Beschreibung

Kazi ist auf den Straßen Vendas großgeworden und schlägt sich als Taschendiebin durch. Doch als eines Tages Königin Lia persönlich auf sie aufmerksam wird, ändert sich ihr Leben schlagartig. Von nun an ist Kazi eine Rahtan und gehört der königlichen Leibgarde an. Sie erhält den Auftrag, die Verräter ausfindig zu machen, die für den Großen Krieg verantwortlich sind. Vermutlich haben sie bei einem feindlichen Rebellenvolk an der Landesgrenze Zuflucht gefunden. Doch als Kazi dort eintrifft und den jungen Anführer Jase kennenlernt, bringen Gefühle ihre Pläne durcheinander. Denn auch wenn ihr Kopf weiß, dass der Mann ihr Feind ist, so kann sich ihr Herz nicht gegen ihn wehren ...

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Greyson Ballenger

Kapitel 1 – Kazimyrah aus Hellnebel

Kapitel 2 – Kazi

Jezelias Lied

Kapitel 3 – Jase Ballenger

Greyson Ballenger

Kapitel 4 – Kazi

Kapitel 5 – Jase

Kapitel 6 – Kazi

Kapitel 7 – Jase

Kapitel 8 – Kazi

Kapitel 9 – Jase

Greyson Ballenger

Kapitel 10 – Kazi

Kapitel 11 – Jase

Jezelias Lied

Kapitel 12 – Kazi

Theo

Kapitel 13 – Kazi

Kapitel 14 – Jase

Kapitel 15 – Kazi

Kapitel 16 – Kazi

Kapitel 17 – Jase

Kapitel 18 – Kazi

Kapitel 19 – Jase

Miandre

Kapitel 20 – Kazi

Kapitel 21 – Kazi

Kapitel 22 – Jase

Gina

Kapitel 23 – Kazi

Kapitel 24 – Kazi

Kapitel 25 – Jase

Greyson Ballenger

Kapitel 26 – Kazi

Kapitel 27 – Jase

Kapitel 28 – Kazi

Kapitel 29 – Jase

Kapitel 30 – Kazi

Kapitel 31 – Jase

Kapitel 32 – Kazi

Kapitel 33 – Jase

Vendas Lied

Kapitel 34 – Kazi

Kapitel 35 – Jase

Kapitel 36 – Kazi

Kapitel 37 – Jase

Miandre

Kapitel 38 – Kazi

Kapitel 39 – Jase

Kapitel 40 – Kazi

Fujiko

Kapitel 41 – Kazi

Kapitel 42 – Jase

Kapitel 43 – Kazi

Kapitel 44 – Kazi

Kapitel 45 – Jase

Kapitel 46 – Kazi

Kapitel 47 – Jase

Kapitel 48 – Kazi

Kapitel 49 – Jase

Kapitel 50 – Kazi

Kapitel 51 – Kazi

Kapitel 52 – Jase

Kapitel 53 – Kazi

Kapitel 54 – Jase

Jezelias Lied

Kapitel 55 – Kazi

Kapitel 56 – Jase

Kapitel 57 – Kazi

Kapitel 58 – Jase

Kapitel 59 – Kazi

Greyson Ballenger

Kapitel 60 – Jase

Kapitel 61 – Kazi

Kapitel 62

Über das Buch

Kazi ist auf den Straßen Vendas großgeworden und schlägt sich als Taschendiebin durch. Doch als eines Tages Königin Lia persönlich auf sie aufmerksam wird, ändert sich ihr Leben schlagartig. Von nun an ist Kazi eine Rahtan und gehört der königlichen Leibgarde an. Sie erhält den Auftrag, die Verräter ausfindig zu machen, die für den Großen Krieg verantwortlich sind. Vermutlich haben sie bei einem feindlichen Rebellenvolk an der Landesgrenze Zuflucht gefunden. Doch als Kazi dort eintrifft und den jungen Anführer Jase kennenlernt, bringen Gefühle ihre Pläne durcheinander. Denn auch wenn ihr Kopf weiß, dass der Mann ihr Feind ist, so kann sich ihr Herz nicht gegen ihn wehren …

Über die Autorin

Mary E. Pearson hat bereits verschiedene Jugendbücher geschrieben. Der Kuss der Lüge, Auftaktband der Chroniken der Verbliebenen, ist der erste ihrer Titel, der auf Deutsch erscheint. In den USA hat sie damit in Bloggerkreisen geradezu einen Hype ausgelöst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in Kalifornien.

MARY E. PEARSON

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Raimer-Nolte

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:Copyright © 2018 by Mary E. PearsonTitel der englischsprachigen Originalausgabe:»Dance of Thieves«Published by arrangement with Mary E. Pearson

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Julia Przeplaska, IngolstadtUmschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung von Motiven von © Designed by Rebecca Syracuse, © Buffy Cooper/Trevillian Images und © Sandra Cunningham/Arcangel

E-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-7332-5

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

Schreib es nieder, hat er zu mir gesagt.

Schreib jedes Wort nieder, wenn du dort ankommst,

bevor die Wahrheit in Vergessenheit gerät.

Und das tun wir nun. Zumindest die Teile, an die wir uns erinnern.

Greyson Ballenger, 14

Kazimyrah aus Hellnebel

Ihre Geister sind immer noch hier.

Die Worte hingen in der Luft, jedes selbst wie ein geisterhaftes Schimmern, ein eiskaltes Flüstern der Warnung, aber mir machten sie keine Angst.

Schließlich wusste ich es schon.

Die Geister gehen nie ganz fort. Sie rufen dich in überraschenden Momenten. Ihre Hände umfassen deine und ziehen dich auf Pfade, die nirgendwohin führen. Hier entlang. Ich hatte gelernt, sie auszublenden. Meistens.

Wir ritten durch das Tal der Schildwacht, wo die Ruinen der Altvorderen auf uns herabschauten. Die Ohren meines Hengstes stellten sich zuckend auf, wachsam. Er wusste ebenfalls Bescheid. Ich rieb seinen Hals, um ihn zu beruhigen. Seit der großen Schlacht waren sechs Jahre vergangen, aber man sah immer noch die Narben, die sie geschlagen hatte: umgeworfene Wagen, die vom wuchernden Gras verzehrt wurden, verstreute Knochen, von hungrigen Tieren aus ihren Gräbern gewühlt, die Rippenskelette gigantischer Brezalots, die in den Himmel ragten und auf deren bleichen, elegant geschwungenen Bögen nun Vögel hockten.

Ich fühlte die Geister, wie sie sich in der Luft um uns drängten und uns fragend beobachteten. Einer von ihnen strich mit einem kalten Finger über mein Kinn und presste ihn warnend auf meine Lippen. Schschsch, Kazi, bleib jetzt ganz still.

Natiya führte uns unerschrocken tiefer in das Tal. Unsere Blicke glitten über die schroffen Felswände und die Verwüstungen, die der Krieg hinterlassen hatte. Langsam wurden sie vom Erdboden und von der Zeit verschlungen, ungefähr wie eine Schlange geduldig einen fetten Hasen vertilgt. Bald würden sämtliche Überreste der Zerstörung im Bauch der Erde begraben sein. Wer würde sich dann noch erinnern?

Auf der Hälfte des Weges, wo das Tal schmaler wurde, hielt Natiya an und stieg vom Pferd. Sie zog ein Stück weißen Stoff, der zu einem Viereck gefaltet war, aus ihrer Satteltasche. Wren stieg ebenfalls ab, glitt mit ihren schmalen Gliedern vogelleicht und lautlos zu Boden. Synové zögerte und schaute mich unschlüssig an. Sie war körperlich die Stärkste von uns allen, doch ihre weiblich gerundeten Hüften blieben fest mit dem Sattel verwachsen. Das Gerede über Geister mochte sie gar nicht, selbst im hellen Licht der Mittagssonne. Zu oft besuchten sie ihre Träume.

Ich nickte ihr beruhigend zu, woraufhin wir beide ebenfalls aus den Sätteln glitten und uns zu den anderen gesellten. Natiya blieb an einem großen überwachsenen Erdhügel stehen. Sie schien zu wissen, was die dicht geflochtene Grasmatte verbarg. Geistesabwesend rieb sie das Stoffviereck zwischen ihren schmalen braunen Fingern. Der Moment dauerte nur eine Sekunde, schien aber ewig lang. Natiya war neunzehn und hatte uns anderen bloß zwei Jahre voraus, dennoch wirkte sie plötzlich viel älter. Sie hatte all die Dinge tatsächlich gesehen, die wir nur aus Geschichten kannten. Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln ging sie auf einen losen Steinhaufen zu. Sie begann, die herabgefallenen Steine aufzuheben und wie ein Mosaik zusammenzusetzen, bis sie an dem schlichten Grabmal wieder an Ort und Stelle waren.

»Wer liegt dort?«, fragte ich.

Ihre Lippen spannten sich über den Zähnen. »Sein Name war Jeb. Man hat seinen Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrannt, wie es in Dalbreck üblich ist, aber seine wenigen Besitztümer habe ich hier vergraben.«

Weil es bei den Vagabunden so üblich ist, dachte ich, ohne es auszusprechen. Natiya redete selten über die Zeit, bevor sie eine Vendanerin und Rahtan geworden war, und das Gleiche galt schließlich auch für mich und mein früheres Leben. Manche Dinge ließ man besser in der Vergangenheit ruhen. Wren und Synové traten unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, bis das Gras unter ihren Stiefeln kreisförmig platt gepresst war. Natiya hatte sonst wenig Sinn für Sentimentalität, selbst für eine so stille, undramatische Geste wie diese, besonders wenn ihr präziser Zeitplan dadurch beeinträchtigt wurde. Aber jetzt verweilte sie dennoch, genau wie ihre geflüsterten Worte, die uns ins Tal begleitet hatten: Sie sind immer noch hier.

