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Der Kräuterheiler Anton ist über die bayerischen Landesgrenzen hinaus für seine Erfolge bekannt. Gemeinsam mit seiner Enkelin lebt er auf einem idyllischen Anwesen am Tegernsee. Als eine Lungenkrankheit grassiert, findet er die heilende Kräutermedizin. Jansen, Chef eines Pharmakonzerns, ist das ein Dorn im Auge. Mit allen Mitteln versucht er, an die geheime Rezeptur zu gelangen. Da erschüttert ein Giftanschlag das Tegernseer Tal, und Hauptkommissarin Erna Salvermoser muss samt ihrem Polizeimops Ganghofer ermitteln. Kurz darauf ist Anton verschwunden …
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Birgit Mayr
Der Kräuterheiler vom Tegernsee
Kriminalroman
Giftiges Geheimnis Babette lebt seit dem Tod ihrer Eltern bei ihrem Großvater Anton, der von den Einheimischen der »Kräuterheiler vom Tegernsee« genannt wird. Der Kräuterkundige ist über die bayerischen Landesgrenzen hinaus für seine außergewöhnlichen Heilerfolge bekannt. Als eine gefährliche Lungenkrankheit grassiert, findet er die heilende Kräutermischung. Dem Chef eines Hamburger Pharmakonzerns ist das ein Dorn im Auge. Er versucht mit allen Mitteln, an die heilende, gewinnversprechende Rezeptur zu gelangen und schickt den gutaussehenden Sebastian Grewe an den Tegernsee. Er soll Babette umgarnen und ihr die Information entlocken. Als ein Giftanschlag das Tegernseer Tal erschüttert und der Kräuterheiler spurlos verschwindet, nimmt die schrullige Hauptkommissarin Erna Salvermoser mit ihrem Polizeimops Ganghofer die Ermittlungen auf.
Birgit Mayr wurde 1963 in Bad Tölz geboren, ist Mutter zweier erwachsener Söhne und lebt zusammen mit ihrem Ehemann in der Nähe der Kreisstadt. Die beiden führen gemeinsam ein mittelständisches Unternehmen. Die ausgebildete Heilkräuterkundige verbrachte einen großen Teil ihrer Jugend am Tegernsee, an dem sie sich noch immer gerne aufhält. In ihrer Freizeit bietet sie mit Freundinnen historische und kulinarische Stadtführungen durch Bad Tölz an. »Der Kräuterheiler vom Tegernsee« ist Birgit Mayrs erster Krimi im Gmeiner-Verlag.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2023 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © birdys / photocase.de
ISBN 978-3-8392-7504-7
Es kündigte sich ein verheißungsvoller Tag an, als Babette in aller Herrgottsfrüh vor ihren Hof am Tegernsee trat, den sie gemeinsam mit ihrem Großvater Anton bewohnte.
Die Kirchturmuhr von Rottach-Egern schlug achtmal. Babette warf einen Kontrollblick auf ihre Armbanduhr. Im Haus war alles still. Der Großvater war kurz nach Sonnenaufgang mit seinem Weimaraner Aaron aufgebrochen, um Kräuter und Wurzeln zu sammeln. Nur Kater Giacomo patrouillierte über das Grundstück, um sich zu vergewissern, dass in seinem Revier alles in Ordnung war und keine Maus auch nur einen Fuß auf das weitläufige Gelände setzen konnte. Giacomo und Aaron duldeten einander. Es war nicht so, dass sie sich liebten, aber sie akzeptierten sich. Manchmal versteckte sich Giacomo in einem Busch und wartete so lange, bis Aaron vorbeikam. Mit einem Satz sprang er dann heraus und wischte dem verdutzten Aaron mit der Pfote durchs Gesicht. Bevor der sich ansatzweise von seinem Schreck erholen konnte, war Giacomo schon auf den nächsten Baum geflüchtet, unter dem Aaron dann so lange bellend saß, bis es ihm zu blöd wurde und er sich wieder ins Haus trollte.
Nach dem Unfalltod ihrer Eltern vor 17 Jahren war Babette als Achtjährige zu ihren Großeltern gekommen. Ein 18-jähriger Autofahrer hatte eine rote Ampel übersehen und war in das Auto ihrer Eltern gekracht. Sie hatten keine Chance gehabt. In den ersten Jahren nach dem Unglück hatte die Großmutter noch gelebt, aber der Verlust ihres geliebten Sohnes und seiner Frau hatte sie an gebrochenem Herzen sterben lassen. Seitdem lebten Babette und der Großvater alleine in dem bäuerlichen Anwesen. Tante Theres kam fünfmal die Woche zu ihnen und kümmerte sich um den Haushalt. Ihr konnte Babette das Herz ausschütten, wenn es um Dinge ging, die Männer nicht verstanden.
Wenn der Kummer sie zu überwältigen drohte, suchte Babette Trost in der kleinen Antoniuskapelle, die ihr Urgroßvater, der ebenfalls Anton geheißen hatte, neben dem Hof errichten ließ, als er unbeschadet aus dem Krieg nach Hause gekommen war. In einer ausweglosen Situation auf dem Kriegsfeld hatte er geschworen, eine Kapelle zu bauen, sollte er die Schlacht überleben. Und wie durch ein Wunder hatte er überlebt. Für Babette war diese kleine Kapelle ein Zufluchtsort, den sie seit dem Tod ihrer Eltern immer wieder aufsuchte und dort das stumme Gespräch mit dem heiligen Antonius suchte. Er gab ihr Kraft und Trost zugleich.
