Der Krieg der Zwerge - Markus Heitz - E-Book

Der Krieg der Zwerge E-Book

Markus Heitz

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Beschreibung

Im Geborgenen Land herrscht Festtagsstimmung. Während Zwerg Tungdil mit seinen Freunden den Sieg über den verräterischen Magus Nôd'onn feiert, wälzt sich ein Heer hinterhältiger Orks heran, um das Zwergenreich zu zermalmen. Das Schwarze Wasser, ein düsteres Geheimnis, hat sie unsterblich gemacht, und schon bald müssen Tungdil und seine Gefährten ihre ganze Tapferkeit aufbieten, um sich den Bösewichtern entgegenzuwerfen. Inzwischen braut sich ein entsetzliches Unheil zusammen: Elf Verkörperungen des Gottes des Bösen stehen mit ihrem Heer an der Westgrenze des Landes. Doch ein Zwerg gibt seinen Besitz erst auf, wenn die letzte Axt geschwungen ist … – Wer »Die Zwerge« gelesen hat, wird die Fortsetzung verschlingen – ein neues Meisterwerk aus der Bestseller-Schmiede von Markus Heitz.

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ISBN 978-3-492-95001-5

© Piper Verlag GmbH, München 2004

Umschlaggestaltung und -abbildung: www.buerosued.de

Karte: Markus Heitz 2004

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

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Inhalt

Impressum

Karte

Danksagung

Dramatis Personae

ERSTER TEIL

PROLOG

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

ZWEITER TEIL

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

All denen gewidmet,die das kleine und doch großartige Völkchen der Zwerge in ihr Herz geschlossen haben

»Ich habe in der Schlacht am Schwarzjoch Trolle greinen, Orks jammern und die härtesten unserer Krieger verzweifeln sehen. Aber niemals sah ich einen Zwerg, der aufgab.«

Palduríl, Angehöriger der Leibwache des Herrschers über Âlandur, Elbenfürst Liútasil 

»Von denen Zwergen.Sie hūsen in dunklen Bergishöhlen, schlagen einen Orkus gigantus trotz ihrer gheringen Groesse mit nur einem eynzigen Hieb ihrer scharfen Aexte nieder, sie schmieden gar die meysterlichsten Klingen des Geborgenen Landes und leeren Bierfaesser, ohne sonderlich trunken zu werden. Und das seynd erst die Frouwen der Zwerge.«

Entnommen aus den »Aufzeychnungen über die Voelker des Geborgenen Landes, deren Eygenheyten und Sonderbarkeyten«, Großarchiv zu Viransiénsis, verfasst von Magister Folkloricum M. A. Het im Jahr des 4299sten Sonnenzyklus 

»Einmal kam der Tod zu einem Zwerg und wollte ihn mit sich nehmen, doch der Zwerg stemmte sich fest mit den Stiefeln gegen den Fels, auf dem er stand, senkte widerspenstig die Stirn und sagte nein. Da ging der Tod wieder.«

Weisheit aus Süd-Sangreîn, mündlich tradiert 

DANKSAGUNG

Es geht weiter mit Tungdil und seinen Zwergenfreunden!

Nach dem sehr erfreulichen Erfolg des kleinen Volkes, an den manche nicht geglaubt hatten, wurde schnell der Ruf nach einer Fortsetzung seitens der Leserschaft laut. Eine Fortsetzung hat den Anspruch, keine Wiederholung des Bekannten und dabei mindestens genauso gut wie der Vorgänger zu sein. Zudem wollte ich erreichen, dass auch Leserinnen und Leser etwas mit dem Krieg der Zwerge anfangen können, ohne den Vorgängerband Die Zwerge gelesen zu haben. So habe ich mich nun auf den angedeuteten Konflikt zwischen den Zwergen konzentriert, ohne dabei die prophezeite Bedrohung aus dem Westen zu vernachlässigen. An dieser Stelle sei gesagt: Es wird noch zwergischer! Und absolut unvorhersehbar …

Mein Dank geht an die Lektorin Angela Kuepper, die Erstleserinnen und -leser Nicole Schuhmacher, Sonja Rüther, Meike Sewering, Tanja Karmann und Dr. Patrick Müller. Nicht zuletzt sei der Piper Verlag erwähnt, der ein Herz für die Zwerge bewies.

Markus Heitz, im Juli 2004

DRAMATIS PERSONAE

Die Zwergenstämme

DIE ERSTEN

Xamtys II. Trotzstirn aus dem Clan der Trotzstirne vom Stamm des Ersten, Borengar, auch nur »die Ersten« genannt, Königin

Gufgar Ambosskraft aus dem Clan der Eisennagel, Stellvertreter der Königin

Balyndis Eisenfinger aus dem Clan der Eisenfinger, Schmiedin

Bulingar Eisenfinger, ihr Vater

Glaïmbar Scharfklinge aus dem Clan der Eisendrücker, Krieger

Fyrna Edelhaupt aus dem Clan der Erzfinder, Botin

Beldobin Ambosskraft aus dem Clan der Eisennagel, Bote

DIE ZWEITEN

Balendilín Einarm aus dem Clan der Starkfinger vom Stamm des Zweiten, Beroïn, auch nur »die Zweiten« genannt, König der Zweiten

Boïndil Zweiklinge, auch Ingrimmsch gerufen, und Boëndal Pinnhand aus dem Clan der Axtschwinger, Krieger und Zwillinge

DIE DRITTEN

Tungdil Goldhand, Krieger und Gelehrter

Lorimbas Stahlherz aus dem Clan der Steinmalmer vom Stamm des Dritten, Lorimbur, auch nur »die Dritten« genannt, König der Dritten

Romo Stahlherz, Neffe von König Lorimbas und Krieger

Salfalur Schildbrech aus dem Clan der Blutaugen, Kriegsmeister

Theogil Harthand aus dem Clan der Harthiebs, Wächter

DIE VIERTEN

Gandogar Silberbart aus dem Clan der Silberbärte vom Stamm des Vierten, Goïmdil, auch nur »die Vierten« genannt, König der Vierten und Großkönig der Zwergenstämme

DIE FREIEN ZWERGE

Gemmil Schwielenfaust, König der Freien

Sanda Feuermut, Königin und Kriegsherrin der Freien

Myrmianda Alabasterhaut, Chirurga

Bramdal Meisterklinge, Scharfrichter

Die Menschen

Andôkai die Stürmische, Maga

Djerůn, Andôkais Leibwächter

Der Unglaubliche Rodario, Mime

Furgas, Magister technicus

Narmora, Gefährtin von Furgas und Mimin

Dorsa, ihre Tochter

Rosild, Amme

Prinz Mallen von Ido, Herrscher über das Königreich Idoslân

König Belletain, Herrscher über das Königreich Urgon

König Bruron, Herrscher über das Königreich Gauragar

Königin Umilante, Herrscherin über das Königreich Sangreîn

Königin Wey IV., Herrscherin über das Königreich Weyurn

Königin Isika, Herrscherin über das Königreich Rân Ribastur

König Nâte, Herrscher über das Königreich Tabaîn

Truk Elius, Beamter in Bergensstadt

Hosjep, Zimmermann

Aspila, eine Frau aus Gastinga

Ertil, Händler aus Porista

Lirkim, Frau in Porista

Nufa, Famula Nudins/Nôd’onns

Vallasin, Hauptmann von Belletains Heer

Die anderen

Ondori, Albin aus Dsôn Balsur, dem Albae-Reich

Estugon, Alb

Liútasil, Fürst des Elbenreichs Âlandur

Ushnotz, Orkfürst des Orkreiches Toboribor

Runshak, Vertrauter Ushnotz’

ERSTES BUCH

PROLOG

Das Geborgene Land, im Osten des Reichs der Ersten,6234. Sonnenzyklus, Spätwinter

Die Schneeflocken wirbelten unruhig umher. Trunkenen Tänzern gleich, taumelten sie aus dem Himmel herab und dem Roten Gebirge entgegen. Nach Belieben des Windes verteilten sie sich an den Hängen, wo sie als große, eisige Gemeinschaft die Felsen wie ein weißes Tuch bedeckten.

Seit vielen Sonnenumläufen schütteten die Wolken ihre Last aus. Die Menge, die sich an den Schrägen angesammelt hatte, genügte, um zehn aufrecht übereinander stehende Zwerge zu bedecken.

Boëndal Pinnhand aus dem Clan der Axtschwinger vom Stamm des Zweiten, Beroïn, stand auf dem zweithöchsten der neun Türme und schaute nach Osten, während ihn eine dicke Lage Pelze über seinem Kettenhemd vor den frostigen Temperaturen schützte.

Vor ihm erstreckte sich Ost-Eisenwart, die Festung der Nachfahren Borengars, des ersten Zwergenschmieds. Wie gewaltige Schranken ruhten die zweifachen Mauern vor den Felswänden des Gebirges. Acht der neun imposanten Türme waren versetzt in die Wälle eingepasst worden und in schwindelnder Höhe mit zusätzlichen Brücken verbunden. Der höchste Turm Eisenwarts jedoch stand frei hinter der zweiten Mauer; von ihm aus führte eine breite Brücke zu dem einzigen Eingang in den Berg und in das Reich der Ersten. Auf der Westseite des Roten Gebirges erhob sich die baugleiche Schwesterburg West-Eisenwart, ein unüberwindbares Hindernis für die Scheusale, die ins Geborgene Land drängten.

