Der König der dunklen Kammer - Rabindranath Tagore - E-Book

Der König der dunklen Kammer E-Book

Rabindranath Tagore

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Beschreibung

Tagores großes mystisches Drama versetzt uns in ein Land, dessen König sich niemals sehen lässt. Da taucht plötzlich ein "Ersatzkönig" auf. 1910 erschien das Werk des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore, des bengalischen Dichters, Philosophen, Malers, Komponisten, Musikers und Brahmo-Samaj-Anhängers, unter dem Titel Raja und 1914 im Englischen unter The King of the Dark Chamber.

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Rabindranath Tagore: Der König der dunklen Kammer

Inhaltsverzeichnis
Rabindranath Tagore: Der König der dunklen Kammer
Personen
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.

Personen

Der König

Königin Sudarschana

König von Kanya Kubja, ihr Vater

Avanti Koschala Kantschi Vidarbha Kalinga Pantschala Virat

Könige

Surangama Rohini

Ehrendamen der Königin

Virupakscha Vischu

Bürger

Janardan Kaundilya Bhavadatta

Reisenden

Kumbha Madhav Vivajadatta

Landleute

Der Großvater

Der tolle Freund

Minister Bote Türhüter

des Königs Kanya Kubja

Dienerin der Königin Sudarschana

Erster Zweiter

Gärtner

Stadtwächter

Suvarna, der falsche König

Erster Zweiter

Herold des »Königs«

Bürger, Landleute, Gärtner, Knaben

Reisende, Wachen.

I.

Eine Straße.  Etliche Reisende und ein Stadtwächter.

Erster Mann

He, Mann!

Stadtwächter

Was wollt ihr?

Zweiter Mann

Welchen Weg haben wir zu gehn? Wir sind hier fremd. Bitte, sage uns, welches die rechte Straße ist.

Stadtwächter

Wohin wollt ihr gehn?

Dritter Mann

Wo dieses große Fest stattfinden soll, weißt du. Welchen Weg gehen wir?

Stadtwächter

Eine Straße ist hier genau so gut wie die andre. Jede Straße wird euch hinführen. Geht geradeaus, und ihr könnt den Ort nicht verfehlen.

Ab.

Erster Mann

Hört nur, was der Narr sagt: »Jede Straße wird euch hinführen!« Was hätte das dann für einen Sinn, so viele Straßen zu haben?

Zweiter Mann

Du brauchst darüber nicht so außer dir zu sein, mein Lieber. Es steht einem Land frei, seine Sachen auf seine eigne Art einzurichten. Was Straßen betrifft in unserm Land – nun, so sind so gut wie keine vorhanden; enge, krumme Gäßchen, ein Labyrinth von Wagen- und Fußspuren. Unser König glaubt nicht an freie Fahrstraßen; er meint, so viele Straßen im Land, so viele Ausgänge für seine Untertanen, seinem Königreich zu entfliehen. Hier ist es gerade das Umgekehrte; niemand steht einem im Weg, niemand hat etwas dagegen, daß man anderswohin geht, wenn man Lust hat; und doch denken die Leute nicht daran, dieses Reich zu verlassen. Bei solchen Straßen wäre unser Land sicher in kürzester Frist entvölkert.

Erster Mann

Mein lieber Janardan, ich habe immer bemerkt, daß das ein großer Fehler an deinem Charakter ist.

Janardan

Was denn?

Erster Mann

Daß du immer auf dein Land sticheln mußt. Wie kannst du glauben, freie Landstraßen könnten für ein Land gut sein? Sieh einmal, Kaundilya, da ist ein Mann, der tatsächlich glaubt, freie Landstraßen seien die Rettung für ein Land.

Kaundilya

Nun, Bhavadatta, ich brauche wohl nicht erst von neuem festzustellen, daß Janardan mit einem merkwürdig schiefen Verstand gesegnet ist, der ihn sicher eines Tages in Gefahr bringen wird. Wenn der König von unserm werten Freund zu hören bekommt, wird er es ihm nicht gerade leicht machen, einen zu finden, der für sein Begräbnis sorgt, wenn er tot ist.

Bhavadatta

Man hat doch das Gefühl, daß das Leben in diesem Lande recht schwer sein muß; man vermißt die Freuden der Einsamkeit in diesen Straßen – dieses Drängen und Schulterstreifen mit fremden Menschen bei Tag und Nacht läßt einen nach einem Bad verlangen. Und mit was für einer Sorte Menschen mag man auf diesen öffentlichen Wegen zusammenkommen – puh!

