Der lachende Mann - Victor Hugo - E-Book
Beschreibung

"Die Comprachicos − im siebzehnten Jahrhundert berühmt-berüchtigt, im achtzehnten Jahrhundert vergessen. Die Comprachicos − sie kauften und verkauften Kinder. Und was machten sie mit diesen Kindern? Sie machten Ungeheuer aus ihnen. Warum Ungeheuer? Zum Vergnügen. Das Volk will lachen, die Könige auch. Die Straßenecken brauchen ihren Hanswurst, die königlichen Schlösser ihren Narren." "L'homme qui rit", im Original erstmals 1869 erschienen, wird hier in der noch im selben Jahr vorgelegten Erstübersetzung von Georg Büchmann neu herausgegeben. Dieses Meisterwerk des sozialkritischen Grauens war die Vorlage für den legendären Film "Der Mann, der lacht" (1928) mit Conrad Veidt. Hugos Figurenzeichnung wie auch seine Schilderung des menschlichen Leidens an der Gesellschaft sind bis heute unübertroffen. Herausgegeben von Andreas Fliedner Mit einem Vorwort von Tobias O. Meißner und einem Nachwort von Andreas Fliedner

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Victor Hugo

Der lachende Mann

Deutsch von Georg Büchmann

Mit einem Vorwort von Tobias O. Meißner

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Andreas Fliedner

L’homme qui rit

(Paris: Lacroix, Verboeckhoven & Cie, 1869)

Der lachende Mann.

(Berlin: Franz Duncker, 1869)

Herausgegeben von Andreas Fliedner

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektur: Horst Illmer

Titelgestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

© dieser Ausgabe 2015 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

golkonda@gmx.de | www.golkonda-verlag.de

ISBN 978-3-944720-87-6 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Unmäßigkeit statt Ebenmaß. Ein Vorwort von Tobias O. Meißner

Zur Übersetzung

Vorrede.

Erster Theil. Das Meer und die Nacht.

Ursus.

Ursus, Philosoph.

Die Comprachicos.

Erstes Buch. Die Nacht nicht so schwarz als der Mensch.

Die Südspitze von Portland.

Verstoßen.

Verlassen.

Fragen.

Der Baum, den die Menschen erfunden haben.

Kampf zwischen dem Tod und der Nacht.

Die Nordspitze von Portland.

Zweites Buch. Die Urca auf hoher See.

Gesetze, welche der Mensch nicht giebt.

Ausführung früherer Skizzen.

Unruhige Menschen auf unruhiger See.

Eine neue Wolke.

Hardquannone.

Ist ihnen geholfen?

Heiliges Grauen.

Nix et Nox.

Ein Amt des wüthenden Meeres.

Wilder Sturm.

Die Casquets.

Kampf mit der Klippe.

Der Nacht gegenüber.

Ortach.

Portentosum mare.

Räthselhafte Wonne.

Die letzte Rettung.

Die allerletzte Rettung.

Drittes Buch. Das Kind in der Finsterniß.

Cheß-Hill.

Wie der Schnee wirkt.

Schmerzensweg, neue Last.

Die Einöde in anderer Form.

Wie sich der Menschenhaß offenbart.

Das Erwachen.

Zweiter Theil. Auf Befehl des Königs.

Erstes Buch. Ewige Gegenwart der Vergangenheit; der Mensch spiegelt sich in dem Menschen.

Lord Clancharlie.

Lord David Dirry-Moir.

Herzogin Josiane.

Magister elegantiarum.

Königin Anna.

Barkilphedro.

Barkilphedro bohrt sich durch.

Inferi.

Haß so stark als Liebe.

Wenn der Mensch durchsichtig wäre.

Barkilphedro auf der Lauer.

Schottland, England und Irland.

Zweites Buch. Gwynplaine und Dea.

Von Angesicht.

Dea.

Sie hat keine Augen und sieht.

Die müssen wohl beide für einander sein.

Blaue Wolke am schwarzen Himmel.

Ursus als Lehrer und Erzieher.

Die Blindheit giebt Stunden im Hellsehen.

Nicht bloß Glück, sondern Wohlstand.

Was geschmacklose Leute Poesie nennen.

Blick des Ausgestoßenen auf Dinge und Menschen.

Gwynplaine hat Recht, Ursus nicht Unrecht.

Der Dichter geht mit dem Philosophen durch.

Drittes Buch. Das Glück bekommt einen Sprung.

Das Wirthshaus Tadcaster.

Beredsamkeit unter freiem Himmel.

Der Vorübergehende noch einmal.

Verbrüderung der Gegensätze im Haß.

Der Wapentake.

Verhör der Maus durch die Katzen.

Warum macht sich das Goldstück mit Kupfermünzen gemein?

Vergiftungssymptome.

Abyssus abyssum vocat.

Viertes Buch. Der Folterkeller.

Die Versuchung des heiligen Gwynplaine.

Vom Zarten zum Strengen.

Lex, rex, fex.

Ursus belauert die Polizei.

Ein schlimmer Ort.

Ehemalige Behörden unter ehemaligen Perrücken.

Schrecken.

Stöhnen.

Fünftes Buch. Meer und Schicksal von demselben Hauche bewegt.

Festigkeit des Zerbrechlichen.

Was umherirrt, irrt nicht.

Kein Mensch würde plötzlich von Sibirien nach dem Senegal übergehen, ohne ohnmächtig zu werden. (Humboldt.)

Verzaubert.

Man glaubt sich zu erinnern; man vergißt.

Sechstes Buch. Ursus in seiner Vielseitigkeit.

Was der Misanthrop sagt.

Was der Misanthrop thut.

Verwickelungen.

Moenibus surdis campana muta.

Die Staatsräson arbeitet im Großen wie im Kleinen.

Siebentes Buch. Die Titanin.

Erwachen.

Ein Schloß gleicht einem Walde.

Eva.

Satan.

Man erkennt sich, aber kennt sich nicht.

Achtes Buch. Das Kapitol und seine Umgebung.

Secirung des Majestätischen.

Unparteilichkeit.

Der alte Saal.

Das alte Haus.

Erlauchte Klatscherei.

Oberhaus und Unterhaus.

Stürmische Menschen sind schlimmer als die stürmische See.

Ein guter Sohn, daher kein guter Bruder.

Neuntes Buch. Sturz.

Vom Uebermaß der Größe zum Uebermaß des Jammers.

Was übrig blieb.

Schluß. Das Meer und die Nacht.

Hund und Engel.

Barkilphedro zielte nach dem Adler und traf die Taube.

Das hienieden wiedergefundene Paradies.

Nein, dort oben!

Nachwort von Andreas Fliedner

Biographische Chronik zum Lachenden Mann

Bibliographische Notiz

Klassiker der Schauerromantik

Unmäßigkeit statt Ebenmaß.Ein Vorwort von Tobias O. Meißner

Meine persönliche Beziehung zu L’homme qui rit von Victor Hugo ist eine Geschichte der Verwehrungen.

Lange, bevor ich auch nur auf den Gedanken kam, derart komplexe Romane zu lesen, wusste ich von der Verfilmung: Paul Lenis The Man Who Laughs von 1928. Ein paar Fotos und ein Bericht in William K. Eversons Klassiker des Horrorfilms waren genug, um meine Phantasie Purzelbäume schlagen zu lassen. Ein Stummfilm mit einem entstellten Helden. Conrad Veidt, aus einem meiner Lieblingsfilme, Das Cabinet des Doktor Caligari, spielt diesen Helden. Nach einer Vorlage des Autors von Der Glöckner von Notre Dame. Mit großem Budget inszeniert. Gwynplaine. Barkilphedro. Was für Figurennamen! Und eine zensierte Szene erwähnte Everson ebenfalls, eine Szene voller missgestalteter Kinder. Das nahm ja schon beinahe Tod Brownings Freaks vorweg. Gibt es etwas Vielversprechenderes für jemanden wie mich, der schon in seiner Jugend dem Schaurigen zugetan war?

Der Film war unerreichbar. Irgendwo auf der Welt mochte er existieren, aber es waren die frühen 80er, die Globalisierung wie auch das Internet waren noch nicht einmal Gerüchte.

Aber auch Hugos Roman existierte nicht. Zumindest nicht auf Deutsch. Zumindest nicht in meiner Jugendzeit. Nirgends. Ich hätte ihn gerne gelesen, um die Verfilmung in mir überflüssig zu machen. Ich suchte überall, auch in Bibliotheken. Fehlanzeige. Den Glöckner fand ich jederzeit, auch die Elenden. Aber der Lachende schien wie mit einem Fluch verhängt zu sein.

Selbst als ich Ende der Neunziger – schon über dreißig Jahre alt – an Hiobs Spiel 3: Verlierer zimmerte, gab es den Roman nicht auf Deutsch. Die Verlierer in meinem Buch, die sich über Hugos L’homme qui rit unterhalten, weil meine diesbezüglichen Phantasien mich niemals losließen, machen ein Geheimnis aus diesem Werk und sagen, dass es niemals übersetzt worden wäre, weil die Deutschen mit den furchtbaren Wahrheiten und Hässlichkeiten, die darin stünden, nicht umgehen könnten.

Aber dann tauchte der Roman unvermittelt auf. Etwa ein Jahr, nachdem ich darüber geschrieben hatte. 1999 gab es plötzlich eine Taschenbuchausgabe, immerhin ungekürzt (es gibt ja Editionen von Les Misérables, in denen mehr als ein Drittel fehlt …) Ich kaufte ein Exemplar und verschlang es. Diese Edition jedoch verschwand so klanglos vom deutschen Markt, wie sie erschienen war, und ist heute, nur dreizehn Jahre später, allenfalls noch antiquarisch erhältlich.

