Der Kommissar und der Mörder vom Cap de la Hague - Maria Dries - E-Book

Der Kommissar und der Mörder vom Cap de la Hague E-Book

Maria Dries

4,4

Beschreibung

Bonne Nuit, Monsieur le Commissaire.

Philippe Lagarde, Lebenskünstler und Kommissar im Ruhestand, wird von einer jungen Frau aufgesucht, die behauptet, der Tod ihrer Großmutter vor fünf Jahren sei kein Unfall gewesen, sondern Mord. Sie habe einen Mann beobachtet, der fluchtartig das Haus verließ, nur habe ihr niemand geglaubt. Lagardes Interesse ist geweckt, vor allem, als sich wenig später eine ähnliche Tragödie wiederholt. Eine alte Frau stürzt mitten in der Nacht die Treppe hinunter – offenbar wurde sie vorher betäubt. Bald weiß Lagarde, dass er auf der richtigen Spur ist ...

Ein Fall für Kommissar Philippe Lagarde – ein Ermittler, wie er französischer nicht sein kann.

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Über Maria Dries

Maria Dries wurde in Erlangen geboren und hat Sozialpädagogik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Bauernhaus in der fränkischen Schweiz und hat bereits einige Regionalkrimis geschrieben.

Im Aufbau Taschenbuch sind bisher zwei Normandie-Krimis erschienen: »Der Kommissar von Barfleur« und »Die schöne Tote von Barfleur«.

Informationen zum Buch

Bonne Nuit, Monsieur le Commissaire

Philippe Lagarde, Lebenskünstler und Kommissar im Ruhestand, wird von einer jungen Frau aufgesucht, die behauptet, der Tod ihrer Großmutter vor fünf Jahren sei kein Unfall gewesen, sondern Mord. Sie habe einen Mann beobachtet, der fluchtartig das Haus verließ, nur habe ihr niemand geglaubt. Lagardes Interesse ist geweckt – vor allem, als sich wenig später eine ähnliche Tragödie wiederholt. Eine alte Frau stürzt mitten in der Nacht die Treppe hinunter – offenbar wurde sie vorher betäubt.

Bald weiß Lagarde, dass er auf der richtigen Spur ist.

Philippe Largade und sein neuester Fall – ein Ermittler, wie er französischer nicht sein kann.

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Maria Dries

Der Kommissar und der Mörder vom Cap de la Hague

Ein Kriminalroman aus der Normandie

Inhaltsübersicht

Über Maria Dries

Informationen zum Buch

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Karte

Die Zerstörung

Prolog

Barfleur

Erster Tag

Der Forst von Crasville

Zweiter Tag

Das Haus von Prévert

Dritter Tag

Der Leuchtturm von Noirmoutier

Vierter Tag

Das Wasserschloss Suscinio

Fünfter Tag

Die Klippen von Jobourg

Sechster Tag

Der Mörder vom Cap de la Hague

Siebter Tag

Drei Wochen später

Impressum

Für

Daniel

Dein Stern funkelt in der Nacht.

Ich vermisse Dich und denke an Dich in Liebe.

Immer!

Die Zerstörung

Ohn’ Unterlass mein Dämon mich bedrängt,

Wie von der Luft bin ich von ihm umfangen,

Ich atme ihn und fühl’ mein Herz versengt

Von unstillbarem, sündigem Verlangen.

Oft, da mein Schönheitsdrang ihm offenbar,

Kommt er als holdes Weib voll süsser Ränke,

Mit falscher, buhlerischer Worte Schar

Gewöhnt er mich an giftige Liebestränke.

Er schleppt mich, fern von Gottes gnädiger Hand

Elend, gebrochen, keuchend durch das Land,

Bis zu des Jammers abgrundtiefem Tale;

Dort starren meine Blicke wirr und wild

Auf Kleiderfetzen und auf blutige Male,

auf der Zerstörung furchtbar Schreckensbild.

Charles Baudelaire

»Die Blumen des Bösen«

(»Les Fleurs du Mal«)

Prolog

Fünf Jahre vorher, 22. März 2011

Silbern bedeckte das Meer die Bucht. Ein malerisches Inselgewirr glitzerte im Sonnenlicht. Wilde Felsnadeln umsäumten einsame Strände. Vor der schroffen Küste lauerten Untiefen und tückische Riffe. In den Austerngärten ernteten Meeresbauern die empfindlichen Schalentiere. Netzkörbe schützten die Austernzucht vor räuberischen Tintenfischen. In verträumten Häfen wiegten sich Motorboote und Segler. Hinter dem Dünenband und dem Marschland breiteten sich idyllische Weiden, violette Heide und hellgrüne Artischockenfelder aus. Abgeschiedene Gehöfte hockten in Talmulden. Ein Manoir mit zinnenreichen Giebeln und Lukarnen spiegelte sich im Wassergraben. Auf der vielzackigen Bastion saßen Pfefferbüchsen. Die normannische Halbinsel Cotentin hatte schon Schmuggler, Piraten, Helden und Halsabschneider gesehen. Und sie war ein Sehnsuchtsort für Weltflüchtlinge.

Olivier empfand tiefen Hass. Als er die alte Frau auf dem Marktplatz von Crasville entdeckte, beschloss er, sie zu töten. Den Anblick ihrer schwarzen Wollkniestrümpfe und der beigefarbenen Gesundheitsschuhe konnte er kaum ertragen. Er lehnte sich gegen den Stamm einer Platane, steckte sich eine Zigarette an und beobachtete sie.

Es war Markttag. Viele Dorfbewohner spazierten von Stand zu Stand, unterhielten sich gut gelaunt und kauften die einheimischen Spezialitäten. Die Frühlingsluft war mild, und die Sonne schien von einem blassblauen Himmel. Unter bunten Markisen boten Bauern ihre Waren feil. Es gab eingelegte Oliven, duftenden Ziegenkäse und ziegelrotes Lammfleisch. Fischer priesen ihren Fang an. Meeraale, Goldbrassen und Seeteufel schillerten auf gestoßenem Eis, Hummer krabbelten in einer Holzkiste. Es gab Austern in vier verschiedenen Größen und Berge von schwarzen Schnecken. Vor der Metzgerei drehten sich Kapaune, Hähnchen und Lammkeulen am Spieß. Hinter dem Platz erhob sich die mittelalterliche Kirche aus Granitstein inmitten einer gepflegten Parkanlage. Umrahmt von Rabattensteinen blühten Tulpen, Hyazinthen und Osterglocken. Am Brunnen spritzten sich Kinder unter großem Geschrei gegenseitig nass. Andere saßen mit strahlenden Gesichtern auf den Fantasiefiguren eines Karussells. Am Rand des Platzes lugten zwischen Tamarisken die Türme, Zinnen und Erker eines Manoirs hervor.

