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Am Tegernsee wird auf einer internationalen Bonsaimesse der teuerste Bonsai der Welt ausgestellt. Der Besitzer, ein japanischer Millionär, wohnt inkognito beim Kräuterheiler Anton auf dem Klaslhof. Zwei Welten treffen aufeinander. Als der Japaner nach dem Genuss eines Kugelfischgerichts tot zusammenbricht und der Bonsai verschwindet, begibt sich Hauptkommissarin Erna Salvermoser mit ihrem Polizeimops Ganghofer auf eine gefährliche Spurensuche. Kurz darauf ist Ganghofer unauffindbar …
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Birgit Mayr
Genussvoller Tod am Tegernsee
Kriminalroman
Tödliche Delikatesse Am Tegernsee findet eine internationale Bonsaimesse statt. Der japanische Millionär, Herr Takahashi, nimmt mit dem teuersten Bonsai der Welt daran teil und mietet sich mit seinem Bodyguard inkognito im Klaslhof ein, sehr zum Missfallen von Kräuterheiler Anton, der davon nichts wusste. Als Höhepunkt der Messe wird für die Aussteller bei der Abendgala der in Europa verbotene Kugelfisch »Fugu« serviert. Nach dem Essen bricht Herr Takahashi tot zusammen und sein Millionenbonsai wird trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gestohlen. Hauptkommissarin Erna Salvermoser nimmt die Ermittlungen auf, mit dabei ist auch ihr Polizeimops Ganghofer. In einem japanischen Sternelokal in Bad Tölz treffen sie auf die schöne, geheimnisvolle Asiatin Michiko, die Frau des Inhabers. Welche Rolle spielt sie? Erna und ihr Mops begeben sich auf eine gefährliche Spurensuche, bis Ganghofer plötzlich verschwindet …
Birgit Mayr wurde 1963 in Bad Tölz geboren, ist Mutter zweier erwachsener Söhne und lebt zusammen mit ihrem Ehemann in der Nähe der Kreisstadt. Die beiden führen gemeinsam ein mittelständisches Unternehmen. Die ausgebildete Heilkräuterkundige verbrachte einen großen Teil ihrer Jugend am Tegernsee, an dem sie sich noch immer gerne aufhält. In ihrer Freizeit bietet sie mit Freundinnen historische und kulinarische Stadtführungen durch Bad Tölz an. »Genussvoller Tod am Tegernsee« ist Birgit Mayrs zweiter Krimi im Gmeiner-Verlag.
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© 2025 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Birgit Mayr
ISBN 978-3-7349-3158-1
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Hauptkommissarin Erna Salvermoser nahm die Hundeleine vom Garderobenständer und ging hinüber in ihr Büro. Ganghofer, ihr Mops, schlief in seinem Körbchen neben ihrem Schreibtisch, zumindest tat er so. Sie setzte sich auf ihren in die Jahre gekommenen, abgewetzten Bürostuhl, der ächzend unter ihrem Gewicht nachgab. Das braune Leder des Stuhles hatte schon Risse, und das weiße Futter der Polsterung schimmerte durch. Auf dem Schreibtisch herrschte organisiertes Chaos. Eine benutzte Kaffeetasse hatte einen hässlichen Fleck auf dem Holz hinterlassen, die Putzfrau würde sich am Abend darum kümmern.
Erna drehte sich auf dem quietschenden Stuhl hin und her. Außer dem Röcheln von Ganghofer und dem in die Tasten hauenden Schorsch, ihrem Kollegen, der den Bericht für den Tag schrieb, war es still im Büro. Sie stand wieder auf und trat ans Fenster. Von hier aus konnte man den See überblicken. Kein Wölkchen trübte den weiß-blauen Himmel. Die Segelboote lagen bereit für wärmere Temperaturen und warteten darauf, von ihrer schützenden Plane befreit zu werden. Im Tegernseer Tal war nach dem letzten Fall endlich wieder Ruhe eingekehrt.
Hauptkommissarin Erna Salvermoser hätte nicht gedacht, dass sie es so wenige Jahre vor ihrer Pensionierung noch mit einem Giftanschlag und einer Entführung zu tun bekommen würde. Dank ihres Polizeimopses Ganghofer und seines hervorragenden Geruchssinnes war jedoch alles gut ausgegangen. Der Kräuterheiler Anton und seine Enkelin Babette hatten überlebt, die Verbrecher waren hinter Schloss und Riegel, und sie konnte wieder ihrem ruhigen Dienst am »Lago di Bonzo«, wie der Tegernsee gerne genannt wurde, nachgehen. So manch ein russischer Oligarch hatte sich am Tegernsee eingekauft, natürlich erste See-Linie, sehr zum Missfallen der einheimischen Bevölkerung.
Der Herbst und Winter waren bis auf ein paar Nachbarschaftsstreitigkeiten oder Autounfälle ruhig gewesen. Zwei kuriose Fälle hatte es dennoch gegeben. Ein prominenter Sportler, bekannt aus Funk und Fernsehen, hatte letzten Herbst mit der Kettensäge den Schuppen seines Nachbarn zerstört. Dumm war nur, dass er dabei die Überwachungskamera auf dem Dach vergessen hatte, die ihn eindeutig als Täter identifiziert hatte. Der Schuppen störe seinen ungetrübten Seeblick, hatte er Erna und ihren Kollegen erklärt, als diese eingetroffen waren. Erna konnte nur den Kopf darüber schütteln.