Und dann, 2003, stand ich genauso unvermittelt und überraschend dem Film gegenüber, dem mein Leben lang verschollen Geglaubten: als Import-DVD, gezogen von einer italienischen Kopie, satte 110 Minuten lang. Mich traf beinahe der Schlag, als ich das Cover mit Veidts grinsender Fratze plötzlich und unvorbereitet vor Augen hatte, und gab benommen ein Heidengeld für die DVD aus. Das hat sich selbstverständlich gelohnt, der Film ist unglaublich, ich habe ihn inzwischen dreimal gesehen. Muss ich eigentlich erwähnen, dass Conrad Veidts Gwynplaine die Inspiration zu Batmans grandiosestem Gegenspieler Joker war, und dass somit auch Heath Ledgers posthumer Oscar direkt auf Victor Hugo zurückzuführen ist? Nein, das dürfte schon längst Allgemeinwissen sein.

Aber der Roman!

Der Roman ist ja noch viel aberwitziger als der Film. Und wie deutlich steht er im Schatten des Glöckners und der Elenden, die auch beide grandios sind, aber weitaus weniger bizarr.

Alleine der Anfang, sprich – in vorliegender Ausgabe – der erste Band.

Nach zwei einführenden Kapiteln spielt die Handlung für gefühlte zehntausend Seiten auf dem nächtlichen Meer. Ein Schiff versinkt im Sturm. Aber es sinkt nicht einfach. Es passiert fast gar nichts mehr. Hugo schreibt und schreibt und schreibt über Alles und Nichts, gelehrt, in einem Stil, den heute niemand mehr beherrscht – und in all dieser Wortflut gerinnt jegliche Handlung, selbst die denkbar Dramatischste, zur Erstarrung.

Heute würde ein Lektor kommen und die ersten zweihundert Seiten auf vierzig zusammenstreichen. Selig die Zeiten, in denen die Diktatur des Lektorats noch nicht sämtliche Literatur in ihrem Würgegriff der Machbarkeiten und des Gängigen hielt. Selig wir Leser, die wir Hugos Gedankenfeuerwerk in all seiner Vielfalt und Wucht folgen dürfen, Seite um Seite um Seite, bis das Schiff endlich versunken ist und der Roman – erst danach, nach mehreren hundert Seiten – die eigentliche Hauptfigur einführt.

Epischer Atem ergibt epischen Sturm ergibt episches Versinken aller Leser.

Die Figurenzeichnung ist, wie immer bei Victor Hugo, einfach nur bewundernswert. Wie auch im Glöckner erschafft er hier Charaktere, die es verdient haben, in der Literaturgeschichte und – daraus hervorgehend – im kollektiven Menschheitsgedächtnis zu überdauern. Allein schon Ursus und sein Wolf Homo. Was für ein beredtes, allzumenschliches Gespann! Und Gwynplaine und Dea, das Liebespaar der komplementären Körperbehinderungen.

Die Wendungen, die die Handlung in den folgenden Büchern nimmt, sind vollkommen unvorhersagbar und überraschend.

Hugos Geißelungen der Aristokratie mit all ihren absurden Regeln und Gebräuchen lesen sich auch heute noch spitzfindig und treffend und sind geistreichste Satire.

Das Ende des Ganzen freilich ist grotesker Kitsch, aber auch das passt ins Bild, denn grotesk ist hier fast alles. Wo der Glöckner dezent und anrührend blieb, greift Hugo für den Lachenden Mann voll in den Farbeimer sämtlicher Rührungsmittel. Das Buch endet somit mit einem Effekt, der jenem schrecklichen, übertriebenen, wundstarrkrampfartigen Grinsen nahekommt, das in diesem Roman alles überstrahlt. Als hätte Unmäßigkeit jegliches Ebenmaß verdrängt.

Jetzt legt Golkonda L’homme qui rit endlich in der ursprünglichen deutschen Übersetzung Georg Büchmanns vor, in vier Bänden, also genau so, wie seinerzeit die Vorlage 1869 ebenfalls erschienen ist. Diese Übersetzung ist weitaus schöner, romantischer und wortmächtiger als jene, die ich 1999 gelesen habe, und schöner bedeutet hier, dass es umso intensiver und schauriger wird. »Die Nacht nicht so schwarz als der Mensch« zum Beispiel klingt unbestreitbar wuchtiger als das gängigere »Die Nacht ist nicht so schwarz wie der Mensch«.

Meine Geschichte der Verwehrungen jedenfalls mündet hiermit in ein breites, ununterdrückbares Grinsen.

Denn dank dieser Neuausgabe werden wir alle zu Liebhabern des Hässlichen.

Berlin, im Herbst 2012

Zur Übersetzung

Georg Büchmanns deutsche Übersetzung von L’homme qui rit erschien 1869, noch im selben Jahr wie das französische Original von Hugos Roman. Büchmann (1822–1884), Lehrer für moderne Sprachen an der Friedrichwerderschen Gewerbeschule in Berlin, ist heute vor allem als Namenspatron des als »Büchmann« oder »Büchmanns geflügelte Worte« geläufigen Nachschlagewerks bekannt, dessen vollständiger Titel in der Erstausgabe von 1864 lautete: Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes. In jahrzehntelanger akribischer Arbeit hatte Büchmann eine Sammlung von in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangenen Zitaten zusammengestellt und sie auf ihre jeweilige Quelle und Originalgestalt zurückgeführt. 1869, als er seine Hugo-Übersetzung vorlegte, hatten die Geflügelten Worte bereits ihre fünfte Auflage erreicht.

Dieser preußische Oberlehrer, dessen Name untrennbar mit einem Buch verknüpft ist, das – ob zu recht oder zu unrecht – seit hundertfünfzig Jahren als Fibel bildungsbürgerlicher Pedanterie und Besserwisserei gilt, scheint auf den ersten Blick als Übersetzer eher ungeeignet für Hugos Roman zu sein, dessen Sprache man wahlweise als auf den Expressionismus oder den Surrealismus vorausweisend charakterisiert hat. Büchmanns Übersetzung steht jedoch in ihrer sprachlichen Wucht dem französischen Original in nichts nach. Ohne der naheliegenden Versuchung zur Glättung seiner formalen und inhaltlichen Exzesse zu erliegen, bildet sie dessen »Monstersprache« (so der französische Literaturwissenschaftler Michel Collot) mit ihren abrupten Tempo- und Rhythmuswechseln und ihrem Schwanken zwischen Exaltation und Lakonie im Deutschen kongenial nach. Angesichts des Reichtums an Sentenzen und »falschen« Spruchweisheiten, die L’homme qui rit durchziehen, war vielleicht umgekehrt gerade der besessene Zitatensammler Büchmann prädestiniert, Hugos Roman zu übertragen. Aus den geflügelten Worten, die man aus dem Lachenden Mann extrahieren kann, ließe sich jedenfalls mühelos eine Art schwarzer oder höllischer Anhang zum Büchmann zusammenstellen.

Ein kurzer Hinweis zum Neusatz: Der Fließtext des Romans, im Erstdruck der Übersetzung in Fraktur, wird in der Antiquaschrift Warnock wiedergegeben, die Antiquaeinschübe – meist Fremdwörter oder fremdsprachliche Zitate – in der serifenlosen Myriad. Die Paginierung des Erstdrucks wird innen im Kopftitel mitgezählt, die Seitentrennung im Text selbst durch einen vertikalen Strich markiert. Bis auf etwa ein halbes Dutzend stillschweigender Korrekturen von Druckfehlern entspricht diese Neuausgabe zeichengenau der Vorlage.

Vorrede.

Alles was aus England kommt, ist groß, selbst das was nicht gut ist, selbst die Oligarchie. Das englische Patrizierthum ist das einzig wahre Patrizierthum. Es giebt keinen erlauchteren, keinen schrecklicheren, keinen lebensfähigeren Feudalismus. Ja, dieser Feudalismus ist zu seiner Zeit nützlich gewesen. In England will das Phänomen des Herrenthums studirt werden, ebenso wie man in Frankreich das Phänomen des Königthums studiren muß.

Der wahre Titel dieses Buches würde »die Aristokratie« sein. Ein anderes Buch, welches ihm folgen wird, wird »die Monarchie« betitelt werden können. Und diese beiden Bücher werden, wenn es dem Verfasser beschieden ist, diese Arbeit zu vollenden, die Vorläufer eines dritten sein, welches den Titel »Dreiundneunzig« führen wird.

Hauteville-House, 1869.

Erster Theil.Das Meer und die Nacht.

Ursus.

I.

Ursus und Homo waren vertraute Freunde geworden. Ursus war ein Mensch, Homo ein Wolf. Sie hatten gefunden, daß ihr Wesen einander zusagte. Der Mensch hatte dem Wolf den Namen gegeben; wahrscheinlich hatte er sich auch seinen eigenen Namen selbst gewählt; wie er Ursus für sich passend gefunden hatte, so hatte er Homo für das Thier passend gefunden. Vermöge des Bedürfnisses, welches die Menge empfindet, Albernheiten mitanzuhören und Quacksalbereien zu kaufen, warf die Association zwischen diesem Menschen und diesem Wolfe auf Jahrmärkten, Kirchweihfesten und an volkreichen Straßenecken etwas ab. Dieser gelehrige und sich mit Grazie fügende Wolf gefiel den Leuten. Zähmen sehn ist angenehm. Es ist ein Hochgenuß, es mitanzuschauen wie allerlei zahmgemachte Dinge an uns vorüberziehen. Daher kommt es, daß sich so viele Menschen dort aufstellen, wo königliche Personen vorbei müssen.

Ursus und Homo zogen von Kreuzweg zu Kreuzweg, von den öffentlichen Plätzen in Aberystwith nach den öffentlichen Plätzen in Jeddburg, von Provinz zu Provinz, von Grafschaft zu Grafschaft. War ein Markt erschöpft, so gingen sie nach einem andern. Ursus bewohnte eine auf Rädern befestigte Bude, welche der hinlänglich civilisirte Homo bei Tage zog und Nachts bewachte. Auf schlimmen Wegen, wenn es bergan ging, oder wo das Geleise tief eingefahren war und der Koth hoch lag, schnallte sich der Mensch den Riemen um und zog brüderlich neben dem Wolfe. So waren sie mit einander alt geworden. Sie übernachteten, wie es kam, auf einem Brachfeld, in einer Waldlichtung, wo sich Landstraßen kreuzten, vor Dörfern, vor den Thoren kleiner Städte, in Markthallen, auf öffentlichen Spielplätzen, am Saum eines Waldes, auf Kirchhöfen. Wenn die Räderbude auf irgend einem Jahrmarkt stillstand, die alten Weiber offenen Mundes herbeieilten und die Neugierigen sich im Kreise aufgestellt hatten, dann hielt Ursus eine Standrede, und Homo bezeugte seinen Beifall. Homo ging mit einem Trog im Rachen bei den Umstehenden umher und sammelte höflich ein. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt. Der Wolf war gebildet, der Mensch auch. Der Wolf war von dem Menschen, oder vielleicht ganz allein durch sich, zu verschiedenen wölfischen Kunststückchen abgerichtet, welche die Einnahmen vermehrten. — »Vor allen Dingen arte nicht zu einem Menschen aus«, pflegte sein Freund zu ihm zu sagen.