Der Marktflecken Crasville lag an der Ostküste der Halbinsel Cotentin in der Normandie, nicht weit vom Fischerdorf Barfleur entfernt. Wenige Kilometer nördlich auf einer Landzunge stach der Leuchtturm von Gatteville mit seinen dreihundertfünfundsechzig Stufen in den Himmel.

Die alte Frau verweilte an einem Gemüsestand und plauderte mit der Bäuerin. Die Frauen lachten. Schließlich entschied sich die Kundin für ein Pfund grüne Bohnen und zwei violett glänzende Auberginen. Sie zahlte und verabschiedete sich von der Marktfrau. Gemächlich lief sie zum Grill und entschied sich für ein Huhn. Der Metzger holte es vom Spieß und packte es für sie ein. Auf der Terrasse vor dem Bistro hatte der Wirt vor einigen Tagen Tische und Stühle aufgestellt und somit die Sommersaison eröffnet. Fast alle Sitzgruppen waren besetzt. Die Gäste genossen die ersten warmen Sonnenstrahlen und unterhielten sich bei einer Tasse Mokka oder einem Glas Wein. Die alte Frau fand einen freien Tisch und machte den Kellner mit einer Geste auf sich aufmerksam. Bald brachte er ihre Bestellung. Während sie den Apfelkuchen verzehrte und den Kaffee trank, betrachtete sie lächelnd das bunte Treiben. Dann trat eine Frau zu ihr an den Tisch, begrüßte sie herzlich mit zwei Wangenküsschen und setzte sich dazu. Sie war klein, dick und schwarz gekleidet. Energisch rief sie nach der Bedienung. Sie verspeiste zwei Stück Sahnetorte und eine Himbeertarte mit großem Appetit und redete gleichzeitig pausenlos auf ihr Gegenüber ein. Als die alte Frau sich endlich auf den Weg machte, folgte Olivier ihr unauffällig. Er wollte wissen, wo sie wohnte. Ihr Ziel war ein kleines Granitsteinhaus in einer schmalen Gasse. Sie gelangte durch eine Holzpforte in den Vorgarten, stieg zwei Treppenstufen hinauf, schloss die Eingangstür auf und verschwand im Haus. Olivier las den Namen auf dem Briefkasten. Germaine Marsault. Kein männlicher Vorname. Entweder war sie eine alte Jungfer oder Witwe. Sie wohnte alleine. Das war gut. Als sein Blick auf das marode, verrostete Schloss der Garagentür fiel, grinste er. In diesen alten Häusern gab es normalerweise einen Zugang von der Remise in den Wohnbereich.

Zufrieden mit seiner Entdeckung trat er den Rückzug an. Mit seinem alten Peugeot fuhr er nach Saint-Vaast und suchte eine Hafenspelunke auf. Die verräucherte Kneipe war brechend voll. Die Geräuschkulisse war ohrenbetäubend. Olivier fand schnell Anschluss. Er trank mit fremden Männern und spielte Karten bis tief in die Nacht.

Weit nach Mitternacht kehrte er nach Crasville zurück. Weil er soviel Alkohol getrunken hatte, fühlte er sich stark und unbesiegbar. Er parkte sein Auto am Ortsrand auf einem Feldweg hinter einem dichten Schwarzdorngestrüpp und lief in den Ort. Auf dem Weg zum Haus der alten Frau begegnete er keiner Menschenseele. Dunkel kauerte das Haus vor ihm. Es war ein Kinderspiel, das Schloss der Remise zu knacken. Er schlüpfte in die Garage und schaltete seine Taschenlampe ein. Zwischen Regalen, alten Fahrrädern und Mülltonnen schlich er zur Tür, die in die Wohnung führte. Sie war unverschlossen. Er betrat die Küche und sah sich um. Die Küche war altmodisch eingerichtet und blitzblank aufgeräumt. Er ging weiter in den Salon. Von dort aus führte eine schmale Treppe bogenförmig in das Obergeschoss. Olivier ging davon aus, dass sich das Schlafzimmer der alten Frau im ersten Stock befand. Die Aufteilung der Zimmer war in diesen alten Häusern häufig ähnlich.

Leise schlich er die Stufen hinauf. Eine Diele knarrte, und er blieb erschrocken stehen. Lauschte. Es herrschte absolute Stille. Vorsichtig ging er weiter. Schließlich stand er in einem engen Flur. Hinter einer der Türen hörte er ein leises Schnarchen. Er hatte mit seiner Vermutung recht gehabt.

Olivier ist kein Idiot, dachte Olivier. Er schaltete die Taschenlampe aus, drückte die Klinke nach unten und öffnete die Tür Zentimeter um Zentimeter, ohne ein Geräusch zu verursachen. Im Halbdunkel konnte er die Frau im Bett ausmachen. Sie lag auf der Seite, das Gesicht ihm zugewandt, und schlief tief und fest. So hatte sie auch immer geschlafen. Genau in der gleichen Position.

Hass loderte in ihm auf. Entschlossen packte er die Frau mit seinen schaufelgroßen Pranken, zerrte sie aus dem Bett und hielt ihr den Mund zu. Sie riss die Augen auf und starrte ihn verwirrt an. Dann machte sich Entsetzen auf ihrem Gesicht breit. Sie versuchte zu schreien, doch er presste seine Hand fest auf ihren Mund. Er schleifte sie aus dem Zimmer zum Treppenabsatz. Sie wehrte sich verzweifelt und schlug um sich. Doch sie war schwach.

Olivier ist stark, dachte er. Er hob sie hoch und schleuderte sie mit aller Kraft die Treppe hinunter. Sie überschlug sich mehrere Male, krachte gegen die Wand und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Sie rollte über die letzten Stufen, prallte gegen einen Steinsockel und blieb reglos liegen. Offenkundig hatte sie sich das Genick gebrochen. Sie war tot.

Olivier stieg über sie hinweg, lief in die Küche und verließ das Haus durch die Remise. Als er durch den Vorgarten hastete und auf den Gehweg trat, starrten ihm zwei Paar Augen hinterher. Tellergroße panische Kinderaugen.

