Der kleine Stoffladen des Glücks - oder: Der Hochzeitssari - Anjali Banerjee - E-Book

Der kleine Stoffladen des Glücks - oder: Der Hochzeitssari E-Book

Anjali Banerjee

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Beschreibung

Der Stoff, aus dem Träume gemacht sind: Der romantische Wohlfühlroman »Der kleine Stoffladen des Glücks« von Anjali Banerjee als eBook bei dotbooks. Die junge Amerikanerin Lakshmi hält sich selbst für eine moderne Frau – und doch ist sie in dem kleinen Laden ihrer Familie mit der alten Legende aufgewachsen, dass der Stoff eines Saris alle Aspekte der Weiblichkeit in sich vereint: die Sanftheit ihrer Haut, über ihre schimmernden Tränen, bis zu den Tausend Farben ihrer Stimmungen. Auch Lakshmi hat eine besondere Gabe: sie erahnt die Wünsche, Nöte und Träume ihrer Kundinnen und wählt für jede den perfekten Stoff, um sie glücklich zu machen. Doch ihre eigene Chance auf Glück scheint unmöglich: Findet Lakshmi ihre große Liebe, wird ihre besondere Gabe verschwinden, besagt eine alte Familienlegende. Als sie dem charmanten Nick begegnet, nimmt Lakshmi daher prompt Reißaus – aber vor den verflixten Schmetterlingen in ihrem Bauch kann sie nicht davonlaufen … »Anjali Banerjee ist eine große Geschichtenerzählerin. Sie sorgt mit ihren Romanen für Momente des vollkommenen (Lese-)Glücks.« Literaturmarkt.info Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der zauberhafte Liebesroman »Der kleine Stoffladen des Glücks« von Anjali Banerjee. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 311

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Über dieses Buch:

Die junge Amerikanerin Lakshmi hält sich selbst für eine moderne Frau – und doch ist sie in dem kleinen Laden ihrer Familie mit der alten Legende aufgewachsen, dass der Stoff eines Saris alle Aspekte der Weiblichkeit in sich vereint: die Sanftheit ihrer Haut, über ihre schimmernden Tränen, bis zu den Tausend Farben ihrer Stimmungen. Auch Lakshmi hat eine besondere Gabe: sie erahnt die Wünsche, Nöte und Träume ihrer Kundinnen und wählt für jede den perfekten Stoff, um sie glücklich zu machen. Doch ihre eigene Chance auf Glück scheint unmöglich: Findet Lakshmi ihre große Liebe, wird ihre besondere Gabe verschwinden, besagt eine alte Familienlegende. Als sie dem charmanten Nick begegnet, nimmt Lakshmi daher prompt Reißaus – aber vor den verflixten Schmetterlingen in ihrem Bauch kann sie nicht davonlaufen …

»Anjali Banerjee ist eine große Geschichtenerzählerin. Sie sorgt mit ihren Romanen für Momente des vollkommenen (Lese-)Glücks.« Literaturmarkt.info

Über die Autorin:

Anjali Banerjee wurde in Indien geboren und ist in Kanada und Kalifornien aufgewachsen. Sie studierte in Berkeley und lebt heute mit ihrem Mann und fünf Katzen in einem kleinen Cottage in den Wäldern von Nordamerika. Sie liebt das Wandern, Schwimmen und Klavierspiel.

Anjali Banerjee veröffentlichte bei dotbooks auch ihre Romane:

»Der kleine Inselladen der Träume – Die Frauen von Shelter Island, Band 1«

»Der kleine Buchladen am Meer – Die Frauen von Shelter Island, Band 2«

»Der kleine Hochzeitsladen am Meer«

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eBook-Neuausgabe Januar 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2006 unter dem Originaltitel »Invisible Lives« bei Downtown Press, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Der Hochzeitssari« bei Knaur.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2006 by Anjali Banerjee

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / Tupungato / Richard Peterson / 2p2play / ttomasek15 / Marton Bergsma / Jones M / finchfocus / Eddie J. Rodriquez / Peter Wollinga / BK666 / Sean Pavone

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96655-564-7

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Anjali Banerjee

Der kleine Stoffladen des Glücks

Roman

Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner

dotbooks.

Prolog

Die Hindu-Göttin Lakshmi stattete mir im Mutterleib einen Besuch ab. Im Schwangerschaftswahn hatte Ma es sich nämlich angewöhnt, durch die Basare von Kalkutta zu streifen, bei Straßenhändlern erworbene brinjals zu verschlingen und so viele Saris aus Brokat zu erstehen, dass man damit einen Laden hätte aufmachen können. So wurde ich ständig durchgerüttelt und litt deshalb an Reisekrankheit.

Da kam Lakshmi auf einem Lotosblatt herbeigeschwebt. Beständigkeit leuchtete auf ihrem runden, gütigen Gesicht, Goldmünzen rieselten aus ihren vier Händen, und ein roter Sari aus Seide umwehte sie in einer Brise aus Sandelholzparfüm.

»Deine Eltern werden dich Lakshmi nennen, mein Kind.« Ihre Stimme plätscherte dahin wie ein Gebirgsbach im Himalaja. »Die Menschen sind nämlich so kühn, ihr Kind nach Göttern und Göttinnen zu benennen, ohne sich darum zu kümmern, ob es der fraglichen Gottheit überhaupt ähnelt.«

Da ich normalerweise nichts als das Rauschen des Fruchtwassers hörte, wusste ich nicht, was meine Eltern diesbezüglich im Schilde führten.

»In deinem Fall wird die Ähnlichkeit jedoch erstaunlich sein.« Ihr Körper schwoll an, fruchtbar und außerirdisch.

»Pfui Spinne, werde ich wirklich einmal so aussehen?«, dachte ich mir.

»Aber du darfst dich nicht mit deiner Schönheit in Szene setzen. Dass du mir also nicht auf die Idee kommst, Mannequin zu werden oder gar nach Bollywood zu gehen.«

Nach Bollywood zog mich rein gar nichts. Ich wollte einfach nur raus hier und endlich zu leben anfangen.

