Familie. Seine Mutter bereitete ein Abendessen zu, als es energisch an der Haustür klopfte. Der Vater von Colby, ein großer, kräftiger Mann, öffnete die Tür. Zwei Polizisten traten ungefragt in die Wohnung ein. Der Ältere dieser beiden unfreundlichen, unerwünschten Besucher erklärte, dass erhebliche Schulden bestünden, bei einem gewissen Herren, dessen Namen nicht genannt wurde. Colbys Vater reagierte energisch und bestritt, diese Schulden zu haben. Der jüngere Polizist schlug den Vater brutal zusammen, nachdem dieser äußerte, dass er eine Anzeige erstatten werde. Cold Young versteckte sich unter dem Küchentisch. Der Vater weigerte sich weiter, die Schulden anzuerkennen.
Colbys Mutter verkraftete all dies nicht mehr, reagierte über, ging auf den älteren Polizisten los, dieser schlug sie hart von sich, so dass sie stürzte und auf dem Kopf aufschlug. Colby befand sich wie gelähmt kniend unter dem Küchentisch, als er seiner Mutter in die Augen schaute, die vor ihm am Boden lag. Etwa eine halbe Minute lang berührten sich die Blicke der beiden. Der Junge war wie erstarrt, konnte weder schreien, noch sich bewegen. Blut drang aus dem Mund der Mutter. Die Blicke von Colby und ihr trafen sich noch einmal, während seine Mutter ihr Leben aushauchte. Vor seinen eigenen Augen starb Cold Youngs Mutter, während drei Schüsse fielen. Die Polizisten, die grade eben seine Mutter tot schlugen, richteten unmittelbar danach seinen Vater hin. Er hörte die Schritte der Mörder, schnell verließen sie das Haus der Youngs. Soeben nahm sein Leben eine drastische Wendung. Seine Eltern wurden ermordet. Noch mehrere Stunden saß der schockierte Junge wie gelähmt, in sich zusammengekauert, unter dem Küchentisch, seine erschlagene Mutter vor Augen. Dieser traumatische Moment wird Cold Young von nun an begleiten, ihn prägen und ihn zu dem machen, was er später wurde. Ein getriebener Gesetzloser auf der Suche nach einem Hafen, nach einem festen Punkt, nach Halt, einer eigenen Familie, einem richtigen zu Hause und wichtigen Aufgaben, jenseits des Lebens als gesuchter Verbrecher.
Cold Young kommt nach dieser Erinnerung wieder etwas zu sich. Mittlerweile ist er am großen, weit abseits von Dullyville gelegenen Fluss angekommen, der an dieser Stelle noch etwas ruhiger und breiter fließt. Wieder sticht ein brutaler Schmerz durch seine Schulter. Colby steigt von seinem Pferd, setzt sich hin und lehnt sich an einen Felsen. Er greift an seine Schulter und schaut sich dann seine Hand an, die voller Blut ist. Cold Young holt dann eine Flasche Alkohol aus seiner Tasche und trinkt nun einen kräftigen Schluck. Das Aroma des Schnaps ist sehr stark, er nimmt noch einen zweiten Schluck. Ob Colby dabei sein Gesicht wegen des Schnaps so verzerrt, lässt sich schwer sagen, offensichtlich geht es ihm schlecht. Der überall, von allen Behörden gesuchte Schwerverbrecher. wird wieder bewusstlos. Er erinnert sich an seine Zeit in einem New Yorker Heim, in dem es neben den schwer erziehbaren Kindern, auch Waisen wie ihn gab. Über drei Jahre verbrachte er nach dem grausamen Mord an seinen Eltern in diesem Heim, einer schrecklichen, vom Staat geförderten, jedoch privaten Einrichtung. Hohe Schlafräume in einem großen, dunklen Haus. Bald wie ein kleines Schloss aussehend, beherbergte diese Einrichtung junge Menschen, welche überall deplatziert waren, die niemand haben wollte, die nutzlos waren. Die sadistischen Wärter und eine gemeine Oberwärterin behandelten die Kinder und Jugendlichen wie drittklassige Menschen. Ihnen wurde dort ständig eingeredet, dass nur sie selbst die Schuld daran haben, dort zu leben.