Elendes Warten! Der Zwerg, dem als Gast in den Mauern Unterkunft gewährt wurde, unterdrückte ein Gähnen. So schön der im Mondenlicht glitzernde Schnee in klaren Nächten auch anzusehen war, er bot ihm keine Abwechslung und barg darüber hinaus ungeahnte Gefahren. Wachtürme, Wehrgänge und Brücken am Eingang zum Reich der Ersten mussten ständig vom Weiß befreit werden, denn das tonnenschwere Gewicht lastete auf den Bauten und drohte sie einstürzen zu lassen. Die Erbauer des Bollwerks hatten die Kraft von angreifenden Trollen, die Wucht von einschlagenden Steinkugeln und titanischen Rammböcken berechnet, aber dass es jemals so viel Schnee geben könnte, daran hatten sie nicht gedacht.

»Er kommt aus dem Westen«, sagte einer der wachenden Zwerge mit einem missmutigen Blick zum Himmel. Die Kälte verwandelte seinen Atem in Wölkchen, und der dichte dunkelbraune Bart war unterhalb seiner Nase mit einer Schicht Reif bedeckt. Er schnaubte, nahm seinen Krug und tauchte ihn in den offenen Kessel mit dem Gewürzbier, unter dem ein schwaches Kohlefeuer brannte; auf diese Weise hielten sie es warm, ohne den Alkohol verdunsten zu lassen.

Der Zwerg leerte den Humpen in einem Zug und rülpste laut, danach füllte er ihn erneut und hielt ihn Boëndal hin. »Dabei kam er noch nie aus dem Westen. Immer aus dem Norden.«

Boëndal nahm das Angebot gern an; in Nächten wie diesen vertrieb der starke Gerstensaft die Kühle aus den Gedärmen. Die Ringe des Kettenhemds, das er über dem Lederwams trug, schlugen klirrend aneinander. Die Wunden in seinem Rücken schmerzten noch bei jeder Bewegung, auch wenn sie gut verheilten. Er verzog den Mund.

»Geht es?«, erkundigte sich der andere besorgt. »Ich habe gehört, dass die Verletzungen, welche die Pfeile der Albae schlagen, besonders peinigend sein sollen.«

»Es geht«, erwiderte Boëndal. »Die Schmerzen erinnern mich unablässig daran, wie viel Beistand ich von unserem Gott Vraccas hatte, als mich die beiden Pfeile trafen.« Er entsann sich genau. Nach langer Reise quer durch das Geborgene Land war er mit seinen Freunden auf Ost-Eisenwart zugeritten, als sie von den Albae unerwartet unter Beschuss genommen worden waren. Ihn hatte es am härtesten getroffen; die gefiederten Pfeile hatten die Rüstung perforiert und sein Blut in Sturzbächen zum Fließen gebracht …

»Allerdings verdanke ich mein Leben sicherlich auch euch, denn ihr habt uns aufgenommen und mich versorgt«, fügte er hinzu. »Hast du schon mal gegen einen Alb gekämpft?«, erkundigte er sich nach einer Weile.

»Nein. Wir haben den Durchgang bislang nur gegen Orks und Oger verteidigen müssen«, antwortete der Zwerg. »Sie sehen aus wie Spitzohren, stimmt das?«

Boëndal nickte. »Haargenau so. Groß, schlank, schnell, nur eben heimtückisch dazu.«

»Schade, dass wir sie nicht getötet haben. Sie werden es deinen Freunden nicht eben einfach machen, ihre Mission zu erfüllen.« Der Zwerg blickte nach Nordosten, dorthin, wo die Hoffnung des Geborgenen Landes lag: Drachenbrodem – eine Esse von außergewöhnlicher Hitze, in der eine Waffe gegen das Böse im Geborgenen Land geschmiedet werden sollte.

»Tungdil wird es schaffen«, sagte Boëndal voller Überzeugung. »Mein Zwillingsbruder Boïndil und die anderen Zwerge werden mit ihm zusammen jene Klinge schmieden, die das Böse zerschlagen wird.«

»Ich habe von der legendären Axt Feuerklinge gehört, die sie erschaffen möchten«, begann der Zwerg. »Wird sie dem Leben des Verräters Nôd’onn wirklich ein Ende bereiten können, trotz der Zaubermacht, die er besitzt?« Die Zweifel in der Stimme des Wächters waren unüberhörbar.

»Sorge dich nicht. Eine alte Schrift besagt, dass die Schneide der Feuerklinge durch Fleisch und Knochen des Lebenden fährt, um das Dämonische in seinem Innersten zu treffen und zu vernichten. Alles, was es verursacht hat, wandelt sich daraufhin zurück zum Guten.« Boëndal sah dem Zwerg in die Augen. »Es muss gelingen, und es wird gelingen. Wir sind Zwerge, die Hüter des Geborgenen Landes. Wir erfüllen unsere Aufgabe.« Boëndal trank vom Gewürzbier und genoss die Wärme, die sich in seinem Inneren ausbreitete. »Gibt es Neuigkeiten von deiner Königin Xamtys?«, fragte er schließlich, denn das Warten war für ihn längst unerträglich geworden.

Die Herrscherin der Ersten war mit einer kleinen Streitmacht durch die Tunnel aufgebrochen, welche die Zwergenreiche unterirdisch miteinander verbanden. Erfindungsreiche Ingenieure hatten einst Eisenschienen darin verlegen lassen, auf denen Loren entlangrollen konnten; ein ausgeklügeltes System aus Steigungen und Gefällen machte es möglich, zügig unter dem Geborgenen Land voranzukommen.

»Bei Vraccas, was gäbe ich dafür, etwas über ihren Verbleib zu erfahren«, grummelte der wachhabende Zwerg und spielte mit der Rechten an einer Bartsträhne. »Die Königin zog zu einem Treffen aus, und nun muss sie den anderen Stämmen in der Schlacht gegen die Horden Nôd’onns beistehen. Seitdem herrscht Ungewissheit über ihren Verbleib und den unserer Krieger.« Seine Linke lag locker auf der Brüstung des Turmes. »Nichts ist schlimmer als das Ausharren.« Er warf Boëndal einen Blick zu. »Aber wem sage ich das? Ich sehe dich immer hier oben, wenn ich meinen Wachdienst verrichte. Bei Tag und bei Nacht. Schläfst du eigentlich nie?«

Boëndal goss das restliche Bier die Kehle hinunter. »Wie kann ich schlafen, wenn meine Gefährten solchen Gefahren ausgesetzt sind?« Er reichte dem Zwerg den Krug zurück. »Danke für den Trunk. Er hat mir Wärme und Kraft gegeben.«

Die Pelze zurechtrückend, richtete er den Blick wieder auf die eintönig weiße Landschaft unter sich. Er starrte auf die Schlucht, den Zugang zur gewaltigen Feste Eisenwart, und betete leise zu seinem Gott Vraccas, dass er dort unten seinen Bruder und alle anderen erkennen möge, die mit ihm ausgezogen waren, das Böse zu besiegen.

Es ist das größte Abenteuer, das ein Zwerg bestehen kann, und ich bin nicht dabei, dachte er voller Wehmut. Die Pfeilblessuren und der Blutverlust hatten ihn lange Zeit auf das Krankenlager gezwungen. Nun war es zu spät für einen Aufbruch, er würde sie nicht mehr einholen.

Seine Freunde würden ihn und seine vernichtende Waffe, den Krähenschnabel, im Kampf vermissen. Vraccas, du wirst dir etwas dabei gedacht haben, mich bei den Ersten zurückzulassen. Seine breiten Hände ballten sich zu Fäusten. Aber dennoch wäre ich lieber dort, wo mein Bruder ist!

Boëndal schloss die Lider, um sich die Gesichter seiner Freunde vor Augen zu rufen.

Da waren Bavragor Hammerfaust aus dem Stamm der Zweiten, der singende und trinkende Steinmetz mit der Augenklappe, der sich durch reine Unverfrorenheit in die Gruppe eingeschlichen hatte, und Goïmgar Schimmerbart, der eher zierliche Zwerg aus dem Stamm der Vierten, ein ängstlicher Gemmenschneider, dessen Bart und Gesicht wegen des Diamantstaubs, der sich in all den Lebenszyklen an der Schleifbank darin ablagert hatte, schimmerten und funkelten. Er sah Tungdil, den beherzten braunhaarigen Zwerg mit dem kurzen Bart vor sich, der sich als Anführer erst noch beweisen musste. Mit ihm verband ihn eine besondere Freundschaft, er und sein Bruder sahen sich als Paten Tungdils, der noch sehr wenig von der echten Zwergenwelt wusste. Die Schmiedin Balyndis Eisenfinger aus dem Clan der Ersten hatte er nur kurz zu sehen bekommen; von ihr wusste er so gut wie nichts. Schließlich war da noch sein kriegerischer, aufbrausender Zwillingsbruder, Boïndil Zweiklinge, den sie Ingrimmsch riefen. Er war muskulös und gedrungen, trug die schwarzen Haare an den Seiten ausrasiert und hinten zu einem dicken Zopf geflochten, der bis an die Kniekehle reichte. Auf andere Zwerge wirkte er stets leicht wahnsinnig. Seine feurige Lebensesse und das heiße Blut waren sein Fluch und sein Vorteil zugleich.

Boëndal öffnete die Augen. Er wird sie vor allen Feinden bewahren, die sich gegen sie stellen. Vraccas, spende ihnen deinen Segen.

Durch das helle Säuseln des Windes, der sich an den Mauervorsprüngen und Felsnadeln fing und sein Lied sang, hörte er das Klirren eines Kettenhemds. Jemand näherte sich ihrem Wachturm in aller Eile.

Boëndal drehte den Kopf und sah einen Boten über den Wehrgang laufen. Er atmete schwer; anscheinend war er die Treppen hinaufgerannt, um ihnen schnellstmöglich die neueste Kunde zu bringen.