»Du wirst mein prachtvolles schwarzes Haar haben.« Sie ließ die Finger durch ihr schimmerndes Haar gleiten, das so endlos war und funkelte wie der Indische Ozean. »Achte darauf, dass es immer sauber gewaschen und ordentlich gekämmt ist, und benutze nur ohne Tierversuche hergestellte Shampoos aus dem Bioladen.«

Ich hatte noch gar keine Haare.

»Du hast ein gutes Herz, mein Kind.« Der glänzende Sari umfloss sie. »Denn du besitzt bereits das Wissen sowie Einfühlungsvermögen und den sechsten Sinn. Du wirst die Sehnsüchte deiner Mitmenschen erspüren und ihnen mit der Beschaffenheit von Seide und lebendiger Baumwolle helfen. Du wirst die Menschen in Hoffnung kleiden, Lakshmi, aber dir stehen auch Prüfungen bevor.«

»Was für Prüfungen?«

»In der Liebe, mein Kind. Denn für dich wird der Weg zur wahren Liebe lang und steinig sein.«

»Wohin wird er mich führen?«

»Das kann ich dir doch nicht erzählen. Oder soll ich dir etwa deine Lebensgeschichte verraten?« Lakshmi leuchtete auf, zerfiel in eine Million winziger Lichtpunkte und war verschwunden.

Eins

Ma wünscht sich, dass ich eine junge indische Version von Paul Newman heirate, fünf Söhne zur Welt bringe und eine Million Dollar für unseren Sari-Laden verdiente, und zwar noch vor meinem achtundzwanzigsten Geburtstag. Das heißt, ich habe noch genau drei Monate Zeit.

Obwohl sie das nie wörtlich so ausgedrückt hat, erahne ich, dass sie solche altmodischen Sehnsüchte hegt, ebenso wie ich die Bedürfnisse unserer Kundinnen erspüre. Während sie so tun, als suchten sie einen Sari, träumen sie in Wahrheit davon, im Lotto zu gewinnen oder zur Miss Universe gekürt zu werden.

Ich weiß nicht, ob sich diese Träume erfüllen lassen, denn schließlich habe ich keine Kristallkugel im Kopf. Ich kann auch keinen Kontakt zum Jenseits aufnehmen. Mein Wissen ist eher so etwas wie ein gelegentlicher Einblick in die Geheimnisse vom Lampenfieber geplagter Bräute, stolzer Eltern, Großmütter und aufmüpfiger junger Mädchen, die sich in Mas Boutique drängen. Die Boutique trägt den Namen Mystic Elements und befindet sich zwischen Northwest Karate und Cedarlake Outdoor Gear am anderen Ufer des funkelnden Sees am nördlichen Stadtrand von Seattle. Wer den Laden betritt, fühlt sich sofort wie in Indien, in einer weichen Welt aus Seide und Satin. Zu unserer Kundschaft gehören Amerikaner der verschiedensten ethnischen Herkunft sowie indische Einwanderer, die aus diesem oder jenem Grund – etwa um ein Geschäft zu eröffnen oder eine Stelle in der Hightech-Industrie oder an der Universität anzutreten – hierher gezogen sind.

Während Ma, in einen Sari aus türkisfarbenem Organza gehüllt, durch den Laden huscht, bediene ich eine schlanke junge Frau, die sich offenbar für die teuren Seidenstoffe interessiert. Ich fühle mich wohl hier und falle mit meiner Brille, den Jeans und der weiten kurti-Bluse nicht weiter auf. Dennoch verfolgt Ma mich mit besorgten Blicken. Bis zur Erschöpfung hat sie die indischen Hochzeitsanzeigen durchforstet, und zwar nicht für sich selbst, sondern meinetwegen. Ihre Sehnsuchtsmaschinerie sendet starke Signale aus, als bewahre sie ein köstliches Geheimnis.

Ich konzentriere mich auf die schlanke Frau, die einen traditionellen Baumwollsari trägt. Den bestickten Zipfel, den pallu, hat sie über den Kopf gelegt. In der Hand hat sie einen Pappbecher von Seattle’s Best Coffee. Ihr Wollmantel ist feucht vom Herbstregen.

»Ich habe von Ihnen gehört, Ms. Lakshmi«, sagt sie leise und mit einem leicht gedehnten Akzent. »Ich bin Rina. Sie müssen mir helfen. Ich brauche einen langen Sari, der nicht verrutscht. Er darf sich nicht bewegen und muss alles bedecken.« Ihre Stimme zittert verzweifelt. Auf ihrem Nasenflügel funkelt ein winziger Diamant wie ein einsamer Stern.

»Warum wollen Sie sich denn bedecken?«, frage ich. »Sie sind wunderschön.«

Zwei kleine gerötete Stellen erscheinen auf Rinas Wangen, und ihre langen Wimpern flattern. »So lauten die Regeln meiner Schwiegermutter«, flüstert sie.

»Ich verstehe. Wohnt sie bei Ihnen?« Offenbar entstammt ihre Schwiegermutter eher traditionell eingestellten indischen Kreisen. Vielleicht ist Rina ja auch die Frau des Zweitgeborenen, weshalb es die Schicklichkeit von ihr verlangt, ihren Kopf zu bedecken.

»Sie ist vor zwei Wochen aus Indien gekommen. Ich selbst bin erst vor einem Jahr hierher zu meinem Mann gezogen und habe gehofft, dass seine Mutter uns nicht besuchen wird. Ihre Regeln sind mir fremd. Aber wie soll ich ihr widersprechen? Ständig schreit sie mich an und besteht darauf, dass ich mich selbst zu Hause förmlich kleide. Also habe ich einen Sari angezogen. Doch wenn ich rausgehe ...« Als sie ihre eigene Kleidung und dann die lässigen Sachen betrachtet, die ich trage, scheint ein violetter Sehnsuchtshauch von ihr auszugehen. Am liebsten würde sie sich den Sari vom Leibe reißen, Jeans wie meine anziehen und eine bequeme kurti-Bluse über ihren BH streifen.