Der Wolf biß nie, der Mensch mitunter; er beanspruchte wenigstens die Berechtigung zum Beißen. Ursus war ein Menschenfeind, und um seine Menschenfeindlichkeit kund zu geben, war er Taschenspieler geworden; freilich auch, um zu leben; denn der Magen stellt gebieterische Bedingungen. Noch mehr, dieser menschenfeindliche Taschenspieler, entweder um der Vielseitigkeit willen, oder um seine Eigenschaften zu vervollständigen, war Arzt. Arzt will wenig sagen. Ursus war Bauchredner. Man sah ihn sprechen, ohne daß er den Mund verzog. Er bildete bis zur Täuschung Ton und Aussprache des ersten besten Menschen nach; er ahmte die Stimmen so nach, daß man die verschiedenen Personen zu hören glaubte. Ganz allein und ohne Beihülfe stellte er den Lärm einer Menschenmenge dar, was ihm ein Anrecht auf den Titel eines Engastrimythen gab, welchen er annahm. Er machte die Stimmen allerlei Vögel nach, Drossel, Kriechente, Lerche, Schildamsel, lauter Strichvögel wie er selbst, so daß er ganz nach Belieben erst einem öffentlichen von Menschenlärm erfüllten Platz und gleich darauf eine Wiese mit Thierstimmen darstellte, bald stürmisch wie eine Menge, bald kindlich und heiter wie die Morgendämmerung. Uebrigens giebt es solche Talente, wenn sie auch selten sind. Im vorigen Jahrhundert hielt sich Buffon als Menagerie einen gewissen Touzel, welcher den wirren Lärm einer aus Thieren und Menschen gemischten Schaar und jedes Thiergeschrei nachmachen konnte. Ursus war scharfsinnig, unwahrscheinlich, neugierig und zu jenen seltsamen Erklärungen geneigt, die wir Flausen nennen. Er that so, als ob er daran glaube. Diese Unverschämtheit machte einen Theil seiner Bosheit aus. Er beschaute die Linien der Hand, er schlug auf’s Gerathewohl Bücher auf und verkündete aus dem Inhalt der aufgeschlagenen Stellen die Zukunft, er sagte wahr, er lehrte, es sei gefährlich, einer schwarzen Stute zu begegnen, und noch gefährlicher, wenn man im Augenblick der Abreise von Jemanden, der nicht weiß, wo man hinreiset, beim Namen gerufen wird. Er nannte sich »Aberglaubenhändler«. Er pflegte zu sagen: »Zwischen mir und dem Erzbischof von Canterbury ist der Unterschied, daß ich meine Flausen zugestehe«, so daß der mit Recht erzürnte Erzbischof ihn eines Tages vorladen ließ; aber Ursus entwaffnete Seine Hochwürden mit Geschick dadurch, daß er derselben eine, von ihm, Ursus, verfaßte Predigt über das heilige Weihnachtsfest vorlas, welche der davon entzückte Erzbischof auswendig lernte, auf der Kanzel vortrug, und als von ihm, dem Erzbischof verfaßt, herausgab. Um diesen Preis erhielt Ursus Vergebung.

Als Arzt machte Ursus glückliche Kuren, weil er oder obgleich er keiner war. Er wendete gewürzhafte Stoffe an. Er wußte mit medicinellen Pflanzen Bescheid. Er benutzte die geheime Kraft, die in einer Menge für werthlos gehaltener Gewächse steckt; er beutete Schlingbaum, Faulbaum, Mehlbaum, Kreuzdorn, Windbaum und Weißdorn aus; die Schwindsucht kurirte er mit dem Strauche Sonnenthau; mit Erfolg verordnete er die Blätter der Wolfsmilch, welche, an der Wurzel ausgerissen als Abführungsmittel, an der Krone ausgerissen als Brechmittel wirkt; gegen Halsschmerzen gab er einen Baumpilz, den sogenannten Ohrenschwamm ein, er wußte, welche Art Binse den kranken Ochsen, und welche Art Minze das kranke Pferd gesund macht; er kannte alle Geheimnisse der Alraunwurzel, welche, wie Jedermann weiß, sowohl ein Männlein wie auch ein Fräulein ist. Er hatte seine Recepte, Brandwunden heilte er mit Amiant oder Bergflachs, aus welchem Stoffe Nero, wie Plinius berichtet, eine Serviette besaß. Er war im Besitz einer Retorte und eines Kolben; er verwandelte edle Metalle in unedle; er verkaufte Universalmittel. Man erzählte von ihm, daß er früher einmal auf kurze Zeit im Irrenhause gewesen wäre; man hatte ihm die Ehre angethan, ihn für verrückt zu halten; aber man hatte ihn wieder laufen lassen, da man die Wahrnehmung machte, daß er nur ein Dichter sei. Wahrscheinlich war die Geschichte erfunden; wir alle müssen solche Märchen über uns ergehen lassen.

In Wirklichkeit war Ursus ein Vielwisser, ein Mann von Geschmack, der lateinische Verse machte. Er war gelehrt in beiderlei Gestalten; er war ein Schüler des Hippokrates und des Pindar. In Schwulst hätte er es mit einem Rapin und einem Vida aufgenommen. Er wäre im Stande gewesen, Jesuitentragödien trotz eines Paters Bouhours zu dichten. Ein Ergebniß seiner vertrauten Bekanntschaft mit den ehrwürdigen Rythmen und Versfüßen der Alten war, daß ihm Bilder und eine Menge klassischer Metaphern zu Gebote standen, die ihm eigenthümlich waren. Er sagte von einer Mutter, vor welcher ihre beiden Töchter einherschritten: »Das ist ein Daktylus«, von einem Vater, dem seine beiden Söhne folgten: »Das ist ein Anapaest«, und von einem kleinen Kinde, das in der Mitte zwischen Großvater und Großmutter ging: »Das ist ein Amphimacer.« So viel Gelehrsamkeit mußte zum Hungerleiden führen. Die Schule von Salerno sagt: »Iß wenig und oft.« Ursus, der einen Hälfte dieser Vorschrift gehorchend und der andern nicht, aß wenig und selten; aber daran war das Publikum Schuld, das nicht immer herbeiströmte und nicht häufig kaufte.

Ursus pflegte zu sagen: »Eine Sentenz von sich geben, verschafft Erleichterung. Den Wolf tröstet das Heulen, das Schaf die Wolle, den Wald die Grasmücke, das Weib die Liebe, den Philosophen das geflügelte Wort.« Im Nothfalle fabricirte Ursus Schauspiele, welche er aufführte, so gut es eben gehen wollte; das ist ein Mittel, um schlechter Waare Absatz zu verschaffen. Unter andern hatte er ein Helden- und Schäferspiel zu Ehren eines Sir Hugh Middleton verfaßt, der im Jahre 1608 einen Fluß nach London brachte. Dieser Fluß floß ruhig in der Grafschaft Hertford, sechszig Meilen von London; Ritter Middleton kam und holte ihn; er brachte eine Mannschaft von sechshundert Leuten, mit Schaufeln und Hacken bewaffnet, mit; er fing an die Erde umzuwühlen, die er hier zu einer Tiefe von dreißig Fuß ausgrub, dort zu einer Höhe von zwanzig aufschüttete; er baute hoch in der Luft schwebende Aquadukte aus Holz, er schlug an die hundert Brücken aus Quaderstein, aus Backsteinen, aus Bohlen, und eines schönen Morgens floß der Fluß in London hinein, welches an Wassermangel litt. Ursus verarbeitete alle diese prosaischen Umstände zu einem Schäferspiel, in welchem der Themsestrom und der Serpentinefluß auftraten; der Strom lud den Fluß ein zu ihm zu kommen und bot ihm sein Bett mit den Worten an: »Ich bin zu alt, um den Frauen zu gefallen; aber ich bin reich genug, sie zu bezahlen«, mit welcher geistreichen und galanten Wendung er zu verstehen geben wollte, daß Sir Hugh Middleton alle Arbeiten aus eigener Tasche hatte ausführen lassen.

Ursus zeichnete sich im Selbstgespräch aus. Von scheuer und zugleich geschwätziger Natur, von dem Wunsche erfüllt, Niemand zu sehen, und von dem Bedürfniß getrieben, mit Jemand zu reden, zog er sich aus der Verlegenheit, indem er mit sich selbst sprach. Jeder, der einsam gelebt hat, weiß, wie tief das Selbstgespräch in der Natur des Menschen liegt. Das innere Wort juckt. Den leeren Raum anreden wirkt wie eine Fontanelle. Ganz laut und ganz allein reden, ist wie ein Zwiegespräch mit dem Gott, den man in sich trägt. Dies war, wie man weiß, die Gewohnheit des Sokrates. Er hielt Reden an sich selbst. Ursus hatte Etwas von diesen großen Männern. Er hatte die hermaphroditische Eigenschaft, seine eigene Zuhörerschaft zu sein. Er fragte sich und antwortete sich; er pries sich und schimpfte sich. Von der Straße aus hörte man ihn in seiner Bude Selbstgespräche halten. Die Vorübergehenden, welche ihre eigene Art haben, geistvolle Leute zu beurtheilen, sagten: »Er ist blödsinnig.« Er schimpfte sich, wie wir schon erwähnt haben; aber es gab auch Stunden, wo er sich Gerechtigkeit widerfahren ließ. Eines Tages hörte man ihn in einer dieser Selbstansprachen ausrufen: »Ich habe die Pflanzen in allen ihren Geheimnissen studirt, im Stiel, in der Knospe, im Kelchblatt, im Blumenblatt, im Staubblatt, im Fruchtblatt, in der Samenknospe, in der Mooskapsel, im Sporangium und im Apothecium. Ich habe die Chromatie, die Osmosie und die Chymosie, d.h. die Bildung der Farbe, des Geruchs und des Geschmacks studirt.« Ohne Zweifel lag in diesem Zeugniß, welches Ursus dem Ursus ausstellte, etwas Ruhmredigkeit; aber die, welche die Chromatie, die Osmosie und die Chymosie nicht studirt haben, mögen den ersten Stein auf ihn werfen.