»Wir haben es geschafft!«, rief er gegen das Schneegestöber an; Freude und Stolz lagen in jedem seiner Worte. »Eben kam die Nachricht: Die Streitmacht der Ersten und Vierten haben am Schwarzjoch zusammen mit den Elben und Menschen gegen Nôd’onn gesiegt!«

Aufgeregt umringten die Wächter den Boten und vernachlässigten vor Begeisterung über die gute Nachricht ihre Posten. »Das Geborgene Land ist frei vom Zauber des Dämons, der das Tote Land zu uns führte!« Er schaute sich suchend um und entdeckte Boëndal in dem Pulk. »Ich soll dir ausrichten, dass Tungdil und dein Bruder auf dem Weg hierher sind, um dich abzuholen. Sie wollen ins Reich der Fünften und es wieder mit Leben füllen.«

Boëndal konnte nichts dagegen tun, seine Augen füllten sich mit Tränen der Erleichterung. Er lehnte sich gegen die Mauer und sandte ein stilles Gebet an seinen Schöpfer Vraccas, in dem er ihm mit aller Inbrunst für das Gelingen des Unternehmens dankte. Dann ging er zu dem Kessel mit dem dampfenden Bier, nahm sich einen Humpen aus dem Gestell neben der Feuerstelle und füllte ihn.

»Ein Hoch auf unser Volk!«, rief er glücklich. Die anderen Zwerge fielen in seinen Ruf ein, schöpften sich Bier, und der letzte der Wächter packte übermütig den schweren Kessel, um den Rest daraus zu trinken und ja nichts zu vergeuden. »Wir sind die Kinder des Schmieds und zerschmettern alles, was Tion in seiner Bosheit gegen das Geborgene Land wirft!«

Sie trommelten mit ihren Waffen zustimmend gegen den Stein, stießen miteinander an und leerten die Krüge.

Der Bote grinste. »Ihr fangt früh mit dem Feiern an. Die Königin lässt verlauten, dass wir nach ihrer Rückkehr drei Umläufe lang nichts anderes tun werden, als Fässer zu öffnen und ein Festmahl nach dem anderen zu vertilgen.«

»Das nenne ich ein Wort«, stieß der Zwerg aus, mit dem sich Boëndal zuvor unterhalten hatte, und schickte sich an, auf seinen Posten zurückzukehren. »Und du kannst endlich schlafen«, sagte er augenzwinkernd zu ihm. »Deinem Bruder geht es gut, wie du selbst vernommen hast.«

Mit der Gewissheit kam die Müdigkeit und griff nach Boëndal. Er fühlte plötzlich eine zentnerschwere Last auf seinen Schultern ruhen, die ihn niederdrückte und geradezu auf sein Lager zwang. »Ja«, lächelte er. »Nun darf ich mich hinlegen.« Er wandte sich um und warf einen letzten Blick nach Osten, wo er seinen Zwilling vermutete. »All die Mühe, die Schmerzen und die Entbehrungen, die Tungdil und die anderen erleben mussten, haben sich gelohnt.« Tief atmete er die kalte Luft ein, die plötzlich noch reiner, noch besser roch als vorher. »Ich kann es gar nicht fassen, auch wenn ich niemals daran gezweifelt habe, dass wir siegen würden.«

Der Wächter nickte zustimmend. »Es ist, als hätte man zyklenlang gegen einen Drachen gekämpft, um ihn aus den Bergen zu verjagen, und dann gelingt es einem. Man weiß vor lauter Glück gar nicht, was man tun soll.« Er lehnte sich an die Mauer und lächelte. »Abgesehen davon, ein ordentliches Fest zu feiern, natürlich.«

Boëndal schwieg eine Weile. »Wie wird es im Geborgenen Land weitergehen?«, fragte er schließlich. »Werden wir ein neues Zeitalter voller Freundschaft zwischen den Völkern erleben? Wenn sogar die Elben Seite an Seite mit uns kämpfen, steht es um eine Versöhnung nicht schlecht. Die Fehde zwischen ihnen und uns ließe sich allmählich aus der Welt schaffen.«

Der Wächter verzog das bärtige Gesicht und rieb sich die Nase. »Eher wird der Fuchs vom Hasen gefressen«, meinte er wenig zuversichtlich.

»Aus einer Freundschaft erwächst noch mehr Stärke«, beharrte der Zwilling eisern. »Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass es Tion dabei bewenden lässt. Das Übel, welches unsere Heimat bedroht, besitzt mehr Gestalten als nur die von Nôd’onn.« Er grinste seinen Nachbarn an. »Du sollst die Spitzohren ja nicht bei dir wohnen lassen. Das würde ich auch nicht tun. Es geht darum, miteinander zu reden, sich regelmäßig zu treffen. Mehr nicht.«

Der Zwerg rülpste, spuckte die Mauer hinunter. Noch im Flug wandelte sich der Speichel zu einem kleinen Eisklumpen und verschwand in der Schneeschicht auf dem Dach eines darunterliegenden Turmes. »Ja«, stimmte er wenig überzeugt zu. »Soll der Großkönig das tun. Ich finde die Elben dennoch zu …«

»Eingebildet? Hübsch?«, half Boëndal.

»Weibisch.« Der Wächter hatte das Wort gefunden, nach dem er gesucht hatte, und sah sehr zufrieden aus. »Sie sind weibisch. Und ihre von den Menschen so hoch geschätzte Kultur und ihr Feinsinn haben sie auch nicht vor den Albae retten können.« Er schlug Boëndal auf die Schulter. »Wir sind aus Stein geschlagen und kein bisschen weibisch. Vermutlich haben wir sie in der Schlacht am Schwarzjoch vor dem Untergang bewahrt.«

Der Zwilling wollte ihm gerade antworten, da sah er etwas durch die Schneeflocken hindurch: Eine Sternschnuppe, im Durchmesser nicht größer als eine Münze, zog ihre leuchtende Spur von Osten nach Westen und hielt geradewegs auf sie zu.

»Sieh!«, machte er den Zwerg aufmerksam. Ihr Schweif wandelte sich von Weiß zu Rot, je näher sie kam. Unvermittelt leuchtete sie grellrot auf und zerstob. Zurück blieben dunkelrote Pünktchen, die langsam verglühten.

Boëndal musste an Blutstropfen denken.

»War das ein gutes oder ein schlechtes Omen?«, fragte ihn der Wächter verunsichert.

»Sie hat uns nicht getroffen«, stellte Boëndal trocken fest, »von daher würde ich sagen, es war ein gutes Zeichen. Ein Funken aus der Esse von Vraccas vielleicht, der uns damit …«

Da tauchte ein zweiter stürzender Himmelskörper auf. Zischend schoss auch er in Richtung Westen und sank ohne zu erlöschen weiter in Richtung Erde.

»Bei Vraccas«, stammelte Boëndals Nachbar und packte den Schild unwillkürlich fester, als könnte das dünne, mit Metall beschlagene Stück Holz Schutz gegen die himmlische Gewalt bieten. »Bist du sicher, dass es ein Funke aus der Ewigen Schmiede und nicht die Rache Tions ist?«

»Vraccas stehe uns bei! Es ist einer der Sterne«, hörte man einen anderen Zwerg aufgebracht rufen. »Er ist aus seiner Verankerung am Firmament gerissen!«

»Oder die schlafende Sonne! Sie ist aus ihrer Nachtwiege gestürzt und noch nicht erwacht«, mutmaßte ein weiterer Zwerg voller Sorge. »Weckt sie, damit sie wieder in die Höhe steigt!« Er schlug fest gegen seinen Schild, dass es schepperte.

Hatte die Sternschnuppe zunächst die Größe einer Münze gehabt, schwoll sie bald auf die Ausmaße eines prall gefüllten Ledersacks und immer weiter an, bis selbst brennende Windmühlenflügel nicht mehr ausreichten, ihre Ausdehnung zu beschreiben.

Kreischend und brüllend durchstieß sie die Wolkendecke, einen tiefroten Schweif hinter sich her ziehend, der die Umgebung – die Türme, die Gesichter der Zwerge – in ein merkwürdiges Zwielicht tauchte. Die Hitze, die von ihr ausstrahlte, verwandelte die eben noch heiter tanzenden Schneeflocken in Wassertropfen; dort, wo sie niederschlugen, wurden sie zu Eis.

Innerhalb weniger Atemzüge waren Wehrgänge, Brücken und Treppen mit einem dicken, durchsichtigen Panzer versehen.

»Geht in Deckung!«, schrie Boëndal und warf sich auf den Steinboden des Turms. Es klirrte, weil das Eis, das sich auf seinem Helm gebildet hatte und sich über seinen Rücken ausbreitete, durch die Bewegung barst.

Er schlitterte bäuchlings über den gefrorenen Boden und fand am Gestell der Kochvorrichtung Halt. Die Wunden in seinem Rücken rebellierten mit schmerzhaftem Ziehen gegen das, was er ihnen zumutete; doch er biss die Zähne zusammen und knurrte ungehalten.

Die Zwerge auf den Zinnen um ihn herum folgten teils seinem Beispiel, teils zog sie das unheimliche Geschehen so sehr in seinen Bann, dass sie nicht anders konnten, als mit offenen Mündern schreckensstarr des Kommenden zu harren. Andere trommelten unablässig gegen die Schilde, immer noch hoffend, es sei die schlafende Sonne, die sich aufwecken ließe.

Funken stiebend zog der gefallene Stern über ihre Köpfe hinweg, grollte und donnerte auf sie herab. Boëndals Befürchtung, dass er mitten in die Festung einschlagen könnte, bewahrheitete sich zum Glück nicht. Stattdessen verschwand er hinter den Gipfeln des Roten Gebirges.

Damit aber war die Gefahr nicht gebannt.

