Der Krieg der Käuze - Martin Hocke - E-Book

Der Krieg der Käuze E-Book

Martin Hocke

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Beschreibung

Das Schicksal der Waldkäuze verbietet, die Grenzen des Niemandslandes zu übertreten. Der junge Waldkauz Olmo beschließt, sich diesem uralten Bann zu widersetzen, zu sehr faszinieren ihn die düsteren Geheimnisse der grauen Vorzeit. Unerschrocken verlässt er seine trostlose Heimat und begibt sich auf eine lebensgefährliche Reise. Doch sein Entschluss hat schwerwiegende Folgen, die das Leben der Eulenvölker dramatisch verändern werden. »Eine bewegende Geschichte, wie sie als Fabel der Verstrickung von Menschen unserer Zeit kaum exemplarischer gedacht werden kann. Einem solchen Buch wünsche ich viele Leser.« (Hans Bemmann, Autor von Stein und Flöte) Ein unerbittliches System regelt das Nebeneinander von Schleiereulen, Wald- und Steinkäuzen. Im Land der Eulen werden Verstöße gegen diese uralten Regeln mit dem Tode bestraft. Doch eine neue Zeit beginnt: Aus ehemaligen Feinden werden notgedrungen Verbündete im Kampf gegen einen gemeinsamen, alten Feind. Die fantastische Romantrilogie, die sich um Eulen und andere Nachtvögel dreht, hat Martin Hocke mit poetischem Witz und bestechender Beobachtungsgabe zu einer Parabel verwoben, die in der Tradition von »Unten am Fluß« und »Wind in den Weiden« steht. Einzelbände: Zeit der Eulen, Die verlorenen Wälder, Der Krieg der Käuze

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Seitenzahl: 739

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Martin Hocke

Der Krieg der Käuze

Roman Aus dem Englischenvon Irene Bonhorst

Für Nicole Hocke und mit großem Dank an Jenny Picton und Pauline Hocke, ohne deren Hilfe etc.

TEIL EINS

… Im Reichder Hühner kommt Euleeinem Gott gleich.Verflogener Wind auf der Haut. FeinerRegen in den Knochen. Eule dämmertwie der Tag. Bin eine Eule. Bin eine Eule.GEORGE MACBETHEuleSelig sind die Sanftmütigen;denn sie werden dasErdreich besitzen.MATTHÄUS 5.5Ich sehe die wogende Gerste,die Schnitter finden sich ein.Ich sehe die nahende Linie,in beständiger, zeitloser AnmutIn ihren Augen ist Leidenschaft,in ihren Gesichtern Ehre,während sie Burgen und Höfe niedermähen.JOHN TAMSVogelscheucheSelig sind, die um der Gerechtigkeit willenverfolgt werden;denn ihnen gehört das Himmelreich.MATTHÄUS 5.10

1

Olmo wurde im Niemandsland geboren. Er erblickte das rosafarbene Licht der Morgendämmerung zum ersten Mal in dem verlassenen Eisenbahnwaggon, den seine Eltern vor einiger Zeit zu ihrem Wohnsitz gemacht hatten.

Der alte Waggon stand auf einem schmalen Nebengleis in der Nähe eines Dorfbahnhofs, der seit Langem stillgelegt war. Die Eisenschienen waren verrostet, die Holzschwellen moderten vor sich hin, und die Fenster des Waggons und des nahen Bahnhofs waren alle gesprungen oder zerbrochen. Olmos Eltern versorgten ihn mit Nahrung, brachten ihm das Fliegen bei und lehrten ihn bald darauf, selbstständig zu jagen, und zwar in dem von Gestrüpp überwucherten Gelände neben den Schienen und später in den etwas weiter entfernten Gärten des kleinen Dorfes, dem der verlassene Bahnhof einst gedient hatte. Als Olmo heranwuchs und kräftiger wurde, nahm ihn sein Vater auf einen größeren Ausflug entlang der Gleisanlage mit, und sie flogen bis zu den Randbezirken der kleinen Stadt, die etwa zwanzig Anger südlich ihrer Heimstatt, des verlassenen Eisenbahnwaggons, lag.

Nur wenige Eulen hätten den Waggon oder diesen besonderen Teil des Niemandslandes als fruchtbare Gegend oder gar als erstrebenswerten Wohnort bezeichnet, doch anfangs war sich Olmo dessen nicht bewusst, und deshalb machte es ihm nichts aus. Im Gegenteil, denn die frühen Tage seines Lebens waren reich gefüllt mit den Abenteuern des Entdeckens.

Wenn er sich mit kräftigen Flügelschlägen in der üppig duftenden Luft der Sommernächte entlang des Schienenstranges fortbewegte, in der Morgendämmerung des ersten Frühlings zurückflog oder sich in der würzigen Abendluft des Herbstes auf die Jagd begab, erschienen ihm die weiße Lichtnelke, der Bärenklau, die Pastinake oder das Gänsefingerkraut ebenso hübsch und wohlriechend wie Heckenrose, Hyazinthe, Waldanemone oder eine Menge anderer Blumen und Blüten, deren Namen er noch nicht kannte.

Während Olmo der Pubertät rasch entwuchs und bald zu einem vollends flügge gewordenen jungen Männchen heranreifte, interessierte er sich mehr und mehr für das ausgedehnte Weideland im Westen und den tiefen, dunklen Wald, der sich in dem hügeligen Gelände jenseits des ungenutzten Bahnhofs und des winzigen Dorfes erstreckte und das Land östlich der Gleisanlage überragte.

Aus einem unerfindlichen Grund reizte ihn der Wald ganz besonders, obwohl er wusste, dass er niemals den Versuch unternehmen durfte, dorthin zu fliegen, da ihn die mächtigen Waldkäuze, die in diesem Gebiet herrschten, sofort wegen unbefugten Betretens töten würden, sobald sie ihn bemerkten. Man hatte ihm gesagt, dass es tödlich sei, sich dem dichten, hügeligen Wald bei Nacht zu nähern, und selbst bei Tage wäre ein Ausflug dorthin gefährlich, obwohl behauptet wurde, bei Tageslicht würden die sonst so lebhaften Waldkäuze von einer eigenartigen Trägheit befallen, die ihre Flugkraft beträchtlich mindere.

Anfangs fand sich Olmo ohne zu fragen oder sich zu beschweren damit ab, dass er sich auf das Niemandsland beschränken musste. Doch als er älter wurde, begann seine junge Seele gegen die unnatürlichen Grenzen, die ihm auferlegt waren, aufzubegehren. Welchen rechtlichen Anspruch hatten die Waldkäuze auf all dieses Land, und warum sollten allein die großen Schleiereulen die Felder und Wiesen beherrschen – landwirtschaftliches Gebiet, das allerlei köstliche Nahrung wie Wühlmäuse, Feldmäuse und ganz besonders die fleischigen und saftigen Maulwürfe zu bieten hatte?

Sein Vater hatte ihm dazu keine Erklärung gegeben, sondern ihn lediglich davor gewarnt, über die Grenzen des Niemandslandes, in das sie nun einmal gehörten, hinauszufliegen. Den Grund dafür fand er zufällig heraus. Nachdem er im Morgengrauen eines Frühlingstages erschöpft heimgekehrt und durch das zerbrochene Fenster ins Innere des alten Waggons geflogen war, schlief er sofort auf seinem Platz oben auf der Gepäckablage über den zerrissenen Polstern der Sitze ein – Sitze, auf denen einst Menschen gesessen hatten, die auf den Gleisen hin- und hergereist waren.

Natürlich wusste Olmo das damals noch nicht, und er sollte sich auch später nie ganz genau erinnern, welches Geräusch ihn an jenem Morgen aus dem Schlaf gerissen hatte. Die inzwischen aufgegangene Sonne schickte ihre Strahlen längst durch die zerbrochenen Fenster des Waggons herein. Olmo blinzelte und schloss die Augen wegen des blendenden Lichtes. Als er ganz wach war, hörte er, wie sich seine Eltern stritten.

»Du machst zu viel Aufhebens um sie«, sagte sein Vater. »Besonders um Olmo. Du mischst dich bei beiden zu sehr in ihr Leben ein. Das ist eine schlechte Angewohnheit aus dem alten Land. Um hier zu überleben, müssen sie selbstständig werden – je eher, desto besser!«

»Aber sie sind doch noch so jung!«, widersprach Rosalba. »Besonders Olmo! Mit Eda ist es ein bisschen anders. Sie ist älter und als Weibchen naturgemäß weniger abenteuerlustig. Aber Olmo zeigt Anzeichen von Entdeckerdrang. Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir ihn über die wirklichen Gefahren aufklären – und über die Gründe dafür. Ich finde, die Zeit ist gekommen, ihm zu sagen, dass wir Fremdwesen sind.«

»Die Wahrheit kann warten!«, sagte Pietro. »Lass ihn seine Jugend genießen. Er soll in dieser Hinsicht seine eigenen Erfahrungen sammeln. Olmo ist kein Dummkopf. Er kennt das Gebiet bereits sehr gut, und er jagt wie ein Erwachsener. Wenn die Zeit kommt, werde ich ihn aufklären. Aber nicht früher! Wenn man kleinen Steinkäuzen zu früh von unserer Vergangenheit und den Gefahren erzählt, werden sie nur ängstlich und gehemmt. Man darf ihnen nicht beibringen, in Angst zu leben, sonst fürchten sie sich vor der Angst an sich. Lass ihn so heranwachsen, dass er stark und selbstbewusst wird und einen Zugehörigkeitssinn entwickelt. Wenn die Zeit reif ist, werde ich ihn aufklären, aber jetzt noch nicht. Du hast Eda einige Dinge viel zu früh erzählt. Sieh nur, welche Wirkung das auf sie hatte! Sie hat sich in eine Religionsfanatikerin verwandelt!«

»Es gibt Schlimmeres als das«, entgegnete Rosalba, um sich und ihre Tochter zu verteidigen.