Ich nehme ihre Hand, und ihre Verzweiflung beginnt, in mir zu vibrieren. »Machen Sie sich keine Sorgen«, sage ich, um einen beruhigenden Tonfall bemüht. »Ein Sari ist doch nichts weiter als ein Stück Stoff ohne Nähte. Sie können damit machen, was Sie wollen. Vergessen Sie das nicht.«

»Meine Saris sind immer so widerspenstig und verrutschen ständig! Dauernd habe ich Angst, dass mir der pallu vom Kopf fällt ...«

»Ich verstehe. Da kann ich Ihnen helfen.«

Rinas Augen füllen sich mit Tränen. »Morgens kommt sie mit dem Tee herein, ohne anzuklopfen. Und wenn ich mich nicht sofort bedecke, gibt es ein Donnerwetter ...«

»Wie lange bleibt Ihre Schwiegermutter denn noch?«

»Das weiß nur der Himmel. Vielleicht sogar für immer.«

»Können Sie nicht mit ihr reden und ihr erklären, was Sie empfinden? Möglicherweise lockert sie ihre Regeln in Amerika ja ein wenig.«

»Hoffentlich.«

»Alles wird gut. Ich zeige Ihnen den idealen Sari für Sie.« Wie gerne würde ich Rina retten. Was ist, wenn ihre Schwiegermutter sich nicht erweichen lässt?

»Danke, Ms. Lakshmi.« Ihre Schultern lockern sich. »Ich muss zugeben, dass ich Saris nicht leiden kann und nur selten einen getragen habe, bevor sie kam. Ich möchte Sie ja nicht beleidigen, aber es ist so kompliziert, einen Sari anzuziehen ...«

»Schon gut, Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen.« Rinas Sorgen ergreifen Besitz von mir. Wie viel Haut wird zu sehen sein, wenn sie den Sari anlegt? Ist der Unterrock vielleicht zu eng? Und was ist, wenn ihr der ganze Sari vom Körper rutscht?

Ich weiß genau, was sie braucht.

Ich wühle mich durch ein Meer von Saris, bis ich den richtigen gefunden habe. Er besteht aus himbeerfarbenem Georgette und hat eine geblümte Kante. Dann breite ich den Sari auf der Theke aus. »Sehr modern«, sagte ich. »Und außerdem besitzt dieser Sari eine wundervolle Eigenschaft. Er rutscht nicht.«

Hoffnung leuchtet in ihren Augen auf, als sie den durchscheinenden Stoff durch die Finger gleiten lässt. »Er ist so dünn«, flüstert sie ehrfürchtig. »So zart. Wie ...«

»Vertrauen Sie mir, Rina. Ziehen Sie ihn an.«

Sie blickt sich um, als fühle sie sich von ihrer Schwiegermutter beobachtet, und eilt dann in die Umkleidekabine. Als sie, ein Traum in Dunkelrosa, wieder erscheint, sitzt der pallu auf ihrem Kopf wie angegossen. »Wie haben Sie das nur geschafft!« Eine Träne rinnt ihr die Wange hinunter. »Danke, Ms. Lakshmi. Ich komme sicher bald wieder.«

»Passen Sie gut auf sich auf.« Ich kassiere, und als ich ihr nachblicke, ist mein Herz von Wärme erfüllt. Sari für Sari helfe ich anderen Frauen. Bald werden wir unseren Laden erweitern oder ihn sogar in ein Franchise-Unternehmen verwandeln. Möglicherweise erfülle ich auch den größten Wunsch meiner Mutter und heirate einen liebevollen Traummann.

Und dennoch bin ich unruhig, als spränge in mir eine Knallerbse herum. Was ist, wenn ich ende wie Rina und eine verschüchterte, an Schlaflosigkeit leidende Frau werde, die sich ständig das Hirn darüber zermartert, dass sie zu viel nackte Haut zeigen könnte? Ich werde darauf achten, nur einen Mann zu heiraten, dessen Einstellung zur Tradition sich mit der meiner Familie deckt. Und wenn ich ihn niemals finde? Dein Weg zur Liebe wird lang und steinig sein, hat die Göttin gesagt.

Allerdings habe ich nur wenig Zeit, über solche Probleme nachzugrübeln, denn Mrs. Dasgupta, eine ältere Dame und Matriarchin, wie sie im Buche steht, kommt hereinmarschiert und schüttelt einen schwarzen Regenschirm aus. Dann wirft sie sich den silbernen pallu über die Schulter. Wenn sie unseren Laden aufsucht, trägt sie stets einen formellen Sari. Ich habe sie noch nie in westlicher Kleidung gesehen.

Ma, die von Kundinnen umringt ist, bedeutet mir mit einer Handbewegung, sie zu bedienen. Also presse ich zur Begrüßung die Handflächen aneinander. »Mrs. Dasgupta! Ich habe Ihnen ein paar wunderschöne Seidenstoffe beiseitegelegt.«

»Heute möchte ich keine Seide. Haben Sie auch Baumwolle da?«, erwidert sie mit schriller Stimme. Ihre Gedanken wehen an mir vorbei wie Zeitungsseiten auf einer Straße. Ein blauer Baumwollsari, mit Sandelholz parfümiert, so hellblau wie ein blutleerer Himmel. Ein Schattenmann, lächelnd im Hintergrund.

Ich schenke ihr mein langmütiges Lächeln. »Unsere bengalische Baumwolle ist fast ausschließlich weiß. Aber ich sehe, was ich tun kann.«

»Sie finden immer genau den richtigen Sari für mich. Pia Dasgupta fährt so weit, nur für ein Stückchen Stoff?, lästern meine Freundinnen. Doch ich sage ihnen, dass sich niemand so ausgezeichnet auskennt wie Lakshmi Sen.« Sie hält sich einen gichtigen Finger an die Stirn. »Sie können meine Gedanken lesen.«

»Ich bin nur gut im Raten.« Ich nehme weitere Saris aus dem Regal. »Wir haben gute handgewebte Baumwolle da. Jeder Sari ist ein Einzelstück.«

Mit einem Schnauben betastet Mrs. Dasgupta den Stoff. »Ist die Goldkante auch handgewebt? Was soll dieses Muster denn darstellen?«

»Pfauen, das sind Glücksbringer.« Ich streiche über das handgewebte Material. »Es sind lange Saris, die den Knöchel bedecken.« In Mrs. Dasguptas Augen haben kurze Saris, die eine Frau für die Feldarbeit bis über die Knie hochziehen könnte, nämlich etwas Proletarisches.