Barfleur

Anette und Oscar

Erster Tag

Philippe Lagarde saß vor seinem Lieblingsbistro »Im Wind der Inseln« und genoss die frühe Wärme der Märzsonne. Der Hafen von Barfleur lag jenseits des Quai Henri Chardon. Die Flut drängte mit Vehemenz in das steinerne Becken. Boote wurden aus dem Schlick gehoben und begannen, auf den Wellen zu schaukeln. Barfleur galt als eines der schönsten Dörfer Frankreichs und war ein Touristenmagnet. Die Besucher aus aller Welt liebten den pittoresken Charme des Ortes, die trutzige Wehrkirche am Hafeneingang und die Muscheln mit den golden schimmernden Schalen. Muschelbänke zogen sich kilometerweit die östliche Küste der Halbinsel Cotentin entlang. In allen Restaurants, die sich um den Hafen reihten, wurden Muscheln angeboten. Die Lokale, Bistros und Cafés waren in hohen, dicht gedrängten, grauen Granitsteinhäusern untergebracht. Weiße Sprossenfenster, elegant geschmiedete Balkonbalustraden und rote Kamine setzten farbliche Akzente.

Der Kommissar im Ruhestand trank den zweiten Milchkaffee und war in die Lektüre der Tageszeitung Ouest France vertieft. Die beiden köstlichen Eclairs mit Karamellfüllung hatte er bereits verzehrt. Ein Schatten verdunkelte die aufgeschlagene Seite. Er blickte auf. Vor dem Bistrotisch standen eine junge Frau und ein kleiner Junge und musterten ihn mit ernsten Mienen.

Lagarde lächelte sie an.

»Na, ihr zwei, kann ich etwas für euch tun?«, fragte er.

»Bonjour, Monsieur«, sagte das Mädchen. Sie war sehr hübsch. Riesige graue Augen, eine zarte, wohlgeformte Nase, ein voller Mund in einem schmalen blassen Gesicht. Glatte, kupferrote, kinnlange Haare umrahmten ihr Antlitz. Sie trug eine grauschwarz melierte Wollhose, ein weißes kurzärmliges Männerunterhemd und breite schwarze Hosenträger aus Leder.

»Sind Sie Kommissar Lagarde?«, erkundigte sie sich.

»Ja, der bin ich.«

»Ich bin Anette Marsault«, stellte sie sich vor. Sie zeigte auf den Jungen. »Und das ist mein Bruder Oscar.«

Der kleine Junge sah ihr sehr ähnlich. Nur die Haare waren einen Ton heller. Zu der Jeans trug er ein blau-Weiß kariertes Hemd. In den Händen hielt er ein dickes rotes Sparschwein und ein Kinderbuch.

»Mein Bruder und ich möchten gerne mit Ihnen sprechen«, erklärte Anette. »Wir haben Nachforschungen angestellt. Sie sind einer der besten Polizisten im Cotentin.«

»Meine Freundin sagt, Sie sind der Beste«, erklärte Oscar mit wichtiger Stimme. »Der beste Kommissar von ganz Frankreich.«

»Wie heißt denn deine Freundin?«

»Amélie.«

Lagarde amüsierte sich. Amélie war die siebenjährige Tochter von Camille, einer guten Freundin, die Lehrerin am Gymnasium von Saint-Vaast-la-Hougue war. Lagarde passte manchmal auf Amélie auf, wenn ihre Mutter an langen Lehrerkonferenzen teilnehmen musste. Camille unterrichtete die Fächer Französisch und Deutsch.

»Woher kennst du Amélie?«, fragte er den kleinen Jungen.

»Aus der Schule, natürlich. Sie hat mir auch den Tipp gegeben, wo Sie häufig frühstücken.«

Lagarde nickte ernst. »Ihr wollt mich also sprechen. Dann setzt euch doch zu mir an den Tisch. Wichtige Dinge bespricht man nicht im Stehen. Was darf ich euch bestellen? Wie wäre es mit einem Eis? Ich lade euch ein.«

Oscars Augen leuchteten auf.

Seine Schwester knuffte ihn unsanft in die Seite. »Wir dürfen von fremden Menschen nichts annehmen, das hat uns Oma immer eingeschärft.«

Oscar blickte zu Boden und schwieg.

»Aber wir haben uns doch vorgestellt. Folglich kennen wir uns jetzt«, erklärte Lagarde.

Die beiden setzten sich, und Oscar stellte das Sparschwein in die Mitte des Tisches. Das Kinderbuch legte er daneben. Lagarde winkte nach Gaston und bestellte zwei große Eisbecher. Als der Wirt die Glasschalen mit den bunten Kugeln, Sahne, Waffeln, Schokoladensoße und Smarties serviert hatte, forderte Lagarde die Geschwister auf: »Lasst es euch schmecken und erzählt mir, was ich für euch tun kann.«

Anette ließ einen Löffel Eis im Mund zergehen, schluckte und ergriff das Wort. »Unsere Oma, Germaine Marsault, ist vor fünf Jahren verstorben. Sie ist nachts in ihrem Haus die Treppe hinuntergestürzt. Ihr Hausarzt und die Polizei gingen von einem Unfall aus. Aber es war Mord.« Die junge Frau verstummte für einen Moment und kämpfte mit den Tränen. Dann fuhr sie entschlossen fort. »Oscar und ich wissen, dass es Mord war. Wir haben den Mörder gesehen, als er aus dem Haus auf die Straße lief. In jener Nacht haben wir bei Oma übernachtet, weil unsere Eltern ins Kino wollten. Wir sind von einem Schrei aufgewacht und haben aus dem Fenster geschaut, weil wir zunächst dachten, er sei von draußen gekommen. Dann haben wir Oma gefunden.« Sie wischte sich Tränen aus den Augen. »Niemand hat uns geglaubt. Nicht einmal unsere Eltern. Alle dachten, wir hätten uns den Mann nur eingebildet, weil wir schlaftrunken und so erschrocken waren.«

Oscar knabberte an einer Waffel und nickte ernst. »Genauso war es.«

Anette lächelte ihn liebevoll an.

»Oscar war damals erst vier Jahre alt«, erklärte sie Lagarde.

»Aber ich war schon dreizehn und kein Kind mehr. Ich weiß, was ich gesehen habe. Als Oscar acht Jahre alt wurde, habe ich ihm erzählt, was passiert ist. Wir haben beschlossen, Omas Mörder zu finden. Vor einigen Tagen bin ich volljährig geworden.«

»Sie ist jetzt geschäftstüchtig«, ergänzte ihr Bruder.