»Er war ein besonderer Mensch?«, wollte ich wissen.

Sie nickte. »Das waren sie alle. Aber Jeb hat mir vieles beigebracht, das mir beim Überleben geholfen hat.« Sie wandte sich um und musterte uns scharf. »Und was ich an euch weitergegeben habe. Hoffentlich.« Ihr Blick wurde milder, und die dichten schwarzen Wimpern verschatteten ihre dunklen Augen. Sie betrachtete uns drei abschätzend, wie ein erfahrener General einen Haufen dahergelaufener Rekruten. In gewisser Weise hatte sie sogar recht damit. Wir waren die jüngsten Rahtan, aber immer noch Rahtan. Das war schließlich etwas wert. Eine Menge. Wir gehörten zur Leibgarde der Königin. So eine Position bekam man nicht als ahnungsloser Tölpel. Nun ja, meistens. Jedenfalls hatten wir Talent und eine hervorragende Ausbildung genossen. An mir blieb Natiyas Blick am längsten haften. Bei dieser Mission hatte ich die Führung, was bedeutete, dass meine Entscheidungen nicht nur richtig, sondern absolut fehlerfrei sein mussten. Ich war dafür verantwortlich, dass wir Erfolg hatten, und vor allem, dass wir alle heil davonkamen.

»Mach dir keine Sorgen um uns«, sagte ich.

»Gar keine«, stimmte mir Wren zu und pustete sich ungeduldig eine dunkle Locke aus der Stirn. Sie wollte weiter. Die nervöse Erwartung machte uns allen zu schaffen.

Synové drehte unruhig einen ihrer langen pfirsichfarbenen Zöpfe zwischen den Fingern. »Wirklich, kein Grund zur Sorge. Wir sind …«

»Schon verstanden«, erwiderte Natiya und hob abwehrend eine Hand, bevor Synové zu einer langen Erklärung ansetzen konnte. »Ihr kommt wunderbar alleine klar. Aber denkt daran, euch erst in der vendanischen Siedlung umzuschauen. Danach könnt ihr euch Höllenrachen vornehmen. Stellt unauffällige Fragen. Sammelt Informationen. Holt euch die Vorräte, die ihr braucht. Benehmt euch unauffällig, bis wir nachkommen.«

Wren schnaubte. Unauffällig zu sein, war tatsächlich eine meiner Spezialitäten, nur nicht diesmal. Zur Abwechslung hatte ich vor, mich Hals über Kopf in Ärger zu stürzen.

Galoppierende Hufe unterbrachen den angespannten Wortwechsel. »Natiya!«

Als wir uns umdrehten, erblickten wir Eben auf seinem Pferd, unter dessen Huftritten die weiche Grasnarbe hochsprühte. Synovés Augen leuchteten auf, als hätte die Sonne gerade hinter einer Wolke hervorgelugt. Während Eben in einem Bogen um uns herumritt, war sein Blick jedoch nur auf Natiya gerichtet. »Griz beginnt zu murren. Er will los.«

»Ich komme schon«, antwortete sie und schüttelte das leinene Viereck auseinander, das sie in den Händen hielt. Es war ein Männerhemd. Ein besonders fein gewebtes. Sie schmiegte den weichen Stoff kurz an ihre Wange und breitete ihn dann auf den Steinen des Grabmals aus. »Cruvasleinen, Jeb«, flüsterte sie. »Das Beste auf dem Markt.«

*

Als wir die Talöffnung erreichten, hielt Natiya an und schaute ein letztes Mal zurück. »Erinnert euch daran«, sagte sie. »Zwanzigtausend. So viele starben hier an einem einzigen Tag. Aus Venda, Morrighan und Dalbreck. Die meisten kannte ich nicht, aber es gibt immer jemanden, der ihnen nahestand und ihnen gerne Wiesenblumen aufs Grab legen würde.«

Oder ein Hemd aus Cruvasleinen.

Nun wusste ich, warum Natiya uns hierher geführt hatte. Sie befolgte den Befehl der Königin. Schaut hin. Schaut genau hin und erinnert euch an die Leben, die hier gelassen wurden. Echte Menschen, die jemand geliebt hat. Bevor ihr den Auftrag beginnt, den ich euch gegeben habe, schaut auf die Zerstörung und erinnert euch, was hier passiert ist. Und was wieder geschehen könnte. Ihr sollt wissen, was auf dem Spiel steht. Schlafende Drachen erwachen früher oder später und kommen aus ihren dunklen Höhlen gekrochen.

Die Dringlichkeit in ihrem Blick und ihrer Stimme hatten mich aufgerüttelt. Ihr ging es nicht nur um die Vergangenheit. Sie fürchtete die Zukunft. Etwas braute sich in der Ferne zusammen, und sie versuchte verzweifelt, es aufzuhalten.

Ich musterte das Tal. Aus der Entfernung verschmolzen die Knochen und Wagenreste mit dem friedlichen Grün des Grasmeeres. Die Wahrheit lag darin verborgen.

Nichts war jemals ganz, wonach es aussah.

*

Griz und sein Gemurre, dass wir endlich aufbrechen sollten, waren nichts Neues. Er schlug gerne früh das Lager auf und ritt ebenso früh weiter, manchmal sogar noch bei Dunkelheit, als könne er damit einen fragwürdigen Sieg über die Sonne erringen. Als wir zurückkehrten, war sein Pferd bereits fertig bepackt und das Lagerfeuer gelöscht. Ungeduldig schaute er zu, wie der Rest von uns die Bettrollen und Satteltaschen auf die Tiere lud.

Einen Stundenritt von hier würden wir verschiedene Wege einschlagen. Griz war unterwegs nach Civica, der Hauptstadt von Morrighan. Die Königin hatte Nachrichten für ihren Bruder, den König, die sie niemand anderem anzuvertrauen wagte. Nicht einmal dem Valsprey, den sie sonst gerne als Boten benutzte. Doch ein Valsprey konnte von anderen Vögeln angegriffen oder vom Himmel geschossen werden, um die Botschaft abzufangen, während nichts und niemand Griz aufzuhalten vermochte. Nun ja, außer vielleicht ein kurzer Abstecher nach Terravin, was vermutlich der Grund für seine Eile war. Synové neckte ihn gerne damit, dass er dort ein Liebchen hatte. Jedes Mal stritt er es so wütend ab, dass er fast explodierte. Griz war ein Rahtan alter Schule, aber die Garde glich der von strengen Regeln gefesselten Zehnerschaft, die sie einst gewesen war, längst nicht mehr. Nun gab es zwanzig von uns. So hatte die Königin es bestimmt, als sie an die Macht gekommen war. Ich gehörte auch dazu.

Als ich mein Zelt zusammenfaltete, stellte sich Griz dicht hinter mir auf und schaute über meine Schulter. Ich war die Einzige in unserer Gruppe, die ein Zelt benutzte. Es war klein und brauchte nicht viel Stauraum. Dennoch hatte Griz gebockt wie ein störrischer Esel, als ich es bei einer Mission in einer Südprovinz zum ersten Mal aufbaute. Wir benutzen keine Zelte, hatte er mit tiefster Verachtung hervorgespuckt. Ich weiß noch, wie beschämt ich mich fühlte. Aber in den folgenden Wochen hatte sich diese Demütigung in Entschlossenheit verwandelt. Wer Schwäche zeigte, machte sich zur Zielscheibe, und ich hatte mir vor langer Zeit geschworen, nie wieder zum Opfer zu werden. Wenn ich Scham empfand, verbarg ich dieses Gefühl sorgfältig. Ich hatte mir einen perfekt geschmiedeten Panzer zugelegt, an dem alle Beleidigungen abprallten.

Griz’ düstere Gestalt warf einen Schatten über mich, massig wie ein Berg. »Gefällt dir meine Falttechnik nicht?«, herrschte ich ihn an.

Er schwieg.

Ich drehte mich auf den Knien um und schaute zu ihm hoch. »Was ist los, Griz«, blaffte ich.

Er rieb sich das stachelige Kinn. »Zwischen hier und Höllenrachen liegt viel offenes Gelände. Eine leere, flache Ebene.«

»Und was willst du mir damit sagen?«

»Du … kommst zurecht?«

Ich stand auf und knuffte ihm das zusammengefaltete Zelt in den Bauch. Er nahm mir das Bündel ab. »Ich schaffe das schon, Griz. Entspann dich.«

Er nickte zögernd.

»Die eigentliche Frage ist doch«, fügte ich hinzu und zog die Worte effektvoll in die Länge, »wie gut kommst du zurecht?«

Er musterte mich und zog fragend die Stirn in Falten. Dann griff er mit einer Grimasse an seine Schwertseite.

Ich lächelte und hielt ihm seinen kurzen Dolch entgegen.