Vom Hof aus hatte man einen herrlichen Blick über den Tegernsee. Babette schaute skeptisch auf das Wasser. Erste Schaumkronen hatten sich gebildet und kündeten einen eventuellen Wetterumschwung für den Nachmittag an, wenn der Föhnwind, der über den Alpenkamm zog, nachließ.
Vereinzelte Frühaufsteher ließen ihre Surfboards zu Wasser und hofften auf den perfekten Wind, meist Einheimische, denn die Münchner, von den Leuten im Tegernseer Tal die »Stoderer« genannt, überrannten am Wochenende frühestens um 10 Uhr das Tal, vorher kamen sie nicht aus ihren Betten. Stundenlang standen sie dann auf der Straße, oft schon ab der Salzburger Autobahn, Ausfahrt Holzkirchen. In Gmund teilten sich die Reihen. Die einen zog es rechts nach Bad Wiessee, die anderen links nach Tegernsee oder Rottach. Und gegen 17 Uhr das gleiche Spiel zurück nach München. Wer in diesen Stoßzeiten in den Wehen lag, der hatte schlichtweg Pech, oder man brachte das Kind zu Hause oder im Auto zur Welt, denn bis nach Agatharied ins Krankenhaus dauerte es mit Stau viel zu lange.
Bis Ende der 90er hatte man noch in Tegernsee entbinden können. Heute entstanden auf dem ehemaligen Krankenhausgelände exklusive Wohnungen für die »Zuagroasten«, also die Zweitwohnungsbesitzer. Seinen Zweitwohnsitz im Tal zu haben, galt als schick. Es war das südliche Sylt mit der gleichen Schickeria. Sehen und gesehen werden, lautete das Motto, nur dass hier der Allradantrieb des Porsche Cayenne im Winter zum Einsatz kam, wogegen es in Sylt einfach nur cool war, ein solches Auto zu fahren.
Aber Gott sei Dank gab es auch die ganz normale Landbevölkerung. Man kannte sich von der Schule, und man wusste, wer mit wem und wann und wo.
Und erst im Sommer die Waldfeste rund um den See! Als junges Mädchen hatte Babette den ersten Festen entgegengefiebert, traf man dort doch den einen oder anderen Schwarm aus der Schule. Das Dirndl war obligatorisch, nicht so wie in München, wo man nur zum Oktoberfest Tracht trägt.
Babette atmete die laue Mailuft ein, reckte und streckte sich. Der Flieder stand in voller, duftender Blüte, und der weit ausladende Holler vor dem Hof setzte seine ersten zarten Blütentriebe an. Im Geiste verneigte sie sich vor dem Holunderbaum. Das hatte ihr der Großvater schon in Kindheitstagen so eingebläut.
»Zieh vor am Holler immer den Hut. Er is a zauber- und heilkräftige Pflanzn und beschützt dein Haus vor bösen Geistern. Und, ganz wichtig, fäll nie an Holler. Er sucht sich di aus, und wenn er vor deim Haus wachsen will, dann lass ihn, sonst passiert a Unglück.«
Mag es Zufall sein oder nicht – als der Nachbar vor zehn Jahren auf dem Nachbargrundstück bauen wollte, stand ihm ein Holunderbaum im Weg. Er fällte den Baum, und kurz danach kam er bei Waldarbeiten ums Leben. Seitdem brachte Babette dem Holler noch mehr Respekt entgegen und zog zumindest innerlich den Hut. Im Frühjahr erfreute sie sich an seinen Blüten, die sie zu Sirup oder zu Hollerkiachal, einem Schmalzgebäck, verarbeitete. Die Großmutter hatte sie gelehrt, wie man diese Köstlichkeit zubereitet. Mit Vanilleeis und Schlagrahm serviert, ließ das den besten Sternekoch erblassen, und davon gab es einige im Tegernseer Tal. Im Herbst presste sie die Beeren des Holunders zu Saft, der im Winter über manch einen grippalen Infekt hinweghalf.
»Hollersaft«, sagte der Großvater immer, »is oans unserer heilkräftigsten Mittel, des wir haben. Man muass den Saft aber nach dem Pressen kurz erhitzen, ansonsten is er giftig und man kimmt vom Häusl ned mehr runter.«
Babette wollte es als junges Mädchen nicht glauben und hatte ein halbes Glas unerhitzten Saft getrunken. Danach wusste sie, dass der Großvater recht hatte.
Die letzten Schneefelder waren auf dem Wallberg noch zu sehen. Babette war froh, dass der lange Winter endlich vorbei war, obwohl sie es sehr genossen hatte, in Kreuth Langlaufen zu gehen, meist ganz in der Früh, wenn die ersten Sonnenstrahlen es über die Berge geschafft hatten und in der Weißach einen glitzernden Tanz aufführten, während man leise durch den Wald am Fluss entlangglitt. Hie und da begegnete man einem Reh oder einem Fuchs. Babette liebte diese einsamen Stunden.
Sie bemerkte ihren Großvater, der über die Wiesen auf den Hof zukam, den Blick auf den Boden gerichtet. Aaron trabte treu ergeben neben ihm her. Großvater trug, wie jeden Tag, seine braune Lodenjacke und seine speckige Lederhose, die er von seinem Vater und der wiederum von seinem Großvater geerbt hatte. Babette mochte sich gar nicht vorstellen, was alles zutage kommen würde, betrachtete man die Hose durch ein Mikroskop. In der Hand trug er eine kleine Sichel, die er immer zum Kräutersammeln mitnahm, und einen kleinen Leinenrucksack.
»Griaß di, Babl«, rief er schon von Weitem. »Kriag i no an Kaffee?«
»Freilich, Großvater«, erwiderte sie lächelnd.