An einem Tag gab es Fleisch mit Gemüse. Alle saßen in einem großen Speisesaal. Colby Young saß mit seinen beiden einzigen Freunden, Will und Catch, die er in der Einrichtung kennen lernte, an einem langen Tisch. Weitere Kinder und Jugendliche saßen ebenfalls mit an diesem Tisch. Die Oberwärterin ging von mit einem langen Stock von Tisch zu Tisch, inspizierte die Kinder und Jugendlichen. Colby steckte seine Gabel in sein Fleischstück und biss in der Luft davon ab, anstatt es ordentlich mit Messer und Gabel zu verzehren. Die Oberpflegerin, welche dies sah, ging schnell zu Colby, schlug ihm mit einem Stock in den Nacken und nahm ihm seinen Teller weg, den sie in hohem Bogen, laut kommentierend durch den Saal warf, „Nur Menschen essen so wie Menschen, du jedoch, du bist kein Mensch Colby, nicht mal ein Tier, nein Dreck bist du, einfach nur Dreck“. Die Oberwärterin rief laut in den Saal zu allen anderen, „Ihr alle seid Dreck, jeder einzelne von euch, nichts als Dreck. Und weil euer dreckiger Freund hier sich nicht benehmen kann, war dies erst mal die letzte Mahlzeit für zwei Tage“. Noch am selben Abend wurde Colby von anderen Jugendlichen verprügelt, schließlich standen nun zwei hungrige Tage vor ihnen. Diese Attacken der Oberwärterin und der anderen Wärter wurden immer heftiger in der nächsten Zeit. Nur die wenigen, welche Informationen weiter trugen, genossen gewisse Privilegien und Vorteile. An einem Abend trafen sich Catch, Will und Colby, wie so oft, heimlich in der Bibliothek der Einrichtung. „Wir müssen hier abhauen, lasst uns verschwinden hier“, forderte Colby seine Freunde auf, „Es gibt noch etwas anderes als das Leben hier“. Zwischen den dreien gab es zu diesem Zeitpunkt schon eine enge Bindung. Colby der Anführer war besonders waghalsig und mutig, fast schon eiskalt, wenn es darum ging, etwas verbotenes zu tun. Wobei er dabei ausgesprochenen Spaß hatte, zudem ein großes Talent besaß, solche Dinge zu planen und durchzuführen. Colby ging dabei immer sehr kühl und gelassen vor, was ihm dann schließlich den Spitznamen Cold Young einbrachte.
Will, ein eher ruhiger und nachdenklicher Junge, der eine äußerst freundliche Art besitzt, verfügte damals schon über eine sehr große Geschicklichkeit, die immer sehr Hilfreich war. Während der forsche Catch, der sich gerne prügelte, immer das innere Bedürfnis verspürte, seine Freunde zu beschützen. „Aber wie willst du denn hier raus kommen? Und was machen wir dann?“, wollte Will vom euphorischen Colby wissen. „Wir beschaffen uns einen großen Sack voller Dollars und verschwinden hier aus der Stadt, irgendwo anders hin“, beantwortete dieser diese Frage sofort. Catch, der wohl sehr gerne reich wäre, gefiel dieser Plan sehr, „Dann lass uns das machen, weg hier, weg von diesem Ort“. Die drei Freunde veranstalteten schon in dieser Zeit allerlei groben Unfug in New York. Die jugendlichen Bewohner wurden von der Heimleitung und den Wärtern regelmäßig als billige Arbeitskräfte an Betriebe verliehen. Hier mussten sie sich als Handlanger verdingen. Colby, Catch und Will nutzten diese auswärtigen Arbeitseinsätze, irgendwo in New York, oft für den Diebstahl von Lebensmitteln und von vielen anderen brauchbaren Dinge. Erwischt wurden sie dabei nie. In den drei besten Freunden schlummerte der Drang, frei zu sein, etwas zu besitzen, besser zu leben, vor allem woanders, als in diesem furchtbaren Heim. Hier bereicherten sich die Leitung mit den Wärtern an Kinderarbeit, besonders die ziemlich brutale Oberwärterin. Die drei Freunde wussten, dass sich niemand für ihr Schicksal interessierte, dass mit Sicherheit niemand kommen wird, um sie zu retten. Wenn sie ein anderes Leben wollten, dann mussten sie es selbst in die Hand nehmen. Colby verlor hier endgültig den Glauben an den Staat und die Gerechtigkeit. Zuerst wurden seine Eltern von Polizisten getötet, nun leistet er Zwangsarbeit in einer staatlich geförderten Einrichtung. Colby wurde klar, dass diese Welt brutal und gemein ist. In dieser Welt, nahm er sich vor, wolle er richtig leben, nicht nur überleben. Zu den Starken, den Gewinnern, den Satten, soll er gehören, nicht zu den Opfern, den Schwachen, den Hungrigen.
Cold Young kommt wieder kurz zu sich. Die Schmerzen sind so stark, dass er, nachdem er noch einen Schluck aus der Flasche nimmt, den gesamten Schnaps über seine Schulter kippt. Er lehnt gegen einen großen Stein, von denen viele in dieser Gegend verstreut liegen, am Fluss, zwischen Prärie und den Bergen hinter Dullyville. Wieder fallen Colby die Augen zu. Nun erinnert er sich an eine Zeit auf den Straßen von New York. Colby war 16 Jahre alt. Bereits zwei Jahre war es her, als er mit Catch und Will aus dem Heim flüchtete. Seitdem schlugen sich die drei besten Freunde mit Trickdiebstählen und kleineren Überfällen und anderen Dingen auf der Straße durch. Eine kleine Gruppe anderer Jugendlicher von der Straße schloss sich ihnen an. Meistens suchten sie sich wohlhabende Opfer, sehr oft waren es Straßengauner, von denen es zu dieser Zeit etliche gab, die sie beklauten, Wie an diesem Tag. Ein großer, breiter Gauner ging in eine Seitengasse. Er trug edle Kleidung, seine Waffen offen unter dem kostbaren Mantel, seine dicke Geldbörse in einer Brusttasche an seinem Hemd. Pfeifend ging der Gauner in die Gasse. Ein acht-jähriger Junge aus Cold Youngs Gang saß weinend am Straßenrand, sein Knie blutete. „Bitte helfen sie mir Sir“, heulte der Junge. „Na zeig mal her du Heulsuse“, sprach der Mann und beugte sich zu dem Jungen herunter. Ein weiterer Junge legte sich hinter den Gauner auf den Boden. Aus einem Müllhaufen, hinter dem angeblich hilflosen Jungen, kam Catch hervor und schubste den Mann, so dass er rückwärts über den hinter ihn am Boden liegenden Jungen stolperte, der nun einen Katzenbuckel machte. Der Gauner fiel zu Boden. Cold Young kam angerannt und schnappte sich die Geldbörse, warf sie Will zu. Laut und johlend lachend rannten alle in verschiedene Richtungen.