Ein weiterer Fall in Gmund hatte zwar für Lacher gesorgt, aber dem Mann, dem das Missgeschick passiert war, war alles andere als zum Lachen zumute gewesen. Der Gmunder war mit einer Schneeschaufel bewaffnet auf sein Hausdach gestiegen, um es von der Schneelast zu befreien. Tage zuvor hatte es unaufhörlich geschneit, und die Gemeinden hatten dazu geraten, den Schnee von den Dächern zu entfernen, um einem Einsturz vorzubeugen. Der Gmunder hatte sich mit einem Seil an der Anhängerkupplung seines Autos gesichert, während er auf der anderen Seite des Daches den Schnee wegschaufelte. Leider hatte er vergessen, seiner Frau von seinem Vorhaben zu erzählen. Diese stieg in das gemeinsame Auto und wollte schnell zum Kramer fahren, da sie Eier zum Plätzchenbacken benötigte. Kurz nach dem Anfahren vernahm sie einen markerschütternden Schrei und im Anschluss einen lauten Knall. Das Auto ruckelte. Im Rückspiegel sah sie entsetzt, wie sie ihren bewusstlosen Mann am Seil nachzog. Erna war beim Anblick der verzweifelten Frau schnell klar gewesen, dass es sich nicht um Vorsatz, sondern um ein Versehen handelte, sehr zum Leidwesen des Mannes, der mit unzähligen Brüchen drei Monate in Gips im Krankenhaus verbracht hatte. Gott sei Dank hatte er überlebt. Erna war sich sicher, dass die Frau sich sonst zeitlebens bittere Vorwürfe gemacht hätte.
Das waren also die Highlights im Herbst und Winter gewesen. Seit dem Frühjahr kamen endlich wieder Touristen. Während der Lungenseuche hatte sich niemand getraut, in den Urlaub zu fahren. Hier im Tal hatte das Virus nur wenige schwer erwischt, dank der Lungentinktur des Kräuterheilers Anton, einer wiederentdeckten Kräutermischung aus dem Rezeptbuch seiner Großmutter. Zum Glück waren diese Zeiten vorbei, dennoch waren die Menschen noch sehr vorsichtig im Umgang miteinander. Mutige begrüßten sich per Handschlag. Todesmutige umarmten einander sogar. Die Masken wurden nach und nach in die Schubladen verbannt. Einige trauten der Sache nicht und wagten sich noch immer nur mit »Maskierung« und Handschuhen außer Haus.
Auch das Who’s who der Sport-, Wirtschafts- und Glamourwelt kehrte langsam zurück an den »Lago di Bonzo«. Es war hipp, hier einen, wenn nicht Erstwohnsitz, so wenigstens einen Zweitwohnsitz zu haben. Dafür war der Tegernsee bekannt. Noch immer lebten hier jedoch auch die Aborigines, die Einheimischen, die am See geboren und aufgewachsen waren. Freiwillig gaben es die wenigsten auf, im bayerischen Himmel zu residieren. Im Winter hatte man traumhafte Skipisten und Langlaufloipen. Und wenn man einmal mit dem Pferdeschlitten, dick eingemummt in Decken, den Geruch der dampfenden, trabenden Rösser in der Nase, in das tief verschneite Wildbad Kreuth geglitten war, dann verstand man jeden, der hier leben wollte. Im Sommer bot sich das Tegernseer Tal für ausgedehnte Bergtouren zu Fuß oder mit dem Mountainbike für jedermanns Ansprüche an. Im See fand man danach die entsprechende Abkühlung von außen. Für die innere sorgten diverse Bräustüberl, Biergärten, Wald- und Seefeste. Wenn eines hier nie ausging, so war es das süffige Tegernseer Bier. Manche bezeichneten das Tegernseer Tal sogar als Paradies auf Erden.
Erna schätzte sich glücklich, seit mehr als 30 Jahren hier Dienst schieben zu dürfen. Bis zur Pensionierung waren es nur noch wenige Jahre, und sie träumte bereits davon, mit Ganghofer an den Timmendorfer Strand zu ziehen. Die gute bayerische Küche würde sie allerdings vermissen. Die genoss sie sehr, manchmal auch über die Maßen. Das merkte sie an den karierten Faltenröcken, die sie seit Jahren trug. Die wurden immer enger.
Ihr Mops Ganghofer war seit zehn Jahren treu an ihrer Seite. Für seine letzten Verdienste um den Fingerhutgiftanschlag und die Entführung des Kräuterheilers hatte er zum Dank einen Ring aus Würsten vom örtlichen Bürgermeister verliehen bekommen. Seitdem kam er sich als etwas Besonderes vor und blickte auf alle anderen Hunde arrogant herab, sofern das möglich war. Denn Ganghofers Statur war nicht sehr groß, und er neigte dazu, in die Breite zu gehen. Ab und zu, wenn er es mit dem Essen mal wieder übertrieben hatte, streifte sein Bauch sogar den Asphalt. Dann musste er Diät halten, bis der Bauch mindestens fünf Zentimeter vom Boden entfernt war.
Erna trat vom Fenster weg an das Körbchen ihres Mopses. »Ganghofer, aufstehen!«, wies sie ihn an. Es war Zeit, auf Streife zu gehen.
Ganghofer ahnte das und stellte sich schlafend, indem er alle viere von sich streckte und seine Augen geschlossen hielt. Er hasste Streifegehen, zu viel Bewegung.
Aber Erna durchschaute ihren Mops, sie waren wie ein altes Ehepaar. Da halfen auch die Schnarchlaute nicht, die er jetzt von sich gab.
»Ganghofer!«, rief sie erneut.
Ganghofer röchelte tief und gleichmäßig, keine Reaktion.
Erna beugte sich zum ihm, stupste ihn an und kraulte ihn am Bauch, was er mit einem Furz beantwortete, um seiner Empörung Ausdruck zu geben. Erna wedelte mit der Leine vor seinem Gesicht, doch er öffnete die Augen noch immer nicht. Sie klipste die Leine in sein Halsband und zerrte ein wenig daran.
Endlich schlug der Mops die Augen auf, nicht ohne noch einmal demonstrativ zu pupsen. Schwerfällig erhob er sich und trabte hinter seinem Frauchen her.