»Ich weiß nicht so recht, was ich suche. Morgen kommen meine Nichten aus Mumbai. Wir haben eine Familienfeier ...«

»Sind Sie sicher, dass Sie Baumwolle wollen? Was halten Sie von einer festlichen Madrasi-Seide?«

»Viel zu bunt. Oder soll ich mir etwa alberne Girlanden ins Haar stecken?«

Trotz der herbstlichen Kühle bricht mir unter den Achseln der Schweiß aus, während ich, einen nach dem anderen, verschiedenfarbige und gemusterte Saris aus dem Regal hole.

Mrs. Dasgupta verzieht das Gesicht. »Was wollen Sie denn mit dem roten da? Glauben Sie, ich möchte heiraten? Und dieses Gelb ... Ich gehe weder in den Tempel, noch bin ich schwanger. Drei Söhne sind genug, und ich hatte ja Gott sei Dank das Glück, keine Töchter zur Welt zu bringen.«

»Den roten und den gelben Sari habe ich geholt, weil Sie so jung und schön aussehen.« Ich umfasse ihre Hände, die sich so trocken und mürbe anfühlen wie totes Laub. Ein Wunder, dass ihr von den vielen schweren Rubinringen noch nicht die Finger abgefallen sind. Ein Bild verflossener Jugend strömt aus ihrer Haut und rast mir den Arm hinauf bis ins Gehirn. Sie ist etwa sechzehn. Das blauschwarze Haar reicht ihr bis zu den Knien, und sie trägt einen scharlachroten, mit Edelsteinen und Gold bestickten Hochzeitssari. Kokett hält sie sich den durchscheinenden pallu vors Gesicht und betrachtet kichernd ihren Bräutigam, einen jungen Inder mit zurückgekämmtem Haar und Knollennase. Dann erscheint der Schattenmann. Ihr Sari verfärbt sich hellblau, und ihre Sehnsucht nach ihm trifft mich wie eine Bowlingkugel.

Ich lasse ihre Hand los. So deutliche Bilder sehe ich selten. Noch nie habe ich eine derart unverhüllte und schmerzliche Sehnsucht gespürt.

»Meinen Sie wirklich, dass ich jung aussehe?« Ihre faltigen Züge werden weicher, und sie tätschelt ihren weißen Dutt.

»Keinen Tag über neunundzwanzig«, antworte ich.

»Und meine Haut ist so hell, finden Sie nicht? Das muss an der Light-&-Lovely-Creme liegen. Haben Sie noch welche da?«

Ich nehme eine Tube aus der Vitrine. In Indien gilt helle Haut als großer Vorzug, und unsere Kundinnen schwören auf Light & Lovely. Im Mango-Bay-Sonnenstudio an der Ecke wird man sicher niemals einem Inder begegnen.

Mrs. Dasgupta versenkt die Cremetube in ihrer gewaltigen Handtasche. »Jetzt werde ich bald noch jünger aussehen.«

»Und dennoch besitzen Sie die Weisheit der Welt.« Ich suche einen Sari, der wie ihr Hochzeitssari ein scharlachrotes Muster hat.

»Sie wollen mir nur schmeicheln. Wann ist es denn eigentlich bei Ihnen so weit? Siebenundzwanzig und noch immer nicht verheiratet. Ihre Ma macht sich große Sorgen.« Die Falten um ihren Mund werden wieder tiefer.

»Das braucht sie nicht.« Ich werfe einen Blick auf meine Mutter, die in ihrem hauchzarten Organzasari durch den Raum gleitet. Ihre Geheimnisse verbirgt sie hinter einem breiten Lächeln, das Zähne sehen lässt. Goldene Glücksblasen perlen um sie herum – Blasen, die nur ich wahrnehmen kann. Was mag sie im Schilde führen?

»Konnten Sie denn während Ihrer Zeit in New York keinen anständigen indischen Ehemann finden?«, fragt Mrs. Dasgupta. »Ihre Ma sagt, Sie seien drei Jahre dort gewesen und hätten sich an der Wall Street amüsiert. Da hätten Sie doch einem reichen bengalischen Junggesellen über den Weg laufen können.«

»Ich war nicht an der Wall Street, sondern bei einer kleinen Investment-Firma und außerdem sehr beschäftigt.« Die vielen katastrophalen Verabredungen mit Kollegen und Spitzenmanagern und meine erfolglose Suche nach einer glücklichen Beziehung erspare ich ihr lieber.

Mrs. Dasgupta schnalzt mit den Lippen. »Die jungen Frauen heutzutage sind so unabhängig und wollen alle Karriere machen. Und trotzdem arbeiten Sie jetzt bei Ihrer Mutter.«

»Ich muss zugeben, dass mich der Laden den ganzen Tag auf Trab hält.« Offenbar hat Mrs. Dasgupta vergessen, dass ich inzwischen die Hälfte der Firma besitze und diejenige bin, die für das Geschäftliche verantwortlich zeichnet. Ma mag ein sicheres Händchen bei der Stoffauswahl haben. Doch sie kann Plus und Minus nicht auseinanderhalten. Soll und Haben sind für sie Fremdwörter.

»Sie sollten sich lieber einen Bräutigam suchen, der Ihre ganze Zeit beansprucht. Ihre Ma spart schon für Ihre Aussteuer, seit sie choto waren. So klein.« Mrs. Dasgupta hält die Hand einen knappen Meter über den Boden. »So ist es eben mit Töchtern. Ihre Eltern müssen sämtliche Kosten tragen, während die Familie des Mannes die Hände in den Schoß legen und Hof halten kann. Sie können ein gewaltiges Festmahl, teuren Schmuck und tausend Hochzeitsgäste erwarten.«

Tausend Gäste sind bei einer bengalischen Hochzeit nichts Seltenes. Aber wo den Bräutigam hernehmen? Ich stelle mir vor, wie Ma bei meiner Hochzeit – einer prunkvollen Feier nach bengalischer Tradition, die ein Band zwischen zwei Großfamilien schmiedet – übers ganze Gesicht strahlt.