Glücklicherweise war Ursus nie nach den Niederlanden gereist. Dort hätte man gewiß verlangt, ihn zu wiegen, um zu wissen, ob er das Normalgewicht habe, über welches hinaus oder unter welchem der Mensch zum Hexenmeister wird. Dieses Gewicht war in Holland wohlweislich durch das Gesetz bestimmt worden. Nichts war einfacher und geistvoller. Es war eine Kontrolle. Man setzte einen Menschen auf eine Waageschale, und der Beweis war geliefert, sobald er das Gleichgewicht störte. War er zu schwer, wurde er gehenkt; war er zu leicht, verbrannt. Noch heute kann man zu Oudewater die Waage für die Hexenmeister sehen; aber heute dient sie dazu, Käse zu wiegen; so ist die Religion gesunken. Mit dieser Waage hätte Ursus gewiß zu thun bekommen. Bei seinen Reisen enthielt er sich Hollands, und er that wohl darin. Uebrigens glauben wir, daß er nie über Großbritannien hinauskam.

Wie dem nun auch sei, da er sehr arm und sehr bissig war, und nachdem er Homo’s Bekanntschaft in einem Walde gemacht, hatte er Geschmack am Nomadenleben gewonnen. Er hatte diesen Wolf in Commandite genommen, und er zog mit ihm auf den Landstraßen umher, unter freiem Himmel das große Leben des Zufalls führend. Er hatte viel Gewandheit und viel Hintergedanken und eine in jeder Beziehung bedeutende Kunst zu kuriren, zu operiren, zu besprechen, und überraschende Dinge zu leisten; er wurde als ein guter Quacksalber und als ein guter Arzt betrachtet; es läßt sich denken, daß er auch als Hexenmeister galt, ein wenig, nicht allzusehr; denn in jener Zeit war es nicht gesund, für einen Freund des Teufels gehalten zu werden. Freilich begab sich Ursus aus Leidenschaft für die Arzneikunde und aus Liebe zu den Pflanzen öfters in Gefahr, sintemalen er in jenen gespensterhaften Dickichten Kräuter sammeln ging, wo der Teufelssalat wächst, und wo man, wie der Rath de l’Ancre bestätigt, im feuchten Abendnebel einen Menschen aus der Erde emporsteigen zu sehen riskirt, »der nur ein Auge hat und zwar das rechte, ohne Mantel, barfuß und ohne Strümpfe einhergeht und einen Degen an der Seite trägt«. Uebrigens war Ursus, obgleich von seltsamem Wesen und Charakter, ein viel zu feiner Mann, um den Hagel herbeizuziehen oder zu vertreiben, Gestalten erscheinen zu lassen, einen Menschen durch Tanzwuth zu tödten, heitere oder traurige und schreckliche Träume zu erwecken und Hähne mit vier Flügeln ausbrüten zu lassen; solche Schändlichkeiten that er nicht. Er war unfähig, gewisse Ruchlosigkeiten zu begehen, als z.B. deutsch, hebräisch oder griechisch zu sprechen, ohne es gelernt zu haben, was ein Zeichen von abscheulicher Niederträchtigkeit oder von einer natürlichen Krankheit ist, die aus ungesunden galligen Säften entsteht. Wenn Ursus lateinisch sprach, so verstand er es auch. Er hätte sich nicht erlaubt, syrisch zu sprechen, da er es nicht konnte, und außerdem ist es eine ausgemachte Sache, daß auf den Hexenversammlungen syrisch gesprochen wird. In der Medizin zog er korrekterweise den Galen dem Cardanus vor, da Cardan bei aller seiner Gelehrsamkeit im Vergleich zu Galen doch nur ein Erdenwurm ist.

Schließlich war Ursus eine von der Polizei nicht behelligte Person. Seine Bude war lang und breit genug, um sich in derselben auf einen Koffer niederzustrecken, in dem seine nicht sehr kostbaren Sachen lagen. Er war Eigenthümer einer Laterne, mehrerer Perrücken, und einiger an Nägeln aufgehängten Instrumente, worunter auch musikalische waren. Außerdem besaß er eine Bärenhaut, die er an den Tagen einer großen Aufführung umthat; das nannte er sich kostümiren. Er sagte dann: »Ich habe zwei Häute; diese ist die wahre«, wobei er auf das Bärenfell zeigte. Die Räderbude gehörte ihm und dem Wolf. Außer seiner Bude, seiner Retorte und seinem Wolf, hatte er eine Flöte und eine Bratsche, worauf er ganz nett spielte. Seine Elixire fabrizirte er selbst. Seine Talente brachten so viel ein, daß er sich hin und wieder Abendbrot kochen konnte. In der Decke seiner Bude war ein Loch, durch welches die Röhre eines eisernen Ofens ging, der so dicht am Koffer stand, daß er das Holz desselben bräunte. Dieser Ofen hatte zwei Abtheilungen; in der einen kochte Ursus seine Geheimmittel, in der andern Kartoffeln. Während der Nacht schlief der Wolf, freundschaftlich angekettet, unter der Bude. Homo hatte schwarze Haare, Ursus graue. Ursus war fünfzig Jahr alt, wenn nicht sechszig. Er fand sich in sein Geschick bis zu dem Grade, daß er, wie wir sahen, Kartoffeln aß, ein Abhub, mit welchem man zu jener Zeit Schweine und Verbrecher fütterte. So etwas aß er, entrüstet und ergeben. Er war nicht groß, er war lang. Er war gebückt und melancholisch. Der krumme Rücken des alten Mannes ist das Einsinken des Lebens. Die Natur hatte ihn dazu geschaffen, traurig zu sein. Lächeln wurde ihm schwer, und es war ihm stets unmöglich gewesen zu weinen. Ihm fehlte der Trost der Thränen und das Linderungsmittel der Freude. Ein alter Mann ist eine denkende Ruine; eine solche war Ursus. Die Geschwätzigkeit eines Charlatans, die Magerkeit eines Propheten, die Reizbarkeit einer mit Pulver gefüllten Mine; so denke man sich ihn. In seinen jungen Jahren war er Philosoph bei einem Lord gewesen.

Dies trug sich vor hundertundachtzig Jahren zu in einer Zeit, wo die Menschen ein klein wenig mehr Wölfe waren als heute. Nicht viel mehr.

II.

Homo war kein ordinärer Wolf. Nach seinem Appetit auf Mispeln und Aepfel hätte man ihn für einen Prairiewolf, nach seiner dunklen Farbe für einen Lycaon und nach seinem zum Bellen abgeschwächten Heulen für einen Culpen halten mögen; aber man hat die Pupille des letzteren noch nicht hinlänglich untersucht, so daß man nicht wohl weiß, ob er nicht eigentlich ein Fuchs ist, und Homo war ein wirklicher Wolf. Seine Länge war fünf Fuß, was für einen Wolf selbst in Litthauen eine schöne Länge ist; er war sehr stark; er schielte, was nicht seine Schuld war; er hatte eine sanfte Zunge, womit er manchmal Ursus leckte; den Rücken entlang stand ihm eine schmale Bürste kurzer Haare, und er war mager, wie man’s im Walde wird. Vor seiner Bekanntschaft mit Ursus und bevor er eine Bude zu ziehen bekam, hatte er in einer Nacht mit Leichtigkeit seine vierzig Meilen gemacht. Ursus stieß auf ihn im Gebüsch bei einem hellen Bache, hatte ihn achten gelernt, als er ihn daselbst mit Klugheit und Weisheit Krebse fangen sah und hatte in ihm einen wirklichen und ächten Koupara vom Genus Krabbenhund begrüßt.

Ursus zog seinen Homo als Lastthier einem Esel vor; es hätte ihm widerstrebt, seine Bude von einem Esel ziehen zu sehen; dazu achtete er den Esel zu hoch. Außerdem hatte er die Bemerkung gemacht, daß der Esel, ein von den Menschen wenig verstandener vierfüßiger Denker, mitunter in beunruhigender Weise die Ohren spitzt, wenn Philosophen dummes Zeug reden. Im Leben ist ein Esel, der sich zwischen uns und unsern Gedanken eindrängt, ein Dritter; das genirt. Als Freund zog Ursus seinen Homo einem Hunde vor, da er bei sich überlegte, daß der Wolf aus weiterer Entfernung zur Freundschaft herangezogen wird.

Deswegen genügte Homo unserm Ursus. Homo war für Ursus mehr als ein Gefährte; er war ein Seelenverwandter. Ursus klopfte ihm auf die magern Weichen und sagte: »Ich habe meinen zweiten Band gefunden.«

Auch sagte er: »Wer mich nach meinem Tode kennen lernen will, braucht nur Homo zu studiren. Ich werde ihn als gleichlautende Abschrift meiner selbst hinterlassen.«

Das hinsichtlich der Thiere der Wälder unzärtliche englische Gesetz hätte diesem Wolfe wegen seiner Kühnheit, ohne Weiteres in Städten umherzuziehen, Händel bereiten können; aber Homo berief sich auf eine von Eduard IV. »den Bedienten« durch Parlamentsakte bewilligte Freiheit: »Jeder Bediente kann seinen Herrn überall hinbegleiten.« Außerdem war hinsichtlich der Wölfe eine gewisse Nachsicht eingetreten, weil es bei den Hofdamen unter den letzten Stuarts Mode geworden war, sich statt der Hunde kleine Corsacwölfe, Adiwas genannt, zu halten, die nicht größer als eine Katze waren, und die sie mit großen Kosten aus Asien kommen ließen.