Er ging zum Brunnen vor dem Haus und wusch sich seine Hände. Das konnte er sich nicht abgewöhnen. Seit Jahrzehnten gab es im Haus fließendes Wasser, aber er wusch sich die Hände am Brunnen, wie er es als Kind schon gemacht hatte. Dort kam das Wasser von der eigenen Quelle. Er machte eine hohle Hand und trank das Wasser aus ihr. Das war sein morgendliches Ritual.
»Des is a b’sonders Wasser, Babl«, sagte er, seit sie denken konnte. »Des Wasser kann heilen! Trink jeden Tag a Glaserl davon, des tut dir gut.«
Ächzend nahm er auf der Hausbank Platz und wischte sich mit seinem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. »Oh mei, i werd aa ned jünger.« Er lachte verschmitzt unter der Krempe seines Trachtenhutes hervor, den er energisch hin und her schob, bis er wieder richtig saß.
»Ja mei, Großvater, a Verjüngungskraut host no ned g’funden, gell?« Sie stellte ihm ein Haferl Milchkaffee hin und reichte ihm eine Butterbreze, die sie für ihn zubereitet hatte. Genüsslich tunkte er diese in den heißen Kaffee. Babette konnte nicht hinschauen, sie hasste es, wenn Fettaugen im Kaffee schwammen.
»Host heid no a Kundschaft, Großvater?«
Anton kratzte sich an seinem Vollbart. »Ja, so a Preiß aus Düsseldorf kimmt heid no. Keine Ahnung, woher der mei Adresse hod.«
Babette schmunzelte. Ihr Großvater war ein sogenannter Heil- und Kräuterkundler, man nannte ihn den »Kräuterheiler vom Tegernsee« oder oft auch nur »Bergheiler«. Er besaß, wie man munkelte, den erweiterten Blick. Die Alten raunten, er sei Vermittler zwischen den Ahnen und er könne viele Leiden abbeten. Von nah und fern kamen die Leute und suchten seinen Rat. Offiziell durfte er nicht therapieren, da ihm die Ausbildung dazu fehlte, aber sein Heilwissen, welches er wiederum von seiner Großmutter erlernt hatte, seine Gebete und die Heilerfolge hatten sich herumgesprochen. Und so gab man hinter vorgehaltener Hand seine Adresse weiter. Er verlangte kein Geld für seine Dienste, nur bei besonders Reichen ein Opfergeld für den heiligen Antonius, seinen Schutzpatron, der ihm, wie er sagte, mit Rat und Tat zur Seite stand.
Hinten im Hof hatte der Großvater sein Konsultationszimmer. Es war das umgebaute Schlafzimmer seiner verstorbenen Frau Kreszenz und ihm. Ein einfacher Holztisch und vier Stühle standen darin, zwei vor dem Tisch und zwei gegenüber. An den mit Holz vertäfelten Wänden hingen alle möglichen Heiligen, vor allen Dingen die 14 Nothelfer, die man in allen Lebenskrisen anrufen konnte. Mal waren es Hinterglasbilder, mal in Öl gemalt oder einfach als Kunstdruck. Am Rande des Tisches stand eine große Antoniusfigur mit dem Jesuskind auf dem Arm, der über alles zu wachen schien. Das angrenzende Esszimmer mit der geschnitzten Eckbank und dem Herrgottswinkel diente als Wartezimmer.
Der Großvater wischte sich seine von der Butterbrezen fettigen Finger an der Lederhose ab. Dafür war sie schließlich da. Babette erschauerte innerlich, wenn sie daran dachte, wie viele Generationen sich an dieser Lederhose schon die Finger abgewischt hatten.
»Was host denn heid alles g’sammelt, Großvater?«, fragte Babette und warf einen prüfenden Blick in seinen Leinenrucksack, den er neben sich auf der Bank abgestellt hatte.
»I hob a paar junge Brennnesseln, Löwenzahn und Spitzwegerich mitg’nommen, a bissal Lärchenharz eing’sammelt und a Meisterwurz oben am Berg g’stochen. Es is grad abnehmender Mond, wie du woaßt, die beste Zeit zum Wurzelnstechen. Die Säft der Pflanzn ziehen sich dann in die Wurzel z’ruck und entfalten die größte Heilkraft.«
Babette war mit den Heilkräutern vertraut. Schließlich zierten etliche Tinkturfläschchen, Tees und Salben die Regale des Hofes, und auf dem Speicher hingen unzählige Kräuterbuschen und getrocknete Wurzeln vom letzten Jahr und warteten darauf, verarbeitet zu werden. Ihr Großvater rührte alle Salben und Tinkturen selbst an. Für jedes Wehwehchen hatte er das passende Kraut. Hatte er das, in welcher Form auch immer, verabreicht und seine Gebete gesprochen, ließ die Heilung nicht lange auf sich warten. Babette erinnerte sich noch gut daran, wenn sie als Kind mit aufgeschlagenen, blutenden Knien nach Hause gekommen war. Großvater hatte dann ein paar Spitzwegerichblätter aus der Wiese abgezupft, sie zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer klebrigen Masse zerquetscht und ihr diese als natürliches Wundpflaster auf das Knie geschmiert. Und wenn ihr bei einer längeren Wanderung die Füße wehgetan hatten, hatte er ihr ein Blatt des Breitwegerichs unter ihre Fußsohle gelegt, was eine wohltuende Wirkung erzeugte.