»Vielleicht eine böse Krankheit oder den Tod«, sagte Pietro mit einem verächtlichen kleinen Schnauben. »Ich sage dir, es ist ein Fehler, den unsere Vorfahren aus dem alten Land hierher mitgebracht haben. Zu viel Misstrauen und zu viel elterliche Fürsorge. Und jetzt lass mich um des Großen Gottvogels willen schlafen. Es ist beinahe Mittag, und ich bin müde.«

Dies war die längste Rede, die Olmo jemals von seinem Vater gehört hatte, außer natürlich in jenen Momenten, da er sich wortgewaltig über seine Leidenschaft für die alte Sprache ausließ. Bei allen anderen Gelegenheiten war er ein verschlossener, schweigsamer Vogel, bei dem sich allmählich die Müdigkeit des mittleren Alters bemerkbar machte. Er war eine Eule der wenigen Worte und wählte jedes mit Bedacht. Deshalb hatte Olmo dem gebannt gelauscht, was er da gehört hatte, und er war noch lange danach so aufgeregt, dass er nicht einschlafen konnte. Was war ein Fremdwesen? fragte er sich, während die Sonne immer höher stieg und langsam ihrem mittäglichen Höchststand über dem Waggon entgegenstrebte. Was war ein Fremdwesen, und warum war die Vergangenheit für ihresgleichen von so großer Bedeutung? Sein Vater würde es ihm nicht sagen, also beschloss er, Eda danach zu fragen, wenn sie in der Abenddämmerung erwachte. Obwohl seine Schwester ein ziemlich schlampiges Geschöpf war und viel Zeit damit verbrachte, zum Gottvogel zu beten, besaß sie einen hellwachen Geist – jedenfalls war Olmo dieser Ansicht –, und weil sie älter war, wusste sie einige Dinge, die er nicht wusste.

Gegen Abend würde er sie zu dem geheimen Versteck mitnehmen, das er ganz am Rand des schmalen Streifens Niemandsland gefunden hatte, auf den ihr Leben, ihr Aktionsraum und ihre Nahrungssuche beschränkt waren. Er würde mit ihr zu den Ausläufern des Dorfes fliegen, wo sie zusammen an seinem Lieblingsplatz sitzen würden – auf dem Dach eines verlassenen Schuppens, von wo man über das Dickicht bis zu dem hügeligen Wald blicken konnte, den er so gern durchdringen und erforschen wollte.

Ich fühle mich schon jetzt stark und selbstbewusst, dachte er, als ihm die Worte seines Vaters wieder einfielen. Ich bin kein Dummkopf und will von meiner Schwester erfahren, was es bedeutet, ein Fremdwesen zu sein. Und ich will auch etwas über unsere Geschichte lernen. Ich werde eines Tages über die engen Grenzen des Niemandslandes hinausfliegen, die Welt ringsum erforschen und die Eulen jener anderen Spezies kennenlernen, um selbst herauszufinden, warum wir solche Angst haben.

Nachdem er diesen kühnen Entschluss gefasst hatte, steckte der junge Olmo den Kopf unter einen Flügel und schlief endlich in der Erwartung der Nacht und des Beginns neuer Abenteuer wieder ein. Er schlief, ohne zu wissen, wie bald er eine Eule einer anderen Spezies kennenlernen und wie stark diese Begegnung den Rest seines natürlichen Lebens beeinflussen sollte.

2

»Mir gefällt es hier nicht«, sagte Eda mit einem kleinen Schauder, als sie neben Olmo auf dem Dach des verfallenen Schuppens kauerte und in die Abenddämmerung hinausblickte, in Richtung des Waldes der Waldkäuze, der sich vor ihnen über die dunklen Hügel erstreckte.

»Warum nicht?«, fragte Olmo, der sich angesichts dieser Reaktion seiner Schwester auf sein geheimes Versteck beleidigt und etwas verletzt fühlte.

»Es ist gefährlich«, sagte sie.

»Warum?«, fragte Olmo. »Soweit ich das beurteilen kann, vermutest du überall Gefahren.«

»So ist es auch!«, sagte Eda mit einem weiteren kleinen Schauder. »Wir sind ständig von Gefahren umgeben, aber ganz besonders hier, im hintersten Winkel des Niemandslandes, der sich bis ins Weideland der Schleiereulen und bis an die Grenze des Kauzwaldes am Fuß der Hügel erstreckt. Wir könnten hier leicht von Angehörigen einer der beiden Spezies getötet werden.«

»Aber warum nur?«, fragte Olmo, der sich bereits bei seiner Schwester erkundigt hatte, was das Wort Fremdwesen bedeutete, und noch immer ungeduldig auf eine Antwort wartete.

»Weil sie Einheimische sind und wir nicht.«

»Was bedeutet das: Einheimische?«

»Das bedeutet, dass sie von hier stammen. Es bedeutet, dass sie schon seit vielen tausend Lenzen hier leben – und wir nicht. Wir sind Neugekommene, unerwünschte Einwanderer. Wenn sie uns auf ihrem Land erwischen, werden sie uns wegen unbefugten Betretens töten.«

»Aber warum? Wenn wir ihnen keine Nahrung wegnehmen, warum dürfen wir dann nicht über ihr Land fliegen?«

»Weil wir Fremdwesen sind.«

»Du hast mir immer noch nicht erklärt, was Fremdwesen sind!«

»Es bedeutet andersartig oder unerwünscht«, sagte Eda und erschauerte erneut. »So, jetzt lass uns bitte schnell von hier verschwinden und zum Herzen des Niemandslandes zurückkehren, in den Streifen neben den Schienen.« Mit diesen Worten breitete sie die runden, stumpfen Flügel aus und machte sich zum Abheben bereit, doch dann zögerte sie und wandte sich zu ihrem kleinen Bruder um. »Was ist, kommst du nicht?«, fragte sie in einem ungeduldigen, aber auch ängstlichen Ton.

»Nein«, antwortete Olmo und schüttelte den Kopf, während er durch den letzten Rest des verblassenden Lichtes zum Wald hinaufblickte, der nun beinahe vollständig von der Dunkelheit verschluckt war. »Nein«, wiederholte er. »Ich glaube, ich bleibe einfach für eine Weile hier und warte ab, was geschieht.«

»Dann leb wohl. Und sage nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Mit diesen düsteren Worten hob Eda ab und flog, so schnell sie konnte, zu dem Schienenstrang und ihrem Streifen Niemandsland zurück. Olmo sah ihrem hüpfenden Flug nach, dieser für Steinkäuze so typischen auf- und abtauchenden Bewegung, bis sie in der sich verdichtenden Dämmerung untertauchte.

Nachdem sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, saß er eine geraume Zeit auf dem Dach des verfallenen Schuppens am äußersten Rand des Niemandslandes und sah zu, wie der Mond über den dunklen, bewaldeten Hügeln aufstieg. Lange hockte er so in der vollkommenen Stille, lauschte dem Pochen der Nacht und spürte, wie tief in seinem Inneren eine kribbelnde Erregung wuchs, die von der Angst und der Spannung hervorgerufen wurde.

Plötzlich hörte er, wie sich ein Maulwurf auf dem brachliegenden, überwucherten Feld unter ihm bewegte. Olmo flog los, verharrte in der Schwebe, tauchte hinab, bereitete dem Geschöpf einen schnellen Tod und brachte es zu dem wackeligen Dach seines geheimen Versteckes.

So stelle ich mir das Leben vor, dachte er, nachdem er sein köstliches und nahrhaftes Frühstück bis zum letzten Rest verputzt hatte. Das hier ist ein Ort, wo man es sich gutgehen lassen kann – ein Ort mit ausgezeichneten Lebensbedingungen. Mir ist egal, was meine Schwester sagt. Die seltenen Maulwürfe, die man vielleicht mal neben den Gleisen fängt, sind bei weitem nicht so saftig wie der, den ich gerade verspeist habe. Im Vergleich dazu sind es mickrige, schäbige kleine Dinger. Das hier war frische Nahrung vom Land, und in dem Weidegebiet muss es von Wühlmäusen und Maulwürfen so wimmeln, dass sich die großen weißen Eulen daran fett essen. Eines Tages, wenn ich älter bin, werde ich einen Ausflug dorthin unternehmen. Wenn die Schleiereulen und die Waldkäuze in unserem Gebiet jagen dürfen, warum sollte ich mich dann nicht in dem Gebiet, das sie als das ihre betrachten, auf die Pirsch machen?

Dieser rebellische Gedankengang wurde plötzlich durch ein furchterregendes Zischen und Kreischen unterbrochen, das aus der in Dunkelheit gehüllten Wiese westlich von ihm drang. Bei diesem grauenvollen Missklang erstarrte Olmo vor Angst und klammerte sich mit den Krallen fest an den Balken des Daches. Bevor er sich von dem Schreck erholt hatte, durchschnitt der entsetzliche Jagdschrei erneut die Luft, nur dass er diesmal näher an seinem geheimen Versteck ertönte. Obwohl Olmo noch nie im Leben eine Schleiereule gehört oder gesehen hatte, wusste er instinktiv, dass dies eine solche war. Was sollte er tun, falls sie seine Anwesenheit wahrnahm und kam, um ihn herauszufordern?

Plötzlich erschien ihm dieser Ort mit den ausgezeichneten Lebensbedingungen gar nicht mehr so reizvoll, und die kribbelnde Erregung, die er zuvor empfunden hatte, verwandelte sich in eiskalte Angst, die ihn zu Stein erstarren ließ. Voller Panik und Abscheu wurde ihm bewusst, dass sein Schnabel klapperte und sein Körper vor Angst steif geworden war. Es gibt kein Entkommen, erkannte er, während sich die Eiseskälte weiter ausbreitete und auf seine Beine und Flügel übergriff. Mich hat die Angst so gepackt, dass ich nicht einmal wegfliegen kann.