Ursus hatte dem Homo einen Theil seiner Talente mitgetheilt, aufrecht zu stehen, seinen Zorn in schlechte Laune zu verdünnen, zu brummen anstatt zu heulen u.s.w., und seinerseits hatte der Wolf den Menschen gelehrt, was er verstand, ohne Dach und Fach, ohne Brod, ohne Feuer fertig zu werden und den Hunger im Walde der Sclaverei in einem Fürstenschlosse vorzuziehen.

Die Bude, die Hütte und Wagen zugleich war und kreuz und quer umherzog, ohne je England und Schottland zu verlassen, ging auf vier Rädern und hatte außerdem eine Gabel, den Wolf hineinzuspannen und ein Ortscheit für den Menschen. Letzteres war ein Nothbehelf für schlimme Wege. Die Bude war fest gebaut, obgleich von leichten aufrechtstehenden Brettern. Vorn war eine Glasthür mit einem kleinen Balcon, um von ihm herab Ansprachen zu halten, halb Rednerbühne, halb Kanzel und hinten war eine volle Thür mit kleinem Guckfenster. Das Herablassen eines Wagentrittes mit drei Stufen, der sich um ein Charnier drehte und hinter der Thür angebracht war, gab Zutritt in die Bude, welche des Nachts wohl verriegelt und verschlossen war. Es war viel Regen und Schnee darauf gefallen. Sie war angestrichen gewesen, doch unterschied man nicht mehr wie, da der Witterungswechsel auf solche Buden dieselbe Wirkung hat, wie der Regierungswechsel auf Hofleute. Vorn, an der Außenseite, hatte man früher auf einer Art bretternem Giebel in schwarzen Buchstaben auf weißem Grunde, die allmälig in einander verflossen und verwischt waren, folgende Inschrift lesen können:

»Das Gold verliert jährlich ein Vierzehnhundertel seines Gewichts; woraus hervorgeht, daß von den vierzehnhundert Millionen auf der ganzen Erde circulirenden Goldes jährlich eine Million verloren geht. Diese Million Gold wird zu Staub, verflüchtigt sich, fliegt umher, wird Atom, läßt sich einathmen, wird wieder Substanz, erleichtert und beschwert das Gewissen und verschmilzt mit den Seelen der Reichen, die es hochmüthig, und den Seelen der Armen, die es scheu macht.«

Diese vom Regen und der gütigen Vorsehung ausgelöschte Inschrift war glücklicherweise unleserlich, denn wahrscheinlich wäre diese zugleich räthselhafte und durchscheinende Theorie von der Einathmung des Goldes nicht nach dem Geschmacke der Sheriffs, Provosts, Marschalls und andrer Perrückenträger der Justiz gewesen. Mit der englischen Gesetzgebung jener Zeit war nicht zu scherzen. Man wurde leicht zum Hochverräther. Die Gerichtspersonen waren der Ueberlieferung gemäß unmenschlich, und die Grausamkeit war gewohnheitsmäßig geworden. Es wimmelte von Untersuchungsrichtern. Jefferies hatte eine Brut erzeugt.

III.

In der Bude waren zwei andere Inschriften. Ueber dem Koffer las man auf der weißgetünchten Bretterwand mit Tinte geschrieben:

Die einzigen wissenswerthen Dinge.

Der Baron, welcher Pair von England ist, führt eine Kronenschnur mit sechs Perlen.

Die Krone beginnt beim Viscount.

Der Viscount führt eine Krone mit beliebig vielen Perlen; der Graf eine Krone von Perlen auf Spitzen, die mit niedrigern Erdbeerblättern abwechseln; der Marquis Perlen und Blätter von gleicher Höhe; der Herzog Blumen ohne Perlen; der Herzog von königlichem Geblüt ein Diadem aus Kreuzen und Lilien; der Prinz von Wales eine Krone, welche der des Königs gleich, aber nicht geschlossen ist.

Der Herzog ist sehr hoher und sehr mächtiger Prinz; der Marquis und der Graf sehr edler und mächtiger Herr, der Viscount edler und mächtiger Herr, der Baron in Wahrheit Herr.

Der Herzog heißt Hoheit (grace); die andern Pairs sind Herrlichkeiten.

Die Lords sind unverletzlich.

Die Pairs sind Rath und Hof, concilium et curia, Gesetzgeber und Richter.

Höchst ehrenwerth, most honourable, ist mehr als sehr ehrenwerth, right honourable.

Die Lords, welche Pairs sind, heißen »Lords nach dem Recht«; die, welche es nicht sind, »Lords durch Courtoisie« (aus Höflichkeit). Wirkliche Lords sind nur die, welche Pairs sind.«

Der Lord schwört nie, weder dem König, noch vor Gericht. Sein Wort genügt. Er sagt: bei meiner Ehre.

Wenn die Gemeinen, welche das Volk sind, vor die Schranken der Lords gerufen werden, erscheinen sie daselbst demüthig und bedeckten Hauptes vor den bedeckten Pairs.

Die Gemeinen schicken den Lords die Gesetze durch vierzig Mitglieder zu, welche sie mit drei tiefen Verbeugungen überreichen.

Die Lords übersenden den Gemeinen die Gesetze durch einen bloßen Sekretär.

Im Falle eines Konfliktes berathen beide Häuser in dem gemalten Zimmer, die Pairs sitzend und bedeckten Hauptes, die Gemeinen stehend und entblößten Hauptes.

Nach einem Gesetze Eduards VI. haben die Lords das Vorrecht des einfachen Todtschlags. Ein Lord, der einen Menschen einfach tödtet, wird nicht verfolgt.

Die Barone, haben denselben Rang wie die Bischöfe.

Um Baron Pair zu sein, muß man beim König per baroniam interam, durch ganze Baronie, zu Lehen gehen.

Die ganze Baronie besteht aus dreizehn und einem Viertel adliger Lehen; jedes adlige Lehen gilt zwanzig Pfund Sterling, was vierhundert Mark ausmacht.

Der Hauptort der Baronie, caput baroniae, ist ein erblich, wie England selbst, regiertes Schloß, das also auf die Töchter in Ermangelung männlicher Nachkommen übergehen kann, und in diesem Falle an die älteste Tochter fällt, caeteris filiabus aliunde satisfactis. (D.h. nach einer von Ursus an der Mauer angebrachten Randbemerkung: »Man versorgt die andern Töchter nach Möglichkeit.«)

Die Barone haben die Eigenschaften eines Lord, sächsisch laford, in gutem Latein dominus und im mittelalterlichen Latein lordus.

Die ältern und jüngern Söhne der Viscounts und der Barone sind die ersten Esquires des Königreichs.

Die ältern Söhne der Pairs haben den Vortritt vor den Rittern des Hosenbandordens, die jüngern nicht.

Der ältere Sohn eines Viscounts geht hinter allen Baronen und hat den Vortritt vor allen Baronets.

Jede Tochter eines Lord’s ist Lady. Alle andern Töchter eines Engländers sind Miß.

Alle Richter stehen unter den Pairs. Der Sergeant trägt einen Mantelkragen aus Lammfell, der Richter einen aus Minirer, de minuto vario, das heißt, der aus allerlei kleinen weißen Pelzstücken, Hermelin ausgenommen, zusammengesetzt ist. Der Hermelin ist den Pairs und dem Könige vorbehalten.

Ein Lord kann nicht persönlich verhaftet werden, außer in dem Falle des Tower von London.

Ein zum König eingeladener Lord hat das Recht, im königlichen Park ein oder zwei Dammhirsche zu tödten.

Es ist eines Lords unwürdig, mit zwei Lakaien hinter sich auf der Straße im Mantel zu gehen; er kann nur mit einem großen Gefolge von Kammerdienern erscheinen.

Die Pairs begeben sich nach dem Parlament in Wagen, die hintereinander fahren; die Gemeinen nicht. Einige Pairs begeben sich nach Westminster in vierrädrigen offnen Chaisen. Die Form dieser mit Wappen und Kronen versehenen Chaisen und Wagen ist nur den Lords gestattet und macht einen Theil ihrer Würde aus.

Ein Lord kann nur von den Lords zu einer Geldstrafe verurtheilt werden und niemals zu mehr als fünf Schilling, mit Ausnahme eines Herzogs, der zu zehn verurtheilt werden kann.

Ein Lord kann sechs Ausländer um sich haben; jeder andere Engländer nur vier.

Ein Lord kann acht Tonnen Wein haben, ohne Steuern dafür zu bezahlen.

Bloß der Lord hat es nicht nöthig, sich bei einer gerichtlichen Rundreise dem Sheriff vorzustellen.

Der Lord zahlt keinen Geldbeitrag zur Miliz.

Wenn ein Lord will, so hebt er ein Regiment aus und schenkt es dem König, wie ihre Hoheiten die Herzöge von Athol, von Hamilton und von Northumberland.

Der Lord hängt nur von den Lords ab.

Im Civilproceß kann er die Zurückweisung seines Processes fordern, wenn unter den Richtern nicht wenigstens ein Ritter ist.

Der Lord ernennt seine Kaplane.

Ein Baron ernennt drei Kaplane, ein Viscount vier, ein Graf und ein Marquis fünf.

Der Lord kann nicht gefoltert werden, selbst nicht für Hochverrath.

Der Lord kann nicht gebrandmarkt werden.

Der Lord ist gebildet, selbst wenn er nicht lesen kann. Er ist gelehrt von Rechtswegen.

Ein Herzog führt überall, wo der König nicht zugegen ist, einen Thronhimmel mit sich; ein Viscount hat einen Thronhimmel in seinem Hause; ein Baron läßt sich, während er trinkt, unter dem Becher einen Deckel halten; eine Baronin hat das Recht, sich in Gegenwart einer Viscounteß von einem Manne die Schleppe tragen zu lassen.