Jedes Jahr im Frühling, wenn der Schnee noch nicht ganz geschmolzen war, aber die ersten warmen Sonnenstrahlen den Vögeln ein fröhliches Zwitschern entlockten, ging der Großvater, bewaffnet mit großen Flaschen, einem Handbohrer und mehreren Strohhalmen, in ein nahe gelegenes Birkenwaldstück. Zunächst legte er ein Ohr an die Birke, um zu hören, wo sich die Wasserader befand, sprach ein stilles Gebet und bat den Baum um seinen Saft. Vorsichtig setzte er dann den Handbohrer an und bohrte ein kleines Loch durch die Rinde, bis er auf die Wasserader stieß. Er steckte einen Strohhalm hinein, dessen anderes Ende in eine Glasflasche führte. Die Flasche band er an den Baum. Nach ein paar Stunden war die Flasche gefüllt, er zog den Strohhalm raus und verschloss das kleine Loch mit Baumkitt, da die Birke sonst ausbluten und absterben würde. Babette musste jeden Tag ein kleines Glas des Wassers trinken. Es schmeckte süß, roch nach Vanille und entgiftete den Körper nach den langen Wintermonaten, war gut für die Nieren und half gegen Harnwegsinfekte. Äußerlich aufs Haar aufgetragen, sollte es den Haarwuchs fördern. Die Birke gab nur ein paar Tage im Jahr ihr Wasser ab. Mit der ersten Blattknospe verschloss sie ihre Adern und verwendete, wie eine Mutter, ihr Wasser nur noch für die aufkeimenden Blätter und Knospen.
Babette hatte früh gelernt, jede Pflanze zu achten, auch das sogenannte Unkraut. Darin befand sich meist die größte Heilkraft. Der Großvater hatte Babette von klein auf an das Wunder der Natur herangeführt. Sobald sich ein Schnupfen bei ihr angekündigt hatte, war er mit ihr in den Wald gegangen, um einen Ameisenhaufen zu suchen für den Taschentuchtrick. Er nahm ein Stofftaschentuch und breitete es über den Ameisenhaufen aus. Die Ameisen registrierten das Tuch als Feind und bespritzten es mit Ameisensäure. Daraufhin befreite er es von den Ameisen und ließ Babette daran riechen, ermunterte sie, kräftig einzuatmen. Die Ameisensäure entfaltete ihre heilende Wirkung und machte die Nase frei. Großvater nannte es Waldmedizin.
Der Großvater erhob sich, trug seine Kaffeetasse in die Küche und ging in sein Konsultationszimmer. Jedes Mal, bevor sein »Besuch« kam, vertiefte er sich eine halbe Stunde lang in seine Gebete, rief die 14 Nothelfer und den heiligen Antonius an mit der Bitte, ihm beim Heilen zu helfen und das richtige Kraut für die Kranken zu finden. Fast immer bat er Babette, sich während der Besprechung neben ihn zu setzen, um im Stillen für die Konsultanten zu beten. Als Kind war es ihr merkwürdig vorgekommen, für fremde Leute zu beten, aber mittlerweile war sie davon überzeugt, dass Gebete und das richtige Kraut heilen konnten. Im Laufe der Jahre hatte sie es immer wieder miterlebt.
Früher war ihr der Großvater ab und zu unheimlich gewesen. Sie hatte sich gerne in einem Schrank versteckt, die Tür einen Spalt offen gelassen und beobachtet, wie er mit jemandem gesprochen hatte, obwohl niemand im Raum gewesen war. Sie hatte sich keinen Reim darauf machen können, und ihn zu fragen, hatte sie sich nicht getraut. Erst später, als Jugendliche, hatte sie von Älteren gehört, dass ihr Großvater besondere Fähigkeiten besitze. Aber ganz glauben konnte sie es nie.
Kurz bevor der »Besuch« aus Düsseldorf kam – »Patient« durfte er ja nicht sagen –, kam der Großvater aus seinem Zimmer.
»Du, Babl?«, rief er in den Garten, wo sie damit beschäftigt war, die frisch gepflanzten Geranien in den Kästen zu gießen.
»Was is, Großvater?«
»Heid hob i an komplizierten Fall. Kimmst bittschön mit rein und betest für den Herrn aus Düsseldorf?«
Babette hatte keine Ahnung, woher er wusste, dass der Mann ein »komplizierter Fall« war, aber beim Großvater wunderte sie nichts mehr. Deshalb antwortete sie: »Ja, freilich, i wasch mir nur no schnell d’Händ.«
Kurz darauf fuhr eine dunkelblaue Limousine vor. Ihr entstieg ein Herr mittleren Alters im grauen Maßanzug. Babette fiel seine komische Gesichtsfarbe auf.
»Grüß Gott«, rief er ihr entgegen.
Es klang so, wie Norddeutsche »Grüß Gott« sagten, also komisch in den Ohren eines Einheimischen.
»Bin ich hier richtig beim Klaslhof?«
Babette nickte und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihren zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren gelöst hatte.
»Guten Morgen, ja, freilich san S’ hier richtig, des is der Klaslhof. Kommen S’ nur rein, der Großvater erwartet Sie scho.«
Der Name Klaslhof kam daher, weil der 500 Jahre alte Bauernhof früher eine Klause und Pferdetränke gewesen war. Der Hofname blieb über die Jahrhunderte erhalten, nur die Namen der Besitzer änderten sich.
Babette strich die Schürze ihres Waschdirndls glatt und führte den Besucher in das ehemalige Schlafzimmer ihrer Großeltern. Der Großvater hatte schon drei Kerzen entzündet, das tat er immer, wenn »Besuch« kam. Babette nahm neben ihm Platz und fing im Stillen an, für den fremden Mann zu beten.
Der irritierte Besucher setzte sich ihnen gegenüber, während die 14 Nothelfer von den Wänden auf die kleine Gruppe blickten.
Der Großvater schaute dem Mann lange in die Augen, bevor er ihn fragte: »Was führt di zu mir?«
Babette sah ihrem Großvater an, dass er die Antwort bereits kannte, woher auch immer.