Aus dem gleißenden Schweif regneten glühende Brocken hernieder, die das Haus eines Menschen spielend unter sich begraben hätten. Zuerst erscholl ein lang gezogenes Pfeifen, dann erfolgte der Einschlag, und nach jedem Krachen schüttelte sich das Land wie ein gepeinigtes Tier. Hier und da spritzte der weiße Schnee turmhoch in den schwarzen Nachthimmel. Ein anhaltendes Zischen lag in der Luft, und der verdampfende Schnee bildete gewaltige Nebelblasen. Die feuchten Schwaden hüllten die Zwerge ein und raubten ihnen die Sicht.

»Zurück!«, befahl Boëndal, der begriffen hatte, dass die Türme und Mauern den natürlichen Geschossen nicht Stand halten würden. »Rennt in den Berg, da sind wir sicher!« Er zog sich an der Kochstelle in die Höhe; sogleich stand ein Zwerg an seiner Seite, um ihm aufzuhelfen.

Der Zwilling hatte in dem stinkenden Nebel die Orientierung verloren. Glücklicherweise wusste sein Begleiter, wohin sie ihre Schritte zu lenken hatten. Mehr als einmal rutschten sie auf dem gefrorenen Boden aus und fielen hin, bis sie auf allen vieren blieben, sich mit den Äxten Halt ins Eis schlugen und sich an den Stielen vorwärts zogen. »Wir müssen …«

Das durchdringende Pfeifen unmittelbar über ihren Köpfen konnte nur eines bedeuten: Die Fragmente des Gestirns würden jeden Augenblick mitten zwischen den Türmen und Mauern einschlagen.

Boëndal blieb nicht einmal mehr Zeit, neue Befehle zu geben. Schon leuchtete der Nebel in dreckigem Orange; das Lichtspiel steigerte sich zu schmutzigem Rot, begleitet von dem bekannten, ohrenbetäubenden Kreischen.

Vraccas, stehe uns bei! Für Boëndal sah es aus, als schösse ein glühender Eisenklumpen vom Himmel herab. Im nächsten Augenblick zertrümmerte der Sternensplitter die massive Verbindungsbrücke zum Turm vor ihnen. Kaum hörbar drangen die Schreie der Unglücklichen zu ihnen, die er in den Tod gerissen hatte. Welchen Schaden er unter ihnen anrichtete, erkannten sie wegen des Dunstes nicht.

»Runter vom Turm!«, rief Boëndal mit einem Blick auf die Bruchkante vor sich und wünschte sich seine alte Beweglichkeit zurück. Die verfluchten Wunden hemmten sein Geschick. »Nehmt den Nordgang!«

Der Stein unter ihren Füßen wackelte, der ragende Bau wankte wie ein Schilfrohr im Sturm, der Granit ächzte und knirschte, vereinzelt sprangen Brocken davon ab, weil das Mauerwerk der Spannung nicht länger Stand hielt.

Der Beschuss dauerte an, während sie über den Nordgang auf den Söller des höchsten der neun Turmausgucke gelangten. Auf dem Wehrgang schlitterten sie entlang, bis sie an die breite, frei tragende Bogenbrücke kamen. Es war der einzige Zugang in den sicheren Berg.

Rechts und links von der Brücke ging es zweihundert Schritt in die Tiefe. Der peitschende Wind jagte die Nebelschwaden davon und erlaubte ihnen, einen Blick auf die rettenden Portale auf der anderen Seite zu werfen. Dahinter wartete die große Halle.

»Da, seht!«, machte sie ein Zwerg entsetzt auf das aufmerksam, was ihnen der zurückweichende Schleier enthüllte.

Die stolze Festung Eisenwart lag größtenteils in Trümmern.

Von den neun prächtigen Türmen standen noch vier, die übrigen waren geborsten, eingestürzt, von Treffern teilweise oder völlig zerstört und ragten wie armselige Zahnstummel empor. Die dicken Mauern, die Wälle, die von zwergischer Meisterhand aus dem Fels geschlagen worden waren, wiesen Breschen auf, durch die mit Leichtigkeit eine Meute Trolle passte.

»Bleibt nicht stehen!« Boëndal scheuchte sie vorwärts. »Wir werden alles wieder aufbauen, doch zuerst müssen wir uns in Sicherheit bringen, oder es wird keiner mehr übrig sein, um das Andenken eurer Ahnen zu pflegen«, mahnte er. »Los!«

Er und sein Begleiter setzten eben die Stiefel auf die Brücke, als sie ein dumpfes Grollen vernahmen, wie ein Donner aus weiter Ferne. Gleich darauf erbebte die Erde unter ihren Füßen von neuem.

Dieses Mal jedoch war es nicht das bekannte Rütteln, das mit den Einschlägen einhergegangen war, sondern ein tieferes, alles erfassendes Schütteln, das die Mauern samt den Zwergen, die Türme und selbst die Hänge, Schluchten und Gipfel des Roten Gebirges erfasste.

Es gab nichts, was sich der titanischen Gewalt entziehen konnte.

Die meisten Zwerge verloren ihren festen Stand und schlugen hin. Kettenhemden klirrten, Äxte sprangen in ihren Halterungen auf und nieder, Helme kullerten scheppernd umher. Zwei weitere Türme sackten polternd in sich zusammen. Staubwolken stiegen über den Trümmern auf.

Es war der stürzende Stern! Er hat die Erde berührt, mutmaßte Boëndal angesichts der Welle, die durch das ansonsten so unerschütterliche Gebirge lief. Er vermochte sich nicht vorzustellen, welche Auswirkungen das Beben auf die Behausungen der Ersten hatte, wie viele Opfer und Verletzte es unter den Zwergen gab.

Das Grollen verebbte, das Zittern ließ nach und legte sich schließlich ganz. Dennoch wagten sie kaum zu atmen und warteten angespannt, was sich als Nächstes ereignete.

Ein beißender Gestank reizte ihre Kehlen, er mischte sich mit dem Staub der zerstörten Bauwerke und dem Rauch von schwelendem Feuer, das zwischen den Ruinen aufflackerte.

Die Hitze war mit dem sterbenden Himmelskörper verschwunden, es schneite wieder, als wäre nichts geschehen. Die eintretende Stille gaukelte Friedlichkeit vor, doch es war die Stille nach dem Sturm. Der Tod hatte seine reiche Ernte eingefahren und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.

»Bei Vraccas«, stöhnte sein Helfer leiderfüllt und hilflos wie ein Zwergenkind.

Boëndal verstand ihn sehr gut. Sein Volk warf sich ohne zu zögern gegen die größte Übermacht und verteidigte die Durchgänge des Geborgenen Landes mit dem Leben; seine Äxte, Beile und Hämmer nahmen es mit den abscheulichsten Ungeheuern auf, die ihnen das Böse sandte, doch gegen einen solchen Gegner musste es unweigerlich verlieren. »Niemand hält ein Gestirn auf, wenn es fällt. Nicht einmal die Götter, wie du gesehen hast«, tröstete er ihn.

Ein Blick über den Rand der Brücke zeigte Boëndal, dass der Sockel des neunten Turmes starke Beschädigungen aufwies; Risse von der Breite eines ausgestreckten Armes durchzogen ihn und breiteten sich leise knisternd aus. »Rasch hinüber, ehe der Turm hinter uns einbricht und uns mit in die Tiefe reißt!« Eilends machte er sich an die Überquerung der Brücke, und die Hand voll Zwerge vom Stamm der Ersten folgte ihm.

Mitten auf der Brücke klatschte ihm ein großer Klumpen Schnee in den Nacken. Er schüttelte sich und wunderte sich sehr, dass einer der Zwerge sich ausgerechnet jetzt wie ein kleines Kind benahm und nach ihm warf.

Beim zweiten Treffer, der seine linke Schulter mit pudrigem Weiß bedeckte, drehte er sich ungehalten um. Er würde dem Scherzbold schon sagen, was er davon hielt! »Wer von euch …«

Mitten in seinen Satz hinein leerte der Nachthimmel dicke weiße Klumpen über ihn, die Brücke und die anderen Zwerge aus. Es dauerte ein Blinzeln, bis Boëndal die wachsenden Schneebälle und das immer lauter werdende Rumoren zuordnen konnte.

Keinen von seinen Begleitern traf die Schuld an der ungebührlichen Schneeattacke. Das Rote Gebirge bewarf ihn!

Als Boëndal sich der Bergwand zuwandte, stockte ihm das Herz. Der Einschlag des gefallenen Sterns, der sicherlich viele Meilen entfernt geschehen war, löste etwas aus, das es nur über der Erde gab und das er auf seinen Wachen im heimatlichen Blauen Gebirge schon hunderte von Malen beobachtet hatte: Der Weiße Tod ritt den Steilhang herab! Oben, knapp unterhalb des Gipfels, hatte ihn der Stern mit seinem Eisregen und seinen Erschütterungen auf das Ross gesetzt. Jetzt preschte er grollend in voller Wandbreite auf sie zu und riss alles mit sich, was ihm im Wege war.

Die aufgewühlten Schneemassen stürzten einem Wasserfall gleich hinab. Wer oder was sich ihnen widersetzte, gehörte ihnen, wurde zermalmt, mitgerissen, nach unten gedrückt, erstickt.

»Lauft!« Boëndals Füße bewegten sich wie von selbst. Er rutschte erneut auf dem Eis aus, jemand hielt ihn am Haarzopf und zerrte ihn in die Höhe. Zwei Zwerge packten ihn unter den Achseln und zogen ihn vorwärts. Sie alle taumelten und rutschten mehr als sie liefen. Angst ergriff die tapferen Herzen.

Wenige Schritte vor dem Portal, das soeben geöffnet wurde, kam der Weiße Tod über sie.