Durch solche und ähnliche Straftaten konnte die Clique um Colby „Cold“ Young auf den gefährlichen Straßen des New Yorks dieser Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, überleben. Oft suchten sie sich kriminelle Opfer aus, weil die in der Regel nicht zur Polizei gingen. Wohl aber musste die kleine Straßenbande ständig das Viertel wechseln, weil die Opfer ihrer Taten sie sicher hart bestraft hätten, wenn sie einmal in deren Fänge geraten wären. So zogen die Jungs auf diese Weise durch die riesige Stadt, fanden immer ein neues Versteck, immer wieder neue Opfer. Zwei Jahre später, nachdem die Freunde schon viel Zeit auf den Straßen verbrachten, Colby war mittlerweile 18 Jahre alt, wollten Cold Young, Will und Catch einen Goldschmied überfallen. Dieser Mann war überall dafür bekannt, dass er Schmuck und Uhren von Leuten in Not zu Billigpreisen aufkaufte und sie dabei auch noch verspottete. Den Tipp bekamen sie von einem Bekannten, den der Goldschmied übers Ohr haute. Dieser Überfall scheiterte, weil eben jener Bekannte die Polizei einschaltete, der verärgert war, da die drei Jungs überhaupt nicht daran dachten, ihren Helfer und Tippgeber in die weiteren Planungen der Tat zu involvieren. Eine Beteiligung des Mannes an der erhofften Beute kam für die jungen Räuber erst recht nicht in Frage. Cold Young, Catch und Will wurden auf frischer Tat verhaftet und zu sechs fast sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch die gesamte Haftzeit verbrachten die Freunde ebenfalls zusammen.
Cold Young wird wieder wach. Es ist dunkel geworden, er hat seine Kraft verloren, er ist so müde, dass er den Schmerz kaum noch spürt. Aus der Prärie und den Wäldern auf der anderen Seite des ruhigen Flusses dringen die Geräusche der Natur zu ihm vor. Er schaut sich die Umgebung an, dann fallen ihm die Augen wieder zu. Er erinnert sich, wie er vier Jahre zuvor, mit Catch und Will, aus dem Zuchthaus entlassen wurde. Die ersten Jahre verbrachten sie in einem ländlichen Straflager 100 Meilen von New York entfernt, mussten dort in der Landwirtschaft helfen. Dort ging es den dreien relativ gut, weil es viel zu Essen gab. Die letzten Jahre waren sie in das Stadtgefängnis von New York eingesperrt, ein düsterer und sehr brutaler Ort. Die drei Freunde hielten immer zusammen, halfen sich immer gegenseitig und konnten somit auch diese schwere Zeit überstehen. Mittlerweile 24 Jahre alt, war Cold Young nun ein freier Mann, der wie auch seine Freunde Will und Catch, gar nichts besaß. Das folgende Jahr verbrachten die drei Freunde damit, sich mit einem schweren Job in einer Brauerei über Wasser zu halten. Bei einem sommerlichen Spaziergang im Park, sie lachten und alberten herum, fand Catch eine aktuelle Zeitung. Große Schlagzeilen wie „Goldrausch im Westen“ oder „Immer noch Land für jeden im goldenen Westen“, standen über Artikeln, in denen über die neuerliche Belebung des großen Trecks und über die Besiedlung des wilden Westens berichtet wurde. Cold Young hat sich als besonders versiert in der Brauerei erwiesen. Heimlich träumte er davon, Hopfen, Gerste und Malz selbst anzubauen, selbst Bier zu brauen, ein Unternehmer zu werden. Doch das harte Leben in New York, die eigenen eingeschränkten Möglichkeiten, die eigene Vergangenheit, all das schloss völlig aus, dass Cold Young überhaupt einmal in die Lage kommt, ein schöneres Leben zu führen. Colby entriss Catch lachend die Zeitung, „Was sagt ihr Freunde? Ab in den Westen? Da kennt uns keiner“.
Es ist Nacht am Flussufer, Cold Young friert, ein vielleicht sterbender Mann, von allen Kräf