»Geschäftsfähig heißt das«, erklärte sie ihm geduldig. An Lagarde gewandt, fuhr sie fort. »Ich möchte Sie engagieren, um den Mord an unserer Oma aufzuklären. Wir schaffen das nicht alleine. Alles wird korrekt ablaufen. Wir schließen einen Vertrag, und Sie bekommen ein angemessenes Honorar.«

Lagarde war verblüfft und wollte etwas sagen. Der kleine Junge kam ihm jedoch zuvor. Er zeigte auf das Schwein.

»Anette und ich haben gespart. Unser Taschengeld, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke und die Einnahmen aus verschiedenen Jobs.« Er strahlte Lagarde voller Stolz an. Triumphierend verkündete er: »Im Sparschwein sind dreihundertzweiundsiebzig Euro und fünfundfünfzig Cents.«

»Donnerwetter. Da habt ihr aber viel Geld gespart«, antwortete der Kommissar, der nicht recht wusste, was er von der Geschichte halten sollte. Der damals vierjährige Oscar hatte an diese schreckliche Nacht sicherlich keine Erinnerungen mehr. Er wusste nur durch Erzählungen seiner Schwester davon. Anders war es bei Anette. Vielleicht hatte sie tatsächlich etwas gesehen. Und sie hatte fünf Jahre lang an ihrem Plan festgehalten, den Mörder ihrer Oma zu finden.

Anette sah den Kommissar zweifelnd an. »Die Summe reicht nicht, richtig? Wir könnten sie als Anzahlung betrachten. Den Rest stottern wir ab.«

Lagarde lächelte sie an. Die beiden waren wirklich bezaubernd.

»Dein Verhandlungsgeschick und deine Entschlossenheit beeindrucken mich, Anette. Hast du schon mal darüber nachgedacht, Anwältin zu werden?«

Das Mädchen erwiderte sein Lächeln. »Das habe ich mir auch schon überlegt.«

»Passt auf, ihr zwei. Lassen wir das Geld beiseite. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, was in jener Nacht passiert ist. Kannst du dich an irgendetwas erinnern, Anette? Kannst du die Person beschreiben, die aus dem Haus lief?«

Das Mädchen griff nach dem Kinderbuch und schlug es auf. Ein Rabe stand auf einer Wiese. Das schwarze Gefieder war aufgeplustert, der Schnabel war lang und krumm. Auf dem Rücken hatte er einen hellen Fleck.

Anette zeigte auf den Vogel. »So sah der Mann aus.«

»Wie ein Rabe?«

»Ja. Ich habe Zeichnungen angefertigt, Skizzen gemacht, ich habe nach Personen gesucht, die dem Mörder ähneln. Aber dieser Rabe aus dem Kinderbuch kommt der Gestalt am nächsten.«

Sie schien sich vollkommen sicher zu sein.

»Der Mann war schwarz angezogen. Als er aus der Remise kam, habe ich ihn im Profil gesehen. Er hatte eine Hakennase, geformt wie ein Schnabel. Und lange, schwarze Haare. Als er sich abwandte, konnte ich auf dem Rücken einen hellen Kreis erkennen. Im Licht der Straßenlaterne leuchtete er silbern auf. Ich glaube, in dem Kreis waren Buchstaben, ein A und ein W oder ein V. Ich bin mir aber nicht ganz sicher. Er war so schnell verschwunden.«

Lagarde fand, dass die Beschreibung des Mädchens von der Person ziemlich präzise war. Niemand hätte in der Nacht im Licht einer Straßenlaterne mehr erkennen können. Die Kinder waren durch den Schrei ihrer Oma jäh aus dem Schlaf gerissen worden, und der Mann hatte es eilig gehabt.

»Eure Oma hat im ersten Stock geschlafen?«, fragte er.

Anette nickte. »Ja, genau. Dort befand sich ihr Schlafzimmer.«

»Und wo habt ihr geschlafen?«

»Im Erdgeschoss. Oma hatte für uns ein Kinderzimmer eingerichtet. Es war das erste Zimmer rechts neben dem Salon.«

»War an dem Abend irgendetwas Außergewöhnliches? Hat eure Oma erzählt, dass sich tagsüber etwas Merkwürdiges ereignet hat?«

»Nein«, antwortete Anette. »Der Abend war wie immer total schön. Oma hatte vom Wochenmarkt ein gegrilltes Hühnchen mitgebracht. Dazu gab es Bohnengemüse und einen Auberginenauflauf. Das ist unser Lieblingsgericht. Nach dem Essen haben wir Elfer raus gespielt. Anschließend hat Oma meinen Bruder ins Bett gebracht, und ich habe die Küche aufgeräumt. Als Belohnung durfte ich mit ihr eine Fernsehkomödie ansehen. Gegen zweiundzwanzig Uhr sind wir ins Bett gegangen.«

»Wo befindet sich eigentlich das Haus eurer Oma?«, wollte Lagarde wissen.

»In Crasville, einem kleinen Ort zwischen Saint-Vaast-la-Hougue und Barfleur. Am Mühlenweiher 10«, erklärte Oscar.

»Wohnt da jemand?«, erkundigte sich Lagarde.

»Nein«, erklärte Oscar. »Das Haus steht leer. Mein Papa will das Haus seiner Mutter weder vermieten noch verkaufen. Es gab deswegen schon Streit mit Mama, aber er gibt nicht nach.«

»Ich verstehe. Und wo wohnt ihr?«

»Wir wohnen mit unseren Eltern und Eddi in Saint-Vaast«, antwortete Anette. »Schade, dass Eddi in jener Nacht nicht dabei war. Er hätte den Mörder geschnappt.«

»Wer ist Eddi?«

»Unser Hund.«

»Ach so.« Lagarde überlegte. »Passt auf. Wir machen Folgendes: Ich höre mich ein wenig um, und morgen treffen wir uns wieder. Müsstet ihr nicht eigentlich in der Schule sein?«

Anettes Wangen färbten sich rosa. »Wir haben uns krankgemeldet. Das Gespräch mit Ihnen hatte Vorrang.« Sie zögerte. Dann räumte sie ein: »Ich habe für Oscar die Unterschrift meiner Mutter gefälscht.«

Die Kleine hatte wirklich Nerven.

»Morgen machen wir das anders. Ihr geht in die Schule, und wir treffen uns am Nachmittag. Wie seid ihr denn hergekommen?«

»Mit dem Bus«, erklärte der kleine Junge. »Er fährt jede halbe Stunde. Das ist kein Problem. Und wir kommen lieber nach Barfleur.«

»In Ordnung. Dann schlage ich vor, dass wir uns morgen um fünfzehn Uhr hier im Bistro treffen. Einverstanden?«

Beide nickten ernst.