Vielleicht muss ich ja nach Indien fliegen, um den passenden Partner zu finden.

»Lakshmi?« Mrs. Dasgupta tippt mir auf den Arm. »Fehlt Ihnen etwas?«

»Verzeihung, ich habe nur gerade an Hochzeiten gedacht.« Die Göttin hat mir geweissagt, dass die Liebe mich auf die Probe stellen wird. Doch woran kann ich die Liebe erkennen? Habe ich Rijoy geliebt, den schrulligen, aber sehr attraktiven Insektenkundler, mit dem ich während des Studiums zusammen war? Er war begeistert von der University of Washington, wo er heute noch forscht und lehrt. Wir hatten zwar eine schöne Zeit, doch leider interessierte er sich mehr für seine Insekten als für mich. Deshalb floh ich, meinen Abschluss in der Tasche, nach New York, wo ich Sean begegnete, einem weltgewandten amerikanischen Finanzinvestor, der fünf europäische Sprachen fließend beherrschte. Allerdings war ich, obwohl Akademikerin und aus gutem Hause, für seine blaublütige Familie zu dunkelhäutig.

Er weigerte sich allen Ernstes, mich seinen Eltern vorzustellen.

»Ich will hoffen, dass für Sie nur anständige junge Männer aus Ihren Kreisen in Frage kommen«, sagt Mrs. Dasgupta.

Damit meint sie die Kreise meiner Familie in Kalkutta.

»Natürlich«, lüge ich. Sie ist so hoffnungslos altmodisch. Tatsache jedoch ist, dass ich hier in diesem Land mein Netz weiter auswerfen muss. Ich bin mit Amerikanern, Italienern und einem deutschen Austauschstudenten ausgegangen. Aber tief in meinem bengalischen Unterbewusstsein war mir immer klar, dass ich eines Tages den Kreis schließen und in den Schoß meiner Familie und der Tradition zurückkehren würde.

»Dann weiß man wenigstens, wie der junge Mann erzogen worden ist«, verkündet Mrs. Dasgupta. »Und dass er aus einer anständigen Familie stammt.«

»Ja, richtig. Allerdings ist es hier nicht einfach ...«

»Und deshalb müssen Sie nach Indien reisen.«

»Hin und wieder begleite ich Ma auf ihren Einkaufsexpeditionen. Wir haben uns überall umgesehen, das können Sie mir glauben. Sie hat mich auch mit Freunden der Familie bekannt gemacht.«

»Dann müssen Sie sich eben noch mehr anstrengen. Ansonsten wird Ihre Mutter alt und runzelig werden, während ihre Tochter ledig bleibt. Was hätte Ihr Vater wohl dazu gesagt?«

Zieh Baba da nicht mit hinein, würde ich am liebsten erwidern. Doch ich lächle nur höflich und tätschle Mrs. Dasgupta den Arm. »Es ist wirklich nett, wie Sie sich um uns kümmern.«

»Ich begreife nicht, warum Sie diese hässliche Brille tragen und sich die Haare zurückbinden. Heutzutage will jeder Mann eine schöne Frau, oder? Wen interessiert es schon, ob sie kochen, putzen und den Haushalt versorgen kann!«

»Aber ich kann kochen und putzen, Mrs. Dasgupta. Ich habe keine Bollywood-Allüren.«

»Ihre Ma hat Sie gut erzogen, aber die heutigen Männer wollen eine Frau zum Herzeigen.«

»Ein guter Mann wird erkennen, was hinter dieser Brille steckt.« Als ich Ma ansehe, wirft sie mir einen Blick zu, der schwanger von unausgesprochenen Geheimnissen ist. Eine neue Idee schlüpft ihr in Form schimmernder goldener Blasen aus den Ärmeln. Vielleicht hat sie ja den bengalischen Traumprinzen für mich gefunden. Einen Mann wie Poojas Verlobten. Dipak ist sympathisch, attraktiv und intelligent, und Pooja liebt ihn. Unsere zierliche Teilzeitkraft mit dem krausen Haar und den spitzen Ellenbogen bedient gerade zwei junge Mädchen in der Schalabteilung. Mit Dipak hat sie den idealen Partner gefunden.

Nur Mr. Basu, Mas rechte Hand, ist mit fünfzig noch Junggeselle. Seine Verlobung ist geplatzt, weil seine Verlobte mit einem Prinzen durchgebrannt ist, und Mr. Basu hat diesen Schock nie verkraftet. Dass er glatzköpfig und pummelig ist und außerdem leicht säuerlich riecht, erhöht seine Chancen auf diesem Gebiet nicht eben. Auch seine Neigung, sich im Hinterzimmer zu verstecken und dort Kartons auszupacken, ist offenbar kein Wettbewerbsvorteil.

Die goldenen Blasen platzen, so dass sich Bruchstücke von Mas Sorgen durchsetzen. Vermutlich zermartert sie sich wieder das Hirn wegen des tropfenden Rohrs unter dem Toilettenwaschbecken.

Währenddessen redet Mrs. Dasgupta weiter. »... Um an Ihrer Brille vorbeizuschauen, braucht ein Mann einen Röntgenblick wie dieser Superman.«

»Ja, Superman«, erwidere ich. »Vielleicht warte ich ja wirklich auf einen Superhelden.« Mit einem blechernen Auflachen schiebe ich die Brille hoch. Niemand weiß, dass sie nur aus Fensterglas besteht. Das Gummiband um meinen Pferdeschwanz sitzt so fest, dass es mir fast die Haare von der Kopfhaut reißt. Schließlich kann ich hier im Laden, wo sich aufgeregte Bräute mit kalten Füßen die Klinke in die Hand geben, nicht mit offenem Haar herumlaufen. Die Göttin hat mir schließlich verboten, mich mit meiner Schönheit in Szene zu setzen.