Der Mann räusperte sich und berichtete dann von einem Stechen in der Lunge und im Oberbauch, Atemproblemen, Unwohlsein, Müdigkeit und Leistungsabfall. Sein Arzt wollte ihn ins Krankenhaus überweisen, weil er einmal kurz ohnmächtig geworden sei.
Der Großvater nahm seine Hand, betrachtete seine Nägel und ließ ihn die Zunge herausstrecken. Er fragte ihn nach der Farbe seines Stuhles und des Urins, was Babette als besonders eklig empfand, aber sie hatte sich an die merkwürdigen Fragen ihres Großvaters gewöhnt.
Sie senkte ihren Blick und betete im Stillen weiter. »Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir …«
Schließlich lehnte sich der Großvater zurück, schloss die Augen und faltete seine Hände im Schoß. Nach einer gefühlten Ewigkeit erhob er sich, ging zielstrebig zu seinem Tinkturenschrank und sperrte die Tür auf. Den Schlüssel dazu trug er immer am Bund der Lederhose. Er entnahm aus einer Reihe brauner Fläschchen zielstrebig zwei Stück, auf denen »Lungenelixier« und »Leberelixier« stand. Der Inhalt bestand aus bitteren Kräutern und Wurzeln, die klein geschnitten und in hochprozentigem Schnaps in dunklen großen Flaschen angesetzt wurden. Babettes Aufgabe war es, die Flaschen täglich zu schütteln und bei Vollmond ins Freie zu stellen. Nach sechs Wochen hatten die Pflanzen ihre Heilkraft an den Alkohol abgegeben und konnten abgeseiht werden. Durch die vielen Bitterstoffe schmeckten sie alles andere als gut.
Der Großvater hielt dem Düsseldorfer die Fläschchen an den Bauch, nahm sein Pendel und wartete, bis es nicht mehr ausschlug.
»Davon nimmst jeweils täglich dreimal 20 Tropfen in am kloanen Glasl Wasser auf nüchternen Magen«, sagte er schließlich und reichte ihm die Fläschchen. »Zusätzlich machst dir täglich am Abend an warmen Leberwickel und trinkst dreimal täglich a Tass Tee mit meinen Kräutern.« Er griff hinter sich und holte einen abgepackten Kräutertee aus der Kommode. »Den Tee zehn Minuten zuadeckt ziehn lassen und in kleinen Schlucken trinken. Dinkelkost nach Hildegard von Bingen wär aa von Vorteil.« Er reichte ihm einen Prospekt mit Ernährungsvorschlägen. »Und in vier Wochen kimmst no amoi vorbei, dann seng ma weiter. Auf Alkohol muasst so lang verzichten.«
Babette schien es, als ob der Besucher wieder etwas Farbe im Gesicht angenommen hätte.
»Außerdem gehst täglich a Stund spazieren und klopfst dir dabei auf die Thymusdrüse oberhalb des Herzens in der Mitte vom Brustbein.«
Er zeigte ihm bei sich, wo sich die Thymusdrüse befand, und klopfte mit den Fingerkuppen auf diese Stelle. Der Großvater blickte ihm erneut tief in die Augen und meinte schließlich mit sanfter Stimme und einem Lächeln auf den Lippen: »Dei verstorbener Vater wär stolz auf di und aa z’frieden mit dir, wenn du ned so vui arbeitest. Du wirst wieder ganz g’sund. Er wird di auf dem Weg deiner Heilung begleiten.«
Dem Besucher schossen die Tränen in die Augen, und er stammelte: »Woher wissen Sie … Ich meine, Sie können doch gar nicht …?«
»Alles wird guad, hab Vertrauen! Alles kimmt in Ordnung.«
Verwirrt erhob sich der Mann und nahm seine Tinktur und seine Kräuter. Beim Hinausgehen fiel ihm ein, dass er nicht bezahlt hatte. »Was bin ich Ihnen schuldig?«
»A Opfergeld für den heiligen Antonius, des kannst in der St. Quirinuskirch in Tegernsee einwerfen und gleichzeitig drei Vaterunser und drei ›Gegrüßet seist du, Maria‹ beten.«
Der Mann murmelte ein »Auf Wiedersehen« und ging sichtlich bewegt zu seinem Auto, nicht ohne sich an dem niedrigen Türrahmen, wie es in alten Höfen üblich war, den Kopf anzustoßen. Aber er bemerkte es nicht einmal, eilte zu seiner Limousine und fuhr aus der Hofeinfahrt hinaus.
Der Großvater öffnete alle Fenster und entzündete ein getrocknetes Salbeibüscherl, um den Raum zu reinigen, wie er sagte. Dieses Ritual machte er nach jedem Besuch.
»Kimmt’s mir nur so vor, Großvater, dass solche Krankheiten zurzeit öfter auftreten, oder täusch i mi?«
Der Großvater schloss das Räucherwerk in seine Schublade und meinte seufzend: »Nein, Babl, du täuschst di ned, i hob fast jede Woch solche B’sucher. Der Herrgott wird sich scho was dabei ’dacht haben, wenn er a neue Krankheit auf den Plan ruft.«
Als Babette wenig später nach draußen ging, um nach den Hühnern zu schauen, saß auf der Hausbank die alte Luidlin aus der Nachbarschaft, die schon in ihrem 90. Sommer angekommen war. In ihren Händen hielt sie einen Laib selbst gebackenes Brot.