Sechsundachtzig Lords oder ältere Söhne von Lords führen den Vorsitz an den sechsundachtzig Tischen je zu hundert Kouverts, welche seiner Majestät in ihrem Schloß täglich auf Kosten des die königliche Residenz umgebenden Landes servirt werden.

Einem Bürger, der einen Lord schlägt, wird die Faust abgehauen.

Der Lord ist beinahe König.

Der König ist beinahe Gott.

Die Erde ist eine Lordschaft.

Die Engländer sagen zu Gott Mylord.«

Dieser Inschrift gegenüber las man eine zweite ebenso geschriebene, welche folgendermaßen lautete:

»Beruhigung für die, die Nichts haben.«

Heinrich Auverquerque, Graf von Grantham, der im Hause der Lords zwischen dem Grafen von Jersey und dem Grafen von Greenwich seinen Sitz hat, hat hunderttausend Pfund Sterling jährlich. Seiner Herrlichkeit gehörte das ganz aus Marmor gebaute Palais Grantham-Terrace, welches durch das merkwürdige sogenannte Korridor-Labyrinth berühmt ist. Hier befindet sich der fleischfarbene Korridor aus Marmor von Sarancolino, der braune Corridor aus Muschelmarmor von Astrachan, der weiße Corridor aus Marmor von Lani, der schwarze Corridor aus Marmor von Alabanda, der graue Corridor aus Marmor von Staremma, der gelbe Corridor aus hessischem Marmor, der grüne Corridor aus tyroler Marmor, der rothe Corridor theils aus geflecktem böhmischen Marmor und theils aus Muschelmarmor von Cordova, der blaue Corridor aus genuesischem Turchino, der violette Corridor aus catalonischem Granit, der weiß und schwarz geäderte Trauercorridor aus Murviedroschiefer, der rosa Corridor aus Alpencipolino, der Perlmuttercorridor aus Muschelkalk von Nonette und der bunte Corridor, welcher den Namen Corridor Courtisan führt, aus bunter Breccie.

Richard Lowther, Viscount Lonsdale, besitzt Lowther in Westmoreland. Der Aufgang ist pompös, und der Perron scheint Könige zum Eintritt einzuladen.

Richard, Graf von Searborough, Viscount und Baron Lumley, Viscount von Waterford in Irland, Lord Lieutenant und Vizeadmiral der Grafschaft Northumberland und der Stadt und Grafschaft Durham, besitzt die Schlösser Stansted, das alte und das neue, wo man ein prächtiges halbrundes Eisengitter bewundert, welches ein Wasserbecken mit großartigem Springbrunnen umgiebt. Außerdem besitzt er sein Schloß Lumley.

Robert Darcy, Graf von Holderness, hat Holderness, mit mittelalterlichen Thürmen und ungeheuern Gärten im französischen Styl, in welchen er in einer sechsspännigen Kutsche mit zwei Vorreitern spazieren fährt, wie es einem Pair von England geziemt.

Charles Beauclerk, Herzog von Saint-Albans, Graf von Burford, Baron Heddington, Großfalkonier in England, hat in Windsor neben dem königlichen Schlosse ein Haus von königlichem Ansehen.

Charles Bodville, Lord Robartes, Baron Truro, Viscount Bodmyn, besitzt Wimpel in Cambridge, das heißt drei Schlösser mit drei Giebeln, ein bogenförmiges und zwei dreieckige. Auf das Schloß fuhrt eine Allee mit vier Baumreihen.

Der sehr edle und sehr mächtige Lord Pilipp Herbert, Viscount von Caerdif, Graf von Montgomeri, Pair und Rosse von Candall, Marmion, Saint-Quentin und Churland, Inspektor der Zinngruben von Cornwallis und Devon, Erbvisitator von Jesus-College, besitzt den herrlichen Willtonpark, in welchem zwei Wasserbecken mit Springbrunnen sind, und welches schöner ist als das Versailles des sehr christlichen Königs Ludwigs XIV.

Charles Seymour, Herzog von Somerset, besitzt Somersethaus an der Themse, welches der Villa Pamphili in Rom in nichts nachsteht. Man erblickt auf dem großen Kamine zwei Porzellanvasen, die aus der Dynastie der Yuen stammen und eine halbe Million Franken werth sind.

In Yorkshire besitzt Arthur, Lord Ingram, Viscount Irwin, das Schloß Temple-Newsham, zu welchem man durch einen Triumphbogen gelangt und dessen große flache Dächer maurischen Terrassen gleichen.

Robert, Lord Ferrars von Charteley, Bourchier und Lovaine, besitzt in Leicestershire das Schloß Staunton-Harold, dessen Park im Grundriß die Form eines Giebeltempels hat, und die schöne Kirche mit viereckigem Thurme vor dem Teiche gehört seiner Herrlichkeit auch.

In der Grafschaft Northampton besitzt Charles Spencer, Graf von Sunderland, Mitglied des geheimen Raths seiner Majestät, das Schloß Althrop, zu welchem man durch ein Thor von vier Pfeilern gelangt, worauf Marmorgruppen stehn.

Laurence Hyde, Graf von Rochester, besitzt New-Park in Surrey, welches sich durch die Skulptur seiner Akroterien, seinen runden von Bäumen beschatteten Rasenplatz und seine Wälder auszeichnet, hinter denen sich ein kleiner künstlich abgerundeter Hügel mit einer weithin sichtbaren großen Eiche erhebt.

Philipp Stanhope, Graf Chesterfield, besitzt Bredby in Derbyshire mit einem prächtigen Pavillon, in dem eine Uhr angebracht ist, mit Falkenbeizen, Kaninchengehegen und sehr schönen länglichen, viereckigen und ovalen Teichen, aus deren einem, der die Form eines Spiegels hat, zwei sehr hohe Wasserstrahlen emporschießen.

Lord Cornwallis, Baron von Eye, besitzt Brome-Hall, ein im vierzehnten Jahrhundert erbautes Schloß.

Der sehr edle Algernon Capel, Viscount Malden, Graf d’Essex, besitzt Cashiobury in Hertfordshire, ein Schloß, welches die Form eines großen H hat, und um welches sich sehr wildreiche Jagden hinziehen.

Charles, Lord Ossulstone, besitzt Dawley in Middlesex, wohin man durch Gärten im italienischen Styl gelangt.

James Cecil, Graf von Salisbury, besitzt sieben Meilen von London Hartfield-Haus mit seinen vier stolzen Pavillons, seiner Warte in der Mitte und mit seinem Ehrenhof, der mit schwarzen und weißen Steinplatten, wie der von Saint-Germain, gepflastert ist. Dieses in der Front 270 Fuß lange Schloß ist unter Jakob dem Zweiten vom Großschatzmeister Englands erbaut worden, dem Ururgroßvater des regierenden Grafen. Man sieht daselbst das Bett einer Gräfin von Salisbury von unermeßlichem Werthe. Es ist ganz und gar aus einem brasilianischem Holze, welches ein Universalmittel gegen Schlangenbiß ist und welches milhombres, d.h. »tausend Männer« heißt. Auf diesem Bett steht in goldenen Buchstaben: Honni soit qui mal y pense.

Eduard Rich, Graf von Warwick und Holland, besitzt Warwick-Castle, wo man in den Kaminen ganze Eichbäume verbrennt.

In dem Kirchspiel von Seven-Oaks gehört Charles Sackville, Baron Buckhurst, Viscount Cranfield, Graf von Dorset und Middlesex, die Besitzung Knowle, die so groß ist wie eine Stadt und aus drei wie Infanterie in Reih’ und Glied parallel hintereinander befindlichen Schlössern besteht, mit zehn Giebeln an der Hauptfassade und einem von vier Thürmen gekrönten Thor.

Thomas Thynne, Viscount Weymouth, Baron Varminster, besitzt Long-Leate mit fast ebenso viel Schornsteinen, Kuppeln, Laternen, Gartenhäuschen, Wachtthürmchen, Pavillons und Thürmlein als das dem Könige gehörige Chambord in Frankreich.

Henri Howard, Graf von Suffolk, besitzt zwölf Meilen von London das Palais Audlyene in Middlesex, welches in Größe und Majestät kaum dem Eskurial des Königs von Spanien nachsteht.

In Bedfordshire gehört Wrest-Haus und Park, welches gewissermaßen ein ganzes, von Gräben und Mauern eingeschlossenes Land mit Wäldern, Flüssen und Hügeln ist, Heinrich, dem Marquis von Kent.

Hampton-Court, in Herefort, mit seinem mächtigen mit Zinnen versehenen Thurm und seinem Garten, den ein Teich vom Walde trennt, gehört Thomas dem Lord Coningsby.

Grimsthorf in Lincolnshire, mit seiner langen von hohen spitzen Thürmen unterbrochenen Façade, seinen Gärten, seinen Teichen, seinen Fasanerien, seinen Schäfereien, seinen Rasenplätzen, seinen fünfeckigen Baumgruppen, seinen Spielplätzen, seinen Wäldern, mit seinen großen teppichähnlich in allerlei Mustern bepflanzten Blumenbeeten, mit seinen zum Wettrennen dienenden Wiesen und seinem großartigen Rondeel, um welches die Wagen herum müssen, ehe sie in das Schloß einfahren, gehört Robert dem Grafen Lindsay, dem erblichen Lord des Waldes von Walham.

Up-Park, in Sussex, ein viereckiges Schloß mit zwei symmetrischen von Wartthürmen gekrönten Pavillons zu beiden Seiten des Ehrenhofes, gehört dem sehr ehrenwerthen Ford, Lord Grey, Viscount Glendale und Graf von Tankarville.

Newham Pador in Warwikshire, mit zwei viereckigen Fischteichen und mit einem Giebel, den große Glasfenster zieren, gehört dem Grafen von Denbigh, der zugleich Graf von Rheinfelden in Deutschland ist.

Wythame in der Grafschaft Berk, mit seinem französischen Garten, in dem vier beschnittene Laubengänge sind, und seinem großen mit Zinnen versehenen Thurme, gehört dem Lord Montague, Grafen von Abingdon, der auch Rycott besitzt, dessen Baron er ist und auf dessen Hauptthor die Devise steht: Virtus ariete fortior.