»... und haben Sie eigentlich das Rabindrasangeet gelesen?«, spricht Mrs. Dasgupta unterdessen weiter. »Die Liebeslieder? Ein vollkommener Ausdruck bengalischer Kultur.«

»Ich spiele gern Klavier, hauptsächlich Klassik«, antworte ich. Belesenheit und Musikalität sind wichtige Eigenschaften, die eine zukünftige Ehefrau noch begehrenswerter machen. Für mich jedoch bedeutet die Musik eine wundervolle Gelegenheit, mich den Sehnsüchten meiner Mitmenschen zu entziehen.

»Und das Kamasutra?« Mrs. Dasgupta sieht mich verschwörerisch an.

»Aber, Mrs. Dasgupta!«

Sie senkt die Stimme. »Ich habe den Text nur als Kamasutra bezeichnet, damit Sie verstehen, was ich meine. Eigentlich lautet der Titel des Buches ja Kamasutra. Es geht darin um die Wissenschaft der Liebe, nicht um das, was die Amerikaner glauben! Nur zwanzig Prozent des Textes handeln von Sie-wissen-schon-was. Autor ist der große Vatsyayana. Er war Wissenschaftler und lebte im Zölibat. Haben Sie das gewusst?« Sie klingt ehrfürchtig, so als würde der Mann durch das Zölibat erst zum Sex-Experten.

»Sehr interessant, Mrs. Dasgupta.« Die Röte steigt mir in die Wangen. Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, wie sie in der Leidenschaft der Jugend alle vierundsechzig Stellungen des Kamasutra ausprobiert hat. Mit ihrem Schattenmann!

Sie betastet die Saris und denkt an ihn. Dann kehrt das Bild ihres knollennasigen jungen Ehemannes zurück, und sie ist wieder bei ihrer Hochzeit. Aus dem zeremoniellen Feuer lodern Flammen hoch und verbrennen den scharlachroten Hochzeitssari, so dass nur Gold und Juwelen übrig bleiben. Sie trägt die Edelsteine noch immer an den Fingern, um den Hals und an den Ohren.

Aber wer war der Schattenmann? Was ist mit dem blauen Sari? Hat sie ihn seinetwegen getragen?

Jetzt weiß ich genau, was sie braucht!

»Was halten Sie von diesem neuen weichen himmelblauen Musselin?« Ich breite den Sari auf der Theke aus. Sofort liegt der berauschende Duft handgewebter Baumwolle in der Luft. »Er ist kein Massenprodukt, sondern wurde von einem Webermeister angefertigt – ziemlich teuer.«

»Ach, du meine Güte!« Als sie sich über die Theke beugt, rutscht ihr der pallu von der Schulter. Ihre Gedanken sprudeln über vor Glück. Sie legt sich den Sari über die Schulter. »Woher wussten Sie, welches Blau ich suche?«

Im nächsten Moment schwingt die Ladentür auf, und es wird schlagartig still im Laden. Eine Brise dezenten Blumenparfüms trägt Feuchtigkeit herein. Noch ehe ich zur Tür schaue, weiß ich, dass eine wichtige Person eingetroffen ist. Schwache Eindrücke von Gedanken wehen zu mir hinüber – Farbe, Licht und ein Wirbel von Rosenblättern.

Als Mrs. Dasgupta sich umdreht, bleibt ihr der Mund offen stehen. »Oh, Shiva«, raunt sie und stößt mich mit dem Ellenbogen an. »Ist sie das wirklich? In Ihrem Laden? Das muss ich meinen Freundinnen erzählen!«

Wenn die Wanduhr nicht weiterticken würde, könnte man meinen, die Zeit wäre stehen geblieben. Die Kundinnen erstarren, kameezes oder Ohrringe in der Hand. Münder halten mitten im Wort inne, das dann in der Luft hängen bleibt. Und noch immer wehen Rosenblätter auf mich zu.

Ma setzt sich in Bewegung und hastet der neuen Kundin entgegen, um sie zu begrüßen. Es ist eine schöne junge Frau im Rollstuhl, ein Bein im Gipsverband ausgestreckt. Sie trägt eine schwarze Hose, eine geblümte Seidenbluse und einen violetten Mantel, auf dem Regentropfen perlen. Mit ihr weht der Sturmwind in den Laden. Schimmerndes schwarzes Haar fällt ihr über die Schultern. Ihr makelloses ovales Gesicht leuchtet, und ihre großen Augen mit den langen Wimpern strahlen eine göttliche Schönheit aus. Allerdings ist diese Frau keine Göttin, sondern eine Bollywood-Schauspielerin, die Asha Rao heißt. Ich erkenne sie von der Zeitschrift Star wieder.

Wenn ich mir die Brille von der Nase reißen und das Haar offen tragen würde, wäre ich so wunderschön wie Asha. Und genau deshalb senke ich den Kopf, behalte die Brille auf und verstecke meine Figur in einem weiten Hemd. Als ich das letzte Mal meine Schönheit gezeigt habe, nahm die Kundin, eine junge Braut, empört Reißaus und kaufte ihren Sari bei der Konkurrenz.

»Asha Rao«, zischt Mrs. Dasgupta schrill. »In Ihrem Laden! Lakshmi, wie kann das sein?« Der blaue Sari gleitet ihr aus den Fingern. Die Zeit bewegt sich wieder, als die Kundinnen Asha angaffen. Ihre Sehnsüchte sind überwältigend. Einige wünschen sie sich als Tochter oder Schwester. Manche wären gern selbst Bollywood-Schauspielerin wie sie. Andere würden sie am liebsten eine Klippe hinunterstoßen und ihr Leben übernehmen. Und ein paar hätten Lust, ihr den Verlobten, den prominenten Hotelier und Schauspieler Vijay Bharti, samt Hakennase und wilder Haarmähne, auszuspannen. Ashas Gedanken mischen sich ins Getümmel. Sie stellt sich vor, wie sie in einem Bollywood-Musical mit Vijay tanzt, während rings um sie herum Rosenblätter wirbeln und im Hintergrund ein Hofstaat aus Fans Beifall spendet.

Ich spüre ihn, bevor ich ihn sehe – die überwältigende und kraftvolle Gegenwart eines Mannes, der kühn bei großer Höhe aus einem Flugzeug springt, felsenfest überzeugt davon, dass sich sein Fallschirm öffnen wird. Er trägt einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug und schiebt Ashas Rollstuhl. Sein blondes Haar ist lang und seitlich gescheitelt. Er selbst ist groß, breitschultrig und kräftig gebaut wie ein Football-Spieler. Seine Augen haben das Blau geschliffener Edelsteine.