Triumphierend warf er sich von dem Felsüberhang und brach wie ein hungriges Raubtier über sie herein. Donnernd und tosend packte er sie mit seinem eisigen Leib und schleuderte sie von der Brücke.

Die Worte, die Boëndal auf den Lippen hatte, verloren sich in dem Dröhnen. Sein Mund füllte sich mit Schnee, er ruderte hilflos mit den Armen und bekam einen Schild zu fassen, an den er sich wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz klammerte.

Er fiel tief und schnell, das sagte ihm das Ziehen im Magen. Das Weiß um ihn herum verhinderte, dass er sich in irgendeiner Weise zurechtfand, und die große Fläche des Schilds wirkte wie eine Schaufel und zog ihn hinab.

Der Weiße Tod hatte bald genug von ihm. Er türmte mehr Schnee um ihn herum auf, und der Druck auf seinen Körper raubte ihm die Luft zum Atmen.

Schließlich verlor der Zwerg das Bewusstsein. Sein Verstand driftete ins Dunkel, und seine Seele machte sich bereit, in die Ewige Schmiede von Vraccas zu ziehen, wo es wenigstens warm sein würde.

I

Das Geborgene Land, Königreich Gauragar, 300 Meilen nördlich des Schwarzjochs,6234. Sonnenzyklus, Spätwinter

Ein Schweißtropfen rann durch das fettige Haar über die Stirn und suchte sich seinen Weg durch Schmutz und mit Ruß vermengten Talg, der das grünhäutige Gesicht an manchen Stellen so dick wie eine Messerklinge bedeckte. Er kroch über den Rücken der breiten Nase, sickerte auf die Oberlippe und wurde von einer schwarzen Zunge gierig abgeleckt. Stoßweise drang der Atem aus dem hässlichen Mund; bemalte Hauer standen daraus hervor und wiesen ihren Besitzer als hochrangigen Anführer aus. Die breiten Kiefer öffneten sich.

»Runshak!« Ushnotz brüllte seinen Untergebenen herbei.

Der Rottenführer spurtete an der Kolonne von eilig marschierenden Orks vorbei, um zu seinem schnaufenden Fürsten zu gelangen, der auf einer Erhebung neben dem Zug zum Stehen gekommen war.

Seit der Schlacht am Schwarzjoch, die sie gegen die Heere der Menschen, Elben und Zwerge verloren hatten, befanden sie sich auf hastigem Rückzug gen Norden, um in das Graue Gebirge und weiter zur Pforte am Steinernen Torweg zu gelangen. 850 mörderische Meilen, bis sie in ihrem neuen Reich einträfen.

Aber erst galt es, die vor ihnen befindlichen Nebenbuhler zu beseitigen.

Runshak lief den Abhang hinauf und kam neben Ushnotz zum Stehen, der einmal einen großen Teil des weit im Süden gelegenen Orkreichs Toboribor sein Eigen genannt hatte. »Haben wir sie eingeholt?«

»Sieh«, wies Ushnotz ihn an und deutete auf die Ebene, die sich zwischen den sanften Hügeln Gauragars erstreckte. Sie maß gut und gern anderthalb Meilen im Durchmesser; das ablaufende Tauwasser der Hügel hatte schmale Gräben in der Erde hinterlassen, die von oben betrachtet wie dunkle Linien aussahen. Sie trugen das Wasser an den östlichen Rand, wo es versickerte. Bewachsen von grünendem Gras und einigen laublosen Büschen sowie Bäumen, bot die Fläche keinerlei Schutz gegen den Wind. Oder Feinde.

Dort unten wimmelte es von schwarzen Flecken, welche den einst unberührten Einschnitt bevölkerten.

Runshak schätzte ihre Gesamtzahl auf mehr als zweitausend. Als befänden sie sich in allergrößter Sicherheit, hatten sie ihr Lager aufgeschlagen und sogar aus dem austreibenden Holz mehrere Feuer entzündet, deren Qualmwolken weithin sichtbar in den klaren Himmel stiegen.

Ushnotz legte eine Hand an die breite Stirnplatte, um die Augen vor den hellen Sonnenstrahlen zu schützen, und schaute auf die Flecken. Die breiteren von ihnen waren Orks und die schmaleren ihre kleineren Verwandten, die Bogglins. An Kraft und Statur den Orks weit unterlegen, waren Bogglins umso flinker und beweglicher; aber sie waren auch feige, was man ihnen mit ein paar gelegentlichen Hieben austreiben musste. »Nordorks und Bogglins. Die Dämlichen haben sich gefunden und zu einem Bündnis der Dummheit zusammengeschlossen«, grunzte er verächtlich. Nôd’onn hatte sie angeschleppt, um eine gewaltige Streitmacht gegen die Menschen aufzustellen. Doch der vertriebene Fürst Toboribors hatte am Schwarzjoch bald herausgefunden, dass die Nordorks im Kopf zu wild waren, um gute Krieger zu sein. Sie handelten wie gierige Wölfe, während seine Orks folgsame, aber nicht minder schlagkräftige und weitestgehend gezähmte Hunde waren. Und Bogglins taugten schon gar nichts …

»Sag meinen Soldaten, sie sollen sich bereit machen. Wir greifen sie an, sobald sie sich die Wänste voll geschlagen haben und faul an den Feuern liegen.«

Runshak nickte und rutschte den Abhang hinab, kehlige Befehle rufend, die von den Sippenführern nicht minder leise aufgenommen wurden. Kurz darauf klirrten Rüstungen, Panzerplatten schabten aneinander, als sich aus dem gewaltigen Tross von fünftausend Orks kleinere Einheiten formierten. Bogenschützen wanderten nach hinten, die Spieß- und Lanzenträger nach vorn.

Der Orkfürst beobachtete die Vorbereitungen mit großer Zufriedenheit; die wulstigen, schwarzen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen und zeigten seine bemalten Hauer in voller Pracht. Was er sah, gefiel ihm. Ein tiefes, leises Grollen drang aus seiner Kehle.

Er holte tief Luft und ließ ein beeindruckendes Brüllen ertönen. Das Stampfen der Füße endete abrupt, Stille kehrte ein.

»Nôd’onn hat sein Versprechen nicht gehalten und uns im Stich gelassen. Die Rotbluter vermuten uns im Süden, wir aber ziehen nach Norden, um uns ein neues Reich zu schaffen«, verkündete er ihnen. Mit dem Bild einer neuen Heimat vor Augen würden sie sich mit aller Macht in den Kampf stürzen, trotz der Strapazen des Gewaltmarsches. Er zog das gezackte Schwert und reckte es gegen die Ebene, wo die Feinde warteten. »Sie sind uns im Weg! Sie sind die Schoßhündchen des Zauberers, mit dem unser Elend erst anfing. Wenn wir sie vernichtet haben, steht uns nichts mehr im Weg. Die Rotbluter sind viel zu langsam, sie werden uns nicht mehr einholen.« Er lachte böse. »Die paar Reiter, die sie zu uns schicken, werden uns mitsamt ihrer Gäule als Mahl dienen!«

Seine Orks grölten quiekend ihre Zustimmung, klopften mit den Speerenden auf die Erde und trommelten mit den Schwertern gegen Schilde und Rüstungen.

Er hob die Waffe, worauf sie folgsam verstummten. In die eintretende Stille hinein aber drang die ketzerische Frage: »Warum überholen wir sie nicht, anstatt gegen sie zu kämpfen?«

Ushnotzs gute Ohren machten den Ork, der sich gegen seine Entscheidung stellte, sogleich in der Menge aus. Es war Kashbugg, ein stets aufmüpfiger Geist, den er von seinem Vater Raggshor vererbt bekommen hatte.

Der Orkfürst hatte diesen damals in einer ähnlichen Lage erschlagen. Es war vor der Schlacht am Schwarzjoch gewesen; Raggshor hatte seine Bedenken an einem Feldzug gegen einen Berg laut geäußert. Offene Auflehnung und Widerspruch duldete Ushnotz, der sich für den Klügsten von allen hielt, nicht, auch nicht von einem, den er als schlauen Krieger schätzte, und so war Raggshor durch seine Hand gestorben. Diese einfache Lösung zog er für dessen Nachkommen nun gleichfalls in Betracht.

»Kashbugg, halt’s Maul«, röhrte er und setzte ein Brüllen zur Einschüchterung hinterher.

Das schien Kashbugg jedoch nicht zu beeindrucken. Er trat nach vorn, das Schwert gezogen und den Schild zur Abwehr erhoben. »Nein. Ich sage, wir überholen sie und sind vor ihnen am Steinernen Torweg. Wir besetzen die Tore und lassen sie sich die Köpfe einrennen.« Er stemmte die Stiefel fest gegen den Boden und suchte einen sicheren Stand, da er mit einem Angriff rechnete. »Wir sind nicht mehr so viele wie in den Tagen vor der großen Schlacht, Ushnotz, wir müssen jetzt anders kämpfen. Wir haben am Schwarzjoch genug verloren. Hättest du auf meinen Vater gehört, wäre uns die Niederlage dort erspart geblieben.« Einige zustimmende Grunzer ertönten aus der Masse.

Das gefiel Ushnotz gar nicht. Lag eben noch der süße Duft eines Sieges in der Luft, stank es jetzt unvermittelt nach Rebellion. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, bleckte die Hauer und spannte seine Muskulatur an, dann nahm er Anlauf und sprang den Hang hinab, um genau vor Kashbuggs Füßen zu landen.