»Bis später, Schorsch«, verabschiedete sie sich von ihrem jungen Kollegen, der während ihrer Abwesenheit Dienst am Telefon schob. In Notfällen konnte er sie per Handy erreichen. Aber Notfälle waren unwahrscheinlich. Letzte Woche hatte sie einen Notfall befürchtet, der jedoch nicht eingetreten war. Erna war die Geschichte allerdings immer noch peinlich.
Schorsch hatte sein Gulasch mit dem Hundefutter im Kühlschrank verwechselt und es in der Mikrowelle warm gemacht. Erna war es leider erst aufgefallen, als er schon die Hälfte davon gegessen hatte. Sie sagte nichts und ließ ihn auch den Rest essen, entsorgte aber sofort die leere Dose und machte sich auf ihren Streifendienst. Die ganze Zeit über befürchtete sie, einen Anruf zu erhalten, dass es Schorsch schlecht gehe, doch dieser Anruf kam nicht. Als sie zurückkehrte, fragte sie ihn, wie es ihm geschmeckt habe. Woraufhin er nur meinte, dass er schon besseres Gulasch gegessen habe und der Geruch des Fleisches etwas streng gewesen sei. Am nächsten Tag hatte sich Schorsch allerdings über die Dose Gulasch gewundert, die noch immer im Kühlschrank stand. Erna hatte etwas von wundersamer Vermehrung genuschelt. Seitdem bewahrte sie das Hundefutter nicht mehr im Kühlschrank auf.
Der Föhnwind zog seit Tagen über den Bergkamm und brachte milde Temperaturen mit sich. Erna entledigte sich sofort ihrer Jacke, als sie vor die Polizeidienststelle in Bad Wiessee trat. Ganghofer zerrte an der Leine, er wollte zurück. Aber es half nichts, er musste mit auf Streife. Sie gingen hinunter zur Seepromenade und schlenderten Richtung Rottach-Egern. Es war ein Fußweg von rund sechs Kilometern. Wenn Erna Wochenenddienst hatte, ging sie am Nachmittag immer diesen Weg.
»Wollen wir dem Kräuterheiler einen Besuch abstatten, Ganghofer?«, fragte sie, als sie Rottach-Egern erreicht hatten.
Der Mops röchelte, was Erna als ein Ja interpretierte.
Als sie an dem noblen Sternehotel Quirinus vorbeikamen, fielen Erna die vielen Asiaten auf, die im Anfahrtsbereich des Hotels standen und sich voreinander verbeugten.
»Merkwürdig, Ganghofer«, sprach Erna zu ihrem Mops. »Ich komme mir vor wie auf Schloss Neuschwanstein. Aber hier im Tegernseer Tal? Uns besuchen für gewöhnlich eher Menschen aus arabischen Ländern.«
Erna blieb vor einem Plakat stehen, auf dem ein wunderschön blühender Apfelbonsai abgebildet war. Darunter die Ankündigung für eine internationale Bonsaiausstellung im Hotel Quirinus.
»Deswegen die vielen Asiaten. Bonsai ist eine japanische Gartenkunst, bei der Bäume in ihrem Wachstum begrenzt und geformt werden. Ursprünglich stammt diese Kunst sogar aus China, glaube ich«, belehrte sie ihren Mops.
Ganghofer sah fragend zu ihr hoch.
Erna schaute nachdenklich zurück. »Das ist wie bei dir, Ganghofer. Ihr Möpse stammt ursprünglich auch aus China, wo ihr als Hunde der Kaiser gegolten habt. Und auch ihr wurdet züchterisch klein gehalten und geformt.«
Der Mops quittierte diese Aussage mit einem längeren Furz und schaute beleidigt in die entgegengesetzte Richtung.
Ab und zu beschlich Erna das Gefühl, dass Ganghofer mehr verstand, als sie ahnte. Sie schlenderten vorbei am Hotel Malerwinkel, das einst dem berühmten Kammersänger Leo Slezak gehört hatte, und bogen ab in die kleine Straße hoch zum Klaslhof.
Dort wohnte der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Kräuterheiler Anton, auch Bergheiler genannt. Von nah und fern strömten die Leute zu ihm und suchten seinen Rat. Die Alten im Tal raunten, er habe den erweiterten Blick und spreche mit den Ahnen. Seine geheimen Kräuterrezepturen hatte er von seiner Großmutter vererbt bekommen, die sie in einem Buch zusammengefasst hatte. Als letztes Jahr eine Lungenseuche das Land beherrschte, hatte er die heilende Kräutermischung in diesen Aufzeichnungen gefunden. Das war auch der Grund für seine Entführung gewesen. Ein gieriger Pharmachef hatte Millionen mit dieser Rezeptur scheffeln wollen. Dank Ganghofers feiner Spürnase und Ernas Kombinationsgabe war der Plan vereitelt worden.
Erna öffnete das quietschende Gartentor. Aaron, der Weimaraner des Bergheilers, kam neugierig herbeigelaufen. Als er Ganghofer sah, machte er eine Kehrtwende. Der marode Mops war unter seiner Würde.
Giacomo, der Kater des Hauses, saß auf einem Baum und betrachtete die Neuankömmlinge. Vor Giacomo hatten alle Hunde Angst. Er war berüchtigt dafür, so lange in einem Busch zu warten, bis ein Hund vorbeikam, um dann herauszuspringen und dem verdutzten Tier mit der Tatze eine zu wischen. Ehe der Hund sich besann, war Giacomo auf einen Baum gesprungen.
Heute jedoch schien Giacomo nicht darauf erpicht zu sein, Hunde zu ärgern, schon gar nicht den kleinen dicken Mops, der sich so wichtig nahm und ständig stinkende Abluft produzierte.