Kaundilya

Und gerade Janardan hat uns überredet, in dieses kostbare Land zu kommen! Wir hatten nie einen Zweiten seines Schlages in unsrer Familie. Du hast meinen Vater natürlich gekannt; er war ein großer Mann, ein frommer Mann wie nur einer. Er verbrachte sein ganzes Leben innerhalb eines Kreises von 49 Ellen Radius, der mit peinlicher Befolgung der Gebote der heiligen Schriften gezogen war, und nie überschritt er diesen Kreis auch nur ein einziges Mal. Nach seinem Tode erhob sich eine ernsthafte Schwierigkeit – wie sollte man ihn innerhalb der Grenzen der 49 Ellen unddoch außerhalb des Hauses verbrennen? Schließlich entschieden die Priester, daß wir zwar nicht über die Schriftzahl hinausgehen durften, daß es aber einen Weg aus der Schwierigkeit gab, die Ziffer umzukehren und 94 Ellen zu nehmen; nur so konnten wir ihn außerhalb des Hauses verbrennen, ohne die heiligen Bücher zu verletzen. Auf mein Wort, das war genaue Befolgung! Unser Land hat wirklich nicht leicht seinesgleichen.

Bhavadatta

Und doch will Janardan, der dem nämlichen Boden entstammt, uns weismachen, freie Landstraßen seien das beste für ein Land.

Die Fremden gehen ab. Der Großvater mit einer Knabenschar tritt auf.

Großvater

Jungen, heute müssen wir es mit dem wilden Südwind aufnehmen – und wir wollen uns nicht schlagen lassen. Wir wollen singen, bis wir mit unsern Jubelliedern alle Straßen überflutet haben.

Lied

Das Südtor ist entriegelt. Komm, mein Frühling, komm! Schwing' dich zum Schwung meines Herzens, komm, mein Frühling, komm! Komm in den lispelnden Blättern, in den Blüten, die froh sich verschwenden; Komm in den Flötenliedern und den sehnenden Seufzern der Wälder! Laß dein loses Gewand wild flattern im trunkenen Wind! komm, mein Frühling, komm!

Ab. Eine Schar von Bürgern tritt auf.

Erster Bürger

Schließlich kann man nur wünschen, daß der König sich wenigstens an diesem einen Tag hätte sehen lassen. Es ist doch sehr schade: man lebt in seinem Königreich und hat ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen!

Zweiter Bürger

Kenntest du nur den wirklichen Sinn dieses Geheimnisses! Ich könnte ihn dir sagen, wenn du schweigen könntest.

Erster Bürger

Lieber Freund, wir wohnen beide im nämlichen Stadtviertel, aber hast du je gehört, daß ich irgend jemandes Geheimnis ausgeplaudert hätte? Natürlich, die Sache damals, als dein Bruder beim Graben eines Brunnens einen Schatz gefunden hatte – nun, du weißt ganz gut, warum ich darüber reden mußte. Du kennst den ganzen Zusammenhang.

Zweiter Bürger

Natürlich kenne ich ihn. Und weil ich ihn kenne, frage ich, könntest du schweigen? Weißt du, es könnte Verderben für uns alle bedeuten, wenn du ein einziges Mal davon sprächest.

Dritter Bürger

Du bist mir ein netter Mensch, Virupakscha! Warum brennst du darauf, ein Unheil herbeizuführen, das bis jetzt nur geschehen kann?

Wer wird die Verantwortung auf sich nehmen wollen, dein Geheimnis sein ganzes Leben lang zu wahren?

Virupakscha

Es war nur, weil die Rede darauf kam – also gut, ich werde nichts sagen. Ich bin nicht der Mann, der unnütz redet. Ihr hattet selbst die Frage aufs Tapet gebracht, daß der König sich nie zeigt; und ich bemerkte bloß, es sei nicht umsonst, daß der König sich vor dem Blick der Öffentlichkeit verschließt.

Erster Bürger

Bitte, sag uns, warum, Virupakscha.

Virupakscha

Natürlich nehme ich keinen Anstand, es euch zu sagen – wir sind ja alle gute Freunde, nicht wahr? Das kann nicht gefährlich sein. (Mit leiser Stimme:) Der König – ist – häßlich –, so hat er den Entschluß gefaßt, sich seinen Untertanen nie zu zeigen.

Erster Bürger

Hah! Das ist es! Das muß es sein. Wir haben uns immer gewundert..., der bloße Anblick eines Königs läßt die Menschen in allen Ländern vor Furcht zittern wie Espenlaub; warum sollte da unser König sich von keinem sterblichen Auge je sehen lassen? Selbst wenn er nur herauskäme, um uns alle zum Galgen zu verdammen, könnten wir sicher sein, daß unser König kein Trug ist. Schließlich scheint mir Virupakschas Erklärung doch ganz einleuchtend.