»Ich habe eine schlechte Nachricht für dich«, grollte er, den Kopf gesenkt und ein böses Funkeln in den gelben Augen. Er täuschte einen Schlag mit seiner Waffe an, und als der Ork mit seinem Schild parieren wollte, duckte er sich unter dem Schutz hindurch, zog dabei den Dolch und rammte ihn Kashbugg seitlich schräg unter die Achsel bis ins Herz. Dunkelgrünes Blut spuckend, brach der Ork zusammen. »Du bist der Erste von uns, der stirbt. Wie dein schlauer Vater damals am Schwarzjoch.« Herausfordernd hob er den breiten Kopf. »Noch jemand?«

Es verwunderte den Fürsten nicht, dass sich keiner meldete. Mehr jedoch verwunderte es ihn, dass sich der Erstochene plötzlich erhob. Kashbugg presste eine Klaue auf seine Wunde, die sich bereits wieder schloss.

Ushnotz erholte sich schneller von seiner Überraschung als Kashbugg, der immer noch über seinen Nichttod staunte, und jagte dem Aufmüpfigen die Klinge dieses Mal frontal durch den Leib. Der Ork plumpste auf seinen Hintern und starrte auf Blut. Wieder sah es nicht danach aus, als stürbe er.

»Was ist mit dir, verfluchter Unruhestifter?«, schrie ihn der Fürst wütend an, packte ihn am Kragen und riss ihn auf die Beine. »Wie kannst du es wagen, nicht zu krepieren?« Ein drittes Mal durchdrang das gezackte Schwert den Leib, aber außer einem gurgelnden Lachen aus Kashbuggs Mund, aus dem mit Speichel vermengtes Blut rann, ereignete sich nichts.

Der Ork stieß seinen Anführer grob zurück. »Tion ist mir gewogen, Ushnotz, nicht dir! Er ließ mich unsterblich werden. Der Tod meines Vaters verlangt Rache.« Er hob Schild und Waffe auf. »Ich soll der neue Herrscher sein, der über unser Reich im Norden gebietet!«

»Sicherlich nicht. Tion ist kein schwachsinniger Idiot wie du«, grollte Ushnotz und erwartete den Angriff. Niemand von seinen Leuten wagte, sich in den Zwist einzumischen; es war etwas Größeres im Gange als die üblichen Streitereien. »Was hat dich verändert?«

»Er hat von dem Schwarzen Wasser getrunken, das wir unterwegs fanden«, rief einer der Orks.

»Es war gesegnetes Wasser, ich ahnte es gleich, als ich es sah«, griente Kashbugg und pochte sich gegen den Lederschlauch an seinem Gürtel. »Ich habe noch mehr davon.« Er attackierte den Fürsten, der den Schlag parierte und ihm den Griff ins Gesicht rammte; grunzend taumelte er zurück.

»Schwarzes Wasser?« Ushnotz hatte es auch gesehen, es hatte in Tümpeln abseits ihres Weges gestanden, aber nichts hätte ihn dazu bewegen können, die faulende Flüssigkeit in den Mund zu nehmen.

»Es ist das Blut des Toten Landes«, behauptete sein Widersacher. »Es hat mich auserkoren, dass ich es entdecke.« Er sprang nach vorn, das Schwert schwingend.

Ushnotz ließ sich fallen und trat dem Heranstürmenden gegen die Knie, dass sie brachen. Kashbugg quiekte auf. Der Laut endete abrupt, als der Fürst ihn mit einem einzigen, mörderischen Hieb enthauptete. Kopf und Torso kippten in verschiedene Richtungen, und dieses Mal war Kashbugg wirklich tot.

Der Fürst nahm den Trinkschlauch an sich, winkte einen der Orks heran und hielt ihn ihm entgegen. »Trink«, befahl er, und der Soldat tat es.

Angewidert schluckte er das Wasser, schwarz quoll es rechts und links aus dem Maul, hustend setzte er ab. »Es schmeckt so, wie Trollpisse riecht und …«

Ushnotz stach zu, durchbohrte sein Herz und schaute teilnahmslos zu, wie der Ork tot zu Boden fiel. Das Schwert steckte noch in der Wunde. Nach einer Weile flatterten die Lider, und der Ork öffnete die Augen, während der Blutstrom aus der breiten Wunde versiegte.

»Und?«, fragte Ushnotz misstrauisch.

»Ich … lebe noch«, antwortete der Soldat zuerst entsetzt und voller Schmerz, bis er verstand, welche Gabe er von nun an besaß. Er brüllte vor Freude, zeigte seine Hauer und schwenkte den Lederschlauch. »Ich lebe noch! Das Schwarze Wasser …«

Ushnotz umfasste den Schwertgriff, zog die Waffe aus dem aufschreienden Ork und schlug ihm aus der Bewegung heraus den Kopf ab. Behände fing er den Schlauch auf, setzte ihn an die Lippen, leerte ihn und schleuderte ihn zu Boden. Er fühlte sich nicht anders als vorher, vertraute jedoch auf die Wirkung. Wenn es einer verdient hatte, unsterblich zu sein, dann er. Aber es wäre noch besser, ein Heer aus unsterblichen Kriegern zu haben.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, erklomm er die Anhöhe, um die Feinde zu beobachten und den rechten Augenblick abzupassen.

Sie fraßen sich voll, er roch das Menschenfleisch, das über den Feuern röstete. Ushnotz bekam bei diesem köstlichen Duft Hunger. Er und seine Krieger hatten sich unterwegs von allem ernährt, was ihren Weg kreuzte, Tiere, Schnecken, Käfer, aber leider hatten die Rotbluter nicht eben häufig dazugehört, denn die Nordorks hatten alles abgeschlachtet, ohne etwas zurückzulassen. Drei Dörfer, eine kleine Stadt und eine Bauernsiedlung waren ihnen zum Opfer gefallen.

Ushnotz wunderte sich über so viel Unverstand. Denn damit sorgten sie sicher für Aufmerksamkeit bei den Fleischlingen.

Nicht, dass er die paar lumpigen Menschenkrieger fürchtete, aber er wollte möglichst schnell und unbemerkt nach Norden gelangen, ehe ihnen die geballte Truppenmacht des Geborgenen Landes folgte. Umgeben von den festen Wänden einer Zwergenfestung und mit einem Gebirge im Rücken, fiel der Kampf weitaus leichter. Er hoffte, dass das Heer indessen von seinen einstigen Mitfürsten in Toboribor ausreichend beschäftigt wurde.

Die Sonne senkte sich immer weiter und bereitete sich nach einem anstrengenden Umlauf vor, in den Schlaf zu fallen und den Gestirnen der Nacht zu weichen. Die Zeit des Kampfes rückte näher, und so brüllte er Runshak zu sich, um ihm die Befehle mitzuteilen.

Da schlug der Wind um und trug ihnen, die auf der Kuppe lagerten, einen neuen Geruch zu. Die breiten Nasen schnüffelten erkundend, die Flügel blähten sich, sie witterten, bis es keinen Zweifel mehr gab: Pferde. Pferde, Metall und Schweiß. Schweiß der Rotbluter.

»Süden«, knurrte Runshak und drehte den Hals, um die Hügelkette, die zu ihrer Rechten lag, genauer zu betrachten. »Verdammte Fleischlinge!«

Es ist ihr großes Heer! Ushnotzs aufflammendes Bedürfnis, schnell den Rückzug vor der Übermacht anzutreten, legte sich, da er erkannte, was die Angreifer beabsichtigten, die bislang nur durch ihre Ausdünstungen zu erahnen waren. »Warte.«

»Du meinst, sie haben uns nicht gesehen?«, wunderte sich Runshak.

»Sie haben diejenigen gefunden, deren Fährte sie gefolgt sind.« Er grinste und dankte Tion, dass er ihm den Einfall gegeben hatte, wenige Meilen zuvor von der Route der Nordorks abzuweichen und durch einen Fluss zu marschieren. Das stark fließende Gewässer hatte ihre Spuren verwischt. Anscheinend gingen die Späher der Fleischlinge davon aus, dass es lediglich diese eine Streitmacht gab. Sonst wären er und seine Soldaten schon längst angegriffen worden.

Sein Rottenführer grollte unruhig, er hielt die flache Nase erneut in den Wind. »Ihr Geruch wird stärker. Sie kommen näher, der Angriff auf das Lager wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.« Er schaute abwartend zu Ushnotz. »Greifen wir an, wenn sie mit den Nordorks beschäftigt sind?«

»Lass die Rotbluter unsere Arbeit tun. Wir schauen zu und warten ab, wie das Gefecht verläuft.« Der Fürst beschloss im Stillen, den Marsch noch in der Nacht fortzusetzen, falls das Heer gegen den Abschaum im Tal siegte. Die Menschlein sollten ruhig annehmen, dass dieser Teil des Geborgenen Landes damit von seiner Rasse gesäubert sei.

Er würde es vor Runshak niemals zugeben, aber die Worte Kashbuggs enthielten ein Stück Wahrheit: Sie waren nicht mehr so viele. Er konnte auch anders kämpfen, dazu brauchte er keinen Mahner in den eigenen Reihen. »Wir verhalten uns still. Die Streitmacht der Menschen wird in den Süden zurückkehren und denken, sie wären uns los. Wir aber können in aller Ruhe weiterziehen und nach mehr von diesem Schwarzen Wasser suchen. Es muss für alle von uns reichen. Damit sind wir so gut wie unüberwindlich, und dann nehmen wir uns die Leben, die wir heute verschont haben.«

Er blickte über die vor Fett starrende Schulterpanzerung hinter sich; seine gelben Augen glitten zu der Stelle, wo der Kadaver des Aufständischen lag. Ushnotz grunzte erheitert. Es schien, als blieben der vorschnelle Kashbugg und der unfreiwillige Vorkoster an diesem Sonnenumlauf die einzigen seiner Streitmacht, die starben.

*

Prinz Mallen von Ido schaute hinauf zu der Anhöhe, hinter der seine Reiterei Stellung bezogen hatte. Oben lagen zwei Späher und beobachteten das feindliche Lager, um sich einen eindeutigen Überblick zu verschaffen und nicht länger auf vage Schätzungen anhand der gefundenen Spuren angewiesen zu sein.