Seine typische Gewittermiene verwandelte sich in ein widerwilliges Grinsen, während er den gestohlenen Dolch zurück in die Scheide steckte. Die buschigen Brauen hoben sich, und er schüttelte anerkennend den Kopf. »Halt die Nase windwärts, Zehn.«

Zehn, mein hart erkämpfter Spitzname. Jedes Mal, wenn Griz ihn benutzte, gab er zu, dass er mir vertraute. Ich wedelte zustimmend mit meinen unversehrten Fingerspitzen.

Niemand, vor allem nicht Griz, würde jemals vergessen, wie ich zu meinem Namen gekommen war.

»Windwärts? Damit meinst du wohl eher ihren Mund, was?«, frotzelte Eben.

Ich funkelte ihn an – denn er und alle anderen wussten, dass mein Leben als Rahtan damit begonnen hatte, dass ich der Königin ins Gesicht spie.

Kazi

DIE KÖNIGIN WAR durch die engen, schmutzigen Gassen des Hellnebelviertels spaziert, als ich sie entdeckt hatte. Meine Reaktion hatte ich so nicht geplant, doch selbst ungeplante Ereignisse können uns auf Pfade lenken, die zu betreten wir nie erwartet hätten. Sie können unser Schicksal mit einem Schlag ändern und über den Haufen werfen, wer und was wir sind. Kazimyrah: Vollwaise, Straßengöre, Herausforderin einer Königin, Rahtan.

Als ich sechs war, hatte man mich das erste Mal mit Gewalt auf einen neuen Pfad gestoßen. Dann kam der Tag, an dem ich der Herrscherin ins Gesicht spuckte, und plötzlich wurde mein Leben in eine ganz andere Richtung gewirbelt. Dieser Moment war nicht nur für meine eigene Zukunft ausschlaggebend gewesen, sondern die unerwartete Reaktion der Königin – ein Lächeln – sollte ihre ganze Regentschaft prägen. Ihr Schwert hatte griffbereit in der Scheide an ihrer Taille gehangen. Eine atemlose Menge wartete darauf, was passieren würde. Alle wussten genau, was früher passiert wäre. Zur Zeit des Komizars hätte ich um einen Kopf kürzer in der Gosse gelegen. Das Lächeln der Königin hatte mir damals mehr Angst gemacht als eine gezückte Waffe. In diesem Augenblick wusste ich mit Sicherheit, dass das alte Venda, in dem ich mich auskannte, unwiederbringlich verschwunden war. Ich hasste sie dafür.

Als sie erfuhr, dass ich keine Familie hatte, die für mich verantwortlich war, befahl sie den Wachen, mich zum Sanctum zu bringen. Damals hielt ich mich für sehr schlau. Jedenfalls schlauer als diese junge Herrscherin. Ich bestand aus elf Jahren Straßenstaub und würde mich wohl kaum von einer Möchtegernkönigin beeindrucken lassen. Mit Sicherheit konnte ich ihr genauso leicht ein Schnippchen schlagen wie allen anderen. Schließlich war das hier mein Territorium. Ich besaß noch alle meine Fingerspitzen … und den dazu passenden Ruf. In den Straßen von Venda wurde der Name Zehn mit echtem Respekt geflüstert.

Noch alle Finger zu haben, konnte aus einer Diebin – einer mutmaßlichen Diebin – eine Legende machen. Wäre ich jemals mit gestohlener Beute erwischt worden, hätte mein Spitzname stattdessen Neun gelautet. Die Quartierlords, deren Aufgabe die Verurteilung von Verbrechern war, hatten eine andere Bezeichnung für mich, die sie wütend knurrten, wann immer sie mich kommen sahen: Für sie war ich das Schattenmädchen. Denn selbst in der Mittagssonne konnte ich so spurlos im Schatten verschwinden, als hätte ich ihn selbst heraufbeschworen. Manche rieben über verborgene Amulette, wenn ich ihnen über den Weg lief. Dabei hatte ich andere Talente, die mindestens genauso viel wert waren. Ich kannte die Regeln des Straßenlebens, die Machtverhältnisse und Schlüsselpersonen, und hatte es darin zu wahrer Meisterschaft gebracht. Auf diese Weise spielte ich die Quartierlords und Händler gegeneinander aus. Ich ließ sie nach meiner Pfeife tanzen, gab den Takt vor wie eine Musikantin mit einem Satz derber Trommeln, die unter meinen Händen dröhnten. Da prahlte einer dem anderen gegenüber, dass ich ihn nie übers Ohr gehauen hatte. Alle kamen sich unglaublich pfiffig vor, während ich sie gleichzeitig um ihre Besitztümer erleichterte und diese anderswo einem besseren Nutzen zuführte. Ihre Selbstliebe war mein bester Verbündeter. Hellnebel mit seinen verschlungenen Gassen, Tunneln und Leiterwegen war mein Lehrherr … und mein knurrender Magen der gestrenge Zuchtmeister.

Aber es gab noch eine andere Art von Hunger, die mich antrieb: Ich suchte Antworten. Sie zu finden, war längst nicht so leicht, wie einem fetten Lord an den Geldbeutel zu gehen. Mein dunkles Geheimnis peitschte mich voran.

Doch dann kam die neue Königin, und fast über Nacht sah ich meine bisherige Welt zerbröckeln. Ich hatte mich zu meiner Position hinaufgekämpft und -gehungert, und niemand würde sie mir so einfach wegnehmen! Das überfüllte Gassengewirr von Venda war alles, was ich je gekannt hatte, und seine Unterwelt der einzige Ort, dessen Regeln ich verstand. Wer zur Zweckgemeinschaft der Straße gehörte, der wusste das Einfache zu schätzen: die Wärme von Pferdedung im Winter; den schnellen Messerschnitt in einen Jutesack, der eine Spur aus Getreidekörnern hinterließ; den finsteren Blick eines übervorteilten Händlers, wenn er bemerkte, dass in seinen Körben ein Ei fehlte – oder falls ich jemanden bestrafen wollte, sogar das ganze Legehuhn. Ich hatte mich schon mit größerer und lauterer Beute davongemacht.

Ich behauptete gerne, dass ich nur aus Hunger stahl, aber das stimmte nicht. Manchmal beraubte ich die Quartierlords auch einfach, um ihr erbärmliches Dasein noch erbärmlicher zu machen. Manchmal fragte ich mich, ob ich an ihrer Stelle auch bereit gewesen wäre, Leuten die Finger abzuhacken, um mir meinen Platz an der Sonne zu sichern. Das Gefühl der Macht konnte genauso verführerisch sein wie der Duft eines warmen Brotlaibs. Obwohl ich nur wenig davon besaß, nährte es mich an manchen Tagen ebenso gut.

Doch dann wurden die neuen Verträge zwischen den Königreichen geschlossen, durch die Siedlungen in den Cam Lanteux erlaubt wurden. Für mich bedeutete das, dass ich zuschauen musste, wie all die Menschen, mit denen (oder für die) ich meine Diebereien ausgeführt hatte, einer nach dem anderen abwanderten, um sich ein Leben unter freiem Himmel aufzubauen. Ich fühlte mich wie ein gerupfter Vogel, der sinnlos mit den nackten Flügeln flattert. In einer Bauernsiedlung mitten im Nirgendwo leben? Das wollte ich nicht. Genauer gesagt konnte ich es nicht. Diese Erfahrung hatte ich gemacht, als ich mit neun Jahren versuchte, außerhalb der Stadtmauern nach Antworten zu suchen. Ich hatte mich nur eine kurze Tageswanderung fortbewegt. Beim Zurückblicken war die Stadt in der Ferne zu einem winzigen Fleck in einer leeren Landschaft geschrumpft. Der Atem stockte mir. Der Himmel schien sich in schwindelerregenden Strömungen zu drehen. Das Gefühl überrollte mich wie eine Welle, und ich rang nach Luft. Hier gab es keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Ich konnte nicht mit den Schatten verschmelzen, mich hinter Zeltklappen ducken oder unter Treppen kauern. Ich konnte mich nicht einmal zitternd vor Angst unter meinem Bett verkriechen, falls mich jemand verschleppen wollte. Es gab überhaupt keine Fluchtmöglichkeit. Was meine Welt zusammenhielt – Böden, Decken, Wände –, war verschwunden, und ich trieb schwerelos im Nichts. Mit meiner letzten Kraft schleppte ich mich zurück in die Stadt und verließ sie nie wieder.

Ich wusste, dass ich unter offenem Himmel nicht überleben würde. Der Königin ins Gesicht zu spucken, war mein sinnloser Versuch gewesen, die Nische zu retten, in der ich mir eine Existenz erkämpft hatte. Man hatte mir mein Leben schon einmal gestohlen. Ein zweites Mal würde ich das nicht zulassen! Aber natürlich geschah es trotzdem. Eine steigende Flut kann man nicht aufhalten, und die neue Zeit umspülte bereits meine Fußknöchel wie Wellen am Ufer … bis mich die Strömung schließlich mitriss.

Meine ersten Monate im Sanctum waren turbulent. Ich weiß bis heute nicht, wieso mir niemand den Hals umgedreht hat. An ihrer Stelle hätte ich es getan. Ich stahl alles, was mir ins Auge fiel oder was man vor meinen Augen zu verbergen suchte. Dann hortete ich es in einem ungenutzten Gang unter der Treppe des Ostturms. Kein Privatzimmer war vor mir sicher. Natiyas Lieblingsschal, Ebens Stiefel, die Holzlöffel der Köchin, Schwerter, Gürtel, Bücher, Hellebarden aus der Waffenkammer und die Haarbürste der Königin. Manchmal gab ich meine Beute zurück, manchmal nicht, als sei ich selbst eine Herrscherin, die ganz nach Laune ihre Gnade verschenkte. Als ich Griz zum dritten Mal sein Rasiermesser stibitzte, jagte er mich brüllend durch die Gänge.