»Is er do?«, fragte sie Babette und deutete mit dem Finger zum Behandlungszimmer. »I hob ihm wieder a Brot ’backen.«
»Freilich, Luidlin, geh nur rein zu ihm. Do wird er sich freun.«
Babette wusste, dass sie bei der Luidlin nicht mitkommen musste. Die Alte kam oft nur auf einen Ratsch vorbei oder wenn es mal wieder irgendwo zwickte und zwackte. Dann gab ihr der Großvater seine mittlerweile über das Tal hinaus berühmte Antoniussalbe mit allerlei selbst gesammelten Berg- und Wiesenkräutern. Ganz genau wusste Babette nicht, was in der Salbe drin war, aber sie half anscheinend gegen allerlei Zipperlein. Auch auf den selbst angesetzten Antonius-Branntwein zum Einreiben schwor die Luidlin, und nicht nur sie. Wenn Salbe oder Branntwein nicht halfen, beispielsweise wenn ein Wirbelgelenk blockiert war, renkte Anton die Knochen wieder ein, wie man landläufig dazu sagte, egal ob bei Mensch oder Vieh. Er tastete dazu kurz die Wirbelsäule mit seinen Fingern ab und wusste schnell, wo er den Hebel ansetzen musste. Babette hasste das krachende Geräusch, das dabei entstand.
Er hatte ihr erklärt: »Babl, die Wirbelsäule muasst dir vorstellen wie an Reißverschluss. Sobald sich a kloans Zahndal falsch verhakt, geht nix mehr.«
Das leuchtete ihr ein. Das Geräusch mochte sie trotzdem nicht, aber das erleichterte Gesicht der Besucher nach dem Lösen der Wirbel sprach Bände. Oft drehten und wendeten sie sich und konnten ihr Glück kaum fassen, wieder beweglich zu sein.
Wenn der Großvater unsicher mit seiner Diagnose oder den Kräutern war, griff er zum Pendel. Babette war jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie treffsicher er danach befundete und wusste, welche Kräuter er benötigte.
Nach einer halben Stunde kam die Luidlin zurück und setzte sich zu Babette auf die Hausbank.
»Was täten wir nur ohne dein Opa? Er hod für alles a Kraut. Und erst sei Hämorrhoidencreme! I sag dir, wenn du dir die Creme auf den Hintern schmierst, dann …«
»Stopp, Luidlin, so genau will i des gar ned wissen.« Babette erschauerte bei dem Gedanken an die Hämorrhoiden der alten Luidlin.
Die schnitt schon das nächste Thema an, das sie bei keinem ihrer Besuche unerwähnt ließ. »Wie schaut’s denn bei dir aus, Babette? Hod dei Großvater auch a Kraut für di?« Die Luidlin lachte wie eine alte Hexe. »Du woaßt scho, i moan a Männerbeschaffungskraut.«
Babette schmunzelte, die Luidlin war nicht die Erste, die ihr einen jungen Burschen zuschanzen wollte. »Nein, Luidlin, do vertraut der Großvater eher auf den heiligen Antonius, der aa für den geeigneten Lebenspartner zuständig is. Wahrscheinlich hod er ihm an Haufen Opfergeld versprochen, wenn mi oaner nimmt.« Babette machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr: »Aber ganz ehrlich, Luidlin, mein Mo such i mir selber aus, wenn i überhaupt oan mag.«
»Ach geh, du brauchst doch an Mo, was machst denn sonst? Willst als alte Jungfer ins Grab steigen?«
Babette merkte, wie Zorn in ihr hochstieg, und fügte provozierend hinzu: »Mei, Luidlin, zum Sex brauch i koan Ehemann, den krieg i an jeder Ecke, wenn i möcht.«
Erschrocken blickte die Alte zu Babette und bekreuzigte sich dreimal. »Mädl, versündig di ned, do is dei Ruf schnell ruiniert. Des waren noch Zeiten, als die Eltern die Partner für d’Kinder ausg’sucht ham, do hod ma nix dem Zufall überlassen. Man hod g’schaut, dass des Sach zum Sach kimmt«, sinnierte sie.
In diesem Moment flog ein schwarzer Schwan über den Hof und landete nach einer eleganten Kurve auf dem 100 Meter entfernten See.
Die Luidlin wurde leichenblass. »Jessas, Maria und Josef!« Sie bekreuzigte sich erneut. »Der schwarze Schwan is wieder do, des bedeutet nix Guads.«
»Geh, Luidlin, wer glaubt denn an so was?«
Die Alte erhob sich und konnte sich nicht beruhigen. »Na, na, Mädl«, sie schüttelte energisch den Kopf, »des war scho immer so. Wenn der schwarze Schwan kimmt, passiert a Unglück. Damals, beim Unfall deiner Eltern, war er aa da.«
»Luidlin, so ein Schmarrn. I find ihn wunderschön!« Babette wurde es zu gruselig und sie erhob sich eilends. »Pfiat di, Luidlin, i muass no zum Kramer radeln und a Brotzeit einkaufen.«
»Gott behüt di, Babette.« Sie sah ihr stirnrunzelnd nach.
Babette schwang sich auf ihr Rad. Angelockt von den Rufen der Luidlin trat Anton vor den Hof und blickte nachdenklich zu dem schwarzen Schwan auf dem See.
Babette trat währenddessen in die Pedale und bog schwungvoll in die Seestraße ein, als ihr von rechts ein blauer Range Rover direkt vor das Rad fuhr. Nur durch eine Vollbremsung des Autos konnte Schlimmeres verhindert werden. Babette flog in hohem Bogen über den Lenker und landete vor dem stehenden Auto.
Ein junger Mann stieg erschrocken aus und beugte sich über Babette. Er stammelte: »Das tut mir so leid, ich habe Sie nicht gesehen. Sie sind plötzlich vor meinem Auto aufgetaucht. Tut Ihnen was weh?«
Babette blutete am Ellenbogen und ein wenig am Kopf.