Er hatte sich dazu entschlossen, die entkommenen Orks und Bogglins zu verfolgen, um die Gefahr für die Dörfer endgültig zu bannen. Das, was er und seine Männer unterwegs hatten ansehen müssen, gab ihm Recht. Die Kreaturen durften keinen Umlauf länger am Leben bleiben.

Einer seiner Kundschafter kroch vorsichtig rückwärts und kam zu ihm. »Es sind ungefähr zweitausend, Prinz Mallen«, erstattete er Bericht. »Sie liegen satt und faul an den Feuern.«

»So haben wir uns getäuscht, als wir annahmen, es seien mehr als fünftausend?« Mallen richtete sich im Sattel auf; das Pferd schnaubte dankbar, weil ihm sein Herr das Kreuz etwas entlastete. Ein Ritt ohne nennenswerte Unterbrechungen verlangte nicht nur den Soldaten alles ab. Der warme Wind, der ihnen unvermittelt nicht mehr ins Gesicht, sondern in den Rücken wehte, trug den Geruch des nahenden Frühlings mit sich.

»Bedenkt, dass wir ihre Spuren oft im Schlamm und in auftauender Erde gelesen haben«, warf der Kundschafter ein. »Man sinkt tiefer darin ein. Außerdem sind die Grünhäute ohnehin schwerer als wir, ihre Rüstungen sind dicker.« Er blickte auf die Reihen der Kavallerie. »Es sind zweitausend, nicht mehr und nicht weniger, mein Prinz.«

Die Standarte des Geschlechts der Ido, die ein Reiter stolz führte, flatterte in der Brise; sie zeigte dem Letzten seiner Streitmacht, dass der Wind sich gedreht hatte. Schlecht für uns. Mallen wusste um die feine Nase der Scheusale, die ihre Beute und ihre Feinde wie die Tiere rochen, wodurch sie sich frühzeitig auf Bedrohungen einzustellen vermochten.

Die aufwändig gearbeitete, schwere Rüstung mit dem Zeichen der Ido blinkte in den Strahlen der untergehenden Sonne auf. Prinz Mallen langte nach dem altertümlich anmutenden Helm, den er mit dem Kinnriemen an seinem Gürtel befestigt hatte, löste ihn und zog ihn über das blonde Haupt. Es war eine anmutige Bewegung, sie zeugte von seiner Achtung vor dieser Insignie, die seit Generationen in der Familie weitergegeben wurde und lediglich leichte Ausbesserungsarbeiten erfuhr.

Seine Soldaten verstanden die Geste als Signal. Das leise, metallische Schaben in seinem Rücken verriet ihm, dass die Männer sich auf die Attacke vorbereiteten.

»Bogenschützen bis unterhalb der Hügelkuppe vorrücken«, befahl er mit fester Stimme, »die Fußsoldaten bleiben zum Schutz bei ihnen.« Er wandte den Blick nach rechts. »Erste Schwadron, Sturmangriff. Reizt sie, stecht sie, macht sie wütend und kehrt sofort um, wenn sie euch angreifen, als wolltet ihr die Flucht ergreifen. Sie werden euch in ihrer Dummheit folgen und uns in die Arme laufen. Vernichten wir die Brut ein für allemal.«

Er nickte auffordernd, und die ersten einhundertfünfzig Reiter sprengten den Hügel hinauf, um auf der anderen Seite wie ein Sturmwind aus Stahl hinabzufegen und die äußersten Reihen des gegnerischen Lagers zu verwüsten.

Die Augen fest geschlossen, konzentrierte sich Mallen auf die Geräusche. Er hörte das Donnern der beschlagenen Hufe, das erschrockene Gequieke der Orks und schrille Gekreisch der Bogglins. Dann krachte und klirrte es auch schon.

Das Geschrei wurde lauter, aus hundert wurden tausend Kehlen. Die Scheusale gerieten in Aufruhr und liefen blindlings zusammen, um die Schar tollkühner Menschen zu töten.

Das Getrappel der Pferde kehrte zurück, begleitet vom Brüllen der sie verfolgenden Gegner.

Mallen hob den Arm, der das Schwert führte, weithin sichtbar, und schon erklang das Knirschen von Sehnen, die sich unter dem Zug der Bogenschützen streckten und dehnten.

Die erste Schwadron preschte noch nicht über den Hügel, als der Prinz seinen Arm ruckartig nach unten stieß. Mehr als dreihundert Pfeile schnellten durch die Luft, flogen in steilem Winkel über die Kuppe und stießen beinahe senkrecht auf die heranstürmende Welle aus Orks und Bogglins nieder.

Ein Geschossschauer jagte den nächsten. Mallen vernahm die Todesschreie der Kreaturen und lächelte zufrieden, während seine Reiter von ihrem Vorstoß zurückkehrten und sich in die lange Formation einreihten.

»Reitet, Männer! Reitet und bringt den Bestien den Tod!«, rief er. Langsam hob er die Lider, atmete tief ein und aus. »Für Ido! Für das Geborgene Land!« Dann schlug er seinem Pferd die flache Klinge gegen den Hinterleib, und es preschte wiehernd los.

Mit dem Prinzen setzten sich fünfhundert Reiter in Bewegung. Wie eine silberne Welle kamen sie über den Hügel. Das Trommeln von zweitausend Pferdehufen schuf ein anhaltendes Dröhnen und versetzte die herannahenden Bestien in Angst.

Vor der breiten Woge aus Speeren, Tierleibern und zermalmendem Eisen gab es kein Entrinnen. Die Langsamen wurden als Erste überrannt, die Schnelleren erreichte der Tod wenige Schritte später. Grünes Blut spritze hoch und weit, und keiner der Menschen empfand Mitleid angesichts der klaffenden Wunden oder gequälten Laute, welche die Sterbenden von sich gaben.

*

»Er hätte auf uns warten sollen«, grummelte Boïndil Zweiklinge aus dem Clan der Axtschwinger vom Stamme des Zweiten, Beroïn, während er mit ungeheurer Geschwindigkeit die Leiter des schmalen Schachts erklomm. »Ich habe ganz genau gehört, dass seine Reiterei schon mit dem Angriff begonnen hat.« Die kräftigen Hände schlossen sich abwechselnd um die Eisensprossen; das wenige Licht, das von oben durch einen Spalt hereinfiel, genügte ihm, um Halt zu finden. Wie alle Zwerge sah er selbst im Dunkeln recht gut. »Bei Vraccas, am Ende kommen wir an, und die Langen haben uns nichts mehr von den Schweinchen übrig gelassen!« Er klang richtiggehend bestürzt.

Tungdil Goldhand, der ihm folgte, musste ein Lachen unterdrücken. Er kannte die Vorliebe des Zwerges, der seinen Beinamen Ingrimmsch nicht umsonst trug: aufbrausend, stets kampfversessen und gnadenlos gegenüber seinen Feinden. »Keine Bange, Boïndil. Prinz Mallen hat mir versprochen, einige der Bestien so lange am Leben zu lassen, bis du auftauchst.«

Ingrimmsch stieß die Luft aus, der schwarze Zopf pendelte auf seinem Rücken hin und her. »Ich merke, wenn man mich veralbern will«, rief er nach unten, ohne seinen Aufstieg zu verlangsamen. »Ich rieche schon das ranzige Fett auf ihren Rüstungen«, gluckste er voller Freude. »Wir müssen ganz dicht bei den Schweinchen sein!« Das Gewicht des Kettenhemds, der Beile und des Schilds machten ihm nichts aus; er hatte die Hand bereits an der Luke, zog die Verriegelung zurück und wuchtete sie in die Höhe. Vorsichtig schob er den behelmten Kopf ins Freie.

»Was siehst du?«, keuchte Tungdil, dem das Klettern spürbar in die Arme und Beine ging. »Wie nah sind wir?«

»Also, wenn ihr mich fragt, kann es nur noch in Vraccas’ Ewiger Schmiede schöner sein«, juchzte er glücklich. »Die ersten zehn gehören mir! Oink, oink, oink, ihr kleinen Schweinchen! Vernehmt den Schrei der sterbenden Sau!«, hörten sie ihn brüllen, dann katapultierte er sich wie ein zwergisches Geschoss aus der Röhre.

Tungdil sah im Gegenlicht, wie seine Silhouette im Sprung die Beile aus dem Gürtel riss, dann war der Zwerg verschwunden. »Los, wir müssen ihm nach!«, schrie er nach unten, um die anderen Zwerge anzuspornen, und schwang sich gleich darauf selbst an die Oberfläche.

Auch wenn er geahnt hatte, dass sie eine böse Überraschung erwartete, fuhr Tungdil der Anblick, der sich ihm nun bot, dennoch in die Glieder. Boïndil mochte es als Geschenk von Vraccas ansehen, mitten in einem Lager von tobenden Orks und lärmenden Bogglins zu landen, er aber empfand das anders.

Kaum stand er mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zog er die Feuerklinge aus der Rückenhalterung. Die Diamanten an der Schneide flammten im blutroten Schein der untergehenden Sonne auf.

Die eben noch heranstürmenden Ungeheuer hielten an und wichen grunzend zurück; sie erkannten an der Axt, wer ihnen gegenüberstand. Sein Name hatte sich nach der Schlacht am Schwarzjoch herumgesprochen, denn Tungdil hatte ihren Anführer, den mächtigen Zauberer Nôd’onn, mithilfe der Feuerklinge vernichtet und mit ihm das dämonische Wesen, das in seinem Innern gelebt hatte.