»Einverstanden.«

Anette und Oscar verabschiedeten sich und liefen Hand in Hand zur Bushaltestelle. Der kleine Junge hatte sich das Sparschwein unter den Arm geklemmt. Das Kinderbuch mit dem Raben hatten die beiden dagelassen. Lagarde blickte ihnen nachdenklich hinterher. Er überlegte, ob er ihre Eltern von dem Gespräch unterrichten sollte. So viele Familien mit dem Nachnamen Marsault würde es in Saint-Vaast nicht geben. Er beschloss, damit noch zu warten. Zunächst würde er einige Erkundigungen einziehen. Er war noch nicht bereit, die Geschichte der beiden als Kinderphantasien abzutun. Tatsächlich hatte er den Eindruck gewonnen, dass Anette in jener schlimmen Nacht etwas gesehen hatte. Sie meinte es ernst.

Lagarde hatte die Rechnung beglichen und überquerte den Quai Henri Chardon. Die Flut war inzwischen hoch genug angestiegen, um auslaufen zu können. Am Hafen ging er einige glitschige Stufen hinab und lief über die Mole zu seinem korallenroten Ruderboot. Mit Hilfe des Seils zog er es heran und sprang hinein. Er löste das Tau, stieß sich von der Kaimauer ab und ruderte zu seinem Boot, das an einer Boje mitten im Hafenbecken ankerte. Es war ein älteres, robustes Schiff der Marke ACM, mit dem man problemlos auf den rauen Ärmelkanal hinausfahren konnte, um zu angeln oder sich einfach die frische, salzige Brise um die Nase wehen zu lassen. Da es sich um einen Dreikieler handelte, kippte das Boot bei Ebbe nicht in den Schlamm. Nach wenigen kräftigen Ruderstößen erreichte Lagarde das Schiff, vertäute das Ruderboot an der Boje und erreichte über eine Metallleiter das Deck. Im Steuerstand startete er den Motor und fuhr langsam aus dem Hafen von Barfleur. Eine Wolkendecke hatte sich vor die Sonne geschoben und tauchte den Küstenstreifen, den Leuchtturm sowie die bizarren Felsgebilde in verwaschenes Grau. Die Meeresoberfläche glänzte wie gegossenes Blei.

Lagarde steuerte das Boot die Küste entlang in südlicher Richtung. Die Entfernung von Barfleur nach Crasville betrug etwa vier Kilometer. Als er die kleine Mole von Crasville-Plage erreichte, hatten sich die Wolken verzogen. Das Meer glitzerte in der Sonne. Er vertäute sein Boot an einem Eisenring, der in die Kaimauer eingelassen war, und begab sich an Land. Eine schmale, gerade Straße führte ihn über einige hundert Meter in den Marktflecken. Hinter der Dünenkette und dem Marschland erstreckten sich im fruchtbaren Tal der Saire Gemüseäcker, so weit das Auge reichte. Die Stille wurde nur von Vogelgezwitscher unterbrochen. Ein Reiher auf einem Bein verharrte neben einem Bachlauf. Auf einer Pferdekoppel schmiegte sich ein Fohlen an seine Mutter.

Als er den Weiler erreicht hatte, konnte er durch ein hohes, schmiedeeisernes Tor einen Blick auf das Manoir und die gepflegte Parkanlage werfen. Ein runder, von wildem Weinlaub umrankter Turm mit einer spitzen Schieferhaube bildete den Blickfang des Märchenschlosses. Dahinter führte die Straße »Am Mühlenweiher« in einem Bogen in den Ortskern. Nach wenigen Metern stand er vor der Hausnummer 10. Auf dem Briefkasten stand noch der Name der einstigen Bewohnerin: Germaine Marsault. Das Haus war weiß verputzt, die Fensterläden und das Tor der Remise waren himmelblau gestrichen. Die roten Dachziegel waren verwittert und von Moos überzogen.

Lagarde öffnete die Gartenpforte und ging zur Haustür, die ein stabiles Zylinderschloss hatte. Das Garagentor war verriegelt und verfügte über ein einfaches verrostetes Schloss. Lagarde zog den Riegel zurück. Das Tor war von innen verschlossen. Von einem Busch knickte er einen dünnen, geraden Zweig ab. Aus dem Briefkasten zog er einen Packen Reklame. Er schob ein Blatt Papier durch den Schlitz unter dem Tor hindurch. Der Bart des Schlüssels wurde in eine senkrechte Position gerückt und mit dem Ästchen nach innen geschoben. Klirrend fiel der Schlüssel auf das Papier. Vorsichtig zog er es zu sich und sperrte das Schloss auf. Seine Hand hatte er vorher mit einem Taschentuch umwickelt.

Wenn es tatsächlich einen Mörder gegeben hatte, war er höchstwahrscheinlich auf diese Weise in das Haus eingedrungen. Das Zylinderschloss der Eingangstür zu knacken, wäre nicht so einfach gewesen. Es hätte mehr Zeit und auch mehr Geschick erfordert, ebenso spezielles Einbruchwerkzeug. Ein nächtlicher Passant hätte vorbeikommen und den Einbrecher stören können.

Lagarde ließ das Holztor einen Spalt offen. Im Halbdunkel konnte er ein altes Fahrrad erkennen, das an der Wand lehnte. Auf einem deckenhohen Regal waren Gartenmöbel, Sonnenschirme und die auseinandergeschraubten Teile eines Grills eingelagert. Die Tür zur Küche war unverschlossen. Mit seinem Ellbogen drückte er die Klinke nach unten. Er betrat den kleinen quadratischen Raum und betrachtete die Einrichtung. Auf dem Tisch und der Arbeitsfläche befand sich eine dünne Staubschicht. Auch der Salon war möbliert. Offensichtlich hatte der Vater von Anette und Oscar das Haus seiner Mutter bisher nicht ausräumen wollen. Das Kinderzimmer schloss an den Salon an. An einer Wand stand ein Stockbett aus Holz. Gegenüber waren an einen Kleiderschrank Kinderzeichnungen geheftet. Es waren fröhliche Bilder mit gezackten Sonnen, tiefblauen Wellen und bunten Muscheln. Häufig waren ein großer, brauner Hund und zwei Kinder abgebildet – ein kleiner Junge und ein größeres Mädchen. Auf einer Korkplatte konnte man eine Fotocollage bewundern. Unterschiedlich große Bilder wurden von Nadeln mit bunten Köpfen aufgespießt. Abgebildet waren immer Anette, Oscar und ihre Oma Germaine Marsault.