Dann hörte er erneut das ohrenbetäubende Kreischen des Jagdschreis, doch diesmal ertönte er etwas weiter westlich. Olmo kauerte reglos auf dem Dach und wartete, bis er es ein weiteres Mal wahrnahm, diesmal wegen der größeren Entfernung gedämpfter und mit einem leicht abfallenden Klang, der schwach in der Dunkelheit nachhallte und irgendwo über der Erde und unterhalb des Mondes und der Sterne verebbte.

Olmo wartete eine Weile, bis die Taubheit der Angst aus seinem Bauch und seinen Knochen wich. Er spürte das Blut in seinen Adern, und allmählich kehrte das Gefühl in seine Gliedmaßen und Flügel zurück. Obgleich immer noch schwach vor Angst, hob er ab und flog unsicher zurück zu den Gleisen. Je näher er ihnen und seinem Heim in dem ausrangierten Eisenbahnwaggon kam, desto schneller kehrten seine Kraft und sein Selbstvertrauen zurück. Doch mit dieser Welle wiedererwachten Mutes keimte auch ein Gefühl der Scham in ihm auf. Als was für ein Feigling ich mich doch erwiesen habe, gestand er sich ein, als er gegen Mitternacht auf den Schienenstrang traf. Er bog ab und flog über den rostigen Gleisen und den modernden Schwellen nordwärts. Zu beiden Seiten erstreckte sich das Ödland, wo die einzige jämmerliche Blume, die in der Dunkelheit trieb, das gewöhnliche Weidenröschen in seinem blassen Rosa war.

Ich hätte den Mut haben sollen, der Angst zu widerstehen und abzuwarten, bis dieser grauenvolle Jagdschrei verstummt wäre, um dann auf das Schleiereulen-Territorium hinauszufliegen und mir zum Mitternachtsessen einen Maulwurf zu besorgen, dachte er. Doch stattdessen war er davongeflogen, um sich in die Mittelmäßigkeit seines schmalen Streifens Ödland zu flüchten, über den Waldkäuze und Schleiereulen voller Geringschätzung und Großspurigkeit hinwegfliegen würden – ein Einwanderer-Getto, wo sie sich niemals zu einem Aufenthalt herablassen würden, dessen bescheidene Flora und Fauna sie als Unkraut und Aas verschmähen würden, verglichen mit der Üppigkeit der Bäume, Blumen und Tiere im reichen Wald- und Weidegebiet, wo sie das Vorrecht hatten zu leben.

Um sich für das zu bestrafen, was er als Feigheit betrachtete, beschloss Olmo, die Strecke entlang der Schienen nach Norden weiter, als er sich jemals vorgewagt hatte, zu erforschen. Obwohl er eine Familie von Steinkäuzen kennengelernt hatte, die zwanzig Anger entfernt im Süden wohnte – gleich vor den Außenbezirken der kleinen Stadt –, und eine zweite – die berühmte Familie Del Bosco –, die nur zehn Anger entfernt im Westen wohnte, entschied er sich in dieser Nacht dafür, noch weiter in jene Richtung zu fliegen, wo nach dem Hörensagen mehrere Einwanderer in einem hohlen Baum in der Nähe eines anderen Dorfes und des nächsten unbenutzten Bahnhofs an der Strecke nach Norden lebten.

Olmo legte lediglich gegen Mitternacht eine kleine Pause ein, um seinen hungrigen jungen Bauch mit einem Mundvoll bitter schmeckender Spitzmaus zur Ruhe zu bringen, ansonsten flog er ohne Unterbrechung über dem Nebengleis, an dem sie wohnten, weiter nach Norden. Er kam an der Behausung der Del Boscos in der Nähe des verlassenen Bahnhofs vorbei und durchquerte von da an ein Gebiet, das für ihn fremd und unerforscht war, obwohl unter ihm immer noch der Schienenstrang verlief und das armselige Weidenröschen blühte, das ihn stets daran erinnerte, dass er noch nicht über die Grenzen des Niemandslandes hinausgekommen war.

In den frühen Morgenstunden wurden Olmos Flügel müde, und ein Teil von ihm sehnte sich danach, umzukehren und sich zurück in die vertraute und sichere Umgebung seines Zuhauses zu begeben. Doch irgendein ererbter Fluch, ein uralter Stolz – vielleicht eine angeborene Eigenart aus der alten Sprache und dem alten Land – trieb ihn weiter durch die Nacht, bis zu jener Grenze, die er schon einmal überquert hatte, und dann darüber hinaus.

Die alte Sprache, dachte er. Warum ist mein Vater so besessen davon? Welchen Nutzen bringt sie uns? Wir leben jetzt hier und nicht im alten Land. Warum soll ich erst lernen, dass Nemo profeta in patria sua bedeutet, dass ein Prophet im eigenen Land nichts gelte, wenn ich es ohnehin weiß? Warum muss ich eine tote Sprache erlernen? Welchen Nutzen habe ich davon, wenn ich weiß, dass unsere Vorfahren einst gesagt haben: Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich? Ich weiß doch, dass ich bin! Ich bin eine Eule. Fremdwesen oder nicht, ich spüre es in der Haut und in den Knochen, und ich weiß, dass im Reich der Hühner die Eule einem Gott gleichkommt. Ich möchte wetten, das lässt sich in der alten Sprache nicht ausdrücken. Bin eine Eule, bin eine Eule, dachte er und dachte es immer noch, als ein Schrei, der voller Schmerz und Entsetzen war, von unten heraufdrang und die stille Nachtluft zerriss, durch die er flog.

Instinktiv schoss Olmo zu dem Ursprung des durchdringenden Schreis hinab und stellte fest, dass er von einem nicht mehr benutzten Bahnhof an der Gleisanlage gekommen war. Das Gebäude ähnelte dem, in dessen Nähe auf einem Nebengleis der verlassene Waggon – sein Zuhause – stand.

Während Olmo ungeachtet der Gefahr, der er sich selbst aussetzte, darauf zuflog, drang ein zweiter Schrei aus dem verlassenen Gebäude. Die gequälte Stimme verriet ihm, dass ein weiblicher Steinkauz von einem Menschen oder einem anderen furchtbaren Wesen ermordet oder in die Enge getrieben wurde. Ohne an seine eigene Sicherheit zu denken, getrieben von einem Urinstinkt, tauchte Olmo durch die letzten Schichten des nächtlichen Himmels unter sich und flog durch einen Raum, der einst sowohl den Kartenverkaufsschalter als auch die Wartenden beherbergt hatte, in ein kleines Hinterzimmer, aus dem die grauenerregenden Schreie gekommen waren.

Dort bot sich seinen Augen ein unvorstellbar schrecklicher Anblick. Tatsächlich hatte ein Weibchen seiner Spezies die Schreie ausgestoßen. Jetzt baumelte es einige Fuß vor ihm in der Luft, umklammert von den Krallen einer riesigen, aufgeplusterten und auffallend gepflegten weißen Eule. In dem engen Zimmer, dem früheren Büro des Bahnhofsvorstehers, wirkte der weiße Vogel noch gewaltiger, doch trotz des schrecklichen Anblicks, der sich Olmo bot, erstarrten sein Bauch, seine Flügel und seine anderen Gliedmaßen diesmal nicht vor Entsetzen. Stattdessen setzten sich seine Angst und seine Wut sofort in Adrenalin um und trieben ihn blindlings zu einem beinahe selbstmörderischen Angriff.

Mit einem furchterregenden Schlachtruf stürzte er sich auf den großen weißen Vogel, der sofort die um das kleine Weibchen gelegten Krallen öffnete, so dass es etwa einen Fuß tief auf den ehemaligen Schreibtisch des Bahnhofsvorstehers fiel. Obwohl kaum mehr als halb so groß wie die Schleiereule, war Olmo als Erster am Gegner und grub beide Klauen in dessen aufgeplusterte Brust. Doch er musste feststellen, dass das ordentlich gestriegelte Gefieder seines Widersachers so üppig war, dass sein sonst tödlicher Angriff dem plumpen Rumpf unter den gepflegten Federn kaum einen Kratzer zugefügt hatte.

Nur weil er sich sofort duckte, entging Olmo dem schwachen Klatschen der gegnerischen Krallen, das weniger das erwartete vernichtende Zupacken war als vielmehr der halbherzige Versuch eines gezierten Hiebes. Während er in dem schmalen Büro eine schnelle Kehrtwendung vollführte, um erneut anzugreifen, stellte Olmo mit der blitzartigen visuellen Wahrnehmung einer in einen Todeskampf verstrickten Eule zwei Dinge fest. Ihm wurde bewusst, dass seine scharfen kleinen Klauen auf der Brust seines Gegners kaum eine Blutspur hinterlassen hatten, und beinahe gleichzeitig sah er, dass der große weiße Vogel kaum weniger verängstigt war als er selbst.

»Halt!«, rief die große Eule, als Olmo für den Bruchteil einer Sekunde zögerte. »Das Ganze ist ein Missverständnis, ich kann es erklären.«

Olmo blickte dem weißen Vogel in die Augen, und was er dort sah, überzeugte ihn davon, dass sein Gegner tatsächlich Angst hatte. Dann schaute er zum ersten Mal hinunter zu dem kleinen Weibchen, zu dessen Rettung er gekommen war. Sie hatte sich mit großer Mühe auf dem Tisch aufgesetzt, doch einer ihrer Flügel war – wahrscheinlich durch einen Hieb der wild um sich schlagenden Flügel der Schleiereule – teilweise vom Körper getrennt.