Eines Tages, als ich die Ratsgallerie betrat, applaudierte mir die Königin. Sie sagte, ich habe ganz offensichtlich die Kunst der Dieberei zur Vollendung gemeistert, und nun sei es an der Zeit, neue Fertigkeiten zu erlernen. Mit diesen Worten erhob sie sich und reichte mir eines meiner gestohlenen Schwerter.

Ich starrte sie an und fragte mich, wie sie die Waffe gefunden hatte. »Ich kenne den Gang beim Ostturm genauso gut wie du, Kazimyrah. Du bist nicht die Einzige im Sanctum, die sich aufs Herumschleichen versteht. Ein Schwert kann man sinnvoller nutzen, als es in einem dunklen, feuchten Treppenschacht verrosten zu lassen, was meinst du?«

Zum ersten Mal widersprach ich nicht.

Ich wollte lernen. Die Schwerter, Dolche und Morgensterne, die ich mir angeeignet hatte, waren nutzlos für mich. Ich wollte sie nicht nur besitzen, sondern auch wissen, wie man sie anwandte, und zwar richtig.

*

Die Landschaft wurde flacher, als hätten Riesenhände unsere Durchreise erwartet und die Hügel für uns geglättet. Dieselben Hände hatten die Ebene anscheinend auch von Ruinen befreit. Es fühlte sich seltsam an, keine einzige zu sehen. Ich war noch nie länger gereist, ohne von Hinweisen auf die Welt der Altvorderen begleitet zu werden. Die Ruinen waren weit verbreitet, aber hier spendete nicht einmal eine bröckelnde Mauer einen dürftigen Schatten. Es gab nichts als offenen Himmel und ungezähmten Wind. Beides schien mir die Luft abzupressen. Ich zwang mich zu tiefen, vollen Atemzügen und konzentrierte mich auf einen Punkt in der Ferne, an dem ich mir eine magisch verhüllte Stadt vorstellte. Sie wartete nur darauf, mich zu begrüßen.

Griz hatte angehalten und stritt sich mit Eben und Natiya über mögliche Treffpunkte. Die Zeit war gekommen, dass unsere Gruppe sich trennte. Schließlich wandte Griz sich ab und spähte misstrauisch in die leere Weite, als suche er darin nach etwas. Sein Blick blieb an mir hängen. Ich räkelte mich im Sattel und lächelte, als sei ich auf einem vergnüglichen Sommerausflug. Die Sonne stand hoch und warf scharfe Schatten auf sein von Kämpfen vernarbtes Gesicht. Die Falten um seine Augen vertieften sich.

»Noch etwas: Hier in der Gegend solltet ihr wachsam sein. Ich habe in der Nähe einmal nicht ständig über die Schulter geschaut, und es hat mich zwei Jahre meines Lebens gekostet.« Er erzählte, wie er und ein Offizier aus Dalbreck überfallen und von Menschenhändlern verschleppt worden waren, um in einer Mine zu schuften.

»Wir sind gut bewaffnet«, erinnerte ihn Wren.

»Und dann gibt es noch Synové«, fügte ich hinzu. »Du hast alles im Blick, stimmt’s, Synové?«

Sie flatterte mit den Augenlidern, als habe sie eine Vision, und nickte. »Klar doch.« Dann schickte sie Griz mit einem Fingerwedeln auf den Weg und murmelte grinsend: »Genieß die Zeit mit deinem Liebchen.«

Er blaffte laut und warf die Hand in die Luft, als wolle er die bloße Vorstellung verscheuchen. Er murmelte noch immer Flüche, als er davonritt.

Als Nächstes trennen wir uns von Natiya, die auf weitere Verhaltensmaßregeln verzichtete. Alles war bereits besprochen, sowohl die echte Mission als auch die falsche. Natiya und Eben würden südwärts reiten, um in Parsuss, der Hauptstadt von Eislandia, mit dem König zu reden. Sie sollten ihn informieren, dass wir uns in seinen Machtbereich einmischten. Er war zuallererst Bauer, wie die meisten Eislander, und seine gesamte Armee bestand aus ein paar Dutzend Wachen, die ihm gleichzeitig als Landarbeiter dienten. Also hatte er kaum die Möglichkeit, allein mit Problemen fertigzuwerden. Außerdem hatte Griz ihn als einen zaghaften Mann beschrieben, der eher die Hände rang, als sie zu Fäusten zu ballen. Den Nordrand seines Reiches unter Kontrolle zu halten, überforderte ihn offenbar völlig. Die Königin war sicher, dass er keine Einwände haben würde, aber die Etikette verpflichtete sie dazu, ihn wenigstens in Kenntnis zu setzen. Schon aus Vorsicht war es besser, sich diplomatisch zu verhalten, falls etwas schiefgehen sollte.

Aber natürlich würde alles glattlaufen. Ich hatte es ihr versprochen.

Im Übrigen würde auch der König von Eislandia nur den angeblichen Grund erfahren, weshalb wir sein Reich besuchten, nicht den echten. Dieses Geheimnis wurde so streng gehütet, dass wir es nicht einmal dem Herrscher offenbaren durften.

Ich steckte die Landkarte ein und setzte mein Pferd mit einem Hackenstoß in Bewegung, schnurstracks Richtung Höllenrachen. Synové schaute zurück und beobachtete, wie Eben und Natiya sich entfernten – ob sie nah zusammen ritten und vielleicht sogar Worte tauschten. Weshalb sie ihn anschmachtete, verstand ich nicht, aber schließlich hatte es davor genug andere gegeben. Synové war verliebt in die Liebe. Kaum waren die beiden außer Hörweite, fragte sie: »Glaubt ihr, sie haben es schon getan?«

Wren stöhnte.

Ich konnte nur hoffen, dass sie über etwas anderes sprach, fragte aber dennoch: »Wer hat was getan?«

»Eben und Natiya. Du weißt schon, es.«

»Du bist hier doch die Allwissende«, meinte Wren. »Also solltest du dir das selbst beantworten können.«

»Ich habe Träume«, verbesserte Synové. »Und wenn ihr beide euch ein bisschen mehr anstrengen würdet, könntet ihr das auch.« Über ihre Schultern lief ein widerwilliger Schauer. »Aber auf so eine Vision kann ich gut verzichten.«

»Da hat sie recht«, bemerkte ich an Wren gewandt. »Manche Dinge möchte man sich nicht einmal vorstellen, geschweige denn in seinen Träumen sehen.«

Wren zuckte mit den Achseln. »Die beiden haben sich jedenfalls noch nie geküsst, wenn ich dabei war.«

»Oder auch nur Händchen gehalten«, fügte Synové hinzu.

»Andererseits sind die zwei nicht gerade bekannt für zärtliche Gesten«, erinnerte ich sie.

Synovés Augenbrauen zogen sich grüblerisch zusammen, und niemand von uns sprach aus, was wir doch alle wussten. Eben und Natiya waren einander treu ergeben – auf sehr leidenschaftliche Weise. Ich nahm an, dass sie schon weit übers Küssen hinausgegangen waren, aber normalerweise machte ich mir darüber keine Gedanken. Es war mir nicht wichtig, und ich wollte es auch gar nicht erfahren. Auf gewisse Weise war ich darin wohl Griz ähnlich. Wir waren beide zuallererst Rahtan, und in unserem Leben gab es wenig Zeit für anderes. Auf Komplikationen dieser Art konnte ich verzichten. Meine wenigen kurzen Tändeleien mit Soldaten der Garde hatten mich nur abgelenkt. Ich hatte entschieden, dass ich solche Zerstreuungen nicht brauchte. Sie waren zu riskant, weckten sinnlose Sehnsüchte und ließen mich an eine Zukunft denken, die ich vielleicht nie haben würde.

Wir ritten unseres Weges und Synové war wie üblich die Gesprächigste von uns. Sie füllte die Stunden mit unzähligen Beobachtungen, sei es das Wellenmuster des Grases, das um die Fesseln unserer Pferde strich, oder der Salzgehalt in der Linsensuppe ihrer verstorbenen Tante. Ich wusste, dass ihr Geplapper zumindest teilweise den Zweck hatte, mich von der flachen, leeren Welt abzulenken, die im Wind wogte und schwankte, und in deren offenem Rachen ich zu verschwinden drohte. Manchmal half ihr Geplauder. Manchmal gelang es mir, mich selbst auf andere Gedanken zu bringen.

Plötzlich hob Wren warnend die Hand und gab das Zeichen anzuhalten. »Reiter. Dort, beim dritten Glockenschlag«, sagte sie. Ihre Ziethe-Klinge durchschnitt die Luft, als sie den Sicheldolch zog und kampfbereit herumwirbelte. Synové legte bereits einen Pfeil an die Sehne.

In der Ferne waberte eine dunkle Wolke über die Ebene, kam rasend auf uns zu und wurde immer größer. Ich zog mein Schwert, doch plötzlich schnellte die Schwärze nach oben in den Himmel. Sie strich dicht über unsere Köpfe hinweg, eine zappelnde Antilope in den Klauen. Der Windstoß von den Schwingen der Kreatur fuhr uns durch die Haare, und wir alle duckten uns instinktiv. Die Pferde scheuten. Nur der Bruchteil einer Sekunde, dann war das Geschöpf auch schon wieder verschwunden.