Lagarde steckte ein Foto in die Innentasche seines Jacketts. Auf einem Sofa gab es Dutzende von Kuscheltieren, auf einem Rattanregal stapelten sich Kinderbücher. Es war ein liebevoll gestaltetes Zimmer für die Enkel von Germaine Marsault. Die beiden Kinder hatten die alte Dame offenbar gerne besucht. Durch das Unglück war ihre innige Beziehung jäh zerstört worden. Lagarde trat an das Fenster und schaute hinaus. Am Straßenrand direkt vor der Remise erhob sich eine Laterne. Vom Fenster zur Garagenausfahrt waren es schätzungsweise vier Meter. Es war durchaus möglich, von dieser Stelle aus einen Mann, der den Vorgarten durchschritt, so deutlich wahrzunehmen, dass man ihn beschreiben konnte.

Lagarde begab sich zur Treppe, die in den ersten Stock führte. An einem Steinsockel entdeckte er einen dunklen Fleck. Er ging davon aus, dass es sich um getrocknetes Blut handelte. Die alte Frau war bei dem Treppensturz gegen den Stein geprallt. Langsam stieg er in den ersten Stock hinauf. Im Schlafzimmer der alten Dame stellte er sich vor das Bett und versuchte sich vorzustellen, was sich vor fünf Jahren hier in diesem Raum zugetragen hatte. War Germaine Marsault aufgewacht und hatte beschlossen, nach unten zu gehen? Hatte sie nach ihren Enkelkindern schauen wollen? Hatte sie Durst gehabt und in der Küche ein Glas Wasser trinken wollen? Im Obergeschoss befand sich keine Toilette. War sie deshalb zur Treppe gegangen? Vielleicht war sie im Dämmerlicht gestolpert oder ausgerutscht. Oder hatte sich etwas ganz anderes hier abgespielt? Hatte es tatsächlich einen Eindringling gegeben? Hatte er die wehrlose, alte Frau gepackt, aus ihrem Bett gezerrt und die Treppe hinuntergestoßen? Aber warum? Hatte er sie gekannt? Sie gehasst? Hatte Germaine Marsault ihn bei seinem Einbruch überrascht? Lagarde schüttelte den Kopf. Er besaß zu wenige Informationen, um Schlussfolgerungen zu ziehen. Er ging zurück in den Salon. Von dort aus gelangte man durch eine Glastür auf die Terrasse. Er öffnete sie und trat auf die Steinplatten. Vor ihm lag ein großer Garten. Das Gras war verdorrt und braun. In der Frühlingssonne zeigten sich erste grüne Spitzen, die sich aus der Erde schoben. In einem Beet neben dem Schuppen sprossen gelbe Narzissen und rosa Krokusse. Auf der rechten Seite erhob sich ein prächtiger Feigenbaum. Das Grundstück wurde teilweise von einer Mauer umfriedet, auf der sich Bougainvilleas rankten. Davor reihten sich Oleanderbüsche. Im Süden wurde der Garten von niedrigem Buschwerk begrenzt.

Eine schwarze Katze erschien auf der Mauer und sprang auf die Wiese. Geschmeidig wie ein kleiner Panther bewegte sie sich auf Lagarde zu und strich schnurrend um seine Beine. Er streichelte sie, und sie warf sich auf den Rücken. Sanft kraulte er ihren samtenen Bauch.

»Du bist ja eine Schmusekatze«, sagte er.

»Was machen Sie hier?«, ertönte plötzlich eine energische Stimme. Hinter den Büschen stand eine Frau, die Hände resolut auf die breiten Hüften gestemmt. Sie war klein, rund und trug schwarze Kleidung.

»Das ist Einbruch.« Sie war empört. »Ich rufe die Polizei.«

Lagarde hob beschwichtigend die Hände. »Guten Tag, Madame. Mein Name ist Philippe Lagarde. Ich bin von der Polizei. Ich kann mich ausweisen.« Er zog seinen Dienstausweis aus der Jackentasche und hielt ihn hoch. »Darf ich näher kommen?«

Die Frau überlegte kurz. »Also gut. Aber nur bis zu den Büschen. Sonst schreie ich um Hilfe.«

Langsam lief Lagarde auf die grüne Barriere zu und reichte ihr seine Legitimation. Sie studierte den Ausweis genau. Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn, und sie kniff die Augen zusammen. Wellige, kastanienbraune Haare fielen um ihr volles Gesicht. Lagarde schätzte die Frau auf Ende sechzig.

»Kriminalkommissar sind Sie also.«

»Ja, Madame.«

»Und was machen Sie hier?«

»Vor fünf Jahren ist Ihre Nachbarin Germaine Marsault verunglückt.«

»Ja, ich weiß. Dieses schreckliche Ereignis werde ich nie vergessen. Wir waren gute Freundinnen. Ich vermisse sie noch immer schmerzlich.«

»Ich habe heute einen vagen Hinweis bekommen, dass der tragische Tod ihrer Freundin eventuell doch kein Unfall war. Deshalb möchte ich die Geschehnisse überdenken und mir ein Bild vor Ort machen. Das ist der Grund, warum ich mich hier umsehe.«

Die Frau reagierte entsetzt. »Wollen Sie damit andeuten, dass Germaine einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist? Das ist doch Unsinn. Die Polizei hat die Umstände damals sorgfältig geprüft. Aber wissen Sie was? Ich habe gerade frischen Kaffee gekocht. Trinken wir doch auf meiner Terrasse eine Tasse zusammen. Da lässt es sich besser reden, als hier über die Büsche hinweg.«

»Einverstanden, Madame.«

»Entschuldigen Sie, Monsieur le Commissaire. Mein Name ist Marie-Louise Proust. Mit dem weltberühmten Schriftsteller weder verwandt noch verschwägert. Leider. Kommen Sie bitte.«

Er folgte ihr über einen Trampelpfad, der sich durch eine Wiese schlängelte. Ihre Terrasse lag einladend in der Sonne. Auf einem Tisch standen eine Kaffeekanne, Milch, eine Bol und ein Teller mit Keksen.