»Warum hast du das getan?«, fragte Olmo, während er über dem großen verängstigten Vogel – noch innerhalb dessen Schlagweite – in der Luft schwebte.

»Es war ein Versehen!«, verteidigte sich die Schleiereule. »Sie kam hier hereingeflogen, in mein innerstes Heiligtum, vollkommen unangemeldet. Wie sollte ich wissen, dass sie keine feindseligen Absichten hegte? Nun gut, ich muss zugeben, dass ich in Panik geriet, aber das Gleiche trifft für sie zu.

»Stimmt nicht!«, widersprach das junge Weibchen, das inzwischen aufrecht auf dem Schreibtisch hockte und den unversehrten Flügel um sich geschlungen hatte, um den anderen zu halten und zu stützen. »Ich habe hier drin ein lautes Geräusch gehört und bin hereingeflogen, um zu sehen, was das war. Ich dachte, vielleicht handelt es sich um eine große Motte oder etwas Ähnliches, das ich essen könnte. Ich wohne ganz in der Nähe und komme oft her. Woher sollte ich wissen, dass du hier bist?«

»Na ja, tut mir leid«, sagte die große weiße Eule zögernd. »Ich wollte dich nicht verletzen, aber ich bin empfindsam und verliere leicht die Fassung. Als Eulenbarde muss ich so sein, glaube ich.«

»Wie meinst du das?«, fragte Olmo, der immer noch kampfbereit war und sich große Sorgen wegen der schrecklichen Wunde des kleinen Weibchens machte. »Musst du empfindsam sein und leicht aus der Fassung geraten? Und überhaupt, was ist eigentlich ein Eulenbarde?«

»Ich bin ein Poet«, sagte die große weiße Eule, die ihre zerzausten Federn aufplusterte, um deren Pracht zu demonstrieren, und offenbar der Ansicht war, solcherart Würde auszustrahlen. »Ich bin der Eulenbarde unseres örtlichen Rates und als solcher zuständig für das Komponieren von Balladen, die die Bevölkerung der Schleiereulen unterhalten und die Geschichte – sowohl die vergangene als auch die gegenwärtige – in eine Kunstform kleiden sollen. Als dieses unglückliche Wesen in mein Zimmer geflogen kam, war ich gerade dabei, eine Ballade über den Krieg zu verfassen, den wir vor dreihundert Lenzen gegen die Waldkäuze führten. Vollendet soll sie dereinst ein Heldenepos sein, aber wegen der Recherchen und der erforderlichen Technik ist das ein zeitaufwendiges, schwieriges Unterfangen, glaubt mir. Deshalb habe ich mich hierher begeben, um die Ruhe und den Frieden zu finden, die ein Dichter braucht. Es liegt auf der Hand, dass ich es nicht dulden kann, wenn Vögel wie ihr nach Belieben hier ein und aus fliegen. Das stört den Fluss meines schöpferischen Denkens.«

»Aber was hast du als Schleiereule überhaupt hier verloren?«, fragte Olmo, dessen Angriffslust inzwischen durch die Sorge um das junge Weibchen und dessen schwerverletzten, halb abgetrennten Flügel noch mehr vermindert wurde. »Hier ist Niemandsland. Ihr besitzt den rechtmäßigen Anspruch auf das Land ringsum, das für Ackerbau und Viehzucht genutzt wird. Warum eignet ihr euch dann auch noch widerrechtlich diesen öden Streifen an, der uns überlassen wurde?«

»Du verstehst nicht«, antwortete die aufgeplusterte weiße Eule; ihre wohltönende Stimme dröhnte jetzt etwas lauter, weil sie ihre Fassung und ihr Selbstvertrauen in der Annahme, dass Olmo keinen erneuten Angriff unternehmen werde, offensichtlich langsam zurückgewann. Tatsächlich war Olmo herabgeschwebt und hatte sich ihr gegenüber auf dem Schreibtisch niedergelassen, direkt neben dem verwundeten kleinen Steinkauzweibchen. Die Sorge um sie überwog den Wunsch, sich an der viel größeren Schleiereule zu rächen, die sich aus irgendeinem unverständlichen Grund dazu entschlossen hatte, ihr fruchtbares Territorium zu verlassen und hier im Niemandsland zu leben.

»Du verstehst nicht«, wiederholte die Schleiereule. »Als Dichter und Musiker kann ich nicht irgendwo leben. Um mein Image zu pflegen und zu verstärken, brauche ich eine Wohnstatt, die sich vom Üblichen unterscheidet. Nichts Modisches, natürlich nicht, sondern etwas, das Charakter und echte Originalität besitzt. Deshalb habe ich diesen Ort gewählt. Soweit ich weiß, hat noch nie jemand meiner Art in oder auf einem solchen Gebäude gewohnt.«

»Was bedeutet Image?«, wollte Olmo wissen, nachdem er einen Blick auf das artgleiche Weibchen geworfen hatte, das immer noch mit dem unversehrten Flügel den verletzten festhielt.

»Image? Ach, natürlich, das weißt du bestimmt nicht. Du bist ein Einwanderer, und deshalb wäre es sehr unpassend für dich oder einen anderen von euch, so etwas zu haben.«

»Erklär mir, was es bedeutet«, verlangte Olmo beharrlich.

»Ach«, sagte der Eulenbarde mit einem gezierten Schwenk des gepflegten Flügels. »Es bedeutet, wie mich die anderen wahrnehmen. Ich meine, es geht darum, ein Bild von sich selbst zu schaffen, mit dem man sich identifiziert.«

Olmo antwortete nicht sogleich, sondern betrachtete wieder den kleinen verwundeten Vogel, der neben ihm kauerte. Er wusste, dass er ihn schnell nach Hause bringen musste, bevor der verletzte Flügel steif wurde und sie nicht mehr fliegen konnte. Dann wandte er sich von dem Steinkauzweibchen ab und musterte mit einem eindringlichen, strengen Blick den großen weißen Vogel, der jetzt sein Gefieder putzte und aufgeplustert gegenüber von ihm auf dem Schreibtisch saß.

»Bin eine Eule!«, sagte er schließlich, nachdem er so tief und zusammenhängend nachgedacht hatte, wie es sein ungeübtes junges Gehirn erlaubte.

»Bin eine Eule?«, fragte der größere Vogel, den der feste, klare Blick des kleinen Fremdwesens, das da vor ihm saß, etwas beunruhigte.

»Bin eine Eule«, wiederholte Olmo. »Ich bin eine Eule wie du oder wie jede andere, und von jetzt an soll das mein Image sein.«

Nun starrte der große weiße Eulerich Olmo an; sein Schnabel klaffte vor Überraschung leicht auf. »Welch interessanter Gedanke!«, sagte er schließlich. »Vielleicht eine unausgefeilte, primitive Botschaft, aber gewiss nicht ohne Aussagekraft, Klarheit und eine gewisse Würde. Sag, wie heißt du?«

»Olmo, und du?«

»Bardic.«

»Bardic? Gehört das auch zu deinem Image?«

»Ich muss wohl zugeben, dass das so ist«, antwortete der Poet nach einem kurzen Zögern und ließ sich in der folgenden Pause zum ersten Mal dazu herab, einen Blick auf das kleine Weibchen zu werfen, das er verwundet hatte. Beim Anblick ihrer Verletzung zuckte er zusammen, und Olmo hatte plötzlich den Eindruck, dass dieser aufgeblasene Vogel – obwohl er ihn für schwach und eitel hielt – vielleicht doch nicht ganz so niederträchtig war, wie er ihn anfangs eingeschätzt hatte. »Um dir die Wahrheit zu sagen – meine Eltern gaben mir den Namen Hartriegel, doch sobald ich von zu Hause fortgegangen war, änderte ich das. Wie du weißt, ist Hartriegel ein niederes Gestrüpp, das sich zu einem ausgedehnten Dickicht verbreitet. Ganz und gar nicht der richtige Name oder die richtige Assoziation für jemanden, der weiß, dass er eines Tages ein großer Poet sein wird.«

Olmo schaute Bardic eine Zeitlang an, ohne etwas zu erwidern. Dann wandte er sich dem kleinen Weibchen zu. »Und wie heißt du?«, fragte er sie sanft.

»Lily«, antwortete sie mit einem tapferen Lächeln, das ihre Angst und ihre Schmerzen verdecken sollte. Seit Olmo da war, hatte sie vor Bardic keine Angst mehr, aber die Wunde an ihrem Flügel machte ihr jetzt mehr und mehr zu schaffen, und nach dem ersten, betäubenden Schreck sorgte sie sich allmählich wegen der Langzeitfolgen – nicht nur wegen der Narben, sondern vor allem wegen der Lähmung, die eine solche Wunde vielleicht hinterließ.

»Ich bringe dich nach Hause«, sagte Olmo. »Wenn wir nicht jetzt gleich aufbrechen, könnte die Verwundung dazu führen, dass dein Flügel steif wird und dir das Fliegen schwerfällt.«

»Ich spüre schon, wie es anfängt«, sagte Lily mit einem Nicken und einem erneuten kleinen Lächeln.

»Ist es weit?«, fragte Olmo, der versuchte, seiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben und die Sorge zu verbergen, die er sich über das Ausmaß der Flügelverletzung dieses kleinen Geschöpfes machte.