Erna ging an den blühenden Apfelbäumen vorbei zur Eingangstür des Klaslhofes, die immer unverschlossen war, Tag und Nacht, wie viele Anwesen auf dem Land. Hier vertraute jeder jedem, zumindest war das unter den Einheimischen so.
Theres, die Haushälterin am Klaslhof, stand mit weißer Spitzenschürze in der Kuchl und holte mit zwei selbst gestrickten Topflappen ihren berühmten Apfelkuchen aus dem Ofen. Das Rezept war geheim, nur sehr enge Freunde bekamen es. Ein Sternekoch vom See wollte es ihr seit Langem abluchsen, aber Theres gab es nicht preis.
Der Holzboden knarzte, und Theres drehte sich um. Sie legte die Topflappen beiseite. »Griaß di, Erna, wia schee, dass du uns mal wieder b’suchst. Bleibst du zum Kaffee? Der Anton und die Babette müssten auch gleich kommen.« Theres wohnte nicht auf dem Klaslhof, war aber von früh bis spät vor Ort und half dem Bergheiler im Haushalt. Sie war seine Schwägerin und die Großtante seiner Enkelin Babette und hatte Erna dabei unterstützt, Antons Entführung aufzuklären. Nun nahm Theres ein kleines Sieb und bestäubte den lauwarmen Kuchen mit Puderzucker.
Erna lief das Wasser im Mund zusammen. Es duftete köstlich nach Zimt, karamellisierten Äpfeln und Mandelsplittern. »Ich bleib sehr gerne, Theres. Heute ist es ruhig am See. Am Wochenende machen hoffentlich auch die Verbrecher mal frei.«
Theres drückte Erna ein Tablett mit fünf Tellern, Tassen und Besteck in die Hand. »Wärst du so lieb, den Tisch auf der Terrasse zu decken? Ich brühe den Kaffee auf. Geschlagene Sahne ist im Kühlschrank. Wenn wir schon sündigen, dann richtig.«
Erna zählte die Teller. »Fünf? Wer kommt noch?«
Theres schmunzelte und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Babette hat ihren Freund Valentin zum Kaffee eingeladen, damit sich Anton an ihn g’wöhnt.«
»Dr. Schmidt, der Weißkittel aus dem Krankenhaus? Na, des glaub ich, dass der Anton sich an den g’wöhnen muss. Ausgerechnet ihm als Kräuterkundler setzt seine Enkelin einen Mediziner vor.« Erna rümpfte die Nase. »Nett ist er ja, ich hab ihn kurz kennengelernt, aber halt ein Weißkittel.«
»Besser als ein Preiß, sagt der Anton immer«, lachte Theres. »Glücklich muss sie sein, unsere Babl, das ist das Wichtigste. Und wenn es ein Weißkittel ist, dann ist es halt so. Das Leben ist kein Wunschkonzert! Es hätte schlimmer kommen können.«
Erna ging mit dem Tablett hinaus auf die Terrasse und deckte den Tisch. Von der Wiese holte sie ein paar Löwenzahnblumen und steckte sie in eine kleine Vase, die sie in die Mitte des Tisches auf die weiße Leinentischdecke platzierte.
Anton gesellte sich zu ihr. Er trug wie immer seine in die Jahre gekommene Lederhose, die er von seinem Vater und der wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Weil heute Sonntag war, hatte er ein weißes Hemd dazu gewählt. Anton hatte die Barfußsaison eröffnet. Sobald der letzte Schnee geschmolzen war, warf er die Schuhe und Socken in die Ecke. Er war der Meinung, Barfußgehen sei eines der gesündesten Dinge, die man für seinen Körper tun könne.
Er ging hinüber zum Brunnen mit eigener Quelle und wusch sich seine Hände, das machte er immer so. »Erna! Schön, dich zu sehen«, begrüßte er seine alte Freundin. »Was macht die Hex?« Er deutete auf ihren Rücken.
»Seit du diese Dorn-Breuss-Methode bei mir angewandt hast, geht’s mir sehr gut. Die Weißkohlauflagen tun ihr Übriges.«
»Dann ist es ja recht«, brummte Anton zufrieden und nahm am Tisch Platz.
Theres brachte die Kaffeekanne aus dem Hochzeitsservice von Antons Großmutter mit Schaumstoffröllchen am Ausguss. Der Kaffee duftete köstlich.
»Endlich mal wieder ein von Hand aufgebrühter Kaffee«, schwärmte Erna. »Ich kann’s schon nicht mehr hören, überall bekommst du nur noch Cappuccino, Espresso, Espresso corretto, Espresso macchiato, Latte mit Geschmack, Latte ohne Geschmack, Latte mit Soja, Mandel- oder Hafermilch, aber nirgends mehr einen ordentlichen Kaffee im Kännchen mit Kaffeesahne. Letztens im Café Franzl bestellten sogar die alten Huberschwestern aus Gmund eine ›Latte matschatcho‹.« Erna lachte lauthals. »Sie wussten ned, wie man es ausspricht. Der Kellner schmunzelte nur und sagte nichts.«
Theres schenkte den dampfenden Kaffee ein und reichte ihnen das Sahnekännchen. Dann schnitt sie den Kuchen in gleichmäßige Stücke und verteilte diese auf die Teller, jeweils mit einem ordentlichen Klacks Schlagrahm garniert.
Sie sahen, wie ein Auto sich dem Hof näherte.