»Jabavé«, knurrte Wren, während wir versuchten, unsere Pferde zu beruhigen. »Was zur Hölle war das?«

Uns davor zu warnen, hatte Griz wohl vergessen. Ich hatte schon von diesen Raubtieren gehört, zumindest als Gerücht, doch soweit ich wusste, sollten sie nur im entlegenen Norden jenseits von Infernaterr vorkommen. Anscheinend war das heute anders.

»Ein Racaa«, antwortete Synové. »Sie gehören zu den wenigen Raubvögeln, die Valspreys fressen. Ich glaube nicht, dass sie Menschen jagen.«

»Du glaubst?«, fuhr Wren sie an. Ihre braunen Wangen glühten vor Ärger. »Sicher bist du nicht? Wie sehr kann sich unser Geschmack schon von Antilopenfleisch unterscheiden?«

Ich steckte mein Schwert zurück in die Scheide. »Hoffen wir, dass der Unterschied ausreicht.«

Wren kämpfte ihre Gefühle nieder und steckte auch die Ziethe-Klinge weg. Sie trug zwei davon am Leib, eine an jeder Hüfte, und sorgte stets dafür, dass die Schneiden rasiermesserscharf waren. Gewöhnlich war sie mehr als fähig, mit ihren Gegnern fertigzuwerden, zumindest mit zweibeinigen, aber ein Angriff aus der Luft erforderte ein gewisses Umdenken. Ich konnte ihr ansehen, wie sie verschiedene Taktiken im Kopf durchging. »Wenn nötig, hätte ich das Biest erledigen können.«

Ohne Zweifel. Wren kämpfte so verbissen wie ein in die Enge getriebener Dachs.

Von ihren Dämonen wurde sie genauso unbarmherzig angetrieben wie ich von meinen, und deshalb feilte sie an allen ihren Talenten, bis sie messerscharfe Waffen waren. Sie hatte zuschauen müssen, wie ihre Familie auf dem Blackstone-Platz vor dem Sanctum abgeschlachtet wurde, weil ihr Clan den tödlichen Fehler begangen hatte, einer geraubten Prinzessin zuzujubeln. Dasselbe galt für Synové. Sie spielte gerne die fröhliche Unschuld, aber mit einem mörderischen Unterton. Immerhin hatte sie mehr Plünderer getötet als ich und Wren zusammen. Der augenblickliche Stand lag bei sieben.

Nachdem sie den Pfeil zurück in den Köcher gesteckt hatte, fuhr Synové mit ihrem Geplauder fort. Wenigstens hatte sie jetzt für den Rest unseres Rittes ein ganz neues Thema. Racaa waren eine Ablenkung besonderer Art.

Meine Gedanken lenkten die Schattengestalt in eine andere Richtung: Schon in einer Woche würden wir selbst schattenhaft und unerwartet in die Stadt Höllenrachen einfallen, und wenn alles gut lief, würden ich eine Beute davontragen, die kostbarer war als ein Stück Antilopenfleisch.

Erst vor sechs Jahren hatte ein Krieg getobt, und zwar der blutigste, den der Kontinent je gesehen hatte. Tausende waren gestorben, aber nur eine Handvoll Männer hatte die Fäden gezogen. Einer davon war noch immer am Leben, und manche hielten ihn für den Schlimmsten von allen: der Wachhauptmann der Festung von Morrighan. Er hatte das Königreich verraten, das zu beschützen er eigentlich geschworen hatte. Deshalb hatten feindliche Kämpfer unauffällig in die Festung eindringen können, die das Reich schwächen und schließlich zu Fall bringen sollten. Manche treuen Soldaten waren unter seinem Kommando einfach verschwunden. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Er war an unzähligen Verbrechen beteiligt gewesen, darunter die Vergiftung des Königs sowie der Mord am Kronprinzen und zweiunddreißig seiner Kameraden. Seitdem war der Wachhauptmann vermutlich der am erbittertsten gejagte Flüchtige auf dem ganzen Kontinent.

Zwei Mal war es ihm schon gelungen, den Fängen des Reiches zu entkommen, und schließlich war er spurlos verschwunden. Fünf Jahre lang hatte niemand ihn zu Gesicht bekommen. Aber nun gab es wieder eine Spur, und zwar durch die Zufallsbegegnung mit einem Händler, der sein Wissen bereitwillig weitergab. Er hat sein eigenes Königreich ausgeliefert, hatte die Königin gesagt, und den Tod von Tausenden in Kauf genommen, um seine Gier zu befriedigen. Ein hungriger Drache mag jahrelang schlafen, aber das ändert nichts an seinen Fressgewohnheiten. Dieser Mann muss gefunden werden. Die Gefallenen fordern Gerechtigkeit, genau wie die Lebenden.

Schon vor unserem Abstecher ins Tal der Toten war mir bewusst gewesen, welchen Blutzoll solche Drachen fordern konnten. Sie warteten lauernd auf ihre Chance, schlichen sich im Nachtdunkel an und stürzten sich auf unsere Welt, um wahllos alles zu verzehren. Der Feind unserer Königin würde für seine Taten büßen. Er hatte Träume und Leben gestohlen, ohne sich um die Verwüstung zu scheren, die er hinterließ. Manche Drachen mochten sich für immer davonschleichen, aber nicht Wachhauptmann Illarion. Falls er sich wirklich hier verbarg, nachdem er seine Mitbürger verraten und Tausende in den Tod geschickt hatte, würde auch Torsfeste ihn nicht vor mir schützen können. Ich würde mich auf Diebesweise mit ihm davonstehlen, und er würde bezahlen – bevor seine Gier weitere Opfer fordern konnte.

Ich brauche dich, Kazimyrah, und ich glaube an dich. Das Vertrauen der Königin bedeutete mir alles.

Für diese Aufgabe brachte ich genau die richtigen Talente mit, und der Auftrag war meine Chance, einen früheren Fehler wiedergutzumachen. Vor einem Jahr hatte ich kläglich versagt, fast mein Leben verloren und den makellosen Ruf der Königlichen Garde beschädigt. Rahtan bedeutete »Versage niemals«, aber ich hatte auf peinlichste Weise versagt. Kaum ein Tag verging, an dem ich nicht daran dachte.

Ich hatte einen Botschafter der Reux Lau mit jemand anderem verwechselt, und die Begegnung hatte etwas Wildes, Unbezähmbares in mir entfesselt, von dessen Existenz ich vorher nichts geahnt hatte – oder vielleicht hatte ich das verwundete Tier in mir schon seit langer Zeit heimlich genährt. Jedenfalls schienen meine Hände und Füße ein Eigenleben zu führen, als ich mich auf ihn stürzte. Ich hatte nicht vorgehabt, ihm eine Klinge in den Körper zu rammen, zumindest nicht sofort, aber seine Gegenwehr kam überraschend. Er überlebte meine Attacke. Zum Glück war mein Dolch nicht allzu tief eingedrungen. Die Wunde konnte mit ein paar Stichen genäht werden. Unser ganzer Trupp wurde festgenommen und ins Gefängnis geworfen. Sobald klar war, dass ich allein für die Tat verantwortlich war, ließ man die anderen frei – nur ich hockte zwei Monate in der Kerkerzelle einer südlichen Provinz. Die Königin höchstpersönlich musste die Wogen glätten, um meine Freilassung zu erreichen.

In diesen zwei Monaten hatte ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Wie hatte ich meine Geduld und Selbstkontrolle so schlagartig verlieren können? Auf diese Eigenschaften war ich sonst besonders stolz. Sie hatten mir viele Jahre lang die Haut gerettet. Vielleicht noch schlimmer war, dass mein Fehlurteil mich zwang, an meinem Gedächtnis zu zweifeln. Vielleicht wusste ich wirklich nicht mehr, wie sein Gesicht aussah. Vielleicht war die Erinnerung verblasst wie so viele andere, und diese Möglichkeit erschreckte mich zutiefst. Wenn ich ihn nicht mehr erkannte, konnte er jedermann sein. Überall.

Nach unserer Rückkehr hatte Eben der Königin von meiner Vergangenheit berichtet. Ich wusste nicht einmal, wieso er davon wusste. Schließlich hatte ich es keinem Menschen anvertraut, und außerdem scherte sich auch niemand darum, wo eine Straßengöre herkam. Dafür gab es zu viele von uns.

Die Königin rief mich in ihre Privatgemächer. »Warum hast du mir nicht von deiner Mutter erzählt, Kazimyrah?«

Mein Herz schlug wild, und in meiner Kehle kroch ein salziger Geschmack hoch. Ich schluckte ihn mit Gewalt herunter und drückte die Knie durch, weil ich Angst hatte, dass mir sonst die Beine versagen könnten.

»Da gibt es nichts zu erzählen. Meine Mutter ist tot.«

»Bist du sicher?«

In meinem Herzen war ich es und betete täglich darum, dass ich recht hatte.

»Wenn die Götter gnädig sind.«

Die Königin fragte, ob wir darüber sprechen sollten. Ich wusste, dass sie mir nur helfen wollte. Außerdem schuldete ich ihr eine Erklärung nach allem, was sie für mich getan hatte. Aber meine Vergangenheit war noch immer ein chaotisches Knäuel aus Erinnerungsfetzen und Wut, das ich selbst nicht entwirren konnte. Also entschuldigte ich mich und ging ohne Antwort.