»Nicht weit«, sagte Lily, schüttelte den Kopf und zuckte unwillkürlich zusammen, als ein weiterer Schmerzkrampf sie erfasste. »Wir wohnen in einer großen hohlen Ulme, etwa zwei Anger nördlich von hier.«

»Ach, bitte, komm doch zurück und lass es mich wissen, wenn es dir besser geht«, sagte Bardic, der mit offenbar echter Anteilnahme zusah, wie Lily nun in dem schmerzhaften Bemühen abzuheben den verletzten Flügel zu strecken versuchte. »Und du auch, Olmo«, fügte er hinzu. »Lass dich mal wieder bei mir sehen. Wir alle müssen diesen bedauerlichen Unfall irgendwie verarbeiten. Ich möchte euch versichern, dass es von meiner Seite keinerlei unfreundliche Gefühle gibt, obwohl ich fürchte, dass der Schock mich daran hindern wird, auch nur das Geringste zu komponieren, zumindest bis sich der Mond geändert hat.«

»Leb wohl, Bardic – oder Hartriegel«, sagte Olmo und grinste dem großen weißen Vogel zu. »Aber vergiss eines bitte nicht, ja?«

»Und was soll das sein?«, fragte der Eulenbarde in einem Ton, der gleichzeitig beleidigt und abwehrend klang.

»Vergiss nicht, dass das Niemandsland für dein Image vielleicht nicht ganz so gut ist, wie du annimmst.«

Mit dieser Warnung wandte sich Olmo ab, flog hinter der humpelnden Lily durch die Öffnung, wo einst die Tür gewesen war, und durch den seit Langem verlassenen Warteraum hinaus, über den von Rissen durchzogenen Bahnsteig, aus denen das Unkraut wuchs, und dann entlang des Schienenstranges durch die dunkle, doch lebendige Nacht nach Norden.

Lily flog langsam und keuchte dabei von Zeit zu Zeit vor Schmerzen. Nicht weit von dem verlassenen Bahnhof entfernt, den Bardic für sich beanspruchte und zu seiner Lehrstätte erkoren hatte, stürzte sie ab und landete unter qualvollen Zuckungen und völlig erschöpft in einem kläglichen Beet von Weidenröschen, die sich inmitten der derberen Kräuter, welche auf dem Ödland zu beiden Seiten der Gleise gediehen, irgendwie einen Platz geschaffen hatten.

Olmo landete sofort neben ihr und war voller Furcht und Mitleid, als er das Blut sah, das aus ihrem halb abgetrennten Flügel sickerte, und den Dunstfilm, der ihre bis vor kurzem noch strahlenden Augen verschleierte und von dem pochenden Schmerz hervorgerufen wurde.

»Du musst weiterfliegen!«, forderte er sie eindringlich auf, versuchte aber, ruhig und gefasst zu klingen, während er beobachtete, wie das Blut langsam aus der klaffenden Wunde zwischen ihrem Körper und dem Flügel tropfte und das spärliche dunkelrosa Blumenbeet in einen fleckigen Teppich aus feuchtem Malven- und Karmesinrot umfärbte. »Du musst es versuchen«, fuhr er fort, um einen unnachgiebigen, aber sanften Ton bemüht. »Du musst versuchen, zu deinem hohlen Baum zurückzukommen, wo du dich ausruhen und wieder gesund werden kannst.«

»Ich werde es versuchen«, sagte Lily. »Aber dieses Beet aus Weidenröschen ist weich, und von hier aus kann ich den Himmel sehen und den Mond und die Sterne. Es wäre ein guter Ort zum Sterben.«

»Du wirst nicht sterben«, sagte Olmo und war selbst überrascht, wie stark und vertrauensvoll er sich anhörte, obwohl er in Wirklichkeit bei dem Gedanken, dass er womöglich die ganze Nacht hier sitzen musste, bis diese kleine Seele ihr Leben ausgehaucht hätte, von wachsender Panik erfüllt war. »Du wirst nicht sterben«, wiederholte er. »Du wirst noch einmal all deine Kräfte zusammennehmen. Du wirst starten und nach Hause fliegen.«

Lily seufzte und versuchte ihn anzulächeln. »Also gut«, sagte sie. »Ich werde es versuchen.« Sie ließ ihren Worten Taten folgen, hob beide Flügel und bemühte sich, in die Luft aufzusteigen. Der qualvolle Schmerz, der ihren ersten Schlag mit dem verletzten Flügel begleitete, ließ Olmo nach Luft schnappen und zusammenzucken, als ob zumindest ein Teil des Schmerzes sich auf seine kräftigen, gesunden Gliedmaßen übertragen hätte. Doch irgendwie – obwohl sie tief und langsam über den Gleisen dahinflog und jeden Augenblick aus ihrem tapferen Flug abzustürzen drohte – schaffte Lily es, die Strecke zu der einzelnen, großen hohlen Ulme zurückzulegen, die einen Viertelanger westlich von dem eisernen Schienenstrang entfernt stand.

Auf dem letzten Viertelanger schluchzte sie hemmungslos unter den Schmerzen, die ihr die Verletzung bereitete. Olmos ungeheure Erleichterung, als sie endlich durch die herzförmige Öffnung in den hohlen Baum flogen, wurde durch die Besorgnis um ihr Überleben beeinträchtigt, als er sah, wie vor dem Nachthimmel dunkles Blut aus der Wunde zwischen ihrem Körper und dem halb abgetrennten Flügel quoll.

Als er sich tief im sicheren Inneren der Ulme niederließ, stellte Olmo fest, dass ihr das Blut inzwischen an der Seite herunterlief und die hübschen Federn durchtränkt und verklebt hatte. Jetzt tropfte es wie Saft in den Körper des alten Baumes, als sollte dem Herzen der sterbenden Mammut-Ulme so neues Leben geschenkt werden.

»Wohnst du hier allein?«, fragte Olmo, der das Gefühl hatte, dass er um jeden Preis nach außen hin Ruhe bewahren musste und sich auf keinen Fall die Angst anmerken lassen durfte, dass sie vielleicht verbluten könnte, oder die bedrückende Ahnung, dass der verletzte Flügel möglicherweise nie mehr heilen würde.

»Nein«, keuchte Lily und hielt inne, um Luft zu holen. »Ich wohne hier mit meinen Eltern«, fuhr sie fort, nachdem sie mühsam eine etwas weniger schmerzhafte Sitzhaltung eingenommen hatte. »Wahrscheinlich sind sie jetzt gerade beim Jagen, aber sie kommen bestimmt bald zurück. Du muss jetzt gehen«, fügte sie hinzu, nachdem sich ihr ein unwillkürlicher Schmerzensseufzer entrungen hatte. »Wenn du jetzt nicht aufbrichst, wirst du vor der Morgendämmerung nicht mehr nach Hause kommen.«

»Das macht nichts«, sagte Olmo. »Ich bleibe, bis sie zurück sind.«

»Nein«, widersprach Lily energisch, schüttelte den Kopf und sah ihn an. Ihre Augen waren jetzt klarer, da der Schmerz, den sie während des erzwungenen Fluges empfunden hatte, und der Blutfluss aus der pochenden Wunde allmählich nachließen.

Olmo betrachtete sie und dachte eine Zeitlang angestrengt nach. Wenn er sein Leben riskierte, indem er blieb, um erst im Tageslicht zurückzufliegen, wurde Lily vielleicht bewusst, wie schlimm sie verwundet war, und womöglich würde dann die Angst vor dem Tod oder – wie sein Vater zu sagen pflegte – die Angst vor der Angst sie umbringen. Doch auf der anderen Seite – wie konnte er, falls er sie allein zurückließ und sie verblutete, sich das jemals verzeihen?

»Hör zu«, sagte er schließlich. »Du wirst wieder gesund werden. Wahrscheinlich wird es noch eine Welle bluten und schmerzen, aber die Wunde wird allmählich verheilen, und schließlich wirst du wieder fliegen können. Aber für den Rest der Nacht würde ich lieber hierbleiben. Siehst du, es ist bereits zu spät für mich, um noch vor der Morgendämmerung mein Zuhause zu erreichen. Aber um dich mache ich mir keine Sorgen mehr, und deswegen verlasse ich diesen behaglichen Bauch der Ulme und schlafe draußen im Freien auf einem der oberen Äste oder vielleicht sogar am Boden. Wenn die Nomadeneulen das können, warum sollten wir es dann nicht auch können?«

»Geh jetzt!«, sagte Lily mit fester Stimme. »Und wenn es dir irgendwann einmal möglich ist, dann besuche mich. Du hast mir das Leben gerettet. Ich glaube, du bist der tapferste Vogel, dem ich jemals begegnet bin, aber ich möchte mein Gewissen nicht mit deinem Tod belasten. Du hast recht, ich werde wieder gesund. Und wenn ich gesund bin, möchte ich dich so im Gedächtnis behalten, wie du heute Nacht warst. Nicht tot! Nicht bei Tage von einem Bussard oder einem Sperber in Stücke gerissen!«

Olmo sah sie eine Zeitlang an und traf dann die große Entscheidung. »Also gut, ich gehe«, sagte er. »Aber morgen Abend komme ich zurück, um nach dir zu sehen – und dann jeden Abend, bis du gesund bist.«

»Komm irgendwann mal vorbei«, sagte Lily. »Vielleicht ein oder zwei Mal. Nur damit ich weiß, dass du noch lebst und nicht tot bist. Mir genügt das.«

Also überließ Olmo das kleine verletzte Wesen zögernd sich selbst, wand sich durch die Öffnung des hohlen Baumes und flog die dreißig Anger weite Strecke entlang der Gleise zurück. Er erreichte den ausrangierten Eisenbahnwaggon, als die Sonne den nächtlichen Himmel gerade mit den ersten Streifen der Morgendämmerung überzog.

3

Mir genügt das, hatte Lily gesagt, aber Olmo genügte es nicht. Während der restlichen Frühlingsmonate und des ganzen langen Sommers legte er die weite Strecke entlang des Schienenstranges beinahe jede Nacht zurück und saß von Mitternacht bis zum frühen Tagesanbruch neben ihr in der sicheren und geräumigen hohlen Ulme, während ihre Eltern im Niemandsland ringsum auf die Jagd gingen und Nahrung für ihre verkrüppelte Tochter mit nach Hause brachten.