»Jetzt kimmt der Herr Doktor vom Frühdienst«, brummte Anton abschätzig in seinen nicht vorhandenen Bart. »Benehmts eich ordentlich, wenn der Herr Akademiker da is.«
Theres knuffte ihn mit dem Ellbogen in die Seite. »Gib ihm halt a Chance! Auch Ärzte san Menschen. Sei ned so rassistisch!«
»Weil’s wahr is!«, echauffierte sich Anton. »Die Babl könnt so viele andere Männer haben, aber nein, ausgerechnet ein Weißkittel muss es sein. Der Wiggerl von Tölz, weißt schon, der mit der Schreinerei, der hat seit Langem ein Aug auf sie g’worfen, sogar ein Schmuckkastl hat er ihr g’schreinert und zum Geburtstag g’schenkt. Da is er sehr lang dafür in seiner Werkstatt g’standen, hat mir sein Vater erzählt. Ein Schmuckkastl macht ein Schreiner nur für die Angebetete, die er richtig mag. Der wär ein richtiges Mannsbild, und i könnt ihn auch sehr gut am Hof brauchen. Es gibt ja ständig irgendwas zum Reparieren. Und vielleicht stimmt der Spruch über Schreiner.«
»Was sagt man denn?«, fragte Erna neugierig nach.
»Nur Schreiner machen Frauen glücklich.« Anton lachte laut. »Der 15-jährige Lehrling vom Wiggerl, Jakl heißt er, a richtigs Magermilchbürscherl aus Lenggries, hat den Spruch letztens auf sein Mofa gepappt. I glaub, daheim hat’s von der Mama erst mal an Satz heiße Ohren ’geben.«
Theres stieß ihm erneut den Ellbogen in die Seite. »Sei jetzt stad und gib dem Valentin eine Chance, sonst verlierst du die Babl am End noch!«
Das Auto parkte in der Hofeinfahrt. Ein sichtlich nervöser Valentin stieg aus. Er hatte sich schick gemacht und trug zur Jeans ein weißes Hemd. Seine Füße steckten in modischen braunen Mokassins.
Babette rannte aus der Haustür auf ihn zu, sie hatte ihn vom Fenster aus gesehen, fiel ihm um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Hand in Hand gingen sie zu den anderen.
»Grüß Gott, ich hab eine Kleinigkeit mitgebracht«, sagte Valentin verlegen, zauberte einen kleinen Blumenstrauß aus Maiglöckchen hinter seinem Rücken hervor und überreichte ihn Theres.
Die errötete leicht. »Mei, des is ja liab, Herr Valentin, vielen Dank! Setzen Sie sich zu uns. Mei, wia die duften! Sie meng sicher an Kaffee und a Stückl Kuacha, oder?« Theres strahlte ihn an.
Das Eis war gebrochen, zumindest bei Theres.
»Servus«, brummte Anton mürrisch und hob kurz seinen Kopf zum Gruß. »Des wissen S’ aber schon, Herr Doktor, dass man mit den Maiglöckchen alle hier am Tisch vergiften könnt? Oder lernt man so was in Ihrem Studium ned? Ich mein ja nur …«
»Großvater!«, zischte Babette und verdrehte die Augen. »Des weiß doch jedes Kind, dass Maiglöckchen hochgiftig sind, aber sie riechen halt so gut.«
»Ich hatte nicht vor, jemanden zu vergiften. Ich bin davon ausgegangen, dass es Kuchen gibt und wir nicht die Blumen essen müssen«, revanchierte sich Valentin lachend.
»Eins zu null für den Herrn Doktor«, kommentierte Erna trocken und rückte ein Stück zur Seite, damit die beiden sich auf die Bank setzen konnten.
»Bitte nennen Sie mich Valentin, den Doktor lass ich immer im Krankenhaus.«
»Des wird auch guad so sein«, erwiderte Anton kaum hörbar.
»Wo gibt’s denn jetzt schon Maiglöckchen?«, fragte Erna. »Des is no zu früh für die Blumen. Der Bärlauch beginnt erst grad zu blühen.«
»I hab s’ im Blumenladen gekauft, die hatten schon welche. Ich hab sie nicht selbst gepflückt.«
Eine peinliche Stille entstand, bis Theres endlich das Wort ergriff. »Herr Valentin, darf ich Ihnen ein Stück Kuchen geben?« Sie streckte die Hand nach seinem Teller aus.
»Sehr gerne! Jeder schwärmt von Ihrem Apfelkuchen, und ich fühle mich geehrt, ihn probieren zu dürfen.«
Theres schnitt ihm ein extragroßes Stück ab und tat doppelt so viel Sahne auf seinen Teller als bei allen anderen.
»So ein Radlfahrer!«, schimpfte Anton kaum vernehmlich in seine Kaffeetasse.
Dieses Mal war Erna es, die ihm den Ellbogen in die Seite drückte. »Theres würde sich über ein Lob von dir auch mal freuen«, zischte sie ihm ins Ohr.
»Hm«, grummelte Anton nur und schaufelte seinen Kuchen in den Mund. »Guad schmeckt er, Theres«, sagte er etwas lauter. »Wie immer halt.«
Erna versuchte das Thema zu wechseln. »Habt ihr scho von der internationalen Bonsaiausstellung g’hört, die am See stattfinden soll?«
»Ja, ich hab’s mitbekommen«, antwortete Theres. »Gestern hod mi der Rezeptionist vom Hotel Quirinus angerufen, ob wir für eine Woche einen Herrn Takahashi aus Japan bei uns übernachten lassen können. Er muass wohl der Großmeister unter den Bonsaikünstlern sei. Er möcht mit seinen wertvollen Bonsais inkognito wohnen und ned wie auf einem Präsentierteller mitten im Hotel.«
»Du hast dem Herrn vom Quirinus hoffentlich g’sagt, dass wir ned vermieten?« Anton nahm sich ein zweites Stück Kuchen.