Als er über die Schwelle tritt und die Tür hinter ihm zufällt, schließt sie eine Sturmböe im Raum ein. Die Rosenblätter sinken und werden durch einen unsichtbaren Abfluss ins Weltall gesaugt. Jemand hat den Aus-Knopf gedrückt, alle geheimen Gedanken der Anwesenden zum Verstummen gebracht, das Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen.

Ich spüre keine Sehnsüchte, keine Gedanken und keine Herzenswünsche der anderen mehr. Blind bin ich und schnappe nach Luft wie ein Goldfisch, der aus seinem Glas gesprungen ist. In einem Sekundenbruchteil sackt mein gesamter sechster Sinn in sich zusammen und ist verschwunden.

Zwei

Ich mache die Augen zu und taste nach Bildern, sehe aber nichts bis auf die orangefarbenen und schwarzen Rorschach-Kleckse auf der Innenseite meiner Lider. Dann reiße ich die Augen wieder auf und blinzle ins grelle Licht. Ich erbleiche und muss mich mit beiden Händen auf die Theke stützen, damit ich nicht umfalle. Das Licht wird heller, der Duft verschiedener Parfüms stürmt auf mich ein, und das Rascheln der Saris verwandelt sich in ein durchdringendes Geräusch. Geschieht das alles, weil das Wissen in den Sturm hinausgeflohen ist?

»Wie können wir Ihnen helfen, Ms. Rao?«, sagt Ma. »Wir freuen uns sehr, Sie hier begrüßen zu dürfen.«

Mrs. Dasgupta blinzelt und kriegt vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

»Vijay und ich wollen unbedingt heiraten«, erwidert Asha mit modulierter Bühnenstimme. »Wenn Vijays Astrologen und Gurus recht haben, ist der günstigste Tag sehr bald da. Allerdings haben wir momentan nicht die Zeit, sofort nach Indien zurückzukehren. Später werden wir noch ein paar Zeremonien in drei indischen Städten abhalten. Doch jetzt muss ich hierbleiben, um diesen dämlichen Film zu drehen, und deshalb ...«

»Deshalb möchten Sie, dass wir Ihnen helfen, die Hochzeit hier auszurichten«, meint Ma.

»Wir müssen die ganze Familie und alle Freunde einkleiden«, erklärt Asha.

»Natürlich. Wir arbeiten sehr schnell.« Als Ma ein vertrauenerweckendes Lächeln aufsetzt, kommt ein schiefer Eckzahn in Sicht. Ihre übrigen Zähne sind vom jahrelangen Teetrinken ein wenig fleckig. Sie weist auf mich. »Sicher haben Sie schon von der Fähigkeit meiner Tochter gehört ...«

»... die richtigen Stoffe auszuwählen?« Asha dreht sich um und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. »Sie kennen ja die Desi-Gemeinde. Jeder weiß alles über den anderen. Offenbar lassen die hiesigen Inder ihre Häuser verwanzen.«

»Dann sind Sie bei uns genau richtig.« Bange Erwartung malt sich in Mas Blick, doch ihre Gedanken haben sich im Regen, der aus dem Nordwesten kommt, aufgelöst. Sie weiß zwar, dass ich über eine außergewöhnliche Intuition verfüge, aber das wahre Ausmaß meiner Gabe habe ich ihr nie offenbart. Nur ungern möchte ich ihr jetzt sagen, dass das Wissen sich plötzlich verflüchtigt hat.

Ich darf sie nicht im Stich lassen. Nicht jetzt.

Mrs. Dasgupta erbleicht und umklammert den blauen Sari.

Asha betrachtet die Kundinnen, die sie unverhohlen anstarren. »Wir wollen doch lieber unter uns bleiben, oder, Mrs. Sen?«, flüstert sie dann.

»Selbstverständlich.« Ma setzt sich in Bewegung, scheucht die Kundinnen hinaus, entschuldigt sich und verspricht, morgen früher zu öffnen. Aber jetzt sei der Laden vorübergehend geschlossen.

Nachdem ich bei Mrs. Dasgupta kassiert habe, hastet sie aus dem Laden.

Ich streiche mein Hemd glatt und hole tief Luft. Übelkeit steigt in mir auf. Mas Gesichtszüge wirken plötzlich schärfer. Ihre goldenen Kreolen funkeln, und die Puderkörnchen auf ihren Wangen glitzern im grellen Licht.

Ich trete vor und nehme Ashas Hand. Ihre Finger sind weich, nachgiebig, ja, beinahe schlaff. »Ich bin Lakshmi, zu Ihren Diensten«, verkünde ich mit fester Stimme. »Wenn Sie mir sagen, was Sie suchen, helfe ich Ihnen gern.«

»Wir führen unterschiedliche Modelle«, verkündet Ma. »Sogar gewebte Hochzeitssaris aus Banaras ...«

»Banarasi sind die besten!« Asha Rao schnappt nach Luft.

Ich fragte mich, ob das ehrfürchtige Erstaunen nur gespielt ist. Doch ihre Gedanken haben sich in den Äther verflüchtigt, so dass mir jetzt die Orientierung fehlt.

Ma beugt sich zu Asha vor. »Haben Sie schon mal von sangol paria gehört?« Sie zieht die Augenbrauen hoch wie immer, wenn sie jemandem ein Geheimnis anvertraut.

Asha schüttelt den Kopf und bedeutet dem blauäugigen Mann, sie zu den Vitrinen zu schieben, damit sie den Goldschmuck bewundern kann. Warum muss sie sich von ihm schieben lassen?, überlege ich. Ob er ihr heimlicher Geliebter ist? Aber sie will doch heiraten!