Die Angst der Orks und Bogglins vor dieser einmaligen Waffe war mehr als begründet. Geschaffen von den kunstfertigsten Zwergenhänden, gefertigt aus den edelsten Materialien und reinstem Stahl, versehen mit einem Quantum Tionium und gehärtet in der heißesten Esse des Geborgenen Landes, war sie von unvorstellbarer Schärfe und Wucht.

Ein einziger Ork fand seinen Mut wieder. Schnaubend kam er auf den Zwerg zu, schwang die Keule gegen ihn.

»Du möchtest ein Held werden?« Tungdil wich dem Schlag aus, holte dabei mit der Feuerklinge aus, drehte sich einmal um die eigene Achse und schlitzte dem Angreifer die Rüstung samt Bauch auf. Die Innereien klatschten in den Staub, gefolgt von stinkendem Blut und dem ächzenden Ork. Tungdil hob die Axt. »Und wo bleibt der Nächste?«

Die übrigen Bestien wichen noch weiter zurück, schrien nach Bogenschützen.

Die Verunsicherung der Gegner ermöglichte es dreißig Zwergen, unbehelligt aus dem Tunnel zu steigen und einen waffenstarrenden Kreis zu bilden, um dem nächsten Ansturm zu begegnen.

Ingrimmsch hingegen wütete weiter; er sprang zwischen die Reihen der Scheusale, die Beile zuckten auf Orks und Bogglins nieder. Tungdil sah ihn nicht mehr, hörte aber sein glückliches Lachen und den verhöhnenden Schrei der sterbenden Sau, mit dem er bezwecken wollte, dass sich die Gegner auf ihn warfen.

Tungdil entdeckte auf der Nordseite des Lagers die Reiterei von Prinz Mallen, die sich anschickte, in einer gut 500 Schritt messenden Front die Anhöhe herabzuwalzen und alles niederzumähen, was sich ihr entgegenstellte.

»Boïndil, komm zurück!«, rief er den Zwilling besorgt zu sich. Hinter ihm stieg der Letzte der insgesamt einhundert Zwerge aus dem Schacht, und Tungdils kleine Streitmacht war vollständig.

»Geht’s los?«, kam Boïndils heitere Frage irgendwo aus dem Kampfgetümmel, begleitet vom Scheppern zerstörter Rüstungen und dem Aufgrunzen der Bestien.

Tungdil fasste den Stiel der Feuerklinge mit beiden Händen und senkte den Kopf; seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Bei Vraccas, und wie es losgeht«, murmelte er und hob gleich darauf die Stimme: »Treibt sie vorwärts!«

Seine Soldaten fächerten laut rufend auseinander und stürzten sich mit ihren Äxten, Beilen und Kriegshämmern auf die unschlüssigen Scheusale. Allen voran kämpfte Tungdil mit der Feuerklinge. Nichts hielt sie auf, surrend durchschlug sie Schilde, Panzerplatten und Kettenglieder, trennte Gliedmaßen ab und zerschnitt mit einem schrecklichen Hieb gleich mehrere Lebensfäden.

Tungdil und seine Zwerge wühlten sich durch die Masse. Sie störten sich nicht an dem Gestank des Blutes ihrer Feinde oder an dem widerlichen Geruch der eingefetteten Rüstungen. Flüssiges Grün sprühte aus offenen Wunden auf sie nieder, gekappte Gliedmaßen fielen herab und wurden unter ihren Füßen zertreten, und bald stiegen sie über Leichen. Zu allem entschlossen und beseelt von dem Wunsch, das Übel ein für alle Mal von der Erde zu fegen, marschierten sie vorwärts.

Die anfängliche Gegenwehr erlahmte. Die mutigen Orks und Bogglins fielen zuerst, und die Furchtsamen wandten sich auf den Fersen um, als sie die grimmigen, bärtigen Gesichter unmittelbar vor sich sahen.

»Lasst nicht nach!« Tungdils Plan ging auf. Die kopflos gewordenen Bestien rannten vor ihm und seinen Kriegern davon und prallten mit der zweiten Welle Flüchtiger zusammen, die von Norden her vor Prinz Mallens Reiterei durchs Lager zu entkommen suchten. Es gab kein Entrinnen mehr.

Tungdil holte gerade aus, um zwei Orks mit einem Streich das Leben zu nehmen, als sie wie von Geisterhand gefällt auf die Erde fielen. Hinter ihnen tauchte Ingrimmsch auf, über und über mit dem Blut seiner Opfer bedeckt und mit einem irren Funkeln in den Augen.

»Ah, da seid ihr ja endlich. Ich habe mir schon Sorgen gemacht«, begrüßte er seine Freunde fröhlich. »Was hat euch aufgehalten? Die lausigen Schweinchen etwa?«

»Hatte ich nicht gesagt, dass du zurückkommen sollst?«, rügte Tungdil kopfschüttelnd.

»Ich dachte, du meintest einen von denen« – Ingrimmschs Rechte deutete auf einen getöteten Gegner –, »der dir durch die Lappen gegangen ist.« Er wandte sich um und betrachtete selig das Getümmel. »Ist das nicht ein herrliches Ende für einen Sonnenumlauf, Gelehrter? Wir haben eine Menge Arbeit vor uns.« Mit diesen Worten hob er die besudelten Beile, und ein Schatten fiel auf sein Gesicht. »Aber sie bereitet mir nicht ganz so viel Vergnügen wie sonst. Mein Bruder fehlt mir. Zusammen haben wir dreimal so viele erledigt. Die nächsten zwanzig sind für Boëndal.« Mit einem Schlachtruf auf den Lippen, stürzte er sich wieder ins Getümmel.

»Sein heißes Blut wird irgendwann sein Verderben sein«, mutmaßte ein Zwerg neben Tungdil leise, ehe er sich ebenfalls an dem Gemetzel beteiligte.

Ich bete darum, dass es nicht so kommt. Tungdil ließ sich für einen Augenblick zurückfallen, setzte sein Signalhorn an die Lippen und spielte die vereinbarte Tonfolge, um Prinz Mallen mitzuteilen, dass die Zwerge eingetroffen waren und auf der gegenüberliegenden Seite kämpften. Damit verhinderte er, dass Mallens Bogenschützen ihre tödlichen Geschosse aus Versehen gegen sie richteten. Zwerge waren auf diese Distanz und unter den deutlich größeren Feinden schwer auszumachen. Kurz darauf hörte er die geblasene Antwort, und mit neuem Eifer kehrte er zu seinen Leuten zurück.

Sie wüteten bis zu den Abendstunden, wobei die Fußsoldaten Mallens sehr zum Ärger Ingrimmschs ins Geschehen eingriffen. Eine Schwadron des Prinzen jagte die Orks und Bogglins, die sich absetzen wollten, doch so sehr sich die Bestien bemühten, Raum zwischen sich und die Schlacht zu bringen, sie wurden von den Pferden und den Soldaten eingeholt und mit Lanzen gespickt.

So kam es, dass die kleine Ebene vor Einbruch der Nacht beinahe keinen Platz mehr für die Kadaver der Ungeheuer bot und der Boden so satt mit grünem Blut getränkt war, dass es in schmalen Bächen zusammen mit dem Tauwasser ablief.

Zwerge und Menschen trafen sich auf dem Nordhügel, hinter dem sich das Lager der Soldaten aus Idoslân befand. Mallen lenkte sein Pferd zu Tungdil, schwang sich aus dem Sattel und reichte ihm die Hand. Seine Rüstung wies einige Beulen und Schrammen auf, doch abgesehen von einem Schnitt im rechten Unterarm blieben ihm schwere Verletzungen erspart. »Tungdil Goldhand, es freut mich, Euch wohlbehalten zu sehen.«

Der Zwerg grinste, weil er von dem Herrscher wie ein vornehmer Herr angesprochen wurde, nahm dessen Hand und schüttelte sie. »Einmal mehr haben mein Volk und die Menschen gut miteinander gekämpft.« Gemeinsam blickten sie auf die bis auf den letzten Ork vernichtete Streitmacht. »Damit dürften wir den Bewohnern Gauragars einiges an Kummer erspart haben.«

Das Gesicht des Prinzen verfinsterte sich. »Es hat dennoch Leben gekostet. Unterwegs fanden wir Dörfer und Siedlungen, die von den Horden geplündert und gebrandschatzt waren.« Seine Augen suchten die funkelnden Sterne, die sich allmählich am dunkelblauen Himmel zeigten. »Aber Ihr habt Recht. Wenn wir sie nicht aufgehalten hätten, würden noch mehr sterben.«

»Ihr habt ohne uns angefangen«, beschwerte sich Boïndil halblaut, aber deutlich genug, um von dem Herrscher vernommen zu werden. »Ihr habt sie so verschreckt, dass sie sich gar nicht mehr richtig gewehrt haben.« Er verschränkte die muskulösen Unterarme betont langsam vor seiner imposanten Brust, und der Ausdruck in den braunen Augen machte deutlich, dass er es den Menschen übel nahm.

Mallen kannte die Eigenarten Boïndils und wusste, wie er die Bemerkung, die eigentlich nicht für seine Ohren bestimmt gewesen war, einzuordnen hatte. Daher ließ er sich erst gar nicht auf einen Disput mit ihm ein. »Wir werden das nächste Mal auf euch warten«, versprach er stattdessen. »Seid einfach pünktlicher.«

»Pünktlicher?«, begehrte Ingrimmsch auf und reckte den Kopf, dass der schwarze Bart zitterte. »Ihr könnt froh sein, dass wir überhaupt erschienen sind, um euch beizustehen. Die Schienen der Tunnel sind nach dem verfluchten Beben verbogen, und teilweise lagen Brocken auf unserem Weg, die so groß wie ein Trollarsch waren. Ihr könnt von Glück reden …«