»Nein, hob i ned! Der Herr Takahashi kommt morgen mit seinem Chauffeur zu uns. Er zahlt sehr viel. Geld, des wir gut gebrauchen können, weil du ja nix verlangst für deine Behandlungen. Außerdem bietet sich unser Garten für seine wertvollen Bonsais an. Er liegt abseits, und man kann ned über die Hecke schauen.«
Theres nahm Valentins Teller und gab auch ihm ein zweites Stück Kuchen, was dieser mit einem dankenden Lächeln quittierte, während Anton immer grimmiger dreinblickte. Stumm hielt er seinen Teller für ein drittes Stück zu Theres hin. Der Grant stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Theres schnitt ihm ein kleines Stück ab. Anton warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu und hielt seinen Teller so lange vor ihre Nase, bis sie ihm ein weiteres schmales Stück auf den Teller legte.
»Schlagrahm, Herr Valentin?«
»Gerne, ja.«
Theres kratzte ihm die Reste aus der Schüssel. Anton bekam keinen mehr.
»Also, ich find des guad, wenn der Herr bei uns wohnt. Die japanische Kultur interessiert mich«, versuchte Babette, die Stimmung am Tisch aufzulockern. »Ich freu mich drauf, und wer weiß, vielleicht lernen wir no was über Pflanzen von ihm.«
»So ein Bonsai kann schon mal 50.000 Euro kosten«, sagte Valentin, während er ein großes Kuchenstück auf die Gabel spießte.
Allen am Tisch blieb der Mund offen stehen. Erna berappelte sich als Erste. »Wie bitte? Da braucht der Mann ja einen eigenen Sicherheitsdienst für seine Bäume!«
»Nun ja«, meinte Valentin, »nicht alle sind so viel wert. Aber wenn sich hier die Meister treffen, werden die Bäume dementsprechend ihren Preis haben.«
»Wer kommt denn auf so eine dumme Idee, kleine Bäume zu züchten?« Anton schüttelte den Kopf.
»Die Bonsaikunst ist seit über 2.000 Jahren bekannt und stammt aus China, bevor sie 600 nach Christus von wandernden Zen-Mönchen nach Japan und schließlich von dort aus in die westliche Welt gebracht wurde. Auf der Weltausstellung in Paris 1867 erregten die kleinen Bäume in Schalen zum ersten Mal Aufsehen. Es waren die Japaner, die die Bonsaikunst im Laufe der Jahrhunderte zur höchsten Vollendung gebracht haben.«
»Gschaftlhuber!«, brummte Anton in sich hinein, aber Theres hatte ihn verstanden und trat ihm auf den Fuß. Anton warf ihr einen finsteren Blick zu und rieb seine Zehen unter dem Tisch.
»Bonsai heißt übersetzt: ›Baum in der Schale‹. Durch Drahten, Schneiden, Pinzieren werden die kleinen Bäume, die oft über 40 oder sogar 50 Jahre alt sind, in die gewünschte Form gebracht. Wenn man an einem heißen Tag nur ein Mal das Gießen vergisst, sind unter Umständen Tausende von Euro kaputt. Das muss man sich mal vorstellen!«
Alle am Tisch blickten gebannt zu Valentin.
Der fuhr fort: »Ich hab im Vorfeld der Ausstellung in einer Fachzeitschrift gelesen, dass einer der teuersten Bonsais der Welt eine jahrhundertealte Schwarzkiefer mit einem Wert von 1,3 Millionen Dollar ist. Der Baum wurde in Japan auf einer Ausstellung verkauft. Es würde mich nicht wundern, wenn dieser Baum auch bei der Ausstellung im Quirinus gezeigt wird. Ich hab gehört, dass das Hotel bei einem Sicherheitsdienst mindestens zehn Männer angefordert hat. Teilweise bringen die Bonsaimeister zusätzlich ihre eigenen Aufpasser mit.«
»Hoffen wir, dass dieser Herr Taka…sonstnochwas nicht der Besitzer von diesem Millionenbaum ist und Aaron nicht aus Versehen sein Bein an einem dieser Bäumchen hebt«, knurrte Anton.
»Takahashi«, verbesserte Theres ihren Schwager. »Er heißt Takahashi und kommt aus einem Vorort von Tokio. Herr Takahashi spricht sogar ein wenig Deutsch. Ich weiß nur ned, was ich kochen soll, des is mein größtes Problem.«
»Der soll essen, was auf den Tisch kommt! Und wenn’s ihm ned schmeckt, soll er woanders hingehen.«
»Was bist du heut so grantig, Anton? Des ist ja kaum zum Aushalten!«
Erna flüsterte Theres ins Ohr: »Eifersüchtig ist er, unser lieber Anton.«
Valentin räusperte sich. »Ich war vor Jahren auf einer Japanrundreise und hab dort gelernt, dass in asiatischen Ländern wenig Milchprodukte gegessen werden, die vertragen die Menschen dort nicht so gut.«
Theres nickte ihm dankbar zu. »Meine Küche hat bisher keiner verschmäht. Wir werden schon was finden für den Herrn Takahashi.«
Ganghofer saß zu Füßen von Erna, die ab und zu ein Stück des Kuchens aus Versehen zu Boden fallen ließ, das er mit seiner langen Zunge gierig hinunterwürgte. Valentin und Babette hielten sich unter dem Tisch an den Händen und warfen sich verliebte Blicke zu. Theres betrachtete die beiden wohlwollend, während Anton immer muffeliger wurde.
Erna verabschiedete sich und machte sich auf den Weg. Sie ging hinunter zur Seestraße, wo die Kramerin Josefa gerade ihre scharlachroten Geranien begutachtete. Sie war eine der Ersten in der Seestraße, die ihre Blumen gepflanzt hatten. Die meisten warteten, bis die Eisheiligen Mitte Mai vorbei waren, damit keine Gefahr mehr für Nachtfröste bestand. Erst nach der Kalten Sophie am 15. Mai, so schrieb es die Bauernregel vor, sollte man Blumen aussetzen. Die heilige Sophia von Rom wurde oftmals gegen Spätfröste und um eine gute Ernte angerufen. Die Landbevölkerung befolgte noch immer den Rat, die Eisheiligen abzuwarten. Eine Bauernregel hieß: »Pankrazi, Servazi und Bonifazi sind drei frostige Bazi, und zum Schluss fehlt nie die Kalte Sophie.«
Josefa hatte heute ein besonders schönes Dirndl an, weil Sonntag war und sie gerade vom Gottesdienst aus der Laurentiuskirche nach Hause gekommen war. Ganghofer zog an der Leine. Er wusste, bei Josefa gab’s immer ein Stück Wurst für ihn. Und auch sonst roch es für Hunde verführerisch gut, vor allem morgens, wenn Josefa den frischen Leberkäs aus dem Rohr holte.