William Cavendish, Herzog von Devonshire, besitzt sechs Schlösser, unter andern das zweistöckige, im schönsten griechischen Style erbaute Chattsworth, und außerdem besitzt Seine Gnaden ein Palais in London, auf dem ein Löwe steht, welcher dem königlichen Schloß den Rücken dreht.

Der Viscount Kinalmeaky, der Graf von Cork in Irland ist, besitzt Burlington-Haus in Piccadilly mit ungeheuren Gärten, die sich bis zu den Feldern bei London hinziehen; er besitzt auch Chiswick, wo er neun großartige Häuser hat; er besitzt auch Londesborough, welches ein neues Schloß neben einem alten ist.

Der Herzog von Beaufort hat Chelsea mit zwei Schlössern in gothischem und einem in florentinischem Styl, er hat auch Badmington in Glocester, ein Schloß, von welchem, wie von einem Sterne, eine Menge Alleen ausstrahlen. Der sehr edle und mächtige Fürst Heinrich, Herzog von Beaufort, ist zugleich Marquis und Graf von Worcester, Baron Raglan, Baron Power und Baron Herbert von Chepstow.

John Holles, Herzog von Newcastle und Marquis von Clare besitzt Bolsover mit einem majestätischen viereckigen Thurm, ferner Haughton in Nottingham, wo sich in der Mitte eines Bassins eine Pyramide erhebt, die den Thurm von Babel vorstellen soll.

William, Lord Craven, Baron Craven von Hampstead, hat in Warwickshire einen Wohnsitz, Comb-Abbey, mit dem schönsten Springbrunnen Englands, und in Berkshire zwei Baronieen, Hampstead Marschall, dessen Façade fünf gothische mit einander verbundene Laternen trägt und Asdowne-Park, ein Schloß in einem Walde an einer Stelle, wo sich mehrere Wege kreuzen.

Lord Linnoeus Clancharlie, Baron Clancharlie und Hunkerville, Marquis von Corleone in Sicilien, gründet seine Pairie auf das von Eduard dem Alten im Jahre 914 gegen die Dänen erbaute Schloß Clancharlie, dann auf das Schloß Hunkerville-Haus in London, dann auf Corleone-lodge, ein anderes Schloß in Windsor, dann auf acht Kastellanien, eine in Brurton am Trent mit einem Anrecht an den Alabasterbrüchen, dann auf Gumdraith, Homble, Moricambe, Trenwardraith, Hell-Kerters, wo ein wunderbarer Brunnen ist, Pillinmore und seine Torfmoore, Reculver bei der alten Stadt Vagniacae, Vinecaunton auf dem Berge Moil-enlli; dann auf 19 Flecken und Dörfer und auf das ganze Land Pensneth-chase, was Seiner Herrlichkeit zusammen 40.000 Pfund Sterling jährlich einbringt.

Die hundert und zweiundsiebzig Lords unter Jakob II. haben zusammen ein Einkommen von zwölfhundert zwei und siebzig tausend Pfund Sterling jährlich, was den elften Theil der Einnahme Englands ausmacht.

Neben dem letzten Namen, Lord Linnoeus Clancharlie, las man von der Hand unseres Ursus folgende Bemerkung:

— Ein Rebell, verbannt; Güter, Schlösser und

Domänen unter Sequester. Es geschieht ihm Recht.

IV.

Ursus bewunderte Homo. Man bewundert Verwandtes. Das ist ein Naturgesetz.

Stets im Stillen wüthen war sein innerer Zustand, und schelten sein äußerer. Er war der Mißvergnügte der Schöpfung, der Opponent in der Natur. Er nahm die Welt übel. Er war mit Niemand, mit Nichts zufrieden. Honig bereiten sprach doch die Biene nicht vom Stechen frei; eine erblühte Rose die Sonne nicht vom gelben Fieber und vom schwarzen Erbrechen. Es ist zu vermuthen, daß Ursus in seinem Verkehr mit Gott denselben oft tadelte. Er sagte: »Augenscheinlich ruht der Teufel auf Sprungfedern, und Gott hat darin Unrecht begangen, daß er die Feder losgedrückt hat.« Er zollte nur den Fürsten Beifall, und er hatte seine eigenthümliche Art es zu thun. Als Jakob II. eines Tages der heiligen Jungfrau einer katholischen Kapelle in Irland eine Lampe von massivem Golde schenkte, äußerte Ursus, welcher gerade mit dem gleichgültigeren Homo vorbeiging, seine Bewunderung und rief: »Gewiß hat die heilige Jungfrau eine goldene Lampe nöthiger, als jene kleinen Kinder, die ich dort barfuß laufen sehe, Schuhe.«

Solche Beweise seiner königlichen Gesinnung und seine augenscheinliche Ehrfurcht vor den Gewalthabern trug wahrscheinlich nicht wenig zu der Duldsamkeit bei, womit die Obrigkeit auf sein umherstreichendes Leben und auf seine Mesalliance mit einem Wolf schaute. Des Abends ließ er ihn zuweilen aus einer der Freundschaft zu verzeihenden Schwäche sich die Glieder ausrecken und frei um die Bude umherschweifen; der Wolf war eines Mißbrauchs dieses Vertrauens unfähig und benahm sich in der Gesellschaft, d.h. unter den Menschen mit dem Anstand eines Pudels; hätte man jedoch einmal mit übelgelaunten Dienern der Polizei zu thun bekommen, so hätte das seine Uebelstände haben können; daher hielt Ursus den ehrlichen Wolf so viel wie möglich an der Kette. In politischer Beziehung galt seine unleserlich gewordene und übrigens schwer verständliche Inschrift über das Geld für nichts als eine an der Vorderseite angebrachte Schmiererei, die ihn unverdächtigt ließ. Selbst nach Jakob II. und unter der »respektablen« Regierung Wilhelms und Maria’s konnten die Städtchen in den Grafschaften Englands seine Räderbude unbehelligt umherstreifen sehen. Unbehindert zog er von einem Ende Großbritanniens zum andern, verkaufte seine Mischungen und Fläschchen, machte in Gemeinschaft mit dem Wolfe an den Ecken seine ärztlichen Narrenspossen, schlüpfte ohne Beschwerde durch die Maschen des Polizeinetzes, welches in jener Zeit über ganz England gespannt war, um die herumziehenden Banden zu läutern und namentlich um die »Comprachicos« festzunehmen.

Das war übrigens gerecht. Ursus gehörte zu keiner Bande; Ursus lebte mit Ursus, in einem tête-a-tête mit sich selbst, in welches ein Wolf artig seine Schnauze hineinschob. Ursus’ Wunsch wäre gewesen, ein Karaïbe zu sein; da er das nicht konnte, so wurde er ein Einsamer. Der Einsiedler ist ein von der Bildung acceptirtes Diminutivum des Wilden. Man ist um so einsamer, je mehr man umherirrt; daher kam sein beständiger Ortswechsel. Irgendwo zu verharren schien ihm eine Art Zähmung. Sein Leben zog damit hin, daß er seiner Wege zog. Der Anblick der Städte verdoppelte seine Sehnsucht nach dem Gebüsch, dem Wald, den Dornen und den Felsenlöchern. Im Walde, da fühlte er sich zu Hause. Im Geräusch der öffentlichen Plätze, das dem Rauschen der Bäume ziemlich gleich kommt, war er nicht ganz außerhalb seines Elements. Die Menge befriedigt bis zu einem gewissen Grade den Geschmack an der Einsamkeit. Was ihm an der Bude mißfiel, war, daß sie Thür und Fenster hatte und einem Hause glich. Er hätte sein Ideal erreicht, hätte er eine Höhle auf vier Räder setzen und damit in einer unterirdischen Grotte umherfahren können.

Er lächelte nicht, wie wir erwähnt haben; aber er lachte, mitunter sogar häufig, ein bitteres Lachen. Im Lächeln liegt Zustimmung, während das Lachen oft zurückweist.

Seine Hauptaufgabe war, das menschliche Geschlecht zu hassen. In diesem Haß war er unversöhnlich. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß das menschliche Leben etwas Schreckliches ist, nachdem er die Uebereinanderschichtung der Plagen, der Könige über dem Volk, des Kriegs über den Königen, der Pest über dem Kriege, der Hungersnoth über der Pest, der Dummheit über Allem beobachtet hatte, nachdem es für ihn ausgemacht war, daß in der bloßen Thatsache der Existenz ein gewisses Quantum Züchtigung liegt, nachdem er erkannt hatte, daß der Tod eine Erlösung ist, machte er den Kranken gesund, den man zu ihm führte. Er hatte Flüssigkeiten und Getränke, um das Leben der Greise zu verlängern. Gelähmte brachte er wieder auf die Beine und rief ihnen höhnisch zum Abschied nach: »Nun bist Du wieder im Gebrauch Deiner Pfoten. Mögst Du noch lange in diesem Jammerthal einherwandeln.« Wenn er einen Armen Hungers sterben sah, gab er ihm alle Kupfermünze, die er bei sich hatte und murmelte: »Lebe, Unglücklicher! iß! dauere lange! ich werde Dein Gefängniß nicht abkürzen.« Darauf rieb er sich die Hände und sprach: »Ich füge den Menschen so viel Böses zu, als ich kann!«

Die Vorübergehenden konnten durch das Guckfenster der Hinterthür folgende im Innern der Bude in großen Buchstaben mit Kohle an die Decke geschriebene, aber von außen sichtbare Adresse lesen:

Ursus,Philosoph.

Die Comprachicos.

I.

Wer kennt heut zu Tage das Wort »Comprachicos« oder die Bedeutung desselben?

Die Comprachicos oder Comprapequenos waren eine grauenhafte und seltsame herumirrende Genossenschaft, die im siebzehnten Jahrhundert berühmt, im achtzehnten vergessen war und heut unbekannt ist. Die Comprachicos sind wie »das Erbschaftspulver« ein charakteristischer Zug der ehemaligen Gesellschaft. Sie gehören der alten menschlichen Schlechtigkeit an. Für den großen Blick des den Zusammenhang der Dinge überschauenden Historikers knüpfen sie sich an das unermeßlich große Factum der Sclaverei. Der von seinen Brüdern verkaufte Joseph ist ein Kapitel aus den Sagen über sie. Sie haben im Strafrecht Spaniens und Englands Spuren hinterlassen. Man findet ab und zu in dem wirren Dunkel der englischen Gesetze den Abdruck dieses fürchterlichen Faktums, wie man die Fußspur eines Wilden im Walde findet.