»Ich bring Sie ins Krankenhaus.«
»Nein! G’wiss ned!«, antwortete Babette bestimmt und entzog sich seinem Arm, als er ihr auf die Beine helfen wollte. »Können S’ denn ned aufpassen?«, fuhr sie ihn an. »Hier is a 30er-Zone.«
»Ja, und Sie sind verkehrt in eine Einbahnstraße gefahren«, wehrte er sich.
»I hob g’sehn, dass koaner kimmt«, erwiderte sie hitzig und strich sich eine staubige Strähne aus dem puterroten Gesicht.
»Anscheinend nicht!«
»Ach so, jetzt soll i schuld sein, dass Sie mi fast zu Tode g’fahren haben?«
»So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Geben Sie mir Ihre Adresse, und ich komme für die Reparatur Ihres Rades und für Ihre Kleidung auf.«
Babette packte ihr leicht ramponiertes Rad und schritt, so gut es ging, hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei. »Gehn S’ mir einfach aus dem Weg. I brauch Ihre Almosen ned.«
Der junge Mann hob abwehrend seine Hände und schmuggelte unbemerkt seine Visitenkarte in Babettes Fahrradkorb, den sie auf dem Gepäckträger fixiert hatte. Dann stieg er in sein Auto und wartete, bis Babette im Kramerladen verschwunden war.
Babette betrat den Laden und ärgerte sich noch immer ungemein über das unverschämte Auftreten dieses »Preißn«, obwohl sie insgeheim zugeben musste, dass er ein sehr gut aussehender »Preiß« war.
Sie rief sich innerlich zur Ordnung. Was nutzt gutes Aussehen, wenn einer ein Vollidiot ist?
»Babette? Hallo, Babette, was bekommst du?«, hörte sie eine Stimme wie aus weiter Ferne. »Alles in Ordnung, Babette?«, fragte jemand, ehe sie ohnmächtig zu Boden sank.
Als sie wieder zu sich kam, beugten sich drei Angestellte des Kramerladens besorgt über sie.
»Mein Gott, do bist ja wieder. Was is denn los, Babette?«
»Nix«, stammelte sie, »i bin nur vom Radl g’fallen.«
Erneut verlor sie das Bewusstsein.
Babette blinzelte in ein grelles Licht. Vor sich nahm sie zwei Männer in weißen Kitteln wahr.
»Herzlich willkommen«, sagte ein Weißkittel verschmitzt.
»Wo bin i? Im Himmel?«
»Nun ja«, meinte der Weißkittel, der an seinem Revers ein Schild trug, auf dem »Dr. Schmidt« stand. »Wir werden zwar Götter in Weiß genannt, aber der Himmel kann noch etwas auf Sie warten.«
»Bin i in Agatharied?«
»Und das ohne Telefonjoker! Ich merke, Ihre Sinne sind schon wieder alle beisammen.« Er sah sie nun mit ernster Miene an. »Sie hatten einen Radunfall und haben eine Gehirnerschütterung. Sie können von Glück reden, dass nicht mehr passiert ist.«
Er hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, als die Tür aufgerissen wurde und der Großvater barfuß hereingestürmt kam.
»Babl, geht’s dir guad? Pack dei Sach, hier bleibst koa Sekund länger. Hier stirbt man nur.«
»Ich muss schon sehr bitten, Herr …?«
»Tut nix zur Sach«, antwortete Anton mürrisch.
»Verwandt, verschwägert? Wenn nicht, verlassen Sie bitte augenblicklich das Zimmer.«
Dr. Schmidts Miene verfinsterte sich, es sah so aus, als ob er Anton jeden Augenblick am Kragen packen und hochkantig aus dem Zimmer werfen würde.
»Des ist mei Großvater«, beeilte Babette sich zu sagen, um ein größeres Unglück zu verhindern. Sie wusste, dass er nicht gut auf die Weißkittel zu sprechen war, weil sie seine Heilmethoden torpedierten.
»Na dann …« Dr. Schmidt bemühte sich um einen sanfteren Ton. »Ich schlage vor, Sie bleiben noch eine Nacht zur Beobachtung, wir veranlassen ein paar weitere Bluttests, und morgen, wenn alles in Ordnung ist, dürfen Sie nach der Visite nach Hause.«
»Kimmt gar …«, setzte der Großvater an, doch Babette legte ihre Hand auf seine und unterbrach ihn sanft.
»Genau so mach mas. I schlaf mi hier richtig aus, und morgen bin i wieder bei dir dahoam.«
Der Großvater beugte sich hinab zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »I hol di morgen früh um achte ab.«
Babette nickte unmerklich.
Dann verließ er ohne ein Wort des Abschieds das Krankenzimmer.
»Nehmen Sie’s ihm bittschön ned übel, er is eigentlich a sehr gütiger Mann.« Babette setzte einen unschuldigen Blick auf.
»Das kann er aber gut verbergen«, knurrte Dr. Schmidt.
Er zog einen Gummischlauch aus seiner Brusttasche und bat Babette, ihren Arm frei zu machen. Er entnahm ihrer Vene fünf Röhrchen Blut und schickte seinen Assistenten, der sprachlos neben ihm stand, damit ins Labor.
»Ruhen Sie sich aus, morgen sehen wir weiter.«
Babette sank sofort in einen tiefen, erholsamen Schlaf.
Am nächsten Morgen, als sie die Augen aufschlug, saß Anton an ihrem Bett.