Josefa winkte die beiden herbei, sperrte ihre Ladentür auf und holte aus der kalten Theke ein Wiener Würstel für den Mops. Jetzt war auch für Ganghofer Sonntag.
»Servus, Erna. Hast du Wochenenddienst?«
»Ja, leider, Verbrecher haben kein Wochenende. Aber bisher ist es ruhig, und des bleibt hoffentlich auch so. Trotz der vielen Besucher aus Asien, die im Quirinus abgestiegen sind.«
»Auf der Seepromenade wuselt’s wie in Neuschwanstein, die fotografieren alles und jeden. Mit meinem Dirndl hab ich heute bestimmt schon zehnmal Modell für ein Foto stehen müssen, und des in meinem Alter. Vielleicht werd ich auf meine alten Tag noch ein Covergirl in Japan oder China.« Josefa lachte und strich ihre Dirndlschürze glatt, als ein weiterer Gast kam und um ein Foto mit ihr bat.
»I muass weiter, Josefa. Ich seh’s schon, ›Germanys next Topmodel‹ wartet auf dich. Die nemma jetzt auch ältere Frauen. Bis bald!«
»Servus, Erna! Schönen Sonntag no.« Sie winkte Erna kurz zu, bevor sie sich für das Foto in Pose warf.
Pünktlich zum Dienstschluss kam Erna mit Ganghofer wieder in Bad Wiessee an.
Am nächsten Morgen – Anton wusch sich gerade am Brunnen, während Theres den Frühstückstisch deckte – fuhr ein dunkelblauer Van die schmale Straße hoch zum Klaslhof. Ein kleiner Mann im grauen Anzug sprang aus dem Auto und öffnete flink die Beifahrertür. Dort entstieg ein weiterer Herr.
Das musste Herr Takahashi sein, waren Babette und Theres sich einig und gingen hinaus, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.
Der Fahrer kam auf die beiden zu, verbeugte sich vor Theres und überreichte ihr mit beiden Händen eine Visitenkarte. »Konnichiwa«, sagte er.
»Grüß Gott!«, übersetzte der andere ins Bairische.
»Servus«, antwortete Anton, der hinzugekommen war, klopfte ihnen auf die Schulter, was die beiden mit erstauntem Blick quittierten, und schüttelte jedem die Hand, was sie nach anfänglichem Zögern schließlich erwiderten.
»I bin der Anton, aber ihr könnts auch Toni zu mir sagen.«
Die beiden Japaner sahen sich an, und man konnte die Verwirrung in ihren Gesichtern ablesen.
»Herr Takahashi?«, unterbrach Theres das peinliche Schweigen.
»Hai, ja, das bin ich«, antwortete derjenige, der an der Beifahrerseite ausgestiegen war, und verbeugte sich tief vor Theres.
Der gefiel das sichtlich. Aus Verlegenheit machte sie einen Knicks. »Darf ich Ihnen your room zeigen, ich meine, Ihr Zimmer?«
»Hai«, antwortete Herr Takahashi und sprach auf Japanisch mit seinem Chauffeur, der daraufhin zum Auto zurückging.
»Entschuldigung. Frau Theres-San, nehme ich an. Danke, dass Sie sich um uns kümmern.« Herr Takahashi verbeugte sich nochmals tief vor Theres. »Ich möchte Ihnen keine große Unannehmlichkeiten bereiten, aber wo kann ich Bonsai hinstellen?«
Sein Chauffeur hatte mittlerweile den Kofferraum des Vans geöffnet, in dem prachtvoll blühende Bäume standen. Verzweigte, skurrile kleine Kunstwerke in wunderschönen Keramikschalen kamen zum Vorschein.
Theres stockte der Atem, als sie diese Kunstwerke sah. Ganz hinten entdeckte sie eine verschnörkelte Kiefer.
»Ist über 800 Jahre alt, Frau Theres-San«, erklärte Takahashi, der ihrem Blick gefolgt war. »Ist sehr wertvoll.«
Theres fragte atemlos: »Ist das einer der teuersten Bonsais der Welt, der vor Kurzem auf einer Auktion versteigert worden ist?«
»Hai!« Takahashi nickte stolz. »Sie wissen? Deswegen ich bin bei Ihnen, Frau Theres-San. Im Hotel ich zu viel Angst haben um meine Baum«, antwortete er. »Kein Mensch weiß, ich hier bei Ihnen wohne.«
Theres wurde es ganz anders zumute. »Wie viel ist die Kiefer noch mal wert?«, flüsterte sie und sah sich um, ob sie irgendwer belauschen könnte, oder noch schlimmer, ob die alte Luidlin in der Nähe war.
»Über Geld spricht man nicht in Japan, Frau Theres-San«, schmunzelte Herr Takahashi. »Aber sagen wir so, man würde hier ein klein Haus am See bekommen.«
Theres schluckte.