Dritter Bürger

Nicht die Spur – ich glaube keine Silbe davon.

Virupakscha

Wie, Vischu, willst du sagen, ich wäre ein Lügner?

Vischu

Das gerade nicht – aber ich kann deine Theorie nicht annehmen. Entschuldige mich, ich kann nichts dafür, wenn ich ein bißchen grob und plump scheine.

Virupakscha

Kein Wunder, daß du an meine Worte nicht glauben kannst – wo du dich weise genug dünkst, die Meinungen deiner Eltern und Oberen zu verwerfen. Wie lange, glaubst du, hättest du in diesem Lande bleiben dürfen, wenn der König nicht im Verborgenen bliebe? Du bist nicht besser als ein offenkundiger Ketzer.

Vischu

Mein lieber Pfeiler der Rechtgläubigkeit! Glaubst du, irgendein anderer König hätte gezögert, dir die Zunge abschneiden und sie den Hunden zum Fraß vorwerfen zu lassen? Und du hast die Stirne, zu sagen, unser König wäre den Augen ein Greuel?

Virupakscha

Hör einmal, Vischu, willst du deine Zunge im Zaum halten?

Vischu

Man braucht wohl nicht erst festzustellen, wessen Zunge einen Zaum braucht.

Erster Bürger

Jetzt wird die Sache gefährlich. Da mache ich lieber nicht mit.

Ab. Eine Zahl Männer tritt auf, die in lärmendem ÜbermutGroßvatermit sich schleppen.

Zweiter Bürger

Großpapa, etwas fällt mir heute auf ...

Großvater

Was ist es?

Zweiter Bürger

Dies Jahr hat jedes Land seine Leute zu unserm Fest entsandt, doch jedweder fragt: »Alles ist reizend und schön – wo aber ist euer König?« und wir wissen nicht, was wir antworten sollen. Das ist die eine große Lücke, die sich jedem in unserm Lande fühlbar machen muß.

Großvater

»Lücke«, sagst du! Wie, das ganze Land ist ganz erfüllt und geladen und gestopft voll von dem König: und du nennst ihn eine »Lücke«! Wie, er hat jeden einzigen unter uns zum gekrönten König gemacht!

Gesang

Wir sind alle Könige im Königreich unsres Königs. Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen! Wir tun, was wir wollen, und tun doch, was er will; Nicht als furchtgefesselte Sklaven liegen wir ihm zu Füßen. Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen! Unser König ehrt jedweden von uns, und dadurch ehrt er sich selbst. Keine Armseligkeit kann uns für immer umschließen mit ihren Wällen der Lüge. Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen! Wir bahnen uns mühsam den eigenen Pfad und erreichen so seinen am Ende. Wir können nimmer verlorengehn im Abgrund der dunklen Nacht. Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!

Dritter Bürger

Aber wirklich, ich kann die sinnlosen Sachen nicht mit anhören, die die Leute über unsern König sagen, bloß weil er sich nicht öffentlich zeigt.

Erster Bürger

Stellt euch nur vor! Jeder, der mich beleidigt, kann bestraft werden, während niemand einem Schuft den Mund stopfen kann, dem es einfällt, auf den König zu schimpfen.

Großvater

Der Schimpf kann den König nicht treffen. Mit einem bloßen Hauch kannst du die Flamme ausblasen, die eine Lampe von der Sonne borgt, aber wenn auch die ganze Welt versuchte, die Sonne auszublasen, bliebe ihr strahlender Glanz unverdunkelt und ungeschwächt wie zuvor.

Vischu und Virupakscha treten auf.

Vischu

Da ist der Großvater! Hör doch, dieser Mann geht herum und erzählt jedem, unser König käme nicht heraus, weil er häßlich wäre.

Großvater

Aber warum macht dich das ärgerlich, Vischu? Sein König muß häßlich sein, denn wie könnte sonst Virupakscha in seinem Königreich so ein Gesicht haben? Er formt seinen König nach seinem Bilde, wie er es im Spiegel sieht.

Virupakscha

Großvater, ich will keine Namen nennen, aber keinem würde es einfallen, dem nicht zu glauben, der mir die Neuigkeit anvertraute.

Großvater

Bist du selbst denn nicht die beste Autorität?!

Virupakscha

Aber ich könnte dir Beweise geben...

Erster Bürger

Die Unverschämtheit dieses Burschen kennt keine Grenzen! Nicht zufrieden, mit dreister Stirn ein abscheuliches Gerücht zu verbreiten, will er seine Lügen mit Frechheit aufwägen.

Zweiter Bürger

Warum nehmen wir ihm nicht in ganzer Länge das Maß hier am Boden?

Großvater