Ma läuft ihnen nach. »Seltene, wertvolle Saris aus Süd-Bihar. Jeder von ihnen ein Einzelstück. Sie werden in den Familien von Generation zu Generation weitervererbt.«

Wir führen gar keine sangol-paria-Saris. Was hat sie nur vor? »Ma, ich glaube nicht ...«

»Kunstvoll gewebte Stoffe«, fährt sie fort. »Absolut einzigartig unter den indischen Saris.«

Einzigartig! Ich versuche, nicht die Augen zu verdrehen.

»Unglaublich!«, begeistert sich Asha.

»In den Städten sind sie eigentlich nicht zu bekommen«, spricht Ma weiter. »Sie werden nur noch in abgelegenen Gegenden gewebt und sind sehr begehrt.«

»Dann würde ich mir gerne einen ansehen. Der Preis spielt keine Rolle.« Als Asha dem Mann ein Zeichen gibt, sie weiterzuschieben, mache ich Platz.

Der Preis spielt keine Rolle. Wahrscheinlich glaubt Ma jetzt, sie sei gestorben und mit der Dreifaltigkeit der Hindu-Götter in den Himmel eingezogen. Der einzige Haken daran ist, dass wir keine sangol paria haben.

»Wir haben Muga-Seide da«, springe ich für Ma in die Bresche. »Und auch goldene Wildseide, wie man sie nur in Assam findet. Vielleicht gefallen die Ihnen sogar besser.«

Asha setzt ein Filmstarlächeln auf. »Ich sehe mir die Muga-Seide an. Schließlich muss ich Vijays Schwestern, seiner Mutter und allen Tanten einen Sari schenken. Haben Sie genug Personal für so einen Großauftrag?«

»Selbstverständlich. Kein Problem«, erwidert Ma.

»Sind Sie wirklich sicher?« Asha lässt den Blick durch die Boutique schweifen. »Ich sehe hier nämlich kaum Mitarbeiter.« Missbilligend schürzt sie die Lippen, als habe sie damit gerechnet, von einem Heer von Verkäuferinnen hofiert zu werden. Wir könnten uns nur dann mehr Personal leisten, wenn Ma das Geld für meine Mitgift dafür verwenden würde. Doch das täte sie nur unter der Bedingung, dass die Temperatur in der Hölle unter den Gefrierpunkt sinkt, der Himmel orangefarben wird und die Dinosaurier durch Seattle streifen.

»Wir haben eine Näherin, eine tüchtige Einkäuferin und einen ausgezeichneten Kundendienst«, antwortet Ma.

Alles vereint auf eine Person, würde ich am liebsten ergänzen.

»Das ist ja ausgezeichnet!«, ruft Asha aus. »Gut, dann setzen wir uns zusammen und schmieden Pläne, einverstanden? Lakshmi, Sie müssen mich einmal bei den Dreharbeiten besuchen.«

»Das wäre ihr sicher eine Ehre«, sagt Ma. »Lakshmi und ich helfen Ihnen jetzt, alles zu finden, was Sie brauchen.«

Ich schaue zurück zur Theke, wo Pooja und Mr. Basu wie angewurzelt dastehen und den Gast aus Bollywood anstarren.

»In den nächsten Wochen bin ich ziemlich eingeschränkt«, spricht Asha unterdessen weiter. »Ich habe mir bei einer Stunt-Aufnahme das Bein gebrochen. Wahrscheinlich werden Sie es in der Zeitung lesen. Ich mache meine Stunts nämlich immer selbst. Also wird Nick mir die Arme und Beine ersetzen. Ach, übrigens ist Nick mein Fahrer und so eine Art Leibwächter.« Sie kichert.

Der Mann nickt. Bis jetzt hat er kein Wort gesagt.

Ma sieht ihn höflichkeitshalber an und tut ihn dann als bedeutungslosen Domestiken ab.

»Nett, Sie kennenzulernen«, sage ich.

»Stets zu Diensten.« Als er mir die Hand schüttelt, zerquetscht er sie fast.

»Außerdem brauchen wir maßgeschneiderte Kleider für die kleinen Nichten«, fährt Asha fort. »Ist das möglich?«

»Wir haben die unterschiedlichsten shalwar kameezes und viele Stoffe auf Lager«, erklärt Ma. Sie führt Asha und ihren Fahrer im ganzen Laden herum und zeigt ihm das vielfältige und exquisite Angebot.

Wie eine Schlafwandlerin trotte ich hinterher, bis Asha mich am Ärmel zupft. Sie strahlt übers ganze Gesicht. »Wir müssen jetzt los. Aber Sie haben traumhafte Modelle hier, Lakshmi. Alles muss zusammenpassen. Morgen Nachmittag komme ich wieder!«

Nick schiebt sie zur Tür. Sobald sie draußen sind, strömt das Wissen wieder in mich hinein, als wäre es die ganze Zeit da gewesen und hätte sich nur hinter den Schals versteckt. Mit einem erleichterten Aufatmen heiße ich den Freund willkommen. Meine Hände zittern, und ich fühle mich, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen.

Meine Gabe nimmt zwar ab und zu wie ein launischer Mond, doch sie ist noch nie plötzlich weg gewesen!

Ma zupft mich am Ärmel. Ihre Augen leuchten, und sie kann in ihrer Begeisterung kaum noch an sich halten. »Ist es nicht wundervoll, dass die Götter uns Asha Rao gebracht haben?«

Genau genommen war es ihr Fahrer, der sie hergebracht hat. »Wirklich toll, Ma!«

»Wie konnten wir nur so ein Glück haben! Deine Einfühlsamkeit ist, wie ich schon immer sage, eine göttliche Gabe.«

Wenn sie nur wüsste, wie recht sie hat.

»Nun, meine liebste Bibu, der heutige Tag wird in die Geschichte eingehen. Und da wäre noch etwas, das ich dir eigentlich erst später zu Hause erzählen wollte, aber ich kann es einfach nicht mehr erwarten. Abgesehen von diesem neuen Auftrag ist es die beste Nachricht seit Jahren.«

»Was ist denn passiert, Ma?«

Sie presst sich die Hände an die Wagen, und Tränen funkeln in ihren Augen. Das also ist das Geheimnis hinter den goldenen Blasen, das sie so gut für sich behalten hat. »Oh, Bibu, ich habe endlich den idealen Ehemann für dich gefunden.«

Drei