»Setzen Sie sich bitte«, forderte sie ihn auf. »Ich hole nur rasch noch eine Bol.«

Geschäftig verschwand sie im Haus. Als sie zurückkehrte, schenkte sie Kaffee ein. Lagarde hatte den Eindruck, dass sie sich über seinen Besuch freute. Wahrscheinlich fühlte sie sich manchmal einsam und vermisste Menschen, mit denen sie reden konnte.

»Nehmen Sie sich doch einen Keks, Herr Kommissar«, forderte sie ihn auf. »Selbst gebacken und mit getrockneten Preiselbeeren.«

Lagarde griff zu und kostete. »Ausgezeichnet, Madame Proust«, lobte er sie.

Sie freute sich sichtlich.

»Sie haben es schön hier, Madame. Wohnen Sie alleine?«, erkundigte er sich.

»Ja, seit dem Tod meines Mannes lebe ich alleine. Die Kinder sind schon lange ausgeflogen. Germaine war auch verwitwet. Wir haben uns gegenseitig geholfen, so wie man es unter guten Nachbarn tut. Ab und zu haben wir Kaffee zusammen getrunken und uns unterhalten.«

»Sagen Sie, Madame Proust, ist Ihnen damals in jener Nacht etwas aufgefallen? Haben Sie etwas gehört?«

»Nein, Herr Kommissar. Mir ist gar nichts aufgefallen. Ich habe auch nichts gehört. Es war ein Unfall, ein tragisches Unglück. Ich denke, Germaine wollte nach Oscar und Anette schauen und ist auf der Treppe ausgerutscht. Wahrscheinlich hat sie das Licht nicht eingeschaltet, um Strom zu sparen. Dann ist es passiert. Die Arme! Sie hat so gerne gelebt und ihre Enkelkinder verwöhnt.«

Lagarde trank nachdenklich einen Schluck Kaffee. »Und wenn Sie den Tag vor dem Unfall Revue passieren lassen. Können Sie sich erinnern, was Sie da gemacht haben?«

Madame Proust nickte eifrig. Das Fragespiel gefiel ihr. Und dieser attraktive Mann, der so höflich und charmant war und so schöne, meerblaue Augen hatte, gefiel ihr auch.

»Normalerweise wüsste ich es nach fünf Jahren nicht mehr. Aber da der Unfall nachts geschah, kann ich mich erinnern. Ich hatte eine Freundin verloren und war dankbar, dass ich sie am Tag davor noch einmal sehen durfte. Es war Markt. Das Wetter war so herrlich wie heute. Ich hatte an einem Stand eine wunderschöne Seidenbluse entdeckt, die gar nicht teuer war. Auf dem Weg zum Fischhändler entdeckte ich Germaine auf der Terrasse des Bistros. Sofort musste ich ihr das Schnäppchen zeigen. Wir saßen in der Sonne und genossen unseren Kaffeeklatsch.«

Lagarde nickte. »Ein schöner Tag also.«

»Ja, es war wirklich ein schöner Tag.« Traurig fügte sie hinzu: »Er hätte so nicht enden dürfen.«

»Ist Ihnen beim Kaffeeklatsch etwas aufgefallen? Oder hat Madame Marsault etwas erwähnt, das ihr merkwürdig vorkam?«

Marie-Louise Proust wollte den Kopf schütteln, hielt jedoch abrupt inne. »Jetzt, wo Sie mich fragen, fällt mir doch etwas ein. Daran hatte ich nicht mehr gedacht.«

»Ja, Madame?«

»Während der Unterhaltung mit Germaine kreuzten sich meine Blicke für Sekunden mit denen eines Mannes. Ich dachte zunächst, er würde uns beobachten. Aber das habe ich mir sicherlich nur eingebildet.«

»Wo haben Sie den Mann gesehen?«

»Er stand, an einen Baum gelehnt, neben einem Marktstand. Er rauchte und starrte zu uns herüber. Ein Zufall wahrscheinlich.«

»Können Sie sich erinnern, wie er aussah?«

Madame Proust dachte angestrengt nach.

»Er war weder jung noch alt. Mir sind seine ungepflegten, langen Haare aufgefallen.«

»Waren die Haare hell oder dunkel?«

»Eher dunkel. Dunkelbraun oder schwarz, glaube ich.«

»Und die Größe? Die Figur?«

»Er war groß, massig irgendwie.«

»Wissen Sie noch, was er anhatte?«

»Einen Overall, so wie Handwerker ihn manchmal tragen. Er könnte dunkelgrau gewesen sein.«

»Fällt Ihnen sonst noch etwas zu dem Mann ein?«

»Sein Blick ließ mich frösteln. Sonst hätte ich ihn längst vergessen. Meinen Sie, diese Beobachtung ist von Bedeutung?«

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen, Madame Proust. Aber Ihre Beobachtungsgabe ist sehr gut.«

Stolz über das Lob, lächelte sie ihn an. »Nehmen Sie doch noch einen Keks.«

Der kleine, schwarze Panther kam auf die Terrasse und sprang auf den Schoß der Witwe. Dort rollte er sich zusammen und fixierte Lagarde mit seinen smaragdgrünen Augen.

»Ist das Ihre Katze?«, fragte er.

»Nein, sie gehörte Germaine. Ihre Familie wollte sie nicht. Sie haben einen Hund, der Katzen nicht ausstehen kann. Deshalb habe ich sie aufgenommen.«

»Sie hat es gut bei Ihnen.«

»O ja, das kann man wohl sagen.«

Madame Proust fütterte die Katze mit einem Keks.

Lagarde erhob sich. »Ich werde mich jetzt verabschieden, Madame Proust. Danke für den Kaffee und die leckeren Kekse. Es war sehr nett von Ihnen, mit mir zu sprechen.«

»Keine Ursache, Herr Kommissar. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie etwas herausfinden?«

»Das mache ich gern.«

»Ich glaube nach wie vor an einen Unfall. Aber wer weiß? Mein verstorbener Mann hat immer gesagt, es gebe Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns gar nicht vorstellen können.«

»Da kann ich Ihrem verstorbenen Mann absolut zustimmen«, erwiderte Lagarde.

»Auf Wiedersehen, Herr Kommissar.«

Lagarde lief durch den Garten und verschwand im ehemaligen Salon von Germaine Marsault. Sorgfältig verschloss er die Terrassentür. Madame Proust blickte ihm grübelnd nach. Und wenn er doch recht hatte? Trotz der Wärme schauderte sie.