Verkrüppelt, ja, denn obwohl sich bald herausstellte, dass Lilys Leben nicht bedroht war, wurde es – während sich der Frühling zum Sommer wandelte und sich auf beiden Seiten der Gleise das Getreide im Schleiereulenland von Gelb zu Goldbraun färbte – immer augenscheinlicher, dass Lily nie wieder richtig würde fliegen können. Lange Zeit konnte sie sich überhaupt nicht bewegen, doch als der blutrote Spätsommermond erschien, lernte sie, auf den Boden hinabzuhüpfen und sich einigermaßen geschickt rings um die Wurzeln des hohlen Baumes zu bewegen. Und als der flammende Mond ausgebrannt war und verblasste und der schwüle Duft der Sommernächte von einem Hauch des sich ankündigenden Herbstes in der nun würzigeren Morgenluft abgelöst wurde, lernte sie sogar, sich wieder in der Luft zu halten.

Man kann es eigentlich nicht ›fliegen‹ nennen, dachte Olmo. Aber ihr ungelenkes, krüppelhaftes Fliegen war immerhin besser, als ständig an den Boden gebunden zu sein. Besonders zufrieden war er mit ihr, als sie kurz nach der Erntezeit fast einen halben Anger in der Luft mit ihm zurücklegte, bevor sie gezwungenermaßen auf einem abgebrannten Stoppelfeld landete, das zum nachbarlichen landwirtschaftlichen Gelände gehörte und dessen Jagdrechte deshalb bei den Schleiereulen lagen.

Doch über unberechtigtes Betreten und Wildern machte sich Olmo nun keine Gedanken mehr. Um sich während seiner langen nächtlichen Reisen in beide Richtungen entlang des Schienenstranges zu Lilys Baum etwas zu essen zu besorgen, hatte er häufig in den angrenzenden Wiesen gejagt und sich alles an Nahrung geschnappt, was er hatte finden können. Er wusste, dass das Land Bardic gehörte, der sich dafür entschieden hatte, nur noch dort zu jagen, aber nicht mehr dort zu leben, weil er es vorzog, seinem Eulenbarden-Image zuliebe den verlassenen Bahnhof im Herzen des Niemandslandes zu bewohnen. Doch in dieser Zeit hatte Olmo keine Angst vor Bardic oder irgendeiner anderen Schleiereule, und deshalb war er mehr als erstaunt, als er – zum zweiten Mal in seinem Leben – ein Gespräch seiner Eltern belauschte.

Er hörte sie miteinander reden, als er nach der letzten berauschenden Sommernacht, in die sich bereits der erste Hauch des Herbstes gemischt hatte, nach Hause zurückgekehrt war – in jener Nacht, da Lily wieder fliegen gelernt hatte. Er hatte den Waggon erreicht, als die Sonne bereits hoch am Himmel gestanden hatte; lautlos war er durch eines der zerbrochenen Fenster in den Waggon geflogen und hatte sich erschöpft auf seinem Platz auf der Gepäckablage niedergelassen, in der Hoffnung, weder seine Eltern noch seine Schwester aufzuwecken.

Nachdem er beinahe sofort in tiefen Schlaf gesunken war – der lange Flug hatte ihn sehr ermüdet –, wurde er später von dem Ruf einer Schleiereule geweckt, der so nah an seinem Zuhause erklang wie noch nie. Das muss Bardic sein, dachte er, zu benommen vom tiefen Schlaf, um zu bemerken, dass dieser Ruf jugendlicher, schriller und weniger melodiös klang als der seltsam volltönende Ruf, den er den aufgeblasenen Dichter in dessen Zuhause etwas weiter unten an der Bahnlinie hatte ausstoßen hören. Das Flüstern leiser Stimmen, das von den Plätzen seiner Eltern weiter vorn im Waggon kam, verhinderte, dass er sofort wieder in Schlaf fiel.

»Das muss er sein!«, hörte er seine Mutter mit gedämpfter, aber unüberhörbar beunruhigter Stimme sagen.

»Falls er es ist, dann ist er bereits sehr nahe«, flüsterte sein Vater mit düsterer Stimme.

»Was wird aus uns, wenn er beschlossen hat, im Winter hier zu jagen?«, fragte seine Mutter. »Denk doch nur an den Appetit, den er entwickeln wird, dieser junge weiße Eulerich!«

»Wahrscheinlich erforscht er lediglich das Territorium«, erwiderte Pietro beschwichtigend. »Das würde jedes junge Männchen nach seiner Ankunft machen.«

»Da es jetzt zwei gibt, wird Olmo sicher irgendwann getötet werden«, sagte seine Mutter, deren Stimme vor Angst lauter und eine Oktave höher geworden war. Ihre Lautstärke ging weit über ein Flüstern hinaus.

»Sprich leise!«, mahnte Pietro. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht so negativ denken und ständig in Angst leben.«

»Aber siehst du die Gefahr denn nicht?«, fragte Rosalba beharrlich. »Nun, da dieser alte Eulenbarde einen Schüler, Lehrling, Studenten – oder wie man es auch nennen will – hat, wird er ihn darauf ansetzen, Olmo aus Rache zu töten. Du musst ihm verbieten, weiterhin an den Gleisen entlang zu fliegen, um diesen kleinen Krüppel zu besuchen. So behindert, wie Lily ist, kann dabei nichts Gutes herauskommen.«

»Was willst du damit sagen?«, fragte Pietro, und Olmo, der versteckt auf seiner Gepäckablage lauschte, hatte das Gefühl, dass sein Vater sehr wohl verstand, was sie meinte, aber Zeit herausschinden wollte.

»Ich meine, welchen Sinn hat das?«, fuhr Rosalba hartnäckig fort, ohne auf Pietros warnenden Tonfall zu achten. »Das kleine Geschöpf ist lahm und wird nie wieder fliegen können. Denk doch nur, was mit Olmo geschieht, wenn er sich mit ihr paart! Er müsste dann alles allein machen, müsste jagen und den Küken das Fliegen beibringen und für den Rest seines Lebens ein völlig sinnloses Opfer bringen.«

»Lily kann nichts dafür, dass sie nicht mehr richtig fliegen kann«, sagte Pietro mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme.

»Ich weiß, dass sie nichts dafür kann. Aber Olmo kann auch nichts dafür. Er hat ihr das Leben gerettet – das sollte doch wohl reichen, oder? Ich möchte nicht, dass er sich für das erste Weibchen, dem er begegnet, aufopfert.«

»Und warum glaubst du, dass er das tun wird?«, fragte Pietro, der sich offenbar noch mehr in sich selbst zurückzog.

»Na ja, man kennt euch Männchen ja!«, rief Rosalba, die nun ganz vergessen hatte, dass sie flüstern sollte. »Es sollte mich nicht wundern, wenn sie es bereits getan haben – sie hocken ganz allein in dem hohlen Baum zusammen, die halbe Nacht hindurch. Was ihre Eltern davon halten, kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde sagen, sie setzen die beiden der Versuchung geradezu aus. Aber andererseits kann man es ihnen ja auch nicht verübeln. Ich meine, wie soll ihre verkrüppelte kleine Lily sonst jemals einen Partner finden?«

»Ich glaube nicht, dass Olmo sich in dieser Weise zu ihr hingezogen fühlt«, sagte Pietro, auch diesmal wieder sehr ruhig. »Ich glaube, er will einfach nur, dass es ihr wieder besser geht, und außerdem liegt ihm wahrscheinlich daran, sich mit einem jungen Weibchen seines Alters zu unterhalten.«

»Das ist romantischer Unsinn!«, schimpfte Rosalba. »Wenn ein Männchen sich zu einem Weibchen hingezogen fühlt, dann immer auf diese eine Weise.«

»Wenn du nur wüsstest, wie sehr du dich täuschst«, entgegnete Pietro nach einer langen Pause. Inzwischen wurde der verlassene Eisenbahnwaggon in das feuerrote Licht des Spätsommers getaucht. »Männliche Eulen denken an vielerlei Dinge, im Gegensatz zu den weiblichen«, fuhr er nach einer weiteren Pause fort, während der er nachgedacht und versucht hatte, sich zu beruhigen, um Olmo oder Eda nur ja nicht mit einem leidenschaftlichen Ausbruch aus dem morgendlichen Schlaf der Unschuld zu reißen – ein Zustand, den er selbst nur kurz gekannt hatte und den er immer noch als die Zeit höchster Reinheit im Leben einer Eule in Erinnerung hatte, mochte sie auch noch so sehr von Armut geprägt gewesen sein.

»An was zum Beispiel?«, erkundigte sich Rosalba. »Die alte Sprache, vermute ich.«

»Die alten Sprachen«, verbesserte Pietro, der nicht verhindern konnte, dass seine Stimme vor Erregung etwas lauter wurde. »Wie oft muss ich dir noch sagen, dass es zwei gibt? Zum einen die aus dem Altertum, zum anderen eine dialektale Abwandlung, die sich später daraus entwickelt hat.«

»Und wenn schon!«, zischte Rosalba, die ihre Stimme nun unter Aufbietung ihrer äußersten Willenskraft im Zaum hielt. »Welchen Unterschied macht es für Olmo oder Eda, ob es eine oder zwei alte Sprachen gibt, wenn man hierzulande keine von beiden sprechen kann? Welche Bedeutung hat das alte Land noch, da wir doch alle hier geboren wurden?«

»Es ist eine Frage der Identität«, sagte Pietro, der seine Ruhe und Würde wiedererlangt hatte und jetzt sehr leise sprach.