Anton trat hinter Theres und flüsterte ihr ins Ohr: »Warum sagt der immer San hinter deinem Namen?«
Theres verdrehte die Augen. »›San‹ hängen die Japaner als höfliche Anrede bei gleichgestellten Persönlichkeiten an den Namen dran. Es entspricht ungefähr ›Herr‹ oder ›Frau‹ im Deutschen. Wenn er die Endung ›Sama‹ verwenden würde, dann würde er uns als höhergestellte Persönlichkeiten betrachten.«
Anton sah seine Schwägerin erstaunt von der Seite an. »›Samma‹ gibt’s im Bairischen aa«, feixte er. »Aber Respekt, Frau Theres-San, du bist guad vorbereitet!«
Theres knuffte ihn mit dem Ellbogen in die Seite. »Depp!« Sie legte ihren Zeigefinger nachdenklich an die Lippen. »Wo stellen wir nur die Kiefer hin? Wenn die g’stohlen wird, hamma a Problem.«
»Hamma ned«, knurrte Anton verstimmt. »Der hat doch seinen Wachhund dabei, soll der eben neben dem Baum schlafen. Aaron freut sich, wenn er an so einem edlen Baum sein Bein heben darf, sozusagen bayerischer Dünger. Und Giacomo schärft bestimmt auch gerne seine Krallen daran.«
»Untersteh dich, Anton!«, wies Theres ihn zurecht. »Herr Takahashi zahlt sehr vui Geld, damit er bei uns für ein paar Tage wohnen darf.«
An die beiden Japaner gewandt meinte sie: »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.«
»Wo kann mein Chauffeur Bonsai hinbringen, Frau Theres-San?«
Theres zeigte auf einen Holzschuppen mit Fenster. »Ich glaube, da drin sind sie in der Nacht sicher, und tagsüber können wir sie in den Garten an die Hecke stellen, es ist ja immer wer da.«
»Sehr gut!« Er gab die Info an seinen Chauffeur weiter, der daraufhin mit einem zackigen »Hai« in weiße Handschuhe schlüpfte, die Bonsais vorsichtig auslud und sie vor dem Holzschuppen aufreihte. Giacomo kam neugierig herangeschlichen und schnupperte an den skurrilen Miniaturbäumen, argwöhnisch beobachtet vom Chauffeur.
Theres eilte, nachdem sie Herrn Takahashi sein Zimmer gezeigt hatte, sofort herbei und trug Giacomo weg.
»Vielleicht sollte ich meine Kammer für die Bonsais anbieten, und ich schlaf im Holzschuppen?«, bot Anton sarkastisch an. »So ein G’schiss wegen einer Kiefer! Dabei könnte man aus den Nadeln sicherlich einen guten Tee zubereiten.«
»Untersteh dich!«, fuhr Theres ihn erneut an und setzte Giacomo ab. »Das wird sonst der teuerste Tee deines Lebens. Eine Tasse Tee für über eine Million! Ich glaub, da gehst lieber in den Wald und pflückst dir deine Kiefernadeln dort, oder?«
Babette und Valentin standen derweilen turtelnd im Garten und sahen sich mit verliebten Blicken an. Valentin drückte ihr zum Abschied einen Kuss auf die Stirn und ging zu seinem Auto.
Anton machte eine Kopfbewegung zu Valentin. »Is der Pillenschubser etwa über Nacht geblieben?«
»Anton!«, wies Theres ihn leise zurecht. »Die Babl ist 27 Jahre alt! Sie muss dich nicht mehr um Erlaubnis fragen. Sei froh, dass sie überhaupt noch bei uns wohnt. Sie könnte längst in München leben, das wäre mit ihrer Heilpraktikerschule eh viel einfacher. Nur dir zuliebe fährt sie hin und her, damit sie dir bei deinen ›Besuchern‹ helfen kann, wenn du sie brauchst.«
»Alles, was sie zum Leben und zum Heilen braucht, lernt sie bei mir, das kann ihr keine Schule vermitteln. Sie muss auch kein eigenes Geld verdienen. Sie erbt eh alles.«
Theres legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie wusste, das Babette sein Ein und Alles war und es ihm schwerfiel, sie loszulassen. »Ach, Anton, des Mädl möchte unabhängig sein, auch wenn ihre Eltern ihr einiges vermacht haben und sie zusätzlich von dir alles bekommen wird. Allein das Kräuterbuch von deiner Großmutter hat einen unschätzbaren Wert. Eigentlich müsste man die Rezepturen professionell herstellen lassen, damit sehr viele Menschen davon profitieren, nicht nur die Leute, die dich kennen und zu dir kommen.«
»Hast ja recht. Das kann alles Babette mal machen. Wenn sie ihren Heilpraktiker hat, darf sie offiziell therapieren«, stimmte Anton ihr bei. Leise fügte er hinzu: »Trotzdem, ein Weißkittel im Haus und dann auch noch Japaner mit Millionenbäumen, des is einfach zvui.«
Theres lachte und ging mit ihm ins Haus. Anton musste sich auf einen »Besucher« vorbereiten, und Theres fing an, in der Kuchl Gemüse zu putzen. Zusammen mit einem guten Stück Rindfleisch vom Nachbarbauern wollte sie eine Suppe kochen. Wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, wurde zunächst die Hälfte einer ungeschälten Zwiebel auf dem Holzofen geröstet, bis diese fast schwarz war. Danach setzte sie das Gemüse zusammen mit dem Rindfleisch, den Suppenknochen und der gerösteten Zwiebel, für die goldgelbe Farbe in der Suppe, in kaltem Wasser an und ließ alles zwei Stunden auf kleiner Flamme köcheln. Dann war die köstliche, nahrhafte Rinderbrühe fertig, die nur noch mit Schnittlauch verfeinert werden musste. Als Einlage gab es entweder Pfannenkuchenstreifen, Grießnockerl oder Leberspätzle. An Hochzeiten reichte man alle drei Einlagen, das nannte man dann Hochzeitssuppe.
Während Theres in der Kuchl an den Töpfen hantierte, betrat Anton das umgebaute Schlafzimmer seiner verstorbenen Frau Kreszenz, in dem er seine »Besucher« behandelte.