»Großvater, um Himmels willen, was machst denn scho hier in aller Herrgottsfrüh?« Sie schaute auf ihre Armbanduhr, die auf dem Nachttisch neben ihr lag. »Es is halb sieben!«
Anton lachte schelmisch. »Die Nachtschwester is a alte Bekannte von mir, sie hod mi zu dir reing’lassen.«
Babette sank in ihr Kissen zurück: »Du bist a Schlawiner, Großvater.«
Kurz nachdem das Frühstück serviert worden war, kam die Visite, allen voran Dr. Schmidt. Babette konnte sehen, wie er die Augen verdrehte, als er den Großvater neben ihrem Bett bemerkte.
»Senile Bettflucht?«, knurrte er, während er Babettes Hand nahm, um den Puls zu überprüfen.
»Nein, Überlebensmaßnahmen für mei Enkelin!«, raunzte Anton.
Dr. Schmidt beachtete ihn nicht weiter und wandte sich mit milder Stimme demonstrativ nur an Babette. »Ihre Blutwerte sind in Ordnung, nur der Entzündungswert ist etwas erhöht.« Er blickte zum Großvater, bevor er fortfuhr. »Und um das abzuklären, wären weitere Bluttests …«
Anton sprang erstaunlich schnell für sein Alter von seinem Stuhl hoch. »Kimmt überhaupt ned infrage, wir verlassen des Krankenhaus! Alles Weitere klären wir, wenn nötig, mit unserem Hausarzt.«
»Welcher Hausarzt?«, entfuhr es Babette.
Soweit sie sich erinnern konnte, hatten sie noch nie einen Hausarzt konsultiert, da der Großvater immer alles geheilt hatte.
»Du woaßt scho, der in der Stadt, mir fällt jetzt der Name ned ein.«
Endlich kapierte auch Babette, dass es sich um eine Notlüge handelte. An Dr. Schmidts Blick erkannte sie, dass er das Manöver ebenfalls durchschaut hatte.
Der Arzt wandte sich wieder an Babette. »Versprechen Sie mir bitte, dass Sie das abklären lassen.«
Babette nickte, und weil der Großvater bereits an ihrer Bettdecke zerrte, blieb ihr nichts anderes übrig als aufzustehen.
»Auf Wiedersehen und alles Gute, ich lasse Ihnen die Unterlagen zukommen«, meinte Dr. Schmidt schließlich, bevor er mit seiner Entourage aus dem Zimmer rauschte.
Anton ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf den Stuhl zurückfallen. »Jetzt fahren wir heim, Babl, und dann schau i, was dir fehlt. In Ordnung?«
»Wenn du moanst, dann machen wir des so!«
Babette packte ihre Sachen in den Rucksack, den ihr der Großvater gestern noch vorbeigebracht hatte. Anschließend gingen sie den langen kahlen Flur entlang hinaus ins gleißende Sonnenlicht, schnurstracks zu dem alten VW-Pritschenwagen, den der Großvater fuhr, solange Babette denken konnte. Es war ihr etwas schummrig zumute, als sie sich neben Anton in den Autositz fallen ließ.
Er schaute sie besorgt an, doch Babette winkte ab. »Scho guad, Großvater, mir bekommt die sterile Luft einfach ned. Lass uns heimfahren.«
Als sie kurz vor Gmund den Tegernsee im Sonnenlicht glitzern sah, fühlte sie sich gleich viel wohler.
Zu Hause in Rottach wurde sie stürmisch von Aaron begrüßt, wogegen der Kater Giacomo sie nur mit einem herablassenden Blick würdigte, um sich dann vorwurfsvoll vor seinen leeren Futternapf zu setzen. Babette ging hoch in ihr Zimmer und legte sich aufs Bett, von dem aus sie auf den See schauen konnte. Seufzend glitt sie hinüber in das Reich der Träume.
Sie träumte vom schwarzen Schwan, wie er mit gespreiztem Gefieder die Flügel auf und ab schlug. Ein Jäger hatte sein Gewehr auf ihn gerichtet, doch gerade als er zum Schuss ansetzen wollte, schreckte Babette aus dem Schlaf und setzte sich schweißgebadet auf. Giacomo, der es sich zusammengerollt am Fußende ihres Bettes bequem gemacht hatte, sprang mit einem Satz hoch und miaute vorwurfsvoll. Babette lauschte in die Dunkelheit. Die Kirchturmuhr von Rottach schlug zwölfmal, Mitternacht. Hatte sie so lange geschlafen? Doch sie fühlte sich noch immer müde und legte sich deshalb wieder zurück in ihr weiches Kopfkissen.
Am nächsten Morgen fühlte sich Babette, als ob nie etwas gewesen wäre. Gegen 7 Uhr früh wachte sie auf, machte sich im Bad fertig und radelte dann gut gelaunt zum Bäcker, um frische Brezen für sich, Theres und den Großvater zu holen, so wie jeden Morgen. Xaver, der Sohn des Nachbarbauern, war so nett und hatte ihr kaputtes Rad repariert, während sie im Krankenhaus gelegen hatte.
Als sie zurückkam, wusch der Großvater sich schon am Brunnen und erwartete sie grinsend. »Hob i’s dir ned glei g’sagt, Babl, dir fehlt nix. Zur Sicherheit mach i no a Augendiagnose, und du nimmst mei Mädesüßtropfenmischung für den Fall, dass du im Körper a Entzündung host.«
»Ja, des mach i, Großvater, aber mir geht’s sehr guad. Haben wir heid B’such?«
»Ja, scho wieder oaner mit Atemproblemen und Erschöpfungssymptomen.«
Babette schaute ihn fragend von der Seite an. »Glaubst du, des is a Virus, des wir alle bekommen können?«
Der Großvater legte seine Stirn in Falten und kratzte sich an seinem Kinn, was er immer tat, wenn er angestrengt überlegte. »I woaß es ned, Babl, zumindest noch ned. Aber i muass zugeben, es is scho merkwürdig.«