Comprachicos wie Comprapequenos ist ein zusammengesetztes spanisches Wort, das »Kinderverkäufer« bedeutet.

Sie kauften und verkauften Kinder.

Sie stahlen keine. Der Kinderraub ist eine andere Industrie.

Und was machten sie mit diesen Kindern?

Sie machten Ungeheuer daraus.

Warum Ungeheuer?

Zum Vergnügen.

Das Volk will lachen, die Könige auch. Die Straßenecken brauchen ihren Hanswurst, die königlichen Schlösser ihren Narren. Jener heißt Turlupin, dieser Triboulet.

Die Bemühungen des Menschen, sich Freude zu bereiten, sind mitunter der Aufmerksamkeit des Philosophen werth.

Was entwerfen wir in diesen ersten einleitenden Seiten? Ein Kapitel aus dem schrecklichsten der Bücher, aus einem Buche, das man »Ausbeutung der Unglücklichen durch die Glücklichen« betiteln könnte.

II.

Ein Kind, dazu bestimmt, ein Spielzeug für die Erwachsenen zu werden, so etwas hat existirt. (Es existirt noch heute.) In den natürlichen und wilden Zeiten macht das einen speciellen Geschäftszweig aus. Das siebzehnte Jahrhundert, das sogenannte große in Frankreich, war eine dieser Zeiten. Es war ein sehr byzantinisches Jahrhundert; es hatte verdorbene Natürlichkeit und zärtliche Wildheit, eine merkwürdige Spielart der Zivilisation; es ist ein Tiger, der sich ziert. Madam von Sévigné witzelt über den Scheiterhaufen und das Rad. Dieses Jahrhundert beutete sehr die Kinder aus; die Geschichtsschreiber, welche diesem Jahrhundert schmeicheln, haben die Wunde verhüllt, aber das Heilmittel in Vincent de Paul gezeigt.

Damit aus einem Menschen ein ordentliches Spielzeug wird, muß er früh in Arbeit genommen werden. Um einen Zwerg herzustellen, muß man klein anfangen. Man spielte mit Kindern. Aber ein gerade gewachsenes Kind war nicht sehr belustigend, ein buckliges war schon lustiger.

Daraus entstand eine Kunst. Es gab Abrichter. Man nahm einen Menschen und machte eine Mißgeburt daraus; ein Gesicht, und machte eine Fratze daraus. Man hemmte das Wachsthum, man machte die Gesichtszüge unbeweglich. Diese künstliche Erzeugung wunderbarer Fälle hatte ihre Regeln; es wurde eine ordentliche Wissenschaft daraus, eine Orthopädie im umgekehrten Sinne. Wo Gott den geraden Blick angebracht hatte, brachte man das Schielen an. Wo Gott Harmonie geschaffen hatte, schuf man die Häßlichkeit. Wo Gott die Vollendung geschaffen hatte, schuf man die Skizze, und in den Augen der Kenner war die Skizze die Vollendung. Ebenso gab es Ueberarbeitungen für die Thiere; man erfand die scheckigen Pferde; Turenne ritt einen Schecken. Sieht man heut zu Tage nicht blaue und grüne Hunde? Die Natur ist unsere Leinwand. Der Mensch hat stets das Werk Gottes verbessern wollen; er retouchirt die Schöpfung, bald gut, bald schlecht. Der Hofnarr war nichts als ein Versuch, aus dem Menschen einen Affen zu machen. Ein Fortschritt nach rückwärts. Ein Meisterstück in der Umkehr. Zu derselben Zeit versuchte man aus dem Affen einen Menschen zu machen. Barba, Herzogin von Cleveland und Gräfin von Southampton, hatte einen Sapajou zum Pagen. Bei Franziska Sutton, Baronin Dudley, achter Pairin der Bank der Barone, wurde der Thee von einem in Goldbrokat gekleideten Pavian servirt, den Lady Dudley »meinen Neger« nannte. Als Catharina Sidley, Gräfin von Dorchester, ihren Sitz im Parlament einnahm, fuhr sie in einer mit ihrem Wappen gezierten Kutsche vor, hinter welcher mit hochgestreckter Schnauze drei Paviane in Gala-Livree standen. Eine Herzogin von Medina Cocli, bei deren Lever der Kardinal Pole zugegen war, ließ sich die Strümpfe von einem Orang-Outang anziehen. Diese im Range beförderten Affen wogen die zu Thieren und Bestien gewordenen Menschen auf. Diese von den Großen gewünschte Zusammenwürfelung des Menschen und des Thiers wurde namentlich durch Zwerg und Hund hervorgehoben. Der Zwerg war nie ohne Hund, der immer größer als der Zwerg war. Der Hund war der Zwillingsbruder des Zwergs. Es waren zwei zusammengekoppelte Zugthiere. Dieses Nebeneinander wird durch eine Menge Familiengemälde bestätigt, namentlich durch das Portrait des Jeffrey Hudson, des Zwergs der Henriette von Frankreich, der Tochter Heinrichs IV. und Frau Karl’s des Ersten.

Den Menschen herabwürdigen führt dazu, ihn zu entstellen. Man ergänzte die Aufhebung des natürlichen Zustandes durch Verhäßlichung. Gewisse Vivisektoren jener Zeit verstanden die Kunst, das Ebenbild Gottes im menschlichen Antlitz zu verlöschen. Doctor Conquest, Mitglied des Kollegiums von Amen-Street und vereideter Inspektor der Chemikalienhandlungen in London, hat ein lateinisches Buch über diese umgekehrte Chirurgie geschrieben, worin er das Verfahren dabei beschreibt. Nach Justus de Carrick-Fergus ist der Erfinder dieser Chirurgie ein Mönch Aven-More, was irisch ist, und »großer Fluß« bedeutet.

Der Zwerg des Kurfürsten von der Pfalz, Perkeo, der als Puppe — oder als Gespenst — aus einer künstlichen Schachtel im Heidelberger Keller emporsteigt, war ein merkwürdiges Belegstück dieser in ihrer Anwendung sehr verschiedenartigen Wissenschaft.

Daraus gingen Wesen hervor, deren Lebensbedingung furchtbar einfach war; es war ihnen erlaubt zu leiden, und es war ihnen auferlegt zu amüsiren.

III.

Diese Fabrikation von Ungeheuern wurde in großartigem Maßstab betrieben und umfaßte verschiedene Unterabtheilungen.

Der Sultan brauchte welche, der Papst brauchte welche, jener, um seine Frauen zu bewachen, dieser, um zu beten. Dies war eine Art für sich, welche sich nicht aus sich selbst vermehren konnte. Diese Halbsterblichen dienten zugleich der Wollust und der Religion. Der Sérail und die Sixtinische Kapelle verbrauchten dieselbe Art Ungeheuer, jener finstere, diese liebliche.

Man verstand in jener Zeit Dinge zu erzeugen, die man jetzt nicht mehr erzeugt; man hatte Talente, die uns fehlen, und nicht ohne Grund klagen die Gutgesinnten über Verfall. Man versteht es nicht mehr, aus dem vollen Menschenfleisch herauszumeißeln; das kommt daher, weil die Kunst der Strafen verloren geht. Man war in dieser Beziehung Virtuose, man ist es nicht mehr; man hat diese Kunst so vereinfacht, daß sie bald ganz dahinschwinden wird. Indem man lebenden Menschen die Glieder abschnitt, den Bauch aufschlitzte, die Eingeweide herausriß, ertappte man die Erscheinungen auf frischer That; man machte Entdeckungen. Dem muß man entsagen, und wir sind der Fortschritte beraubt, mit welchen der Henker die Chirurgie bereicherte.

Diese Vivisektion von ehemals beschränkte sich nicht darauf, Erscheinungen für den Richtplatz, Narren, eine Augmentativ für Hofmänner, für Schlösser und Eunuchen, für Sultane und Päpste herzustellen. Sie war reich an Abwechselungen. Einer ihrer Triumphe war, für den König von England einen Hahn zu machen.

Es war hergebracht, daß im Palais des Königs von England eine Art Nachtmensch vorhanden war, der wie ein Hahn krähte. Dieser Wächter, der auf den Beinen war, während man schlief, schlich im Schloß umher und erhob von Stunde zu Stunde jenes Geschrei des Hühnerhofs, so oft als nöthig war, um eine Uhr zu ersetzen. Dieser zum Hahn beförderte Mann hatte zu dem Ende sich in der Kindheit einer Operation im Schlunde unterziehen müssen, welche zu der von Doktor Conquest beschriebenen Kunst gehört. Unter Karl II. ekelte sich die Herzogin von Portsmouth vor dem mit der Operation verbundenen Speichelfluß. Man behielt daher, um den Glanz der Krone nicht zu verdunkeln, das Amt bei, aber man ließ den Hahnenschrei von einem nicht verstümmelten Menschen ausstoßen. Gewöhnlich wählte man zu diesem Ehrenposten einen ehemaligen Offizier. Unter Jakob II. hieß dieser Beamte William Sampson Coq, und er empfing jährlich für sein Krähen 9 Pfund 2 Schilling und 6 Pfennige. (Siehe Doktor Chamberlayne’s »Gegenwärtiger Zustand Englands«, 1668, Th. I, Kap. XIII., Seite 179).

In den Memoiren Katharina’s der Zweiten wird erzählt, daß, wenn vor kaum hundert Jahren der Czar oder die Czarin in Petersburg mit einem russischen Prinzen unzufrieden waren, sie denselben in dem großen Vorsaal des Schlosses auf dem Fußboden hinhocken ließen, in welcher Stellung er eine bestimmte Anzahl von Tagen verbleiben und nach Befehl wie eine Katze miauen oder wie eine Henne glucken und seine Nahrung von der Erde aufpicken mußte.