Kaum hatte ich ihre Gemächer verlassen, fand ich Eben und ging im Treppenflur auf ihn los. »Halt dich aus meinem Leben raus! Hast du mich verstanden, Eben? Halt dich raus!«

»Damit meinst du wohl deine Vergangenheit. Aber dafür musst du dich nicht schämen, Kazi. Du warst sechs Jahre alt. Es ist nicht deine Schuld, dass …«

»Halt den Mund, Eben! Sprich nie wieder über meine Mutter, oder ich schneide dir die Kehle durch, und zwar so schnell und leise, dass du es erst merkst, wenn du tot bist.«

Sein Arm schnellte vor und versperrte mir den Weg. »Irgendwann musst du dich den Dämonen in deinem Inneren stellen, Kazi.«

Ich warf mich auf ihn, aber mein Angriff war unbeherrscht, während er ganz ruhig blieb. Er hatte meine Attacke erwartet und wirbelte mich herum, zog mich an seine Brust und drücke mich so fest, dass mir die Luft wegblieb, während ich gegen ihn ankämpfte.

»Ich verstehe dich, Kazi. Glaub mir, ich weiß genau, wie du dich fühlst«, hatte er mir damals ins Ohr geflüstert.

Ich wütete und schrie. Niemand konnte mich verstehen. Vor allem nicht Eben. Mir fiel es immer noch schwer, mit den Erinnerungen klarzukommen, die er jedes Mal aufwühlte, wenn wir uns begegneten. Er konnte nicht ahnen, was ich sah, wenn er mir vor Augen kam: seine schwarze Haarmähne, die ihm strähnig in die Augen hing, seine blasse blutleere Haut und der bedrohlich dunkle Blick – all das glich allzu sehr dem Previzi-Händler, der mitten in der Nacht in unserem Unterschlupf aufgetaucht war und mit seiner Laterne das Dunkel zerschnitten hatte. Ich hörte seine Frage: Wo steckt das Balg?, und sah mich in einer Pfütze aus meinen eigenen Ausscheidungen kauern, zu verängstigt, um mich zu rühren. Heutzutage hatte ich vor nichts mehr Angst.

»Du hast eine zweite Chance bekommen, Kazi. Wirf sie nicht weg. Die Königin hat sich für dich weit aus dem Fenster gelehnt. Das kann sie nicht beliebig oft tun. Du bist jetzt kein machtloses Kind mehr. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, aber dafür gibt es genug andere Dinge, die du zum Guten wenden kannst.«

Er hielt mich eng umschlungen, bis ich keine Kraft mehr zum Kämpfen hatte. Ich fühlte mich ganz schwach, als ich mich schließlich von ihm löste. Verbittert stahl ich mich fort, um mich in einer dunklen Ecke des Sanctums zu verkriechen, wo niemand mich finden würde.

Später erfuhr ich von Natiya, dass Eben vielleicht wirklich Grund hatte, mich zu verstehen. Er selbst war fünf gewesen, als er zuschauen musste, wie man seiner Mutter eine Axt in die Brust rammte und seinen Vater lebendig verbrannte. Seine Familie hatte versucht, in den Cam Lanteux zu leben, bevor es Verträge gab, die Neusiedler schützten. Er war zu jung gewesen, um die Schuldigen wiederzuerkennen oder auch nur sagen zu können, aus welchem Königreich sie stammten. Für ihn würde es keine Gerechtigkeit geben, obwohl ihm der Mord an seinen Eltern für immer ins Gedächtnis gebrannt war. Als ich Eben besser kennenlernte und häufiger mit ihm zusammenarbeitete, hörte ich auf, den Previzi-Händler in ihm zu sehen. Nun war er einfach nur Eben mit seinen seltsamen kleinen Eigenheiten – und einer Vergangenheit, die so blutig war wie meine.

»… andere Dinge, die du zum Guten wenden kannst«, hatte er gesagt.

Dieser Moment war für mich ein Wendepunkt, ein weiterer Neustart in meinem Leben. Von nun an brannte ich darauf, der Person meine Ergebenheit zu beweisen, die nicht nur mir, sondern ganz Venda eine zweite Chance gegeben hatte. Unserer Königin.

Den schwarzen Fleck in meiner Vergangenheit konnte ich nie tilgen.

Aber vielleicht konnte ich anderes zum Guten wenden.

Kommt näher, meine Brüder und Schwestern. Wir haben die Sterne berührt, Und der Staub der Möglichkeiten ist unser. Aber die Arbeit geht nie zu Ende. Die Zeit kreist. Wiederholt sich. Wir müssen bereit sein. Obwohl der Drache nun schläft, Wird er wieder erwachen Und über die Erde streifen, Den Bauch voller Hunger. Und so wird es sein, In alle Ewigkeit.

Jezelias Lied

Jase Ballenger

Dieses Land gehört uns, so weit du schauen kannst. Vergiss das nie. Es hat schon meinem Vater gehört und seinem Vater vor ihm. Das hier ist Ballengergebiet und ist es immer gewesen, bis hin zu den Altvorderen. Wir sind die Erste Familie, und jeder Vogel über unseren Köpfen, jeder Atemzug, jeder Regentropfen, der auf den Boden fällt, das alles gehört uns. Unser Wort ist hier Gesetz. Das Land ist unser Besitz, so weit dein Auge reicht. Lass dir nie auch nur eine Handvoll Erde durch die Finger gleiten, oder am Ende wirst du alles verlieren.

Ich legte die Hand meines Vaters an seine Seite. Seine Haut war kalt, die Finger steif. Er war schon seit Stunden tot. Es kam mir immer noch unfassbar vor. Vor vier Tagen war er noch gesund und stark gewesen, dann griff er sich beim Aufsteigen aufs Pferd an die Brust und sackte zusammen. Die Seherin sagte, ein Feind habe ihn mit einem Fluch belegt. Die Heilerin meinte, es sei das Herz, und da könne man nichts machen. Egal wer auch immer recht hatte, nur wenige Tage später war er jedenfalls fort.

Ein Dutzend leerer Stühle stand noch immer um sein Bett, nachdem die Totenwache vorbei war. Die Klänge unseres lang gezogenen Abschieds waren verstummt und hatten sich in schweigende Fassungslosigkeit verwandelt. Ich schob meinen Stuhl zurück und trat auf den Balkon, wo ich einen tiefen Atemzug nahm. Die Hügel reichten in diesigen Wellen bis zum Horizont. Nicht eine Handvoll, hatte ich ihm versprochen.

Die anderen warteten darauf, dass ich aus dem Zimmer kam und seinen Ring am Finger trug. Weil er jetzt mein Ring war. Vaters letzte Worte hallten noch immer in mir nach. Ich betrachtete die endlose Landschaft, die unser Eigentum war. Mir war jeder Hügel, jede Schlucht, jeder Felsvorsprung und jeder Fluss vertraut. So weit dein Auge reicht. Plötzlich sah alles ganz anders aus.

Ich trat vom Balkon zurück. Schon bald würden die ersten Herausforderer auftauchen. So war es immer, wenn ein Ballenger starb, als sei es einfacher, uns zu stürzen, nur weil ein Einziger aus unseren Reihen fehlte. Die Nachricht würde sich schnell unter den vielen losen Verbündeten verbreiten, deren Gebiete an unseres grenzten. Vaters Todeszeitpunkt war denkbar ungünstig. Gerade wurden die ersten Ernten eingebracht, die Previzi verlangten mehr Prozente für ihre Lieferungen, und Verrtig hatte um die Hand meiner Schwester angehalten. Sie zögerte noch, sich zu entscheiden. Ich mochte Verrtig nicht, aber ich liebte meine Schwester. Mit einem Kopfschütteln stieß ich mich vom Geländer ab und ging wieder hinein. Patrei. Mein neuer Titel. Jetzt lag alles an mir, und ich würde meinen Schwur halten. Unsere Familie würde sich niemandem beugen und so mächtig bleiben, wie sie es immer gewesen war.

Ich zog meinen Dolch aus der Scheide und kehrte zum Bett meines Vaters zurück. Dann schnitt ich ihm den Ring vom geschwollenen Finger, steckte ihn mir selbst an und trat hinaus in einen Flur voller wartender Gesichter.

Sie schauten auf meine Hand und auf die Spuren vom Blut meines Vaters, die noch am Ring klebten. Es war vollbracht.

Ein ernstes, zustimmendes Gemurmel erhob sich.

»Kommt«, sagte ich, »jetzt ist es Zeit, uns zu betrinken.«

*

Das Echo unserer Schritte schallte durch die Haupthalle, zielgerichtet und so gut wie im Gleichschritt, als über ein Dutzend von uns auf die Tür zustrebte. Dann trat meine Mutter aus dem westlichen Vorzimmer und fragte, wohin ich wollte.