»Identität!«, rief Rosalba verbittert aus. »Du weißt, dass wir niemals in das alte Land zurückkehren können. Welche Identität wir auch immer haben mögen – sie muss ihre Wurzeln hier haben, im Niemandsland. Nach meiner Erfahrung denken alle jungen männlichen Eulen an nichts anderes als ans Jagen, Essen und Paaren. Und ans Kämpfen! Deshalb möchte ich, dass du ihm verbietest, weiterhin an der Bahnlinie entlangzufliegen und diesen kleinen Krüppel zu besuchen!«

»Das kann ich nicht tun«, sagte Pietro. »Ich kann ihm einen Rat geben – und dasselbe gilt auch für dich –, aber wenn er in dieser sich ständig verändernden Welt aufwachsen und überleben will, muss er als Erstes lernen, selbstständig Entscheidungen zu treffen.«

»Soll ich dir sagen, was geschieht, wenn er selbstständig Entscheidungen trifft?«

»Sag es mir!«, antwortete Pietro, der die ganze Nacht über gejagt hatte und sich jetzt nach Schlaf sehnte, da die vormittägliche Sonne bereits den Waggon durchflutete und seine überanstrengten Augen blendete.

»Zwei Dinge können geschehen. Erstens: Er wird von dem Lehrling dieses Zauberers umgebracht. Zweitens: Er wird sein Leben zerstören, indem er sich mit diesem Krüppel paart. Ich warne dich, Pietro! Wenn du ihm morgen Abend nicht Bescheid sagst, werde ich es tun.«

»Ich denke darüber nach«, sagte Pietro müde. »Und jetzt lass mich um des Großen Gottvogels willen ein bisschen schlafen.«

Obwohl die Sonne ihren Höchststand erreicht hatte, als seine Eltern ihre Unterredung beendeten und einschliefen, gab es für Olmo keine derartige süße Erleichterung. Zum zweiten Mal in seinem jungen Leben blieb er bis zum späten Nachmittag wach, zutiefst bedrückt von den Dingen, die er gehört hatte. Warum oder woher hatte seine Mutter diese lächerliche Vorstellung, er könnte sich mit Lily paaren? Nur weil er zufällig ihren Hilfeschrei gehört und hinzugeeilt war, um ihr zu helfen?

Und, schlimmer noch – warum sollte er Angst vor Bardics Lehrling haben? Wenn es den Schleiereulen gestattet war, aus ihrem Gebiet mit seinen üppigen Wiesen und Weiden herüberzufliegen, um in diesem schmalen Streifen Niemandsland zu jagen, welche Hoffnung auf eine Zukunft gab es dann noch für junge Fremdwesen oder Einwanderer wie ihn? Wohin sollten sie gehen? Zurück ins alte Land? Seine Mutter hatte gesagt, das sei unmöglich. Aber warum? Wenn ihre Vorfahren vor weniger als einhundert Lenzen diese Reise geschafft hatten, warum sollten sie dann nicht zurückfliegen können?

Olmo war wahrhaft entsetzt über das, was seine Mutter gesagt hatte, aber in einem Punkt musste er ihr uneingeschränkt recht geben. Die Wahrheit, so wie sie sie auffassten, musste ihm jetzt gesagt, die entsprechenden Informationen mussten ihm zugänglich gemacht werden. Dann wäre er – wie Pietro richtig gesagt hatte – in der Lage, selbstständig Entscheidungen zu treffen.

Bevor er endlich über diesen brennenden Fragen einschlief, beschloss Olmo, seinen Vater in der Dämmerung zur Rede zu stellen und, falls er keine zufriedenstellenden Antworten erhalten würde, entweder von zu Hause wegzugehen und in die Nähe von Lily zu ziehen – vielleicht am Boden zu schlafen, wie die Kurzohr-Nomadeneulen es zu tun pflegten –, oder sich in jenem verlassenen Schuppen einzunisten, der einst sein geheimes Versteck gewesen war.

Dorthin flog er mit Pietro, als die Abenddämmerung die letzten Strahlen des sommerlichen Lichtes dämpfte. Zu Olmos Erleichterung war es nicht nötig gewesen, seinen Vater erst herauszufordern; dieser hatte bereits auf der Gepäckablage gegenüber der seinen gekauert und darauf gewartet, dass sein Sohn aus seinem kurzen, verspäteten Schlaf erwachte.

»Wollen wir miteinander reden?«, hatte Pietro gefragt, obwohl sein Tonfall weniger nach einer Frage als vielmehr nach einem Befehl geklungen hatte.

»Ja, aber wo?«, hatte Olmo gefragt, der keinen Wert darauf legte, dass seine Mutter ihr Gespräch belauschte.

»Wo immer du möchtest.«

Olmo hatte nur eine Sekunde lang gezögert. »Kommst du mit mir?«

»Natürlich«, hatte Pietro geantwortet. »Wie gesagt, wo immer du möchtest.«

Trotz des noch nicht ganz verrauchten Zorns über das, was er mit angehört hatte, war Olmo beeindruckt, wie ruhig und gelassen sein Vater neben ihm herflog, ohne innezuhalten oder eine Frage zu stellen, als sie den mittleren Teil des Niemandslandes verließen. Sie flogen in jenen Winkel, der sich bis tief in das umgebende Schleiereulenland hinein erstreckte und an die bewaldeten Hügel grenzte, wo die gefürchteten Waldkäuze lebten.

Nachdem sie sich auf dem Dach des verfallenen Schuppens niedergelassen hatten, warf Olmo einen Blick zur Seite, um die Reaktion seines Vaters auf diesen versteckten Ort einzuschätzen, der seiner Schwester Eda solche Angst eingejagt hatte. Zu seiner Erleichterung zeigte Pietro keine Angst, sondern sah ruhig vor sich hin und betrachtete den Sonnenuntergang, während der Tag hoch über ihnen in dem verbotenen Wald versank.

»Bevor du anfängst, möchte ich dir sagen, dass ich deine Unterhaltung mit Mutter gehört habe – jedenfalls den größten Teil davon«, platzte Olmo zur Einleitung heraus.

»Es tut mir leid«, sagte Pietro, nachdem er seinen Sohn angesehen und ein paar Augenblicke lang nachdenklich geschwiegen hatte.

»Mir tut es ebenfalls leid«, sagte Olmo. »Ich muss dir sagen, dass mich das, was ich gehört habe, ziemlich traurig gemacht hat.«

»Wie sollte es auch anders sein?«, fragte Pietro hintergründig. »Doch du darfst nicht vergessen, dass sich deine Mutter Sorgen um dich macht. Die Sorge um dein Wohlbefinden gibt ihr solche Worte ein. Die meisten Weibchen neigen dazu, großes Theater zu machen. Das scheint ihnen angeboren zu sein.«

»Sie macht zu viel Theater!«, gab Olmo zurück. »Ich meine, kannst du dir wirklich vorstellen, dass Bardics Lehrling die Absicht hat, mich umzubringen?«

»Es könnte sein«, antwortete Pietro ruhig. »Aber ich halte es für höchst unwahrscheinlich. Es geschieht äußerst selten, dass wir von Schleiereulen angegriffen werden, selbst wenn wir uns auf ihr Territorium begeben. Bei Waldkäuzen ist das natürlich etwas anderes. Wenn du in deren Wälder eindringen und von einem Waldkauz erwischt werden würdest, dann würde er dich nur ein einziges Mal warnen. Beim nächsten Mal würde er dich töten. Und einige der primitiveren Vertreter dieser Spezies würden sich nicht einmal die Mühe machen, dich zu warnen.«

»Warum können wir nicht in unsere Heimat zurückkehren?«, fragte Olmo und wechselte damit plötzlich das Thema. »Warum müssen wir hierbleiben und Fremdwesen sein, geschmäht und verachtet, sowohl von den Schleiereulen als auch von den Waldkäuzen?«

»Ach!«, seufzte Pietro, während er den Blick von den hügeligen Wäldern abwandte und über das Weideland der Schleiereulen schweifen ließ, wo sich ein ergiebiges Gelände verlockend vor ihnen ausbreitete. »Das ist eine lange Geschichte«, fügte er nach einer Pause hinzu.

»Mag sein, dass sie lang ist, ich will sie trotzdem hören – von Anfang bis Ende«, sagte Olmo. »Aber bevor du sie mir erzählst, möchte ich dich bitten, meiner Mutter zu erklären, dass ich nicht die Absicht habe, mich mit Lily zu paaren. Nicht, weil sie ein Krüppel ist, sondern weil ich mich nicht in dieser Weise zu ihr hingezogen fühle.«

»Warum sagst du ihr das nicht selbst?«, fragte Pietro ruhig.

»Weil ich darüber nicht mit ihr diskutieren möchte. Ich will keine derartige Auseinandersetzung. Genauer gesagt erwäge ich, von zu Hause wegzugehen, um sie zu vermeiden.«

»Nun ja, in vielerlei Hinsicht ist es ohnehin Zeit dafür!«, sagte Pietro, sehr zum Erstaunen seines Sohnes. »Sag mir, wo hast du vor zu leben?«

»Vielleicht hier«, sagte Olmo, »Oder in der Nähe von Lilys hohlem Baum.«

»Wo in der Nähe des hohlen Baums?«

»Ach, irgendwo am Boden. Ich könnte dort lagern wie die Kurzohreulen.«

»Das ist keine gute Idee. Du würdest wahrscheinlich getötet werden.«

»Von wem?«

»Von einem Sperber oder vielleicht von einem Hermelin. Irgendwelche Tagesgeschöpfe könnten dich im Schlaf überrumpeln.«

»Wie schaffen es dann die Nomaden?«, fragte Olmo. »Sie ruhen sanft, wo immer sie der Schlaf übermannt. Wenn sie das können, warum kann ich es dann nicht?«

»Weil du nicht ihre Erfahrung hast«, sagte Pietro. »Du bist kein Nomade und auch kein Medienvogel, und dir fehlt deren jahrhundertelange Übung.«

»Und wie wäre es dann hier drin, im Inneren des Schuppens?«, fragte Olmo und nickte hinunter zu dem Spalt im Dach, durch den man den verfallenen Innenraum sehen konnte.