Nachdenklich, die Hände in den Hosentaschen vergraben, schlenderte Lagarde zurück zur Mole. Stand die Beobachtung von Madame Proust in einem Zusammenhang mit dem Tod von Germaine Marsault? Oder war es nur ein Zufall gewesen, ein flüchtiger Eindruck? War man nicht besonders achtsam, wenn man seine Enkelkinder hütete? Wäre man so leichtsinnig, im Dunkeln eine Treppe hinunterzusteigen? Um Strom zu sparen? Er brauchte mehr Informationen.

Als er sein Boot aus dem kleinen Hafen steuerte, warf er einen letzten Blick auf Crasville. Der Marktflecken mit den efeuumrankten Granitsteinfassaden, der Kirche mit dem trutzigen Turm und den gepflegten Grünanlagen, auf denen Frühlingsblumen blühten, war wirklich bezaubernd. Man konnte sich kaum vorstellen, dass an so einem idyllischen Ort ein Verbrechen begangen worden sein sollte. Aufgrund seiner Erfahrung war ihm allerdings klar, dass es sich bei dieser Annahme um kompletten Unsinn handelte. Verbrechen gab es überall.

Lagarde fuhr auf das Meer hinaus und ankerte. Von seinem Standort aus konnte er direkt auf eine felsenumsäumte Bucht blicken. Türkisfarbene Wellen schwappten auf den Kieselstrand. Dahinter beschirmten knorrige Seekiefern einen Streifen feinen, hellen Sand. Er beschloss, mit seiner Lebensgefährtin Odette einen Bootsausflug dorthin zu unternehmen. Die einsame Bucht mit dem klaren Wasser würde ihr gefallen. Für den Abend hatte er sie und einige Freunde zum Essen eingeladen. Er wollte das schöne Wetter nutzen und auf der Terrasse grillen. Es sollte Steaks geben, die er noch besorgen musste. Fangfrische Fische als Vorspeise fehlten ebenfalls noch für das Menü.

Er holte zwei Angeln aus der Schlupfkabine, warf sie aus und steckte sie in die Rutenhalter. Im Steuerstand erhitzte er auf einem Gaskocher Wasser für einen Kaffee. Während er ihn trank, schaute Lagarde gedankenverloren auf die ruhige, tintenblaue See.

Inzwischen war es noch wärmer geworden, und er zog seinen Pullover über den Kopf. Das blaue T-Shirt, das er darunter trug, betonte seine saphirblauen Augen in dem gebräunten, attraktiven Gesicht mit der breiten, geraden Nase und den vollen Lippen. Lagarde war mittelgroß und von kräftiger Statur. Sein Körper war durch das jahrelange, intensive Sporttraining bei der Polizei muskulös. Nach einer Schussverletzung hatte er sich entschieden, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Bei einer Geiselnahme an einer Schule hatte ihn der bereits überwältigte, aber noch bewaffnete Täter in die Schulter geschossen. Seitdem war sein linker Arm nicht mehr hundertprozentig einsatzfähig und schmerzte manchmal. Jetzt hielt er gelegentlich Seminare an der Polizeiakademie in Rennes ab und trat bei Tagungen der Polizei als Referent auf. Seine Spezialgebiete waren Personenschutz, die öffentliche Sicherheit bei Großveranstaltungen, Deeskalationsmethoden, Verhandlungstechniken bei Gewaltverbrechen sowie Vorgehensweisen bei Terroranschlägen. Bei komplizierten Kriminalfällen, insbesondere bei Kapitaldelikten wie Mord, wurde er hin und wieder als Berater hinzugezogen.

Als die Schwimmer hüpften und sich davonmachen wollten, holte er die Angeln ein. Die erste prächtige Dorade landete in einem mit Wasser gefüllten Eimer. Bald folgten weitere Fische. Dicke Makrelen und schillernde Rotbarben. Lagarde war zufrieden mit seinem Fang. Er verstaute die Angeln und lichtete den Anker. Dann steuerte er auf den Hafen von Barfleur zu. Er legte an seiner Boje an und ruderte zum Kai. Den Eimer mit den Fischen stellte er auf die Ladefläche seines verbeulten, himmelblauen Renault Express.

Als die glutrote Sonne über dem Meer schwebte, bestellte er bei Gaston »Im Wind der Inseln« einen Pastis und eine Karaffe Eiswasser. Dazu schwarze und grüne, mit Mandeln gefüllte Oliven.

Während er den Anisschnaps mit viel Wasser trank, machte er sich in einem kleinen Buch Notizen. Es war ein Geschenk von Amélie, das sie in der Schule gebastelt hatte. Auf den roten Einband war ein Foto geklebt. Es zeigte das Mädchen, ihren Hund Lali und Lagarde vor einer imposanten, mit Muscheln, Treibholz und Strandgras verzierten Sandburg. Im Hintergrund rollten hohe Wellen ungestüm auf den Strand.

Der Kommissar klappte entschlossen das Notizbuch zu. Er hatte eine Idee. Rasch bezahlte er die Zeche und lief zu seinem Auto. Über die Küstenstraße fuhr er nach Crasville und erreichte den Marktflecken nach wenigen Minuten. Die Sonnenscheibe versank im Meer, der Himmel färbte sich orange, das Licht wurde weicher, die Luft kühlte ab. Er fand einen Parkplatz vor dem Bistro und ging hinein. So wie er es erwartet hatte, fand er einheimische Männer, versammelt um den Tresen, beim Aperitif vor. Handwerker, Fischer, Angestellte und Künstler hatten das Bedürfnis, den Tag bei einem Glas Wein ausklingen zu lassen und sich zu unterhalten, bevor sie zum Abendessen nach Hause gingen. Neugierige Blicke trafen den fremden Mann. Ohne zu zögern, stellte sich Lagarde an die Theke, grüßte in die Runde und bestellte beim Wirt einen Mokka. Er legte seinen Dienstausweis und das Foto von Germaine Marsault auf die glänzende Mahagonioberfläche.

»Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen«, begann er. »Diese alte Dame verunglückte vor fünf Jahren in ihrem Haus, Am Mühlenweiher 10. Sie hieß Germaine Marsault. Mitten in der Nacht stürzte sie die Treppe hinab und starb an ihren Verletzungen.«

Die Gäste studierten die Ablichtung. Einer von ihnen, ein gepflegter alter Herr mit Hemd, Weste und burgunderroter Fliege, meldete sich zu Wort.

»Ich habe Germaine gut gekannt. Sie war Mitglied des Gesangsvereins, so wie ich. Wir waren damals sehr betroffen über dieses Unglück.« Fragend musterte er Lagarde. »Es war doch ein Unfall?«