»Ins Wirtshaus. Bevor es sich überall herumspricht.«

Sie gab mir einen Klaps auf den Haarschopf. »Es hatte schon vier Tage Zeit, sich herumzusprechen, Dummkopf. Aasgeier können den Tod im Voraus riechen und kreisen bereits. Spätestens nächste Woche werden sie sich auf unsere Knochen stürzen. Jetzt geh! Aber zuerst zu den Almosen im Tempel. Danach kannst du dich betrinken, bis du umfällst. Und sorg dafür, dass die Straza dich flankieren. Die Zeiten sind unsicher!« Sie warf auch meinen Brüdern einen warnenden Blick zu, die allesamt gehorsam nickten. Dann kehrten ihre Augen zu mir zurück, glasklar, stahlhart, voll Feuer und Dornen, doch ich wusste, dass sich dahinter eine aus Schmerz errichtete Mauer verbarg. Mutter hatte nicht einmal geweint, als mein Bruder und meine Schwester starben. Die unterdrückten Tränen waren stattdessen zu einer neuen Zisterne für den Tempel geworden. Ihr Blick senkte sich auf den Ring an meinem Finger, und sie nickte kaum merklich. Ich wusste, dass es sie verstören musste, ihn nach fünfundzwanzig Jahren nun an meiner Hand statt an Vaters zu sehen. Meine Eltern hatten die Ballengerdynastie gemeinsam zu noch größerer Macht geführt. Sie hatten elf Kinder bekommen, von denen neun noch lebten, sowie einen Adoptivsohn. Alle trugen das Versprechen in sich, dass sie die Familie weiter stärken würden. Auf diese Zukunft konzentrierte sich meine Mutter, statt darüber zu trauern, was sie frühzeitig verloren hatte. Sie hob meine Hand an die Lippen, küsste den Ring und schob mich aus der Tür.

Als wir die Eingangsstufen hinuntergingen, flüsterte Titus vernehmbar: »Die Almosen zuerst, Dummkopf!« Ich gab ihm einen kräftigen Schubs mit der Schulter, und die anderen lachten, als er die Stufen herunterstolperte. Wir alle hatten uns eine Nacht voller Leichtsinn und Vergessen verdient. Jemandem beim Sterben zuzusehen war nie leicht. Besonders wenn er so voller Leben steckte wie mein Vater und eigentlich noch viele Jahre vor sich hätte haben müssen. Es erinnerte uns daran, dass der Tod uns allen über die Schulter schaute.

Mein ältester Bruder Gunner schob sich dicht an mich heran, als wir auf die wartenden Pferde zugingen. »Paxton wird kommen.«

Ich nickte. »Zweifellos, aber er wird sich Zeit lassen.«

»Er hat Angst vor dir.«

»Nur nicht genug.«

Mason klopfte mir auf den Rücken. »Zur Hölle mit Paxton. Er wird nicht vor dem Begräbnis auftauchen, wenn überhaupt. Jetzt schauen wir erst einmal, dass wir dich sternhagelvoll bekommen, Patrei.«

Ich war mehr als bereit dazu. Ich brauchte diese Nacht so dringend wie Mason und die anderen, um einen Schlussstrich zu ziehen. Wir mussten loslassen und uns der Zukunft zuwenden. Trotz seiner körperlichen Schwäche war es Vater gelungen, mit seinen letzten Atemzügen noch eine Menge zu sagen. Meine Aufgabe war es gewesen, jedes Wort zu hören und Pflichttreue zu schwören, auch wenn er mir alles schon früher eingeschärft hatte – und zwar oft. Er hatte mir mein ganzes Leben lang das Gleiche gesagt. So unauslöschlich wie das Wappen der Ballengers, das auf meine Schulter tätowiert war, hatten sich seine Worte in meine Eingeweide eingegraben. Unsere Familie war sicher, ganz gleich, ob die Verwandtschaft auf Blut oder freier Wahl beruhte. Dennoch nagten seine letzten mühsam hervorgestoßenen Anweisungen an mir. Er war nicht bereit gewesen, die Zügel so früh aus der Hand zu geben. Die Ballengers beugen sich niemandem. Bring sie dazu herzukommen. Das werden die anderen sicher bemerken. Dieser Teil meiner Pflichten dürfte schwieriger werden als der Rest.

Zuerst musste ich mich um die Aasgeier kümmern, die bald über uns kreisen und ihre gierigen Augen auf unser Gebiet werfen würden. Allen voran Paxton, diese Missgeburt. Dabei spielte seine Blutsverwandtschaft keine Rolle. Er war mein Vetter und der Erbe eines unbeweinten Onkels, der einst seine eigenen Leute verraten hatte. Paxton herrschte über den kleineren Teil von Ráj Nivad im Süden, aber das reichte ihm nicht. Wie der Rest seines Stammbaums war er von Eifersucht und Gier zerfressen. Doch trotz allem gehörte er nun einmal zur Familie und würde kommen, um meinen Vater zu ehren – und um unsere Stärke einzuschätzen. Ráj Nivad lag vier Tagesritte entfernt. Folglich hatte er noch nichts gehört, und außerdem würde es ihn Zeit kosten, hierherzukommen. Ich konnte mich in Ruhe vorbereiten.

Unsere Straza riefen zum Burgfried hoch, von wo der Ruf an die Torwachen weitergegeben wurde, sodass man uns den Weg nach draußen freigab. Die schweren Metalltore öffneten sich knarrend, und wir ritten hindurch. Ich fühlte sämtliche Blicke auf mir ruhen, vor allem auf meiner Hand. Patrei.

Höllenrachen lag in einem Tal gleich hinter Torsfeste. Nur Teile der Stadt lugten durch das Blätterdach der Tembrisbäume, die den ganzen Ort wie eine Krone umfassten. Einmal hatte ich meinen Vater wissen lassen, dass ich jeden Wipfel bis zur Spitze erklettern würde. Damals war ich acht Jahre alt gewesen und hatte nicht verstanden, wie hoch die Bäume tatsächlich in den Himmel ragten, selbst als mein Vater mir erzählte, dort oben sei die Heimstatt der Götter und kein Ort für Menschen. Ich kam nicht sehr weit, ganz sicher nicht bis zur Spitze. Das war noch nie jemandem gelungen. Und so hoch sich die Wipfel erstreckten, so tief ragten die Wurzeln ins innerste Fundament der Erde. Die Tembris waren das Einzige, was noch stärker mit diesem Land verwurzelt war als die Ballengers.

Kaum hatten wir den Hügel hinter uns gelassen, als Gunner johlte und losgaloppierte, um sich an die Spitze unseres Trupps zu setzen. Wir anderen folgten in ähnlichem Tempo, und die Hufschläge hämmerten bis in unsere Knochen. Wenn wir in die Stadt kamen, stellten wir gerne sicher, dass jeder davon wusste.

*

Die Glocke gab einen hellen Ton von sich, so zerbrechlich wie Trinkgläser aus Kristall, die man bei einer Feier aneinanderklirren lässt. Das Geräusch hallte ungehindert durch die Steinbögen des Tempels. So wild und rau wir auch in die Stadt eingeritten waren, die Heiligkeit dieses Ortes wurde von der gesamten Familie respektiert – selbst wenn vor unserem inneren Auge bereits der verlockende Anblick von Spielkarten, Schankräumen und Bierfässern schwebte. Nur noch fünf weitere Glockenschläge, dann hatten wir es hinter uns. Gunner, Priya und Titus knieten zu meiner Rechten, Jalaine, Samuel, Aram und Mason zur Linken. Wir füllten die vollständige erste Reihe aus. Unsere Straza – Drake, Tiago und Charus – waren hinter uns auf die Knie gegangen. Die Priesterin murmelte Worte in der alten Sprache, vermischte Vaters Asche mit Kalbsblut und presste eine feuchte schwarze Fingerkuppe gegen jede unserer Stirnen. Unsere Gaben wurden von den ernst blickenden Almosenträgern zu den Schatztruhen des Tempels getragen. Die Götter hatten das Opfer also angemessen gefunden. Mehr als angemessen, nahm ich an. Sein Wert reichte aus, um einen weiteren Heiler für das Spital zu bezahlen. Nur noch drei Glockenschläge. Zwei.

Einer. Wir standen auf, nahmen den Segen der Priesterin entgegen und marschierten feierlich in einer langen Reihe aus der dunklen Halle. Steinerne Heilige auf hohen Säulen blickten auf uns herab, und das Segenslied der Priesterin schwebte uns geisterhaft hinterher, um uns in seinen Schutz zu hüllen.

Draußen wartete Titus kaum bis zur letzten Treppenstufe, bevor er einen schrillen Pfiff ausstieß – unser Wirtshausruf. Der neue Patrei würde die Runden ausgeben. Titus hielt wenig von heiligem Ernst angesichts des Todes, denn dadurch kamen zu viele Gefühle an die Oberfläche. Das galt mehr oder weniger für uns alle.

Ich spürte jemanden an meinem Mantel zupfen. Die Seherin hockte im Schatten eines Pfeilers und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ich ließ ein paar Münzen in ihren Korb fallen.

»Was sagt deine Gabe?«, fragte ich.

Sie zog weiter an meinem Mantel, bis ich auf gleicher Höhe mit ihr kniete. Ihre Augen waren wie glatte azurblaue Steine und schienen schwerelos im Schatten ihrer Kapuze zu schweben. Sie neigte den Kopf zur Seite, ihr Blick bohrte sich in meinen und schien sich einen Weg bis tief in meinen Schädel zu suchen. »Patrei«, flüsterte sie.