»Dort wäre es sicherer«, räumte Pietro ein. »Aber in einem langen, kalten Winter könntest du Probleme mit deinen Schleiereulen-Nachbarn bekommen oder mit den Waldkäuzen in den Wäldern da drüben.«

»Aber das hier ist Niemandsland!«, brauste Olmo auf. »Und das Niemandsland gehört uns!«

»Das Niemandsland gehört niemandem«, widersprach Pietro. »Keinem Menschen und keiner Eule. Jedes Geschöpf kann es nutzen, sofern es dazu in der Lage ist.«

»Aber das ist nicht gerecht. Wenn wir Steinkäuze das Niemandsland mit den anderen teilen, warum wollen die Schleiereulen und die Waldkäuze dann nicht ihr reiches Wald- und Weideland mit uns teilen?«

»Weil Eulen nun mal nicht teilen«, sagte Pietro. »Das musst du im Laufe des Erwachsenwerdens noch begreifen.«

»Aber wir teilen doch den Streifen Land neben den Schienen. Wir teilen ihn mit anderen Steinkäuzen. Warum können die anderen Spezies nicht mit uns teilen?«

»Weil wir Fremdwesen sind«, sagte Pietro. »Weil wir, obwohl wir die ältere Spezies sind, erst lange nach den anderen Eulenarten in dieses Land gekommen sind. Deshalb sind wir unerwünscht. Deshalb lehnt man uns ab und verachtet uns. Für die anderen stellen wir eine Bedrohung dar.«

»Warum gehen wir dann nicht zurück in unsere Heimat?«, wollte Olmo wissen. »Das habe ich dich schon mal gefragt. Wenn niemand uns hier haben möchte und die anderen Eulen nicht mit uns teilen wollen, warum gehen wir dann nicht ins alte Land zurück, wo wir hingehören?«

»Das ist ausgeschlossen«, sagte Pietro und schüttelte langsam den Kopf. »Wir können nicht zurückgehen.«

»Warum nicht?«

»Nun, zum einen erinnert sich niemand so ganz genau, wo dieses Land eigentlich liegt. Man weiß nur noch, dass es weit, weit von hier entfernt liegt, jenseits des Salzwassers.«

»Wie weit?«, erkundigte sich Olmo, der immer noch erstaunt war, wie leicht sich Pietro hatte überreden lassen, mit ihm zu seinem geheimen Versteck zu fliegen, und auch darüber, wie entspannt sein Vater an diesem vorgeschobenen und weit in fremdes Land ragenden Ort wirkte.

»Niemand weiß genau, wie fern es ist. Einige behaupten, die Entfernung beträgt viertausend Anger. Andere sprechen von sechstausend.«

»Das lässt sich doch leicht herausfinden«, sagte Olmo eifrig. »Rechnet man die Zeit ein, die man braucht, um bei Sonnenaufgang ein Lager aufzuschlagen, kann man in einer Nacht leicht eine Strecke von vierzig Angern zurücklegen. In einer Jahreszeit könnten wir also dreitausend Anger weit kommen. Spätestens nach der zweiten Jahreszeit wären wir dort. Wenn wir also im Frühling aufbrächen, kämen wir spätestens im frühen Herbst dort an, könnten unsere früheren Territorien zurückfordern und uns vor dem Frost und dem Schnee des Winters dort wieder ansiedeln.«

»Denselben Traum wie du haben schon viele kühne Geister unter den Steinkäuzen gehabt seit jener Zeit, da sich unsere Vorfahren hier niedergelassen haben. Es tut mir leid, dir sagen zu müssen, mein Sohn, dass es ein Traum bleiben muss.«

»Aber warum? Zwei Jahreszeiten, länger würde es nicht dauern. Innerhalb von zwei Jahreszeiten könnten wir dorthin fliegen und dann in unseren eigenen Wäldern und auf unseren eigenen Weiden leben. Wir könnten die Schönheit der Kirschblüten genießen und den Duft von wildem Rosmarin und Thymian einatmen. Wir könnten alle Nahrung, die unser Herz begehrt, jagen und essen, ohne Angst vor den größeren Eulen haben zu müssen, die bei Nacht herumfliegen. Wir würden in unserem eigenen Land leben und wären endlich frei!«

An dieser Stelle hielt Olmo inne – zum einen, um Luft zu holen, und zum anderen, weil ihn seine wortgewandte Rede überraschte. Zum ersten Mal in seinem Leben stellte er fest, dass seine Wortwahl und – vor allem – seine Stimme ihn begeisterten. Er schämte sich ein wenig dafür und hegte überdies den Verdacht, dass es ihn eines Tages in Schwierigkeiten bringen könnte, doch gleichzeitig wusste er, dass er nichts dagegen ausrichten konnte.

»Wir können nicht zurückgehen«, wiederholte sein Vater ausdruckslos. »Wir können nicht zurückgehen, weil der Ort, an dem wir heute leben, eine Insel ist.«

»Was ist eine Insel?«

»Das habe ich dir schon einmal erklärt. Eine Insel ist ein Ort, der ringsum vom Salzwasser umgeben ist, das man Meer nennt. Es ist viel zu groß – viel zu breit und zu lang –, als dass wir es überfliegen könnten. Außerdem muss man, bevor man in das alte Land kommt, eine weite Ebene überwinden. Ein Teil davon ist wildes Land, wo heute noch die Ogereule lebt. Und nachdem man diese Ebene überquert hat, muss man über hohe Berge fliegen, eine Reihe von mächtigen Gipfeln, auf denen selbst im Sommer Schnee liegt. Kein Steinkauz würde jemals die Zähigkeit und die Flugkraft aufbringen, um eine solche Reise zu überstehen.«

Olmo sah seinen Vater eine Zeitlang an und bemühte sich, das, was dieser ihm erzählt hatte, zu verarbeiten. Pietro hielt seinem Blick eine Weile stand, dann wandte er den Kopf ab und spähte durch die Dunkelheit zu den Waldkauz-Hügeln, die vor ihnen in die Nacht ragten.

»Aber wie sind wir dann überhaupt hierhergekommen, wenn kein Steinkauz über das Meer und über die schneebedeckten Berge fliegen kann?«, fragte Olmo schließlich.

»Einerseits bin ich froh, dass du mir diese Frage stellst, andererseits bedauere ich es.«

»Warum bist du froh darüber?«

»Weil es mir zeigt, dass du Verstand hast. Es beweist, dass du die Zusammenhänge siehst. Um zu überleben, muss man die Zusammenhänge sehen. Doch nicht alle Eulen sind dazu in der Lage, fürchte ich.«

»Und warum bedauerst du, dass ich diese Frage gestellt habe?«

»Weil ich befürchte, dass dich die Antwort traurig macht.« Pietro verstummte und betrachtete seinen Sohn eindringlich, als versuchte er herauszufinden, ob die Zeit gekommen und Olmo wirklich reif genug war, um die Wahrheit zu erfahren. »Es gibt verschiedene Theorien«, fuhr Pietro nach einer längeren Pause fort. »Zuerst möchte ich dir sagen, welche ich für die zutreffende halte. Dann können wir über die anderen Hypothesen diskutieren, und du magst entscheiden, welche Version unserer Geschichte dir am meisten zusagt.«

»Für mich ist nur die Wahrheit entscheidend«, sagte Olmo. »Bloße Theorien interessieren mich nicht.«

»Ach, die Wahrheit ist immer relativ«, erwiderte Pietro, der sehr langsam sprach, als ob er sich auf die schwierige Erklärung vorbereitete, die nun bevorstand. »Siehst du, die wahre Geschichte gibt es eigentlich nicht. Wir basteln sie uns nur von Zeit zu Zeit nach unserem Geschmack zurecht.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Olmo, überrascht von der eigenen leidenschaftlichen Überzeugung. »Es kann nur eine Wahrheit über die Vergangenheit geben. Eulen können die Wahrheit verfälschen oder sich einfach nicht genau daran erinnern, was geschehen ist. Doch es muss eine tatsächliche Wahrheit geben, und die möchte ich hören.«

»Wenn du älter bist, wirst du begreifen«, antwortete sein Vater geduldig. »Für den Augenblick werden wir mit dem anfangen, was ich für die Wahrheit halte. Das Traurige daran ist: Ich glaube, dass wir ursprünglich von den Menschen hierhergebracht worden sind.«

»Von den Menschen?«

»Jawohl, von den Menschen. Einige unserer Vorfahren wurden im alten Land gefangengenommen und dann von menschlichen Wesen hierhergebracht.«

Olmo starrte seinen Vater eine Zeitlang an. »Das glaube ich nicht«, sagte er schließlich, eher aus einem Gefühl heraus als aufgrund reiflichen Nachdenkens.

»Du brauchst es nicht zu glauben«, sagte Pietro mit einem müden kleinen Schulterzucken. »Wie gesagt, du kannst dir die Version der Wahrheit heraussuchen, die dir am besten gefällt.«

»Aber warum hätten sie das tun sollen? Wie hätten sie es vollbringen können?«, fragte Olmo. »Wie hätten Menschen eine lebendige Eule – nein, mindestens zwei lebendige Eulen – gefangen nehmen und über die schneebedeckten Berge und das große Salzwasser bringen können, von denen du gesprochen hast? Wenn es für uns unmöglich ist, diese weite Strecke zurückzulegen, wenn es für uns schwierig ist, dann muss es für sie unmöglich sein! Sie können ja nicht einmal fliegen!«