»Du hast es also schon gehört.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht von außen. Von innen. Deine Seele sagt es mir. Von außen höre ich … andere Dinge.«

»Nämlich?«

Sie neigte sich näher zu mir und senkte die Stimme noch weiter, als habe sie Angst, dass jemand anderes ihre Worte auffangen könnte. »Der Wind flüstert, dass sie kommen. Sie kommen, Patrei, und du bist ihr Ziel.«

Sie nahm meine Hand in ihre knorrigen Finger und küsste meinen Ring. »Mögen die Götter über dich wachen.«

Sanft machte ich mich los und stand auf, ohne den Blick von ihr abzuwenden. »Und auch über dich.«

Was sie gesagt hatte, war für mich keine großartige Neuigkeit, aber trotzdem reuten mich die paar Münzen nicht, die sie von mir erhalten hatte. Jeder wusste, welche Herausforderungen auf unsere Familie zukamen.

Ich hatte die unterste Stufe noch nicht ganz erreicht, als Lothar und Rancell, zwei unserer Aufseher, jemanden herbeischleppten und vor mir auf die Knie warfen. Ich erkannte ihn als Hagur, den Leiter der Viehauktionen.

»Er hat Geld bei den Versteigerungen abgezweigt«, berichtete Lothar. »Genau wie du vermutet hast.«

Ich starrte auf ihn herab. In seinem Blick lag kein Widerspruch, nur Angst. Ich zog meinen Dolch.

»Nicht hier vor dem Tempel«, bettelte er, während ihm Tränen die Wangen herunterliefen. »Ich bitte dich, Patrei. Trag meine Schande nicht vor die Götter.«

Er ergriff mit gesenktem Kopf meine Beine und schluchzte.

»Sie kennen deine Schande schon. Hast du geglaubt, wir würden es nicht herausfinden?«

Er gab keine Antwort, sondern flehte nur um Gnade und drückte sein Gesicht gegen meine Stiefel, als wolle er es verstecken. Ich schob ihn fort, und er schauderte unter der Kälte meines Blicks.

»Niemand betrügt die Familie.«

Er nickte mit wildem Eifer.

»Aber die Götter haben auch uns Gnade gezeigt«, sagte ich. »Ein Mal. Und so halten es die Ballenger seitdem. Wir folgen ihrem Beispiel.« Ich steckte meinen Dolch zurück. »Steh auf, Bruder. Wer in Höllenrachen wohnt, ist Teil unserer Familie.« Ich hielt ihm meine Hand entgegen. Er sah sie an, als wolle ich ihm einen bösen Streich spielen, noch immer erstarrt vor Angst. Ich trat vor, zog ihn auf die Füße und umarmte ihn. »Ein einziges Mal«, flüsterte ich ihm ins Ohr.

Er taumelte zurück, nickte, stolperte über die eigenen Füße und brachte mehrere Meter Abstand zwischen uns, bevor er sich umdrehte und davonrannte. Dieser Mann würde uns nicht noch einmal betrügen. In Zukunft würde er sich daran erinnern, dass er Teil der Familie war und man die eigenen Leute nicht verriet.

Oder zumindest sollte es so sein.

Ich dachte an Paxton und die Worte der Seherin. Du bist ihr Ziel.

Paxton war nur ein lästiges Ärgernis, ein Blutegel, der sich jedoch lieber an teurem Wein labte. Wir würden mit ihm fertigwerden, genau wie mit jedem anderen.

Die Plünderer sind geflohen, doch unsere Vorräte haben sie mitgenommen.

Fort?, fragt er.

Ich nicke.

Er liegt sterbend in meinen Armen. Schon sehe ich in ihm nichts als Staub, Asche und einen Widerhall von Größe.

Dann drückt er mir die Landkarte in die Hand.

Hier ist der wahre Schatz. Du musst die Gruppe dorthin bringen. Jetzt liegt es an dir, sie alle zu beschützen.

Er schwört, dass es dort Nahrung gibt. Sicherheit. Das hat er schon versprochen, als die ersten Sterne fielen. Ich weiß nicht, was Sicherheit bedeutet. So etwas gab es nur in der Zeit, bevor ich geboren wurde. Mit seiner letzten Kraft drückt er meine Hand.

Behalte die Karte um jeden Preis. Gib sie nie aus den Händen. Dieses Mal darf sie nicht verloren gehen.

Natürlich, sage ich, weil er in seinen letzten Augenblicken glauben soll, dass seine Mühen und Opfer nicht umsonst waren und die Irrwanderung uns retten wird.

Nimm meinen Finger, sagt er. Nur so kommst du hinein.

Er zieht eine Rasierklinge aus seiner Weste und hält sie mir entgegen.

Ich schüttele den Kopf. Das kann ich meinem eigenen Großvater nicht antun.

Jetzt gleich, befiehlt er. Um zu überleben, wirst du noch Schlimmeres tun müssen. Töten. Das hier, sagt er und schaut auf seine Hand, ist nichts dagegen.

Wie könnte ich ihm nicht gehorchen? Er ist der Anführer und Kommandant über alles. Ich schaue auf die Menschen um uns herum, ihre eingesunkenen Augen und Gesichter, die von Schmutz und Angst entstellt sind. Die meisten von ihnen kenne ich kaum.

Er drückt mir die Klinge in die Hand. Wir waren viele, aber nun seid ihr eins. Eine Familie. Die Ballengerfamilie. Beschützt euch gegenseitig. Überlebt. Ihr seid die wenigen Verbliebenen, für die Torsfeste gebaut wurde.

Aber ich bin nur vierzehn und alle anderen sind jünger. Woher sollen wir die Stärke nehmen, um den Plünderern, den Stürmen und dem Hunger zu widerstehen? Wie sollen wir alleine damit fertigwerden?

Jetzt, befiehlt er noch einmal.

Also gehorche ich.

Er gibt keinen Ton von sich.

Lächelnd schließt er die Augen und tut seinen letzten Atemzug.

Während ich meinen ersten Atemzug als Anführer einer Gruppe von Verbliebenen tue, denn mein Großvater und Kommandant hat mir befohlen, nicht die Hoffnung zu verlieren.

Ich bin nicht sicher, ob ich das kann.

Greyson Ballenger, 14

Kazi

DIE RESTE VON VIEHZÄUNEN lagen zerbrochen und verstreut herum, der Gestank von verkohltem Gras brannte in unseren Lungen. Zorn loderte in mir auf, als ich die Zerstörung musterte. Wren und Synové knurrten vor Wut. Jetzt hatten wir keine klare Aufgabe mehr, sie hatte sich zersplittert und vervielfältigt wie das Bild in einem zerbrochenen Spiegel. Am Ende unseres Rittes würde der Zorn uns helfen. Das war uns allen bewusst. Unser dünner Vorwand, in dieses Gebiet zu kommen – die Untersuchung von Verstößen gegen das Grenzabkommen –, war mit einem Schlag zu echter, enormer Größe angewachsen und hatte sich in etwas mit Klauen, Reißzähnen und tödlichem Gift verwandelt.

Die Siedlung bestand aus vier Wohngebäuden sowie einem gemeinsamen Langhaus, einer Scheune und mehreren Schuppen. Alle waren beschädigt, die Scheune vollkommen zerstört. Wir entdeckten einen Mann mit gekrümmtem Rücken, der wütend in einem Garten herumhackte, als könne er die Verwüstung um sich herum ignorieren. Als er uns kommen sah, hob er die Hacke wie eine Waffe, senkte sie jedoch gleich wieder. Wrens Mantel mit seinem Flickenmuster war sofort als Werk des Meurasi-Clans zu erkennen. Auf meine geschnürte Lederweste war die ehrwürdige Wappenpflanze von Venda aufgeprägt, der Thannis, und das Halfter von Synovés Pferd schmückten Fransen, wie man sie aus den östlichen Marschlanden kannte. Wir sahen eindeutig vendanisch aus – wenn man wusste, wonach man Ausschau halten musste.

»Wer hat das getan?«, fragte ich, als wir ihn erreichten, obwohl es mir bereits klar war.

Er richtete sich auf, wobei er die Hände in seinen gekrümmten Rücken drückte. In sein Gesicht hatten die Jahre unter der Sonne tiefe Falten gegraben, und seine Wangen glichen Hügeln in einer abrutschenden Landschaft. In den einfachen Gebäuden hinter ihm sah man die Andeutung weiterer Gesichter, die durch Tür- und Fensterritzen spähten. Siedler, die zu verängstigt waren, um herauszukommen. Wir erfuhren, dass er Caemus hieß und dass die Plünderer mitten in der Nacht aufgetaucht waren. In der Dunkelheit hatte man nicht viel erkennen können, aber trotzdem wussten alle, dass es die Ballengers gewesen waren. Erst eine Woche zuvor waren sie in die Siedlung gekommen, um sie zu verwarnen, ihre Kurzhornrinder nicht auf fremdem Eigentum grasen zu lassen. Ein Tier hatten sie gleich als Bezahlung mitgenommen.

Wren schaute sich um. »Fremdes Eigentum? Hier draußen? Mitten in den Cam Lanteux?«

»Hier gehört alles ihnen«, antwortete er. »So weit das Auge reicht, behaupten sie. Jeder Grashalm gehört den Ballengers.«

Synovés Fingerknöchel färbten sich weiß vor unterdrückter Wut.

»Wo ist euer Vieh?«, fragte ich.

»Fort. Sie haben sich auch den Rest geholt. Ich nehme an, als Bezahlung für die Luft, die wir atmen.«

Mit fiel auf, dass auch die Pferde fehlten. »Und die Ravianer, die ihr von Morrighan geschenkt bekommen habt?«